entlang in ein schönes Tal, in dem es viele Käfer und andere Insekten
gäbe, wo ein richtiger Wald vorhanden sei und eine unendliche
Blütenfülle prange und dufte. Er hatte mir nicht zu viel versprochen;
das _Nikolatal_ erwies sich als eine zoologische Fundgrube. Es wurde
eine der Stätten, welche ich in allen Jahreszeiten regelmäßig besuchte,
und in welchem ich eine Reihe interessanter Beobachtungen machen durfte.
Jetzt fuhr er mich in flottem Tempo den Wardar aufwärts, an dessen
rechtem Ufer auf der Straße, welche er im Jahre vorher mit seinem
Bataillon gebaut hatte. Hohe mit Buschwald bewachsene Berge faßten das
malerische Tal ein, in welchem der hochgeschwollene Wardar seine gelben
Fluten majestätisch daher wälzte. Die Wände des Tales zeigten die
charakteristischen Erosionswirkungen; zahlreiche Seitentäler führten
brausende Bäche zum Fluß. Die Hügel waren von Buschwald bewachsen,
aus dem jetzt in der schönsten Zeit des Jahres viele bunte Blumen
herausleuchteten.
Stattliche Pappeln standen hie und da am Ufer, alte knorrige Weiden
und Platanen beugten ihre Äste über das Wasser. Die Straße stieg
bald steil über dem Fluß empor, um dann sich wieder fast zu seinem
Spiegel zu senken. Eine Bucht in der Talwand öffnete sich nach
rechts, durch einen seichten, an der Mündung verbreiterten Bach
bogen wir in das _Nikolatal_ ein. Es war zur Zeit ein wasserreiches,
grünes, reich bewachsenes Tal. Längs der Talsohle standen zahlreiche
mächtige Platanen; aber ihre weißgrauen Stämme waren zumeist grausam
verstümmelt. Hier hatten die bulgarischen Soldaten auf der Holzsuche
bös gehaust. Die großen Äste waren meist abgesägt und die uralten
Stämme standen traurig da, hohl und vielfach im Innern ausgebrannt.
Fledermäuse flatterten auf, wenn wir an die Stämme klopften.
[Illustration: Abb. 43. Aussicht ins Wardartal von Nikola gegen Gradec.]
Steil stiegen zu beiden Seiten die dicht bewachsenen Berghänge hinan,
von Schluchten zerrissen, in der Höhe zum Teil von Felsen überragt.
Große Eichen und Eschen bildeten einen beträchtlichen Teil des
Bestandes. An freieren Stellen erhoben sich viele meterhohe Sträucher
von _Buchsbaum_. Trotz der intensiven Ausbeutung durch Deutsche und
Bulgaren dehnten sich noch üppige Baumbestände die Hänge hinan. Wo die
Stämme schwer wegzuschaffen waren, da hatten die Bäume sich erhalten.
Und wirklich, wie der Hauptmann mir versichert hatte, eine reiche
Tierwelt belebte das Tal, kaum berührt von menschlicher Kultur.
Schon der kurze Ausflug dieses Tages brachte eine Anzahl interessante
Beobachtungen. Und schon am 12. Juni wiederholte ich den Besuch
im Nikolatal, diesmal gut ausgerüstet und auf längeren Aufenthalt
vorbereitet. Ein schwerer, bremsenloser Bauernwagen fuhr uns die
Wardarstraße zum Taleingang. Die Fahrt war nicht so gefahrlos, wie
neulich die Beförderung im Auto. Auch war sie zeitraubender. Denn ich
mit meinen vier Begleitern mußten uns jedesmal, wenn es bergab ging,
mit allen Kräften an den Hinterteil des bremsenlosen Wagens hängen,
damit er uns nicht mit den Pferden in den Wardar rutschte.
Aber schließlich kamen wir gut in das _Nikolatal_ und fuhren dort
aufwärts bis zu einer frischen Quelle mit kalkhaltigem Wasser, auf
welche mich beim ersten Besuch schon Hauptmann _Jungmann_ aufmerksam
gemacht hatte. Hier wurden die Pferde ausgespannt und auf die Weide
geführt, einer der Burschen erhielt den Auftrag die Zelte aufzuschlagen
und das Lager zu bewachen, während ich mit zwei Begleitern mich
aufmachte, um die Berge und die Fortsetzung des Tales zu durchforschen.
