Immerhin erfrischt erhoben wir uns mit der Sonne, um die wenigen

Stunden, die uns in der Berghöhe vergönnt blieben, nach Kräften

auszunützen. Als wir auf die Wiesen hinaustraten, waren alle Pflanzen

vom Tau stark benetzt. Wir eilten noch einmal zur Apolloschlucht, um

die Sammlungen dort zu ergänzen. Wir fanden dort noch nicht gesammelte

Insekten, darunter schwarze Käfer aus der Verwandtschaft von +Leptura+.

Unsere Arbeit wurde etwas dadurch gestört, daß über uns ein Geschwader

feindlicher Flieger erschien. Das war mir, der ich damals noch

Freiburger Universitätsprofessor war, nichts Ungewohntes. Immerhin

hatte ich es noch nicht allzuoft in freier Natur, fern jeder Deckung

erlebt. Sechs französische Flieger erschienen über uns und wurden

heftig beschossen, so daß die Sprengstücke um uns niederprasselten.

Bald erschien ein einzelnes deutsches Kampfflugzeug, worauf die Feinde

sich verzogen.

Wir konnten unsere Arbeit ungestört fortsetzen, bis die vorgeschrittene

Zeit uns zwang, den Abstieg anzutreten. Wir durchwanderten etwa

dieselbe Gegend wie am vorigen Morgen. Als wir wieder in die Tiefe

kamen, machte mir die Gegend einen reizloseren, verstaubteren und

verdorrteren Eindruck als sie im Halbdunkel des Frühmorgen am Tag

vorher mir erschienen war. Es war schon Gluthitze der Mittagszeit

eingetreten als wir unser Auto erreichten. In flotter Fahrt ging

es zurück nach Koinsko, wo wir mit den Offizieren ein für uns

verspätetes Mittagsmahl einnahmen. Nach herzlichem Abschied von Prof.

_Schultze_-Jena traten wir die Fahrt rückwärts ins Wardartal auf

demselben Weg an, den wir zur Hinfahrt benützt hatten.

Während wir wieder durch das Tiefland fuhren, ertönte hier überall

aus den Büschen das berauschte Liebeslied der Zikaden lauter als je.

Welch schöne, starke Eindrücke hatte der kurze Aufenthalt im Gebirge

mir gebracht. Die Kontraste zwischen Ebene und Bergeshöhe, mir aus der

Heimat, vor allem den bayerischen Alpen, so wohl vertraut, waren mir

hier noch ausgesprochener entgegengetreten. Hier im Gebirge entsprach

die Natur vollkommen in Pflanzen- und Tierwelt derjenigen im Flachland

des gemäßigten Mitteleuropa. Auf der Breite des südlichsten Italien

genügte Gebirgshöhe von 1000-2000 Metern, um die Natur der Heimat

herbeizuzaubern. Ja, das Klima erinnerte sogar an Vorgebirge der

Heimat. So hatten wir die Tannen auf der Mala Rupa jetzt im Juli im

Schmuck der hellgrünen Triebspitzen angetroffen, ein Stadium, das im

Schwarzwald schon seit einigen Wochen vorbei sein mußte.

Neben den Bäumen, also Weißtanne, Buche, Birke und den Blüten

der Mattenregion hatte vor allem die Vogelwelt beigetragen, den

heimatlichen Eindruck zu verstärken. Buchfink, Kleiber, Sumpfmeise

schienen sich kaum von den heimischen Formen zu unterscheiden. Amsel

und Drossel sangen die altbekannten Lieder, Pirol und Häher belebten

die Baumkronen des schattigen Buchenwaldes, in dem wir die Erdbeeren

gepflückt hatten. Von dem Vorkommen von Hirsch und Reh hatten wir

gesicherte Nachricht bekommen, vom Hirsch sogar eine Haut erworben. Von

Schlangen hatten wir _Äskulapschlange_ und _glatte Natter_ beobachtet,

von Eidechsen allerdings die südlichen Arten +Lacerta viridis+ und

+muralis+, von Fröschen die uns so vertraute +Rana ridibunda+ und dazu

+R. agilis+. Die zahlreichen Adler und Geier, die Falken und Bussarde,

Kolkraben und Felsenhühner, die wir auftrieben, paßten besser in das

Land, in dem wir nun lebten.

