Nachmittag waren regelmäßig schon 22-27° C im Schatten zu messen,
also Temperaturen, bei denen unsere Schulkinder zuhause schon
„Hitzferien‟ gehabt hätten. Ein wunderbarer blauer Himmel wölbte sich
über der Ebene, meist am Nachmittag von großen weißen Wolkenballen
durchsegelt, welche mächtige Schatten auf die umgebenden Berge warfen.
Seufzend wanderte mein tüchtiger Bursche an meiner Seite, ein braver
Bergwerksarbeiter vom Niederrhein namens _Saddeler_. Das war die
erste Hilfe, die mir die Armee zugewiesen hatte. Er versorgte mich
gut und faßte sofort Interesse für meine Tätigkeit, wanderte flott
und eifrig mit mir durch das Land, wenn auch für seine Bergmannsaugen
das Sonnenlicht Mazedoniens eine neue Gewöhnung erforderte. Ich
erinnere mich gern an den tüchtigen Mann, der nach einigen Wochen zur
Bergwerksarbeit heimgerufen wurde und mir von dort noch öfter Nachricht
schickte.
Als ich die Ebene von Hudova durchstreifte, begleitete mich Saddeler
zum ersten Mal und war fleißig mit mir auf der Jagd nach Insekten.
Stundenlang konnte man durch die Maulbeerpflanzungen wandern, behindert
nur manchmal durch die verwilderten Hecken. Hier war es einsam und
die fleißigen Arbeiter fehlten, die sonst im Dienste des Seidenbaues
emsig tätig gewesen waren. Im unteren Wardartal war ein Zentrum der
_Seidenkultur_ des Balkans gewesen. Die Maulbeerbäume lieferten das
Laub als Futter für die Raupen des Seidenspinners und wurden von der
hier im Gebiet schon stark mit Griechen vermischten Bevölkerung fleißig
gepflegt. Die Dörfer am Rande der Ebene, so besonders _Piravo_, lebten
vom Seidenbau und in vereinzelten Häusern konnte man jetzt auch im
Kriege noch die Hürden mit Raupen bei der Fütterung und mit den Puppen
in ihren Kokons in den Händen der Leute sehen. Aber im großen und
ganzen ruhte der Seidenbau und die großen weißen Häuser von _Gewgeli_,
dem Zentrum des Seidenhandels, die man von den Höhen aus fern am
Wardar im Süden schimmern sah, waren zerschossen und die ganze Stadt
verödet. Zwischen den Maulbeerbäumen der Ebene von Hudova weideten
große Herden von Ziegen, Rindern und Pferden, die jetzt am Boden noch
reichlich Futter fanden. Später im Jahr jedoch, wenn Gras und Kräuter
verdorrt waren, da sah man die Weidetiere an den Maulbeerbäumen sich
das letzte Grün holen. Es war ein bizarrer Anblick, wenn magere Rinder
und Ziegen, selbst Pferde mit den Vorderbeinen in die Bäume stiegen
und von den obersten Zweigen die Blätter abrupften.
[Illustration: Dr. _Laser_ phot. Abb. 20. Frühlingswiese mit
Granatapfelbusch bei Kaluckova.]
Teils unter den Maulbeerbäumen, teils zwischen ihnen dehnten sich
prachtvolle Felder von _Roggen, Weizen, Gerste_ und _Hafer_ aus, welche
im Jahre 1918 durch die Arbeit unserer Truppen gewaltig zugenommen
hatten. Der sandige Schwemmboden des Hudovatals trug reiche Frucht,
wenn er gut bearbeitet wurde. Dabei war in vielen Gewannen künstliche
Bewässerung notwendig. In der Ausnützung der Schluchtbäche, der
Nebenflüsse des Wardar und dieses Flusses selber haben unsere Soldaten
viel von den Bulgaren gelernt, welche auf diesem Gebiet ausgezeichnete
Fachleute sind.
