Und abermals wollte er Clementine an sein Herz ziehen, aber bebend

machte sie sich los aus den Armen des Geliebten. Meining's Name hatte

die Welt für sie verwandelt, das Paradies ihrer Wonne versank, und

die Wirklichkeit machte ihr strenges Recht geltend. In dem Taumel des

Entzückens, in welches das unverhoffte Wiedersehen des Geliebten sie

versetzt, hatte sie Alles vergessen, hatte Nichts gedacht, als das

unaussprechliche Glück, das sie ihr Leben hindurch ersehnt, von Robert's

Munde diese Worte der Liebe zu hören und ihm zu sagen, wie er ihre Welt,

ihr Schicksal, ihre Gottheit gewesen sei, von ihrer Jugend an. Nun kam

das niederschmetternde Bewußtsein über sie, daß diese erste Stunde des

Glückes auch sicher die einzige und letzte für sie sein werde und müsse.

Aber das Räthsel ihres Lebens war gelöst; der ewig glühende Funke in

ihrer Brust war, wenn auch nur für einen Augenblick, frei und schön zur

hellen Flamme emporgelodert; der tief verborgene Keim war zum Lichte

durchgedrungen und hatte geblüht, zur Freude des Geliebten. Das konnte

ihr genügen für ein langes Leben.

Verlasse mich, Robert! bat sie plötzlich und schlang doch ihre Arme

fesselnd um seinen Hals, verlasse mich und laß uns scheiden für immer.

Du selbst hast mit dem Namen meines Gatten mich an ihn erinnert, den ich

so treulos verrathe, der es nicht ahnt, in liebendem Vertrauen, daß

sein Weib Dich liebt und ihn und sich selbst in Deinen Armen, an Deinem

Herzen beweint. Gehe, Robert, gehe, Geliebter, wenn Du mich liebst! --

rief sie und ihre glühenden Thränen flossen auf seine Brust.

Niemals, Clementine, verlasse ich Dich! Bist Du nicht mein? Mußt Du

nicht mein sein und es ewig bleiben, weil Du es einmal gewesen? Ich will

nicht mehr leben ohne Dich, hörst Du, mein Herz! ich will es nicht --

ich verlasse Dich nicht, und Du darfst nicht hinsterben in fruchtlosen

Kämpfen. Leben sollst Du für mich, für mich allein, Du schöne, reine

Lilie! Und denkst Du des Abends, als Dein müdes Haupt in den Blättern

der Cala sich barg, wie hart ich war, wie ungerecht? Ach! ich war

namenlos elend damals -- ich fühlte es, daß Meining uns nicht trennen

darf, da _wir_ unauflöslich gebunden sind, daß er Dich nicht tödten

darf, indem er Dich mir noch länger raubt, und doch hatte ich nicht wie

jetzt den festen Glauben, daß er selbst, wenn er Dich liebt, auf....

Nicht weiter, ich beschwöre Dich, flehte Clementine, ach! Meining liebt

mich, ich weiß es -- dringe nicht in mich, jetzt nicht -- verlasse mich

nur jetzt, nur heute, mein einzig Geliebter -- morgen hörst Du von mir

-- gewiß, nur jetzt gehe -- eile, mein Robert, ich bitte Dich.

Ich _höre_ von Dir? und werde ich Dich nicht sehen? Willst Du Dich mir

nach so ewigem Entbehren, nach einer kurzen Minute des höchsten Glückes

wieder entziehen? Glaubst Du, daß ich einwilligen werde, mir auch nur

einen Augenblick die Wonne Deiner Gegenwart rauben zu lassen, jetzt da

Du endlich mein bist? Nein, mein Herz! morgen in aller Frühe bin ich

bei Dir, muß ich in Deinen dunklen Augen die Offenbarung meines Daseins

lesen und an Deinem Herzen empfinden, daß die Welt die Mühe des Lebens

vergelten, überreich vergelten kann, in einem Herzschlag. Nur in _der_

Hoffnung gehe ich von hier und so gute Nacht, mein schönes, holdes

Glück. Bleibe mir auch im Traume treu -- ist es mir doch wie ein Traum

von Jenseits, daß ich Dich wieder gefunden, daß Du mir wieder leuchtest,

Du lieber Stern meiner Jugend; gehe mir nie, nie wieder unter. Und nun

lebe wohl und ruhe sanft, mein holdes, süßes Weib!