Zufrieden, in der kurzen Zeit so viel Interessantes erlebt und

beobachtet zu haben, kehrte ich in mein Standquartier Kaluckova zurück

mit dem festen Vorsatz, die mazedonischen Gebirge öfter zu besuchen und

zu durchforschen. Daß dieser Vorsatz Erfüllung fand, werden weitere

Kapitel dieses Buches zeigen.

ACHTES KAPITEL

REGENWÜRMER UND ACKERERDE IN MAZEDONIEN

Regenwürmer sind Tiere, welche keine großen Wanderungen ausführen

können; auch ihre Eier und Entwicklungsstadien sind nicht zu weiter

Verbreitung geeignet. So werden sie auch niemals weithin durch andere

Tiere verschleppt, was bei manchen Tierarten eine wichtige Form

passiver Wanderungen darstellt. Erst im Zeitalter des Welthandels

wurden sie mit Pflanzen auf dem Weg über Baumpflanzungen, Ackerbetrieb,

Gärtnereien in einer unnatürlichen Weise verbreitet, indem sie mit

den heimatlichen Pflanzen in fremde Gegenden verpflanzt, sich dort

weiterentwickelten und einbürgerten. Auf diese Weise wurden wohl

schon seit den Zeiten des römischen Weltreiches Regenwürmer weithin

verschleppt. _Michaelsen_, wohl der beste Kenner dieser Tiergruppe und

ihrer Verbreitung, ist sogar der Meinung, daß die Verschleppung schon

in prähistorischer Zeit begann.

In weniger kultivierten Ländern müssen aber Regenwürmer einen sehr

seßhaften Bestandteil der Fauna darstellen. Aus ihrem Vorkommen kann

man vielfach wichtige tiergeographische Schlüsse ziehen. So hatte ich

mir denn bei der Ausreise nach Mazedonien gleich vorgenommen, dort

aufmerksam auf die vorkommenden Regenwurmarten zu achten.

Sogleich bei Beginn meiner Forschungen suchte ich nach Regenwürmern,

zunächst in der Nachbarschaft von _Kaluckova_, dann im _Wardartal_,

später auf allen Reisen in den Gebirgen, den fruchtbaren Tälern und

Ebenen, kurz überall, wohin ich kam. Bald merkte ich, daß jedenfalls im

Sommer Regenwürmer in Mazedonien etwas außerordentlich seltenes sein

mußten.

Es dauerte längere Zeit, bis ich die ersten Vertreter dieser bei uns

in Deutschland so häufigen Tiere fand. Das lag zunächst sicher an den

besonderen Verhältnissen des südlichen Wardartales, in dem ich damals

mein Standquartier hatte. Dort in den felsigen Hügeln war es wohl von

vornherein vergebliche Mühe nach Regenwürmern zu suchen. Dazu war

der Boden, soweit er nicht aus Felsen und grobem Gerölle bestand, im

Sommer zu hart und ausgetrocknet, als daß diese Feuchtigkeit liebenden

Tiere hier hätten existieren können. Manche Grabungen, die ich zu

verschiedenen Zwecken, z. B. bei der Untersuchung von Ameisenbauten

in den Hügeln durchführen ließ, zeigten mir, wie hart und trocken der

Boden bis tief hinab war. Nur an wenigen Stellen konnte man 1-1½ m in

die Tiefe graben, ohne auf gewachsenen Felsen zu stoßen. Meist lag

dieser schon unter einer Erdkrume von wenig Zentimetern Dicke. Auch in

den Gärten und in den Maulbeerpflanzungen nahe bei Kaluckova wurden

mehrfach tiefe Löcher gegraben, ohne daß ich jemals auf einen Regenwurm

stieß. Nur in unmittelbarer Nachbarschaft von Wasser gelang es hie und

da solche aufzufinden, so an den Nebenflüssen des _Wardar_, in den

Schluchten der _Plaguša Planina_ und vor allem hoch oben in den Bergen.

Eines Tages, im August 1917, entdeckte ich Regenwürmer in großer Zahl

unter dem Wasserfaß des Lazaretts, also dicht bei meinem Quartier. In

der durchnäßten Erde hatten sich hier die Tiere massenhaft angesammelt.

