mich veranlaßt, mir Vorstellungen über die Abhängigkeit des Ackerbaues
von der Bodenbeschaffenheit in einem Land vom Charakter Mazedoniens
zu bilden. Was ist das ein ganz anderer Anblick, wenn bei uns der
Pflug dezimetertief in den Ackerboden sich einwühlt, als wenn der
mazedonische Bauer mit dem kurzen Eisenhaken seines urweltlichen,
primitiven Pflugs den Boden nur oberflächlich ankratzt. Was ist das gar
für ein Unterschied gegenüber den Ackerböden in Rumänien, wo ich einmal
von Bukarest aus einen Ausflug mit einem Agrikulturbotaniker machte, um
dort den äußersten Kontrast zu den mazedonischen Verhältnissen kennen
zu lernen. In einem Krongut im Gebiet der „schwarzen Erde‟ maßen wir
in einem Acker eine Decke von fruchtbarem Boden von einer Dicke von
1,10 m. Was ist das für ein Unterschied gegen die 3-5 cm in Mazedonien.
Und wie war dort an Farbe und Geruch der Erde der Gehalt an organischer
Materie zu erkennen, wie war der Boden in seiner Feinkörnigkeit und
Luftigkeit Zeuge von der Arbeit der Regenwürmer.
Wie ist es aber möglich, daß auf dem scheinbar so sterilen Boden
Mazedoniens trotzdem schöne große Ernten zustande kamen, daß im
Frühsommer oft die Landschaft dort von Gersten-, Roggen- und
Weizenfeldern bedeckt, den Eindruck paradisischer Fruchtbarkeit erweckt?
Offenbar beruht in Mazedonien die Fruchtbarkeit auf einer ganz anderen
Grundlage als in feuchteren Gegenden. Auf dem felsigen Boden bildet
sich jeweils in einigen Jahren eine Schicht von verwittertem Gestein,
an dessen Verarbeitung Sonne und Regen, Eis und Schnee, Wind und Sturm
beteiligt sind. Diese Schicht bildet eine Erde, die einige wenige
Ernten gestattet, wenn Wasser genug geboten ist, wenn also der Acker
in Flußnähe liegt oder sonstwie künstlich bewässert werden kann. Fast
wie in einer Nährlösung gedeihen auf solchen Feldern die Pflanzen.
Bald sind diese Äcker aber erschöpft und sie müssen wieder Jahre brach
liegen, bis wieder neue Verwitterungskrume gebildet ist. Ohne Dünger
können solche Äcker nur kurze Zeit tragen. Drum sah man in Mazedonien
oft halbkahle, erschöpfte Felder.
Die flache Ackerkrume ist auch die Ursache, welche die Dürre in diesem
Land für die Ernte so gefährlich macht. Kann ein Acker nicht bewässert
werden, so geht in einem heißen, trockenen Sommer die Ernte mit
Sicherheit zugrunde.
Tatsächlich muß es genügen, einen solchen Ackerboden mit dem Pflug nur
gerade anzukratzen, damit man den Samen in ihn betten kann. Dazu genügt
der Pflug des Altertums. Pflügte man tiefer, so wühlte man nur Steine
und sterile Massen auf, welche noch nicht verwittert waren, noch nicht
so weit aufgeschlossen waren, daß sie dem Getreide Nährstoffe bieten
konnten.
So haben unsere Truppen, auch gute Landwirte und Ansiedler in
Mazedonien im Anfang Mißernten erzielt, als sie hochmütig lächelnd die
primitive Bearbeitungsweise der mazedonischen Bauern verachteten und
tief, oft gar mit Dampfpflügen den Boden aufwühlten. Die fruchtbare,
dünne oberste Schicht wurde dabei in die Tiefe versenkt, das
Felsengestein und seine Trümmer wurden emporgeholt. Ohne starke Düngung
konnte solch ein Feld nichts tragen, ohne einige Jahre den Mächten der
Atmosphäre ausgesetzt gewesen zu sein.
Da wäre jahrelange Arbeit des Menschen, oder noch viel längere
Tätigkeit der Regenwürmer nötig gewesen, um aus einer Steinwüste
fruchtbare Felder hervorzuzaubern.