Manche Teile der Ebene glichen einem reichen Garten; da rankten an
den Maulbeerbäumen die Reben hinauf und zwischen ihnen waren Tomaten,
Zwiebeln, Bohnen angepflanzt. Die Reben wurden hier im Gebiet
hauptsächlich zur _Rosinenerzeugung_ gezogen. Wie ein Mittelpunkt des
Seidenhandels, so war _Gewgeli_ auch eine Stätte des _Rosinenhandels_
gewesen. Der Wein blühte hier zwischen dem 15. Mai und 1. Juni; die
Trauben reiften von Ende Juli an und hielten sich bis tief in den
Herbst hinein. Die Bevölkerung des Tals hatte unter den relativ
ruhigen Verhältnissen während unserer Besetzung den Anbau immer mehr
aufgenommen. So sah man oft Männer, Frauen und Kinder schon in der
ersten Morgenfrühe und bis spät in die Nacht auf den Feldern arbeiten.
[Illustration: Abb. 21. Blühendes Mohnfeld. Mitte Mai bei Valandova
1918.]
Besonders auffallend war für unsere deutschen Augen der Anbau von
zwei Ackerpflanzen, von _Mohn_ und _Baumwolle_, die hauptsächlich im
südöstlichen Teil der Ebene, gegen _Piravo_ und _Valandova_ hin, viel
gepflanzt wurden. Die blühenden _Mohnfelder_ gehörten in der ersten
Maihälfte zu den köstlichsten landschaftlichen Reizen dieser Gegend
(Abb. 21). Unter den zartgrünen, von Weinlaub umrankten Maulbeerbäumen
dehnten sich weithin die Felder mit den stattlichen, über 1 m hohen
Mohnpflanzen aus, deren weiße und violette gefüllte Blüten sich
gravitätisch im leichten Winde wiegten. Wie schimmerten die Felder
silberig mit ihrem milchiggrünen Laub, wie bunt und heiter hoben sie
sich von den dunklen Bäumen, die sie umrahmten, und von dem zarten
Blau der fernen Berge ab. Welch zarte Abtönung der Farbe zeigten die
Blütenblätter mit ihren welligen Rändern.
[Illustration: Abb. 22. Mohnfeld mit vielen Kapseln. Bei Valandova Ende
Mai.]
Ende Mai war der _Mohn_ verblüht und jeder Stengel trug wie ein
gekröntes Haupt die dicke grüne Kapsel (Abb. 22), welche nun von den
fleißigen Bauern, die vorher an den Mohnfeldern durch Hacken und
Unkrautbekämpfen schon reichlich Arbeit geleistet hatten, „geringelt‟
wurden. Das ist eine mühsame Arbeit, die sehr sorgfältig ausgeführt
werden muß. Jede Kapsel bekommt einen wagerechten Ringschnitt, der
nicht ganz herumgeführt wird. Meist werden mehrere Schnitte gemacht.
Aus der Wunde fließt ein milchiger Saft hervor, der harzig gerinnt,
meist nach einem Tage abgenommen und zu Klumpen zusammengeballt wird.
Diese werden dann zu einer Art Kuchen zusammengeknetet und stellen
eines der wichtigsten Landesprodukte dar. Aus ihnen werden _Opium_,
_Morphium, Morphin_ und all die wichtigen Arzneimittel hergestellt, die
von diesen Substanzen abgeleitet sind. Es war für unsere Kriegsführung
von der größten Bedeutung, daß wir ein Opiumland in der Hand hatten. So
gefährlich dies Produkt der schönen Pflanze als Gift und Genußmittel
ist, so segensreich hat es sich bei Hunderttausenden von Verwundeten
als Mittel zur Narkose und Schmerzlinderung erwiesen. Das Rohprodukt
wurde nach Deutschland geschafft und in dessen chemischen Fabriken
weiterverarbeitet.
Die Fruchtkapseln, welche das Opium geliefert haben, sind noch
imstande, Samen zu reifen. So sieht man denn im Juni die Felder gelb
und braun werden. Schüttelt man die Kapseln, so rasselt es, als seien
Schrotkörner darin. Die kleinen, schwarzen Samen werden geerntet
und aus ihnen ein sehr gutes _Öl_ gewonnen, von dem manche Flasche
von unseren Soldaten zur Erleichterung der Fettnot nach Deutschland
geschickt wurde. So stellt die Mohnpflanze mit ihrer doppelten Ernte
ein sehr wichtiges, kostbares Landesprodukt Mazedoniens dar. In der
Menge der Produktion wird Mazedonien allerdings von Kleinasien, Indien
und China bei weitem übertroffen.
