Im Gegentheil; ich bin überzeugt, Du wärest der niedlichste Professor

im Mousselinkleide geworden und würdest die interessantesten Vorträge

gehalten haben. In Fällen, in denen psychische Leiden der Krankheit

zum Grunde liegen, würde so ein feiner, weiblicher Medikus mit seiner

liebenswürdigen Neugier vielleicht schneller die Quelle des Uebels

errathen, als wir Männer; denn eine gewisse Art von Penetration besitzen

die Frauen gewiß in höherm Grade als wir, ich meine den Scharfsinn des

Herzens, der wirklich sehr groß bei ihnen ist.

Nun denn in Gottes Namen losmarschirt auf die Emancipation der Frauen,

sagte der alte Obrist, nur in mein Regiment kommen Sie nicht. Ich kann

weder die Kanonen abschaffen, deren Donner Ihnen so sehr zuwider ist,

noch die Pferde, vor denen Sie sich fürchten, und auch mein Adjutant

wird bei aller Verehrung für Sie seine Hunde nicht entbehren wollen, die

Ihnen ebenfalls Angst verursachen.

Sind Sie denn wirklich so furchtsam, fragte der Maler, ihre Züge und

Augen drücken Nichts davon aus.

O da kennen Sie meine Frau nicht, rief Meining. Sie nimmt es im Geiste

mit Himmel und Erde auf; in der Wirklichkeit aber flößt fast jedes Thier

ihr eine ganz solide Angst ein, und wenn vollends der liebe Gott uns ein

ordentliches Gewitter schickt, führt er mir damit jedesmal meine Frau

ins Zimmer, die, glaube ich, viel lieber auf Emancipation verzichtet,

ehe sie während eines Gewitters allein bleibt. Aber um darauf

zurückzukommen! ich möchte wohl wissen, was Du, liebe Clementine! Dir

z. B. unter der Emancipation der Frauen gedacht hast.

Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, antwortete sie, weil ich sie,

meinem ganzen Wesen nach, für mich nie begehrenswerth fand. Emancipirt

wird das Weib, wie Herr Thalberg sehr wahr bemerkte, durch die Liebe und

in der Ehe. Da soll sie gleiche, oft schwerere Pflichten haben, als ihr

Mann; aber auch gleiches oder wenigstens ähnliches Recht. Man soll sie

nicht gewaltsam niederhalten und ihr nicht unnöthig Leid aufbürden, das

sie nicht tragen kann, ohne zu unterliegen. Unsre Freiheit liegt in uns;

wir müssen Herr sein über uns selbst, sonst über Niemand -- und so denke

ich, Alles, was die sogenannte Emancipation bezwecken könnte, wäre, eine

Erziehung zu befördern, die uns für unsern Beruf tüchtiger machte.

Also gleiches Recht vor Gericht und dergleichen schöne Dinge begehren

Sie nicht? fragte der Obrist.

Das mag vielleicht in manchen Fällen von Nutzen sein, die ich so

augenblicklich nicht durchdenken kann -- es aber als Schutz gegen die

Seinen zu benutzen, gegen Brüder, Väter oder Mann, das scheint mir ein

so schauderhaftes Recht, wie die Trennung einer Ehe, die, obgleich

ich eine gute Protestantin bin, in meinen Augen ein Sakrament und

unauflöslich ist.

Und so verdammen Sie Jeden, wandte der Maler ein, der sich scheiden

läßt, weil er vielleicht das Leben mit dem Gatten oder der Frau nicht

ertragen konnte? weil Laster und Verderbtheit des einen Theils oder auch

nur ganz verschiedene Gesinnungen ein Leben zur Hölle machten und ein

Glück untergruben, das in einer neuen Ehe auf das Schönste für zwei

Menschen erblühen könnte?

Verdammen kann ich Niemand, sagte Clementine bewegt, nur das weiß ich

bestimmt, daß ich lieber sterben möchte, als mein Wort brechen, und

daß ich die Möglichkeit, wie eine Frau zur zweiten Ehe schreiten könne,

durchaus nicht begreife.

Mit den Worten hob sie die Tafel auf. Meining küßte sie, trotz der

Anwesenheit der Fremden, herzlich; sie machte sich aber eilig von seinem

Arme los und ging mit Thalberg, der zuletzt gar keinen Antheil an der

Unterhaltung genommen hatte, voran in den Salon, worauf die Gesellschaft

sich bald trennte.