NEUNTES KAPITEL
DAS GELIEBTE VELES
Wie verhaßt war Veles bei vielen in unserer Armee, welche dort längere
Zeit hatten liegen müssen und wie sehr geliebt war es von anderen,
welche mit für die Schönheit geöffneten Augen diese malerischste Stadt
Mazedoniens nur als Gäste besucht hatten. _Koprülü_, die Brückenstadt,
war der türkische Name dieser Stadt, deren Häuser steil an beiden
Ufern des Wardar die Berge hoch hinauf bedeckten. Es war wohl eine
Plage, in der glühenden Hitze eines Sommertages oder auch in einer
schwülen dunklen Nacht die engen, steilen Gassen mit ihrem Pflaster,
das aus Kanonenkugeln zusammengesetzt zu sein schien, emporzuklettern.
Eng schlossen die Häuser zusammen, ein schmaler Streifen dunkelblauen
Himmels strahlte von oben herab, grell eingefaßt von den blendenden
Mauern. Aus den Fenstern neigten sich Blütenbüsche und die
unvermeidlichen Paprikaschoten herab. Einige hundert Meter über dem
Fluß war man hinaufgestiegen, bis man in einer der obersten Straßen bei
seinem Quartier anlangte.
Oben aber öffneten sich Ausblicke von überraschender Schönheit; hier
hatte man den türkischen Orient mit seinen grellen Kontrasten, mit
allem seinem Reiz für die Phantasie des Nordländers vor sich. Ein
steiler Weg führte zur alten hölzernen Brücke hinunter, über welche
ein starker Verkehr zwischen beiden Ufern wechselte. Neben der Brücke
erhoben sich hoch über den Fluten des Wardar stattliche Gebäude, welche
zum Teil mit einigen Stockwerken auf schiefen Streben über den Fluß
hinausragten. Diese vorgebauten Häuserteile faßten Nischen mit Veranden
zwischen sich, welche ebenso lauschig aussahen, wie Säulengalerien
unter dem Dach dahinter gelegener Häuser. Die schön geschnitzte,
dichte Holzvergitterung der Fenster verriet, daß es sich um Haremliks
handelte. Die eingesperrten Frauen hatten hier wenigstens einen schönen
Blick auf den Fluß und sein Tal vor sich.
In allen Teilen der Stadt ragten Minarets empor und auch während meiner
Besuche hörte man abends regelmäßig von ihren Galerien den Gesang der
Muezzins. In den Straßen von Veles sah man viele Männer in Turban und
Fez, die Frauen, meist schwarz gekleidet, gingen verschleiert. So war
der starke türkische Einschlag in der Bevölkerung unverkennbar. Aber in
den ärmeren Vierteln gab es nicht wenig Bulgaren und wohl auch Serben;
die letzteren bekannten sich aber nur in den seltensten Fällen zu ihrer
Nation.
Das eine Mal wohnte ich auf dem linken Wardarufer hoch am Berg; mein
Quartier war in einem Block von Häusern, welche ganz eng zusammengebaut
waren und sich freie Luft nur auf vorgebauten Holzveranden und Balkonen
gesichert hatten, von denen man einen weiten Überblick über Stadt und
Flußtal hatte. Das tröstete einen über die düsteren, fensterlosen
Stuben, in denen die Möbel kaum Platz hatten. Viele staubige Vorhänge,
Divans im Staatszimmer und Einrichtungsgegenstände deuteten auf
türkische Herkunft, obwohl die Quartiergeber bulgarisch sprachen.
[Illustration: Abb. 64. Veles, Ostufer des Wardar mit Haremshäusern.]
Die Zimmer waren stets reich an Ungeziefer; ein wanzenfreies Quartier
galt für eine große Auszeichnung vom Quartieramt. Schließlich sah man
sich hier, wie überall in Mazedonien, genötigt, wanzenfreie Soldaten-
und Offiziersheime und Verpflegungsanstalten zu schaffen. Dann war
man allerdings in weniger romantischer Umgebung; aber auf solche legte
der Durchschnittssoldat weniger Wert. Auch unter den Offizieren zeigte
sich erstaunlich wenig Anpassungsfähigkeit an Fremdes und ein Kleben an
Traditionellem, welches es manchem unmöglich machte, die Vorteile und
Besonderheiten des Aufenthalts im fremden Land in der richtigen Weise
auszunützen.
