Die possierlichen, anspruchslosen Tiere, welche eine Panzerlänge

von 30-40 cm erreichen, ihren Kopf, Schwanz und Füße in den Panzer

zurückziehen können und so lange zappeln müssen, um sich wieder

aufzurichten, wenn man sie auf den Rücken legte, haben unseren Soldaten

manche Stunde vertrieben. Auch haben diese sich nicht selten eine

Schildkrötensuppe aus ihnen gekocht. Ob von den vielen heimgebrachten

mazedonischen Schildkröten wohl noch eine oder die andere in

Deutschland lebt?

Die beiden mazedonischen Arten von Landschildkröten sind +Testudo

graeca+ (L.) und +T. ibera+ Pall. Beide mit ihrem schwarz und

gelb oder schwarz und dunkelgrün gefleckten Panzer sehen einander

sehr ähnlich und werden vom Laien auch nicht unterschieden. Die

griechische Schildkröte ist in ihrer Verbreitung hauptsächlich auf die

Balkanhalbinsel und Süditalien beschränkt, während die andere Art auch

in ganz Nordafrika und Westasien verbreitet ist.

[Illustration: Dr. _Laser_ phot. Abb. 28. Landschildkröte (+Testudo

ibera+ Pall.) in den Felsen bei Valandova.]

Beide Arten waren in der ganzen Hudovaebene und den angrenzenden

Hügeln und Gebirgen auch bei Mravinca sehr häufig. Wir fingen sie

oft, beobachteten sie viel im Sommer, wie die Männchen die Weibchen

verfolgten und unter eigenartigem Grunzen und Anstoßen mit den Panzern

zur Begattung schritten. Auch ihre Gelege fand ich öfter, mit den

hartschaligen Eiern von einem Längsdurchmesser von 3-3½ cm. Oft lagen

die Eier vereinzelt im Gras und zwischen den Büschen. In Mazedonien

lernte ich verstehen, warum die Japaner die Schildkröte als Symbol der

Geilheit betrachten. Hier waren die Männchen vom Frühsommer bis in

den Spätherbst hinter den Weibchen her und in allen Teilen des Landes

konnten ihre Kopulationsgeräusche bei Tag und Nacht aus Büschen und

Gräben hervortönen.

In den Weiden am Wasser gab es auch manche besonderen Insekten. So

war ein auffallender Rüsselkäfer +Chlorophanus axinus+ Fabr. Auch kam

im Sommer 1917 in der ganzen Gegend der große Bockkäfer +Cerambyx

scopolii+ Füssl. vor. Das war ein höchst auffälliges Tier mit seinen

langen gebogenen Fühlern, wenn er, diese weit vorstreckend und die

Beine abspreizend im heißen Sonnenschein hoch über den Büschen durch

die Luft flog. Dann machte er einen ganz unwahrscheinlich großen

Eindruck. Ich beobachtete ihn zwischen dem 10. und 20. Juni an vielen

Orten Südmazedoniens, außer bei Mravinca bei Kaluckova, Hudova,

Davidovo, auf der Fahrt nach der Malarupa bei Negorci und Koinsko,

im Nikolatal. Da er in Fühlergestalt und Fühlerlänge in beiden

Geschlechtern sehr zu variieren schien, so sammelte ich eine größere

Anzahl von Exemplaren, die einmal genauer untersucht werden sollen.

Von Käferbeobachtungen aus der Gegend von Mravinca möchte ich noch

die _Dorcadion_arten erwähnen, Formen mannigfaltiger, schön gefärbter

Bockkäfer, die meist unter Steinen saßen und von denen wir im Sommer

nur Spuren in Gestalt von Flügeldecken und ihren knotigen, gebogenen

Hörnern fanden. Ihnen und anderen Tieren zuliebe kehrte ich einmal im

frühen Frühling 1918 nach Mravinca zurück, wo ich schöne Exemplare

dieser _Erdböcke_ fand, so +Nosodorcadion bilineatum+ Gam. und

+Dorcadion lineatocolle+ Kraatz. Von dieser in Südeuropa und den

asiatischen Steppen in vielen Arten vertretenen Familie fand ich in

Mazedonien noch manche schönen, interessanten Formen der Gattung, so

auf dem Wodno +Dorcadion equestre+ Laxm., einen samtschwarzen Käfer mit

weißen Längsstreifen auf dem Brustschild und großen weißen Flecken auf

der Mitte der Flügeldecken. Eine zart silbergraue Art mit schwarzen

Flecken, auf der Golesniza Planina in 2000 m Höhe gefunden, ist wohl

noch nicht beschrieben.

