Im Frühjahr sehen wir uns, so Gott will, wieder; mögen dann mit dem

Winter auch Deine Grillen verschwunden sein. Du warst ein kluges,

kräftiges Mädchen; halte Dich, wie eine brave Frau soll, und schweige,

mein Kind! damit Du in den Himmel kommst. Gott erhalte Dich, mein

Töchterchen! und gebe uns ein frohes Wiedersehen, wie es herzlichst

wünscht Deine treue Tante

_Albertine v. Alven_.

Dieser Brief verursachte Clementinen die lebhafteste Betrübniß. Sie

hatte in der Verwirrung ihrer Seele keinen andern Ausweg gewußt, als die

Tante zu ihrem Beistande herbeizurufen. Robert gänzlich zu vermeiden,

war in ihren Verhältnissen unmöglich, ohne daß Meining es bemerkte; fast

täglich traf sie mit dem Geliebten zusammen und litt unsäglich, wenn sie

ihren Gatten so freundlich gegen Thalberg sah. Sie hätte Meining Alles

bekennen mögen, ihn bitten, mit ihr an das Ende der Welt zu fliehen,

damit sie dieses Elends ledig würde. Je mehr ihr Herz an Robert hing,

je mehr Liebe sie dadurch ihrem Manne entzog, je mehr fühlte sie das

Bedürfniß, demselben, wenn man so sagen kann, dienstbar zu sein, sich

vor ihm zu demüthigen und ihn durch jede mögliche Aufmerksamkeit für die

entzogene Liebe zu entschädigen. Wenn dann Meining erfreut und dankbar

für so viel Zuvorkommenheit und Güte, sie in seine Arme schloß oder sie

küßte, hätte sie vor Scham vergehen mögen; besonders wenn sie bemerkte,

wie dann Robert's Auge unaufhörlich auf ihr ruhte, wie er die Farbe

wechsele und düster werde und nicht Ruhe finde, bis Meining sich

entfernte.

Auf die Tante war ihre letzte Hoffnung gerichtet. Dieser ruhigen Frau

ihr Leiden zu klagen, schien ihr der einzige Trost, und da Frau von

Alven nur wenig ausging, hoffte Clementine darin eine Entschuldigung zu

finden, wenn sie selbst sich in ihre Häuslichkeit zurückzöge. Aber Frau

von Alven kam nicht. Clementine blieb mit ihrem Kummer allein und wußte

Nichts zu thun, als die Zirkel so wenig als möglich zu besuchen, in

denen sie Robert zu begegnen glaubte.

Anfänglich schien Thalberg das zu billigen, und nur das Entzücken, mit

dem er sie jedesmal wiedersah, verrieth ihr, wie schwer er sie vermißt

hatte. Grade das Entbehren aber reizte und steigerte seine Leidenschaft

auf das Höchste, und bald versuchte er ebenso eifrig Clementinen

zu begegnen, als sie ihn zu vermeiden strebte. Wo er sie nur irgend

vermuthen konnte, fehlte er niemals, und wenn sie sich nur für einen

Augenblick im Theater oder auf der Promenade zeigte, war er sicher

an ihrer Seite. Gelang es ihm, trotz alle Dem, ein paar Tage hindurch

nicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie seine häufiger werdenden

Besuche nicht angenommen, so wußte er sich durch den Geheimrath selbst

eine Einladung zu verschaffen, und Clementine hatte nicht den Muth, ihm

deshalb zu grollen. War er doch so glücklich in ihrer Nähe. Sie hätte

ihm mit Freuden ihr Leben geopfert und wagte nicht ihm einen Blick oder

ein freundliches Wort zu gönnen, weil sie, unaufhörlich gegen ihr Herz

kämpfend, den Glauben in sich zu erhalten suchte, sie werde Robert's mit

Ruhe gedenken, wenn sie ihn nicht mehr sähe, und es werde ihr gelingen,

sich ihrem Manne zu erhalten.

Zwölftes Kapitel.

