Gewohnheit gleich mit nach Hause und drang nochmals in seine Frau, ihm
den Grund ihrer auffallenden Zerstreutheit und Theilnahmlosigkeit zu
sagen. Sie entschuldigte sich wie gegen Frau von Stein und Meining ließ
es ebenfalls gelten. Einen Augenblick hatte Clementine geschwankt, ob
sie nicht Meining sagen solle: es ist Robert, mein Robert, nimm die
Einladung für morgen zurück -- dann aber fiel ihr die Unterredung ein,
die sie einst mit Meining in dieser Beziehung gehabt. Sie bedachte, daß
Thalberg nur wenige Tage in Berlin bleiben, daß sie ihn, außer morgen
Abend, wahrscheinlich gar nicht mehr sehen werde; sie beschäftigte
sich, um sich zu zerstreuen, den Rest des Abends mit tausend Dingen,
die Meining angenehm sein konnten, und erhielt sich dadurch in einer Art
Heiterkeit, die ihren Mann ganz ruhig über sie machte.
Sie aber entschlief mit dem traurigen Bewußtsein, ihren Mann absichtlich
getäuscht zu haben, und Robert's Bild, seine Anwesenheit waren ihr
letzter Gedanke.
Achtes Kapitel.
Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld.
_Berlin_, d. 5. Dezember 1839.
Seit vier Tagen bin ich hier, habe meine kleine Angelegenheit mit
den Behörden arrangirt und die wenigen alten Bekannten, die ich noch
gefunden, wieder einmal begrüßt. Es ist ein Unrecht von Dir, daß
Du Deine langweilige Garnison nicht verläßt und die 20 Meilen
herüberfährst, damit wir in Berlin, dem Schauplatz unsrer raschen
Jugend, endlich noch einmal ein paar Tage zusammenleben. Mir ist hier
Vieles fremd geworden in den drei Jahren meiner Abwesenheit, und ich
könnte ganz ernsthafte Betrachtungen machen über das Leben und die
Vergänglichkeit und Eile desselben, wenn ich sehe, wie eine ganze
Generation, die ich früher gekannt, bereits gestorben, und eine neue,
junge Welt herangewachsen, die mir fremd ist. Schade nur, daß diese
Bemerkung, in der so viel Schmerzliches liegt, für Alle eben so alt,
als für den Einzelnen immer neu ist. Für mich liegt darin jedesmal
die dringende Aufforderung, das Leben intensiv so schnell und viel zu
genießen, als ich es vermag, und Andern zu nützen, so gut es geht.
Augenblicklich unterhält mich das Stadtleben wieder vortrefflich, und
doch weiß ich, daß ich mich nach wenig Tagen zurücksehnen werde nach
meinem lieben Hochberg, daß mir die =beau monde= fade, die Stadt eng
vorkommen wird, und daß ich mit doppelter Lust zu meinen wintergrünen
Wäldern, zu meinen gefrornen Seen zurückeilen werde. Auch habe ich, für
den Fall, daß diese Lust mich plötzlich anwandelt, meine Einrichtungen
getroffen. Die Bücher, Karten und Kupferstiche, die ich hier zu kaufen
dachte, sind, wie die Flinten und die übrigen Dinge, besorgt, und
ich glaube fast, länger als acht Tage halte ich es nicht aus, mich zu
amüsiren. Es sei denn, Du träfest währenddessen hier ein.
