Über den Seen und den vorderen Bergen hinweg sah ich im blauen Dunst

der Ferne einen hohen Doppelgipfel; es war der _Olymp_, der Götterberg

des alten Hellas, der dort herüberschaute.

Ich überblickte das weite Tal des _Wardar_, wie es sich aus der Enge

bei _Hudova_ öffnete, darüber die mir schon lieb gewordenen Umrisse

der _Marianska Planina_ und der _Mala Rupa_. Durch die grüne Ebene von

Hudova floß der breite Strom, zum Teil in Arme zerspalten, zu einem

neuen Engpaß, in welchem er bei _Miletkovo_ eintrat, um weit nach

Süden bis gegen _Gewgeli_ sichtbar zu bleiben.

Quer von _Miletkovo_ herüber sah man eine Hügelkette an _Mravinca_

vorbei gegen _Dedeli_ ziehen und von dort konnte das Auge rückwärts

wandernd die Reihe der Dörfer am Fuß der Plaguša Planina verfolgen, vom

südlichsten _Piravo_ über _Verceli, Aranli, Terzeli_ und _Kalkova_ nach

_Kaluckova_.

Da ich für die nächsten Tage mir eine neue Besteigung des

Plaguša-Gebirges vorgenommen hatte, so nahm ich jetzt den Abstieg

hinter dem Grünberg nach _Kalkova_, wo ein deutsches Pferdelazarett

untergebracht war. Als ich die Region von ungefähr 500 m Höhe erreicht

hatte, traf ich dort in der Nachmittagssonne ein reiches Insektenleben.

Vor allem häufig waren zwei Arten von _Ameisenlöwen_, darunter die

zierliche Form mit den bandförmigen Hinterflügeln (+Nemoptera sinuata+

Oliv.). Schmetterlinge flogen um die Blüten, auch zahlreiche Bienen und

Fliegen. Auf letztere jagten zwei Libellenarten. Auf den Pflanzen und

am Boden gab es zahlreiche Käferarten, so Mistkäfer, unter denen die

_Pillendreher_ besonders auffielen.

Die gleichen Tiere, in noch vermehrter Menge, konnte ich in derselben

Region beobachten, als ich am 27. Mai, am Pfingstsonntag, den gleichen

Weg, aber mit weiterem Ziel zurücklegte. Geradezu erstaunlich war die

Menge von _Mistkäfern_, welche auf dem Pfad und an den Hängen herum

wimmelten. Sicher ein Anzeichen dafür, daß auf dem jetzt so einsamen

Pfädchen der Verkehr früher viel stärker war.

Als ich in der Gipfelregion ankam, wehte hier ein kalter Wind. Große

Wolken trieben am Himmel und versprachen weniger gutes Wetter als beim

letzten Aufstieg. Am ersten Gipfel flogen wieder die _Mnemosynen_,

d. h. bei der Kälte flogen sie nur in den kurzen Augenblicken des

Sonnenscheins. Sonst saßen sie starr auf den Büschen und ließen sich

leicht mit der Hand fangen.

Aber die Kälte konnte den Insektenreichtum dieser Region nicht

vollkommen unterdrücken. Sowie die Sonne herauskam, erhoben sich die

Schmetterlinge aus ihren Schlupfwinkeln und gaukelten um die Blüten.

Dabei fiel auf, welch kräftige Farben hier in dieser Region die meisten

Arten aufwiesen. In die Augen fallend war vor allem das leuchtende Blau

der Bläulinge.

Auch andere Insekten waren reichlich vorhanden. _Hummeln_ und _Bienen_

lockten durch ihr Summen die Aufmerksamkeit aller meiner Begleiter

auf sich. _Cetonien_ und andere Blumenkäfer ließen sich leicht von

den Sträuchern herunterschütteln. Kleine Bockkäfer waren häufig,

so +Leptura erratica+ Dalm. und +L. fulva de Geer+, wie die bunte

+Strangalia septempunctata+ Fabr. und die dunkle +L. melanura+ L.

Auffallend viele _Spanner_ und _Motten_ flogen umher.