Fast in jedem Winter sind es nur eine kleine Anzahl von Personen,

welche zum Mittelpunkte der Gesellschaft werden und die allgemeine

Aufmerksamkeit auf sich ziehen, Frauen sowol als Männer; und sind diese

Letztern jung und liebenswürdig, so kann es nicht fehlen, daß sich die

Augen der Mütter liebreich auf sie richten und die der Töchter

sich schmachtend niederschlagen, wodurch die Stellung eines reichen

Heirathskandidaten zu einer der unterhaltendsten von der Welt wird,

wenn sein Herz frei und er in der Laune ist, die feinen Intriguen zu

beobachten, die gesponnen werden, um ihn zu fesseln. Freundlichere

Augen, süßeres Lächeln sah Rinaldo nicht in Armidens Gärten, als sie

jeden Abend Thalberg erblickte, wohin er trat. Seine Erscheinung hatte

in der Damenwelt Epoche gemacht; und seine glänzende Equipage, seine

prächtigen Pferde hatten nicht dazu beigetragen, das Interesse zu

vermeiden, welches seine Persönlichkeit eingeflößt hatte. Leider schien

es aber, als ob seine schönen, schwarzen Augen die junge Damenwelt gar

nicht bemerkten. Kalt und höflich bewegte er sich in ihrer Mitte, ohne

irgend Jemand auszuzeichnen, sodaß endlich eine der älteren Damen,

welche eine einzige Tochter hatte, sich entschloß, sich hinsichtlich

ihrer Wünsche in diesem Punkte gegen Clementine auszusprechen. Die

Staatsräthin Ringer war reich, ihre Johanna, eine hübsche, frische

Blondine, von der klugen Mutter auf das Sorgfältigste erzogen und mit

einem Worte »eine vortreffliche Partie«. Die Staatsräthin sah, daß

Thalberg viel im Meining'schen Hause und anscheinend mit Clementinen

befreundet war; daher entdeckte sie ihr, nach einer ewig langen

Einleitung, daß sie lebhaft wünsche, ihre Johanna, die nun siebenzehn

Jahre alt sei, zu verheirathen. Sie ist, wenn ich einmal sterbe, sagte

sie, ganz verwaist, und ich versichere Sie, beste Geheimräthin, daß mich

dieser Gedanke oft sehr beunruhigt. Nun gestehe ich Ihnen, mich hat

Herr Thalberg in jeder Beziehung so angezogen, sein feines, geistreiches

Wesen ist dabei so zutrauenerweckend, daß ich Nichts sehnlicher wünschen

könnte, als diesem Manne meine Johanna zu geben. Und grade Das, was

manchen Frauen an Thalberg mißfällt, das kalte Betragen gegen junge

Mädchen, ist mir ein Beweis mehr, daß er ein sehr guter Ehemann und

seiner Frau sehr ergeben sein würde. Sehen Sie, Liebste! wenn Sie

Thalberg gelegentlich meiner Johanna vorstellten, sie vielleicht einmal

zusammen einladen möchten -- damit sich die Leutchen näher kennen

lernten -- mein Gott! das verpflichtet ja Niemand -- Thalberg selbst

braucht es gar nicht zu wissen; und gelingt es, so haben wir zwei

Menschen glücklich gemacht, und ich, liebste Freundin! bin Ihre ewige

Schuldnerin.

Sie hätte noch lange fortsprechen können, ohne von Clementinen

unterbrochen zu werden, so erschrocken war diese anfangs bei dem

Gedanken, Robert verheirathet zu wissen. Bald aber siegte ihre edlere

Natur; es schien ihr, als zeige ihr der Himmel dadurch eine Möglichkeit,

sich und Robert zu retten. Deshalb ging sie bereitwillig auf den

Gedanken dieser Verbindung ein und versprach, so weit es in ihrer Macht

stände, die nöthigen Schritte zu thun.

Als aber die Staatsräthin sich entfernt hatte, warf sich Clementine mit

heißen Thränen auf das Sopha; sie selbst sollte Robert eine Frau geben,

sie sollte ihn veranlassen, ihrer zu vergessen, eine Andere zu lieben!