[Illustration: Abb. 65. Veles und der Wardar vom Kloster Sveti
Panteleimon.]
Daß Veles seinen alten Bestand an slavischen, christlichen Bewohnern
hatte, bewiesen schon die stattlichen Kirchen und Klöster, die im Süden
der Stadt meist hoch am Berg lagen. Auf dem Ostufer ragte, von Bäumen
umgeben, weiß leuchtend aus der grünen Umgebung _Sveti Spas_ mit einem
serbischen Friedhof, gegenüber, malerisch in die Felsen eingebaut,
das große bulgarische Kloster _Sveti Panteleimon_. Von dessen
Terrasse aus hatte man durch Bäume hindurch einen prachtvollen Blick
auf das Häusermeer der Stadt, das sich eigentümlich in alle Falten
und Schluchten der Berge einfügte, so daß man kaum merkte, wo Stadt
aufhörte und Felsen anfingen. Das hatte zum Teil seinen Grund darin,
daß die Bausteine den Felsen entstammten, an die sich die Häuser
anlehnten. So waren es vornehmlich die dunkelroten Ziegeldächer,
welche den Umriß der Stadt hervorhoben.
[Illustration: VELES MIT ALTER WARDARBRÜCKE.]
So dürr und verstaubt die Stadt mit ihren engen Gassen, ihren
ausgetrockneten Bächen im Sommer aussah, so waren dennoch die
stattlichen Bäume bei den Klöstern nicht die einzigen im Stadtbild
von Veles. Wo der Boden es hergab, wurde an Bäumen erhalten, was
gewachsen war. An den Stadtausgängen standen mächtige Pappeln, Brunnen
waren von Eschen und Platanen beschattet und halfen die reizvollsten
Straßenbilder herstellen.
Eine riesige alte Platane am rechten Wardarufer wird jedem Besucher der
Stadt in Erinnerung geblieben sein; sie beschattete den Treffpunkt der
Lastwagen. Dort waren immer die Töpfereien zum Verkauf ausgestellt,
welche ein wichtiges Erzeugnis von Veles und seiner Umgebung waren.
Besonders wichtig unter ihnen waren die roten, porösen Tonkrüge, welche
als Wassergefäße dienten. Der durch ihre Wand durchgeschwitzte feuchte
Überzug ihrer Außenseite hielt im heißen Sommer das Wasser in ihrem
Innern durch Verdunstungsabkühlung frisch. Sowie der Sommer nahte,
tauchten in Mazedonien diese Tonkrüge in Mengen auf und brachten einen
neuen Farbton in das Straßenbild und eine Erinnerung an die Tropen.
Die alte Platane ist uns Zoologen in guter Erinnerung geblieben durch
einen mächtigen _Uhu_, der sich eines Abends auf ihr niederließ und
nach aufregender Jagd erlegt wurde. Es war die typische Form, welche
jetzt in der Wissenschaft den tönenden Namen +Bubo bubo bubo+ L. führt.
In früheren Zeiten war ein Produkt des Gewerbefleißes von Veles das
rote _Safianleder_, aus dem die türkischen Pantoffeln und feinen
Schuhchen der Haremsdamen angefertigt wurden. Man sieht noch die
Gerbereien, in denen das dünne Leder gegerbt wurde, wenn auch in ihnen
während des Krieges kaum Leder und kaum Betrieb war. Ging man über die
alte Brücke und am trocken liegenden Bach die Schlucht hinauf, gegen
den Berg am Ostufer des Flusses, so kam man vor einigen hohen Pappeln
zu Häusern, um welche herum die Gerbereibetriebe lagen. Auf der einen
Seite war die _Weißgerberei_, auf der anderen die _Rotgerberei_, welch
letztere hier noch weniger wohlriechend war, als in unseren Städten.
