Eine besondere Freude machte meinem Insektensammler _Rangnow_ der Fang

einer ganzen Anzahl von _Sesien_, jenen eigenartigen Schmetterlingen

mit glasartig durchsichtigen Flügeln, die wir auf den Doldenpflanzen

fanden; hier gab es auch eine Form mit undurchsichtigen Flügeln

(+Microsphecia myrmosaeformis+ H. S.). Libellen, zahlreiche solitäre

Bienen, Blatt- und Schlupfwespen und Fliegenarten brachten reiche

Ausbeute. Auch Käfer, besonders Vertreter der prachtvoll metallisch

glänzenden Rosenkäfer (+Cetonia aeruginosa+ Drury), die brummend durch

die Luft flogen, vermehrten die Ausbeute.

Einen besonders interessanten Beitrag zum Problem der Eintagsinsekten

brachten hier die _Ameisenlöwen_. Mit ihnen werden wir uns in einem

besonderen Kapitel beschäftigen. Hier sei nur hervorgehoben, daß wir

diesmal vom Nikolatal vier Arten dieser eigenartigen Tiere mitbrachten.

Wie Zwischenformen zwischen Libellen und Schmetterlingen erscheinen

sie mit ihren genetzten aber doch buntgefärbten Flügeln, wenn sie

langsamen Fluges über die Blumen gaukeln. In großen Mengen trat die

Form mit den bandförmigen Hinterflügeln auf (+Nemoptera sinuata+

Oliv.), welche auf der _Plaguša Planina_ vor einigen Tagen aufgetreten

war, in wenigen Exemplaren dagegen, zum Teil ganz frisch ausgeschlüpft,

flatterten langsamen Fluges die auffallend großen _Planares_ mit ihren

braungefleckten Flügeln umher, nicht häufig waren Vertreter einer

dritten Form echter Ameisenlöwen, während ein _Ascalaphus_, ein schön

schwarz-gelb geflecktes Tier, häufiger vorkam.

[Illustration: Abb. 51. Buschwald und Talbildung im Nikolatal.]

Sehr auffallende _Schildwanzen_ fanden sich auf den Doldenblüten; es

waren lebhaft rot und schwarz gebänderte Tiere der Arten +Graphosoma

semipunctatum+ F. und +italicum+ Müll. Vor allem fiel aber die

größte Landwanze Europas +Mustha spinulosa+ auf, die in Scharen an

den Baumstämmen herumlief. Es ist ein vorderasiatisches Tier, das im

Balkan, vor allem in dessen Osten vorkommt.

Rot und schwarz gezeichnet waren auch _Langwanzen_ der Arten

+Spilostethus saxatilis+ Scop., +pandurus+ Scop. und +equestris+ L.,

welche auch in großer Anzahl auf dem Schwalbenwurz sich aufhielten.

Auf den _Salbei_arten der Felshalden fand sich +Calocoris cinctipes+

Costa, ein typisch mediterranes Tier. Auf verschiedenen Pflanzen jagden

auf Blattläuse schwarz- und rotgewürfelte Krautwanzen +Doraeocoris+

Schach., eine Art von ähnlicher Verbreitung wie die vorige.

Ein Tier, dessen Stich sehr unangenehm war, fand sich wie bei Kaluckova

und in der Plaguša Planina auch hier im Nikolatal, die große, bunte

Raubwanze +Rhinocoris iracunda+ Poda; sie schwärmte an Büschen und

blühenden Pflanzen im Sonnenschein umher und verführte gelegentlich zum

Fang mit der Hand, was sich empfindlich bestrafte.

Auch sogenannte _Leuchtzikaden_ gab es im Nikolatal, jene Tiere mit

fast schnabelförmig verlängertem Vorderkopf, bei denen man früher in

diesem ein Leuchtorgan suchte, welches aber nie nachgewiesen wurde, da

es gar nicht existiert. Trotzdem haben die Tiere den Namen Leuchtzirpen

behalten. Sie sind deswegen nicht weniger interessant mit ihrer

Wachsproduktion am Hinterende, welche bei manchen exotischen Arten ganz

enorm ist. Im Nikolatal kamen zwei flink springende Arten mit grün

geäderten Flügeln vor (+Dictyophora europaea+ L.), der europäische

Laternenträger und +Chanithus longirostris+ Walck.

