So waren denn schon im Sommer 1917 die meisten Schlafbäume verlassen;

später waren viele von diesen stolzen, schönen Produkten jahrhunderte

langen Wachstums der Holznot der Truppen zum Opfer gefallen. _Geier_

und _Adler_ kamen nunmehr selten ins Tal. Aber immer noch konnte man

täglich mehrere Paare der mächtigen Tiere, fast immer Männchen und

Weibchen gemeinsam, die weite Ebene überfliegen sehen, wenn sie von

einem Gebirge zum anderen flogen, in welchem sie ihre Schlupfwinkel

hatten, wo sie brüteten und vor Nachstellungen sicher waren. Die

Erinnerung an manche mazedonische Landschaft ist mir unzertrennbar

verknüpft mit dem Flugbild der stetig und rasch mächtige Weiten

durchfliegenden Raubvögel, die in wenigen Stunden von Griechenland

bis nördlich der Donau reisten, Kleinasien, die Dardanellen und

Albanien besuchten und über all den Kriegsschauplätzen majestätisch

hinschwebten, auf denen die Heere der Welt verteilt waren. Dann und

wann senkten sie sich nieder, um aus den Armeeschlächtereien, aus den

Abfallplätzen der Truppenlager, an Heerstraßen oder auf Schlachtfeldern

sich ihre Beute zu holen, ein Geschäft, an das in diesem Teil der

Welt seit Jahrtausenden jede Generation der Aasvögel sich wieder hatte

gewöhnen können.

[Illustration: Abb. 23. Haus mit Storchennest in Piravo.]

In dem feuchteren Teil der Ebene, gegen _Mravinca_ zu, sah man oft

große Herden von _Störchen_ durch Sumpf und Felder stelzen. Zwanzig

bis dreißig waren ihrer häufig und manchmal mochten es selbst ihrer

Hunderte sein, die man in einem Abschnitt der Ebene beieinander sah.

Es war ein reizvoller Anblick, wenn die großen, schwarz-weißen Vögel

mit ihren roten Beinen durch das hohe Gras und Schilf der sumpfigen

Strecken stolzierten, bald tief geduckt am Boden suchten, bald den

roten Schnabel hoch in die Luft warfen. Dann und wann ging ein

mächtiges Klappern vieler Schnäbel los. Das war die Zeit, wenn sie

ihre Jungen aus den Nestern hinausführten, und sie lehrten, ihre Beute

zu finden und zu fangen. Rings um die Ebene fanden sich auf Bäumen

und auf den Dächern der Häuser viele Storchennester. Nicht nur im

Sumpf zwischen Binsen, Schwertlilien und anderen Sumpfpflanzen wateten

die Störche umher, auch auf den trockenen Feldern wetteiferten sie

an Farbenpracht mit den Kornblumen, dem wilden, roten Mohn und den

Kamillenflächen. Dort waren sie eifrig hinter Eidechsen und vor allem

Heuschrecken her, die mit dem fortschreitenden Sommer heranwuchsen und

allmählich eine sehr lohnende Beute darboten.

So viel _Frösche_ die Störche auch fingen, man hatte doch den Eindruck,

daß es deren nicht weniger wurden, wenn man nachts durch die Ebene

wanderte. Wenn der Vollmond sein Licht durch die Büsche schickte

und die fernen Felsengrate der Gebirge silbern aufleuchteten, dann

schallte über die Ebene das gewaltige Konzert der Frösche. Ungeheuer

viel von diesen Tieren mußte es hier geben, denn es klang wie ein

gewaltiges Riesenorchester, was da aus dem Sumpfe erscholl. Die

Stimme des häufigsten mazedonischen Frosches klingt anders als die

unserer Frösche, obwohl die _Rana ridibunida_ Pall., der mächtig

große Frosch dieses Landes, unserem Teichfrosch sehr nahe steht.

Aber sein gewaltiges, sonores Lachen und Meckern, das ihm den Namen

des _Lachfrosches_ gebracht hat, ist eine eigenartige, volltönende

Melodie, die in stiller, einsamer Nacht einen großen Eindruck macht.

