Dieser Bericht trug nicht dazu bei, Meining's Besorgniß zu beruhigen.

Eine körperliche Störung war in der Gesundheit seiner Frau nicht

vorhanden; allerdings hatte sie immer reizbare Nerven gehabt, aber ihre

Energie hatte diese Reizbarkeit sonst glücklich und schnell überwunden.

Auf mehrfach wiederholte Fragen deshalb hatte sie immer eine

ausweichende oder ganz verneinende Antwort gegeben, und es blieb

ihm daher nur die Vermuthung, daß irgend ein Seelenleiden seinen

nachtheiligen Einfluß auf Clementine äußere. Vergebens aber sann er, was

es sein könne. Er war es sich bewußt, seine Frau mit der herzlichsten

Liebe umgeben zu haben, sie besaß Alles, was das Leben angenehm machen,

es verschönen konnte; sie schien frei von Leidenschaften, die das

Glück stören -- er wußte keinen Grund für das plötzliche Schwinden der

Gesundheit aufzufinden und beschloß, sich noch heute an Madame Klenke

zu wenden, um vielleicht durch diese auf die rechte Spur geleitet zu

werden, da der Zustand seiner Frau ihn im höchsten Grade beunruhigte.

Aber auch diese konnte ihm keinen Aufschluß geben. Sehen Sie, bester

Geheimrath! Ihre Frau war immer anders als wir Andre, stiller, sehr

=posée=, vernünftiger und besser als wir. Schon als Mädchen hatte sie an

Putz und Gesellschaft keine Freude und nun als Frau ist sie auch

wieder nicht wie wir. Sie hat gewiß die nobelsten Grundsätze, aber sie

exagerirt, daß sie z. B. nie tanzt, weil sie verheirathet ist -- daß sie

neulich nicht mit uns fuhr, als wir eine Schlittenpartie machten und wir

Alle und Thalberg sie so sehr darum baten, nur darum nicht fuhr, weil

Sie nicht daran Theil nahmen; das sind Alles eigenthümliche Ansichten,

mit deren Ausübung sie uns Andre tadelt -- und wir, ich an der Spitze,

möchten es ihr übel nehmen, =mais comment faire=? Sie ist so gut, so

zuvorkommend, daß es ganz unmöglich ist, nicht für sie eingenommen zu

sein, und das sind wir Alle, Frauen und Männer und mein gestrenger Herr

und Thalberg vor Allen. Denn diese Beiden rühmen sie noch nebenher als

das Muster einer Ehefrau, und wirklich »Meining wünscht oder Meining

möchte nicht gern« ist das A und O bei ihr. Machen Sie nur, daß sie sich

erholt, denn sie sieht jetzt bisweilen übel aus =à faire pitié=.

O! und heute ist sie leidender, als ich sie je gesehen! bemerkte

Meining, hätte sie nur den verdammten Ball aufgeschoben, wozu ich selbst

vor ein paar Tagen rieth. Aber da war kein Halten, kein Abreden,

der Ball mußte durchaus gegeben werden, weil die Arrangements einmal

getroffen waren. Nun haben wir leider die Folgen.

=As for the ball=, damit hat es seine eigne Bewandtniß, und da hat

Clementine Ihnen nicht die Wahrheit gesagt. Die Arrangements ließen sich

wol abändern, aber der Ball galt Thalberg und noch Jemand, sonst hätte

sie ihn gewiß aufgeschoben, da sie sich, wie sie mir selbst sagte, sehr

unwohl fühlte.

Er galt Thalberg? Was soll das heißen?

Sehen Sie, lieber Geheimrath! das rathe ich so, denn bestimmt weiß ich

es nicht -- =mais pas si bête qu'on voudrait me croire=! Als ich neulich

bei Clementinen vorfuhr, wurde ich abgewiesen; es hieß, sie hätte

ein =tête à tête= mit der Staatsräthin Ringer -- was kann sie mit der

fremden Frau haben? Nachher des Abends, als zuletzt die Partie bei Ihnen

war, kam Thalberg, der erwartet wurde, nicht. Clementine sagte uns, er

sei vorher bei ihr gewesen, sie hätte eine Weile mit ihm geplaudert

und gestand mir, =en secrêt=, es sei die Rede von einer Verheirathung

Thalberg's gewesen. Dabei war sie in der glücklichsten Laune, also hatte

er gewiß eingewilligt. Nun kommt ihr Ball. Die kleine Ringer mußte

die Tochter vom Hause machen, ich sah selbst, wie Thalberg ihr von

Clementinen vorgestellt wurde, und =c'est une affaire finie=!