Noch einmal sanken sie sich in die Arme, hob er die Geliebte zu sich

empor und ruhte Herz an Herz, Mund an Mund. Noch ein langer, tiefer Kuß,

den Clementine auf Robert's Stirne drückte, in den sie alle Gluth,

alle Liebe ihres Lebens preßte, noch ein kurzer Moment voll Wonne, und

Clementine war allein -- allein mit der Ueberzeugung, auf dem Gipfel

ihres Lebens gestanden zu haben; entschlossen den Weg, der ihr zu machen

blieb, unerschütterlich fest fortzuwandeln, das Andenken an ihr Glück in

tiefster Seele. Sie wußte, daß es die letzte Stunde gewesen, die sie mit

Robert verlebt, und war doch glücklicher als je, obgleich der Schmerz

des Abschiedes ihr Herz zusammenpreßte. Jetzt begriff sie, was das

Leben sei, und dankte Gott aus vollem Herzen dafür; nur der Gedanke an

Meining, nicht der an Robert's Scheiden, störte sie in ihrer Wonne und

trat bald als allein herrschend hervor.

Schlaflos verging ihr die Nacht, sie strebte zu einem Entschlusse zu

kommen, ob sie nun nicht endlich ihrem Manne Alles bekennen, seine

Vergebung erflehen und ihr Schicksal in seine Hände legen, oder ob

sie nach wie vor schweigen solle und dürfe? Sie konnte es sich nicht

verbergen, daß Robert auf ihre Trennung von Meining rechne, um sie

zu seiner Gattin zu machen. Tausend himmlische Träume von Liebes- und

Eheglück gingen an ihrem Geiste vorüber; sie sah sich in Hochberg neben

und mit ihm wirken, sie empfing ihn, wenn er Abends zurückkehrte, sie

theilte seine Leiden, seine Freuden, sie sah ihn strahlend von Glück an

ihrer Seite und sich selbst selig in seinen Armen, und mußte doch immer

wieder des verrathenen Meining's mit Thränen denken, in dessen Leben das

ihre so fest gewurzelt hatte, daß sie sich seine Trennung von ihm nicht

als möglich denken konnte. Er war ihr Gatte, hatte ihr in den Jahren,

die sie mit einander verlebt, mit rührender Liebe angehangen; sie war

seine Freude, sein Glück, er hatte sie geehrt mit vollem Vertrauen, sie

schauderte vor dem Gedanken, er würde ein Recht haben, die Treulose zu

verachten und zu verstoßen, und er würde doch unglücklich sein ohne

sie -- einsam und allein in seinem Alter, weil sie ihn verlassen,

unglücklich zu werden, auf den Trümmern seines Glückes. Es war eine

furchtbare Nacht für die Unglückliche -- als aber der Tag und mit

ihm die Herrschaft der Vernunft über die zügellosen Schöpfungen der

Phantasie und des Herzens begann, war sie mit sich einig geworden.

Der frühe Morgen brachte ihr folgenden Brief von Robert:

Ich kann die Zeit nicht erwarten, Geliebte, in der ich Dich wiedersehen

darf, ich muß Dein denken, mit Dir sprechen, um sie zu verkürzen. Jene

Besorgniß, die uns überfällt, jene Unruhe, die uns aufregt, wenn wir

nach langer Abwesenheit in die Heimat kehren und die bekannten Thürme

der Vaterstadt uns sichtbar werden -- dieser Unruhe kann ich jetzt nicht

Herr werden, da ich mich endlich dem Ziele meines Lebens, der Erfüllung

meiner sehnlichsten Hoffnungen, der geliebten Heimat meines Herzens

nähere. Ich möchte bei Dir sein, Deine Hand in der meinen halten und

in dem warmen Lichte Deiner Blicke die schöne Gewißheit Deines Besitzes

fühlen. Wenn ich sonst tief in Deine unergründlichen Augen blickte und

mein Bild so klein und beweglich sich darin wiederspiegeln sah, bin ich

oft eifersüchtig geworden bei dem Gedanken, so klein und flüchtig könne

mein Andenken in Deinem Herzen sein; nun aber verstehe ich das besser.