Mit dem Aufenthalt in Mravinca sind auch Erinnerungen an _Fischfang_

verknüpft. Zu solchen Zwecken mußte man sich mit Fischern oder mit

Pionieren in Verbindung setzen. Fischer als einheimische Bevölkerung

fand man wohl an den Seen und am Wardar, aber sehr wenig; zumal in

den besetzten Gegenden fehlten der Bevölkerung Boote vollkommen. Auch

ich hatte keine geeigneten Geräte für den Fang größerer Fische bei

mir. Somit war hier am unteren Wardar der Pionier mit seinen Booten

die notwendige Stütze. Und außerdem mußte zu dem grausamen und dem

Naturforscher sehr unsympathischen Hilfsmittel der Handgranaten und

anderen Sprengmitteln gegriffen werden.

[Illustration: Abb. 29. Bockkäfer mit sehr variabler Ausbildung der

Fühler. Nat. Gr. (+Cerambyx scopolii+ Füssl.)]

In den Schluchtbächen, in kleinen Flüssen hatten wir öfter mit

primitiven Mitteln, so in den Schluchtbächen bei _Kaluckova_ und im

_Nikolatal_ kleine _Barben_ (+Barbus plebejus+ Val.) erbeutet. Ähnlich

war in den Bächen der Hudovaebene, so bei _Miletkovo_ aus einem Bach

der Steinpeitzger (+Cobitis taenia+ L.) und eine ähnliche Form +Cobitis

elongata+ H. u. Kn. gefangen worden. In den größeren Nebenbächen und im

Wardar selbst standen mir aber befreundete bulgarische oder deutsche

Pioniere zur Seite.

Bei Miletkovo wurde einmal mit bulgarischen Pionieren, oberhalb Hudova

mit bayerischen Pionieren bei Gradeč der Wardar befahren. In der Nähe

von Miletkovo konnten vom Land aus die Sprengmittel in einen an seiner

Mündung stark erweiterten kleinen Nebenfluß des Wardar geworfen werden,

was reiche Ausbeute brachte, so zahlreiche Exemplare eines südlichen

Verwandten unserer Nase (+Chondrostoma genei+ Bon.), eines schönen

glänzenden Fisches mit grüngrauem Rücken, schwarzgefleckten silberigen

Seiten und orangegelb gesäumten Flossen. An der gleichen Stelle wurden

die altbekannten Elritzen (+Phoxinus laevis+ Ag.) erbeutet, im Wardar

selbst +Cottus ferrugineus+ H. u. K., ein Verwandter unserer Groppe.

Reicher und vor allem nahrhafter war die Ausbeute im Wardar selbst,

die unter sachgemäßer Leitung des Pionierhauptmanns _Frischholz_

erzielt wurde. Dieser, ein Fachzoologe, früherer Schüler des

Münchener zoologischen Instituts, in seiner Zivilstellung

Fischereisachverständiger des bayerischen Ministeriums, befehligte das

bayerische Pionierlager in Hudova. Mit einem seiner Boote fuhren wir

auf den rauschenden, brausenden Wardar bei Gradeč hinaus. Wir suchten

die stillen, tiefen Stellen unterhalb der Schnellen auf und warfen da

ausrangierte Handgranaten ab. Wenn eine davon noch losging, gab es

im Wasser eine starke Detonation, ein Springbrunnen von 10-20 m Höhe

sprang in die Höhe. Aus der Tiefe wurden gelähmte Fische emporgerissen

und nun hieß es mit dem Boot gut manöverieren, wollte man die auf der

Seite treibenden Fische mit dem großen Handnetz erfassen, ehe sie die

wilde Strömung über Stromschnellen und kleine Fälle hinabtrieb, an

Stellen, wo das Boot entweder gar nicht oder nur unter großer Gefahr

nachfolgen konnte. Das waren aufregende Stunden, in wilder Bewegung und

toller Lust mit den strammen bayerischen Pionieren, die einst auf der

auch nicht viel zahmeren Isar ihre Künste geübt hatten.