Denke Dir, welch sonderbares =rencontre= ich hier gehabt! Du erinnerst
Dich wol der schönen Clementine Frei, der ich Dich zuerst auf einem
Brühl'schen Balle vorstellte, und der Du bald, wie wir Alle, die Cour
machtest, bis Du zufällig bemerktest, daß mich ein lebhafteres Interesse
an sie fesselte. Damals war ich fest entschlossen, sie zu der Meinen
zu machen, denn ich liebte sie oder glaubte es wenigstens, und unsre
Verbindung war eine zwischen uns und den beiden Familien stillschweigend
abgemachte Sache. Wie das aber manchmal geht, Zeit, Entfernung und neue
Eindrücke verdrängten ihr Bild aus meiner Seele und -- doch Du kennst
die Vergangenheit mit ihren stürmischen Erinnerungen, die zwischen
meinem Damals und Jetzt liegt. Genug also! ich habe Clementine
unerwartet als Geheimräthin von Meining wieder gesehen und sie sehr
verändert gefunden. Es ist, so scheint mir, nur noch die Spur von ihrer
Schönheit vorhanden. Sie sieht leidend aus und älter, als sie ist; eine
wehmüthige Ruhe, ein melancholischer Ausdruck der Augen, der durch die
lieblichen Züge um den Mund nicht gemildert wird, lassen mich vermuthen,
daß sie viel gelitten hat. Ihr Mann ist bedeutend älter, fast ein Greis.
Er ist offenbar sehr eitel und stolz auf die Frau, die hier wieder sehr
=en vogue= ist; übrigens ein angenehmer, geistreicher Mann, der mich für
den heutigen Abend eingeladen hat. Mein Name und ich waren ihm fremd --
wie ich Clementine kannte, wundert mich das eigentlich.
Ich schreibe Dir nur so flüchtig, weil ich bestimmt voraussetze, Dich
hier wiederzusehen. Laß mich bald von Dir hören, damit ich meinen
Aufenthalt danach einrichte.
Derselbe an denselben.
Den 8. Dezember.
Also bleibst Du wirklich Deinem Vorsatze treu, alter Freund! und wir
sehen uns erst wieder, wenn die Entenjagd Dich, Du Nimrod, nach Hochberg
führt? Es ist eine Thorheit, daß Du jetzt nicht kommst; aber lange nicht
so thöricht, als Dein Vorschlag, daß ich länger in Berlin bleiben und
mir unter den Töchtern des Landes eine Burgfrau für Schloß Hochberg
suchen solle. Ich denke, über _den_ Punkt kennst Du meine Gesinnungen.
Nach den Täuschungen, die ich erfahren, nach jener rasenden
Leidenschaft, mit der ich an Caroline hing, und die verrathen ward für
einen Laffen, bin ich mit der Liebe für immer fertig, und eine bloße
Haushälterin -- dazu bedarf ich keiner Frau, die ich behalten muß, wenn
sich der geliebte, sentimentale Engel in eine exigeante, launenhafte
Hausfrau verwandelt hat. Mit aller Weisheit lernt man seine Braut erst
kennen, wenn sie zur Frau geworden ist; und mögen dann die Charaktere
noch so elend zusammenpassen, man ist an einander gefesselt und schleppt
die hemmende Last mit sich, wie der Gefangene die Kette. Ich kenne das!
-- und überlege Dir selbst, wie viele von unsern früheren Bekannten
glücklich oder innerlich gefördert worden sind durch die Ehe, die ich
übrigens nicht angreifen will. Sie paßt nur nicht für Jeden, und ich
glaube, ich würde mich jetzt darin ausnehmen, als wenn ich mir die
Kleider anzöge, die ich zu meinem Confirmationstage trug. Hätte ich zu
26 Jahren geheirathet, ich wäre nun vielleicht ein solider Hausvater,
der seinen Kohl baut, die Frau Gemahlin Sonntags zur Kirche führt und
die Jungen buchstabiren lehrt. Jetzt möchte das nicht mehr angehen. Nimm
selbst den Fall, ich fände ein Weib, wie ich es wünschen müßte, das Wort
und Probe hielte -- wo wäre die Gewißheit, daß ich für sie paßte? In der
Ehe wird gar zu oft nur Einer von den Gatten glücklich -- das scheint
mir auch bei Meining und der Frau der Fall zu sein, bei denen ich
neulich einen Abend zubrachte. Er ist durchaus zufrieden -- ob sie es
ist? Ich zweifle. Auch ist sie in Wahrheit zu jung für den Mann, den
Jeder für ihren Vater halten muß. Sie kann wirklich noch hübsch sein,
gradezu hübsch; obgleich sie mir, als ich sie zuerst wiedersah, gewaltig
verändert schien, finde ich mich jetzt in den bekannten Zügen zurück,
erfreue mich an dem feinen Ausdruck ihres Gesichts und namentlich an
ihrer schönen Farbe, wenn sie lebhaft spricht. Es ist nicht jenes plumpe
Roth, das heißes Blut und die Sinne in die Wangen treiben, sondern
der lichte, zarte Wiederschein einer glühenden Seele und ganz etwas
Eigenthümliches an ihr. Sie ist überhaupt eine interessante Frau.