So gewiß, so klar und so deutlich mein Bild, in vollkommner Gleichheit

mit mir selbst, mich aus Deinem Auge verschönert anblickt, so wird jeder

Gedanke, jedes Gefühl meines Daseins, mir, vollkommen verstanden, gleich

gefühlt und doch unendlich schöner wiedergegeben, wenn es durch die

läuternde Atmosphäre Deines Herzens, Deines Geistes gegangen ist. Ja!

mein theures Herz! unsre beiden Seelen sind nur Eine, nur zusammen

können wir das höchste Ziel erreichen, das uns zu erreichen möglich

ist. Und wie froh, wie frei macht mich das Gefühl, daß ich in Dir den

schönsten Preis des Lebens, Dich, Dein Herz, Deine Liebe wieder errungen

habe, die nun mein sind für ewig. Wie kann ich Dir danken, wie Dich die

Jahre von Schmerz und Kummer vergessen machen, die ich in unglücklicher

Verblendung über Dich verhängt hatte? Nur das beruhigt mich, daß eine

Liebe, wahr und stark wie meine, Alles ausgleicht, daß es kein Opfer

gibt, _keines_, meine Clementine! das ich Dir nicht mit Freuden zu

bringen im Stande wäre, wenn Dein Glück es erheischt.

Und nicht wahr? Du hast vergeben, Du denkst nur mit Liebe an mich?

Glaube mir, jetzt ist Alles gut. Ich fühlte es gestern, als Du in meinen

Armen ruhtest, als Dein müdes Haupt auf meine Schulter sank; die Nacht

des Leidens ist vorüber, und eine schöne Zeit wird uns werden. Nun erst

werde ich mein Land lieben, ganz anders lieben, weil es den heimischen

Herd enthält, an dem Du waltest; mit ganz anderm Sinne werde ich für die

Zukunft säen und wirken für ein Geschlecht, das nach uns lebt -- o! eine

schöne Zeit wird uns jetzt werden. Möge sie Dir mit dem heutigen Tage

beginnen. Wirf Alles von Dir, was Dich ängstigt und quält, Geliebteste!

Die Hindernisse irdischer Verhältnisse müssen vor der Gewalt unsrer

Liebe schwinden. Noch wenig Tage vielleicht, und wir sind unzertrennlich

vereint -- fühlst Du wie ich die Wonne dieses Gedankens? An _die_ Zeit

denke, wenn wir uns heute wieder sehen, meine Clementine! und wünsche

sie so sehnlich herbei als ich, der nach Dir verlangt mit aller Gluth

und Liebe, welcher ein Menschenherz fähig ist. Ich möchte ein Gott sein,

wenn Götter stärker zu lieben vermögen, als wir, um Dich so glücklich zu

machen durch meine Liebe, als ich es wünsche, um Dir das Geschenk Deines

Herzens zu danken. Auf baldiges, seliges Wiedersehen, Geliebte! Adieu!

meine Clementine! noch zwei Stunden, ehe ich Dich sehe -- wie lange ist

das noch und doch wie kurz gegen die lange Zeit, die ich Dich entbehrte.

Ewig Dein

_Robert._

Ruhig, wie ein verklärter Geist auf die Erde blicken mag, sah Clementine

auf diesen Brief; sie war unwandelbar entschlossen. Sie hatte eine

Stunde das höchste Glück des Lebens empfunden, nun fühlte sie die Kraft

zu entsagen und beschloß Robert gleich jetzt zu antworten.

Clementine an Robert.

Die Worte Deiner Liebe, schrieb sie, haben mir unbeschreiblich wohl

gethan und den reinsten Wiederhall in meiner Brust gefunden. Fest, wie

an das Dasein Gottes, glaube ich an Deine Liebe und in diesem Vertrauen

fordre ich von Dir ein Opfer, das mich das schwerste dünkt. Wir dürfen

uns nicht wieder sehen, mein Freund! weil wir nicht für einander leben

dürfen.