Auf den Karten ist südlich vom Ausgang des Tales ein Kloster Sv.
_Nikola_ verzeichnet, welches wir schon beim ersten Besuch vergeblich
gesucht hatten. Auch diesmal fanden wir keinen Stein von ihm. Aber
als Anzeichen früherer stärkerer Besiedlung des Tales durfte ich wohl
die zahlreichen Nußbäume deuten, die in großen Mengen an den Hängen
wuchsen. Allerdings die mächtigsten und prachtvollsten unter ihnen
hatte Hauptmann _Jungmann_ auf dem Gewissen, dessen Bataillon sie für
die deutschen Gewehrfabriken gefällt hatte. Nicht minder als diese,
deuteten auf frühere menschliche Bewohner die vielen Reben, welche
über die Bäume und Büsche rankten und hier ein verwildertes Dasein
führten. Es ist ja wohl noch fraglich, ob der edle Wein auf dem Balkan
ursprünglich als Wildpflanze vorkommt.
Zunächst wollte ich die Wälder besuchen; denn solche hatte ich bis
dahin außer im Gebirge in größeren Höhen noch nicht in Mazedonien
angetroffen. Es war keine leichte Arbeit hier zu ihnen zu gelangen.
Der Abhang war mit kantigem Geröll bedeckt, in welchem das Klettern
sehr mühsam war. Dazwischen war ein dichtes Dorngebüsch aufgeschossen,
durch welches man nur mit viel Zeit und Arbeit hindurchdringen konnte.
Brombeeren und Himbeeren, auch Schlehdorn standen zwischen Judendorn
und einer Menge anderer stachlicher Sträucher.
So war ich schon schweißbedeckt und ermüdet, als ich an den Rand
des Waldes gelangte. Der war nun nicht sehr reizvoll. Der Boden
war trocken, steinig und entbehrte fast ganz des Wachstums von
Niederholz oder Kräutern. Knorrige Wurzeln durchzogen nach allen
Seiten die Furchen und Spalten, von denen er stark zerklüftet war.
Umso eigenartiger war die Zusammensetzung des Gehölzes. Neben schönen
hochstämmigen Eichen bestand er am unteren Rand aus _Haselnußbäumen_.
Es waren wirkliche starke Bäume mit knorrigen Stämmen und starken
Ästen. Sie hatten dieselbe streifige, braune Rinde und hatten ganz
ähnliche Nüsse angesetzt wie unsere Haselsträucher. Es war der
türkische Haselbaum (+Corylus colurna+ L.). Weiter nach oben zog sich
ein stattlicher Wald von _Silberlinden_ hin. Die Silberlinde ist
ein sehr charakteristischer Waldbaum des Balkans (+Tilia tomentosa+
Monsch). Hier oben konnten wir eine lange Strecke in ihrem Schatten
wandern; aber auch hier war es kein behagliches Gehen, sondern mehr ein
Klettern.
[Illustration: Abb. 44. +Melanargia larissa vic. taurica.+]
Reizvoller bot sich der Wald der _Silberlinden_ aus der Ferne dar. Am
Nachmittag sahen wir ihn von den Nordbergen über das Tal im Schein der
tieferstehenden Sonne zu uns herüberblinken. Besonders schön erschien
er mir, wenn der Wind über die Lindenkronen strich und nun Licht- und
Schattenwellen über die Oberfläche des Waldes hinzogen und den feinen
Silberglanz der Blätter aufblinken ließen.