Mein getreuer Mitarbeiter und Begleiter, der tüchtige Herpetologe

Prof. _Lorenz Müller_, stand seinen Lieblingen und Opfern so nahe,

daß er wundervoll und täuschend ihre Stimmen nachmachen konnte. Hatte

er unsere Gesellschaft durch sein Gequake in heiterste Stimmung

versetzt, so konnten wir alle nicht mehr anders, als mit freundlichen

Erinnerungen des mazedonischen Lachfrosches gedenken.

Einen Vogel, der in der Ebene von Hudova durch sein massenhaftes

Auftreten einen besonderen Eindruck machte, möchte ich nicht vergessen.

Es ist das der _Truthahn_, der auf dem Balkan sehr viel als Haustier

gezüchtet wird. Während man ihn bei uns meist nur in einzelnen Paaren

im Bauernhof zu sehen pflegt, wird er hier im Süden in großen Herden

auf die Weide getrieben. 400-500 Truthähne und Truthennen mit ihren

Kücken wanderten oft durch die Büsche und Maulbeerhaine. In langen

Reihen liefen sie hintereinander und wenige Kinder genügten, um sie

zusammen zu halten, auf die Weide hinaus und sicher in die Dörfer nach

Hause zu treiben, wo sie mit den Hühnern auf den Bäumen übernachteten.

Ein buntes, malerisches Bild war solch eine Putenherde, wenn sie,

geleitet von den farbig gekleideten Mazedonierkindern durch das

blühende Unkraut, die Kornblumen und den Mohn, geschäftig, den Schnabel

am Boden, dahinliefen. Mancher solche Truthahn, um teures Geld gekauft,

wanderte mit dem Urlauber in das hungernde Deutschland.

VIERTES KAPITEL

MRAVINCA UND SEIN FELDLAZARETT.

MAZEDONISCHE SCHILDKRÖTEN UND FISCHE.

Wie viele schöne Erinnerungen, menschliche und wissenschaftliche

Eindrücke weckt mir der Name _Mravinca_. Von Kaluckova waren es etwa

zwei Stunden Wagenfahrt über die Ebene südlich nach Mravinca. Von

weitem schon, gleich nach der Ausfahrt, sah man über die ganze Ebene

hinweg das weiße Schwesternhaus blinken, das hoch am Hügel gelegen,

einer kleinen Kapelle glich. Dahinter erhoben sich die rosagrauen

Hügel, dürr und unscheinbar, verbranntes, ödes Gelände, das aus der

Ferne keine Reize versprach. Kam man näher, so sah man die tiefen

Schatten der Schluchten das Gelände zerlegen, davor jetzt Anfang Juni

noch grüne Wiesen und Gemüsegärten; hie und da blinkte Wasser des

Flüßchens und von Bewässerungskanälen auf, getrennt und beschattet

von Gruppen von Weiden, grüne Streifen in der Landschaft mit ihrer

Einfassung durch Schilf, Binsen und Schwertlilien bildend. Vor dem

Steilabfall des Hügelrandes führte die Landstraße von _Valandova_ nach

_Miletkovo_ zwischen den Bauten des Feldlazaretts 358 hindurch, oft bei

starkem Verkehr die ganze Gegend mit Staub überschüttend.

Ritt man näher heran, so hatte man zunächst den Eindruck eines großen

Zeltlagers. Talwärts von der Landstraße breiteten sich etwa ein Dutzend

große braune Segelstoffzelte aus, an denen die deutschen Fahnen lustig

im Winde flatterten. Die Krankenzelte waren meist für Verwundete

bestimmt; denn das Feldlazarett 358 war ein chirurgisches Spital.

Auf den ersten Anblick schien die Anlage höchst ungeeignet als

Lazarett. Man dachte, der Staub der Landstraße müsse das Leben dort

unleidlich gestalten und die Heilung der Wunden gefährden. Auch

schien die Hitze in dem offenen, baumlosen, schattenfreien Gelände

wohl unerträglich zu sein und in den geschlossenen Zelten mußte sie

wohl noch gesteigert sein. Aber bei genauerem Zusehen erwies sich

das Lazarett als sehr geschickt angelegt. Schatten war im Gebiet

nirgends zu haben. Staubentwicklung war hier im feuchtesten Winkel

der Hudovaebene immerhin geringer als sonstwo, die Zufahrtsstraßen

waren sehr günstig, um den An- und Abtransport der Verwundeten zu

beschleunigen.