Höre mich ruhig an, Du Geliebter! Mehr als ich es Dir sagen könnte, muß

Dich gestern der Wonnetaumel, den mir Dein Wiedersehen bereitet, von

meiner heißen Liebe überzeugt haben. Kein trüber Gedanke hat mir die

Seligkeit gestört, das Geständniß Deiner Liebe von Deinem Munde zu

hören, mein höchstes Glück in Deiner Freude zu genießen. Was der

sehnlichste, einzige Wunsch des Mädchenherzens, der Traum meiner Nächte,

war, Deine Liebe, Du hast sie der Frau gewährt, die sie Dir nicht lohnen

darf. In den Jahren, die unsrer Trennung folgten, von Zweifeln an Dir

gequält, von Dir entfernt und mich selbst aufgebend, habe ich Tage des

herbsten Schmerzes verbracht, die nun _alle_ ausgetilgt sind aus meinem

Leben durch eine Stunde des Glückes, und diese werde ich Dir ewig

danken; wie in dieser Stunde soll mir Dein geliebtes Bild gegenwärtig

bleiben.

Die Deine aber werde ich nie. Ich darf mein Glück nicht auf Kosten der

Ruhe und Ehre eines Mannes erkaufen, der mir sein Glück und seine Ehre

anvertraut, mir seinen unbefleckten Namen gegeben hat. Kann ich die

Liebe, die er für mich hegt, gewaltsam seinem Herzen rauben? Darf ich,

die Jahre hindurch seine Gefährtin war, ihn verlassen, da das Alter

sich ihm naht? Soll ich ihn dem Gespötte preisgeben, das grausam jeden

verrathenen Ehemann verfolgt? Soll die Welt ihn verlachen, weil er

großmüthig mir vertraute, obgleich er durch mich selbst wußte, daß mein

Herz nicht ihm allein gehören könne? Du weißt es nicht, wie zart, wie

schonend er mich behandelt, wie vollkommen er meine Achtung, meinen Dank

verdient hat. Ob er mir verzeihen wird? ich weiß es nicht -- nur das

fühle ich, daß ich mit mir gerungen habe, Tag und Nacht, mit festem

Willen, um Dich aus meinem Herzen zu reißen, daß ich vor Gott mich

schuldlos fühlen darf und selbst den seligen Abend nicht bereue, den ich

gestern mit Dir verlebt, und der mich über eine freudlose Vergangenheit

trösten, für eine schwere Zukunft entschädigen sollte.

Ich lege mein Loos in Meining's Hände; er mag mir vergeben, mich

von sich weisen -- Dein werde ich nie, auch dann nicht, wenn es

mir beschieden wäre, meinen Gatten zu überleben. Sieh darin keine

Schwärmerei, keine Ueberspannung: ich halte die Ehe, Du weißt es,

für ein unauflösliches, ewig bindendes Band. Das Weib ist kein todter

Besitz, der heute aus den Händen des Einen in die des Andern übergeht;

ganz, ungetheilt, frei und frisch an Geist und Leib muß sie dem Manne

gehören -- daß ich mit getheiltem Herzen Meining's Frau wurde, das ist

das Unrecht, welches mein Leben zerstört und alle meine Leiden und auch

Deine hervorgerufen hat. Ich that es, weil man mich überredete, es sei

Pflicht; weil ich glaubte, ich könne Dein vergessen und frei werden.

Noch einmal einen gleichen Schritt zu thun, die gleiche Sünde gegen Dich

zu begehen, bewahre mich Gott. Eben so wenig, als ich es vermocht,

Dich zu vergessen, so wenig würde das Andenken an Meining je für mich

aufhören. Könntest Du eine Frau lieben, die ihres Gatten zu vergessen

im Stande wäre? Willst Du ein Weib, das selbst in Deinen Armen an den

Verrath denken würde, den es begangen? dem die Ruhe an Deinem Herzen

durch Gewissensbisse vergällt wäre?

Täusche Dich nicht, mein Robert! so würde es sein. Ich, gequält von

innern Vorwürfen, Meining einsam und verhöhnt; sein Name, für dessen

Ruhm er Jahre lang gearbeitet, den selbst Neid und Bosheit nicht

anzutasten wagten, entehrt durch seine Frau -- und Du? Robert, ich

fühle, was ich Dir einst hätte sein können, kann und wird Dir keine

Andre werden -- was ich Dir jetzt noch werden könnte? Mein Herz zieht

sich zusammen bei dem Gedanken, daß ich selbst mich um den Himmel

gebracht, Dich so zu beglücken, als ich es gehofft. Jetzt wäre ich

zweifach elend, denn ich würde Dich unglücklich sehen durch mich, und

auch Deine Ehre wäre verloren. Oder ertrügest Du es ruhig, zu hören,

das ist Thalberg, wegen dessen sich Meining von der Frau geschieden,

die Thalberg jetzt geheirathet hat -- und die lächelnden Blicke, welche

solche Worte begleiten -- o! es wäre ein Fluch, der über uns schwebte,

gegen den wir keine Macht, auch nicht in unsern Herzen fänden.