Nicht so wichtig, aber immerhin ein interessantes Erzeugnis der
fruchtbaren Erde Mazedoniens ist die _Baumwolle_. Sie wird hier im
Lande in einer einjährigen, krautigen Form gezogen. Im Frühjahr
erinnert eine Pflanzung fast an ein Kartoffelfeld, später im Herbst,
wenn die Kapseln platzen und der dicke Wattebausch aus den Spalten
quillt, dann sieht sie ganz eigenartig und ungewohnt aus, allerdings
nicht so schön als in den Tropen; denn im trockenen Land Mazedonien
pflegt im Spätsommer alles zu verstauben.
Vor allem im Jahre 1917 gab es zwischen den Feldern noch viele
brachliegende Strecken. Da blühten bunte Blumen und um sie wimmelte
eine reiche Insektenwelt. Große Büsche von roten Wicken und grelle
Flecken einer gelben Wolfsmilchart waren neben Brombeer- und
Weißdornbüschen die häufigsten Pflanzen. _Bockkäfer_ und schwarze
_Blattwespen_ saßen in dichten Scharen auf der Wolfsmilch. Um die
Weißdornbüsche flatterten _Schmetterlinge_ in großen Scharen, die
vollkommen unseren einheimischen Formen glichen. Da herrschte,
entsprechend seiner Futterpflanze, der _Heckenweißling_ (+Aporia
crataegi+ L.) vor, von dem ganze weiße Wolken die Hecken umschwebten.
Fast ebenso häufig waren die _gelbe Acht_ (+Colias croceus+ Foure)
und der _Distelfalter_. Letzterer (+Vanessa cardui+ L.) ist in dem
distelreichen Lande Mazedonien geradezu der Charakterschmetterling.
Überall findet man ihn, auf Feldern und Wiesen, an den Flußufern,
in den Schluchten, im Gebirge. Hier in der Ebene war er massenhaft
vorhanden. In großen Mengen flog auch der Grasfalter +Pararge Megaera+
L.
Auf Brachfeldern wuchsen in üppiger Pracht _Kornblumen_ und _roter
Mohn_, die man hier im Lande oft schon im April blühen sieht. Mit
ihnen kommen Doldenpflanzen reichlich vor. Das war der Tummelplatz
vieler _Blattwespen_ und _Schlupfwespen_. _Bienen_ sammelten den
Blütenstaub des Mohns oder schnitten dessen rote Blumenblätter. An
den Wegen sah man sie ihre Löcher im Boden bauen. Auch andere Formen
von Solitären flogen hier (Abb. 22 b). Über ihren Baustätten strichen
in brummendem Flug Hummelfliegen aus der Familie der _Bombyliden_.
In raschem Zickzackflug flogen braungraue _Wollschweber_ (+Bombylius
fuliginosus+ Wd. und +punctatus+ Fb.) um die Blüten, mit ihrem
langen Rüssel in diese hineinlangend, während _Trauerschweber_ mit
düster gefärbten Flügeln über den lehmigen Pfaden hinflogen, die
Bienenlöcher aufsuchend, in denen sie ihre Eier an den Bienenlarven
ablegen (Anthraxarten, +A. fenestrata+ Fabr., +A. polyptermes+ Mg.
und andere). Diese Fliegengattungen schmarotzen im Larvenzustand an
Schmetterlingsraupen und vor allem an Bienenlarven. Zwischen den
Büschen huschte eine wenig scheue, große, gutfliegende Heuschreckenart
umher. Auf den Blüten tummelte sich ein reiches Leben von Käfern und
Blattwanzen. Zwischen den Gräsern liefen langbeinige Weberknechte in
großen Scharen umher. Es waren dies +Zachus crista+ Brüll., eine große
Art mit weißem Strich über dem Rücken und hell geringelten Beinen,
sonst ganz schwarz, und eine kleinere hellere Form +Metaphalangium
propinquum+ (_Lucas_). Es freute mich, diese Tiere zu erbeuten, denn
der Spinnenkenner Dr. Roewer hatte vor der Ausreise mich wissen lassen,
daß keine einzige Art von Weberknechten bisher aus Mazedonien bekannt
sei.