Zehntes Kapitel.

Thalberg war allmälig ein täglicher Gast im Meining'schen Hause

geworden, da der Geheimrath ein lebhaftes Interesse in seinem Umgange

fand, und er selbst Alles hervorsuchte, was ihm einen Grund bot, seine

Besuche zu wiederholen. Clementine, ganz beherrscht von dem Zauber, den

er immer auf sie geübt, kämpfte unaufhörlich gegen eine Liebe, die nie

in ihr erloschen und in Thalberg's Brust leidenschaftlicher, als je,

erwacht war. So waren etwa 14 Tage vergangen, als Robert seinem Freunde

folgenden Brief schrieb.

Thalberg an den Hauptmann v. Feld.

d. 18. Dezember.

Du hast wahr prophezeit, mein Freund, ich bin noch immer in Berlin und

bleibe wol auch noch einige Zeit hier. Was soll ich auch am Ende jetzt

in Hochberg beginnen? Ich sitze dort an den langen Winterabenden allein,

grüble über Gott und Menschen und reformire die Welt in Gedanken,

ohne daß bis jetzt in der Wirklichkeit das Geringste gebessert wird.

Augenblicklich bin ich auf meinen Gütern gar nicht beschäftigt; meine

Anordnungen für die Realisirung meiner Zwecke sind getroffen und müssen

nun ruhig fortwachsen, ungestört, um zu gedeihen. Meine Geschäfte

besorgt mein Verwalter, auf den ich mich verlassen kann, und ich habe

ihm heute die nöthigen Befehle zukommen lassen, mit der Weisung, daß

ich die Weihnachtszeit, ja vielleicht den ganzen Winter hier zubringen

würde, und daß er mir mein Reitpferd und ein Paar Schlittenpferde

hersenden möge. Ich behalte mein Coupee, das ich zur Reise benutzte,

hier und habe gestern einen Schlitten gekauft, der Dir sehr gefallen

würde.

Ich habe mir nun hier ein Quartier genommen, mich häuslich eingerichtet,

die alten Verbindungen erneut und finde mich wieder einmal ganz heimisch

in Berlin. Die Abende, welche nicht durch bestimmte Einladungen besetzt

sind, bringe ich häufig bei Klenke oder bei Geheimrath Meining zu, wo

in kleinem Zirkel die Zeit auf das Angenehmste vergeht. Sehr viel trägt

dazu die Geheimräthin bei, die eine ganz charmante Frau ist, voller

Geist und Gefühl; anregend, wie keine Andre; dabei die angenehmste

Tournüre und die wohlwollendste Höflichkeit, die bei ihr aus dem Herzen

kommt. Alles um sie her ist Grazie und weibliche Eleganz! Mich dünkt

oft, wenn ich ihren Hut oder ihren Handschuh liegen sehe, ich müßte

ihn aus hundert andern als den ihren erkennen. Es ist ein Zauber von

Weiblichkeit und Reinheit in Allem, was zu ihr gehört; und obgleich ihr

Haus ganz nach dem jetzigen Geschmack eingerichtet ist, sieht es doch

vollkommen anders aus, als bei den Uebrigen. Mir wenigstens wird schon

behaglich und heimisch, wenn ich im Vorzimmer den Duft von Reseda

bemerke, den sie sehr liebt und der ihre Zimmer erfüllt. Wenn ich mir

denke, daß diese noch junge Frau dem alten Manne gehört, den sie doch

nur wie ihren Vater lieben kann, thut sie mir bitterleid; und ich

gestehe Dir, mir ist oft der Gedanke gekommen, ich hätte ein Unrecht

gegen sie gut zu machen, und sie wäre glücklicher gewesen, wenn sie mein

geworden wäre. Fände ich eine Frau, die ihr gliche, in deren Seele

ich so klar lesen könnte und die mich so vollkommen verstände, als die

Geheimräthin, ich glaube, ich könnte mich noch entschließen, mich zu

verheirathen. Das einsame Leben auf Hochberg hat doch etwas Trauriges,

das fange ich erst hier wieder zu fühlen an.