Heute Abend noch einen Ball bei Klenke, morgen ein paar Besuche, und
dann geht's bald nach Hochberg zurück.
Der Hauptmann Feld an Robert Thalberg.
d. 11. Dezember.
Ich kenne Dich zu lange, um nicht zu wissen, daß ich diesen Brief in
Gottes Namen nach Berlin richten kann, und daß er Dich dort finden wird.
Fährst Du nicht wirklich sehr bald ab, liebster Thalberg, so bleibst
Du lange dort, und willst Du wissen, was Dich festhalten wird? Die
Geheimräthin von Meining. Ich habe immer die Ueberzeugung gehabt,
daß Dir Clementine Frei mehr war, als Du nachher in Deiner Sturm-
und Drangperiode selbst glaubtest; wo Du von Freundschaft, herzlicher
Anerkennung und allem Teufelszeug fabeltest, während eine ganz gesunde,
innige Liebe Dir im Herzen saß -- bis jene unglückselige, aber doch
göttlich schöne Caroline wie ein zerstörender Komet an Deinem Horizonte
erschien und Dich in ihren Weltfahrten und Wirbeln mit fortriß. Es war
eine tolle Zeit. Du bist übrigens mit den Weibern gar nicht so fertig,
als Du glaubst, und wenn Du nicht bald eine vernünftige Frau nimmst,
stehe ich für Nichts. Sei gescheut und mache aus Großmuth und Reue, »aus
herzlicher Anerkennung und Freundschaft«, keine dummen Streiche.
Das ist ein ehrlich Soldatenwort -- kurz und bündig, wie ich es liebe.
Aus Clementinens Papieren.
D. 6. Dezember. Gott sei Dank! Der Abend ist vorüber. Der Mensch kann
doch gewaltig viel über sich gewinnen. Nach dem Eindruck, nach
dem Entzücken und der namenlosen Angst, mit der ich Robert gestern
wiedersah, hätte ich es nicht für möglich gehalten, den heutigen Abend
so ruhig mit ihm verleben zu können. Wie schlug mir das Herz, als er
in unser Wohnzimmer trat, als ich ihn hier erblickte, wo ich einst an
seinem Herzen die bittersten Thränen des Abschiedes weinte und doch
einen Himmel von Hoffnungen in der Brust hatte. Auch ihn schien es zu
bewegen, als er in die alte, bekannte Wohnung trat, die ihm doch fremd
geworden sein muß, in den neuen Anordnungen, wie ich selbst es ihm bin.
Seine Stimme klang unglaublich weich und mild, es lag die Versöhnung
einer langen Vergangenheit darin -- oder trog mich mein Wunsch? Er ist
noch ganz der Alte, der seltene Mann, der er mir immer war; auch Meining
scheint ihn besonders anziehend zu finden und hat ihn dringend zur
Wiederkehr geladen, die ich aber nicht wünsche, weil sie mir den größten
Zwang auferlegt. Es ist so schwer, gegen Jemand den gleichgültigen Ton
der Gesellschaft zu finden, der uns einst so nahe stand, und dessen
Stimme des Echo in unsrer Seele erweckt. Aber was man ernstlich will,
muß man erreichen können; auch fährt Thalberg ja in den nächsten Tagen
fort, und Alles bleibt wie es war. Er muß viel gedacht und erlebt haben,
es klingt so Vieles aus seinen Reden hervor, was er nicht ausspricht
und was ich dennoch höre und verstehe. Wenn ich nur nicht innerlich so
aufgeregt wäre; ich fiebre und bebe unaufhörlich: so ein Frauenkörper
ist ein gar gebrechlich Ding. Ich wollte doch, Robert wäre schon fort.