[Illustration: Abb. 22 b. +Halropa tarsata+ Spm. Solitäre Biene.]
Im Weißdorn und den Heckenrosen jagten die Würger nach Insekten,
_rotrückige_ (+Lanius collurio collurio+ L.) und _rotköpfige_ (+Lanius
senator senator+ L.) und der große _Schwarzstirnwürger_ (+Lanius minor+
Gm.). Grasmücken sangen im dichten Gebüsch; häufig waren mit ihnen die
Nachtigallen. Ganze Schwärme von Sperlingen balgten sich mit Gold- und
Grauammern herum. Hier im Süden Mazedoniens trat Ende Mai in Menge ein
prachtvoller Vertreter der Ammern, die goldfarbene _Kappenammer_ mit
ihrer dunklen Sammetmütze auf (+Emberiza melanocephala+ Scop.).
Drei Arten von Spatzen traf ich in Mazedonien an, den gemeinen
_Haussperling_ (+Passer domesticus domesticus+ L.), der häufig große,
wie Webervogelbauten aussehende Gemeinschaftsnester baute. Noch
häufiger war der _Feldsperling_ (+P. montanus montanus+ L.), der vor
allem die Dörfer bewohnte. Der _Steinsperling_ jedoch (+Petronia
petronia macrorrhynchus+ Brehm) war viel seltener und fand sich vor
allem in den großen Felsenschluchten.
Die _Nachtigall_ im Wardartal ist +Luscinia megarhynchus+ Br.
_Grasmücken_ gab es eine ganze Anzahl Arten. Wir konnten in der
Umgebung von Kaluckova die _Mönchsgrasmücke_ (+Sylvia atricapilla
atricapilla+ L.), die _Dorngrasmücke_ (+S. communis communis+ Lath.),
die _Zaungrasmücke_ (+S. carruca carucca+ L.) und die _Bartgrasmücke_
(+S. cantillaus albistriata+ Brehm) nachweisen. Von Ammern herrschten
vor die _Zirlammer_ (+Emberiza cirlus+ L.) und die _Zippammer_
(+Emberiza cia cia+ L.).
Auf den Wegen, am Pferdemist, war eine muntere Tätigkeit der
_Pillendreher_ im Gange. Zwei Arten waren es hauptsächlich, die man
hier oft nebeneinander fand. Die eine Form war, wie ich im nächsten
Jahr feststellte, schon früh im April bei der Arbeit; das war +Sisyphus
Schaefferi+ L., der Pillenwälzer, von dem oft Hunderte sich an einem
Kuhfladen zu schaffen machten. Erst viel später im Jahre kam der große
heilige Pillendreher (+Ateuchus sacer+ L.) und mit ihm +Scarabaeus
piles+ Illig, dieses Charaktertier der Mittelmeerländer aus seinem
Erdloch hervor. Überall waren sie in Mengen auf den sandigen Straßen,
auf denen die Herden der Pferde ihren Kot hatten fallen lassen. Da sah
man viele der glänzend schwarzen Käfer ihre großen Pillen aus Pferdekot
die Straße entlang seitwärts auf die Wiese rollen und da in ein nicht
sehr tiefes Erdloch hineinschaffen.
In der heißen Mittagssonne war ein lebhaftes Treiben um die Kothaufen
am Wege. Die kleinen +Sisyphus+ ließen sich leicht vertreiben, flogen
dann auf und schwirrten mit Gesumme ab, um bald wiederzukehren und
den ganzen Kothaufen wieder mit ihren Leibern zu bedecken. Die
_großen Pillendreher_ waren schwerer in Bewegung zu bringen. Aber
auch sie kamen oft brummend und summend weither angeflogen, setzten
sich an einem Kothaufen nieder und fingen bald an, mit Kopfschild und
Vorderbeinen den Kot zusammenzuschaufeln. Sie schafften ihn unter ihren
Körper, ballten ihn zusammen und rundeten ihn unter steter Arbeit der
zwei hinteren Beinpaare zu einer immer glatter werdenden Kugel ab.
