Ortes zu erkunden. _Koinsko_ liegt am Berghang, so daß man eine
Strecke steil zum Bach hinabsteigen muß. Wie genossen wir nach der
Sommerglut des Wardartales die frische Luft, die hier die Nähe des
Gebirges verkündete. Der wasserreiche Bach, der über Felsen und
Steine dahinrauschte, war von dichtem Weidengebüsch umgeben. Dieses
durchstreiften wir und fanden hier eine reiche Insektenwelt. Kleine
Fliegen umschwirrten uns in Menge, das Goldauge (+Chrysopa+) kam häufig
vor, zahllose Hymenopteren, vor allem Hummeln, besuchten die Blüten der
Brombeersträucher, der Königskerzen, von allerhand Lippenblütlern, die
hier einen reichen Flor bildeten.
[Illustration: Prof. _Schultze_-Jena, phot. Abb. 54. Bauernhaus mit
Rebenlauben in Koinsko.]
Durch Erlengebüsch stieg ich am Bachufer hinauf, kam durch eine Fläche,
die mit hohem Adlerfarn bedeckt war, dieser weltweit verbreiteten
Pflanze, und gelangte nach kurzem Steigen in einen Hain stattlicher
Bäume. Es waren große, hohe Buchen, deren silbergraue Stämme uns
freundlich anheimelten. Welcher Gegensatz gegen die Gluthölle der
Wardarebene.
Am Rande des Buchenhains standen wieder Erlen und Weiden,
weichblätterige Eichenbüsche und prachtvolle, alte Nußbäume. Daneben
erstreckte sich eine frische grüne Wiese mit vielen blühenden Pflanzen,
salbeiähnlichen Lippenblütlern, einem Tausendgüldenkraut (+Erythraea
centaureum+ Pers.), Hornkräutern (+Stellaria holostea+ L.) u. dgl. Von
Riedgräsern eingefaßt breitete sich am Rand des Gebüsches ein kleiner
Sumpf aus. Der Frosch, den wir dort fanden, war +Rana agilis+ Thom.
Hier oben flogen viele Libellen, Hummeln und bunte Fliegen, Syrphiden
und Stratiomyiden (+Rhynchomyia impavida+ Rossi und +R. speciosa+ Lw.);
von Schmetterlingen schöne Vertreter der Gattung +Coenonympha+ (+C.
arcania+ H. S.).
An dem trockneren Hang standen hohe Disteln mit roten Blüten,
Königskerzen mit ihren duftenden gelben Blütenständen ragten hoch
empor; der Sanddorn war in mächtigen, baumähnlichen Sträuchern
reichlich vertreten.
Vor allem schön und malerisch stellten sich aber mächtige Buchen dar,
welche von Reben umschlungen und überwachsen waren. Wie wunderbar
umrahmten ihre Ranken und die grauen Stämme der Buchen die Ausblicke
auf die im Glanz der Nachmittagssonne liegenden Berge.
Der Bach kam durch eine tiefeingeschnittene Talschlucht von den Bergen
herab. Seine felsigen Ufer trugen ebenfalls prachtvolle Buchen, die
hier schon einen schattigen Wald bildeten. Am Bachufer mündete eine
Mineralquelle aus, wie sie in Mazedonien so häufig sind. Das Wasser,
welches Kohlensäure und Eisen und etwas Schwefel enthält, schmeckt
recht erfrischend. Im Wald tummelte sich eine reiche Vogelwelt. Mit
Vergnügen begrüßten wir unsere einheimischen Formen _Buchfink_ und
_Amsel, Kleiber, Meisen_ und den stattlichen _Pirol_.
Ein erfrischendes Bad im kühlen Wasser des Bachs schloß den
Nachmittagsspaziergang ab. Den Abend verbrachten wir im Kreise
der deutschen Offiziere; nachts teilte ich das Quartier mit Prof.
_Schultze-Jena_. Obwohl der Abmarsch auf 4 Uhr früh angesetzt war,
verplauderten wir in alten Erinnerungen bei einer guten Flasche
Burgunder, die sein Vater, der altberühmte Jenenser Gynäkologe ihm
ins Feld gesandt hatte, fast die ganze Nacht und lauschten auf das
beständige leise Rauschen, welches von den vielen tausenden von
Holzwürmern (Käferlarven) erzeugt wurde, die ihre Gänge durch das
Holzwerk des Hauses fraßen. Ein solches Massenvorkommen von Holzwürmern
in einem bewohnten Hause war mir noch nie begegnet und man mußte sich
wirklich fragen, wie lange Dach und Fußböden dieses Hauses noch halten
könnten, wenn die Tiere unablässig an seinen Stützen nagten.