Zudem waren die Zelte, in denen Kranke lagen, alle mit

Berieselungsanlagen versehen, welche eine gewisse Abkühlung

ermöglichten. Ein großer Wasserturm, der zu diesem Zweck errichtet war,

verriet, daß genügend Wasser vorhanden sein mußte. Dazu kam die Lage

des Lagers am Ausgang einer Schlucht, welche abends mit dem Talwind

regelmäßig Kühlung brachte.

Ferner war das Lazarett mit den Jahren der Besetzung des Landes

immer stabiler geworden. Es war immer mehr zum Musterlazarett des

Kriegsschauplatzes geworden. Für mich und meine Leute war es bei der

gastlichen Aufnahme, die wir dort stets fanden, nach anstrengenden

Märschen und schwerer Arbeit ein richtiges körperliches und geistiges

Erholungsheim. Der Chef, _Stabsarzt_ Dr. _Weyer_, eine frische,

tatkräftige Persönlichkeit, empfing mich, nachdem ich ihm meinen

ersten Besuch gemacht hatte, stets fröhlich und gastfrei. In seinem

Lazarett hielt er auf strenge Ordnung und Sauberkeit. Und er hatte alle

Möglichkeiten ausgenützt, um sein Lazarett zu vervollkommnen. Viele

glückliche Operationen hatten ihn in freundschaftliche Beziehungen zu

bulgarischen Truppen gebracht, die ihm in der Folge durch Lieferung

von Steinen und anderem Baumaterial sein Lazarett verbessern halfen.

So habe ich im Verlauf meiner Besuche in _Mravinca_ dort zwei lange,

luftige Steinhäuser entstehen sehen, in denen die Verwundeten im Sommer

kühler, im Winter wärmer lagen, als in den Zelten. So war denn auch zum

Schluß ein stattliches, steinernes Operationshaus gebaut worden, das

sterile Räume enthielt und viel sicherer zu operieren gestattete, als

das alte Operationszelt.

Nicht minder gut war für die Mannschaft und das Pflege- und

Sanitätspersonal des Feldlazaretts gesorgt. Eine besondere Wohltat

war ein schönes zementiertes Schwimmbassin, in dem ein Dutzend Männer

schwimmen und sich im Wasser tummeln konnten. In ihm habe ich manche

erquickende Stunde mit den jungen Fliegeroffizieren von _Hudova_

verbracht; denn Badegäste aus der ganzen Nachbarschaft kamen fast jeden

Tag dort an.

Diese wurden auch oft im Lazarett bewirtet und gastlich beherbergt,

wie das mir ja nicht selten widerfuhr. Jenseits der Landstraße war am

Abhang der Hügel eine ganze Reihe von „Unterständen‟ eingebaut, kleine

Hütten mit steilen Dächern, am Felsen angelehnt oder zum Teil in ihn

eingefügt. In jedem dieser malerischen, sauberen Häuschen war je einer

der Beamten des Lazaretts wohnhaft und jeder hatte es im Laufe der Zeit

behaglich ausgestattet und je nach seiner Individualität künstlerisch

eingerichtet. Da wohnten der Oberapotheker, die jüngeren Ärzte,

die Inspektoren, der Röntgeningenieur. Ganz oben über den anderen

Bauten in luftiger Höhe am Berg, erhob sich das weiße Schwesternhaus,

das wir schon aus der Ferne erblickt hatten, bewohnt von vier ganz

vorzüglichen, sympathischen Operations- und Verwaltungsschwestern. Hoch

über den Männern hausten diese einträchtig in dem sauberen, zierlich

ausgeschmückten Heim. Es war immer ein fast formeller, feierlicher

Besuch, den man in dem feinen Häuschen abstattete. Die vier, nicht

ganz jungen, sehr gut zusammen eingearbeiteten, getreuen Schwestern

mit ihrer unermüdlichen, aufopfernden Tätigkeit für ihre Verwundeten

werde ich nicht so leicht aus dem Gedächtnis verlieren. Ich lernte das

Lazarett genau kennen, habe manche Pflege, manche Operation mit erlebt,

Sanitätsschule, tägliche Prüfung der Mannschafts- und Krankenkost

mitgemacht. Und noch dazu manche schöne, fröhliche Stunde dort erlebt.