Unter diesen Fängen und Beobachtungen waren wir am Kamm angelangt,

wo ein frischer Wind blies und wir mit Behagen uns unter einem Baum

niederließen, um den Ausblick zu genießen, der vor allem nach Norden

sich reizvoll vor uns öffnete. Wir blickten in die Felsenberge gegen

_Demir Kapu_; dicht vor uns öffnete sich ein weites zirkusähnliches

Tal, am jenseitigen Rand von einem weißen, rosa angehauchten Kalkgrat

abgeschlossen. Die _Wardarschlucht_, nach Norden sich verengend, lag

tief unter uns. Nach Süden konnten wir den Fluß in vielen Windungen

durch das felsige Land verfolgen, das dürr und kahl aussah, bis auf

die Talmulde bei _Gradeč_, von wo das angebaute und Gartenland grün

herüberschimmerte.

Nach kurzer Rast stiegen wir diesmal vorsichtiger auf wohlüberlegten

Pfaden rasch zur Talsohle ab. Dann wurde gegessen, die Zelte abgebaut,

der Wagen beladen und bespannt, worauf die Heimreise nach Kaluckova

angetreten wurde. Im Nikolatal war die Umgebung des Baches, im Tal des

Wardars, dessen Ufer umflogen von vielen Hunderten von _Libellen_,

welche in diesen Tagen wesentlich zum Charakter der Landschaft

beitrugen.

[Illustration: WARDAR OBERHALB DEMIRKAPU.]

Am Abend, beim Übergang über den Wardar bei Hudova, spiegelte der Fluß

einen unvergeßlich schönen Sonnenuntergang wieder, in welchem die

Felsenberge der Schlucht wie flüssiges Metall glühten, das sich über

den Spiegel des Wassers zu ergießen schien, blaue und grüne Schatten in

den Wogen erzeugend.

Am 31. Juli erfolgte ein weiterer Besuch des Nikolatales. Wie im

Wardartal, so trat uns auch in den engen Tälchen die Macht der

verdorrenden Sommersonne Mazedoniens augenfällig entgegen. Sie hatte

uns schon auf dem Weg überfallen. Kaum hatten wir die Wardarbrücke bei

Hudova passiert, so brach unser leichter, von den Fliegern geliehener

Wagen zusammen. Ein Hinterrad zerkrachte hoch oben am Steilufer des

Wardar und es fehlte nicht viel, daß Wagen, Pferde und Menschen in die

brausende Flut hinuntergekollert wären. Jedenfalls mußten wir den Wagen

zurückschicken; da ich aber den Plan nicht aufgeben wollte, so galt es

auf der Landstraße zu marschieren, was bei den deutschen Soldaten in

Mazedonien nicht sehr beliebt war. Mit frischem Marschgesang war die

staubige Strecke bald überwunden.

Zu meinem Erstaunen fand ich aber den Bach des Nikolatales in seinem

Unterlauf schon vollkommen ausgetrocknet. An den Hängen des Tales war

es fast schon so verdorrt und verstaubt, wie draußen bei Hudova. Alle

die blühenden Frühlings- und Frühsommerpflanzen waren verschwunden.

Kaum einige verdorrte Stengel zeugten noch von der Lilienpracht;

nichts mehr war von Orchideen, von Salbei oder Fingerhut zu sehen.

Die Bäume waren verstaubt und von den an ihnen kletternden Weinreben

hingen schwere Trauben herab. Hie und da ragte eine schon oben

früchtetragende, am unteren Teil des Stieles noch kümmerlich blühende

Königskerze, eine mit dicken Schöpfen beladene Distel, empor.