Auf dem Pfad und an seinen Rändern liefen Tigerlaufkäfer (+Cicindela

campestris+ L.) herum und überall waren die kreisrunden Löcher im

Boden zu sehen, in denen ihre Larven auf Beute lauerten. Auf den

Wiesenpflanzen saßen kleine Zikaden mit schwarzrot gefleckten Flügeln

(+Triecphora mactata+ Germ.), eine Schaumzikade. Grillengezirpe ertönte

von allen Seiten, als eine zeitlang die Sonne wärmer schien.

Das Umwälzen der Steine brachte reiche Ausbeute. Viele Käfer, besonders

Laufkäfer saßen unter ihnen. Durch seine krepierenden Bomben aus Sekret

der Afterdrüsen fiel der _Bombardierkäfer_ +Brachinus immaculicornis+

Dej. besonders auf. Ganze Scharen von schwarzen und braunen Juliden,

jenen walzenförmigen, sich einrollenden Tausendfüßlern, traf ich unter

den Steinen an oder fing sie, als sie offen auf den Wegen krochen

(+Brachyjulus unilineatus hercules+ Verh.). Fand ich aber einen jener

großen, flachen, flinken Tausendfüßler aus der Gattung +Scolopendra+,

so saß das Raubtier sicher einsam und ungesellig unter seinem Stein.

Jedesmal gab es eine aufregende Jagd, bis das Tier mit der Pinzette

gefaßt, der schmerzliche und unter Umständen gefährliche Biß vermieden,

und trotz aller Gewandtheit und schnellen Bewegungen die Beute im

Sammelglas saß.

Unter Steinen fand sich hier, wie auch in der Ebene, sehr häufig eine

_Wolfsspinne_ (+Lycosa amentata+ [Clerk]), eine der Formen, welche kein

Netz bauen und ihre Spinndrüsen außer zur Anfertigung der Eierkokons

nur zum Umspinnen der Beute verwenden. Auch dieses stattliche Tier war

infolge der Schnelligkeit seiner Bewegungen nicht leicht zu fangen.

Merkwürdig ist die Tatsache, daß ich hier oben, das einzige Mal in

Mazedonien die bei uns häufigste _Hausspinne_ (+Tegenaria domestica+

[Clerck]) im Freien bei etwa 1000 m Höhe fand, wo sie ihr Netz unter

einem Strauch gebaut hatte. In Häusern habe ich diese Spinne und ihr

charakteristisches Netz in Mazedonien nie beobachtet, was wohl nicht

nur ein Zufall ist.

Eine Merkwürdigkeit der Region waren die zahlreichen Löcher im Boden,

welche der Bautätigkeit von Insekten ihre Entstehung verdankten. Außer

den _Cicindelenlarven_ hatten Ameisen und Bienen solche gebaut. Die

Löcher dieser beiden Insektenformen unterschieden sich aber sehr von

denjenigen der Käferlarven und der Spinnen, die auch nicht selten

waren, durch einen kraterähnlichen Wall aus beim Bau ausgeworfenen

Erdteilchen, welche in regelmäßigem Kreis das Loch umgaben. Auffallend

war oft die gänzlich von der Erde der Oberfläche abweichende rötliche,

schwärzliche oder gelbe Farbe, welche dieser aus größerer Tiefe

stammende, auch vielfach noch feuchte Bauschutt besaß.

Die Ameise, welche hier häufig aus solchen Kraternestern kam und die

Öffnungen eifrig umschwärmte, war eine Form, die auch unten in der

Ebene infolge ihrer Lebhaftigkeit und eigenartigen Körperhaltung

kaum übersehen werden konnte. Es war eine große Ameise, in Größe und

Gestalt unseren Waldameisen ähnlich sehend, mit rotem Kopf, roter Brust

und braunem Hinterleib. Das Tier schoß, wenn es erregt war, mit sehr

raschen Bewegungen im Zickzack hin und her und hielt dabei den Kopf und

die Vorderbeine steil in die Höhe. Es ist die Art +Cataglyphis bicolor+

F. var. +orientalis+ For., deren Arbeiter sich außerhalb des Nestes so

auffallend benehmen.

Hier oben fing ich auch zum erstenmal Exemplare der großen schwarzen,

bronzeglänzenden, flügellosen _Heuschrecke_ +Callimenus oniscus+

Charp.; diese habe ich später im Nikolatal genauer beobachtet und will

daher im Kapitel über jenes Tal näheres über sie berichten und sie dort

abbilden.