Diese rollten sie dann in emsiger Arbeit über den Weg, am liebsten an
den Hang des Hügels zwischen die Wiesenpflanzen. Dort gruben sie Löcher
in die Erde, in welche sie ihre Kugel schafften, um unter dem Boden
in schützender Höhle mit aller Ruhe ihre Beute zu verzehren. Verdient
war diese Ruhe wohl, denn welche Arbeit hatten die seltsamen Tiere
beim Heranrollen ihrer Mistkugel geleistet, die ihnen oft den Hügel
wieder heruntergerollt war, um dort in die Hände eines Mitbewerbers
zu fallen, wenn es einem solchen nicht vorher schon gelungen war, sie
ihm in scheinbar gemeinsamer Wälzarbeit zu entwenden. Die Bereitung
der eigenartigen Brutnahrungsbirne aus Kot, welche der französische
Entomologe _Fabre_ beschrieben hat, in deren Nische der Käfer sein Ei
ablegt, konnte ich nie beobachten; allerdings hielten mich davon die
vielen anderen Tiere mit ihren Problemen ab, die ich studieren wollte.
Tiere, welche man im Frühsommer im ganzen Gebiet häufig antraf, welche
auf blühenden Pflanzen und auf Bäumen saßen, die man leicht von Büschen
herunterschütteln konnte, waren die bunten _Baum-_ und _Blattwanzen_.
Viele von ihnen waren auch ganz seltsam gestaltet.
Sie gaben zu manchen Beobachtungen Anlaß, und so will ich einiges von
ihnen berichten. Ich verdanke die Bestimmungen Herrn Dr. _Schumacher_.
Die Formen sind vielfach tiergeographisch sehr interessant, indem sie
wie in anderen Gruppen die Zusammensetzung der mazedonischen Fauna aus
südlichen, nördlichen und östlichen Elementen erkennen lassen.
Von _Schildwanzen_ ist eine Form zu erwähnen, welche auf den auf S. 189
Abb. 100 abgebildeten _Echium_stauden häufig vorkam. Es ist ein großes
braunes Tier mit weißen Punkten an der Oberseite übersät. Bei Berührung
läßt es sich sofort fallen und verschwindet vollkommen zwischen den
braunen verwelkten Wurzelblättern der Stauden, welche die gleichen
weißen Punkte zeigen. Der wissenschaftliche Name der Art ist +Psacacta
exanthematica+ Scop.
Ein interessanter Fund war +Leprosomatessa (Leprosoma) carinata+ Mont.,
eine flache sandfarbene Art, ein ausgesprochenes _Steppentier_, das
bisher außer in der Walachei und im Banat noch nirgends gefunden worden
war. Auf Disteln und Flockenblumen fand sich eine _Blumenwanze_ mit
stark vortretenden Seitenecken des Vorderrückens und fünf geschwungenen
erhabenen Leisten auf der Oberseite (+Ancyrosoma leucogramma+ Gmel.).
In geradezu überwältigenden Mengen lebte auf Kirschbäumen und
Pflaumenhecken +Apodiphus amygdali+ Germ., eine vorderasiatische Art.
An Mengen wetteiferte mit ihr auf Disteln +Carpocoris purpureipennis+
Deg. und die Beerenwanze +Dolycoris baccarum+ L.
Bemerkenswert war das Vorkommen von +Nezara+-Arten, welche in den
Tropen und Subtropen weit verbreitet sind, so +N. viridula+ L.
und +N. (Acrosternum) heegeri+ Fieb., welch letztere z. B. aus
Deutsch-Ostafrika bekannt ist.
Ein wichtiger Fund bei Kaluckova war +Opisthotaenia fulvipes+ Reut.,
die neu war für den europäischen Kontinent und nur aus Kaukasien und
Kleinasien bekannt war.
Habe ich schon oben Formen von Wanzen erwähnt, welche ihrer Umgebung
auffallend ähnlich sind, so möchte ich ihnen noch eine Form hinzufügen,
+Phyllomorpha laciniata+ Vill., eine _Blattwanze_, deren Gestalt
durch Fortsätze am Rand und deren graubraune Färbung sie einem
verschlissenen, verdorrten Blatt ähnlich machte.