Am Kamm der Berge war der dichte Wald von Waldwiesen unterbrochen;
goldener Sonnenschein lag auf diesen Lichtungen, die sich immer wieder
im Dickicht verloren. Auf ihnen wuchsen Salbei (+Salvia sclarea+ L.),
eine Form mit violetten Hochblättern und sonstige Lippenblütler, Wicken
und andere farbige Blumen, welche zahlreiche Insekten anlockten. Hier
flog in großen Mengen ein schwarz-weißer Schmetterling, verwandt mit
unserem Dambrett aus der Gattung +Melanargia+ (+Melanargia larissa+,
ähnlich der kleinen asiatischen +taurica+). Viele Bienen summten
umher, Fliegen und Käfer gab es in Mengen, von letzteren hauptsächlich
Bockkäfer und große silbergraue Rüsselkäfer. Unter ersteren war
+Argalia punctata+ L., ein silberiger Käfer mit dunklen Flecken,
+Agapanthia cynare+ Germ., ein olivgrüner Bock mit gestreifter Brust
und weiß-schwarz geringelten Fühlern besonders auffällig, ferner
der große graue +Morimus funereus+ Muls. mit seinen vier schwarzen
Flügelflecken. Auch ein großer Hirschkäfer (+Lucanus cervus turcicus+
Sturm) fand sich hier.
[Illustration: Abb. 45. Bockkäfer +Argalia punctata+ L. Kaluckova. Nat.
Gr.
Abb. 46. +Morimus funereus+ Muls. Tomeros. Nat. Gr.
Abb. 47. +Agapanthia cynare+ Germ. Nikolatal. Nat. Gr.]
Hauptmann _Jungmann_ hatte uns allerhand von _Rehen_ und
_Wildschweinen_ versprochen, die wir hier oben antreffen sollten. Wir
fanden tatsächlich ein Suhlbett, wo Säue gewühlt hatten und auch auf
einen Rehwechsel stießen wir. So müssen damals tatsächlich solche
jagdbaren Tiere im Gebiet vorhanden gewesen sein. In jenen Tagen war
ich für eine Jagd nicht ausgerüstet und verfolgte andere Absichten.
Als ich im nächsten Jahre (Juni 1918) mit waidgerechten Freunden
eine richtige Jagdexpedition in das Nikolatal unternahm, war es zu
spät. Das Wild war durch zielloses Jagen von Bulgaren und anderen
Soldaten vergrämt und wohl auch erlegt. Im Jahre 1918 konnte ich im
ganzen Gebiete weder Wechsel noch Losung einer Wildart entdecken. Von
Säugetieren traf ich bei allen Besuchen im Nikolatal nur Mäuse und
Fledermäuse an.
Durch den Wald huschten _Schwarzamseln_, verschiedene _Ammern_
waren zu bemerken, _Nußhäher_ flogen vor unseren Schritten auf,
auch _Buchfinken_ waren nicht selten. Raubvögel, die hier in den
Wardarfelsen sehr viel horsten, zogen oft ihre Kreise über uns, in
einigen erkannten wir mit Sicherheit Adler. Ja, wohl zu einem solchen
gehörte ein Horst, den wir am Südhang, an einem unersteigbaren Felsen
befliegen sahen. Bussarde waren nicht selten, ein solcher durch Abschuß
als _Mäusebussard_ erwiesen.
Besonders eigenartig war ein Tier, welches ich hier auf der Südseite in
großer Anzahl antraf. Es war ein großes grillenähnlich aussehendes Tier
von etwa 6-8 cm Länge, so groß wirkend wie eine Maus. Es stellte sich
später als eine eigenartige _Heuschreckenart_ heraus. Zwei einander
sehr ähnliche Arten kamen im Lande vor; sie gehören zu zwei Gattungen
und führen die wissenschaftlichen Namen +Callimenus oniscus+ Charp.
und +Dinarchus dasypus+ Illig. Beide wären geeignete Vorbilder für
einen Kunstgewerbler vom Talent und den Neigungen eines Japaners. Sie
sehen schon im Leben aus, als wären sie aus Bronze gebildet. Beide
Gattungen gleichen sich sehr mit ihrem kantigen Brustschild und ihren
langen dünnen Fühlern. Meist sind sie schwarz oder dunkelbraun gefärbt,
manchmal ist ein grünlicher Ton auf ihrer Oberfläche ausgebreitet.
Stets glänzen sie eigenartig metallisch.
[Illustration: Abb. 48. Große Bronzeheuschrecke (+Dinarchus dasypus+
Illig). Männchen (unten) und Weibchen (oben).]