Traure um mich, Geliebter! wie ich Dich beweinen werde. Heute sterben

wir für einander und nur, wie man der theuren Todten gedenkt, laß uns

an einander denken. Die Thränen auf diesem Blatte zeigen Dir, ob ich

das Opfer fühle, das ich bringe, das ich verlange. Es sind die letzten

Augenblicke, die ich mit Dir verlebe. Ich möchte mein ganzes Herz Dir

zeigen, wie es Dein ist und Dein war; Du weißt es und fühlst, wie schwer

es mir wird, zu scheiden. Ich habe Dich so unaussprechlich lieb.

Lebe denn wohl -- Robert, mein Leben, mein Glück! -- ich nehme Dich bei

dem Worte, daß kein Opfer Dir zu schwer sei für mich. -- Versuche es

nicht, mich zu überreden; es gelingt Dir nicht. Ich rechne darauf,

daß Du noch heute Berlin verläßt, daß Du es nicht versuchst, mich

wiederzusehen, weil Du mich liebst.

Und nun Gottes schönster Segen über Dich! Möge eine reiche Zukunft Dich

für den Schmerz dieses Scheidens entschädigen. Denke mein oft, wie einer

Schwester, der Dein Glück tiefstes Bedürfnis ist; mögest Du das Glück

finden, das Du von mir erwartet, mein heißgeliebter Robert! Lebe wohl,

mein Robert! und denke ohne Sorge an mich -- jetzt werde ich Ruhe haben.

Ich habe das schönste Glück empfunden -- ich konnte es besitzen und

opfre es meiner Ueberzeugung -- das wird mir Frieden geben. Gott sei mit

Dir auf allen Deinen Wegen, mein Geliebter, mein Freund! und nun lebe

wohl.

_Clementine._

Mit bebenden Händen wurde das Blatt gesiegelt und dem Diener übergeben.

Es war geschehen -- tief athmend ging Clementine auf und nieder, und ein

Friede, wie sie ihn nie gekannt, machte sie den Schmerz, das tiefe Leid

ihrer Seele leichter tragen. Jetzt wollte sie Alles beenden, Meining

sollte jede Verirrung ihres Herzens kennen, darum schrieb sie ihm:

Clementine an Meining.

Ich habe gestern Deinen Brief aus K.... erhalten, der mich tief gerührt

und gedemüthigt hat -- um so tiefer, da ich mich selbst vor Dir anklagen

muß. Ich habe es nie vermocht, meine Fehler zu beschönigen, und so will

ich auch vor Dir, vor meinem Manne, nicht besser scheinen, als ich es

bin.

Du weißt, als Du mir Deine Hand angetragen, zögerte ich, sie anzunehmen,

nicht aus Mißtrauen gegen Dich, sondern gegen mich selbst. Ich habe Dir

es nicht verborgen, daß ich einen Andern geliebt, daß sein Andenken

mir noch sehr theuer war -- aber ich hatte Dir versprochen, dagegen

zu kämpfen, und das habe ich redlich gethan. Trotz Deiner Liebe, trotz

meines festen Willens, ist diese Leidenschaft nicht erstorben -- sie ist

neu erwacht, als ich den Gegenstand derselben, Robert Thalberg, wieder

gesehen. Tausendmal hat das Geständniß auf meinen Lippen geschwebt, ich

habe Dich um Schutz gegen mich anflehen wollen; aber Dein

ausdrückliches Verbot, Dein Widerwillen gegen solches Vertrauen hat mich

zurückgehalten, und mehr noch, daß ich Dich, den ich von Grund der Seele

ehre und achte, nicht betrüben wollte. Deine Zufriedenheit, Dein Glück

war der Zweck meines Lebens geworden, und ich mochte Dir nicht Schmerz

bereiten, weil ich hoffte, allein den Sieg über mich zu gewinnen.