Der Fund war aber nicht allzu interessant, da die Art sich als die

kosmopolitische Form +Helodrilus (Allobophora) caliginosus+ Sav.

herausstellte, welche in ganz Europa sehr gemein ist, aber auch in

Asien, Afrika, Nord- und Südamerika, Australien, also in der ganzen

Welt verbreitet ist. Es handelt sich offenbar um eine europäische Form,

die allmählich durch den Menschen in die anderen Erdteile verschleppt

wurde. Die gleiche Art fand ich dann noch öfter, aber immer an feuchten

Stellen, so bei _Dedeli_ und in den Rasenpolstern der Schluchten bei

_Kaluckova_. Merkwürdiger als diese Funde war das Vorkommen in dem

Wasser eines Quellbaches an der _Kobeliza_ im Schardakh in der Höhe von

etwa 2000 m. Dieses Vorkommen könnte darauf hindeuten, daß die Art doch

seit jeher in Mazedonien einheimisch ist. Eine Verschleppung in die

Bergeinsamkeit ist kaum anzunehmen.

Andere, wahrscheinlich verschleppte Formen, welche ich in Mazedonien

fand, waren die amphibische +Eiseniella tetraedra+ (+typica+) Sav.,

welche in der Schlucht bei _Plauš_ in der _Plaguša Planina_, in der

_Topolkaschlucht_ unter Steinen, bei _Rabrovo_ und schließlich im

_Nikolatal_ in einem faulenden Baum am Bachufer vorkam; +Eisenia

rosea+ (Sav.), am Wodno, in der Gipfelregion bei 1000 m Höhe, im

Schlamm am Rand eines Gewässers, ist sogar eine der nachweislich

verschleppten Arten; +Octalasium lacteum+ (Örley) von der _Plaguša

Planina_ ist offenbar auch eine nicht ursprünglich einheimische Form,

welche auch sonst in Mitteleuropa vorkommt, in Ungarn, Südrußland und

Rumänien schon beobachtet worden ist, aber auch schon in Spanien, auf

den Azoren, in Algier, Nord- und Südamerika gefunden wurde.

Eine Form, deren natürliches Verbreitungsgebiet offenbar Mazedonien

umfaßt, ist wohl +Lumbricus rubellus+ Hoffmstr., die weit in Europa

verbreitet ist. Sie ist neu für Mazedonien, während +Eisenia rosea+

var. +macedonica+ (Rosa), welche am _Pepelaksee_ in der _Golesniza

Planina_ in 2000 m Meereshöhe gefunden wurde, wahrscheinlich eine

typisch mazedonische Form ist. Zum ersten Male in Mazedonien fand ich

an verschiedenen Stellen +Helodrilus (Dendrobaena) byblicus+ (Rosa),

der bisher nur in Syrien und Palästina und in Kreta beobachtet worden

war. Ich fand ihn in einem Schluchtbach hinter _Kaluckova_ in einem

Moospolster, im Bach des _Nikolatales_ und merkwürdigerweise auch in

einem Quellbach auf der _Kobeliza_ in 2000 m Meereshöhe. Schließlich

entdeckte ich noch +Helodrilus caliginosus trapezoides+ (Ant. Deg.), in

einem austrocknenden Tümpel bei _Strumiza_ und bei _Dedeli_; diese Form

war bisher aus dem Mittelmeergebiet und Nordamerika bekannt.

Dazu enthielt meine Sammlung noch drei neue Arten. +Criodrilus

macedonicus+ Ude, welche dem +Criodrilus lacuum+ nahe steht, wurde in

Wiesenbächen südlich von Valandova gefunden. Dazu kommen +Helodrilus

(Allobophora) dofleini+ Ude aus der Gegend von Üsküb, aus der

Gipfelregion des Wodno und von einem Hügel beim Spital und +Helodrilus

(Eophila) bellicosus+ Ude von einem Nebenfluß des Wardar bei Miletkovo.