Beide Arten hüpfen trotz ihrer langen Hinterbeine nicht, sondern
sind außerordentlich träg in ihren Bewegungen. Bei der einen von
ihnen dient eine auch sonst bei Insekten häufige Eigentümlichkeit
als wirksame Verteidigungswaffe. Faßt man diese Heuschrecken an, so
lassen sie an verschiedenen Gelenken ihres Körpers eine gelbe, klebrige
Flüssigkeit in solcher Masse austreten, daß einem die ganzen Hände
damit verschmiert werden, und daß sie in großen Tropfen über diese und
von ihnen hinabfließt. Diese Flüssigkeit ist ihr Blut, welches durch
Poren austritt und auf Feinde eine abwehrende, vielleicht auch ätzende
Wirkung hat. Es wird angegeben, daß diese Ausscheidung nur bei der
Gattung +Callimenus+ vorkommt, nicht bei +Dinarchus+ und zwar bei jener
aus den Zwischenräumen zwischen dem ersten und zweiten Dorsalsegment
des Abdomens. Ich glaube sie bei allen Individuen der Arten, die
ich fing, beobachtet zu haben und zwar an verschiedenen Stellen
des Körpers. Doch achtete ich in Mazedonien nicht genügend auf die
Verschiedenheit der zwei Arten, die ich erst in der Heimat feststellte.
Beim Abstieg vom Nordkamm geriet ich mit meinen Begleitern wieder in
dichtes Dorngebüsch, durch welches wir uns nur mit dem Seitengewehr
einen Pfad hauen konnten. So verirrten wir uns und kamen erst nach
vielen Stunden erschöpft bei den Zelten an, wo schon die Kochtöpfe über
dem Lagerfeuer dampften.
Für die Nachmittagsstunden war nicht viel Kraft übrig; so wurden an
diesem Tage keine Berge mehr bestiegen, sondern der Bach und seine
Ufer untersucht. Plätschernd floß das Gewässer über die Steine, hie
und da einen breiten, tiefen Tümpel bildend, wo etwa ein vom Hang
herabgerollter Felsblock oder ein gebrochener Baumstamm es gestaut
hatte. Solche Tümpel bildeten höchst geeignete Badewannen, in denen
jeder von uns nachmittags ein erfrischendes Bad nahm.
Das durfte aber erst geschehen, nachdem der Bach sorgfältig auf seine
Tierwelt untersucht war. Sand und Steine bedeckten seinen Grund,
das Wasser war von durchsichtiger Klarheit. So sah man zwischen
den Steinen kleine Fische lebhaft herumschießen, welche sich als
jugendliche Individuen derselben Barbenart herausstellten, die ich
später in riesigen Exemplaren im Wardar fing. Hier in den kleinen
Bächen hielten sich also vor allem die Jugendstadien auf, die großen
Barben hätten in diesen kleinen Gewässern gar nicht Platz.
Unter Holzstücken und Steinen fanden sich zahlreiche _Flußkrebse_
in allen Größenstadien, von kleinen einjährigen bis zu großen
ausgewachsenen Exemplaren. Es waren zwei Arten hier im Bach vertreten,
+Astacus fluviatilis+ L. und +A. torrentium+ Schrank.
Auf dem Wasserspiegel im Schatten der Bäume schwirrten stahlblau
schimmernde Taumelkäfer im Kreis herum. Sie gehörten zwei Arten an
(+Aulonogyrus concinnus+ Klug und +Gyrinus caspius+ Mén.). Wasserläufer
schossen von Ufer zu Ufer auf der Oberfläche der Tümpel. Unten am Boden
lagen die Larven der Libellenarten, welche blau, rot, grün gefärbt, in
vielen Formen unter den Bäumen, im Röhricht umherhuschten. Vor allem an
Stellen, wo der Bach sein Kiesbett in viele Arme geteilt durchströmte,
wo Binsen, kleine Weidenbüsche und Minzen wuchsen, waren viele Arten
von Libellen versammelt, welche auf all die kleineren Insekten jagten,
die über den Blüten der Sumpfpflanzen gaukelten.