Im trockenen Teil des Baches waren die Steine mit einer kalkigen, aus

dem verdunsteten Wasser ausgesickerten Masse überzogen. Die _Krebse_

und die _Barben_ befanden sich an feuchten Stellen oder unter dem Boden

im Sommerschlaf. Hie und da lag auch von beiden Formen ein totes,

vertrocknetes Exemplar, da wo es das zurückweichende oder verdunstende

Wasser zurückgelassen hatte. Nur die Büsche und Bäume zeigten noch

Grün, ebenso der weite Flächen bedeckende Adlerfarn, der jetzt mit

seinem dunkelen Grün vielmehr auffiel, als zwischen der Üppigkeit des

Juni. Das Insektenleben war viel geringer geworden, die Vögel still. An

ihrer Stelle hatte das Konzert der Heuschrecken zugenommen. Von glühend

von der Sonne bestrahlten Büschen erscholl der schrille Gesang von

Zikaden (+Cicada plebeja+ Scop., +Tettigia orni+ L. u. A.).

Die Vögel waren viel stiller als im Frühling und Frühsommer und nur

in den Morgen- und Abendstunden lebhafter. Amseln, Ammern, Finken und

Nußhäher wurden beobachtet.

Von Schmetterlingen flogen noch reichlich Segelfalter in zweiter

Generation, viele Bläulinge und Weißlinge. Sonst waren Insekten im

allgemeinen spärlicher. In größeren Mengen waren sie noch am Bach

versammelt. Im Schatten der Bäume und vor allem im dichten Gebüsch, wo

noch Minze und Doldenpflanzen blühten, da hatten Schmetterlinge, viele

Dipteren, besonders Syrphiden, Stratiomyiden, Anthomyiden Schatten und

Kühle, aber auch die wenigen noch blühenden Pflanzen aufgesucht. Auch

Bienen, solitäre Formen in zweiter Generation, Hummeln, von Wespen

verschiedene Arten, darunter die großen Scoliaarten, waren noch da. Vor

allem war aber hier der Tummelplatz vieler Libellen in einer ganzen

Anzahl von Arten. Die Wasserrhynchoten, Wasserwanzen und Wasserläufer

waren jetzt alle geflügelt und bei der Fortpflanzung.

Besonders auffällig waren jetzt die _Reptilien_ von denen +Lacerta

muralis+ Laur. und +viridis+ Laur. viel beobachtet, +Coluber

leopardinus+ Bon., die _Leopardnatter_ und +Tropidonotus tesselatus+

Laur., die _Würfelnatter_ in mehreren Exemplaren gefangen wurden.

Auch Schildkröten, die zwei verschiedenen Arten von Landschildkröten,

begegneten uns.

Von späteren Besuchen der Gegend sei einer im Herbst erwähnt, Anfang

Oktober, zu einer Zeit, in welcher der ganze Boden von duftenden

+Cyclamen+ (Alpenveilchen) (+C. neapolitanum+ Ten.) bedeckt war.

Noch schöner und auffälliger waren die großen Flächen, welche dicht

mit den leuchtend bläulichrosa gefärbten Sträußen der mazedonischen

Herbstzeitlose (+Colchicum byzantinum+ Ker. Gawl.) überzogen waren.

Viele Kräuter und Sträucher, selbst die großen Disteln, hatten unter

dem Einfluß der ersten Herbstregen neue Triebe gebildet und bereiteten

einen kurzen Ersatzfrühling nach der Dürre des Sommers vor. Zu dieser

Zeit ist im Wardartal das Phänomen des Herbstzuges der nördlichen Vögel

oft prachtvoll zu beobachten.

Der schöne Spätherbst mit reichlichen Regengüssen kann bis in den

Dezember hinein dauern, ehe der mazedonische Winter mit Eis und Schnee

einzieht. Zu dieser Zeit kam ich nur am Ausgang des Nikolatales vorbei.

Die Hänge lagen voll Schnee, der Bach hatte eine leichte Eisdecke. Mit

einem alten Kolkraben balgte sich eine Schar Dohlen, Elstern und Krähen

um das Aas eines gefallenen Tieres und bildeten so eine malerische

Silhouette auf dem weißen Hintergrund der Straße zum unvergeßlichen

Nikolatal.

SIEBENTES KAPITEL

FAHRT INS GEBIET DER MALA RUPA.

