Winter auch Deine Grillen verschwunden sein. Du warst ein kluges,
kräftiges Mädchen; halte Dich, wie eine brave Frau soll, und schweige,
mein Kind! damit Du in den Himmel kommst. Gott erhalte Dich, mein
Töchterchen! und gebe uns ein frohes Wiedersehen, wie es herzlichst
wünscht Deine treue Tante
_Albertine v. Alven_.
Dieser Brief verursachte Clementinen die lebhafteste Betrübniß. Sie
hatte in der Verwirrung ihrer Seele keinen andern Ausweg gewußt, als die
Tante zu ihrem Beistande herbeizurufen. Robert gänzlich zu vermeiden,
war in ihren Verhältnissen unmöglich, ohne daß Meining es bemerkte; fast
täglich traf sie mit dem Geliebten zusammen und litt unsäglich, wenn sie
ihren Gatten so freundlich gegen Thalberg sah. Sie hätte Meining Alles
bekennen mögen, ihn bitten, mit ihr an das Ende der Welt zu fliehen,
damit sie dieses Elends ledig würde. Je mehr ihr Herz an Robert hing,
je mehr Liebe sie dadurch ihrem Manne entzog, je mehr fühlte sie das
Bedürfniß, demselben, wenn man so sagen kann, dienstbar zu sein, sich
vor ihm zu demüthigen und ihn durch jede mögliche Aufmerksamkeit für die
entzogene Liebe zu entschädigen. Wenn dann Meining erfreut und dankbar
für so viel Zuvorkommenheit und Güte, sie in seine Arme schloß oder sie
küßte, hätte sie vor Scham vergehen mögen; besonders wenn sie bemerkte,
wie dann Robert's Auge unaufhörlich auf ihr ruhte, wie er die Farbe
wechsele und düster werde und nicht Ruhe finde, bis Meining sich
entfernte.
Auf die Tante war ihre letzte Hoffnung gerichtet. Dieser ruhigen Frau
ihr Leiden zu klagen, schien ihr der einzige Trost, und da Frau von
Alven nur wenig ausging, hoffte Clementine darin eine Entschuldigung zu
finden, wenn sie selbst sich in ihre Häuslichkeit zurückzöge. Aber Frau
von Alven kam nicht. Clementine blieb mit ihrem Kummer allein und wußte
Nichts zu thun, als die Zirkel so wenig als möglich zu besuchen, in
denen sie Robert zu begegnen glaubte.
Anfänglich schien Thalberg das zu billigen, und nur das Entzücken, mit
dem er sie jedesmal wiedersah, verrieth ihr, wie schwer er sie vermißt
hatte. Grade das Entbehren aber reizte und steigerte seine Leidenschaft
auf das Höchste, und bald versuchte er ebenso eifrig Clementinen
zu begegnen, als sie ihn zu vermeiden strebte. Wo er sie nur irgend
vermuthen konnte, fehlte er niemals, und wenn sie sich nur für einen
Augenblick im Theater oder auf der Promenade zeigte, war er sicher
an ihrer Seite. Gelang es ihm, trotz alle Dem, ein paar Tage hindurch
nicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie seine häufiger werdenden
Besuche nicht angenommen, so wußte er sich durch den Geheimrath selbst
eine Einladung zu verschaffen, und Clementine hatte nicht den Muth, ihm
deshalb zu grollen. War er doch so glücklich in ihrer Nähe. Sie hätte
ihm mit Freuden ihr Leben geopfert und wagte nicht ihm einen Blick oder
ein freundliches Wort zu gönnen, weil sie, unaufhörlich gegen ihr Herz
kämpfend, den Glauben in sich zu erhalten suchte, sie werde Robert's mit
Ruhe gedenken, wenn sie ihn nicht mehr sähe, und es werde ihr gelingen,
sich ihrem Manne zu erhalten.
Zwölftes Kapitel.