Eigenartig waren die Einrichtungen der Weißgerberei. Eine Anzahl ovaler
Steinbottiche standen am Rand der Straße, halb im Boden eingegraben
(Abb. 66); dieser war wie sie an dieser Seite vom Alaun schneeweiß,
während die übelriechende Region der Lohgerberei rotbraun gefärbt war.
Hier war also einst viel von dem feinen roten Leder erst weißgegerbt
worden, ehe es in anderen Teilen der Stadt gefärbt und zu den zarten
Schuhen umgearbeitet wurde, die bestimmt waren, feine Frauenfüße zu
umkleiden.
[Illustration: Abb. 66. Anlagen der Weißgerberei in Veles.]
Die Gegend um Veles war, soweit Berg und Felsen dies gestatteten,
gut angebaut. Dazu half das Wardarwasser. Zu beiden Seiten der Stadt
erweiterte sich das enge Schluchttal des Flusses zu kleinen Ebenen,
welche zum Teil in Flußtäler übergingen. Hier waren üppige Felder, die
alles trugen, was sonst in Mazedonien gedieh, an manchen Stellen sogar
Reisanbau gestatteten. Ein äußerst malerisches Bild boten die hohen,
schlanken Schöpfräder, die am Ufer aufgestellt, mit kleinen Bechern
beim Eintauchen Wasser aus dem Wardar bis zum obersten Punkt, den ihr
Umfang erreichte, heraufhoben, um dort das Wasser in schief zum Lande
geneigte Rinnen zu gießen, die es an Gräben weitergaben. Diese wiederum
führten das befruchtende Wasser in die Gärten und Felder (Abb. 67).
Die meisten Bäche und Flüsse traten in der Nähe Veles nicht durch
weite Täler an den Wardar heran, sondern hatten vorher eine Bergkette
zu durchbrechen, was sie in gewaltigen Schluchten taten. Zwei
Flüßchen, welche kurz unterhalb Veles mündeten, waren durch ihre
Durchbruchsschluchten berühmt, die _Topolka_ und die _Babuna_. Am
südlichen Ende der Stadt mündete die kleinere Topolka, ein im Frühling
und Herbst starker Bach. Die Babuna war ein Flüßchen, das hoch aus dem
Gebirge kam, entsprechend wasserreicher war, und demgemäß auch eine
gewaltigere Arbeit an den Felsen geleistet hatte.
Beide Schluchten boten für Naturforscher viel Interessantes und
wurden daher von mir und meinen Mitarbeitern zu wiederholten Malen
besucht. Jedesmal nahmen wir große Natureindrücke und interessante
wissenschaftliche Beobachtungen mit.
Die _Topolkaschlucht_ ist von beiden Enden zugänglich. Wir wollen
sie von ihrem oberen Ende verfolgen, das man von der Straße nach
Prilep über den Babunapaß durch eine kurze Wanderung erreichen kann.
Im späten Frühling war die Topolka ein schöner tiefer Bach, dessen
rasch dahineilendes Wasser schon oberhalb der Schlucht Mühlen trieb.
Die Mühlen bei Veles hatten alle Turbinenräder, an dessen senkrechten
Achsen sich oben der Mühlstein drehte. Übermäßig sauber ging es in
diesen Mühlen nicht zu und manchem deutschen Soldaten und seinen
Angehörigen zuhause haben im wahrsten Sinne des Wortes die Zähne
geknirscht, wenn sie in dem dunklen Brot aus mazedonischem Mehl auf
die Steinchen stießen, die vielleicht schon beim Dreschen zwischen die
Körner geraten waren und seither sich eher vermehrt hatten.
[Illustration: Prof. _Müller_ phot. Abb. 67. Wasserschöpfrad am Wardar
bei Veles.]
Kaum war man von oben in die Schlucht eingetreten, als man erstaunt
in fast geschlossenem Raum sich umblickte. Hinter einem ragte ein
mächtiger Kalkfelsen wie ein Denkmal mehrere hundert Meter hoch empor.