D. 8. Dezember. Es ist fast zwei Uhr in der Nacht; ich komme eben
von Mariannens Ball zurück, und ich glaube, ich gerathe wieder in die
Kindheit, so munter und frisch bin ich. An Schlaf ist noch gar nicht zu
denken. Das macht aber das erste, klare Winterwetter, das auf mich immer
einen belebenden Einfluß geübt hat -- sogar schreibelustig bin ich; habe
ich doch vorgestern und heute meinen alten Vertrauten, das Tagebuch,
vorgenommen, das mir seit Jahren fremd geworden ist. Meining sagt aber
auch, Mariannens Fest sei ganz reizend gewesen, und ich möchte es mir
zum Maßstab für unsern Ball nehmen. Das Leben in diesen Kreisen ist
eigentlich doch interessanter, als es mir seit lange schien; und heute,
wo ich alle jungen Frauen meiner Bekanntschaft tanzen sah, hat es mir
fast leid gethan, daß ich es seit meiner Verheirathung aufgegeben habe.
Robert Thalberg bat mich dringend, nur einmal zu walzen; er tanze sonst
auch nicht mehr, wir müßten zusammen eine Ausnahme machen; ich mochte
aber nicht. Als ich mich entschloß, Meining's Frau zu werden, habe ich
durch die Verbindung mit einem so viel ältern Manne dergleichen Genüssen
entsagt, indeß habe ich das nie bereut. Marianne fragte mich heute, als
ich, während die Andern tanzten, hinter Meining's Stuhl stehend, dem
Whist zusah und Thalberg neben mir war, ob wir nicht sehr glücklich
wären, einander wieder zu sehen? Wir müßten doch alte Bekannte und
Jugendfreunde sein. Robert antwortete: Ich bin es gewiß und wünsche nur,
daß Frau von Meining mich nicht ungern wieder gesehen hat. Darauf kam
Klenke und rief lachend: Ach! lieber Thalberg! keine Frau sieht einen
alten Anbeter ungern wieder, so lange sie jung und schön ist; und von
der Seite ist Frau von Meining sicher ohne Sorgen. Mir war die ganze
Unterhaltung höchst zuwider, ich schämte mich und fürchtete, mein Mann
könne es hören; der war aber so sehr in sein Spiel vertieft, daß er
nicht auf das Geschwätz merkte. Endlich ging ich zu den alten Damen ins
Nebenzimmer, aber auch dahin kam mir Marianne neckend nach; lachte,
that geheimnisvoll und sagte: Also den Hof hast Du Dir doch auch
machen lassen, =ma belle=! und der galante Thalberg hat das noch nicht
vergessen. Denn als ich ihn heute Etwas ins Gebet nahm, gestand er, er
halte Dich für eine höchst interessante und schöne Frau. Und darin hat
er so unrecht nicht; denn heute, wo Du einmal trotz Deiner Einfachheit
=in full dress= bist, siehst Du wirklich so =lady like=, so distinguirt
aus, daß es jeder Einzelne bemerkt. Du hast immer ein gewisses =je ne
sais quoi=, das man fühlt und sieht, aber nicht nachmachen kann -- heute
indeß bist Du ganz reizend! -- Ah! da kommt wieder der schöne Thalberg
-- ich will nicht stören, =car l'on revient toujours à ses premiers
amours=, nicht wahr Herr Thalberg? -- und damit ging sie fort. Ich
war in der peinlichsten Verlegenheit, nahm mich aber zusammen, und wir
sprachen noch einen Moment über Marianne und ihre leichtfertige Weise,
welche ihre trefflichen Eigenschaften oft ganz ungenießbar macht.