Das eben nicht, beste Frau! denn Thalberg sagte mir vor einigen Tagen,

daß er genöthigt sei, rasch nach Hochberg zu gehen, und er ist möglicher

Weise schon fort, sagte Meining.

=Comment donc!= abgereist? =I do'nt believe!= rief Marianne.

Glauben Sie es immer, Sie werden bald seinen Abschiedsbesuch oder seine

Karten empfangen; indeß wußte er selbst nicht, wie lange er fort bleiben

würde. Dabei fällt mir ein, daß ich sehr lange hier bin und mich Ihnen

empfehlen muß. Gehen Sie immer eine Stunde zu Clementinen, schöne

Freundin; es wird ihr gut sein, und mir erzeigen Sie einen wahren Dienst

damit; denn sie muß Zerstreuung haben. Adieu! und reden Sie ihr recht

zu, bald in den Thiergarten zu ziehen; sie muß Ruhe haben, frische Luft

und Bewegung, das wird das Beste für sie sein.

Diese Unterhaltung, bei der Marianne auch nicht im Entferntesten den

Gedanken zu hegen schien, daß die Geheimräthin sich unglücklich oder nur

unzufrieden fühle, beruhigte Meining bedeutend; er ging rüstig an seine

Tagesgeschäfte und fand, als er Mittags nach Hause kam, seine Frau in

zierlichem Negligée, heiter und freundlich seiner wartend. Sie hatte,

weil Meining ihr die größte Stille empfohlen, in ihrer Stube serviren

lassen, obgleich sie sich ziemlich wohl fühlte, und sie bemühte sich,

den Schreck, den sie ihrem Manne am Morgen verursacht, so viel als

möglich in den Hintergrund treten zu lassen; da sie von Mariannen

erfahren, welch beunruhigenden Eindruck ihr Anfall auf ihn gemacht

hätte.

Als von dem Plan die Rede war, das Landhaus sehr zeitig zu beziehen,

machte Clementine den Vorschlag, gleich heute hinauszufahren, sich

dort eine Weile zu ergehen und zu überlegen, wie man sich daselbst am

behaglichsten einrichten werde, womit der Geheimrath sehr zufrieden

war. Die Bewegung in frischer Luft that ihr sehr wohl und lohnte ihr den

Zwang, den sie sich ihrem Manne gegenüber auferlegt hatte, als sie die

Fahrt, ohne die geringste Neigung dazu, in Anregung brachte. Dann ließ

sich Meining zu einem Freunde fahren, dem er den Abend zugesagt hatte,

rieth seiner Frau sich zeitig zur Ruhe zu begeben, vor der Nacht noch

eine Arzenei zu nehmen, die er ihr verordnet hatte, und so trennten sie

sich für den Tag wieder auf die freundlichste Weise.

Vierzehntes Kapitel.

Aus Clementinens Tagebuch.

Den 27. Februar. Gott sei Dank! Der erste Tag ist vorüber! und noch ein

Tag und noch einer, so geht das Leben hin. Armer Meining! sollst Du es

büßen, daß Du mich geliebt, mir vertraut hast? Soll das der Lohn Deiner

Arbeit, die Freude Deines Alters sein, daß Dich in Deinem Hause ein

kränkelndes, mißmüthiges Geschöpf empfängt? Und wie gut Meining ist, wie

er für mich sorgt, und wie elend ich ihm danke! Nur zur Pein lebe ich

noch in der Welt, mir und Allen. Robert, der -- -- O! Gott! fort, fort

mit den Gedanken. Ich bin Meining's Weib, sein Glück, sein Wohl allein

dürfen mein Ziel sein, und Gott im Himmel wird mir Kraft geben, es zu

erreichen, wenn er sieht, wie ich danach ringe.