[Illustration: Abb. 55. Buchenwald auf der Mala Rupa. Im Hintergrund
Kalkberge.]
Nach kurzem, tiefem Schlaf fuhr uns im Dunkeln das Auto zum
geeignetsten Anstieg, den wir noch in der Dämmerung begannen. Als die
Sonne aufging, waren wir schon in schönem Buchenwald. Wir stiegen
einen Kamm entlang, an Batterien vorbei, passierten einen Sumpf, in
welchem schöne rote Orchideen blühten. Der Buchenwald war hier noch
licht, von Waldwiesen unterbrochen, welche mit Salvien, Königskerzen,
Brombeersträuchern und Disteln bestanden waren. An den Blüten fingen
wir Lepturen und andere Bockkäfer, Hummeln, Bienen und Schmetterlinge.
Weiter oben wurde der Wald so dicht, daß es sich köstlich in seinem
kühlen Schatten wanderte. Zudem war der Waldboden mit unzähligen
reifen süßen Walderdbeeren bedeckt. Diese fand ich noch oft in den
mazedonischen Bergwäldern. Indem man sie schmauste, fühlte man sich in
die Heimatswälder versetzt, von denen sich der von uns durchwanderte
Forst in nichts unterschied.
In etwa 1000 m Meereshöhe gelangten wir an eine offene feuchte Stelle,
wo sich ein schöner Birkenbestand befand. Wie schön hoben sich die
zierlichen weißen Stämme und die zarten hellgrünen Blätter der Birken
(+Betula pubescens+ L.) von dem blauen Himmel ab, an dem große weiße
Wolken dahinzogen. Welch köstliche Durchblicke eröffneten sich zwischen
den Zweigen auf die schroffen Felsen, denen wir jetzt immer näher
kamen. Die weißen Bänder, welche die Matten durchzogen, bestanden aus
Kalk, der oft Formen annahm, die an Jura erinnerten. Vielfach war er
geschichtet und in Platten gebrochen. Doch stießen wir im Gebirge auch
auf Gneis und Granit.
[Illustration: Abb. 56. Bergheuschrecke beim Balzflug. (+Stenobothrus
miniatus+ Charp.) (Mala Rupa, Kobeliza, Peristeri).]
Weiter oben, zwischen 1000 und 1500 m wird der Buchenwald immer dichter
und hochstämmiger: oft glich er einem großen Saal voller Säulen, in
seinem Schatten flimmerten allerorts die Sonnenflecken. Hier beginnen
zwischen dem Wald sich Wiesenflächen einzuschalten, auf denen einzelne
Buckel ganz von einem zarten, niederliegenden, bläulich schimmernden
_Wachholder_ bedeckt sind, der von dem feinen, grünen Gras dunkel sich
abhebt (+Juniperus nana+ Willd.).
In dieser Region fand sich in Massen eine kleine _Schnarrheuschrecke_,
deren Musik die Luft erfüllte. Die kleine, etwa 5 cm lange Heuschrecke
(+Stenobothrus miniatus+ Charp.) zeigte eine merkwürdige Gewohnheit,
die man sonst bei Heuschrecken nicht beobachtet. Das Tierchen hat
schwarze Flügeldecken, rote Beine und roten Leib. Diese traten
leuchtend hervor, wenn das Tier mit ausgebreiteten Flügeldecken sich
etwa 1 m hoch laut schnurrend in die Luft erhob, da anders als andere
Heuschrecken einige Sekunden schwirrend schwebte, um dann langsam auf
den Boden zu sinken und zu schweigen. Es ist eine Art von _Balzflug_,
welchen das Tierchen ausführt. Ich habe die Art auch sonst in den
mazedonischen Gebirgen beobachtet, stets aber nur in größeren Höhen,
von 1200-1800 m.
[Illustration: Abb. 57. Mala Rupa. Alpenmatte in fast 2000 m. Blick
gegen die Porta. Juni 1917.]