Du siehst, Dein guter Rath von neulich trägt vielleicht noch Früchte;

willst Du ihn aber wirksam unterstützen, so benutze die treffliche

Schlittenbahn, mich hier zu besuchen. Ich habe hinlänglich Platz für uns

Beide.

_Thalberg._

Derselbe an denselben.

Am zweiten Weihnachtstage.

Ich kam gestern Abend zu Clementinen, um sie zu bitten, morgen bei einer

Schlittenpartie, die wir am Vormittage bei Frau von Stein verabredet

hatten, meine Dame zu sein. Es war etwa sechs Uhr. Der Diener, der mich

melden ging, sagte mir gleich, Herr Geheimrath hätte außer dem Hause

gespeist, die gnädige Frau sei allein, und er zweifle, daß sie mich

annehmen würde. Dabei that er so geheimnißvoll, lächelte so pfiffig,

daß ich neugierig wurde und ihm bis in den kleinen Salon folgte, der

nur noch durch Clementinens Wohnzimmer von ihrem Boudoir getrennt ist,

welches ich noch nicht kannte. Im Wohnzimmer brannte nur eine matte

Lampe, und da der Diener nicht ahnte, daß ich ihm durch die dunkle

Zimmerreihe gefolgt war, ließ er die Thüre offen, sodaß ich den

reizendsten Anblick von der Welt hatte. Ich sah in ein höchst

zierliches, kleines Gemach, mit grüner Seide tapeziert. Gegen das

Fenster hin brannte ein Weihnachtsbaum mit seinen bunten Lichtern, eine

Menge Spielzeug lag schon zerstreut umher, und ich hörte das jubelnde

Lachen von Kinderstimmen, ehe ich die Kleinen sah. Eine der kleinen

Stimmen rief grade: Aber Tante Clementine! Du bist die schönste und

größte Puppe, wenn Du nur still halten möchtest.

Endlich sah ich Clementine. Sie lag in einer grünen Couchette, die vor

dem Kamin stand, und hielt ein engelschönes, zweijähriges Mädchen in den

Armen. Zwei ältere Mädchen, etwa fünf- und siebenjährig, waren um sie

beschäftigt, das eine ihr das Haar aufzuflechten, das andere ihr eine

Masse von Corallen, die auf einem Tische vor ihnen lagen, umzubinden.

Es war ein wundervolles Bild! Clementine war schöner, als ich sie je

im Leben gesehen habe. Das glänzende, rabenschwarze Haar hing in

aufgelösten Wellen herab, gemischt mit dicken Corallenschnüren, von

denen ihr einige wie eine Binde über der Stirne lagen. Die Kinder

hatten ihr die Aermel zurückgeschlagen, das Tuch abgebunden und sie

mit mancherlei Schmuck behängt, den sie ihnen zum Spiele gegeben hatte.

Hände, Hals und Arme waren marmorklar in der Beleuchtung und das fein

geröthete Gesicht blendend schön in dem Ausdruck von Glück, das aus

ihren Augen strahlte.

Sie stand, als ich gemeldet wurde, rasch auf und gab dem Diener den

Befehl, mich in ihr Wohnzimmer zu führen; sie würde gleich bereit sein,

mich zu sehen. Die Thüren wurden zugemacht, ich ging schnell von meinem

Lauscherposten zurück und wurde nach einigen Augenblicken in das Boudoir

geführt, das nun einen ganz andern Anblick darbot.