Den 3. März. Ich bin wohler, Meining ist ruhig über mich. Es kann, es

wird Alles noch gut werden, und warum sollte es nicht? Konnte ich dafür,

wenn ein Gefühl, welches ich nicht absichtlich hervorrief, sich nicht

gleich unterdrücken ließ, daß es mich beherrschte? und habe ich nicht

Alles versucht, was mir Pflicht und Recht geboten? Nun ist es vorüber,

Thalberg ist fort -- auch er wird Frieden finden und glücklich werden.

Ich -- muß es sein, weil ich nicht mir gehöre.

_Im Thiergarten_, d. 2. April. So wäre ich denn hier eingerichtet!

Krank, traurig und müde bis zum Tode. Es gibt Leiden, die, Gott sei

Dank! den meisten Menschen unbekannt bleiben. Nicht alt zu sein, und

hoffnungslos in das Leben zu blicken, ohne Aussicht, ohne Wunsch für die

Zukunft, nicht einmal den, daß es jemals anders werden möge. Wo ist die

erste, frohe Jugendzeit hin, in der ich reich an Muth, an Lust und so

überreich an Liebe in das Leben sah? Ich fühlte mich glücklich in der

Liebe meines Vaters, kein andres Gefühl in meiner Seele, als ihm Freude

zu machen und gut zu sein, um des Guten willen. Damals, es war, ehe ich

Robert kannte, war ich frei! Frei? wenn ich es endlich würde, wenn mein

Tod endlich diesem Elend ein Ende machte -- das wäre das Einzige, was

ich wünschen darf, was ich wünsche. Dann würden Meining und Robert

freundlich mein gedenken, und ich schliefe still, wie mein müdes Herz es

bedarf.

Den 10. April. Die Welt ist so schön, Alles scheint glücklich, warum

kann ich es nicht sein? Dadurch kommt oft ein Gefühl von Bitterkeit in

mein Herz, das mich erschreckt. Der Vogel darf glücklich und fröhlich

von Blatt zu Blatt fliegen, die Blume findet Sonne und Regen, so viel

sie bedarf, um schön zu erblühen; nur ich entbehre Das, was mein Dasein

zum Leben machen könnte. Wenn ich Abends hinaufsehe, an das Firmament

und die Milliarden Sterne in seliger Ruhe ihre ewige Bahn durchleuchten,

so begreife ich nicht, wie nicht Ein Sternchen Mitleid fühlt mit mir,

warum nicht Eines herunterkommt, mich zu trösten, oder warum es

nicht heller hervorleuchtet, um mir ein Zeichen zu geben, daß es mich

versteht, daß es mein Leiden, mein Sehnen, mein Verzagen kennt. Hätte

ich meine Mutter noch, der ich Alles klagen dürfte, die würde mich nicht

so kalt, so streng an meine Pflicht verweisen, als die Tante; sie würde

ihr müdes Kind ausweinen lassen an ihrer Brust, sie würde mit mir weinen

und mich beklagen.

Pflicht! -- hat denn irgend ein Geschöpf außer dem Menschen eine andre

Pflicht, als glücklich zu werden? Freilich kann aber nur der Mensch in

seinem wahnsinnigen Dünkel so selbstvermessen sein, sich Pflichten zu

_schaffen_, die ihm zu erfüllen fast unmöglich sind.