-- sie sollte ihn dann nicht mehr sehen -- denn sicher würde er mit

der jungen Frau gleich nach der Hochzeit nach Hochberg gehen. Eine

entsetzliche Eifersucht bemächtigte sich ihrer; sie sah im Geiste

Johanna schon in Hochberg walten; sie sah, wie Robert glücklich war

mit der jungen Frau, wie er sie liebte -- und ein Gefühl von Neid und

Bitterkeit, wie sie es nie gekannt, machte sie erbeben bei dem Gedanken,

daß eine Andere nun das einzige Glück besitzen würde, nach dem sie,

Clementine, sich ihr Leben hindurch gesehnt, daß eine Fremde ihrem

Robert die Wonne bereiten würde, die er einst in ihr zu finden gehofft

-- und wie glücklich müsse Robert mit seinem Herzen sein können! An dem

Gedanken raffte sie sich empor. Des Geliebten Glück! das war ja

Alles, was sie wollte. Sie selbst konnte ihm nur Schmerz, keine Freude

bereiten; so sollte er glücklich werden, durch ein Mädchen, das sie ihm

gewählt. Dann würde er freilich fortziehen, sie würde ihn entbehren und

wie schwer entbehren! aber Robert würde glücklich sein, sie selbst

ruhig werden in dem Bewußtsein des Unabänderlichen und durch die größte

Hingebung würde sie ihr Unrecht gegen Meining zu sühnen versuchen.

An dem Gelingen ihres Planes zweifelte sie keinen Augenblick. Ihre

Eifersucht ließ sie in Johannen plötzlich eine unwiderstehliche

Schönheit erblicken; sie fand sich selbst verblüht und alt; sie malte

es sich aus, wie Robert frappirt sein würde durch Johannens jugendliche

Reize; wie schnell er die arme Clementine wieder vergessen würde. Das

aber sollte ihre gerechte Buße sein. Sie selbst wollte Johanna an sich

ziehen und so weit sie es vermöchte, zu deren Ausbildung beitragen,

damit Thalberg in seiner künftigen Frau all' das Glück fände, das

Clementine ihm wünschte. So war in wenig Minuten aus einem jungen,

fremden Mädchen, aus einem halben Kinde, das Nichts davon ahnte,

ein Gegenstand des Hasses für Clementine geworden, dessen sie einen

Augenblick später mit wehmüthiger, fast mütterlicher Rührung gedachte

und an deren Zukunft sie mit den edelsten Gefühlen ihrer Seele hing.

Eine Freude, wie nach guter That, belohnte sie für den Kampf dieser

Stunde; sie fühlte sich ihrem Manne gegenüber durch ihr redliches

Streben gerechtfertigt. Sie hatte Muth, ihm frei in das Auge zu sehen,

und dachte mit weicher Ruhe an Robert, dessen Besuch sie an dem Abend

erwartete, wo ihr Mann eine Partie mit dem Obrist und Klenke machen

wollte und auch Marianne und Frau von Stein sich bei ihr angemeldet

hatten.

Man war schon am Ende des Februar; die Luft war mild, die Tage länger

geworden. In dem Wohnzimmer der Geheimräthin waren die Fenster geöffnet,

der leichte Abendwind bewegte die Blumen vor demselben auf und nieder

und beugte die Blüthen einer mächtigen Cala, die in grünem Kübel neben

dem Fauteuil stand, auf Clementinens schönes Haar. Ihre Nerven hatten

durch die leidenschaftliche, unterdrückte Aufregung der letzten Zeit

gelitten; sie fühlte sich angegriffen bis in das tiefste Herz und ruhte

auch jetzt in ihrem Lehnsessel, damit ihre Gäste später Nichts von ihrer

Schwäche gewahr würden. Sinnend blickte sie in den Kelch der weißen

Blume und kühlte ihr Gesicht mit den großen, träumerischen Blättern. So

mag wol die Lotosblume blühen, dachte sie, und sehnte sich hin nach den

stillen Thälern einer fernen Welt, fort aus der Gesellschaft und aus

Verhältnissen, die ihr zur Pein geworden waren, in eine Welt voll

Frieden, Schönheit und Ruhe. Da wurde ihr Robert gemeldet, der, um sie

wenigstens einen Augenblick allein zu sprechen, früher gekommen war, als

sich die Gesellschaft in ihrem Hause zu versammeln pflegte. Sie hatten

sich einige Tage hindurch nicht gesehen, Robert fand sie bleicher als

sonst und fragte nach ihrem Befinden. Sie klagte über Ermüdung, drückte

aber die Hoffnung aus, der Sommer werde sie herstellen, wenn sie erst

ihre Wohnung im Thiergarten bezogen haben würde. Nur noch wenig Wochen,

sagte sie, und wir wandern Alle aus und die Stadt wird leer; auch Sie

gehen vermuthlich bald fort, lieber Thalberg?