Von meinem Standquartier _Kaluckova_ aus hatte ich oft meine Blicke

sehnsüchtig nach den blauen Bergen schweifen lassen, die westlich

über dem Wardar in weiter Ferne zart und duftig aufragten. Vor allem

im Monat Mai boten ihre schneebedeckten Gipfel einen eigenartigen

Kontrast zur farbigen Üppigkeit des Vordergrundes dar. Grün leuchtete

die Wardarebene vor den Hügeln, die Kaluckova umgaben, die Bäume

blühten, bunte Blumen bedeckten die Wiesen. Jenseits des Wardar

erhoben sich bebuschte Hügel, die allmählich in höhere bewaldete

Berge übergingen, welche von der Bevölkerung als _Marianska Planina_

bezeichnet wurden. Mehrere Ketten zogen hintereinander, immer höher

aufsteigend und entwickelten vor allem in der Zeit des Sonnenuntergangs

alle Abstufungen blauer und violetter Töne. Hinter ihnen erhoben sich

in phantastischer Klarheit die höchsten, schön geformten Pyramiden

der Schneeberge mit ihren weißen Flanken und dem strahlenden Blau der

Schatten ihrer Schluchten.

Der Schnee war schon bis auf kleine Reste weggeschmolzen, als es

endlich gelang, die Fahrt ins Gebirge zu unternehmen. Auf der Karte war

der Gebirgsstock als _Dudica_ bezeichnet und von unseren Truppen wurde

besonders die Berggruppe der _Mala Rupa_ oft genannt, auf der sich

Stellungen befanden. Allerhand merkwürdiges wurde von diesen Bergen

berichtet und so waren meine Erwartungen aufs höchste gespannt.

Bei den bescheidenen Hilfsmitteln, welche mir damals in den ersten

Monaten meines mazedonischen Aufenthaltes zur Verfügung standen,

konnte keine größere Expedition geplant werden. Ich mußte sehen, wie

ich mit meinen beiden Begleitern, Prof. _Müller_ und Sammler _Rangnow_

irgendwie an die Berge herankam. Das Weitere würde sich dann schon

finden.

Da bot die Freundschaft des Fliegerhauptmanns _Arndt_ eine besonders

günstige Möglichkeit. Er stellte mir für einige Tage seinen Kraftwagen

mit den Fahrern zur Verfügung und so konnte ich mir vornehmen, in

einem halben Tag nach dem Dorf _Koinsko_ zu gelangen, welches am Fuße

der _Mala Rupa_ liegt. Dort hielt sich in militärischer Dienststellung

um jene Zeit Prof. _Leonhard Schultze-Jena_ auf, der bekannte Geograph,

der mir bei meinen Plänen behilflich sein wollte.

[Illustration: Abb. 52. Kartenskizze von Südostmazedonien. Südliches

Wardartal, Ebene von Hudova, Doiransee.]

Manches kam anders als ich gedacht hatte. Um ½ 4 Uhr nachmittags, am

17. Juli 1917, fuhren wir nach manchen Verzögerungen im Auto in flottem

Tempo von Kaluckova ab. Wir bogen südwärts ins Wardartal ein; kaum

hatten wir einige Kilometer zurückgelegt, als mit lautem Knall ein

Reif platzte; die erste Panne! Nach kurzem Aufenthalt ging die Fahrt

weiter. Die zweite Panne kam im Wardartal bei _Smokwiza_, die dritte

und ernsthafteste im _Mühlbachtal_ bei _Negorci_.