Die zerstreuten Spielsachen waren einigermaßen geordnet, die beiden

größern Mädchen spielten seitwärts an dem Weihnachtsbaume, und nur das

kleinste saß bei Clementine auf einer Causseuse. Sie selbst hatte in

der Eile eine Haube aufgesetzt, sich in eine große, schwarze Mantille

gewickelt und kam mir mit den Worten entgegen: Entschuldigen Sie mich,

Herr Thalberg! daß ich Sie hier in der Unordnung empfange; ich habe

mir aber für den heutigen Abend diese kleinen Gäste geladen und muß nun

zusehen, daß sie keinen Schaden bei den Lichtern nehmen. Sie hielt das

Kind, das sich ängstlich an sie schmiegte, auf dem Arme, während sie

stand; nöthigte mich dann zum Sitzen und fragte nach meinem Begehr. Ich

war so entzückt über die Scene, daß ich eigentlich Nichts begehrte, als

sie anzusehen; die Schlittenfahrt hatte ich fast vergessen. Ich fragte,

wer die Kinder wären, und erfuhr, es wären die Töchter von Madame T...,

die hier im Hause wohne und die ihr die Kinder bisweilen überlasse. Es

sind meine Gäste, fügte sie hinzu, wenn Meining nicht zu Hause ist,

dem sie zu viel Geräusch machen, und ich habe sie mir heute geladen, um

ihnen mit einem Weihnachtsbaume die Freude zu vergelten, die sie mir oft

machen. Jetzt im Winter, wo die Natur uns keine Blume bietet, sind

das meine lieben Pflänzchen, deren Wachsen und Gedeihen mich unsäglich

freut. Sie glauben nicht, wie engelgut und gescheut solch ein

unverdorbenes Kind ist. Halb mit mir, halb mit den Kindern beschäftigt,

sprach sie abwechselnd scherzend mit uns.

Ich hätte ihr ewig zuhören mögen. Plötzlich merkten wir ein helleres

Aufflammen der Weihnachtslichter. Clementine, die sehr ängstlich besorgt

für die Kinder schien, bat mich, die untern Lichter, an welche die

Kinder reichen könnten, auszulöschen. Ich that es und nahm nun auch die

beiden größern Mädchen zu uns hin. Nun ging es an ein Plaudern: Tante!

wer ist der Herr? Ist das auch ein Onkel? Ja! Röschen, das ist der Onkel

Thalberg. Warum bist Du nicht immer hier, Onkel? Weil ich nicht immer

hier sein darf. Hast Du denn die Tante Clementine nicht lieb? O! sehr,

sehr lieb! rief ich hingerissen aus. Kannst Du uns denn leiden? fragte

die kleine Emma, unsre Wärterin sagt, der Onkel Geheimrath kann uns

nicht leiden, weil er schon so alt ist. Tante, unterbrach Röschen,

behalte lieber diesen Onkel hier und schicke den alten Onkel Meining

fort. Ja! Tante! thue das, dieser Onkel ist so schön und freundlich wie

Du, schicke den alten fort. Das Alles schwatzten die kleinen Dinger so

schnell durch einander, daß man gar nicht Einhalt thun konnte.

Clementine wurde glühendroth und gleich darauf sehr bleich; Thränen

traten ihr in die Augen, die sie mir verbergen wollte, indem sie sich

rasch zu Emma bückte und sagte: Schäme Dich, den guten, lieben Onkel

Meining hast Du nicht lieb? Dann kann ich Dir auch nicht gut sein,

wenn Du meinen lieben Meining nicht magst, und Du darfst nicht mehr

herkommen, Du böses Kind! Ihre Stimme bebte, und ich sah, was sie litt

-- o! mein Gott! ich hätte ihr dies Leiden mit meinem Leben vergelten

wollen; denn, was soll ich es Dir verbergen -- ich liebe Clementine.

Feld! wie spielt das Leben uns mit, und wie wenig verstehen wir unser

Glück. Diese Frau war mein, und ich konnte sie verschmähen; sie liebt

mich noch, und ich kann sie nicht besitzen. Ich habe ihr Leben zerstört,

das fühle ich, und die Rache bleibt nicht aus; denn jetzt erst weiß ich,

daß ich Nichts mehr vom Leben zu erwarten habe. Wie war es möglich,

daß ich diese Liebe verkannte? Sie ist das einzige, wahre Gefühl meines

Herzens gewesen, und ich selbst habe mich um das Glück gebracht; ihr und

mein Unglück habe ich selbst bereitet.

Um ihr nicht zu sagen, ich bete Dich an, um ihr nicht zu Füßen zu

fallen, stand ich auf und brachte meine Schlittenfahrt in Vorschlag.

Clementine refüsirte sie entschieden, da ihr Mann an dergleichen keinen

Theil nähme und sie, ohne ihn, solche Partien nicht mitmache. Ich bekam

einen Dank und empfahl mich -- ein unvergeßliches Bild in der Seele. Es

ist mir lieb, daß sie nicht mit mir fährt; sie hat Recht, sie soll Alles

vermeiden, was sie dem Schatten eines Vorwurfs aussetzen könnte. Grade

weil ich sie anbete, will ich selbst über sie wachen und fast könnte

ich wünschen, sie liebte mich nicht mehr, damit der reine Friede ihres

Herzens nicht getrübt werde -- und doch scheint mir das Leben nur

möglich in dem Bewußtsein ihrer Liebe.