[Illustration: Abb. 30. Riesenwelse aus dem Wardar. (+Silurus glanis+

L.) Soldatenaufnahme.]

Die Ausbeute war dem entsprechend. Wir bekamen einen Eindruck von dem

Reichtum an Fischen, den die mazedonischen Flüsse bis zur Zeit vor dem

Krieg beherbergt haben müssen. Wir holten vor allem Karpfen und Barben

heraus. Die _Karpfen_ (+Cyprinus carpio+ L.) waren Riesen, wie man sie

in Mitteleuropa jedenfalls im freien Wasser niemals zu sehen bekommt.

Sie maßen im Durchschnitt 1-1½ m in der Länge, hatten einen mächtigen

Umfang und wogen dementsprechend 10-20 kg. Auch die _Barben_ (+Barbus

plebejus+ Val.) waren mächtige Tiere, bis zu einem Meter lang und auch

6-12 kg. schwer. Es war eine Freude für das ganze Pionierlager in

Hudova und noch dazu für das Lazarett Kaluckova, als wir mit unserer

Ausbeute heimkamen.

Nicht minder große _Welse_ (+Silurus glanis+ L.) beherbergte der

Wardar; da waren die mächtigsten Vertreter im Winter vorher gefangen

worden, von Soldaten, welche mir Photographien von ihnen brachten,

die hier wiedergegeben sind. Über 220 Pfd. wogen die über 2 m langen

Kolosse, welche an Mächtigkeit nur selten von den Riesenwelsen der

oberbayerischen Seen erreicht werden, die gelegentlich als uralte

Greise aus den Tiefen des Chiemsees, Königssees, Starnbergersees mit

der Grundangel heraufgeholt werden.

Nicht so mächtig waren die Salmoniden des Wardar; die _Lachse_, die wir

erbeuteten, waren viel kleiner (+Salmo dentex+ Hek.).

Daß in den mazedonischen Flüssen solche Riesenfische überhaupt in

größeren Mengen vorkommen konnten, erklärt sich wohl durch die

primitive Art der Fischerei, welche seit Jahrhunderten dort betrieben

wurde. War ein Fisch einmal über eine gewisse Größe erwachsen, so

entging er leicht den Nachstellungen der Landesbewohner, welche nur mit

kleinen Netzen, Angeln und Spießen fischten.

Die Kriegszeit werden aber nicht viele dieser Riesen überlebt haben,

denn die Truppen beider Fronten und besonders rücksichtslos unsere

Bundesgenossen, die Bulgaren, haben diese Raubfischerei ohne alle

Zukunftsgedanken betrieben, diese Raubwirtschaft, die wir auf allen

Gebieten als eine besondere Eigentümlichkeit der Balkanvölker kennen

lernen werden. Als Wardarfische wären als von uns beobachtete Formen

noch an dieser Stelle zu erwähnen: +Cottus ferrugineus+ H. u. K.,

+Chondrostoma genei+ Bor., +Alburnus alborella+ H. u. K., die südliche

_Laube_, +A. scaranzoides+ H. u. K. und +Abramis melanops+ Heck., der

mit unserem Brachsen verwandte _Seerüstling_, der als ein ins Süßwasser

übergegangener Meeresfisch betrachtet wird.

Von allen Süßwasserfischen meiner Ausbeute ist nur +Alburnus

scaranzoides+ H. u. K. als Sonderform des Balkangebiets zu bezeichnen;

er ist aus Montenegro, Albanien und „Rumelien‟ bekannt. Alle anderen

Arten sind in Küstenflüssen der Adria und des östlichen Mittelmeers,

zum Teil in dem Gesamtgebiet von Süd- und Südosteuropa gefunden worden.

Sonst kam ich in Mazedonien nur am _Ochridasee_ zur Beobachtung von

zahlreicheren Fischarten. Sie sind im 39. Kapitel geschildert, wie die

vereinzelten einzelnen Formen entsprechend den Orten, an denen sie

gefunden wurden.

