betrat, fand sie noch Meining's Brief dort liegen, den sie in der
Aufregung jenes Abends nicht beendet und dort vergessen hatte. Mit welch
andern Empfindungen las sie ihn jetzt! Ja, selbst die Nachricht, daß
Meining früher zurückkehren würde, als er geglaubt, daß sie ihn in
vierzehn Tagen erwarten könne, war ihr lieb, und sie fing an, Alles für
seine Heimkehr vorzubereiten, obgleich die Ereignisse der letzten Tage
noch lebhaft in ihr nachhallten und Robert's Name in dem Verzeichniß der
Abgereisten sie in der Einsamkeit manche stille Thräne kostete.
Die wiedergewonnene Ruhe des Gemüthes verfehlte nicht, ihren
wohlthätigen Einfluß auf Clementine zu äußern; sie brachte ihren Nächten
Schlaf und ihren Nerven die verlorene Stärke, sodaß, als nach Verlauf
der vierzehn Tage der Geheimrath zurückkehrte und seine Frau ihm
freundlich, wenn auch mit heftig klopfendem Herzen, entgegenkam und ihm
dann weinend um den Hals fiel, er sie viel wohler aussehen fand, als an
dem Tage der Trennung. Er war ganz Glück, sie wieder zu sehen, und es
verdroß ihn nur, wenn sie von Zeit zu Zeit seine Hand, die in der
ihren ruhte, mit Innigkeit an ihre Lippen drückte, statt seine Küsse zu
erwiedern. Es lag so viel Weiches, Demüthiges in ihrem Betragen, daß
er sie unbeschreiblich liebenswürdig fand und es ihr tausendmal
versicherte, wie froh er sei, sie wieder bei sich zu haben, und wie gar
schwer ihm das Leben ohne sie geworden.
Nun fand Clementine den Lohn für ihre Entsagung und schloß sich fester
und fester an ihren Gatten an, je mehr sie Herr über sich selbst wurde.
Als endlich im Juni Frau von Alven anlangte und das gute Einverständniß
der Eheleute sah, konnte sie sich nicht enthalten, ihrer Nichte im
engsten Vertrauen zu bemerken, es käme nur darauf an, daß Mann und Frau
sich verständigen wollten, und sie hätte sehr klug gethan, daß sie nicht
früher gekommen sei. Du wärst mit keinem Manne so glücklich geworden,
als mit Meining, sagte sie, selbst mit Thalberg nicht, der Dir bei
Deiner Verheirathung doch noch sehr am Herzen lag. Clementine wurde roth
und bat die Tante, Thalberg in dieser Beziehung nicht zu erwähnen, da er
im letzten Winter oft in ihrem Hause gewesen sei und Meining Nichts von
ihrem frühern Verhältniß zu Robert wisse.
Meining's Einfluß erlangte etwa zwei Jahre später Reich's Berufung
nach Berlin, und als Marie die Schwester wiedersah und das gegenseitige
Fragen und Erzählen begann, war eine der ersten Neuigkeiten, die Marie
mitbrachte: ich habe auch in Wiesbaden Thalberg gesehen; was für ein
schöner Mann ist der geworden! und seine Braut, ein Fräulein Ringer,
die Dich tausendmal grüßen läßt, sagt mir, _Du_ hättest sie mit Thalberg
bekannt gemacht. Sie werden gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen
und ein paar Jahre fortbleiben; darauf besteht Thalberg, obgleich die
Staatsräthin Ringer es nicht wünscht. Sehen Sie einmal, lieber Meining,
wie ernsthaft Clementine wird! Wir Frauen sind doch närrische Geschöpfe;
ich glaube, meine Schwester wundert sich heute noch, daß Thalberg, der
in frühster Jugend eine große Passion für sie hatte, die sie theilte,
sich schon entschließen kann, ein schönes, junges Mädchen zu heirathen.
Sage einmal selbst, Clementine! ist's nicht so?
Clementine schwieg, aber Meining drückte ihre Hand und sagte, als sie
später allein waren, sehr bewegt: Armes Kind! jetzt weiß ich, woran Du
vor zwei Jahren erkrankt, wie sehr Du gelitten hast -- es ist vorbei,
und Gott gebe, daß ich Dir fortan jedes Leid ersparen könne. Eine
herzliche Umarmung folgte diesen Worten, und Nichts hat fortan den
Frieden dieser Ehe bedroht.
Druck von F. A. _Brockhaus_ in _Leipzig_.
[Hinweise zur Transkription
Das Buch ist ursprünglich in Fraktur gesetzt. Fremdsprachige Abschnitte,
die abweichend in Antiqua gesetzt wurden, sind in der Transkription
markiert. Der Name "Bulwer" auf der Titelseite ist in Kapitälchen.
Der Halbtitel "Clementine." wurde entfernt.
Geändert wurden
Seite 14:
"Interresse" geändert in "Interesse"
(ihre ganze Persönlichkeit flößte lebhaftes Interesse ein)
Seite 15:
"Berwerbung" geändert in "Bewerbung"
(da sie jede Annäherung und Bewerbung eben so fein)
Seite 21:
"war, nöthig" geändert in "war nöthig"
(und es war nöthig so weit zurückzugehen, um)
Seite 70:
"Frey" geändert in "Frei"
(Liebe für ein gewisses Fräulein Clementine Frei)
Seite 89:
"gewöhlich" geändert in "gewöhnlich"
(und begannen, wie gewöhnlich, mit den)
Seite 99:
"zeigten sodaß" geändert in "zeigten, sodaß"
(die geringste Neigung zeigten, sodaß sie auch diesen Wunsch)
Seite 103:
"vermuhtete" geändert in "vermuthete"
(da ich Frau von Meining noch in Heidelberg vermuthete)
Seite 181:
"so, weit" geändert in "so weit"
(an sich ziehen und so weit sie es vermöchte)
Seite 246:
"anklangen" geändert in "anklagen"
(da ich mich selbst vor Dir anklagen muß)
Seite 249:
"büssen" geändert in "büßen"
(nicht wie ein Verbrechen büßen lassen)
Nicht geändert wurden
unterschiedliche Schreibweisen des Verbs: erwidern/erwiedern]