Seit acht Tagen ist Thalberg zurückgekehrt hat täglich versucht, mich zu

sprechen, was ich ihm nur verweigerte, weil ich es mußte. Gestern ist er

unerwartet zu mir gekommen; ich habe das Geständniß seiner Liebe gehört,

ich habe ihm gesagt, daß ich ihn liebe, und ich bekenne Dir das offen,

weil ich mich frei vor Gott und vor Dir fühle. Daß ich nicht willig

dieser Leidenschaft gefröhnt, daß ich mit aller Gewalt mich zu befreien

gestrebt, dafür bürgt Dir Deine Kenntniß meines Herzens, meine Achtung

vor unsrer Ehe und meine gebrochene Gesundheit. Du hast ein Recht, die

Treulose von Dir zu weisen, mir Deine Liebe zu entziehen, aber Du mußt

mir Deine Achtung erhalten; denn ich selbst habe Robert entsagt und für

immer. Halte das nicht für leere Worte, welche Dich bestechen sollen;

erst jetzt bin ich ganz frei, erst jetzt bin ich mit reinem Bewußtsein

Dein, während am Tage unsrer Hochzeit das Andenken an Thalberg störend

zwischen Dir und mir stand. Ich fühle mich unzertrennlich an Dich

gebunden und würde mich noch als zu Dir gehörig betrachten, wenn Dein

gekränkter Stolz mich verstieße. Dein Herz kann es nicht. Du kannst mich

Das nicht wie ein Verbrechen büßen lassen, was ich gegen meinen Willen

empfand; Du kannst mir Dein Vertrauen nicht entziehen, weil ich mich

dessen durchaus würdig fühle.

Und nun, mein Freund! mein guter, milder Freund! kennst und weißt Du

Alles; gewähre mir Mitleid mit meiner Schwäche und erhalte mir, wenn

Du es vermagst, Deine Liebe. Ich sage Dir nicht Alles, was ich für Dich

fühle -- nur an Dich selbst appellire ich, und ich wünsche und hoffe, Du

werdest Deinem Weibe kein strengerer Richter werden, als Du es sonst dem

Menschenherzen zu sein pflegtest. Eine schwere Krankheit hat lange in

mir gelegen, die Krisis ist vorüber, und ich werde genesen, ich fühle

es. Du, der mit der Kranken so viel Nachsicht gehabt, Du wirst die

Genesende nicht verlassen, die gesund werden will und wird, um für Dich

zu leben.

Vergib mir und sage mir bald, daß Dir mein Leben noch werth sei, daß Du

meine Stütze und mein Freund bleiben willst -- schreibe mir bald, ich

verlange sehr nach diesem Briefe, und vergib mir Alles, mein guter Mann,

was ich, wissentlich oder nicht, Unrecht an Dir that. Vergib es mir,

weil ich mir selbst vergeben kann, und laß mich Deine Clementine

bleiben.

Auch diesen Brief wollte Clementine gleich befördern, doch fand es sich,

daß die Post nach K.... erst am folgenden Tage abgehe und daß er also

noch liegen bleiben müsse. Dadurch gewann sie Zeit, an den Eindruck zu

denken, den er auf Meining hervorbringen würde, auf ihn, der vollkommen

arglos an sie und ihre Liebe glaubte. Wie würde es ihn betrüben, wie

unglücklich würde es ihn machen! Sie hatte den Brief geschrieben, um

sich selbst zufrieden zu stellen, sich genugzuthun; und sie empfand,

daß in dieser Handlung viel mehr Egoismus als Tugend läge. Um sich

zu beruhigen, um ihr Gewissen zu besänftigen, raubte sie Meining,

von dessen Vergebung sie überzeugt sein konnte, die sie mit Recht zu

verdienen glaubte, seine Ruhe. Was konnte die Folge von diesem Briefe

sein? Meining würde traurig zurückkehren, mit der Gewißheit, das Unglück

seiner Frau verursacht zu haben, indem er sie geheirathet; er würde

argwöhnisch und verstimmt auf sie sehen, die sich ihm wie ein Muster von

Entsagung, ein Opfer der Pflicht dargestellt hatte, nachdem sie wirklich

Nichts als ihre Pflicht gethan. So beschloß sie, schweigend, wie sie

gegen Meining gefehlt, auch zu ihm zurückzukehren. Niemand, außer

Robert, sollte ahnen, was in ihrer Seele vorgegangen war. In dem

Augenblick brachte man ihr diesen Brief von Robert.

Robert Thalberg an die Geheimräthin v. Meining.