Daß ich bleibe -- bedarf nun keiner Bestätigung.

_Thalberg._

Der Hauptmann v. Feld an Robert Thalberg.

Den 27. Dezember.

Unsinniger, was fängst Du an? Wirst Du denn niemals Ruhe finden? Denkst

Du nicht mehr, daß Du Caroline eben so heiß geliebt, daß sie Dir auch

das vollkommenste Weib geschienen? Rede mir nicht davon, daß Du bleiben

willst; wenn Dir Clementinens Ruhe und Ehre werth sind, eile sie zu

verlassen, ehe es für Euch Beide zu spät wird. Grade weil ich überzeugt

bin, daß Clementine nie einen Andern liebte, als Dich, weil ich auch

glaube, daß nur Vernunft und Pflicht sie an ihren Mann fesseln -- weil

ich ihre und Deine Leidenschaftlichkeit kenne und fürchte, grade darum

mußt Du fort.

Und was willst Du? Sie zwingen, noch unglücklicher zu werden, als sie es

vielleicht schon ist? Vielleicht war es nur ihr reines Bewußtsein, das

sie bisher aufrecht erhielt, willst Du ihr das rauben? Willst Du die

Ehre ihres Mannes, der Dich gastlich aufgenommen, ihren häuslichen

Frieden Deinen Wünschen opfern? Du wirst es thun, aber sage mir nie

mehr, daß Du Clementine geliebt hast.

Der Deinige v. _Feld_.

Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld.

Den 29. Dezember.

Deinen Brief habe ich erhalten, lieber Feld! Deine Vorwürfe vergebe ich

Dir, weil ich sie nicht verdiene. Clementine ist mir heilig wie

meine Ehre. Wie kannst Du aber Carolinens erwähnen, im Vergleich zu

Clementinen? Jetzt fühle ich es mehr als je, daß nur Sinnlichkeit und

Verblendung mich an Caroline fesselten. Als ich sie zuerst sah, als der

entzückte, stürmische Beifall des Publikums sie über sich selbst erhob

und sie alle Leidenschaften, die das Herz der Orsina durchtoben, selbst

zu fühlen schien und nun dastand, ruhend in sich, abgeschlossen, fest

und groß, mitten in einer untergehenden Welt, erschien sie mir so

gewaltig, daß es mich trieb, dies Weib kennen zu lernen. Ich fand in

ihr, was ich erwartet hatte, einen großen Charakter, ein glühendes

Herz, versunken im Strudel des Lebens. Stunden des leidenschaftlichsten

Entzückens hat sie mir gegeben. Liebe bedurfte sie nicht, flößte

sie nicht ein. Ich war eitel darauf, _sie_ zu besitzen, die Alle

mir beneideten; ich freute mich ihrer und schwelgte wie sie in ihren

Triumphen. Wenn die Blicke der staunenden Menge trunken an ihr hingen

und ihr kühnes Auge nur mich suchte; dann habe ich ein eigenthümliches

Glück empfunden. Es liegt ein großer Reiz in der Hingebung einer Frau,

die der Bühne, der Welt angehört; sie regte meine Phantasie mächtig an,

meine Sinne waren in dem höchsten Aufruhr, ich war außer mir. Ich hätte

sie und den Grafen ermorden können, als sie mit ihm entfloh -- ich hätte

mit ihr die Welt durchziehen, mich mit ihr vernichten mögen; aber nie

ist es mir eingefallen, niemals, sie mir als meine Hausfrau zu denken,

wie Clementine mir ewig vor Augen steht. Wäre Caroline mir treu gewesen,

ich hätte vielleicht nie an Haus und Weib gedacht, sie hätte mich

fortgerissen. An ihr unstätes Leben gekettet, hätte ich mich über mich

selbst, über sie, über Alles noch lange, wer weiß, ob nicht fast

für immer getäuscht; denn sie war eine Titanennatur, der man schwer

widerstand. Nun aber! Hättest Du Clementine, die schöne Geliebte meiner

ersten Jugend, gesehen, wie ich, in der züchtigen Haube, die Kinder um

sie her und sie selbst ein frohes Kind mit ihnen: Du würdest wie ich

keinen andern Gedanken haben, als sie. Wenn ich sie mir denke, als mein

Weib, mit meinem Kinde, in den Zimmern meines Schlosses -- ich wäre der

seligste Mensch geworden. Ach! ich wollte unendlich glücklich sein oder

unendlich elend -- und jetzo bin ich elend.