Ich weiß es selbst noch nicht, gnädige Frau, erwiederte er, Berlin ist

mir so werth, so sehr Bedürfniß meiner Existenz geworden, daß sich meine

bisherige Vorliebe für das Landleben bedeutend verringert hat; und es

ist wol möglich, daß ich nur für eine Zeit nach Hochberg gehe, dort eine

kleine Inspektion zu halten, und dann zurückkehre. Hochberg ist mir zu

todt, zu still....

Das finde ich begreiflich, entgegnete Clementine, der das Herz heftig

schlug, in dem Gedanken an ihren Plan, das finde ich begreiflich, weil

Sie dort so ganz allein sind. Sie sollten es aber deshalb nicht aufgeben

und werden es auch nicht, bei den hohen Begriffen, die sie von dem Beruf

des Gutsbesitzers in unsrer Zeit haben. Ihre Besitzungen haben ein Recht

an Sie, Sie haben eine Pflicht gegen Ihre Leute und dürfen, denke ich,

eben so wenig immer in Berlin bleiben, als ein König seine Krone zu

seinem Vergnügen niederlegen dürfte. Aber Sie sollten sich das Leben auf

Hochberg angenehmer zu machen suchen, Sie sollten....

Gäste einladen? Wer kommt zu mir Einsamen? Freunde, welche die Jagd zu

mir lockt, und dergleichen Gäste mehr. Ja, gnädige Frau! wenn ich

Sie einmal dort sehen könnte, wenn Sie nur wenige Tage dort verweilen

wollten! Sie glauben nicht, wie schön, wie paradiesisch schön mein

liebes Hochberg ist! Aber Sie werden nicht kommen.

Doch! antwortete Clementine leise und mit einer Eile, die ihr fremd war,

so eilig wie Jemand eine schwere Last, die ihn erdrückt, von sich wirft,

-- doch! Sie müssen nur vorher eine Frau nehmen; das wollte ich Ihnen

lange schon rathen.

Sie! rief Thalberg wie außer sich, Sie wollten mir das rathen! O! mein

Gott! wie wenig haben wir uns verstanden. Können Sie denken....

Ich denke, sagte Clementine, die in tiefer Bewegung nach Fassung rang

und sie durchaus gewinnen wollte, ich denke, bester Thalberg, daß Sie

sich glücklich fühlen und glücklich machen sollen. Sie sind so gut, Sie

fühlen den Werth der Häuslichkeit; warum wollen Sie einsam Ihr Leben

verbringen? Ich selbst habe Ihnen eine Frau ausgesucht, es ist die

erste Dame, der ich Sie heute über acht Tage auf meinem Balle vorstellen

werde.

Robert wollte sie mehrmals unterbrechen, sie ließ ihn aber nicht dazu

kommen. Er war aufgestanden und ging heftig im Zimmer auf und ab. Beide

schwiegen -- es war eine bange Pause.

Ja! sagte er endlich und lächelte höhnisch, Sie haben Recht, ich bin ein

leidenschaftlicher Thor, ein unbequemer Gast, den man um jeden Preis von

sich entfernen muß; auch wenn es mein einziges, letztes Glück zerstörte.

Sie haben Recht, und es soll anders werden. Ich bin neugierig auf Ihre

Wahl, meine Gnädige! ich sehne mich, die Auserkorene kennen zu lernen --

ich bin grade in der Stimmung, einen liebenswürdigen Gatten zu machen.

Aber freilich, eine Frau, die so viel Glück in der Ehe gefunden hat, als

die Geheimräthin von Meining, will es Andern auch bereiten. O! über die

großmüthigen Frauen!