FÜNFTES KAPITEL

DIE PLAGUŠA PLANINA

Die Berge, welche sich dicht hinter _Kaluckova_ erheben und als Kette

parallel dem Wardartal von Norden nach Süden ziehen, haben den Namen

der _Plaguša Planina_, wohl von dem türkischen Dorf _Plauš_, welches

im Nordteil der Kette gelegen ist. Zu diesem Dorf führt der Saumpfad,

welcher durch _Kaluckova_ und seine Schlucht bergan steigt. Etwas

weiter südlich führt ein besser ausgebauter Weg über einen Paß der

Plaguša Planina nach _Strumiza_. In Friedenszeiten war Hudova die

Eisenbahnstation für die Stadt Strumiza, zu der man mit Pferd oder

Maultier von dort etwa 20 km zurückzulegen hatte. Über das Gebirge zog

vor dem Krieg die neue Grenze zwischen Serbien und Bulgarien hin. Jetzt

war das keine Grenze mehr und der Verkehr in den Bergen viel geringer,

als in der Zeit, in welcher ein blühender Schmuggelhandel auf den jetzt

vielfach zerfallenen Pfaden sich abspielte. Immerhin kam noch jede

Woche eine Kamelkarawane, welche Militärgut von Strumiza zur Bahn nach

Hudova brachte, auf Hin- und Rückweg durch Hudova; von dort ging der

Weg über Kalkova auf den Hauptpaßsteig.

[Illustration: Abb. 31. Plaguša Planina in ganzer Ausdehnung, vor ihr

der Grünberg. Aufgenommen vom Fliegerlager.]

Bei Tag war es im Sommer ein heißer anstrengender Weg, an den Wänden

der Schlucht entlang sich nach _Plauš_ hinaufzuarbeiten, wo erst

die schlimmste Steigung anfing, wollte man die Kammhöhe von 1100 m

erreichen.

So brach ich denn bei den häufigeren Besteigungen des Gebirges

regelmäßig vor Tagesanbruch auf, um womöglich, wenn die heißen Stunden

des Tages kamen, schon auf der Kammhöhe zu sein. Der Weg führte

zunächst durch die altbekannte Schluchtregion auf die ersten Höhen.

Von dort genoß ich oft bei Sonnenaufgang den wundervollen Blick ins

allmählich aufleuchtende Wardartal, während die ersten Strahlen die

Schneehänge der Mala Rupa fern im Westen vergoldeten.

In der Höhe von 700-800 m nimmt der Anbau zu; man merkt, daß man

sich einer menschlichen Ansiedlung nähert. Hier sind den steilen

Hängen durch fleißige Arbeit Felder und Gärten abgewonnen, die in

Friedenszeiten wohl sicher viel besser bepflanzt waren. An den Halden

ziehen sich Weingärten hin, hie und da steht grüner Roggen auf einem

steinigen Acker spärlich gewachsen, dazwischen sind Beete mit Bohnen

bepflanzt. Es war der 22. Mai, an welchem ich zum erstenmal hier

hinaufstieg; so waren die Obstbäume schon verblüht und kleine grüne

Kirschen und Mirabellen hingen an den Zweigen.

Eine Quelle, überschattet von alten Weiden, verführte zu einer kurzen

Rast. In der Nähe wimmelten auf dem Boden viele Aaskäfer. In den

Büschen höre ich den _Kuckuck_ rufen, der in dieser Gegend jetzt im Mai

überall häufig ist. Was aber den Aufenthalt an der Quelle besonders

verlockend machte, war der Gesang zahlreicher _Nachtigallen_, die jetzt

am frühen Morgen noch eifrig schlugen. Ihr Gesang war außerordentlich

klangvoll und schön.

Auch sonst war die _Vogelwelt_ hier im bebauten Gebiet sehr reich. In

den Gärten und auf den Wegen flogen _Haubenlerchen_ und _Feldlerchen_

vor uns auf. Der _Bergsperling_ (+Passer montanus montanus+ L.) war in

Mengen da. Mit prasselndem Flug stiegen _Turteltauben_ auf und flogen

dicht über den Büschen davon (+Steptopelia turtur turtur+ L.). In den

Dickichten huschten zahlreiche Zaungrasmücken umher (+Sylvia curruca

curruca+ L.).