Sie verlassen kann ich nicht; genug, daß sie sich mir entzieht, so viel

sie kann, daß ich sie fast nur in Gesellschaft sehe. Ich weiß es ihr

Dank, daß sie mich flieht; grade die reine, versagende, milde Frau liebe

ich in ihr. Ich bleibe hier; denn ich weiß, sie und ich, wir haben

Beide keine Hoffnung auf Glück, als das, uns in flüchtigen Momenten zu

begegnen, die abzukürzen ich nicht den Muth habe. Denke von mir, was Du

willst; ich bleibe.

_Thalberg._

Elftes Kapitel.

Aus Clementinens Tagebuch.

Am zweiten Weihnachtsabend. Gott im Himmel! womit habe ich mein Loos

verschuldet? Wie wage ich es noch, Meining in das Auge zu sehen, mich

auf seinen Arm zu stützen, während mein Herz Nichts mehr kennt, als

Robert und diese unglückselige Liebe? Ach, ich hätte mich so gern

getäuscht; ich wollte mich überreden, daß ich ihn jetzt mit Ruhe

sehen, daß er mir ein Freund werden, daß er mein armes, einsames

Leben verschönen könne -- und ein Kind mit seiner Einfalt muß mir die

Falscheit meines Herzens aufdecken. Arme, kleine Emma! was kannst Du

dafür?

Ich wollte ihn nicht mehr sehen; aber wie soll ich das machen, ohne

Meining's Aufmerksamkeit zu erregen? So muß ich ihm täglich begegnen,

mich verstellen, lügen und kalt scheinen, während die heißeste Liebe

mich zu ihm zieht, während ich fühle, wie er mich liebt. Ach, nun ist

es zu spät, Alles vorbei für mich, und mir bleibt keine Wahl, als

fortzuschreiten auf dem Wege des Trugs, damit Meining wenigstens seine

Ruhe erhalten werde und Robert nicht wisse, wie ich ihn liebe, wie ich

meine Pflicht verletze. Ein Weib, die Frau eines so edlen Mannes, die

einen Andern liebt! Wer mir das je als möglich vorgestellt hätte! -- und

wie soll es enden.

Den 28. Dezember. Der Wind tobt durch die Straßen und peitscht den

Schnee vor sich her. Es ist so todt und kalt in der Luft; auch mir ist

es fröstelnd und bang. Meining ist nicht zu Hause; ich wollte, er käme

zurück und bliebe bei mir -- denn ich fürchte mich allein, vor mir

selbst. Ich wollte lesen und vermochte es nicht; die Kinder, die ich

holen ließ, sprachen von Onkel Thalberg, von dem mein Herz laut genug

spricht. Dann wollte ich mich zerstreuen und sah auf die Straße hinaus;

eine arme Frau ging vorüber, starr und weinend vor Kälte; ich ließ sie

hereinholen, wärmen, speisen und kleiden -- wohl ihr, daß man ihr helfen

kann. Mir kann Niemand helfen!

Den 2. Januar. Mir träumte die ganze Nacht von Dir. Ich saß mit Dir und

den Kindern, und wir sahen aus den Fenstern auf das Meer, das auf- und

niederwogte, und Du wickeltest mein Haar zu Locken um Deine Hand, immer

neue bildend und die frühern zerstörend. Darauf erzähltest Du von Deinen

Reisen und Deinem Leben und sagtest: wir sind uns schon früher begegnet,

da haben wir uns geliebt, und Du liebst mich noch, Clementine. Nun fing

ich bitterlich an zu weinen. Du aber küßtest mein Haar und führtest mich

hinab an's Meer. Schweigend und ruhend auf Deinem Arme, wandelte ich auf

und ab mit Dir, und Du zogst lange, weiße Perlenschnüre aus den Wellen

und schmücktest mein Haar, daß mir die vollen Perlenreihen bis an das

Herz niederreichten. Da wurde mir entsetzlich bange, und ich sagte:

aber Perlen bedeuten ja Angst und Thränen? und Du lächeltest trübe und

sprachst: erwartest Du es anders, Geliebte?