Geröllhalden, von spärlicher Pflanzenwelt bewachsen, zeigten, wie das
Wasser gearbeitet hatte, um diese Felsen zu modellieren. Schwer war es
gewesen, einen Pfad durch die Schlucht zu schaffen. Aber als Zugang
zu den 6-8 Mühlen, die in ihr liegen, war er nach allen Zerstörungen
durch Hochwasser immer wieder erhalten worden. Wir freuten uns, auf
ihm bald dicht an dunkelgrünen Becken tiefen, gurgelnden Wassers dicht
entlang zu gehen, bald über hundert Meter emporklimmen zu müssen,
um einen brausenden Fall zu umgehen, der weiß-schäumenden Gischt
über rotgelbe Felsen in die Tiefe schleuderte. Die wechselnden, bald
grellroten und gelben, braunen und weißen Färbungen der Kalkwände,
zwischen denen blaugraue Hänge folgten, gaben der Schlucht einen
eigenen Reiz, der mich nie vergessen ließ, daß ich in Mazedonien war.
Wie seltsam waren die Gegensätze zwischen einem grellbeleuchteten
Felsen, dessen fast wie Metall schimmernden Flanken in unendlichen
Zwischentönen flimmerten und dem blauvioletten Schatten eines
senkrechten Absturzes, der, ihn einrahmend, in klares, grünes Wasser
sich senkte. Und dessen Oberfläche wieder war reich gegliedert durch
die Schaumkronen der Wellen und die vielfachen Reflexe des Himmels auf
seinem Spiegel. Und nun gar aus dem Wasser leuchteten die vielfachen
Farben der Gesteinstrümmer auf, gebrochen und noch vervielfältigt und
mitgenommen durch das strömende Wasser, das in verschiedenen Tiefen
über ihnen dahinging.
Wie oft zogen wir hier aus dem Wasser eine der dunkelen _Nattern_
(+Tropidonotus natrix persa+ Pall.), oder die _Würfelnatter_ (+T.
tesselatus+ Laur.), die hier so häufig auf die kleinen Fische jagten,
welche im ruhigerem Wasser bei den Mühlen oft in Scharen von Hunderten
standen.
In vielen Windungen zog sich die Schlucht zum Wardar, ein prachtvolles
Bild von großartiger Romantik nach dem anderen bietend, bis sie
sich zum Flußtal öffnete, wo gegenüber auf grünem Rasen von Bäumen
beschattet das Kloster _Sveti Spas_, einen friedlichen Gegensatz zu der
wilden Felseneinsamkeit bildete; das leise Strömen des Wardar wirkte
wie tiefes Schweigen nach dem tollen Brausen und Tosen des Wassers in
der Schlucht.
Fast noch großartiger waren die Verhältnisse der _Babuna_schlucht,
welche einige Kilometer südlich von Veles den Wardar erreichte. Sie
mußte ich jedesmal von unten durchwandern; denn den oberen Teil bildete
eine Klamm, welche man nur bei niederstem Wasserstand durchwaten
konnte; ein Weg führte nicht hindurch, da die Felswände senkrecht
zum Fluß abfielen. Gerade dort war die eigenartigste Landschaft des
Gebietes. 300-400 m stiegen die Felswände fast senkrecht in die Höhe,
unten nur von mäßigen Geröllhalden begleitet, welche der Fluß bei
Hochwasser stets überflutete.
[Illustration: OBERES ENDE DER TOPOLKOSCHLUCHT BEI VELES.]
Auf dem Weg zur Babunamündung kam man am Wardar entlang wandernd an
einer kleinen Kapellenruine vorbei, welche im Fluß auf einem vom Wasser
umrauschten Felsen stand. Sie bot ein höchst malerisches Bild, mit
ihren rötlichen Mauern, besonders im Sommer, wenn sie mit ihrem Felsen
von dem grünen Wasser der Wardar umschlossen war.
[Illustration: Abb. 68. Mühle in der Topolkaschlucht bei Veles.]
Zoologisch war der obere Teil der Babunaschlucht besonders interessant.