Noch etwas weiter oben breitet sich auf den Wiesenflächen, die in
ihrer reichen, äußerst mannigfaltigen Pflanzenwelt einen heideartigen
Charakter annehmen, eine zarte, sehr reizende Erika aus. Mit ihren
rosenroten Blüten und ihrem feinen Duft war sie ein köstlicher Schmuck
dieser Halden (+Bruckenthalia spiculifolia+ Salisb).
Je höher ich kam, desto schöner wurden die Buchenwälder, die hohen
Bäume bildeten ein dichtes Blätterdach, das tiefen Schatten auf
den in dieser Region unbewachsenen, von braunen Blättern bedeckten
Waldboden warf. Um so reicher war die Vegetation an den Waldrändern,
die entzückende Blicke auf die Felsgipfel der Berge gewährten.
Hier gingen die Buchen in Buschwerk über, zwischen denen einzelne
Birken und stattliche Edeltannen sich erhoben. Der Tannenduft rief
Heimatserinnerungen wach. Zwischen dem niederen Wachholder blühten hier
die Gräser und standen stolz und steif die dunkelroten Blüten einer
Form des _Türkenbunds_ (+Lilium martagon+ L.).
Im Buchenwald fanden wir auf der Rinde der Stämme stattliche
graue _Bockkäfer_. Ein kurzer Anstieg durch den Wald brachte uns
in etwa 1700 m Höhe zu einer kleinen Hütte, der Bergstation der
Vermessungsabteilung 7. Wir fanden hier gastliche Aufnahme und
Nachtquartier. Die Abteilung hatte hier wichtige Aufgaben zu erfüllen.
Zunächst wurde die kartographische Aufnahme dieses wichtigen
Frontgebietes durchgeführt.
Die Männer, die hier oben in primitivster Weise hausten, leisteten eine
auch für die Wissenschaft wichtige Arbeit. Die Kartenaufnahme erfolgte
mit den von dem Jenenser _Pulfrich_ erfundenen photogrammetrischen
Methoden. Die Arbeit wurde in der Hauptsache ausgeführt von einem Dr.
_Burmester_, einem Assistenten Prof. _Finsterwalders_ in München, in
dem ich einen Münchner Bekannten fand. Ihm stand dabei zur Seite ein
junger Mann, namens _Pulfrich_, ein Sohn jenes Gelehrten, der hier mit
den Methoden seines Vaters als Soldat dem Vaterland diente.
Außerdem traf ich dort oben zwei Marinesoldaten, welche mit einem
riesigen Zeiss'schen Doppelfernrohr den Hafen von Saloniki überwachten.
Sie konnten den wachsenden oder ruhenden Verkehr in diesem für unsere
Feinde so wichtigen Hafen kontrollieren. Eine 4 m lange photographische
Kamera mit sehr lichtstarkem Objektiv diente dazu, genaue Fernaufnahmen
des Hafens mit den ankernden Schiffen zu machen. Besondere Listen der
englischen Kriegs- und Handelsschiffe ermöglichten, deren Art und
Namen festzustellen und so wichtige Schlüsse auf die Vorgänge in der
Hafenstadt und an der feindlichen Front zu ziehen.
Selten allerdings lag Saloniki und das Meer so klar in der Ferne,
daß gute Aufnahmen gelingen konnten. Auch während unseres kurzen
Aufenthaltes hier oben bekamen wir die Stadt und den Hafen nicht klar
zu sehen. Immerhin wurde uns ein Blick auf das blaue Ägäische Meer
zuteil und am nächsten Morgen kam auch der Olymp auf kurze Zeit aus dem
Dunst der Ferne heraus.
Wir waren ja hier ganz nahe der Grenze Griechenlands. Jenseits des
Berges, von oben nicht zu sehen, lag die kleine griechische Stadt
_Nonte_. Klar und deutlich erkannte man aber von unserem Aussichtspunkt
die weißen großen Gebäude in der Stadt _Gewgeli_. Die Stadt sah ganz
wohlerhalten aus; aber tatsächlich war sie sehr zerstört und von ihren
Bewohnern verlassen, wie ich bei einem späteren Besuch beobachten
konnte.
War auch die Ferne nicht so klar, als ich es erhofft hatte, der schöne
Blick in die näher gelegenen Täler und Berge entschädigte mich in
vollkommenster Weise. Es war eine Landschaft von großer Schönheit, die
sich um das Gebirge ausbreitete.