Unterdessen war trotz des fortschreitenden Tages der Wind kälter

geworden. Die Bewölkung nahm zu. Indem sie sich von Zeit zu Zeit

in irgendeiner Himmelsrichtung öffnete, ergaben sich engumrahmte

Fernblicke von großer Klarheit und von phantastischer Schönheit.

Bald konnten wir nach Westen durch ein Wolkenloch tief ins Wardartal

hineinsehen, bald wurde es im Osten klar. Dann blickten wir über den

sanfteren Osthang der Plaguša Planina in das Tal von _Strumiza_, dessen

Sohle und Hänge gut angebaut schienen; wohl abgeteilte Äcker und Felder

deuteten auf ertragreichen Ackerbau.

Einmal, als die Wolken sich verteilten, öffnete sich der Vorhang vor

einem Prospekt von zauberhafter Schönheit. Es zeigte sich, auf den

Gipfeln noch schneebedeckt, vor uns im Südosten das Belasizagebirge

mit seinen einfachen, großen Formen. Weit in der Ferne im Osten ragten

aber schimmernde, eis- und schneebekleidete Zinnen in gewaltige Höhen

empor. Wir konnten uns kaum entscheiden, daß es das Rhodogegebirge sein

müßte, als die Wolken sich wieder schlossen und das vorgezauberte Bild

entschwand.

Es war 11 Uhr vormittags; wir hatten unsern Marsch über den Kamm

fortgesetzt, einige der Gipfel erstiegen und waren durch dichtes

Buschwerk gekrochen. Nun nahm die Bewölkung zu, an alle Gebirgsketten

hingen sich schwarze Gewitterwolken, die schließlich auch die unserige

einhüllten. Hagel und Regen prasselten los und hatten rasch unsere

dünnen Uniformen durchweicht. Wir suchten Schutz unter den Büschen,

indem wir uns auf den Boden hockten. Bald aber kam der Regen durch und

wir waren froh auf einen alten Unterstand zu stoßen.

In diesen krochen wir hinein, erlebten aber hier nicht allzuviel

Freude. Das Gewitter umtobte uns, grelle Blitze zuckten durch die um

uns jagenden Wolken, fast im gleichen Niveau, in dem unsere Höhle lag.

Schwere Donnerschläge, den Blitz begleitend, erschütterten den Boden.

Erde und Steinchen rieselten herunter und schließlich ergossen sich

Ströme von Schlamm und Wasser auf uns von oben herab.

Uns schien es richtiger, diesen etwas bedenklichen Aufenthalt zu

verlassen und lieber etwas mehr Nässe zu riskieren. Der ganze Bergkamm

war hier von alten Schützengräben, von Befestigungen und Unterständen

durchzogen. Überall lagen französische und serbische Patronenhülsen und

Rahmen umher. Jeden Augenblick wühlte der Fuß Kugeln aus dem Boden.

Hier mußte einmal ein scharfer Kampf getobt haben.

Ein trockenes Plätzchen fand sich aber nicht. Wir suchten Deckung an

einer Felsenwand. Tief unter uns im Abgrund brodelte der Nebel und

eiskalt fegte der Wind um die Ecken.

Doch ebenso plötzlich wie das Unwetter gekommen war, klarte es wieder

auf. Die Sonne brach durch, die Wolken verzogen sich und schmolzen

vor ihrer Glut dahin. Nach einer halben Stunde war das Gebirge wieder

vollkommen frei, das Gewitter verzog sich nach Nordwesten und in

strahlender Klarheit lag das Land vor uns. Nur um ferne Berge hingen

Wolkenmassen. Wir kletterten noch ein Stück an den Felsengraten weiter,

suchten uns ein gedecktes Plätzchen in den schon trocknenden Felsen.

Es war 1 Uhr geworden, so daß es geeignet schien, den Proviant

auszupacken und während der Mahlzeit die Kleider in der Sonne zu

trocknen. Und richtig, zwischen 2 und 3 Uhr waren wir wieder vollkommen

trocken und konnten mutig unseren Marsch fortsetzen, der uns noch

über die letzten Gipfel der Plaguša-Kette in das Tal bei _Dedeli_

hinunterführen sollte.