An dieser Stelle will ich noch zwei Fälle auffallender Ähnlichkeit
von Insekten mit Tieren und Blumen erwähnen, die ich in Mazedonien
beobachtete. Die eine betrifft einen Käfer aus der Gattung +Necydalis+,
den ich auf der Plaguša Planina fing, und welcher einer Wespe mit
dünner Taille in Farben und Formen ganz außerordentlich ähnlich sah
(Abb. 22 c).
Noch merkwürdiger war eine Beobachtung am Wardar oberhalb _Demirkapu_.
Dort wuchs an lichten Stellen im Weidengebüsch eine stark behaarte
Pflanze mit leuchtend violetten Blüten (+Anchusa hybrida+ Tenn.).
[Illustration: Abb. 22 c. +Necydalis panzeri+ Herold. Wespenähnlicher
Käfer.]
Auf dieser Pflanze fingen wir eine ganze Anzahl kleiner Schmetterlinge,
tagfliegende Eulen (+Janthina friwaldszkyi+ Dup.), welche in Größe und
Ton und Charakter der Farbe aufs täuschendste den Blüten der Pflanze
glichen. Sie setzten sich stets nach kurzem Flug auf die Pflanze in die
Region der Blütenstände, fast stets auf die violetten Blüten selber
(Abb. 22 d).
Ich bin geneigt, die offenbare Anlockung durch die Blütenfarbe in
ähnlicher Weise zu deuten, wie ich sie schon früher bei anderen Tieren
in einem allgemeineren Zusammenhang zu erklären suchte. Ich vermute,
daß die kleinen Schmetterlinge beim Flug zu den Blüten die Farbe
aufsuchen, welche ihr eigener Körper trägt und daß dies der Vereinigung
der Geschlechter dient. An anderer Stelle dieses Buches erwähne ich,
daß auch andere Schmetterlinge durch den Duft von Blüten angelockt
werden, ohne dort Nahrung zu suchen, nur um in beiden Geschlechtern
sich dort zur Begattung zu treffen. Und dort erwähne ich auch, daß die
+Pappatacci+-Männchen dem Geruch des Menschen nachfliegen, obwohl sie
sein Blut nicht saugen. Sie tun dies nur, um dort ihre Weibchen zu
finden, die allnächtlich, um Blut zu saugen, die Menschen aufsuchen.
[Illustration: Abb. 22 d. +Janthinea friwaldszkyi+ Dup. Blaue Blumen
befliegende Tageule.]
Im Süden begrenzt die Ebene von _Hudova_ eine Kette hoher Hügel,
welche von kurzem Buschwerk bewachsen und von vielen tiefen Schluchten
durchzogen sind. Die Hügelkette zieht sich ziemlich gerade von Osten
nach Westen, bis sie gegenüber von _Miletkovo_ mit einem steilen
Absturz am Wardar abbricht. Ihr entlang zieht, etwa 1-2 Kilometer
nördlich von ihr, ein kleiner Nebenfluß durch die Ebene, der sich auch
gegenüber _Miletkovo_ mit dem Wardar vereinigt; es ist der unweit
_Dedeli_ beim _Hain Mamre_ in einem mächtigen Quell entspringende
_Kozludere_, der nach Aufnahme einer Reihe von Süd und hauptsächlich
von Norden ihm zufließender Nebenbäche als _Bojimiadere_ sich in den
Wardar ergießt. In der Umgebung seiner Mündung ist die Ebene fruchtbar.
Dickichte von Weiden und Erlen umrahmen schöne Durchblicke auf die
das Tal umgebenden Gebirge. Einzelne riesengroße, uralte Bäume, vom
Talwind alle nach einer Seite gebeugt, waren ganz eigenartige und
seltene Erscheinungen in diesem Lande. Es waren teils Eichen, teils
Rüster. Ich habe oft ihre charaktervollen Formen bewundert, wenn ich am
späten Nachmittag durch die Ebene dem Abendhimmel entgegen wanderte.