Trotz der Feuchtigkeit und des reichen Pflanzenwuchses fiel mir bei
jedem Besuch des Nikolatales wieder die Armut der _Schnecken_fauna auf.
Zwar eine Art mit dunkler, schwarzbrauner Schale, von der Größe unserer
+Helix pomatia+ L. kam in vielen Individuen vor. Aber sonst fanden sich
nur wenig Schneckenarten in geringer Individuenzahl. Jene große braune
Art fanden wir auch an jenem Abend in größerer Anzahl in der Nähe des
Baches.
Über all diesen Beobachtungen sank die Nacht herab. Meine Leute
versammelten sich am Lagerfeuer, während das Abendrot am Himmel
verglomm. Als es dunkel wurde, das Feuer zusammensickerte, zogen wir
uns alle müde in unsere kleinen Zelte zurück. Mein Bursche hatte mir
Gräser und Blüten unter meine Decke gesammelt, so daß ich recht wohlig
auf dem Sandbett eines ausgetrockneten Baches mich ausstreckte, ermüdet
von dem anstrengenden, früh begonnenen Tag.
Ehe ich mich niederlegte, beugte ich mich noch einmal aus dem Zelt
heraus und blickte aufwärts, wo über dem tiefschattenden Gewölbe der
Platanen die Sterne in klarer Pracht aufblitzten. Nun begann es auch
auf der Erde zu gleißen und zu blinken. Hunderte von Leuchtkäfern
hatten mit ihrem Lichtspiel begonnen; im Gras saßen die Weibchen
und antworteten mit ihrem Lichtsignal auf den Lichtblitz eines
vorüberfliegenden Männchens. Es war eine Art, welche abwechselnd ihr
Licht erscheinen und wieder verschwinden ließ. Es war äußerst reizvoll,
das Frage- und Antwortspiel der einzelnen Paare zu beobachten, welche
sich allmählich zueinander blinkten und unsere Soldaten fingen sofort
an, die Tiere mit unseren Blinkern zu vergleichen.
Rasch ging es noch einmal zum Zelt heraus, um eine Anzahl
Belegexemplare der Art, es war +Luciola lusitanica+ Charp., zu sichern.
Es war wohl der Mühe wert gewesen, das Zelt noch einmal zu verlassen,
denn es zeigte sich, daß das Geblinke der Leuchtkäfer in Büschen und
Bäumen an der ganzen Talwand und rings um den Bach sich tausendfach
wiederholte. Unendliche Mengen der Tierchen waren in dieser Nacht
unterwegs; unter den Wölbungen der Bäume verbreitete ihr Licht einen
zarten geheimnisvollen Schimmer und an der Talwand wiederholten sie die
Sternbilder, welche am Himmelsdom strahlender zu glänzen schienen, als
je.
Trotz aller Müdigkeit war es ein schwerer Entschluß sich ins Zelt
zurückzuziehen. Während die Augen langsam zufielen, ertönte über der
Zeltbahn, aus allen Bäumen und Büschen der Umgebung das klangvolle Lied
der Nachtigallen, deren es große Mengen im Nikolatal gab. Mit ihren
schönen Stimmen vereinigte sich das Orchester der zahllosen Frösche,
die feinen Glockentöne der Unken am ganzen Bach entlang. Während ich
einschlief, störte mich das feine Summen der Schnaken nicht, die ich
am nächsten Morgen als +Culex+ und +Anopheles+, also als harmlose
Stechmücken und Malariaüberträger erkannte. Aber hier in menschenloser
Gegend konnten wir die Stiche von ihnen beiden als harmlos betrachten.
Lange, ehe die Sonnenstrahlen ins Tal hineinlangten, waren wir am
nächsten Morgen wieder marschbereit. Heute galt es den Nordhängen des
Nikolatales, welche schon von unten her ein besonders malerisches
Bild darboten. Ich stieg durch ein flaches Nebental hinan, in welchem
zwischen den hohen Buchsbaumstauden schöne, weiße Lilien (+Lilium
candidum+ L.) standen. Ihr süßer Duft wurde vom Morgenwind talwärts
uns entgegen getragen. Meine Soldaten sprachen sofort von Engels- und
Madonnenhänden, in welche diese frommen Blumen gehörten und beschlossen
sofort am Abend den Schwestern unseres Lazaretts einen großen Strauß
mitzubringen, was auch geschah.