Wie ungerecht sind Sie, Thalberg! -- war Alles, was Clementine den

stürmischen, unwürdigen Worten entgegnete, aber ein paar große Thränen

zitterten in ihren Augen.

Plötzlich blieb Robert vor ihr stehen, er war todtenbleich, und auch

sein Auge war von Thränen feucht. Er sah sie lange unverwandt an, faßte

ihre Hände und sprach: Sei es so! -- ja, gnädige Frau! Sie haben Recht,

ich reise bald, weil Sie es wünschen. O! Sie sind rein und licht wie

der Kelch dieser Blumen; tief wie in ihn, sehe ich in Ihr heiliges

Herz. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich habe keinen Willen als

den Ihren. Damit bog er sich zu ihr nieder, daß er fast vor ihr kniete,

küßte ihre Hände und ging eilig hinaus.

Clementine war erschöpft. Sie schlug ihre Hände, wie betend, zusammen

und blieb in schwermüthigem Hinbrüten, bis Marianne und die übrigen

Gäste kamen. Dann nahm sie sich gewaltsam zusammen und verfiel dadurch

in eine überreizte Laune, welche Frau von Stein und Marianne allerliebst

und höchst unterhaltend fanden, und bei welcher der armen Frau fast das

Herz brach und alle Nerven bebten. Auch war sie in den nächsten Tagen

kaum im Stande, die nöthigen Einladungen und Besorgungen für ihren Ball

anzuordnen; sie fühlte sich krank und bestand doch, trotz Meining's

Abreden, darauf, den Ball am bestimmten Tage zu geben. Robert, der

mehrmals hingekommen war, ließ sie, wie alle übrigen Besuche, abweisen

und bat den Geheimrath, er möge ihr, da das gesellige Treiben sie

wirklich angreife, ein paar Tage vollkommener Ruhe gönnen, deren sie nur

bedürfe, um zu dem Balle frisch und gesund zu sein.

Der verhängnißvolle Abend des 26. Februar kam heran. Die ganze Wohnung

war glänzend geschmückt, alle Zimmer geöffnet, Blumen und Kerzen überall

-- große Spiegel und glänzende Vergoldungen strahlten die Gasflammen und

Kerzen fröhlich wieder. Der Geheimrath war in der besten Laune, als er

Alles so festlich und heiter um sich her sah. Die Wohnung glich einem

Tempel der Freude und des Lichtes, aber in Clementinens Seele war es

tiefe Nacht. Sie trug eine Robe von schwarzem Sammet und eine einzige

Schnur großer Perlen. Ihr Haar, einst Robert's Entzücken, war glatt

gescheitelt, ohne Blumen, ohne Schmuck, und doch war sie schön, trotz

ihrer Blässe. Sie hatte den ganzen Tag gezittert bei dem Gedanken an

diesen Abend, sie hatte unaufhörlich mit sich gerungen. Nun war sie

ruhig, aber müde; glorreich müde, wie ein Sieger nach der Schlacht.

Allmälig versammelte sich die Gesellschaft und die Staatsräthin Ringer

mit ihrer Tochter war unter den Ersten, die sich einstellten. Clementine

ging ihnen ein paar Schritte entgegen und ein zuckendes Weh fuhr durch

ihre Brust, als sie das kleine, junge Mädchen erblickte, das in dem

Kleide von rosa Krepp und mit einem vollen Strauße von Rosen in den

hellblonden Locken wie ein Bild der Jugend und des Lebens aussah. Wie

segnend küßte sie das blühende Kind auf die Stirne und bat: Bleiben Sie

bei mir, mein liebes Fräulein! und helfen Sie mir die Wirthin machen;

Ihnen übergebe ich die junge, tanzlustige Welt, und Sie sind mir Bürge,

daß diese sich amüsirt. Johanna war selig. Sie fiel der Geheimräthin um

den Hals, nannte sie die beste, liebenswürdigste Frau der Erde, einen

wahren Engel und war noch an ihrer Seite, als Thalberg eintrat.