Ehe man die hohen Felsen erreichte, durchwanderte man einen Kessel,
der fast ringsum abgeschlossen, durch Kalkberge von der Sommersonne
zu einer Höllenglut erhitzt werden konnte. Legte man die Hand an
die Felsenwand, so zog man sie erschrocken zurück und glaubte sie
verbrannt zu haben. In diesem heißen Gebiet fanden sich unter den
Steinen zahlreiche Skorpione und riesige Tausendfüßler. Die Skorpione
waren +Euscorpius carpathicus+ L. und +Buthus occitanus Amoreux+. Hier
fingen wir die Giftschlange +Vipera ammodytes+ (L.), die Sandotter,
hier lagen auf den Felsen große grüne Eidechsen mit blauen Bäuchen
(+Lacerta major+ Blgr.), und die flinken Mauereidechsen (+Lacerta
muralis muralis+ Laur.) huschten zu Dutzenden umher, auf der Jagd
nach der Insektenwelt, die in dem zur Zeit fast pflanzenlosen Gebiet
unerklärlich reich erschien. Ein besonders interessanter Fang war dort
eine Fliege aus der Familie der Bombyliden, die abgebildete +Bombylius
analis+ Eb. mit ihrem schneeweißen Hinterende, das vom tiefschwarzen
Körper eigenartig absticht. Sehr geplagt wurde man von Bremsen,
besonders dem +Tabanus ater+ Rossi.
[Illustration: Abb. 69 Hummelfliege. +Bombylius analis+ Fb.
(Babunaschlucht).]
In ganz unglaublichen Mengen kam ein kleiner Käfer mit eigenartiger
orangegelber Behaarung (+Amphicoma vulpes+ Fabr.) vor. Von
_Schmetterlingen_ fielen bei den verschiedenen Besuchen +Euchloë groni+
H. S., ein Verwandter unseres _Aurorafalters_ auf, dessen Männchen am
Vorderflügel orange-, am Hinterflügel hellgelb gefärbt ist, während
das Weibchen schwarzweiß ist. Übrigens flog dort auch der gewöhnliche
Aurorafalter +Euchloë cardamines+ L. Von _Bläulingen_ gab es +Lycaena
cyllarus+, von _Perlmutterfaltern_ +Argynnis pandora+ Schiff und von
den dickköpfigen Hesperiden +Allopea lineola+ Ochs.
Das Überraschendste war aber der Vogelreichtum in den Felswänden;
Löcher im Gestein boten reiche Nistgelegenheit, welche vor allem von
Felsentauben (+Columba livia livia+ Gm.) ausgenützt wurden. Diese
Stammmutter unserer Haustauben brütete dort in Dutzenden von Paaren.
Ein Schuß trieb Hunderte der Vögel auf, welche einen solchen Schwarm
bildeten, daß sie einen deutlichen Schatten auf den Talboden warfen,
als sie erschreckt aufflogen. Weiter oben hatte der Schuß stattlichere
Gäste zur Erscheinung gebracht. Ein Paar _Gänsegeier_, dazu mehrere
_Kaiseradler_ kreisten um die Felsen und die Annahme, daß auch diese da
oben brüteten, lag nahe.
Beim Rückmarsch durch das Tal konnte man die in ganz Mazedonien
in steinigen Gebieten häufigen _Felsenkleiber_ (+Sitta neumayeri
neumayeri+ Michah.) beobachten. Mit seinem blaugrauen Rücken und
der weißlichen, rostrot überhauchten Brust ist dieser unruhig
auf den Felsen herumlaufende Vogel eine belebende Erscheinung in
den Felsenwüsten. Noch eigenartiger ist der _Alpenmauerläufer_
(+Tichodroma muraria+ L.), der mit den hochroten Fahnen seiner
Flügelfedern, dem sonst aschgrauen, zerstreut braun-, schwarz- und
weißgefleckten Gefieder und seinem eigenartigen Flügelschlag, wenn er
an der Felsenwand flattert, einen ganz fremdartigen Eindruck macht.
Weiter unten gegen den Wardar, wo das Tal breiter wird, traten
noch _Rostschwalben_ und der am Wasser über die Steine huschende
_Wasserstar_ hinzu.
[Illustration: Abb. 70. Pappelhain am Wardar. Im Hintergrund Veles und
seine Felsenberge.]