Während Mittags die Männer und die Schwestern gesondert rasch zwischen

der Arbeit ihre Mahlzeit zu sich nahmen, versammelte man sich abends

nach getaner Arbeit gemeinsam in den Kasinos. Im letzten Jahre gab

es ein Sommer- und Winterkasino. Ersteres war das interessantere,

letzteres das künstlerisch bessere.

Das Sommerkasino war ein ganz kunstloser Käfig; es war aus einem

dünnen Gestell aus Balken und Latten gebaut, mit einem festen,

dachpappegedeckten Holzdach überwölbt, seine Außenwände bestanden

aber nur aus Drahtgaze, so daß es aussah, als sei es durchsichtig. So

konnte man bei Tag und was noch wichtiger war im helldurchleuchteten

Drahthaus nachts verweilen, ohne von den Malariamücken gefährdet zu

sein. Im kühlen Windzug, der von den Bergen kam -- das Kasino lag am

Ausgang der Schlucht --, konnte man in der heißesten Zeit des Jahres

dort tafeln und sich bis tief in die Nacht der getanen Arbeit und

seines Lebens freuen. Da saß ich oft an dem großen kreisrunden Tisch

mit den tüchtigen, freundlichen und fröhlichen Menschen, Männern

und Frauen, die hier drei Jahre lang im Dienste des Heeres und des

Vaterlandes gemeinsam verdienstvolle Arbeit geleistet haben. Da wurde

erzählt, diskutiert und debattiert. Man erfuhr viel von Landessitten,

von medizinischer Arbeit, von der Natur des Landes und sprach viel von

zukünftigen Absichten in der Heimat im Frieden; denn damals war noch

frische, zuversichtliche Stimmung und jedermann dachte an ein starkes,

tüchtiges, sicheres Vaterland nach dem Kriege. Da wurde auch manchmal

gesungen und mit allerhand Aufführungen ein Fest gefeiert. Jedermann

hatte Interesse für meine Arbeit, beobachtete und sammelte mit mir, und

jedesmal, wenn ich in längeren Zwischenräumen wieder als Gast eintraf,

hatte man mir interessante Funde von Tieren, Nestern und Bauten

aufgehoben. So ist es verständlich, daß ich mit meinen ganzen dort

so gut aufgehobenen Leuten niederen und höheren Ranges immer wieder

gern in _Mravinca_ einkehrte und einige Tage Ruhe und Erfrischung

suchte. Nach starker, ermüdender Arbeit konnte man hier unter fleißigen

Arbeitsmenschen eine schöne Erholung und Anregung finden. _Mravinca_

nannte ich daher, solange ich in Mazedonien war, mein seelisches

Erholungsheim.

Und manche stille beschauliche Stunde habe ich dort auf der Veranda

des schönen hochgelegenen Hauses des Chefarztes zugebracht, das er

mit verfeinertem Geschmack und einfachen Mitteln der widerspenstigen

Natur des Landes abgezwungen hatte. Im Liegestuhl ausgestreckt, nach

kühlendem Bad im Schwimmbassin, wartete ich im sinkenden Tag die Zeit

ab, zu der all die fleißigen Frauen und Männer mit ihrer Tagesarbeit

fertig waren und die Hände zum leckeren Mahle ausstrecken konnten.

Da sank dann mir gegenüber die heiße Sonne Mazedoniens allmählich

gegen den Rand der Ebene hinab. Links von mir blinkten vom Wardar

rote Strahlen zurück, noch über ihm hinaus leuchteten die Berge der

_Marianska Planina_ und die schönen, schlanken Gipfel der _Mala Rupa_

in glänzenden Farben auf, daß man meinen konnte, sie beständen aus

einer purpurnen und violetten, glühenden Masse. Zur Rechten zog sich

die Kette der _Plaguša Planina_ hin, in fahlerem Licht und dennoch mit

tiefen Schattenflecken. Gerade mir gegenüber sperrten das Nordende des

Tals Ketten von gezackten Felsenbergen, eine hinter der anderen, in den

verschiedensten zarten Abtönungen von Blau sich voneinander abhebend.