Diese 12 Arten sind kein sehr beträchtliches Ergebnis in einem Land

wie Mazedonien, wenn man bedenkt, daß in dem Band des Tierreiches, den

_Michaelsen_ 1900 veröffentlicht, für die ganze Erde mehrere Hundert

(870) Arten beschrieben sind. Immerhin sind fast alle genannten Arten

neu für Mazedonien. Aus diesem Land sind überhaupt nur ganz wenig

+Oligochäten+ bekannt. Auch die +Limicolen+, die wasserbewohnenden

Formen, sind selten. Ich fand vielfach eine Form in den Schluchtbächen,

in Bergseen, Gräben und Kanälen. Es war wohl sicher immer der

kosmopolitische +Tubifex tubifex+ L.

Unter den Regenwürmern ist sicher eine ganze Anzahl typisch

verschleppter Formen; dabei ist aber zu bedenken, daß Mazedonien zu

jenem Gebiet endemischer Formen gehört, das sich von Portugal, Spanien

und Südfrankreich, die Alpen bis Kleinasien, Persien und ostwärts bis

Japan erstreckt.

Daß bisher aus Mazedonien so selten Vertreter dieser Gruppe beschrieben

wurden, und daß ich so wenig Regenwürmer gerade in diesem Lande

auffinden konnte, obwohl ich auf ihr Vorkommen besonders achtete,

konnte kein Zufall sein. Das hing sicher mit dem heißen und trockenen

Sommer und mit der Bodenbeschaffenheit zusammen.

_Darwin_ hat ein sehr interessantes Buch über die Regenwürmer verfaßt,

welches den Titel führt: _Die Bildung der Ackererde durch die

Tätigkeit der Würmer_. In diesem Buch schildert er die Lebensweise

der Regenwürmer und die früher nicht geahnte Wirkung, welche diese

Tiere auf die Gestaltung der Erdoberfläche haben. Er zeigte, wie sie

den Erdboden bearbeiten, indem sie beim Bau ihrer unterirdischen

Gänge Erde durch ihren Darm hindurchgehen lassen und immer wieder

Massen aus tiefen Schichten in die Höhe tragen und in ihren Kothaufen

an der Oberfläche ablagern. So durchwühlen sie den Boden, verlagern

seine Bestandteile und lockern seine Zusammensetzung. Auch in anderer

Beziehung wirken sie mechanisch auf seine Bestandteile ein, indem in

ihrem Kaumagen Steinchen aneinandergerieben, geglättet und verkleinert

werden.

Sogar auf die chemische Zusammensetzung des Bodens haben die

Regenwürmer einen starken Einfluß, einmal indem sie Blätter und

sonstige Pflanzenteile, welche ihnen zur Nahrung dienen, in ihrem

Darm chemisch verändern, dann aber auch indem sie alle möglichen

anorganischen und organischen Bestandteile des Bodens verarbeiten.

So sind ihre eigenartigen Kothäufchen ein guter Dünger für die

oberflächlichen Schichten des Erdbodens, denen so immerfort neue Stoffe

zugetragen werden.

Sie bewirken, wo sie in großer Menge vorkommen, eine beständige

Umarbeitung des Bodens bis in eine beträchtliche Tiefe. Sie sind

die Hauptursache der Bildung der schwarzen Erde, welche besonders

feinkörnig und fruchtbar ist, wo sie von vielen Regenwürmern ständig

durchwühlt wird.

Tatsächlich sind es in England und in Deutschland, wo fast gleichzeitig

mit _Darwin Hensen_ ähnliche Untersuchungen durchgeführt hat,

erstaunliche Mengen von Würmern, welche in Gartenerde, in Ackerboden,

in den Wäldern ihre unterirdische Arbeit leisten. _Hensen_ wies nach,

daß in einem Hektar Gartenland sich 133000 Regenwürmer fanden, deren

Gesamtmasse fast 10 Zentner wiegt. Etwa die Hälfte davon finden sich

nach _Darwin_ in Ackerland, auf Heiden und im Wald. Die Erdmasse,

welche diese Tiere in einem Jahr an die Oberfläche befördern, erreicht

nach den Untersuchungen dieser Forscher und ihrer Mitarbeiter im Jahr

auf den Morgen 8-20 Tonnen, so daß in 10 Jahren eine Schicht von 1-5 cm

Dicke über die alte Oberfläche geschichtet werden kann.