Beim Weitersteigen umgingen wir eine Bergkuppe; jenseits von ihr sahen

wir vor uns, malerisch sich aufbauend das Dorf _Plauš_. In drei Teilen,

bedingt durch drei Einschnitte im Gelände, zogen sich die Häuser

bergauf in die Schluchten hinein. Im obersten Teil ragte ein weißes

Minaret aus einer Gruppe von Bäumen empor und verriet uns, daß wir uns

einem türkischen Städtchen näherten. Aus der Ferne machte der Ort einen

reizvollen, einladenden Eindruck.

Aber wir waren ihm nur in der Luftlinie nahe; als wir die Bergkuppe

umgangen hatten, sahen wir zwischen uns und dem Städtchen eine tiefe

Schlucht klaffen. Es war eine Fortsetzung der einen Stadtschlucht,

durch welche wir später in den Ort eintraten. Zunächst lief aber

unser Pfad nahe an Abgründen entlang, die etwa 200 m tief sich neben

uns öffneten. Die Schlucht war eng, kaum 300 m breit; ihre beiden

Wände stürzten steil in die Tiefe, zu dem rauschenden Bach hinab, der

reichlich schäumendes Wasser über mächtige Felsblöcke wälzte. Beide

Wände waren kahl und schroff, kaum bewachsen; damals dachte ich, es sei

unmöglich zum Bach hinabzugelangen. Später bin ich hinabgestiegen und

konnte in der Tiefe am Bach manches interessante Tier beobachten.

Heute lag der Grund der Schlucht noch im tiefen Schatten, kühle Luft

wehte zu uns herauf, denen es vom Aufstieg schon recht heiß geworden

war. Wo die Schlucht gegen den Ort verlief, wuchsen im Grund stattliche

Bäume, deren Kronen unter uns im Schatten der Schluchtwand standen.

Es waren Platanen, Eschen, Ebereschen, Eichen, welche nahe dem Ort

eine ganze Wildnis von Brennesseln und Disteln umgab, mit allen jenen

Pflanzen, welche die Abfälle einer menschlichen Siedelung bedecken.

[Illustration: Abb. 32. Schlucht bei Plauš.]

Auf einer kleinen gewölbten Brücke überschritten wir die Schlucht

und kletterten am jenseitigen Rand aufwärts zu den Häusern. Vorher

warfen wir von dem Brückchen noch einen Blick die Schlucht hinab.

Es war die echte _Balkanschlucht_. Oberhalb des Orts und der Brücke

begann sie als seichte Vertiefung im gewölbten Hang des Berges,

von dem aus noch mehrere ähnliche Schluchtanfänge ausgingen. Eine

kurze Strecke unterhalb der Brücke stürzte ein Wasserfall eine Stufe

hinab, vor welcher die Wände der Schlucht etwas weiter zurücktraten.

Unten tobte das Wasser zwischen den donnernden Steinklötzen, die

übereinander kugelten und sich aneinander und an den Wänden des

Bachbettes rieben. So bekam man ein Bild von den Kräften, die wohl in

wenigen Jahrhunderten die jetzige Sohle der Schlucht aus dem Felsen

herausgearbeitet hatten. Weit reichte der Blick nicht; denn die

Schlucht machte in ihrer Fortsetzung eine starke Wendung nach rechts,

so daß die Seitenwand sich wie eine Kulisse vorschob. Hinter ihr ragte

eine weitere Steilwand in die Höhe; so glaubte man in einen Kessel

hineinzublicken. Im Vordergrund erhoben sich stattliche Laubbäume, die

von den weißen Kalkfelsen sich scharf abhoben; über dem Schluchtbecken

tauchten ferne blaue Berge auf. Es war ein schönes Bild, welches sich

da vor uns aufbaute.

Weniger erfreuliche Eindrücke traten uns entgegen, als wir die steilen

Gassen des Städtchens durchkletterten. Was uns aus der Ferne so anmutig

erschienen war, bot uns jetzt das Bild der Zerstörung. Die meisten

Häuser waren Ruinen, dachlos mit halbeingestürzten Mauern. Einsam war

es in den Straßen, leer gähnten die Fensterhöhlen, kaum ein Haus hatte

noch eine Türe. Hohe Mauern, meist nur stückweise erhalten, hatten

einst Höfe und Gärten umschlossen, in denen jetzt nur Unkraut und

verwilderte Sträucher wucherten. Nur hie und da stand noch ein Obstbaum

aufrecht, in der Schlucht erhoben sich einige stattliche Pappeln. Von

hohen Bäumen war die Moschee umstanden, welche in einem etwas besser

erhaltenen Teil des Städtchens sich befand.