Märchenlandschaften mußten in jenen mattleuchtenden Tälern verborgen

sein, aus denen feine Nebel aufstiegen und zu den flammenden Wolken

wanderten, die sich wie viel gewaltigere Gebirge über jene zarten

blauen Berge türmten. Wie vom herrischen Pinsel eines großen Meisters

gemalt, war das Gewölbe des Himmels hoch hinauf mit leuchtenden gelben,

flammendroten, tiefblauen, grauvioletten, rotbraunen und grünlichen

Wolken behängt. Das häufte sich übereinander, bäumte sich auf und

zerfloß am obersten Rande in ein ätherisch klares sanftes Blau, das

bis zu mir herüber sich wölbte, während über meinem Ruhesitz der erste

Stern sein mildes Licht aufstrahlen ließ. Unten in der verdunkelnden,

kühl blauenden Ebene, auf der die Schatten der Berge und Wolken

sich allmählich immer mehr vorwärtsschoben, tauchte plötzlich eine

Staubwolke rotgelb im letzten Scheine der Sonnenscheibe auf. Der helle

Hauch erlosch in dem Augenblick, als die Sonne oben zwischen den fernen

Schneebergen und den Felsenmassen von _Demir Kapu_ fast im Norden

versank. Kühle blaue Töne, zarte Nebelstreifen wanderten weiter den

östlichen Bergen zu, über denen im grünblauen, stillen Himmelszelt

zartrosa gefärbte, kleinste Wölkchen schwebten.

[Illustration: ♂ ♀ Abb. 24. +Satyrus fatua+ Freg.]

[Illustration: Abb. 25. Hummelfliege (+Collostoma fascipenne+ Sch.)

Kaluckova.]

Das waren stille, friedliche Ruheabende in _Mravinca_ vor

arbeitsreichen Forschungstagen, zu denen jedesmal der frühe Morgen

des zweiten Tages nach der Ankunft rief. Dann ging es meist zuerst

aufwärts in die dürren Hügel hinter dem Feldlazarett durch steile

Schluchten an dem halb verfallenen Dorf _Mravinca_ vorbei, wo fleißige

Bauern schon in der Morgenfrühe bei der Arbeit waren. Ein römischer

Sarkophag nahe bei dem Dorf hielt mich kurze Zeit auf, ehe ich auf

die Hochebene stieg, wohin mich die Interessen des Naturforschers

mächtig lockten. Dort breitete sich eine wellige Fläche aus, mit

trockenem kurzem Gras bedeckt, in die mit scharfen Kanten aus der

Fläche geschnitten, tiefe, steile Schluchten sich senkten. Deren

Ränder waren auf beiden Seiten etwa gleich hoch. Man sah in ihre

Tiefe erst hinab, wenn man dicht am Steilrand stand. Die Wände waren

so steil, die Brüche schienen so frisch, daß man glauben konnte,

sie seien von Menschenhand am Tag vorher gegraben. Es war ein ganz

anderer Typus von Schluchten, als ich sie aus dem Felsengebirge in

einem der nächsten Kapitel beschreiben werde. Hier sah man, wie die

Schluchten entstanden und wuchsen. Man konnte sie von ganz kleinen

ersten Anfängen, von zentimetergroßen Vertiefungen bis zur Entwicklung

zu hundert Meter tiefen, gewaltigen Schluchten verfolgen. Die größte

dieser Schluchten hatte bei unseren Soldaten in der Gegend den Namen

der _Fuchsschlucht_ nach irgend einem Jagderlebnis erhalten. Auf

der trockenen Hochfläche sah man nach verschiedenen Richtungen die

Schluchten laufen, die alle am oberen Ende noch im Wachsen begriffen

waren und an denen immerfort noch Verzweigungen entstanden. Am unteren

Ende, gegen den Wardar hin, riß das Hochwasser nach starken Regengüssen

große Massen der lehmigen Erdmassen von den Wänden ab, und schwemmte

die fein sich verteilende Masse zum Fluß. So entstand am Wardar eine

breite Sandschicht, die deltaähnlich in den Fluß sich erstreckte.