Auch in dem Naturforscher weckten die steifen, sanften Blüten
Erinnerungen an Bilder alter Meister. Und doch konnte ich nicht
übersehen, daß in ihren Kelchen vielfach Käfer einer eigenartigen roten
Form saßen, welche durch irgend etwas sich zu den Lilien angezogen
fühlten. Es war +Lilioceris lilii+ Scop.
Durch einen feinen, von hellen Felstrümmern besäten Rasen ging die
Kletterei aufwärts, bis die Steigung sanfter wurde und sich wie auf den
Wiesen eines Parkes auffallend schön geformte, dunkelbelaubte Bäume vor
mir erhoben.
[Illustration: Abb. 49. Vegetationsbild aus dem Nicolatal (+Quercus
lanuginosa+ Lam.).]
Wieder fanden sich hier _Buchsbäume, Eichen, Eschen_ und _Hainbuchen_,
teils einzeln stehend, teils in Gruppen miteinander vereinigt. Was sie
aber alle auszeichnete, waren die gedrungenen Formen ihrer Stämme,
die schönen Umrisse ihrer Kronen. Besonders trat unter ihnen der
_Feldahorn_ (+Acer campestre+ L.) mit seinen zierlichen Blättern
hervor. Die Formen aller dieser Bäume entzückten mich durch ihre
malerische Schönheit. Man hätte sich hinsetzen und eine der Gruppen
nach der anderen malen können; jede hätte ein eigenartiges, reizvolles
Bild ergeben auf dem blumenbedeckten Rasen mit den weißen Felsen
dahinter, über dem sich ein dunkelblauer Himmel, von großen weißen
Wolken durchschwebt, ausspannte.
Es waren _Wetterbäume_, die hier in trockenem Fels unter dem Einfluß
regelmäßiger Windströmungen langsam durch viele Jahrzehnte gewachsen
waren, bedächtig Zweig neben Zweig setzend, aber so bei jeder Ast-
und Stammverdickung jeden Millimeter ihrer Umgebung abringend. So
glichen sie jenen japanischen Zwergbäumchen, welche unter dem Zwang des
Menschen ähnliche Formen aber noch viel geringere Dimensionen annehmen.
Neben dem Feldahorn waren die Eichen und Hainbuchen (+Carpinus
duinensis+ Scop.) besonders schön gewachsen. Letztere und der Feldahorn
waren mit reifenden Früchten dicht bedeckt.
Um die Gebüsche und unter den Kronen der Bäume dehnte sich ein fast
haideähnliches Pflanzenpolster aus. Da blühten dunkelrote Skabiosen
(+Knautia macedonica+ Grieseb.), weiße und gelbe Schafgarben, große und
kleinblütige Johanniskräuter (+Hypericum olympicum+ L.), viele Gräser
waren in Blüte. Das Seltsame der Landschaft wurde noch stark betont
durch eine Anzahl Knabenkräuter mit hohen dunkelrot und braungefärbten
Blütenrispen, deren Blüten sich in eine lange, schmale Unterlippe
fortsetzten. Phantastisch wiegten diese eigenartigen Blüten sich im
leichten Bergwind. Es war eine Art der Gattung +Himantoglossum+ (+H.
caprinum+ (M.B.)).
Weiter oben wurde die Wiese wieder üppiger, dort stand auch der
_Sanddorn_ (+Hippophae rhamnoides+ L.) in mächtigen Büschen, die zum
Teil baumartig aufgewachsen waren. Als eigenartiger Befund ließen sich
kleine Bäumchen des _Lebensbaumes_ (+Thuia orientalis+ L.) nachweisen,
die wohl von der alten Besiedelung herrührten.
Vor allem war aber hier die Wiese reich an bunten, duftenden Blüten.