Bei jedem meiner Besuche in _Plauš_ fielen mir die verödeten Gassen,

der Zerfall und die Zerstörung mehr auf; jedesmal waren wieder einige

Häuser zerstört, wieder einige Bäume gefällt. Beides war auf das

Bedürfnis nach Brennholz zurückzuführen. Verlumpte Kinder liefen

herum, verschleierte Frauen flüchteten in die Häuser. Daß ich so wenig

Männern begegnete, hatte wohl zum Teil seinen Grund darin, daß sie

draußen auf den Feldern bei der Arbeit waren. Aber selbst an einem

Feiertag, als ich sie in der Moschee versammelt fand, war es nur eine

kleine Zahl.

Die Zerstörung des Ortes rührte wohl in der Hauptsache aus dem

Balkankrieg her, wo Bulgaren und Serben hier gekämpft hatten. Und

später fanden wir in der Gegend auch Gräben aus dem gegenwärtigen Krieg.

Der Aufenthalt in dem Orte hatte nichts anziehendes und so habe ich

mich niemals in ihm länger als eine Stunde aufgehalten. Der gegebene

Rastplatz war der Garten der Moschee, wo man im Schatten der Bäume

ruhen konnte und ein laufender Brunnen uns den Durst löschte; er war,

wie stets, wo Türken wohnen, gut gehalten und sorgfältig gebaut.

[Illustration: Abb. 33. Dorf Plauš von oben gesehen.]

Die Moschee war ein schmuckloses, viereckiges Gebäude, niedrig mit

schwach geneigtem Dach, kleiner Türe, mit wenig kleinen scheibenlosen

Fenstern. Es war aus Hausteinen mit eingelegten roten Ziegellagen

gebaut; das Dach war mit Rundziegeln gedeckt, wie die meisten Häuser

des Ortes. Von den roten Ziegeln der Flächen des Daches, stachen

hellgelbe Randziegel freundlich ab. Das Innere der Moschee bestand aus

einer Halle mit nacktem Tennenboden, von einigen Balken war das Dach

gestützt. Schmutzig und schmucklos war der ganze Raum, nicht einmal

ein Teppich war da und die zum Gebet versammelten Männer waren ebenso

schmutzig und verlumpt wie ihre Ortschaft. Nach der Zahl, Anlage

und Größe der Häuser muß aber Plauš in nicht zu ferner Vorzeit ein

blühendes, wohlhabendes Städtchen gewesen sein.

Der Anstieg, der von dem Orte weiter hinauf zum Kamme der _Plaguša

Planina_ führte, war steil und ging über einen kahlen von Wasserrinnen

verarbeiteten Rücken zu einem Paß hinauf. Ganz oben in fast 1000 m Höhe

war ein Türke mit seinem primitiven Pflug beim Pflügen eines Ackers

beschäftigt, den ich im Herbst mit reifem Korn bestanden wiedersah.

[Illustration: Abb. 34. Eichen im Waldtal der Plaguša Planina (+Quercus

conferta+ W. K.).]

Von der Paßhöhe, von der der Pfad nach _Strumiza_ hinüberführte, führte

eine Talschlucht nordwestwärts, welche mit einem stattlichen Buchenwald

an der Südseite, am Nordhang mit einem lichten Eichenhain bedeckt war.

Dieses Waldtal habe ich während der beiden Jahre meines Aufenthalts

in Mazedonien mehrere Male besucht. Es gehörte wie die ganze _Plaguša

Planina_ zu jenen Gebieten, welche ich planmäßig zu allen Jahreszeiten

zu besuchen pflegte, um den Wechsel der Fauna und Flora zu beobachten.

Bei diesem Besuch genoß ich mehr das frische Grün des Buchenwalds

und seinen lichten Schatten, als daß ich eine reichliche Ausbeute

erzielt hätte. Diese stellte sich erst ein, als ich noch etwa 200 m

höher gestiegen, in die Gipfelregion des Gebirges gelangte. Beim

Anstieg kamen wir durch Buchengebüsch, dichte Bestände von Hainbuchen

und Ebereschen, zwischen denen als mir neue Pflanzen ein kleines

dunkelblaues Vergißmeinnicht und schöne Glockenblumen standen. Eine

der auffallenden Pflanzen dieses Gebietes war die wilde _Pfingstrose_

(+Paeonia decora+ Anders), deren rote Blüten zwar kleiner waren, als

diejenigen der Kulturrassen unserer Gärten, aber doch einen schönen

stattlichen Eindruck machten.