Thalberg meinte, sie gliche frappant einem Kupferstiche, den er in
diesen Tagen gekauft, und den er mir morgen zur Ansicht schicken wolle.
Dann hatte Meining grade seine Partie beendet, und wir fuhren nach
Hause, als man zum =souper= ging.
Neuntes Kapitel.
Am nächsten Morgen hatte Clementine eben ihren Wagen zu einer Fahrt in
den Thiergarten vorfahren lassen, als man ihr Herrn Thalberg meldete.
Sie empfing ihn, und er entschuldigte sich, daß er den Kupferstich
selbst bringe; er habe sich aber das Vergnügen, sie zu sehen, nicht
versagen können. Doch wolle er sie von ihrer Promenade nicht abhalten
und bäte um die Erlaubniß, sie zu ihrem Wagen führen zu dürfen.
So geschah es. Während sie die Treppe hinunterstiegen, überlegte
Clementine, was sie nun eigentlich thun solle. Jeden Andern hätte sie
augenblicklich aufgefordert, den Abend in ihrem Hause zuzubringen, und
Thalberg darum zu bitten, konnte sie sich nicht überwinden. Was würde
aber Meining dazu sagen, wenn sie ihm erzählte, wie flüchtig sie
Thalberg abgefertigt hätte, und was würde dieser selbst von ihr denken?
So entschloß sie sich, ihn für den Abend einzuladen, und Thalberg sagte
freudig zu.
Am Mittage erzählte sie dem Geheimrath von Thalberg's Besuch und ihrer
Einladung, der sich derselben freute und hinzufügte, er habe den Obrist
B. und den Maler R., die er zufällig gesprochen, zu einer Partie bei
sich geladen. Wir machen dann ruhig erst unser Spiel, und Du mußt Deinen
Gast, da er nicht spielt, selbst unterhalten, bis zum Abendessen.
So waren denn, als die drei Herren sich zum Spiele gesetzt hatten,
Robert und Clementine allein am Theetische. Die arme Frau fühlte
eine mädchenhafte Scheu, als sie nun, nach langjähriger Trennung, zum
erstenmal mit dem geliebten Manne, der ihr ein Fremder sein mußte,
allein war. Allein in jenen Zimmern, in denen sie so oft in glücklicher
Unbefangenheit und im Gefühl der wärmsten Liebe sich begegnet waren!
Nun war das Alles anders. Ihre Befangenheit entging dem scharfen Auge
Thalberg's nicht, dessen Blicke glühend auf ihr ruhten; denn auch er war
von lebhaften Erinnerungen bewegt. Dadurch wollte anfangs kein
rechtes Gespräch in den Gang kommen, und Thalberg blätterte in halber
Zerstreutheit in einem Buche, das zufällig auf dem Sopha lag. Es war
das Buch der Lieder von Heine, auf dessen Schriften sich nun die
Unterhaltung wandte.
Lieben Sie Heine noch so als früher? fragte Robert, ich weiß, daß Sie
von den ersten Heine'schen Gedichten, die Sie kennen lernten, sehr
entzückt waren; und wie mir dies Buch beweist, dauert diese Vorliebe
fort.
Nicht so unbedingt, als Sie glauben, entgegnete sie. Ich bekenne, daß
mich das wahrhaft Poetische, das tief Gefühlte in den Liedern, die ich
damals einzeln kennen lernte, lebhaft ergriff und anzog. Daß der Schmerz
über eine verschmähte Liebe, dessen er sich schämt, sich in wilder
Ironie verbirgt, das fand ich bei einem Manne eben so wahr als
ergreifend -- daß er aber später Nichts mehr schont, selbst nicht diese
Liebe, nicht die Sitte, nicht Gott, das hat ihn mir verleidet.