Den 27. April. Nach mehrtägigem Ueberlegen und Zaudern hat Meining sich

entschlossen, mit dem Prinzen zu gehen, und ist heute abgereist. Der

Prinz hat dringend seine Begleitung gefordert, und er hat sie nicht

ablehnen dürfen. Ich habe ihm angeboten, nachzufolgen, damit wir am Ziel

der Reise zusammenträfen; ich wäre dann mit Marianne und ihrem Manne bis

Wien gegangen und hätte den übrigen Theil der Reise allein mit meinem

Mädchen und dem Diener meines Mannes fortgesetzt. Vielleicht hätte mir

die Zerstreuung wohlgethan, und hauptsächlich hoffte ich Meining damit

eine Freude zu machen, wenn er mich bald wieder um sich hätte und in

K.... seine Häuslichkeit wieder fände, wo der Prinz sechs bis acht

Wochen die Cur brauchen muß. Meining hat es aber nicht gewünscht, weil

er glaubt, ich würde die Bergluft nicht ertragen können. Nun ist er

abgereist und hat mit rührender Innigkeit mich mir selbst empfohlen; ich

solle mich schonen, wie ich sein Leben schonen würde, mich pflegen, mich

zerstreuen, damit er mich gesund und froh wiederfände, denn ich sei

sein höchstes Gut! -- Wie es mich demüthigte! Ich weinte vor Scham, und

Meining glaubte, daß meine Thränen nur dem Abschiede von ihm galten --

ich täusche ihn mit jedem Athemzuge! Elendes Dasein. Wenn er mein

Vater wäre, wie könnte ich ihn lieben, ihn, der so gut, so gut ist; wie

zufrieden würde er mit dem Gefühl von Verehrung sein, daß ich für ihn

hege, wie würde er sich der Liebe seiner Tochter für Thalberg, den er so

hoch hält, erfreuen. Jetzt aber!

Den 4. Mai. Ich fühle mich freier, besser in Meining's Abwesenheit, weil

ich mich nicht, wie ein harter Aufseher den widerspenstigen Sklaven, in

jedem Augenblick zu bewachen, zu strafen habe -- weil ich nicht, wie

ein feiger Sklave, Herz und Geist verstellen muß. Auch die vollkommene

Stille um mich her thut mir wohl. Ich überschreite die Schwelle unsres

Gartens kaum, ich ziehe mich ganz in mich selbst zurück, und es scheint

mir, als ob dadurch mehr Klarheit und Friede in mein Gemüth käme.

Nur noch einmal möchte ich Robert sehen, nur noch ein einzigesmal ihn

sprechen! aber wozu auch? Könnte ich unter diesen schönen, säuselnden

Bäumen schlafen, immerfort -- bis zu Meining's Rückkehr; tief, tief

schlafen und dann erwachen, und die ganze Vergangenheit wäre mir

entschwunden, wie das Bewußtsein eines bösen Traumes, wenn man früh die

Augen aufschlägt und der liebe, helle Tag fröhlich durch die Fenster

grüßt.

Den 5. Mai. Die Tante kommt noch immer nicht, obgleich ich sie nochmals

darum bat. Erst im Juni darf ich sie erwarten.

Den 8. Mai. Schon seit Tagen kommt wieder kein Gedanke in mir auf, als

der an Robert. Ich kann sein Bild nicht aus meinem Herzen bannen, in

dessen Pulsschlägen es seit meiner Kindheit lebt. Leben und Robert

lieben ist mir Eins -- wie konnte ich jemals wähnen, ich würde aufhören,

ihn zu lieben? Wie hat man versuchen dürfen, mich zu einer Heirath zu

überreden? Ich habe in der Zeit, die meiner Verlobung folgte, selbst

geglaubt, ich müsse Robert ruhig wieder sehen können, weil er mein

Gefühl, meinen Stolz so tief verletzt, ich würde ihn deshalb nicht mehr

lieben. Thörichter Wahn! Jedes andre Empfinden ist ohnmächtig gegen

Liebe -- sie ist Alles, Demuth, Hingebung, Selbstverleugnung, Geist,

Wahrheit und Stolz; aber nur Stolz auf den Besitz des Geliebten, Stolz

auf das Glück, von ihm gewählt zu sein. Das Alles habe ich selbst in mir

zerstört und keine Möglichkeit, es jemals zu ändern. Nun fühle ich die

Folgen dieses Schrittes an der innern Zerstörtheit meines Daseins. Mit

aller Gluth der Seele zieht es mich zu dem Geliebten, ich möchte ihn

nur einmal sehen, nur den Ton seiner Stimme hören -- ach und an seinem

Herzen alles Elend vergessen und weinen.

Den 12. Mai. Robert ist _hier_; er ist hier, in meiner Nähe, ich habe

seine Stimme im Vorzimmer nach mir fragen hören, ich sah ihn durch den

Garten zurückkehren und hinaufblicken nach meinen Fenstern. Das ist

Glück! Das ist Sonne und Frühling! Er hat mir geschrieben, und ich habe

den Brief uneröffnet zurückgesandt; ich hätte es nicht thun sollen. Und

doch weiß ich nicht, was er schreibt, was er begehrt, und kann ich es

gewähren? Auch seinen Besuch habe ich abgelehnt, wie einen Ueberlästigen

habe ich ihn abweisen lassen. Wie wird er lachen über die Feigheit, die

sich nur sicher fühlt hinter gewaltsamem Schutz, wie verächtlich wird

es ihm erscheinen. Ich habe verboten, mir irgend einen Besuch zu melden,

weil ich Robert allein nicht zurückweisen konnte. Mehr vermag ich nicht.