Rückwärts lag unten im Tal _Koinsko_, im Grün so verborgen, daß es
schwer war, die Häuser und Dächer mit dem Fernglas aufzufinden. Zum
Ort hin zog sich ein Taleinschnitt, aus dem die in vielen Windungen
verlaufende Straße nach _Huma_ hervorkam, die man als helles Band
weithin verfolgen konnte. Unter uns lag ein schmales tiefes Tal, durch
welches man deutlich die Schützengräben unserer und der feindlichen
Front in kurzem Abstand voneinander hinziehen sah. Sie stiegen vom
Südhang unseres Berges hinunter ins Tal, durchquerten dieses, um
jenseits sich wieder an ein Gebirge anzulehnen, das ostwärts gegen den
Wardar verlief. Diese niedrigen Berge waren kahl und vegetationslos,
ganz anders als die üppige Natur, aus der ich hinunterblickte.
Sie glichen mehr den Bergzügen, die wir auf dem Weg nach Koinsko
durchfahren hatten.
Direkt unter uns lag, noch in unseren Linien, ein kleines,
wohlerhaltenes Städtchen, _Borislaw_. Davor in der Ebene sah man
mehr der feindlichen Front genähert, die Gebäude eines Klosters,
Sv. _Archangeli_. Von diesem erzählten unsere Soldaten eine
nette Geschichte. Der Abt dieses Klosters, dessen Lage ja dazu
herausforderte, spionierte für den Feind. Man war ihm auf die Spur
gekommen und so ritten eines schönen Morgens einige von unseren Ulanen
hinüber und „holten ihn ab‟. Sie sollen ihn ohne allzugroße Sanftheit
aus dem Bett geholt haben.
Während wir die Gegend überblickten, begannen die feindlichen Batterien
unsere Gräben tief unten im Tal zu beschießen. Man sah die Einschläge
der Granaten, die hohen Rauch- und Staubwolken in der stillen Luft
senkrecht aufsteigen. Deutlich sahen wir die bulgarischen Soldaten
rückwärts sich verziehen. Sie verließen die Gräben und zogen sich in
die Unterstände zurück.
[Illustration: Dr. _Burmester_ phot. Abb. 58. Fernsicht von Mala Rupa
Ball.]
Wir sahen bald, daß die Beschießung keinen großen Erfolg hatte und
so wandten wir uns beruhigt unserer Arbeit zu. Wir waren rasch
gestiegen, so daß wir noch einige Vormittagsstunden zum Sammeln und
zu Beobachtungen vor uns hatten. Diese konnten wir gut ausnützen. In
leichter Steigung führte uns ein Pfad durch den stattlichen Buchenwald,
der etwa die obere Waldgrenze darstellte. Wir durchwanderten einige
Schluchten, in denen Bäche abwärts flossen. In einer dieser Schluchten
wurde später der _gefleckte Salamander_ (+Salamandra maculosa+ L.)
beobachtet, der scheinbar in Mazedonien meist in Höhen von über 1000 m
vorkommt.
Über dem Wald zogen sich weiße Kalkfelsen hin, jenseits von denen grüne
Matten begannen. Es war ein herrliches, farbenprächtiges Bild, das wir
durch die grauen Stämme der Buchen und ihr helles Laub eingerahmt vor
uns sahen, wenn wir die Blicke bergauf richteten. Und über all dieser
irdischen Pracht wölbte sich ein leuchtend blauer Himmel in dem Glanz
und der Tiefe des Hochgebirgshimmels. Große weiße Wolken, sich ballend,
aufblähend und verschwimmend schwebten am Gewölbe des Himmels, als
seien es zarte Wollflocken, die langsam und majestätisch von Osten nach
Westen wanderten.
Vom Waldrand erstreckte sich eine Schlucht bergab, die ein Bach
durchfloß; unten, einige hundert Meter unter mir, zog sich ein weißes
Band von Schotter und Gesteinstrümmern durch eine reiche Pflanzenwelt.