Seit jenem Abende hatte er Clementine nicht gesehen; rasch ging er auf

sie zu, um sie womöglich gleich zu sprechen, um sie zu versöhnen; denn

er wußte, wie unrecht, wie unendlich wehe er ihr gethan, und mehr noch,

als sie selbst, hatte er in dieser Zeit gelitten. Kaum hatte er sie aber

begrüßt, als Clementine, die es zu keiner Unterredung kommen ließ, ihm

ihren kleinen Schützling vorstellte. Er sah sie betroffen an, verbeugte

sich kalt gegen Johanna und zog sich, da die Geheimräthin als Wirthin

in Anspruch genommen war, mit einigen Herren plaudernd zurück. Vergebens

versuchte er, sie einen Moment allein zu sprechen, immer fand er fremde

Herren und Damen an ihrer Seite, die nicht weichen wollten und bald

ihn, bald sie mit sich fortzogen, was ihn unsäglich peinigte. Die ganze

Gesellschaft stimmte in der Bewunderung ihrer Schönheit überein, und

einige Herren fragten ihn, ob er das prächtige Tableau bemerkt habe,

das die imposante, ernste Schönheit der Geheimräthin von Meining und die

liebliche Johanna Ringer gebildet, als sie am Anfange des Abends einmal

neben einander gestanden hätten.

Allmälig näherte der Ball sich seinem Ende; laut jubelnd tönten die

Straus'schen Walzer durch den Saal, Frohsinn und Eleganz herrschten

allerwegen. Johanna, die Schönheit des Festes, strahlte vor kindlicher

Lust -- nur Clementine und Robert theilten die Freude nicht. Um einen

Augenblick zu ruhen, lehnte Clementine in der Brüstung eines Fensters

und hörte theilnahmlos die faden Galanterien eines älteren Herrn an,

während ihr Auge Robert und Johanna suchte. Da, als der Fremde sie

endlich verließ, trat Robert eilig zu ihr: Sie sind krank gewesen,

gnädige Frau! Sie haben gelitten, ich sehe es, sagte er, warum haben Sie

mich bis heute verbannt? warum mir nicht gegönnt, Sie zu sehen, Ihnen

zu sagen, wie tief mich mein Unrecht geschmerzt, das ich gegen Sie

begangen? Wenn Sie wüßten, wie ich verlangte, Sie zu sprechen, Sie zu

versöhnen, Sie würden mir längst vergeben haben.

Denken Sie nicht daran, antwortete sie, ich hatte Nichts zu vergeben;

sehen Sie lieber auf das fröhliche Leben um uns her, und sagen Sie mir

auch, lieber Thalberg, wie Ihnen meine kleine Johanna gefällt?

Robert schwieg einen Moment, dann sagte er ernst: Johanna Ringer ist ein

schönes, glückliches Geschöpf; soll sie elend werden, wie ich? -- wie

.... Viele?

Clementine bebte zusammen, und Thalberg fuhr fort: Ich habe Sie

verstanden, gnädige Frau! aber soll ein frohes, schuldloses Mädchen das

Opfer werden für mich? Es _muß_ ein Opfer gebracht werden, das fühle

ich; so will _ich_ es bringen, indem ich Sie verlasse. Morgen schon

gehe ich nach Hochberg zurück; ich habe es gestern bereits den Bekannten

gesagt, auch der Geheimrath weiß es. Morgen schon werde ich gehen und

nur, um Sie noch einmal zu sehen, um Ihnen Lebewohl zu sagen, bin ich

heute hier. Mögen Sie glücklich sein! und haben Sie Dank, den innigsten,

heißesten Dank, für das Glück, das ich in ihrer Nähe fand. Leben Sie

wohl, gnädige Frau!

Clementine dachte zu sterben. Noch einmal ruhten Auge in Auge; dann sah

sie Thalberg's edle, hohe Gestalt sich durch die Menge bewegen und im

Nebenzimmer verschwinden. Ihre Sonne war untergegangen, es war kalt und

Nacht um sie her.