Fast in jedem Winter sind es nur eine kleine Anzahl von Personen,
welche zum Mittelpunkte der Gesellschaft werden und die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich ziehen, Frauen sowol als Männer; und sind diese
Letztern jung und liebenswürdig, so kann es nicht fehlen, daß sich die
Augen der Mütter liebreich auf sie richten und die der Töchter
sich schmachtend niederschlagen, wodurch die Stellung eines reichen
Heirathskandidaten zu einer der unterhaltendsten von der Welt wird,
wenn sein Herz frei und er in der Laune ist, die feinen Intriguen zu
beobachten, die gesponnen werden, um ihn zu fesseln. Freundlichere
Augen, süßeres Lächeln sah Rinaldo nicht in Armidens Gärten, als sie
jeden Abend Thalberg erblickte, wohin er trat. Seine Erscheinung hatte
in der Damenwelt Epoche gemacht; und seine glänzende Equipage, seine
prächtigen Pferde hatten nicht dazu beigetragen, das Interesse zu
vermeiden, welches seine Persönlichkeit eingeflößt hatte. Leider schien
es aber, als ob seine schönen, schwarzen Augen die junge Damenwelt gar
nicht bemerkten. Kalt und höflich bewegte er sich in ihrer Mitte, ohne
irgend Jemand auszuzeichnen, sodaß endlich eine der älteren Damen,
welche eine einzige Tochter hatte, sich entschloß, sich hinsichtlich
ihrer Wünsche in diesem Punkte gegen Clementine auszusprechen. Die
Staatsräthin Ringer war reich, ihre Johanna, eine hübsche, frische
Blondine, von der klugen Mutter auf das Sorgfältigste erzogen und mit
einem Worte »eine vortreffliche Partie«. Die Staatsräthin sah, daß
Thalberg viel im Meining'schen Hause und anscheinend mit Clementinen
befreundet war; daher entdeckte sie ihr, nach einer ewig langen
Einleitung, daß sie lebhaft wünsche, ihre Johanna, die nun siebenzehn
Jahre alt sei, zu verheirathen. Sie ist, wenn ich einmal sterbe, sagte
sie, ganz verwaist, und ich versichere Sie, beste Geheimräthin, daß mich
dieser Gedanke oft sehr beunruhigt. Nun gestehe ich Ihnen, mich hat
Herr Thalberg in jeder Beziehung so angezogen, sein feines, geistreiches
Wesen ist dabei so zutrauenerweckend, daß ich Nichts sehnlicher wünschen
könnte, als diesem Manne meine Johanna zu geben. Und grade Das, was
manchen Frauen an Thalberg mißfällt, das kalte Betragen gegen junge
Mädchen, ist mir ein Beweis mehr, daß er ein sehr guter Ehemann und
seiner Frau sehr ergeben sein würde. Sehen Sie, Liebste! wenn Sie
Thalberg gelegentlich meiner Johanna vorstellten, sie vielleicht einmal
zusammen einladen möchten -- damit sich die Leutchen näher kennen
lernten -- mein Gott! das verpflichtet ja Niemand -- Thalberg selbst
braucht es gar nicht zu wissen; und gelingt es, so haben wir zwei
Menschen glücklich gemacht, und ich, liebste Freundin! bin Ihre ewige
Schuldnerin.
Sie hätte noch lange fortsprechen können, ohne von Clementinen
unterbrochen zu werden, so erschrocken war diese anfangs bei dem
Gedanken, Robert verheirathet zu wissen. Bald aber siegte ihre edlere
Natur; es schien ihr, als zeige ihr der Himmel dadurch eine Möglichkeit,
sich und Robert zu retten. Deshalb ging sie bereitwillig auf den
Gedanken dieser Verbindung ein und versprach, so weit es in ihrer Macht
stände, die nöthigen Schritte zu thun.
Als aber die Staatsräthin sich entfernt hatte, warf sich Clementine mit
heißen Thränen auf das Sopha; sie selbst sollte Robert eine Frau geben,
sie sollte ihn veranlassen, ihrer zu vergessen, eine Andere zu lieben!