Alle meine Gedanken sind auf ihn gerichtet, mein Herz verlangt ihn,

die Sehnsucht ist zum körperlichen Schmerz geworden; ich fühle mich der

Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe, so verwirren sich meine Gedanken. Ich

möchte zu ihm eilen, ich möchte ihm sagen, daß ich ihn anbete; ich, die

dreißigjährige Frau, das Weib eines Andern, ich breche mein Wort, die

Treue, die Ehe.

Gott, Gott! nur der Tod kann mich retten, gib ihn mir bald, und möge

Meining nie ahnen, was ich an ihm gesündigt. Seine Zukunft soll und muß

ruhig bleiben, und muß ich leben, elend wie ich bin, so will ich

allein es tragen -- allein, wie ich es fast immer war; Liebe und Freude

entbehrend, allein leben und am liebsten -- bald allein und einsam

sterben.

Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld.

_Berlin_, d. 16. Mai.

Ich durfte nicht länger in Hochberg weilen, ich hielt es nicht aus,

ohne sie, und bin wieder hier. Man hatte mir zufällig geschrieben,

daß Clementine krank sei, daß ein Nervenleiden ihr Leben zu bedrohen

scheine. Da litt es mich nicht länger dort, ich mußte sie sehen, ich

eilte hieher. Begreifst Du es, Feld! Clementine leidet, sie stirbt, und

ich bin ihr Mörder, wenn ich sie und mich nicht rette. Nun bin ich acht

Tage hier, bin täglich bei ihr gewesen, aber niemals angenommen worden,

weil sie sich zu angegriffen fühle, um Besuche anzunehmen. Was ich auch

that, sie zu sehen, Alles war vergeblich, und es gibt Stunden, in denen

ich mit Gewalt in ihr Zimmer dringen und sie zwingen möchte, mir nach

Hochberg zu folgen und dort die Meine zu werden. Ich weiß es, an meiner

tiefen Begeisterung für sie, daß sie mich liebt, daß sie für Meining

nur kindliche Verehrung hat; warum sollen wir es büßen, daß sie sich

unwürdige Fesseln anlegen ließ, die sie und mich erdrücken? Was kann

der alte Mann an ihr lieben? Ja, der nicht weiß, was dieses große Herz

bedarf, wie es geliebt werden muß, wie es zu lieben vermag. Und grade

jetzt muß ich sie ungestört sprechen, mich mit ihr verständigen, da

Meining nicht hier ist.

Heute habe ich der Geliebten geschrieben; sie hat selbstquälerisch

meinen Brief ungelesen zurückgesandt; ich möchte ihr diese Qualen,

die sie sich vergrößert, ersparen und kann es nicht. Sie muß sie

durchkämpfen, wie ich es that, um später die Ruhe in sich zu finden,

deren sie bedarf. Sie muß es fühlen, wie ich, daß unsre Verbindung eine

innere Nothwendigkeit ist, der zu widerstehen, außer dem Bereich der

Natur und der Möglichkeit liegt. Waren je zwei Wesen für einander

geschaffen, so ist es Clementine für mich; ich könnte sagen, sie sei

der Weib gewordene Robert, sowie ich alle _ihre_ Gefühle, nur männlich

stärker, in mir wiederfinde; und doch drückt es Das nicht aus, was wir

einander sind. Plato hat Recht, die Natur schuf den Menschen und trennte

ihn in Mann und Weib, damit beide Theile nach Vereinigung streben

und ein doppelt glückliches Ganze werden, wenn sie nach schmerzlichem

Entbehren sich zusammenfinden und harmonisch vollendet in Eins

verschmelzen. Sie ist mein, mein anderes Ich, das ich nicht aufgeben

kann, feige, wie der Selbstmörder sein Leben von sich wirft; sie ist

die Liebe, der Duft, das Licht meiner Seele, der zarte Wiederhall alles

Großen, das ich gedacht -- sie war mein, sie soll es wieder werden.