Solche Glut und Farbenpracht des Sonnenuntergangs wie in diesem Winkel
des Tals bei _Mravinca_, habe ich in meinem Leben nicht oft genossen,
obwohl das Schicksal mich nicht selten an schönste Stellen der Erde
geführt hat. Mein Ziel bei diesen Wanderungen war neben dem Genuß der
schönen Landschaft zoologische Beobachtung. Ich wollte feststellen,
welchen Vogelarten die alten Riesen als Schlafbäume dienten. Wo ein
großer Baum in Mazedonien aufragt, wird er von Vögeln als Nachtquartier
aufgesucht und je einsamer so ein Baum steht, um so eigenartigere
Gäste kann man auf ihm vermuten. Steht er am Rande einer Stadt oder in
einem Dorf, so ist man in Mazedonien sicher, jeden Abend hunderte, ja
tausende von _Dohlen_ in ihm einbrausen zu hören. Der Himmel verdunkelt
sich, wenn sie in Scharen ankommen und ihr kreischendes Geschrei
die Luft erfüllt. Meist begleiten sie, ebenfalls in großer Anzahl,
_Saatkrähen_ und _Nebelkrähen_, die nicht weniger geräuschvoll sind.
Die Rabenvögel Mazedoniens, welche wir in dieser Gegend feststellten,
gehörten zu folgenden Formen: Die _Dohle_ (+Coloeus monedula
soemmeringi+ [Fisch.]), die _Saatkrähe_ (+Corvus frugilegus frugilegus+
L.), die _Nebelkrähe_ (+Corvus cornix pallescens+ Mad.).
Ist die Gegend etwas einsamer, steht der alte Baum etwa nur neben
einem stillen Gehöft, so dient er auch edleren Gästen als nächtliche
Ruhestätte. Dann sammeln sich wohl auf seinen höchsten Ästen Bussarde,
Habichte, Falken der verschiedenen Arten. Meist hält aber dann jeder
einzelne seinen Ast für sich allein besetzt und jagt einen verspäteten
Ankömmling erbarmungslos davon. Auf den Baumriesen in der Ebene des
Wardar konnte man im Anfang der Besetzung durch die verbündeten Heere
oft mächtige Nachtgäste aufbäumen sehen. Da saßen in ihren Kronen die
häufigen _Kaiseradler_ und gelegentlich einmal ein _Steinadler_; vor
allem aber seltsam und eindrucksvoll waren die großen _Geier_, von
denen _Mönchsgeier_ und _Gänsegeier_ nicht selten in der Dämmerung
in den höchsten Ästen sich niederließen. Es war ein phantastischer
Anblick, wenn durch die mächtigen Körper der riesigen Vögel bizarr
verändert der Umriß des Baumes gegen den bernsteingelben Abendhimmel
sich abhob. Wie Bildsäulen standen die Geierkörper in dem schimmernden
Glanz. Von Zeit zu Zeit erhoben sie sich von ihren Sitzen und
entfalteten ihre mächtigen Flügel, deren gespreizte Schwungfedern
als dunkle Silhouetten sich von der goldenen Fläche einzeln abhoben.
Senkten sie sich dann wieder auf die Kronen der Bäume nieder, so
schienen sie auf die Hälfte der früheren Größe zusammenzuschrumpfen,
wenn sie ihre Flügel zusammenfalteten und den langen mageren Hals
einzogen.
Je länger der Krieg dauerte, je öfter von Soldaten und Offizieren
auf die großen Vögel gejagt wurde, um so seltener kamen sie in
die Wardarebene. Umso schwerer war es, an die freistehenden Bäume
anzuschleichen, um sie zu beobachten und zu erlegen. Da nützten die
wohlmeinenden Befehle unserer obersten Heeresleitung nicht viel,
durch welche der Abschuß der großen Vögel im Interesse des Schutzes
der „Naturdenkmäler‟ immer wieder unseren Truppen verboten wurde. Die
Offiziere verhinderten zwar vielfach ihre Mannschaften am Abschuß der
Adler und Geier; aber sie selber und die Ärzte der Lazarette konnten
oft dem Jagdeifer nicht widerstehen und schlichen sich abends an die
Schlafbäume heran, von denen mancher stolze Adler und stattliche Geier
heruntergeschossen wurde. Und alle Schonung durch das deutsche Heer
konnte nicht viel nützen, denn gedankenlos wurde von den Bulgaren, in
deren Interesse wir sie schonen wollten, alles was auffallend war,
weggeknallt.