-- sie sollte ihn dann nicht mehr sehen -- denn sicher würde er mit
der jungen Frau gleich nach der Hochzeit nach Hochberg gehen. Eine
entsetzliche Eifersucht bemächtigte sich ihrer; sie sah im Geiste
Johanna schon in Hochberg walten; sie sah, wie Robert glücklich war
mit der jungen Frau, wie er sie liebte -- und ein Gefühl von Neid und
Bitterkeit, wie sie es nie gekannt, machte sie erbeben bei dem Gedanken,
daß eine Andere nun das einzige Glück besitzen würde, nach dem sie,
Clementine, sich ihr Leben hindurch gesehnt, daß eine Fremde ihrem
Robert die Wonne bereiten würde, die er einst in ihr zu finden gehofft
-- und wie glücklich müsse Robert mit seinem Herzen sein können! An dem
Gedanken raffte sie sich empor. Des Geliebten Glück! das war ja
Alles, was sie wollte. Sie selbst konnte ihm nur Schmerz, keine Freude
bereiten; so sollte er glücklich werden, durch ein Mädchen, das sie ihm
gewählt. Dann würde er freilich fortziehen, sie würde ihn entbehren und
wie schwer entbehren! aber Robert würde glücklich sein, sie selbst
ruhig werden in dem Bewußtsein des Unabänderlichen und durch die größte
Hingebung würde sie ihr Unrecht gegen Meining zu sühnen versuchen.
An dem Gelingen ihres Planes zweifelte sie keinen Augenblick. Ihre
Eifersucht ließ sie in Johannen plötzlich eine unwiderstehliche
Schönheit erblicken; sie fand sich selbst verblüht und alt; sie malte
es sich aus, wie Robert frappirt sein würde durch Johannens jugendliche
Reize; wie schnell er die arme Clementine wieder vergessen würde. Das
aber sollte ihre gerechte Buße sein. Sie selbst wollte Johanna an sich
ziehen und so weit sie es vermöchte, zu deren Ausbildung beitragen,
damit Thalberg in seiner künftigen Frau all' das Glück fände, das
Clementine ihm wünschte. So war in wenig Minuten aus einem jungen,
fremden Mädchen, aus einem halben Kinde, das Nichts davon ahnte,
ein Gegenstand des Hasses für Clementine geworden, dessen sie einen
Augenblick später mit wehmüthiger, fast mütterlicher Rührung gedachte
und an deren Zukunft sie mit den edelsten Gefühlen ihrer Seele hing.
Eine Freude, wie nach guter That, belohnte sie für den Kampf dieser
Stunde; sie fühlte sich ihrem Manne gegenüber durch ihr redliches
Streben gerechtfertigt. Sie hatte Muth, ihm frei in das Auge zu sehen,
und dachte mit weicher Ruhe an Robert, dessen Besuch sie an dem Abend
erwartete, wo ihr Mann eine Partie mit dem Obrist und Klenke machen
wollte und auch Marianne und Frau von Stein sich bei ihr angemeldet
hatten.
Man war schon am Ende des Februar; die Luft war mild, die Tage länger
geworden. In dem Wohnzimmer der Geheimräthin waren die Fenster geöffnet,
der leichte Abendwind bewegte die Blumen vor demselben auf und nieder
und beugte die Blüthen einer mächtigen Cala, die in grünem Kübel neben
dem Fauteuil stand, auf Clementinens schönes Haar. Ihre Nerven hatten
durch die leidenschaftliche, unterdrückte Aufregung der letzten Zeit
gelitten; sie fühlte sich angegriffen bis in das tiefste Herz und ruhte
auch jetzt in ihrem Lehnsessel, damit ihre Gäste später Nichts von ihrer
Schwäche gewahr würden. Sinnend blickte sie in den Kelch der weißen
Blume und kühlte ihr Gesicht mit den großen, träumerischen Blättern. So
mag wol die Lotosblume blühen, dachte sie, und sehnte sich hin nach den
stillen Thälern einer fernen Welt, fort aus der Gesellschaft und aus
Verhältnissen, die ihr zur Pein geworden waren, in eine Welt voll
Frieden, Schönheit und Ruhe. Da wurde ihr Robert gemeldet, der, um sie
wenigstens einen Augenblick allein zu sprechen, früher gekommen war, als
sich die Gesellschaft in ihrem Hause zu versammeln pflegte. Sie hatten
sich einige Tage hindurch nicht gesehen, Robert fand sie bleicher als
sonst und fragte nach ihrem Befinden. Sie klagte über Ermüdung, drückte
aber die Hoffnung aus, der Sommer werde sie herstellen, wenn sie erst
ihre Wohnung im Thiergarten bezogen haben würde. Nur noch wenig Wochen,
sagte sie, und wir wandern Alle aus und die Stadt wird leer; auch Sie
gehen vermuthlich bald fort, lieber Thalberg?