Gleich nach Thalberg's Entfernung kam die Staatsräthin Ringer herbei,

fragte neugierig nach allem Möglichen und erfuhr von Clementine, die den

Zweck dieser Fragen wohl kannte, daß Thalberg ihre Johanna sehr hübsch

finde, daß er aber für jetzt in Geschäften nach Hochberg reise. Dankbar

entfernte sich die erfreute Mutter. Andre Gäste folgten Abschied

nehmend, preisend und scherzend -- Clementine vermochte nur mechanisch

zu antworten. Es war ihr, als ob in wüstem Traume Larven und Masken in

entsetzlichem Gewühl an ihr vorüberschwebten und mit Allgewalt auf

sie einstürmten. Sie athmete erst auf, als die Zimmer leer wurden, als

Meining ebenfalls sie verlassen hatte. Kalt sah sie um sich her, auf die

matter brennenden Kerzen, auf die von der Wärme welkenden Blumen, die

die Köpfchen sinken ließen, und sowie diese, gebrochen an Körper und

Geist, zog sie sich zurück, und ein tiefer, lethargischer Schlaf sank

auf ihre Augen.

Dreizehntes Kapitel.

Mit dem Gefühl der vollkommensten Stumpfheit erwachte Clementine

am nächsten Morgen. Tag oder Nacht, Leben, Sterben, ihr war Alles

gleichgültig. Ein grauer Nebel schien ihr über die Welt gebreitet, die

warme Frühlingssonne schien ihr kalt, der blaue Himmel farblos. Was

konnte der Tag ihr noch bringen? wie endlos lang würde die Zeit ihr

werden -- was sollte sie denken überhaupt, was erwarten? wie das

Leben ertragen? Fröstelnd bog sie sich in die Kissen zurück und wollte

nochmals zu schlafen versuchen -- ach! im Schlafe hatte Robert's Bild

vor ihrer Seele gestanden und im Wachen an ihn zu denken, war ihr Sünde.

Da öffnete Meining leise ihre Thüre und fragte: Bist Du schon wach, mein

Kind? Ich muß um acht Uhr fort, komme erst spät zurück und wollte sehen,

wie es Dir nach dem Balle geht?

Clementine richtete sich empor; der rothe Schein der seidenen Vorhänge

fiel auf ihr Gesicht, und sie sah dadurch so frisch, so rosig aus, daß

Meining nicht aufhören konnte, ihr zu sagen, wie hübsch sie sei, sie zu

herzen und zu küssen, während sie kalt und regungslos dasaß. Jetzt,

das fühlte sie, stand sie so tief, als jene Frauen, die ihr immer den

entschiedensten Abscheu eingeflößt hatten; sie mußte die Liebkosungen

eines Mannes dulden, und ihre ganze Seele gehörte einem Andern. Ein

eisiger Schauer flog durch ihre Glieder, sie sank ohnmächtig auf

ihr Lager zurück. Meining schellte nach dem Mädchen und eilte selbst

Essenzen und =Eau de Cologne= aus der Toilette herbeizuholen, um ihr

beizustehen. Als seine Frau sich erholt und er sie verlassen hatte,

befragte er das Mädchen, das seit Jahren bei ihr war, ob die Frau

Geheimräthin vielleicht gestern schon geklagt, ob irgend Etwas

vorgefallen wäre? erhielt aber nur den Bescheid, die gnädige Frau hätte

gestern Abend sehr angestrengt geschienen, ihr befohlen, sie so schnell

als möglich zu entkleiden und gleich das Licht auszulöschen, da sie

nicht mehr lesen werde. Nur das wäre ihr aufgefallen, daß der gnädige

Frau die Stimme beim Sprechen mehrmals versagt und daß sie ein

immerwährendes Schauern gehabt hätte, als ob es sie kalt überliefe.

Ueberhaupt, schloß sie, muß unsre gnädige Frau doch wol krank sein,

obgleich sie es durchaus nicht wahr haben will; denn während sie in

Heidelberg fortwährend las oder schrieb oder die Kinder von Professors

bei sich hatte, kann sie jetzt schon seit vielen Wochen, Tage hindurch,

wenn sie allein ist, aufgestützt sitzen und weinen oder mit gefalteten

Händen starr auf einen Fleck sehen. Auch die Kinder dürfen nicht mehr zu

ihr kommen. Und das dauert, bis der Herr Geheimrath nach Hause kommen;

dann ist es plötzlich vorüber, die gnädige Frau erholt sich und wird

wieder ganz munter.

Clementine · 第 6 / 9 段