Wenn unten Masse weggeschwemmt worden war, stürzte immerfort Masse im

oberen Teil der Schlucht nach. Das erfolgte bald an der einen, bald an

der anderen Seite der Schlucht. Dieses Nachstürzen war eine spätere

Folge der Hochwassertätigkeit und erfolgte in Zeiten, in denen sehr

wenig oder gar kein Wasser in der Schlucht floß. Während das Erdreich

austrocknete, entstanden Sprünge im Boden und große Stücke lösten sich

los und kollerten den Abhang hinunter. Dadurch wurden die Zustände am

oberen Rand wieder verändert, neue Sprünge entstanden, neue Blöcke

lösten sich ab und stürzten in die Schluchttiefe. Dort füllten sie das

Bachbett auf, sperrten auch oft den Wasserlauf.

Die steilen Schluchtwände, rotgelb gefärbt, bestanden meist aus ganz

gleichmäßiger feiner Substanz; sie sahen fast wie Lehm oder Löß aus.

Die Schichten, aus denen die Schluchten gegraben waren, entstammten

offenbar den höheren Hügeln und Bergen, aus denen das Wasser sie

hinabgeschwemmt und in gleichmäßiger Verteilung an ihrer jetzigen

Stätte abgelagert hatte. Hie und da ragten aus der feinkörnigen Masse

größere und kleinere weiße Gesteinsbrocken heraus.

[Illustration: Abb. 26. Unterer Teil der Fuchsschlucht bei Mravinca.]

[Illustration: Abb. 27. Hummelfliege +Exoprosopa vespertilio+ Wd. Nat.

Gr.]

Die Wände der Schluchten dienten einer Menge von Tieren zum Nestbau.

Außer den Bauten vieler _Bienen_ und _Wespen_ waren zahlreiche

_Vogelnester_ in die Lehmwände eingebohrt. An manchen Stellen sah man

ein großes, dunkles Loch neben dem andern an der sonnenbestrahlten,

gelben Schluchtwand. Die Vögel, welche hier in den Löchern brüteten,

waren für die Augen des Nordländers auffällige, seltsame Formen.

Es waren die farbigsten Vögel Mazedoniens, die hier hausten. Die

_Blaurake_ und der _Bienenfresser_ flogen um die Schlucht und letztere

vor allem tauchten immer wieder zu den Nestlöchern herunter, dabei

ihre eigenartigen Zickzackflüge ausführend. Auch _Wiedehopf_ und

_Kappenammer_ trugen zur Buntheit in der Vogelwelt bei. Daß alle

diese Formen als Zugvögel meist erst im Mai im Wardartal auftreten, ist

unten im 37. Kapitel besprochen.

[Illustration: WARDAREBENE BEI MRAVINCA. Im Hintergrund Plagusa

Planina.]

Jede Wanderung durch die Fuchsschlucht brachte neue Beobachtungen

und neue Funde. Um den Bach flogen viele Libellen und machten auf

Fliegen, Schmetterlinge, Eintagsfliegen eifrig Jagd. Unter den

Zweiflüglern spielten wieder die +Bombyliden+ eine große Rolle.

Zwei charakteristische Formen sind (Abb. 25 u. 27) abgebildet. Die

Schmetterlinge, Heuschrecken, Käfer und Ameisen entsprachen meist den

Formen, die bei Kaluckova und Hudova vorkommen. Aber auch unter ihnen

fanden sich manche Besonderheiten.

Am Schluchtbach war ein dichtes Buschwerk von Brombeerbüschen,

Schlehdorn, Stacheleichen entwickelt, zwischen denen Sumpfpflanzen

verschiedener Art, vor allem viel Wasserminze wuchs. Ende Juni 1917

waren diese Büsche von vielen Hunderttausenden einer Käferart bedeckt

(+Anomala solida+ Er.), welche alles kahlfraßen. Man hätte leicht

Eimer voll von diesem Käfer sammeln können. Auf den Minzen fanden sich

zahlreich die schönen metallisch glänzenden +Chrysomela menthastri+

Suff. Nicht selten war ein Spanner +Larentia corollaria+ H.-S.