Immerhin gingen die Aufenthalte nicht ungenützt vorbei. Wir fuhren

zuerst durch die Hudovaebene auf dem linken Wardarufer, kamen dicht

bei dem Lazarett Mravinca vorbei und überschritten auf der Kaiser

Wilhelmsbrücke bei Miletkovo den Wardar. Dann ging es in gutem Tempo

am rechten Wardarufer über Smokwiza bis Negorci, wo wir das Tal

verließen und westwärts einbogen, dem Gebirge entgegen. Wie hatte

sich in den letzten Wochen das Wardartal verändert! Vom Frühlingsgrün

war nichts mehr zu entdecken. Alles war verbrannt und verdorrt von

der Sonnenglut. Wo vor wenigen Wochen zwischen den Stecheichen- und

Judendornsträuchern die bunte Pracht der Blüten prangte, da gab es

jetzt nur feinen gelben oder grauen Staub. Kaum fand sich hie und da

noch eine Spur von verdorrtem Gras. Am traurigsten sah es natürlich

in der unmittelbaren Nachbarschaft der belebten Landstraße aus, auf

der hier zur Front nachts und frühmorgens viele Kolonnen verkehrten,

wo Truppen marschierten und der Nachschub vorgebracht wurde. Denn in

diesem Teil des Wardartales bis südlich zur Front bei Gewgeli verkehrte

die Bahn nicht, da die ganze Strecke unter dem Feuer der weittragenden

Geschütze des Feindes stand. So fuhr nur ein Schienenautomobil nachts

südwärts, um wichtige Transporte zu vermitteln. Längs der Straße war

alles, Steine, Felsen, Büsche, Häuser, alles, alles von feinem Staub

eingepudert und keine andere Farbe als fahles Grau war zu sehen, noch

dazu verschleiert durch die Staubwolken, die jeder Mensch, jedes

Fahrzeug, jedes Tier, das sich auf der Straße bewegte, aufwirbelte.

Daß die Straße vom Feinde eingesehen wurde und beschossen werden

konnte, machte unsere Autopannen nicht allzu behaglich. Immerhin kamen

wir gut durch und benutzten den unfreiwilligen Aufenthalt uns jeweils

in der Gegend umzusehen. Von der Staubwüste längs der Straße stach die

Umgebung der Dörfer freundlich ab, besonders da, wo durch Schöpfräder

Wasser aus dem Wardar zugeleitet oder den vom Gebirge dem Fluß

zustrebenden Bächen zur Bewässerung der Gärten und Felder entnommen

wurde. Obstbäume beschatteten die Häuser; in den Gärten grünte das

Gemüse, Tomaten prangten und wetteiferten mit den an den Fenstern

hängenden Bündeln von Paprikaschoten in grellstem Rot, Maisfelder waren

in voller Üppigkeit, während die anderen Getreide alle schon geerntet

waren. Weite Melonenfelder mit den grünen, gelben, roten mächtigen

Früchten brachten einen ganz eigenartigen Charakter in die Landschaft.

Wie seltsam mußte sich das Leben der wenigen Landeseinwohner in dieser

Gegend abspielen in den halbzerstörten Dörfern. Sie hatten unter dem

Donner der Geschütze gepflügt und gesät, nun kam auch in diesem Jahre

die Ernte, ohne daß der Krieg aufgehört hatte.

Wir fanden trotz des Staubes, besonders am Ufer kleiner Bäche, noch

reichlich tierisches Leben. Über dem Wasser schwirrten große Schwärme

von Libellen, Bienen und Hummeln kamen zum Trinken und besuchten die

Blüten der am Wasser noch gedeihenden Pflanzen. Eidechsen lauerten auf

den Steinen auf Beute.

Besonders reich war das Tierleben am Ort unseres letzten Unglücks,

das wir mit unserem Auto hatten. Als wir dicht hinter den Stellungen

durch das von unseren Soldaten so benannte _Mühlbachtal_ fuhren,

brach das Auto vollkommen zusammen. Es stand in der grellen Sonne auf

einer Stelle der Straße, die, wie die Granattrichter in der Umgebung

verrieten, nicht selten beschossen wurde. Während die Fahrer sich

quälten, das Fahrzeug wieder in Gang zu bringen, flüchteten wir, die

nichts dabei nützen konnten, aus der immer noch glühenden Sonne in den

Schatten des einzigen Baumes der Gegend. Es war eine Weide, die von

einem kleinen Weidengebüsch umgeben, am Bach sich erhob, neben einer

Brücke.

Die Gegend war recht eigenartig. Das ziemlich breite Tal zog an einer

Hügelkette entlang, auf welcher die Stellungen unserer Truppen und der

Bulgaren eingebaut waren. Unten am Rand der Hügel, dicht am Bach waren

teils in den Berg eingefügt, teils an ihm angelehnt die Quartiere der

Truppen, die Ställe der Pferde, die Magazine für Proviant und Munition.