Das sind gewaltige Leistungen und es ist nicht verwunderlich, wenn

_Darwin_ nachweisen konnte, daß durch diese Arbeit der Regenwürmer

Steine und andere Gegenstände langsam im Boden versinken, indem die

Regenwürmer den Boden unter ihnen wegfressen, ihn aber nur an ihren

Rändern an der Oberfläche ablagern können. So führte _Darwin_ das

Einsinken antiker Straßenpflaster, von Mosaikfußböden und Häuserteilen

auf die Tätigkeit der Regenwürmer zurück.

Daß eine solche intensive Arbeit der Regenwürmer in Ländern unserer

Breiten tatsächlich eine große Bedeutung hat, ist in Europa und Amerika

vielfach beobachtet worden. _Darwin_ selbst betonte, daß bei der

weiten Verbreitung der Regenwürmer, welche auf der ganzen Erde, von

den polaren Gegenden bis zum Äquator, in den höchsten Gebirgen und auf

den einsamsten ozeanischen Inseln vorkommen, sie wohl eine ähnliche

Einwirkung auf den Erdboden in allen feuchten, selbst mäßig feuchten

Gegenden haben müßten.

Er selbst sammelte Erfahrungen anderer aus den Tropen, von der

Riviera und aus anderen Gegenden. Ich konnte früher mich in Italien,

Südfrankreich, in Istrien und in den Tropen an vielen Stellen von dem

reichlichen Vorkommen von Regenwürmern und von ihrer Arbeit überzeugen.

_Darwin_ selbst muß aber vermutet haben, daß in trockenen Ländern

die Verhältnisse ganz anders liegen müssen; denn in seinem Buch

äußert er sein Erstaunen darüber, daß ihm aus einem so trockenen

Land wie _Neu-Südwales_ in Australien von massenhaftem Vorkommen von

Regenwürmern berichtet wurde.

Er bringt aber keine positiven Angaben über das Vorkommen von

Regenwürmern in ganz trockenen Gebieten und auch seither sind darüber

keine Beobachtungen gemacht worden, die mir bekannt geworden wären.

Sicherlich gibt es in den Wüsten keine Regenwürmer, aber wo Oasen

entstehen können, da muß es auch Regenwürmer geben.

Daß es im Sommer schwer war, in Mazedonien Regenwürmer zu beobachten,

wird man nach den Schilderungen von sommerlicher Hitze und Dürre,

die ich in anderen Kapiteln gegeben habe, verstehen. Der Boden der

oberflächlichen Schichten erhitzt sich in Mazedonien während des Tages

im Sommer zu Temperaturen, welche nicht nur Regenwürmern, sondern auch

anderen Tieren den Aufenthalt in ihm unmöglich machen. Temperaturen

von 60-70° C sind in den Monaten Juli bis September im Boden nicht

selten zu messen. In der verstaubten und vertrockneten Oberfläche

des Landes waren in den Sommermonaten keine Regenwürmer zu erwarten.

Diese Tiere sind ja außerordentlich empfindlich gegen trockene Hitze.

Ich habe nicht selten in Deutschland Regenwürmer, welche auf eine

verstaubte Landstraße geraten waren, elend umkommen gesehen. Immerhin

habe ich auch in den Sommermonaten in Mazedonien nach ihnen gesucht,

aber niemals im Tiefland fern vom Wasser Spuren von ihnen gefunden. Ich

habe viele dichte Gebüsche, deren Boden ziemlich schattig war, manche

Wälder, Parkanlagen und Friedhöfe untersucht, aber nie jene Mengen von

Kothäufchen der Würmer gefunden, welche man in unserem Lande jederzeit

an solchen Orten finden würde.

[Illustration: Dr. _Laser_ phot. Abb. 63. Schafherde bei Kaluckova.]

Es lag also nahe, anzunehmen, daß die Regenwürmer, wie manche andere

Tiere Mazedoniens, von denen in einem anderen Kapitel die Rede ist,

eine Sommerruhe halten. Schon _Darwin_ gibt an, daß die riesenhaften

Exkrementhaufen indischer Würmer, die er beschreibt und abbildet, in

jenem Tropenland nur während der Regenzeit ausgeworfen werden. So

mußte ich denn vermuten, daß auch in Mazedonien die Regenwürmer während

der großen Hitze in der Tiefe der Erde einem Sommerschlaf verfallen

sind.