Ich weiß es selbst noch nicht, gnädige Frau, erwiederte er, Berlin ist
mir so werth, so sehr Bedürfniß meiner Existenz geworden, daß sich meine
bisherige Vorliebe für das Landleben bedeutend verringert hat; und es
ist wol möglich, daß ich nur für eine Zeit nach Hochberg gehe, dort eine
kleine Inspektion zu halten, und dann zurückkehre. Hochberg ist mir zu
todt, zu still....
Das finde ich begreiflich, entgegnete Clementine, der das Herz heftig
schlug, in dem Gedanken an ihren Plan, das finde ich begreiflich, weil
Sie dort so ganz allein sind. Sie sollten es aber deshalb nicht aufgeben
und werden es auch nicht, bei den hohen Begriffen, die sie von dem Beruf
des Gutsbesitzers in unsrer Zeit haben. Ihre Besitzungen haben ein Recht
an Sie, Sie haben eine Pflicht gegen Ihre Leute und dürfen, denke ich,
eben so wenig immer in Berlin bleiben, als ein König seine Krone zu
seinem Vergnügen niederlegen dürfte. Aber Sie sollten sich das Leben auf
Hochberg angenehmer zu machen suchen, Sie sollten....
Gäste einladen? Wer kommt zu mir Einsamen? Freunde, welche die Jagd zu
mir lockt, und dergleichen Gäste mehr. Ja, gnädige Frau! wenn ich
Sie einmal dort sehen könnte, wenn Sie nur wenige Tage dort verweilen
wollten! Sie glauben nicht, wie schön, wie paradiesisch schön mein
liebes Hochberg ist! Aber Sie werden nicht kommen.
Doch! antwortete Clementine leise und mit einer Eile, die ihr fremd war,
so eilig wie Jemand eine schwere Last, die ihn erdrückt, von sich wirft,
-- doch! Sie müssen nur vorher eine Frau nehmen; das wollte ich Ihnen
lange schon rathen.
Sie! rief Thalberg wie außer sich, Sie wollten mir das rathen! O! mein
Gott! wie wenig haben wir uns verstanden. Können Sie denken....
Ich denke, sagte Clementine, die in tiefer Bewegung nach Fassung rang
und sie durchaus gewinnen wollte, ich denke, bester Thalberg, daß Sie
sich glücklich fühlen und glücklich machen sollen. Sie sind so gut, Sie
fühlen den Werth der Häuslichkeit; warum wollen Sie einsam Ihr Leben
verbringen? Ich selbst habe Ihnen eine Frau ausgesucht, es ist die
erste Dame, der ich Sie heute über acht Tage auf meinem Balle vorstellen
werde.
Robert wollte sie mehrmals unterbrechen, sie ließ ihn aber nicht dazu
kommen. Er war aufgestanden und ging heftig im Zimmer auf und ab. Beide
schwiegen -- es war eine bange Pause.
Ja! sagte er endlich und lächelte höhnisch, Sie haben Recht, ich bin ein
leidenschaftlicher Thor, ein unbequemer Gast, den man um jeden Preis von
sich entfernen muß; auch wenn es mein einziges, letztes Glück zerstörte.
Sie haben Recht, und es soll anders werden. Ich bin neugierig auf Ihre
Wahl, meine Gnädige! ich sehne mich, die Auserkorene kennen zu lernen --
ich bin grade in der Stimmung, einen liebenswürdigen Gatten zu machen.
Aber freilich, eine Frau, die so viel Glück in der Ehe gefunden hat, als
die Geheimräthin von Meining, will es Andern auch bereiten. O! über die
großmüthigen Frauen!