[Illustration: Abb. 36. Fernblick vom Westhang der Plaguša Planina.

Blick nach Süden. Richtung Doiransee.]

Unsere Rast war an günstiger Stelle erfolgt. Wir waren in dem

felsigsten, romantischsten Teil des Gebirges. Es war etwas südlich

des Passes von _Kalkova_ nach _Strumiza_. Uns zur Seite stürzte der

Felsen fast senkrecht in die Tiefe; an seine Wand schloß sich unten

eine mächtige Schutthalde an. Im allgemeinen war die Farbe des Felsens

weißlich grau; er bestand in der Hauptsache aus Kalk; eine ganze große

Bergwand war aus Marmorplatten aufgebaut. Hie und da fand man in

Spalten und zerbrochenen Geröllstücken Drusen mit Kalkspatkristallen.

An manchen Stellen traten auch rötliche Färbungen der Felsen auf. Die

Verwitterungsprodukte des Felsens, Erde und Sand, waren an den meisten

Stellen rotgelb. Der Regen hatte manche Tiere mobil gemacht. So fand

ich hier oben, zum ersten Mal im mazedonischen Gebirge _Regenwürmer_,

welche offenbar der eindringende Regen aus ihren Schlupfwinkeln

getrieben hatte. Das gab Anlaß, an mehreren Stellen Löcher zu graben,

um nach weiteren Exemplaren zu suchen. Auch hier in den Bergen war

das Graben in der harten, steinigen Erde sehr schwer. Der Regen war

nur wenige Zentimeter tief eingedrungen, der Humus ganz dünn und in

geringer Tiefe noch vollkommen trocken. Wir fanden weder Regenwürmer

noch irgend ein anderes Tier im Boden.

Dagegen fand ich an den benäßten Pflanzen in größerer Anzahl

_Schnecken_ von verschiedenen Arten der Gattungen +Helix+, +Buliminus+

und +Clausilia+. Eine ganze Anzahl Tiere waren in der feuchten

Luft beweglich und krochen auf Steinen und Pflanzen umher; bei den

verschiedenen Arten waren es Individuen von verschiedener Größe. Am

Boden lagen viele leere, gebleichte Schalen umher.

Auch die _Vögel_ waren nach dem Regen im hellen Sonnenschein recht

munter geworden. Hier oben war ein Vogel sehr häufig, der einen

schönen, dem der Drosseln ähnlichen Gesang hören ließ. Er war aber

kleiner als eine Drossel, hatte einen blaugrauen Kopf, roten Bauch und

roten Schwanz; die Flügeldecken stachen durch ihr dunkles Schwarz stark

von diesen Farben ab. Es war der _Steinrötel_ oder die _Steindrossel_

(+Monticola saxatilis+ L.), ein Vogel, den ich später noch oft in den

mazedonischen Gebirgen beobachtete. Hier war er erst vor kurzem vom Zug

heimgekehrt. Wir sahen ihn auch seinen eigenartigen Balzflug ausführen.

Auch +Saxicola rubetra+ (L.) kam hier oben vor. Raubvögel flogen nicht

selten über den Bergkamm dahin, unter denen wir Adler und Geier,

Bussarde und Falken erkannten, ohne daß wir die Arten genau feststellen

konnten, außer bei den häufigen _Rötelfalken_.

So hatten wir reichlich Beobachtungen gemacht und Tiere gesammelt,

während wir im Kammgebiet südwärts weiter wanderten. Allmählich,

nachdem der Weg uns auf und ab über eine Reihe felsiger Gipfel geführt

hatte, sahen wir von einer Spitze aus den Kamm sich langsam zum Tal

senken. Er blieb dabei ein scharfer Grat, der sich noch mehrmals zu

Spitzen erhob.

Hier oben gab es noch stattliche Bestände von Stacheleichensträuchern;

wie die Wolle eines Schafes sieht auf den Photographien dieser Bestand

vielfach aus. Hier oben beobachtete ich den seltenen Fall, daß eine

Stacheleiche (+Quercus coccifera+ L.) zu einem stattlichen Baum mit

einem knorrigen Stamm von fast 50 cm Durchmesser erwachsen war (Abb.