Müde von der Felsenkletterei kehrte man gern in das gastliche Lager des
Hauptmanns _Jungmann_ zurück, welches einen weiteren Anziehungspunkt
in Veles bedeutete. Draußen, oberhalb der Stadt am Wardar befand sich
ein großes Etappenlager als Basis für die Babunastraße. Dort hatte der
Hauptmann eine kleine Hütte, in der man gastliche Aufnahme fand. Vor
dieser Hütte war ein behaglicher Platz zum Sitzen, von dem aus man
einen ganz eigenartigen, besonderen Blick auf die Stadt Veles genoß.
Vorn wälzte der Wardar an einem solchen Abend seine hochgeschwellten,
trüben Fluten dahin. Von dem gelben Wasser hob sich jenseits ein Wald
von Pappeln, Erlen und alten Ulmen ab. Es war eine Wildnis, die sich
da längs des Flusses ausdehnte. Vor dem Dunkel der Bäume hoben sich
zierlich die hohen Wasserschöpfräder ab. Als es zu dämmern begann,
bildete der Baumbestand eine fein umrissene dunkele Silhouette vor den
Häusermassen der Stadt, die im Glanz der Abendsonne aufglühten. Klar
und scharf standen dahinter die kahlen, dürren Berge mit ihrer schönen
Umrißlinie. An ihren Flanken sah man die Stadt sich hinschmiegen.
Tiefe Schatten fielen auf die Wände der Schluchten, ihre von Wind und
Wetter verarbeiteten Formen traten in wundervoller Klarheit hervor. Von
Süden zog eine Gewitterwolke heran, die den hellen Himmel allmählich
verdunkelte. Die Stadt selbst glühte immer mehr auf in den Strahlen der
scheidenden Sonne, welche unter der Wolkenbank sie erreichten. Einzelne
Fenster sandten feurige Blitze herüber. Die aus den Wolken fallenden
Regentropfen, welche in ihrer Spärlichkeit den dürstenden Boden nicht
erreichten, genügten doch, um einen strahlenden Regenbogen zu erzeugen,
der sich wie ein festlicher Schmuck in hohem Bogen über die leuchtende
Stadt und die dämmernden Berge schwang. In diesem köstlichen Rahmen
steigt wie eine Traumvision noch manchmal das Bild der Stadt Veles in
meiner Erinnerung auf.
[Illustration: VELES VOM RECHTEN WARDARUFER.]
ZEHNTES KAPITEL
AM DOIRANSEE
Vom _Doiransee_ wurde beim mazedonischen Heer viel erzählt. An seinen
Ufern wurde im Frühjahr 1917 hart gekämpft. Sein blauer Spiegel sei
wundersam von der braungelben Landschaft eingerahmt; reizvoll spiegle
sich die weiße Stadt _Doiran_ in seinem Wasser. So faßte mich denn
Sehnsucht, den schönen See zu sehen. Auch für den Naturforscher mußte
er Interessantes versprechen. Ein großer See im Binnenland, der kaum
erforscht war, mußte eine eigenartige Tierwelt beherbergen.
Ich plante eine Expedition zum See, stieß aber sogleich auf viele
Schwierigkeiten. Es war ja Krieg, und wie bei den anderen großen
mazedonischen Seen, so ging auch hier die Front mitten durch den
See. Die Ufer wurden viel beschossen und jedes Schiff, welches sich
hinauswagte, wurde mit Schrapnells und Granaten bedeckt. Aber so gut
unsere Soldaten es am See jetzt seit Jahren aushielten, so gut mußte es
für den Naturforscher möglich sein, dort seine Arbeit zu tun.
Der Plan wurde ausgearbeitet und fand bei den militärischen Behörden
Verständnis und tatkräftige Unterstützung. Da bei Tag jedes Boot von
den gut eingeschossenen englischen Batterien unter Feuer genommen
wurde, konnte ein Versuch nur nachts unternommen werden. Militärische
Hilfe war notwendig, alle deutschen und bulgarischen Posten und
Batterien mußten verständigt werden, damit nicht das Feuer unserer
Truppen sich auf uns richtete.