Wie ungerecht sind Sie, Thalberg! -- war Alles, was Clementine den
stürmischen, unwürdigen Worten entgegnete, aber ein paar große Thränen
zitterten in ihren Augen.
Plötzlich blieb Robert vor ihr stehen, er war todtenbleich, und auch
sein Auge war von Thränen feucht. Er sah sie lange unverwandt an, faßte
ihre Hände und sprach: Sei es so! -- ja, gnädige Frau! Sie haben Recht,
ich reise bald, weil Sie es wünschen. O! Sie sind rein und licht wie
der Kelch dieser Blumen; tief wie in ihn, sehe ich in Ihr heiliges
Herz. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich habe keinen Willen als
den Ihren. Damit bog er sich zu ihr nieder, daß er fast vor ihr kniete,
küßte ihre Hände und ging eilig hinaus.
Clementine war erschöpft. Sie schlug ihre Hände, wie betend, zusammen
und blieb in schwermüthigem Hinbrüten, bis Marianne und die übrigen
Gäste kamen. Dann nahm sie sich gewaltsam zusammen und verfiel dadurch
in eine überreizte Laune, welche Frau von Stein und Marianne allerliebst
und höchst unterhaltend fanden, und bei welcher der armen Frau fast das
Herz brach und alle Nerven bebten. Auch war sie in den nächsten Tagen
kaum im Stande, die nöthigen Einladungen und Besorgungen für ihren Ball
anzuordnen; sie fühlte sich krank und bestand doch, trotz Meining's
Abreden, darauf, den Ball am bestimmten Tage zu geben. Robert, der
mehrmals hingekommen war, ließ sie, wie alle übrigen Besuche, abweisen
und bat den Geheimrath, er möge ihr, da das gesellige Treiben sie
wirklich angreife, ein paar Tage vollkommener Ruhe gönnen, deren sie nur
bedürfe, um zu dem Balle frisch und gesund zu sein.
Der verhängnißvolle Abend des 26. Februar kam heran. Die ganze Wohnung
war glänzend geschmückt, alle Zimmer geöffnet, Blumen und Kerzen überall
-- große Spiegel und glänzende Vergoldungen strahlten die Gasflammen und
Kerzen fröhlich wieder. Der Geheimrath war in der besten Laune, als er
Alles so festlich und heiter um sich her sah. Die Wohnung glich einem
Tempel der Freude und des Lichtes, aber in Clementinens Seele war es
tiefe Nacht. Sie trug eine Robe von schwarzem Sammet und eine einzige
Schnur großer Perlen. Ihr Haar, einst Robert's Entzücken, war glatt
gescheitelt, ohne Blumen, ohne Schmuck, und doch war sie schön, trotz
ihrer Blässe. Sie hatte den ganzen Tag gezittert bei dem Gedanken an
diesen Abend, sie hatte unaufhörlich mit sich gerungen. Nun war sie
ruhig, aber müde; glorreich müde, wie ein Sieger nach der Schlacht.
Allmälig versammelte sich die Gesellschaft und die Staatsräthin Ringer
mit ihrer Tochter war unter den Ersten, die sich einstellten. Clementine
ging ihnen ein paar Schritte entgegen und ein zuckendes Weh fuhr durch
ihre Brust, als sie das kleine, junge Mädchen erblickte, das in dem
Kleide von rosa Krepp und mit einem vollen Strauße von Rosen in den
hellblonden Locken wie ein Bild der Jugend und des Lebens aussah. Wie
segnend küßte sie das blühende Kind auf die Stirne und bat: Bleiben Sie
bei mir, mein liebes Fräulein! und helfen Sie mir die Wirthin machen;
Ihnen übergebe ich die junge, tanzlustige Welt, und Sie sind mir Bürge,
daß diese sich amüsirt. Johanna war selig. Sie fiel der Geheimräthin um
den Hals, nannte sie die beste, liebenswürdigste Frau der Erde, einen
wahren Engel und war noch an ihrer Seite, als Thalberg eintrat.