37). Er stand auf einer blumigen Wiese als vollkommener Eigenbrödler

ganz allein, dahinter ein Gipfel, der noch vollkommen mit niederen

Büschen der gleichen Art bedeckt war. Was mögen es wohl für Bedingungen

gewesen sein, welche es diesem Individuum der Art erlaubten, zu einem

stattlichen Baum zu werden? Sind es wirklich die Ziegen, welche auch

bei dieser Pflanze im Frühjahr die zarten, frischen Triebe abfressen

und so im niederen Wuchs erhalten. Und sollte dies eine Individuum

einmal einen Trieb so lang entwickelt haben, daß er hoch über den

Bereich der gefräßigen Ziegenmäuler ragte und hart und stachlig wurde,

ehe sie ihn vertilgt hatten? Noch einige Male sah ich ältere Bäume von

+Quercus coccifera+, die bewiesen, daß auch diese Eiche die Fähigkeit

hat, zum stattlichen Baum zu werden.

[Illustration: Abb. 37. Hoher Baum der Stacheleiche (+Quercus

coccifera+ L.) in der Bergregion der Plaguša Planina auf blumiger

Wiese, dahinter das übliche Gebüsch der gleichen Eiche.]

Auf dem Felsen wuchsen hier schon jene wollblättrigen Pflanzen, die mir

später in den Hochgebirgen begegneten. In der Plaguša Planina waren

es Kompositen der Gattung +Hieracium+ vor allem +H. pannosum+ Gris.,

die nebenan abgebildet sind, wie sie wie weiße Plüschgebilde sich vom

Felsgestein abheben.

[Illustration: Dr. _Laser_ phot. Abb. 38. Felsen in der Plaguša Planina

bewachsen mit wollblättrigen Kompositen (+Hieracium pannosum+ Gris.).]

Der Abstieg wurde zur beschwerlichen Felsenkletterei, als wir nun an

einem alten türkischen Turm vorbei den Kamm verfolgten. Der Turm, kaum

ruiniert, ragte stattlich empor und bot einen schönen Blick auf die

reizende Stadt, welche unter uns lag, der Ort mit dem wohllautenden

Namen _Valandova_. Der ganze Kamm, besonders alle Spitzen trugen Spuren

türkischen Mauerwerkes; der Zugang aus dem Gebirge in die Stadt,

und damit einer der Pässe nach _Strumiza_ muß früher stark befestigt

gewesen sein.

_Valandova_ ist ein stattlicher Ort, wenig zerstört, mit vielen

Häusern, deren rote Dächer fast ganz in grüne Bäume eingehüllt sind.

Die Kuppel einer Moschee, ein Minarett, eine christliche Kirche

ragten über die kleinen Häuser empor. Auch die ganze Talebene um

den Ort war in saftiges Grün getaucht, Maienpracht war dort noch

über Wiesen und Felder gebreitet. Wundervoll leuchteten zwischen den

Maulbeerpflanzungen die weißen und violetten Flächen der blühenden

Mohnfelder heraus.

Über Valandova hinaus dehnte sich das Tal weit gegen die _Belasiza

Planina_ aus. Vor uns, jenseits Valandova, lagen die Lazarette von

_Rabrovo_ mit ihren vielen Zelten und Baracken. Jenseits des Tales

mündete die Kleinbahn von Hudova in dem Lager von _Dedeli_. Zwischen

der Endstation der Bahn und dem schattigen „_Hain Mamre_‟ stieg im

Zickzack die steile Straße zum _Furkapaß_ hinauf, welche an die

Doiranfront führte. Staubwolken, welche von ihr aufwirbelten, zeigten

den starken Kolonnenverkehr an, der der wichtigen Doiranfront galt.

Beim Hinuntermarsch nach Valandova galt es wie immer in Mazedonien,

auf weiten Bogen die Schluchten zu umgehen, welche auch hier von

allen Seiten tief in den Berghang einschnitten. Nur so konnte man ein

ermüdendes Auf- und Abklettern an den Schluchtwänden vermeiden; wir

hätten 6-8 Schluchten durchklettern müssen, um auf geradem Weg ins Tal

zu gelangen, hätten wir nicht ihre oberen Enden geschickt umgangen.