Am Ausgang der Schlucht gegen den Wardar waren die Hänge mit reichlich

Geröll bedeckt. Hier waren die Fundorte für eine Anzahl südliche und

Steppenformen, wie die großen Gliederspinnen (+Galeodes graecus+ C. L.

Koch), verschiedene Arten von Skorpionen und riesige Tausendfüßler.

Unten am Wardar selbst und in dem sumpfigen Teil der Ebene, wo der

Koslodere in den Strom einmündete, war ein üppiges Gelände von alten

Weidenbäumen bestanden. Es waren richtige kleine Weidenwälder. Der Bach

durchfloß die Fläche in verschiedenen Windungen, an seinem Ufer wuchsen

Schilf, Röhricht, Schwertlilien und viele Wasserpflanzen.

Das war auch ein Gebiet, in welchem zahllose Libellen umherflogen;

neben den stahlblauen Wasserjungfern schwebten trägeren Fluges die

zarten blauschwarzen, grünschwarzen und goldgelben Arten von +Lestes+,

+Agrion+ und +Gomphus+, zwischen ihnen sausten gewalttätig die

großen roten, grauen, braunen, zum Teil schwarzgefleckten Formen von

+Libellula+ und +Aeschna+. Gerade die letzteren waren schwer zu fangen,

und es war eine Freude, waren sie endlich mit metallischem Klirren im

Insektennetz gelandet.

Es war schön, im Frühsommer auf den blumenreichen Wiesen stundenlang

beobachtend zu verweilen, wenn die großen Wolkenmassen am Himmel

schwebten und ihre Schatten auf die weite Ebene und das jenseits sich

erhebende Gebirge der Plaguša Planina warfen. Da entstanden Bilder von

größtem malerischen Reiz, die mir unvergeßlich geblieben sind.

Es konnte aber auch glühend heiß sein; einmal hatte ich den Eifer im

Verfolgen der Libellen zu weit getrieben; mehrere Stunden lang hatte

ich am schattenlosen Ufer die flinken Tiere verfolgt und war mit

reicher Beute heimgekehrt. Nachts überfiel mich aber hohes Fieber und

allerhand unangenehme körperliche Erscheinungen zeigten mir, daß ich

einen Sonnenstich erlitten hatte, von dem ich mich aber in zwei Tagen

wieder erholte.

Der Kosloderebach beherbergte in seinem Wasser eine Sumpfschildkröte,

die wir -- so eifrig mein Begleiter, Professor _Lorenz Müller_, sich

auch nach den Reptilien umschaute -- nur hier fanden; sie kommt auch

am Doiransee vor. Es ist die _kaspische Sumpfschildkröte_ (+Clemmys

caspica virulata+ Val.). Sie kommt offenbar nördlich der Hudovaebene in

Mazedonien nicht vor.

Ich nehme Anlaß, bei dieser Gelegenheit einiges von den übrigen

mazedonischen _Schildkröten_ zu berichten. Sehr häufig war im

ganzen Land in allen möglichen stehenden Gewässern die gewöhnliche

_europäische Sumpfschildkröte_ (+Emys orbicularis+ L.). In allen

Teichen und Tümpeln, in Bächen, Straßengräben, Reisfeldern tauchten die

plumpen schwarzen Tiere gelegentlich auf.

Außer diesen zwei Wasserschildkröten kommen in Mazedonien zwei

Landschildkröten, damit also im Land im ganzen vier Schildkrötenarten

vor. Diese Landschildkröten waren in den meisten Gegenden des

Flachlandes von Mazedonien so häufig, daß man sie nicht übersehen

konnte. Mit ihren langsamen, watschelnden Bewegungen, mit dem Gepolter,

mit dem sie durch eine steinige Schlucht oder durch ein dichtes

Gebüsch hindurchrumpelten, verrieten sie sich auf weite Entfernung

und besonders die deutschen Soldaten schenkten ihnen eine weitgehende

Beachtung. In vielen Lagern und Quartieren wurden sie lebend gehalten

und ich übertreibe nicht, wenn ich erzähle, daß viele Tausende von

ihnen als Heimatpakete nach Deutschland geschickt wurden oder mit

Urlaubern heimreisten.

Mazedonien · 第 3 / 45 段