Seit jenem Abende hatte er Clementine nicht gesehen; rasch ging er auf
sie zu, um sie womöglich gleich zu sprechen, um sie zu versöhnen; denn
er wußte, wie unrecht, wie unendlich wehe er ihr gethan, und mehr noch,
als sie selbst, hatte er in dieser Zeit gelitten. Kaum hatte er sie aber
begrüßt, als Clementine, die es zu keiner Unterredung kommen ließ, ihm
ihren kleinen Schützling vorstellte. Er sah sie betroffen an, verbeugte
sich kalt gegen Johanna und zog sich, da die Geheimräthin als Wirthin
in Anspruch genommen war, mit einigen Herren plaudernd zurück. Vergebens
versuchte er, sie einen Moment allein zu sprechen, immer fand er fremde
Herren und Damen an ihrer Seite, die nicht weichen wollten und bald
ihn, bald sie mit sich fortzogen, was ihn unsäglich peinigte. Die ganze
Gesellschaft stimmte in der Bewunderung ihrer Schönheit überein, und
einige Herren fragten ihn, ob er das prächtige Tableau bemerkt habe,
das die imposante, ernste Schönheit der Geheimräthin von Meining und die
liebliche Johanna Ringer gebildet, als sie am Anfange des Abends einmal
neben einander gestanden hätten.
Allmälig näherte der Ball sich seinem Ende; laut jubelnd tönten die
Straus'schen Walzer durch den Saal, Frohsinn und Eleganz herrschten
allerwegen. Johanna, die Schönheit des Festes, strahlte vor kindlicher
Lust -- nur Clementine und Robert theilten die Freude nicht. Um einen
Augenblick zu ruhen, lehnte Clementine in der Brüstung eines Fensters
und hörte theilnahmlos die faden Galanterien eines älteren Herrn an,
während ihr Auge Robert und Johanna suchte. Da, als der Fremde sie
endlich verließ, trat Robert eilig zu ihr: Sie sind krank gewesen,
gnädige Frau! Sie haben gelitten, ich sehe es, sagte er, warum haben Sie
mich bis heute verbannt? warum mir nicht gegönnt, Sie zu sehen, Ihnen
zu sagen, wie tief mich mein Unrecht geschmerzt, das ich gegen Sie
begangen? Wenn Sie wüßten, wie ich verlangte, Sie zu sprechen, Sie zu
versöhnen, Sie würden mir längst vergeben haben.
Denken Sie nicht daran, antwortete sie, ich hatte Nichts zu vergeben;
sehen Sie lieber auf das fröhliche Leben um uns her, und sagen Sie mir
auch, lieber Thalberg, wie Ihnen meine kleine Johanna gefällt?
Robert schwieg einen Moment, dann sagte er ernst: Johanna Ringer ist ein
schönes, glückliches Geschöpf; soll sie elend werden, wie ich? -- wie
.... Viele?
Clementine bebte zusammen, und Thalberg fuhr fort: Ich habe Sie
verstanden, gnädige Frau! aber soll ein frohes, schuldloses Mädchen das
Opfer werden für mich? Es _muß_ ein Opfer gebracht werden, das fühle
ich; so will _ich_ es bringen, indem ich Sie verlasse. Morgen schon
gehe ich nach Hochberg zurück; ich habe es gestern bereits den Bekannten
gesagt, auch der Geheimrath weiß es. Morgen schon werde ich gehen und
nur, um Sie noch einmal zu sehen, um Ihnen Lebewohl zu sagen, bin ich
heute hier. Mögen Sie glücklich sein! und haben Sie Dank, den innigsten,
heißesten Dank, für das Glück, das ich in ihrer Nähe fand. Leben Sie
wohl, gnädige Frau!
Clementine dachte zu sterben. Noch einmal ruhten Auge in Auge; dann sah
sie Thalberg's edle, hohe Gestalt sich durch die Menge bewegen und im
Nebenzimmer verschwinden. Ihre Sonne war untergegangen, es war kalt und
Nacht um sie her.