Über der Stadt hoben sich von der dürren Felsenwand des Berges zwei

scharf umrissene, dunkle Flecken ab. Es waren dies zwei Haine alter

Platanen. Dem einen von ihnen strebten wir zu, denn einer meiner

Begleiter, Dr. _Laser_, kannte den köstlichen Quell, der in seinem

Schatten entspringt. Der Abend nahte, wir waren 14 Stunden auf den

Beinen, die Feldflaschen waren leer, Durst und Müdigkeit bei uns allen

groß; zudem hatte die Sonne am Nachmittag, je tiefer wir hinabstiegen,

immer mehr ihre mazedonische Sommerkraft entfaltet.

Die Gegend von _Dedeli_ und _Valandova_ ist durch ihre starken Quellen

berühmt. In friedlichen Zeiten muß dies Gebiet ein fruchtbares Land

fast ohne gleichen gewesen sein, und muß es in Zukunft wieder werden.

_Valandova_ war für die Versorgung der Truppen in der Gegend der

wichtigste Markt. Hier konnte man vielerlei Gemüse einkaufen, Bohnen,

Erbsen, Tomaten, Lauch, Zwiebeln und Kohl gediehen üppig auf den gut

bewässerten Feldern und in den Gärten.

Der Sommer brachte alle _Melonenarten_, jetzt gerade reiften die

Kirschen, Pfirsich, Aprikosen-, Äpfel- und Birnbäume hatten reichlich

Früchte angesetzt. Zwischen den Getreidefeldern waren weite Strecken

mit Mohn bepflanzt und die unendlichen Maulbeerhaine verrieten,

daß dieser Teil des Wardartales, vor allem Valandova und Piravo in

Friedenszeiten ein Zentrum der Zucht des Seidenspinners waren, von dem

die Fabriken im nicht fernen _Gewgeli_ einen großen Teil ihres Bedarfs

bezogen. Jetzt noch sah man in einzelnen Häusern die hier ziemlich

primitive Kultur des Seidenwurmes betreiben. Im Tal gab es sogar einige

mit Baumwollstauden bepflanzte Gebiete, eine der wenigen Stellen in

Europa, wo dies wichtige Gewächs, der Reichtum der Südstaaten von

Nordamerika und von Ägypten, gezogen wird.

[Illustration: Abb. 39. Der heilige Hain bei Valandova.]

Während wir uns von diesen Dingen erzählten, erquickte uns der Schatten

des Platanenhains und vor allem die mächtige Wasserader, welche aus

dieser Quelle des Reichtums der Gegend floß. Eine Gruppe von 4-5

riesigen uralten Platanen war an einen senkrecht abfallenden grauen

Felsen angelehnt, aus welchem eine Quelle über einen Meter breit einen

Wasserstrahl aus seinem Innern herausschoß, der sofort als stattlicher

Bach sich in die Schlucht stürzte, die er sich selbst im Laufe der

Jahrhunderte gegraben hatte.

Als wir herannahten, erschien uns der Hain mit seiner rauschenden

Quelle wahrhaft wie ein segenbringendes Heiligtum. Seit die Wolken sich

oben im Gebirge zerteilt hatten, hatte kein Schatten uns mehr berührt.

Schwarz standen die Kronen der Bäume über der glühenden Landschaft,

als wir den Berg, meist stark mit unserer wissenschaftlichen Ausbeute

belastet, hinabkeuchten. Schwarz erschienen die knorrigen, meterdicken

Stämme der Platanen; fast war es, als träten wir in ein dunkles, kühles

Gewölbe ein, als wir den Rand des Schattens erreichten.

[Illustration: Abb. 40. Blick aus dem heiligen Hain bei Valandova auf

Dedeli und den Furkapaß.]

Er brachte uns bald Kühlung und Erfrischung, dieser _heilige Hain_

mit seiner Quelle. Bald erholten sich die Augen von der Blendung des

Sonnenlichtes und man begann die Schönheit des Ortes ganz aufzunehmen.

Graugrün erschienen jetzt die Stämme der Bäume, wie mächtige Säulen

das Blättergewölbe stützend, das sich über uns zusammenfügte. Auf den

gelbgrauen Felsen kletterten Ziegen. Am kaum entstandenen Bach wuschen

Frauen im klaren Wasser.