Ich wachte auf, in Thränen gebadet. Gott selbst wollte mich warnen im

Traume. Was soll ich thun?

Clementine an Frau v. Alven.

_Berlin_, d. 3. Januar 1840.

Glück auf zum neuen Jahre, meine gute Tante! und möge es uns nichts

Uebles bringen. Hast Du mich denn ganz vergessen, daß auch kein Wort von

Dir mehr zu hören ist? Ich sprach noch gestern mit Meining davon, der

Dich leider noch immer nicht kennt; und wir überlegten, ob es nicht

möglich wäre, daß Du jetzt für einige Zeit zu uns kämest. Mir geschähe

der größte Gefallen, denn ich habe seit Jahren Nichts so sehnlich

gewünscht, als wieder mit Dir, Du treue Freundin, zusammenzusein. Auch

weiß ich eigentlich nicht, was Dich davon abhalten könnte, recht bald zu

kommen, damit Du noch einen Theil der Winterfreuden und das beginnende

Frühjahr mit uns genießen könntest.

Du hast es mir immer abgeschlagen, uns in Heidelberg zu besuchen, unter

dem doppelten Vorwande, die Reise sei zu weit, und Eheleute müßten

erst Jahr und Tag allein mitsammen leben, ehe sie an einen Hausgenossen

denken dürften. Beide Rücksichten fallen jetzt weg, und ich fange

getrost an, Deine Wohnung bei uns einzurichten. Du sollst die Zimmer

haben, die Du früher bewohntest; Alles soll an der alten Stelle stehen,

und Deine Clementine hat auch die alte Liebe für Dich.

Komm Herzens-Tante! ich bin so viel allein, ich habe Grillen, die ich

nicht bannen kann; ich muß Dir Vieles sagen, ich bedarf dringend Deines

Rathes, also laß Dich nicht vergebens bitten und erwarten.

In acht Tagen könntest Du hier sein, wenn Du noch die gute, flinke Tante

wärest. Meining, der engelgut gegen mich ist, bittet mit mir um Deinen

Besuch und empfiehlt sich Dir bestens; so auch die Generalin und

alle Deine übrigen Freunde, die sich ein Fest daraus machen, Dich

wiederzusehen. Schreibe mir, welchen Tag Du einzutreffen denkst, gute

Tante! Wir kommen Dir, wenn es Meining's Geschäfte erlauben, bis zur

ersten Station entgegen oder schicken Dir mindestens unsern Wagen und

Diener. Aber komme bald, denn ich bedarf Deiner. Deine

_Clementine v. Meining_.

Frau v. Alven an die Geheimräthin v. Meining.

St...., d. 12. Januar 1840.

Mein liebes Kind! ich wünsche gewiß ebenso sehr als Du, daß es uns

vergönnt würde, eine Zeit mit einander zu verleben; leider müssen wir

aber den Plan noch für eine Weile hinausschieben, da ich nicht wohl

genug bin, jetzt an eine Reise zu denken. Indes will ich mich so rüsten,

daß ich bei der nächsten gelinden Witterung mich auf den Weg mache, und

so wollen wir Beide um einen milden Winter bitten.

Was Du mir von Grillen und Klagen schreibst, das kann ich nach diesen

unbestimmten Ausdrücken nicht verstehen; will es auch nicht, falls

irgend etwas Deinen häuslichen Frieden gestört hätte. Dergleichen kommt

wol in jeder Ehe vor, und man muß sich nur hüten, ein Wort davon, auch

gegen die beste Freundin, laut werden zu lassen. Der Frieden stellt

sich oft gar leicht wieder her; das ausgesprochene Wort kann aber nie

zurückgenommen werden und ist nur zu oft eine Saat, die böse Früchte

trägt. Meining ist, wie Du mir selbst sagst, gut und brav und liebt Dich

-- mußt Du Dich also aussprechen, ist es Dir Bedürfniß, so sei es gegen

ihn. Suche mit ihm und Dir selbst in's Reine zu kommen, und -- wenn Du

dulden mußt, dulde schweigend. Das ist der einzige Rath, den ich für

verheirathete Frauen habe.

Clementine · 第 5 / 9 段