Daß sie etwa tief unten im Boden ihr normales Leben fortsetzen könnten,

ist in einem Land wie Mazedonien an den meisten Orten ausgeschlossen.

In Tiefen von mehr als 50 cm finden sie hier keine Nahrung. Eine

richtige Humusschicht gibt es in diesem Lande nur in den Flußtälern, in

den bewässerten Ebenen, in den Wäldern und auf den Matten der Gebirge.

Sonst deckt überall nur eine ganz dünne lockere Erdschicht die felsige

Unterlage, welche das Land überzieht. Und dieser dünne Überzug entbehrt

vielfach vollkommen oder fast vollkommen der organischen Bestandteile,

welche die „schwarze Erde‟ anderer Gebiete zu den Kornkammern der Welt

gemacht hat.

Das Grundwasser liegt in den Gebieten, die ich genauer kennen lernte,

meist so tief, daß es weit unter dem Boden sich findet, in welchem

Regenwürmer leben und sich ernähren könnten.

Ich habe während meines Aufenthaltes in Mazedonien jede Gelegenheit

benutzt, welche mich über das Vorkommen der gesuchten Tiere hätte

unterrichten können. Wenn im Frühling oder Herbst Äcker gepflügt, wenn

die Fundamentgrube für ein Haus ausgegraben, von unseren Soldaten

Schützengräben oder Unterstände ausgehoben, Bäume oder Sträucher

gepflanzt wurden, untersuchte ich die Löcher und die ausgehobene Erde

und fand trotz aller Bemühungen fast niemals Würmer. Nur in direkter

Berührung mit Wasser kamen sie vor.

Während diese Fragen mich beschäftigten, wurde in _Üsküb_ ein großes

Experiment durchgeführt, welches meinen Zwecken vorzüglich entgegenkam

und in mancher Beziehung so interessant ist, daß es sich lohnt, an

dieser Stelle davon zu erzählen.

Während die Bulgaren glaubten, Mazedonien, das Land, das ihre Väter

besaßen, durch unsere gemeinsamen kriegerischen Erfolge dauernd in

Besitz behalten zu können, arbeiteten sie in Mazedonien in mancher

Hinsicht für die Zukunft. So kamen sie auch auf die Idee, die Umgebung

der Stadt _Üsküb_ wieder mit Bäumen zu schmücken, um dieser schön

gelegenen Stadt eine sympathische Umgebung, den Bewohnern Erquickung

in schattigen Anlagen zu verschaffen. Und so wurde sehr idealistisch

für eine Bepflanzung, speziell des Zitadellenhügels, auf dem ich mein

Standquartier damals hatte, agitiert. Die Sache fand Anklang, die

Stadtverwaltung von Üsküb wandte große Mittel auf, um Tausende von

Bäumen als Alleen an den Landstraßen, als Haine auf Hügeln, als Wälder

an den Abhängen des Berges anzupflanzen. Und es übernahmen Vereine und

Schulklassen die Verpflichtung, einzelne Lose zu bepflanzen und zu

pflegen. Die Sache wurde mit großem Schwung und Idealismus unternommen;

Schulklassen zogen mit bulgarischen Fähnchen aus, um kleine Bäumchen zu

pflanzen, ganze Bataillone von rumänischen Kriegsgefangenen hoben tiefe

Gruben aus, um viele Tausende von Bäumen einzusetzen.