Kurz oberhalb des Waldes weitete sich die Schlucht zu einer breiten
Mulde aus. Dort war eine üppige Vegetation aufgewachsen, so hoch,
daß sie mir unter die Schultern reichte. Es standen hier zahlreiche
Brennesseln, Disteln in Blüte, weiße Umbelliferen, stattliche
Königskerzen, dazwischen Wachholder- und Brombeersträucher.
Die Mulde war nach oben abgeschlossen durch ein weißes Felsenband, das
aus würfel- und plattenförmigen Kalkmassen gebildet war. Hier, in den
Spalten zwischen den Steinen und auf all den kleinen Balustraden, die
sie bildeten, leuchtete und duftete es von einer Menge von Pflanzen
von Hochgebirgscharakter. Es war fast, als wäre da künstlich ein
Alpengarten angelegt; die ganze Farbenpracht alpiner Blumen war hier
auf engem Raum zusammengedrängt. Dunkelblaue Glockenblumen bildeten
dichte Polster neben roten und weißen Nelken (+Dianthus silvestris+
Walb.) und Lichtnelken, Steinbrech in mehreren Arten, Fettkraut,
+Sempervivum batens+ Gris., farbige Stiefmütterchen (+Viola orphanites+
Boas), Vergißmeinnicht, alles war da dicht beieinander gewachsen und
bildete Rasen und Polster zwischen den Steinen.
Über den Blüten summte und bewegte sich eine reiche Insektenwelt.
Hummeln brummten von Blume zu Blume, Bienen der verschiedensten Arten
wetteiferten mit ihnen und über allem zogen edle Falter ihre Kreise.
Ich hatte sicher erwartet in diesem Gebiet und in dieser Jahreszeit
einen Schmetterling aus der schönen Gruppe der _Apollofalter_
anzutreffen. Wir waren gespannt, ihn hier zu finden und kaum waren wir
eine Viertelstunde im Gebiet, so erscholl der triumphierende Ruf von
Prof. _Müller_: „Da ist er schon!‟
[Illustration: Abb. 59. +Parnassius Apollo+. Form von der Mala Rupa.]
In stolzem Flug über allen anderen Insekten zog der große, weiße
Schmetterling seine Kreise. Bald waren einige Exemplare gefangen und
voll Freude betrachteten wir die schönen Tiere mit den schwarz-roten
Augenflecken. Es war nicht leicht in dem gefährlichen Gelände die
raschen Falter zu erhaschen. Kaum gesehen, schwangen sie sich in
hohem Bogen über die Felswand empor und entflatterten über den
grünen Matten. Außerdem waren es ihrer nicht viele; die Flugzeit
hatte offenbar erst gerade begonnen, was sich auch darin aussprach,
daß die Männchen weit über die Weibchen überwogen. Bald hatten wir
sechs Männchen, aber nur ein Weibchen gefangen. Das hatte aber alle
Geschicklichkeit und Gewandtheit erfordert, in dem steinigen Gebiet
mit der dichten Vegetation und den vielen tiefen Löchern, die sie
verdeckte, nicht Arm und Bein zu brechen. In Beachtung der Flugart
großer Schmetterlinge, die gewöhnlich in großen Kreisen ein ziemlich
umgrenztes Gebiet abfliegen, verteilten wir drei Männer uns auf
Felsenband, Mulde und Waldrand, und so gelang es nach einiger Zeit,
vor allem durch die Anstrengungen des gewandten _Rangnow_, eine
befriedigende Ausbeute zu erzielen. Über den _Apollos_ vergaßen
wir aber die anderen Insekten nicht, die hier in der warmen Sonne
sich tummelten. Von Schmetterlingen gab es zahlreiche _Bläulinge_,
_Perlmutterfalter_, unter diesen +Argynnis pales balcanica+ Rbl., und
vor allem dunkle _Erebien_ mit schönen blauen Augenflecken auf den
Flügeln. In der Schlucht, die wir die „Apolloschlucht‟ benannten,
fanden sich, vor allem auf den Doldenpflanzen, viele schöne Käfer.
Wie Edelsteine blinkten Chrysomeliden, bunt gefleckte Trichia (+T.
fasciata+ L.) und Bockkäferarten wimmelten auf den Dolden mit vielen
Bienen, Hummeln, auffallend gefärbten Fliegen, eigenartigen Spinnen
usw. Die prachtvollen Chrysomeliden waren die schön metallisch
rot-grün-blaugestreiften +Orina variabilis+ Wsc. var. +balcanica+,
+Cryptococcus aureolus ab. coerulescens+ Schil und +Cryptocephalus
aureolus+ Suffr.