Als wir uns dem ersten Gipfel näherten, bot sich uns ein wundervolles,

farbenprächtiges Bild dar. Eine blumenreiche Wiese war in der

Gipfelregion von einem dichten Gebüsch von _Weißdorn_ bedeckt. Alle

diese Büsche waren in voller Blüte und die weißen Blumensträuße,

umrahmt von dem sattgrünen Laub, hoben sich scharf und klar von dem

tiefblauen Himmel ab. Es war ein wolkenloser Tag und wir genossen die

Sonnenwärme, die uns hier bestrahlte. Als wir vor Tagesanbruch um

4 Uhr im Tal abmarschierten, froren wir bei 9° C in unseren dünnen

Sommeruniformen; bis 9 Uhr war in 800 m Höhe die Temperatur schon auf

16° C gestiegen. Hier oben maß ich im Schatten mit dem geschwungenen

Thermometer 26° C.

Um die Blüten des Weißdorns flogen zahlreiche weiße Schmetterlinge,

eine Art der Gattung +Mnemosyne+, Verwandte des Apollofalters umher.

Auf den Blättern saßen metallisch glänzende Käfer aus der Gruppe

unseres _Rosenkäfers_ (+Cetonia aurata+, var. +viridiventris+ Reit.).

Bienen und bunte Fliegen umsummten die Blüten.

[Illustration: Abb. 35. Große Raubfliege (+Pogonosoma maroccanum+

Fabr.) +a+ von oben, +b+ von der Seite.]

Bei diesem ersten Ausflug in die Berge war ich noch nicht genügend für

die Sammeltätigkeit ausgerüstet, da mein Gepäck in Kaluckova noch

nicht angelangt war. Um so mehr konnte ich die Schönheit der Landschaft

genießen und mich in der mir ganz neuen Gegend orientieren.

Der erste Gipfel, den ich erstiegen hatte, erlaubte einen weiten

Überblick nach Osten, Norden und Westen. Im Süden war die nähere

Umgebung durch die Fortsetzung der Bergkette, aus der sich noch eine

Reihe von Gipfeln erhob, teilweise verdeckt.

Nach Norden setzte sich das von mir bestiegene Gebirge noch in

eine Gruppe niedriger Gipfel fort, zwischen denen die Täler tief

eingeschnitten waren. Seine Fortsetzung fand es in den Ketten, welche

gegen den Wardar bis Demir-Kapu sich hinzogen. An den Abhängen der

Berge und in den grünen Winkeln der Täler sah man kleine, türkische

Ortschaften eingeschmiegt, als solche zum Teil an den Minarets zu

erkennen. Nach der Karte erkannte ich Arazli Menekli, Kara Eliasli, und

Baceli-Cesme. Nach Süden sah man der Westkante des Gebirges entlang,

welche in schroffen Felswänden mehrere hundert Meter fast senkrecht zum

Wardartal abfiel. Über die vor mir liegenden Gipfel hinweg sah ich in

der Klarheit des schönen Maitages die Berge der Doiranfront mit allen

Einzelheiten vor mir liegen. Eine Menge von Ortschaften konnte man

erkennen, ja es waren unsere Stellungen und diejenigen der Feinde dort

deutlich zu sehen.

Fern hinter diesem Gebiet blitzten der Spiegel des _Doiransees_ und des

_Ardzansees_ auf. Zwischen ihnen ragt ein kegelförmiger Berg auf, der

_Dub_, eine vielumkämpfte Vorstellung unserer Truppen, welche einen

vollen Einblick in die feindlichen Stellungen im südlichen Wardartal

erlaubte. Dort schwebten zwei Fesselballons am Himmel und kaum waren

sie sichtbar geworden, als drüben eine heftige feindliche Beschießung

losging. Von den Granateinschlägen an einer Straße entlang, stiegen

mächtige schwarze Rauchwolken auf.

Mazedonien · 第 4 / 45 段