Alle diese Gräben und Gruben boten mir Gelegenheit, nach den gesuchten

Würmern zu forschen. Aber, obwohl es feuchter Frühling und Frühsommer

war, ich bekam bei dieser Gelegenheit keinen einzigen Regenwurm in

die Hand. Auch sonst ging die Sache traurig aus. Die ganze große

Unternehmung war offenbar ohne fachmännische Beratung unternommen. Man

hatte Tannen aus dem Gebirge ins Wardartal gepflanzt und nicht auf

Bodenart und Bewässerung weder bei diesen, noch bei den Obstbäumen,

Pappeln usw. geachtet, die man wahllos an den Berghang gepflanzt

hatte. In den ersten Wochen wurden dann und wann die Bäumchen von

opferwilligen Schulkindern begossen. Aber als die große Sommerhitze

kam, als Menschen und Pflanzen dursteten, da schmolz auch Wille

und Idealismus bei diesen Orientalen, die die Üsküber trotz allem

sind, dahin und ein Bäumchen nach dem andern verdorrte. Jetzt ist

das Land wieder serbisch; die Zigeunerstadt hat wohl die letzten

verdorrten Bäumchen im kalten Winter verheizt und die letzte Spur des

aufflackernden Idealismus in Mazedonien ist wohl längst verwischt und

verschwunden. So war denn all die große Arbeit nutzlos geschehen und

keiner der Beteiligten mag je erfahren, daß einem Naturforscher dadurch

ein großer Dienst erwiesen wurde.

Bei dieser Gelegenheit konnte ich an vielen Stellen die geringe Dicke

des fruchtbaren Bodens messen, sie erreichte selten mehr als 5-10 cm.

Darunter kamen sofort Steine und Detritus von Gestein, welches Würmer

nicht ernähren konnte. Löcher und Höhlen gab es zwar genug im Erdboden;

sie waren aber meist das Werk von _Ameisen_, welche in Mazedonien bei

der Umarbeitung des Bodens sicher viel mehr leisten als die Regenwürmer.

Selbst starke Regengüsse in jenen Wochen zauberten keine Würmer

aus dem sterilen Boden hervor. So ist denn wohl sicher anzunehmen,

daß Mazedonien im Flachland und in den Hügelgebieten ein sehr

_regenwurmarmes Land_ ist. Die Waldarmut des Landes ist sicher die

Ursache dieser Erscheinung. Mit dem Wald schwand die Humusbedeckung der

Hügel und Täler, wie wir in einem anderen Kapitel besprechen werden.

Nur wo genug Wasser vorhanden ist, um den Boden feucht zu erhalten,

gedeihen in diesem Lande Regenwürmer. So fand ich sie nicht selten

an Brunnen und Zisternen, auf gut bewässerten Feldern und Wiesen, an

Wasserleitungen, an und in Bächen, an Ufern von Seen und Flüssen.

Am Wardar bei Hudova z. B. war der Überschwemmungsstrand des Wardar

weithin von den Spuren und Löchern einer Wurmart wie mit Zeichnungen

bedeckt.

In den hohen Bergen und dort auch in den Wäldern fand ich stets

Vertreter dieser im Land sonst so seltenen Tiere.

Daß sie trockene Zeiten im Boden verborgen in einem Zustand

herabgesetzten Stoffwechsels verbringen müssen, auch an manchen

Stellen, an denen man sie sonst vermißt und nicht einmal durch ihre

Spuren nachweisen kann, bewiesen mir mehrere Fälle, in denen ich

Würmer -- meist in den Bergen -- nach kurzen heftigen Regengüssen frei

herumkriechen sah, wohl durch das Wasser aus ihrem Versteck vertrieben.

Die kurze Zeit, welche seit dem Regenfall vergangen war, verriet in

jedem Fall, daß die Verstecke der Würmer nicht tief im Boden gewesen

sein konnten.

Auch habe ich nicht selten nach heftigem, oft tagelangem Sommerregen

die Erde aufgegraben, um festzustellen, wie tief das Wasser in eine

sehr feste, zusammengetrocknete Erde eindringen kann. Ich stieß in den

meisten Fällen schon in der Tiefe von 2-3 cm auf vollkommen trockenen

Boden.

In einem solchen Land muß der Einfluß der Regenwürmer auf

Bodenbeschaffenheit, Pflanzenwuchs und Ackerbau sehr gering sein. Die

Ackererde in weiten Gebieten von Mazedonien hat nichts von dem großen

Einfluß der Regenwürmer auf ihre Beschaffenheit zu verspüren, den wir

seit den Forschungen von _Hensen_ und _Darwin_ für unsere Gegenden sehr

hoch einzuschätzen wissen.

Mazedonien · 第 9 / 45 段