Und vor uns öffnete sich ein lieblicher Blick über das Tal und die

fernen Berge, wie von einem köstlichen Rahmen umschlossen durch die

Stämme der Platanen und die zierlichen Formen ihrer im Abendhimmel

schwebenden Blätter.

Der Quellbach stürzte bald brausend in die Schlucht, die wir verfolgen

mußten, um in die Stadt zu gelangen. Kaum geboren, mußte der Bach schon

die erste Mühle treiben und so deren noch eine ganze Reihe, ehe er

unten im Tal, zwischen den Häusern der Stadt seine ganze Burschenkraft

verloren hatte und träg über dem Geröll dahinschlich.

[Illustration: Abb. 41. Mühle unterhalb des heiligen Hains bei

Valandova.]

Die Mühlen waren kleine, dunkle Steinhäuser, meist ohne Fenster; durch

die enge Türe sah man direkt in die Mahlstube hinein, wo der Mühlstein

wagerecht sich drehte, so wie unten auch das Mühlrad wagerecht lag und

mit seinen Schaufeln das seitlich zufließende Wasser nach Art einer

Turbine auffing.

Alte türkische Männer mit vermehlten Haaren und Bärten, umgeben von

Knaben, besorgten die geringe Arbeit in den primitiven Mühlen.

Es waren malerische Bilder, welche die Mühlen, zum Teil von

Schlingpflanzen überwachsen, mit ihren hölzernen, halbvermoderten

Zuleitungsröhren, hohlen Baumstämmen, eingeschmiegt in der Wand der

Schlucht darboten. Grell beschien sie noch die Abendsonne, dunkle

Schatten fielen von ihren Wänden auf die Hänge der Schlucht. Das Wasser

toste und brauste durch Röhren, Kanäle, an den Rädern vorbei, der Tiefe

der Schlucht zu, die wir betraten, um unter einer alten, überwachsenen

Brücke den Ort zu erreichen.

[Illustration: Abb. 42. Die Müller und das Innere ihrer Mühle mit dem

wagrecht laufenden Mühlstein und dem Getreidetrichter.]

Dort herrschte auf den Straßen das geräuschvolle Leben der deutschen

Soldaten. Zahlreiche Kolonnen waren hier einquartiert. Vor der

Marketenderei und einer Feldbuchhandlung stauten sich die Mannschaften.

Aus den Höfen tönte das Lachen und Singen türkischer Kinder.

Abendfrieden und goldener Sonnenschein lagen über dem Städtchen, als

wir unseren Wagen, der uns vor der Moschee erwartete, bestiegen.

In der kühlen Abendluft fuhren wir durch das Wardartal nordwärts

„heim‟, wie man schon zu sagen begann. „Heim‟ zu den Briefen aus der

richtigen Heimat, die ich an diesem Abend noch vorfand, als ich voll

von den Eindrücken des reichen Tages im Standquartier wieder eintraf.

SECHSTES KAPITEL

DAS NIKOLATAL

Am Morgen des 1. Juni brauste ein Kraftwagen vor der Türe meines

Laboratoriums an und mit ähnlichem Gebrause drang ein kleiner,

ältlicher, lebhafter Mann in mein Zimmer ein. Er stellte sich als

Hauptmann _Jungmann_ vor: er habe gehört, ein Naturforscher sei hier

angelangt, das interessiere ihn brennend, ob er mir etwas nützen könne,

er sei begeisterter Naturfreund. Hier im Lande könne und müsse etwas

geschehen.

Dieser Mann hat in der Folge mir und der Erforschung von Mazedonien

viel genützt. Mit seinem impulsiven Temperament brachte er Dinge zur

Erfüllung, an welchen andere sich lange herumquälten; um ihn herrschte

stets Bewegung und Leben. Er war Nürnberger Fabrikant, tat hier im

fernen Land seinen Kriegsdienst als Hauptmann und Kommandeur eines

Arbeiterbataillons und suchte seine Zeit durch Vertiefung in die

Kenntnis des Landes und durch hilfreiche Unterstützung aller Forscher

nutzbar anzuwenden. Ich habe viel von ihm gehabt und werde in diesem

Buch seinen Namen oft zu erwähnen haben.

Mazedonien · 第 5 / 45 段