Im Bach, an erweiterten Stellen, badeten deutsche Soldaten, etwas

weiter oben waren Pferde in der Schwemme.

Der Abend sank herab und das Auto war noch nicht wieder heil; ja es war

klar, daß es so schnell nicht zu flicken war. Wir mußten nach einer

Stelle suchen, von der wir telefonisch um Hilfe rufen, und wo wir die

Nacht verbringen konnten. Eine solche war bald gefunden. Nicht weit

von der Brücke sahen wir Bauten, welche auf eine deutsche Abteilung

schließen ließen, während sonst alles ringsumher sehr bulgarisch aussah.

An den Hängen der Hügelreihe waren tatsächlich die rückwärtigen

Stellungen unserer Front eingebaut. Zwischen den Bauten sah man

überall Stollen und Unterstände, ein Zeichen, daß man hier vor

Beschießung nicht vollkommen sicher war. Alle größeren Bauten waren

sehr geschickt dem Gelände eingeschmiegt. So sah man ganz oben am

Berg, an dessen Rückwand ein villenähnliches Holzhaus, wie wir später

erfuhren, die Wohnung des bulgarischen Artilleriekommandeurs.

Wir suchten die deutsche Stellung auf; es war eine Abteilung

schwerer Artillerie, deren Offiziere uns sehr freundlich aufnahmen,

bewirteten und beherbergten. Unter anregenden Gesprächen verlief der

Abend, nachdem telefonisch mir die Nachsendung eines zweiten Autos

zugesichert worden war. Es traf noch nachts ein; aber wir mußten den

Morgen abwarten, um die Fahrt auf der sehr kühn angelegten, nicht auf

Kraftwagenverkehr berechneten Bergstraße riskieren zu können.

Frühmorgens ging es los. Es war die Straße nach _Huma_, die wir

zunächst verfolgten. Sie führte zuerst noch durch das Bachtal, dessen

felsiger Südhang weithin noch von den Quartieren bulgarischer Truppen

eingenommen war. Es ist eine eigenartige Erinnerung, die ich an diese

Fahrt dicht hinter der Front mitgenommen habe. Wie war die ganze

Landschaft verändert durch die Bauten des Heeres. Seit 16 Monaten war

in jener Zeit die Front in dieser Gegend nicht verschoben worden. So

blieb es auch noch ein ganzes Jahr. Wie wurde in dieser Zeit die ganze

Erde der Hügel von unseren Truppen durchwühlt; ich wurde unwillkürlich

zu einem Vergleich mit den unterirdischen Nestern der Ameisen gedrängt,

welche in Massen die gleichen Hänge besiedelten. Überall hatten die

Soldaten Felder bestellt, Gärten mit Blumen und Gemüsen bepflanzt,

Bewässerungsgräben gezogen. Welche Massen von Brettern und Balken waren

in das holzarme Land gebracht worden, um all die Bauten aufzuführen.

Es war, als sei ein Volk von lauter Männern im Lande eingewandert, das

hier für alle Zeiten zu bleiben glaubte.

Der Weg, eine schmale Straße, auf der das Ausweichen nicht leicht war,

führte den klaren Bach entlang, dessen Wasser über Felsen brauste, bald

größere, bald kleinere Tümpel bildend, die in ihrem hellen Grün seltsam

vom gelbroten Felsen abstachen. Durch tiefe Schluchten mit steilen

Felswänden strömten Seitenbäche dem Humabach zu. Das waren wieder die

typischen Balkanschluchten, mit ihren malerischen Wirkungen von Licht

und Schatten, mit der jetzt im Hochsommer noch üppigen Pflanzenwelt in

ihren schattigen Gründen.

Die Straße fing an in Riesenwindungen die Berge hinanzuklimmen, um

scharfe Kurven fauchte das Auto bergauf. Von der Straße, die allmählich

von dem Wardartal mit weniger als 100 m Meereshöhe auf über 800 m

hinanstieg, eröffneten sich reizvolle Blicke auf ein welliges Bergland

und tief eingeschnittene Täler, die alle noch von einer schön grünen

Vegetation überzogen waren. Von der Paßhöhe sausten wir auf einer nicht

minder halsbrecherischen Straße neben tiefen Abgründen durch oft ganz

knappe Kurven wieder bergab. Der Blick nach Südwesten, das war die

Hauptrichtung unserer Fahrt, nachdem wir die Hauptstraße nach _Huma_

verlassen und die Nebenstraße nach _Koinsko_ eingeschlagen hatten,

wurde immer reizvoller.