Wende mir nicht ein, daß ich selbst sie aufgegeben hätte; ich hatte sie

vernachlässigt, wir hatten uns vom Wege verirrt, uns verloren; aber früh

oder spät mußten wir uns wiederfinden, wie es geschah, weil wir

Eins sind. Nichts, selbst ihr eigner Wille nicht, soll sie mir jetzt

entreißen. Ich will mein Glück um jeden Preis! -- nicht selbstsüchtig

wie ein wilder Jüngling; ich will es, mit der ruhigen, kalten

Ueberzeugung des Mannes, von Meining fordern und von Clementine, weil

mein Glück das ihre ist und ihr Leben rettet.

Warum weiset sie mich ab? Kann sie mich fürchten? So klein ist

Clementine nicht, so gering kann sie von mir nicht denken. Glaubt

sie mich zu überreden, daß es ihr gelingen werde, mich für Meining zu

opfern, der mir mein Eigenthum, mein Leben geraubt hat? Nimmermehr!

Hätte ich sie nur gesprochen -- aber sie will lieber sterben, als

abweichen von Dem, was sie für Pflicht hält; freiwillig wird sie mir die

Gunst des Wiedersehens nicht gewähren, und Niemand ist hier, bei dem

ich sie treffen könnte. Marianne und Frau von Stein sind beide bereits

verreist; sie verläßt ihr Haus nicht, seit Meining abwesend ist, und ich

habe keine Wahl. Denke an mich; in wenig Stunden bin ich der seligste

Mensch auf der Welt -- selig in ihrem Anschauen, in ihrer Liebe und in

ihrer Nähe. Lebewohl!

_Robert Thalberg._

Funfzehntes Kapitel.

Es war ein schwüler, heißer Sonntagabend, ein Gewitter lag in der Luft

und eine namenlose Beängstigung drückte Clementinens jetzt doppelt

reizbare Nerven nieder. Ein Theil der Dienerschaft hatte die Erlaubniß,

den Sonntag auswärts zuzubringen, benutzt; die Uebrigen hielten sich

in einem der entlegensten Theile des Hauses auf, wo sich das

Domestikenzimmer befand, da die Geheimräthin erklärt hatte, ihrer nicht

zu bedürfen. Alles um sie her war still und einsam, sie saß lange in

Nachdenken versunken allein. Der Himmel wurde trüber und trüber, wie

ihre Stimmung; ihr Herz war unruhig und furchtsam, wie die Schwalben,

die ängstlich hin und her flatterten. Eine Spinne hatte ihr Netz in

einer Ecke aufgeschlagen und spann und spann den langen, gleichen Faden

unermüdlich fort, so oft er abriß, ihn auf's Neue knüpfend -- kein

Laut in der Natur, außer dem heimlichen Flüstern der Bäume, die nicht

aufzuathmen und sich zu regen wagten, bei der glühenden Luft. Die Wolken

sanken immer tiefer zur Erde nieder, sie mußten Clementinen erdrücken,

wenn es so fortging -- sie hielt es nicht länger in den dumpfen Zimmern

aus, sie hoffte frei aufzuathmen im Freien, sich selbst zu entfliehen

und ging eilig hinab in die breiten Alleen des Gartens. Aber auch hier

fand sie weder die Kühlung, noch die Beruhigung, deren sie bedurfte;

sie wollte Bewegung, Leben, Menschen um sich sehen. Es trieb sie mit

ungewohnter Hast, durch die schattigen Partien des Gartens, nach den

offneren, freien Plätzen; sie näherte sich dabei der Straße und sah den

Briefträger dem Thore zuschreiten, der ihr einen Brief des Geheimraths

brachte.

Es war fast zu dunkel geworden, ihn im Freien zu lesen und, da sie sich

nicht entschließen konnte, in das Haus zurückzukehren, ging sie in den

Pavillon, wo sie für den Abend zu bleiben dachte, zündete selbst die

Lichter an und setzte sich nieder zum Lesen. Je länger sie las, je

bewegter schien sie zu werden; endlich legte sie den Brief nieder,

lehnte sich in den Divan zurück, das Gesicht in den Händen verbergend.