Gleich nach Thalberg's Entfernung kam die Staatsräthin Ringer herbei,
fragte neugierig nach allem Möglichen und erfuhr von Clementine, die den
Zweck dieser Fragen wohl kannte, daß Thalberg ihre Johanna sehr hübsch
finde, daß er aber für jetzt in Geschäften nach Hochberg reise. Dankbar
entfernte sich die erfreute Mutter. Andre Gäste folgten Abschied
nehmend, preisend und scherzend -- Clementine vermochte nur mechanisch
zu antworten. Es war ihr, als ob in wüstem Traume Larven und Masken in
entsetzlichem Gewühl an ihr vorüberschwebten und mit Allgewalt auf
sie einstürmten. Sie athmete erst auf, als die Zimmer leer wurden, als
Meining ebenfalls sie verlassen hatte. Kalt sah sie um sich her, auf die
matter brennenden Kerzen, auf die von der Wärme welkenden Blumen, die
die Köpfchen sinken ließen, und sowie diese, gebrochen an Körper und
Geist, zog sie sich zurück, und ein tiefer, lethargischer Schlaf sank
auf ihre Augen.
Dreizehntes Kapitel.
Mit dem Gefühl der vollkommensten Stumpfheit erwachte Clementine
am nächsten Morgen. Tag oder Nacht, Leben, Sterben, ihr war Alles
gleichgültig. Ein grauer Nebel schien ihr über die Welt gebreitet, die
warme Frühlingssonne schien ihr kalt, der blaue Himmel farblos. Was
konnte der Tag ihr noch bringen? wie endlos lang würde die Zeit ihr
werden -- was sollte sie denken überhaupt, was erwarten? wie das
Leben ertragen? Fröstelnd bog sie sich in die Kissen zurück und wollte
nochmals zu schlafen versuchen -- ach! im Schlafe hatte Robert's Bild
vor ihrer Seele gestanden und im Wachen an ihn zu denken, war ihr Sünde.
Da öffnete Meining leise ihre Thüre und fragte: Bist Du schon wach, mein
Kind? Ich muß um acht Uhr fort, komme erst spät zurück und wollte sehen,
wie es Dir nach dem Balle geht?
Clementine richtete sich empor; der rothe Schein der seidenen Vorhänge
fiel auf ihr Gesicht, und sie sah dadurch so frisch, so rosig aus, daß
Meining nicht aufhören konnte, ihr zu sagen, wie hübsch sie sei, sie zu
herzen und zu küssen, während sie kalt und regungslos dasaß. Jetzt,
das fühlte sie, stand sie so tief, als jene Frauen, die ihr immer den
entschiedensten Abscheu eingeflößt hatten; sie mußte die Liebkosungen
eines Mannes dulden, und ihre ganze Seele gehörte einem Andern. Ein
eisiger Schauer flog durch ihre Glieder, sie sank ohnmächtig auf
ihr Lager zurück. Meining schellte nach dem Mädchen und eilte selbst
Essenzen und =Eau de Cologne= aus der Toilette herbeizuholen, um ihr
beizustehen. Als seine Frau sich erholt und er sie verlassen hatte,
befragte er das Mädchen, das seit Jahren bei ihr war, ob die Frau
Geheimräthin vielleicht gestern schon geklagt, ob irgend Etwas
vorgefallen wäre? erhielt aber nur den Bescheid, die gnädige Frau hätte
gestern Abend sehr angestrengt geschienen, ihr befohlen, sie so schnell
als möglich zu entkleiden und gleich das Licht auszulöschen, da sie
nicht mehr lesen werde. Nur das wäre ihr aufgefallen, daß der gnädige
Frau die Stimme beim Sprechen mehrmals versagt und daß sie ein
immerwährendes Schauern gehabt hätte, als ob es sie kalt überliefe.
Ueberhaupt, schloß sie, muß unsre gnädige Frau doch wol krank sein,
obgleich sie es durchaus nicht wahr haben will; denn während sie in
Heidelberg fortwährend las oder schrieb oder die Kinder von Professors
bei sich hatte, kann sie jetzt schon seit vielen Wochen, Tage hindurch,
wenn sie allein ist, aufgestützt sitzen und weinen oder mit gefalteten
Händen starr auf einen Fleck sehen. Auch die Kinder dürfen nicht mehr zu
ihr kommen. Und das dauert, bis der Herr Geheimrath nach Hause kommen;
dann ist es plötzlich vorüber, die gnädige Frau erholt sich und wird
wieder ganz munter.