[Illustration: _Burmester_ phot. Abb. 53. Gesamtansicht des Mala

Rupagebirges aus der Gegend zwischen Huma und Koinsko.]

Nun tauchten die hellen Felszacken der Mala Rupagruppe auf; die

bläulich-weißen Felsmassen hoben sich prachtvoll von den dunklen

Flächen der Wälder ab, die wir da oben ahnen durften. Eine gedrängte

Gruppe von hohen Gipfeln, die 2000 bis 2400 m erreichen, baute sich

immer mächtiger vor uns auf. Es waren große, scharfe Bergformen von

schönen Umrissen, die im Charakter an Voralpen, zum Teil in den

Felsenbildungen an Jura erinnerten. Der feine blaue Duft, der die

Berge einhüllte, gab einen wirkungsvollen Gegensatz zu dem grünen

Vordergrund, durch den unser Wagen sich bewegte.

Je näher wir kamen, umso höher schienen die Berge zu werden, umso

deutlicher wurden die hellen Felsen, die sie aufbauten. Man erkannte

pyramidenförmige Bergspitzen, die sich immer klarer von ihren

Nachbarn abhoben, sah schimmernde Felsenbänder von großer wagerechter

Ausdehnung, Felsenabstürze und Klüfte. All das war schön gegliedert

durch dunklere Flächen, die sich später in den oberen Zonen als

grasbedeckte Matten, in der Mitte als hochstämmige Laubwälder

herausstellten.

Wir blieben dauernd in einer beträchtlichen Höhenlage zwischen 600 und

800 m, _Koinsko_, unser Ziel liegt etwa 600 m hoch. So sahen wir auf

unserem Weg die Charakterpflanzen der Ebene mehr und mehr verschwinden.

Judendorn (+Paliurus+) und Stacheleiche wurden immer spärlicher, an

ihre Stelle traten Wachholder, Hainbuchen und weichblätterige Eichen.

Hier zeigten sich Spuren eines reichen Insektenlebens. Große Bockkäfer

(+Cerambyx scopolii+ Füssl.) flogen durch die Luft, die von dem Getöse

der Zikaden und Heuschrecken erfüllt war.

Wir näherten uns _Koinsko_, das reizvoll in einem Talkessel liegt,

dessen baumreiche Fluren von einem starken Bach durchflossen sind.

Einen wunderbaren Rahmen um das Tal bilden die hohen Berge, die es auf

drei Seiten umschließen. Nun mehrten sich Getreidefelder und Gärten

mit Obstbäumen. Die Ernte war hier, in 600 m Meereshöhe noch in vollem

Gange, die Haferfelder standen noch halbgrün. Das Städtchen war in Grün

gebettet, von dem sich die dunklen Dächer malerisch abhoben.

Es war nicht leicht mit dem großen Personenwagen in die engen Straßen

des Ortes einzufahren. Der Eindruck des Städtchens war höchst reizvoll.

Die Häuser sind aus Steinen gebaut mit viel Holzwerk, die Dächer

mit Schindeln gedeckt, Veranden und andere Vorbauten aus Balken und

Brettern, vom Alter gebeugt, gaben eigenartige farbige Bilder. So

wanden wir uns durch enge Gassen und Durchschlüpfe, die überall von

Reben umrankt und überdacht waren. Reben gab es überall. Sie zogen sich

laubenähnlich an Querbalken rankend über Höfe und Gassen und überzogen

die Wände der Häuser. Während wir durch die Höfe wanderten, hingen

schwere Trauben, allerdings noch nicht reif, überall über unseren

Köpfen herunter. So hat der Ort einen ganz eigenartigen Reiz, erinnert

etwa an oberitalienische Dörfer.

Mazedonien · 第 7 / 45 段