Meining's zärtlicher, sehnsüchtiger Brief that ihr mehr wehe, als

die härtesten Vorwürfe es vermocht hätten. Es ist so schwer, Lob zu

ertragen, das man nicht verdient; Liebe zu empfangen, die man nicht

erwiedern, und Vertrauen, das man nicht vergelten kann. Es wäre ihr

nicht möglich gewesen, in dieser Stimmung den Brief zu beenden -- er war

nicht an sie gerichtet; er galt _der_ Clementine, die Meining's würdig

war, die Anspruch hatte auf seine Achtung -- das war sie nicht mehr.

Hatte sie doch gestern noch Robert aufs Lebhafteste herbeigewünscht;

wozu nützte der Kampf einzelner Stunden, wenn der Geliebte immer als

Sieger hervorging? Sie warf sich vor, unredlich gegen sich selbst zu

sein und -- auch diesmal hafteten ihre Gedanken wieder an Robert's

Namen, bis sie in jenen Zustand versank, der, eben so fern vom

Schlummer, als vom Wachen, nerveuse Menschen nach starker, geistiger

Aufregung oft befällt; indem alle Gedanken in einander fließen und

verschwimmen und die ganze Welt wie ein nebelgraues, unbestimmtes Etwas,

das uns fremd und vollkommen gleichgültig ist, vor unsern getrübten

Blicken erscheint.

Da öffnet sich plötzlich die Thüre -- Clementine! ruft Robert's Stimme

und mit einem Ausruf des höchsten Entzückens fliegt sie ihm entgegen und

sinkt leichenblaß und bewußtlos in seine Arme.

Unter den glühenden Küssen des Geliebten erwacht sie an seiner Brust,

und die zärtlichsten Worte der Liebe, die süßesten Thränen sagen ihm,

wie warm das Herz ihm schlägt, das an dem seinen klopft. Robert bat

nicht um Liebe, er gelobte sie nicht, weil Beide es selig fühlten,

daß ihr Wesen, ihr Athem -- ihr Blick Liebe sei, und doch floß das

Geständniß ihrer Liebe von Clementinens Munde, doch hörte Robert nicht

auf, der Geliebten zu sagen, wie glücklich er sei. Ist doch auch in

der Liebe Geben seliger denn Nehmen. Süßer als die Stimme der

sehnsuchtbebenden Nachtigall klangen Clementinens Worte in Robert's

Ohr. Er ruhte zu ihren Füßen, küßte ihre Hände, beugte ihr Haupt zu sich

hernieder, und sie barg wieder ihr Gesicht in seinem dunkeln Haar, das

sie spielend durch die feinen Finger gleiten ließ. So wechselten Worte,

die dem Himmel angehörten, mit kindischem Spiele, wie nur die wahre

Liebe es schuldlos kennt.

Draußen war es fast Nacht geworden. Ein heftiger Regen fiel in großen,

rauschenden Tropfen hernieder; fern leuchtende Blitze zuckten durch

die grünen Glasfenster und warfen sonderbares Streiflicht in das kleine

Gemach. Die ängstliche Clementine suchte Robert's Hand, wie Schutz

erbittend, und er fand die zaghafte Frau lieblicher als je in dieser

Schwäche. Sieh, meine Clementine! sprach er, so will ich Dich immer

behüten, immer suche Zuflucht bei mir. Wie liebe ich Dich in dieser

Bangigkeit, wie froh macht mich das Gefühl meiner Kraft, Dir, Du

Zarte, Schwache! gegenüber. Glaube mir, alle Eure Gewalt liegt in Eurer

Hülfslosigkeit; werde nie muthig, nie stark, meine Geliebte! niemals

könnte ich, wie Meining, Deiner süßen Furchtsamkeit lachen; und jedes

Gewitter, das über uns aufzieht, soll mir ein liebes Erinnern an diese

Stunde sein, ich will es segnen, wenn es Dich, mein Leben, künftig in

den kühlen Gemächern unsres Hauses, nach Schutz verlangend, in meine

Arme führt.

Clementine · 第 7 / 9 段