Am Waldrand fanden sich unter Steinen Skorpione und seltsame
Tausendfüßler. Wir hatten schon reiche Beute eingeheimst, als wir zur
Hütte zurückkehrten, um dort im Schatten die heißesten Stunden zu
verbringen.
[Illustration: Dr. _Burmester_ phot. Abb. 60. Felsenkessel zwischen
Mala Rupa und Asantčasma.]
Wir lebten aus unseren Rucksäcken, denn hier an der Front waren
Offiziere und Soldaten meist so knapp verpflegt, daß Gäste nicht
allzuwillkommen waren. Das machte einen eigenartigen Eindruck, daß die
wichtigsten Bestandteile des Heeres, die Front, so viel weniger gut
versorgt wurden, als die fette Etappe. Mit gutem Hunger verzehrten
wir das Stück Speck zu unserem Kommißbrot, das wir mitgebracht hatten
und stillten unseren gewaltigen Durst an dem köstlichen Wasser der
Bergquelle.
Zum Ausruhen gab es mittags nicht viel Zeit; wir mußten die kurze
Frist, die uns gewährt war, nach Möglichkeit ausnützen. So begaben
wir uns bald an den Aufstieg zur Gipfelregion des Mala Rupa-Gebirges.
Zwischen Felsen und über blumenreiche Matten ging der Weg steil
aufwärts. Die Matten bedeckte ein hohes, sehr feines, dunkelgrünes
Gras, das vielfach von den Truppen gemäht wurde und ein zartes,
blaugrünes Heu lieferte.
Zwischen dem Gras gab es eine Menge verschiedenartiger blühender
Pflanzen. Sehr häufig war ein kleinblütiger weißer Klee; dazwischen
standen grellrote Nelken und eine rotblühende Lichtnelke mit weißlichen
Blättern. Blaue Flecken wurden von zahlreichen Glockenblumen gebildet,
Thymian erfüllte die Luft mit seinem starken Dufte. Zwischen den
Steinen war ein kleines Hornkraut mit zarten weißen Blüten sehr häufig.
Sauerampfer und viele Doldenpflanzen standen an den feuchteren Stellen.
Über den Matten gaukelten _Schmetterlinge_, vor allem glänzend
gefärbte Bläulinge und eine tiefschwarze _Erebia_ mit leuchtend blauen
Augenflecken. Es war dies +Erebia melas herzegowinensis+ Schar. Eine
zweite Erebia der Höhenzone bilde ich nebenan ab; es ist dies +Erebia
tyndarus balcanicus+ Rbl.
Im allgemeinen war die Fauna der Gipfelregion nicht sehr reich.
Das hing wohl auch mit der Tageszeit zusammen. Es war schon später
Nachmittag; am Morgen hätten wir nach den späteren Erfahrungen an
Berggipfeln reichere Beute gemacht. Über die grünen Matten kamen wir in
1860 m zu einem ersten Gipfel, der als Mala Rupa-Ball bezeichnet war
(Abb. 58). Von da kletterten wir noch einige hundert Meter aufwärts und
erreichten wohl auf der nächsten Kuppe eine Höhe von etwa 2100 m.
[Illustration: Abb. 61. +Erebia tyndarus balcanicus+ Rbl. Mala Rupa.
Nat. Gr.]
Von oben hatten wir einen weiten Überblick über das Gebirge mit seinen
zahlreichen steilen Gipfeln und seinen weißschimmernden Berghalden.
Vor allen Dingen schön war der Blick auf die mittleren Höhen, wo
die dunklen Laubwälder einen wundervollen Kontrast zu den hell
aufleuchtenden Felsen bildeten. Im Glanze der Nachmittagssonne waren
die Gipfel alle klar und deutlich zu übersehen. Der stattliche höchste
Gipfel wurde als _Porta_, ein zweiter _Kičikaia_ benannt. Ein spitzer
Kegelberg führte den Namen _Drena_, daneben der Gipfel _Asančasma_. Von
der _Iberiza_ zog sich ein langer Kamm talwärts, der einen scharfen
Schatten auf die Matten warf. Nach Norden sahen wir ins Tal hinab und
zu den Bergen, die ich immer von Kaluckova bewundert hatte und die ich
jetzt von der anderen Seite vor mir sah. Gegen Sermenli zu erstreckte
sich als langer Rücken der _Zweiohrenberg_ (Abb. 62) und hinter ihm,
von hier aus klein und unscheinbar, die _Marianska Planina_.