Eine farbenprächtige Kronenwicke (+Coronilla varia+ L.), zahlreiche
verschiedenfarbige Wicken, Tragantharten, eine kleine rosablühende und
eine große Winde mit mächtigen, weißen Trichtern, viele Lippenblütler,
eine Anzahl Doldenpflanzen bildeten mit ihren gelben, roten, blauen und
violetten Blumen einen farbenreichen Teppich. Bemerkenswert war viel
Hafer, der wild zwischen den anderen Gräsern stand und gerade blühte.
Zwischen den Felsblöcken ragten stattliche Königskerzen (+Verbascum
pulverulentum+ MB.) empor, die meist erst gerade zu blühen anfingen;
neben ihnen erhoben sich üppige Disteln mit weißen und roten Blüten,
welche nach Art von Kompaßpflanzen ihre Blätter senkrecht aufgerichtet
hielten, so daß ihre Oberflächen alle in einer Ebene, der Ebene des
Meridians, lagen. Somit standen die Kanten der Blätter nach Osten und
Westen, die Flächen nach Süden und Norden. Wie _Stahl_ bei unserem
gewöhnlichen Lattich (+Lactuca scariola+) gezeigt hat, wird durch diese
Stellung der Blätter bei Pflanzen in sonnigem Klima und besonders auf
trockenem Standort ein geringerer Wasserverlust durch Transpiration
und eine Milderung der Schädigung durch zu intensives Sonnenlicht
herbeigeführt. Es ist nicht verwunderlich, daß in einem Lande mit so
sonnigem trockenen Sommer, wie ihn Mazedonien hat, zahlreiche solche
Kompaßpflanzen vorkommen, die ich denn auch an vielen anderen Orten
beobachtete. Die Hauptarten waren +Carduus leiophyllus+ Petr. und
+Silybum marianum+ L.
[Illustration: Dr. _Laser_ phot. Abb. 50. +Cirzium sp.+ bei Kaluckova.]
Schon nach dem Anblick von unten hatte ich hier oben eine reiche
Insektenwelt erwartet. Ich wurde nicht enttäuscht. Als erster Fund
trat uns ein großer schwarzer Schmetterling mit weißen Flecken
entgegen, der hier auf dem Nordkamm ebenso dominierte, wie drüben auf
dem Südkamm gestern das Dambrett. Schon an seinem schönen stolzen
Flug erkannte ich ihn als einen +Satyrus+ (+S. circe+ Fab., dort auch
+S. anthelea amalthea+ Friw.). Männchen und Weibchen flogen in großer
Zahl hintereinander her, wirbelten sich hoch in die Luft, um dann
tief hinabtauchend in das Gras, selbst zwischen die Halme zu fliegen.
Oft konnte man die Tiere sich begatten sehen. Es war wohl großer
Hochzeitstag. Die Weibchen sah man immer wieder tief ins Gras fliegen,
um da als echte Grasfalter die Eier abzulegen. Von Schmetterlingen
waren hier auch _Hesperiden_ sehr häufig, so +Hesperia orbifer+ Hub.
und +H. cinare+ Rbr. und +H. malvoides+ Elw. und Edw.
Nicht unerwähnt soll ein damals erbeuteter _Perlmutterfalter_ der Art
+Argynnis niobe+ L. sein, der durch seine riesenhafte Größe auffiel und
an asiatische Formen erinnert. Er dürfte wohl eine neue Form sein.
In diesen Wochen, Mitte Juni, machte es mir immer wieder einen starken
Eindruck, wie jeweils eine Insektenart in großer Individuenzahl
einige Tage stark vorherrschte, um dann nach wenig Tagen fast ganz
zu verschwinden. Libellen, Ameisenlöwen, Käfer, einige Fliegenarten
und vor allem Tagschmetterlinge sind solche Eintagstiere. Ihr Leben,
ohnehin kurz angesetzt, wird in der Tropenglut mazedonischer Sommertage
rasch aufgezehrt. Indem in einem Jahre die meisten Individuen in
denselben Tagen zur Eiablage schritten, gelangen ihre Nachkommen zur
gleichen Zeit zum Ausschlüpfen, so daß dies periodische Erscheinen
besonders auffällig wird.