Engel des Lichtes, großes, edles Herz! ich gehe. Ich scheide von Dir,

weil Du es willst. Du hast Recht, jetzt ist's zu spät -- ich habe einst

freventlich den Himmel unsres Glückes vernichtet und vermag nicht mehr,

ihn uns zu erbauen, obgleich ich Dich mehr liebe, stärker, heißer als

je. Wie _sehr_ liebe ich Dich! -- und muß ich erst nun, da die schwere

Stunde ewiger Trennung uns naht, erkennen, daß Du noch viel reiner,

edler und größer bist, als ich selbst in den begeistertsten Augenblicken

es für möglich hielt? Warum, schöner Stern, scheinst Du mir in aller

Pracht Deines Glanzes, wenn Du mir untergehen mußt für immer? Doch nein!

Du bleibst! Du bleibst der feste Stern, auf den mein Auge blickt, der

seine leuchtenden Strahlen in meine Seele wirft, wenn ich im Gewühl der

Welt den Glauben an die Menschen zu verlieren fürchte. Du bist! -- und

wer darf zweifeln an der Göttlichkeit des Menschen.

Ich scheide von Dir! Du fühlst, wie ich, was dieses Wort bedeutet; was

es heißt: zu entsagen. Darum soll kein Wort der Klage die heilige Stunde

unsres Abschiedes beflecken. Wie jene selige Insel, die nur einmal in

Jahrtausenden aus dem Meere taucht und deren Anblick dem Auserwählten

Paradieses Wonne bereitet, dem sie zu schauen vergönnt ward, so taucht

das Andenken an die Stunde dieser Nacht ewig beseligend aus dem Meere

meines Lebens empor, und kein Sterblicher kann ermessen, was sie mir

gebracht an Glück, an Wonne. Du hast mich überreich gemacht, Geliebte!

überreich für immer -- denn wer vermag zu lieben wie Du! -- weh mir, daß

ich selbst unsre Welt zerstört!

Lebe denn wohl, Geliebte! laß mich Dir danken für die Gunst Deiner

Liebe, für das Glück an Deinem Herzen. Unvergeßlich und doch so

flüchtig, gleicht es jener stolzen Blume, die nur eine Stunde blüht,

wohl wissend, daß diese eine Stunde vollendeter Schönheit mehr ist,

als das ganze, matte Leben aller andern Blumen. Lebe wohl, schöne, hohe

Königin der Nacht, Geliebte meiner Jugend, Weib meiner Seele! laß uns

fortgehen auf der Bahn, die Du für uns gewählt und die ich gleich Dir

betrete. Wir haben die reinste Freude des Lebens gekannt -- laß uns in

Anderem das Glück suchen, das wir freiwillig opfern. O! nur noch einmal

laß es mich sagen, nur noch dies eine Mal höre es an, daß ich Dich

liebe, wie nur je ein Weib geliebt worden, daß ich Dich anbete, wie man

die Gottheit anbetet, Dich, meine Clementine! ewig -- wenn auch getrennt

für immer. Lebe wohl!

_Robert._

Stumm drückte Clementine den Brief gegen ihr Herz und dankte Gott für

die Kraft, die er ihr gegeben, zu siegen, wo sie es kaum gehofft. Sie

war wie zu neuem Leben geboren, sie dachte Robert's nicht mehr mit der

stürmischen Unruhe der Leidenschaft, mit den peinigenden Vorwürfen des

Gewissens, mit der Sehnsucht, die ihn herbeiwünschte und sich

deshalb verdammte -- sie weilte bei seinem Bilde mit der beglückenden

Ueberzeugung, sich und ihn gerettet zu haben vom gemeinsamen Verderben;

und selbst auf Meining's Rückkehr sah sie mit Zuversicht, weil sie sich

seiner würdig fühlte. In dieser Stimmung legte sie Robert's Briefe

und den, welchen sie für ihren Mann geschrieben, zusammen in die

verborgenste Ecke ihres Schreibtisches -- dort sollten sie unberührt

liegen, wie jene Dokumente, die man in das Fundament großer Denkmale für

die Nachwelt legt; denn auch sie fing an zu bauen für die Zukunft,

mit dem frömmsten Sinne und der Hoffnung, daß sie einen Tempel des

häuslichen Glückes begründe, zur Freude ihres Gatten.

Clementine · 第 8 / 9 段