Wundervoll und eindrucksreich war der Blick in die weite Ebene nördlich
von _Saloniki_, über welche hinaus das Meer aufblinkte. In der Ebene
erhob sich der _Gandač_, eine steile Bergmasse mit feindlichen
Stellungen. Vor uns fielen die steilen Halden in tiefe Schluchten ab,
Matten dehnten sich weit bis zu den großen Wäldern hin. Hier und da
stieg in der Ferne der Rauch von Lagerfeuern auf.
[Illustration: Abb. 62. Wiese an der Baumgrenze. Mala Rupa. Im
Hintergrund Zweiohrenberg.]
Wir durften nicht lange oben verweilen, wollten wir vor der Nacht im
unbekannten Gelände die Hütte erreichen. Beim Abstieg konnte ich der
reichen Flora der unteren Matten noch etwas Aufmerksamkeit schenken;
deren Pflanzenreichtum war noch viel größer als der der höheren
Zone. Hier war sehr auffallend ein leuchtend gelber _Goldklee_;
neben dem gleichen _Thymus_, der oben häufig war, stand hier eine
zweite, auffallend großblütige Form mit dem gleichen starken Geruch.
Ein _Stiefmütterchen_, ähnlich +Viola tricolor+ (+Viola orphanites+
Boas), bildete große Rasen, ebenso die unten schon beobachtete Erika;
an geschützten Orten standen höher wachsende Pflanzen, welche
stark an Frühlingsblumen der Heimat erinnerten. Da glaubte ich den
kriechenden _Günsel_ (+Ajuga genevensis+ L.) und den _Gundermann_
(+Glechoma hirsuta+ Uk.) zu erkennen, ein weißes _Galium_ (+Galium
mollugo+ L.) blühte in großen Garben, eine _Schafgarbe_, vollkommen der
unserigen gleich in den Blüten und den feinverteilten Blättern und die
tatsächlich die gleiche war. Dazwischen merkte ich mir von auffallenden
Pflanzen _Taubenkropf_ (+Silene venosa+ Asch.), eine _weiße
Kornblume_ (+Cyanea mollugo+ L.), eine Pflanze, die genau wie roter
_Bienensaug_ (+Lamium striatum+ L. S.) aussah. Büsche von blühendem
_Ginster_ (+Cytisus+) zauberten goldene Flecke in die Landschaft.
Viele gelbblühende _Kompositen_ mit Wollblättern standen zwischen den
Steinen, vor allem fiel mir ein großblütiges Habichtskraut auf, dessen
Blattrosetten aussahen, als beständen sie aus weißem Samt (+Hieracium
pannosum+ Gris.). Besonders in der Erinnerung geblieben sind mir kleine
Sträucher einer süßduftenden, dunkelroten Wildrose (+Rosa orientalis+).
Ich hatte vollkommen den Eindruck einer Bergmatte in den bayerischen
Alpen, wie sie im Frühsommer ihre volle Pracht, ihren überquellenden
Reichtum entfaltet. Beim Abstieg mischten sich immer mehr die mächtigen
Stauden von Disteln und Königskerzen in die Alpenflora.
Im Abendschein langte ich in der Nähe der Hütte an. Ein kurzes
Gewitter hatte heftigen Blitz und Donner losgelassen, aber nur wenige
Regentropfen bis zur Erde hinabgesandt, wo sie auf Steinen und Pflanzen
sofort verdunsteten. Wunderbare große Wolken segelten über die Berge
der Ebene entgegen. Sie fingen auf ihren gewaltigen Wölbungen die roten
und gelben Strahlen der scheidenden Sonne auf, die auch die Felsen rot
aufleuchten ließen.
Die Nacht fand uns mit den Soldaten in der Hütte versammelt. Es war
nicht leicht mit den 11 Schlafgenossen in dem engen Raum, auf harten
Brettern, den Rucksack unter dem Kopf Schlaf zu finden, der noch dazu
durch das Schnarchen mancher Kameraden erheblich gestört wurde.