Ja freilich, =à l'usage de la jeunesse= ist er nicht geschrieben!
bemerkte Robert, und ein Zug von eisigem Hohn wurde um seinen Mund
sichtbar. Aber wüßten Sie, meine gnädige Frau, wie gewaltsam uns Männer
das Leben enttäuscht, wie es oft grausam und unerbittlich die letzten
Bande, die uns an unsre Kindheits- und Jugendwelt fesselten, zerreißt;
wie es uns Alles raubt, Glück, Poesie und Glaube -- Sie würden Heine
vielleicht anders beurtheilen.
Vielleicht! antwortete sie, ich müßte den Dichter beklagen, der so sehr
an sich und der Menschheit irre werden konnte, daß er die Leidenschaft
nur in ihren Tiefen aufsucht, wo sie der Unschönheit längst zum Raube
geworden ist und dem reinen Gefühl einen Schauder des Entsetzens
einflößt. Wenn ich von mir auf andre Frauen schließe, muß Heine's
Zerrissenheit....
Also auch Sie, auch Sie! sprechen es nach, Heine ist zerrissen! O! das
klingt sehr groß, sehr vornehm. Aber wer ist denn ganz? -- etwa die
Leute, die in enger, dumpfer Beschränkung zwischen denselben vier
Pfählen Wiege und Sarg haben? die aus Mangel an Temperament, aus Mangel
an Leben keinen Reiz des Lebens, keine Verlockung der Sünde empfinden?
Die Leute, die den heißesten Wunsch des Herzens, das einzige Glück ihres
Daseins feige aufgeben, weil es gegen ein gemachtes, bürgerliches Gesetz
anstößt? Die Leute also sind ganz, die sollen Heine beurtheilen? Glauben
Sie mir, gnädige Frau! wer ein ganzer Mensch ist, ganz an Körper und
Seele, von dieser in den Himmel gehoben, von jenem an die Erde gekettet,
doppelt in seinen Wünschen und Bedürfnissen, auf der Erde ohne das
ersehnte Glück, für den Himmel Nichts als eine unbestimmte Hoffnung --
wer sich da von dem zwiefachen Getriebe nicht zerreißen läßt, wer
sich nicht blutig stößt an den Barrieren und Hecken bürgerlicher und
göttlicher Gesetze -- der ist kein Mensch, der müßte ein Gott sein.
Robert war, während er sprach, immer lebhafter geworden, und Clementine
sah ihn in einer von jenen leidenschaftlichen Aufregungen, die sie
so wohl kannte, und denen nur zu leicht ein Anfall tiefer Schwermuth
folgte, wenn sie nicht durch Unterhaltung verbannt wurde. In solchen
Augenblicken hatte sich früher oft ihr Einfluß auf sein Gemüth geltend
gemacht, deshalb begann sie nach einer Pause, in der Robert in tiefes
Denken versunken war: Nun wohl denn mir, daß ich kein Mann bin, daß mich
das Leben nicht so hart enttäuscht hat, und daß mir mein bestimmter Weg
vorgezeichnet ist.
Und haben Sie diesen Weg nie schwer, nie rauh gefunden?
O! doch, Herr Thalberg, schon der Weg zur Schule schien mir oft schwer,
scherzte Clementine, um ihn von dem Gespräch abzuleiten.
Und haben Sie nie die Neigung gehabt, von diesem vorgeschriebenen Wege
abzuweichen, wenn er Ihnen unangenehm war?
Niemals! -- als Kind hätte ich es aus Furcht vor Vater und Tante nicht
gethan; später hätte ich mich vor meinen Gefährten geschämt, und dann
ist mir das eigne Gefühl ein guter Compaß geworden, dessen Nadel mir
immer wieder den rechten Weg zeigte und nach Norden wies.
Ja! nach Norden, sagte Thalberg, nach dem Norden der kalten Vernunft,
in dem das heiße Blut erstarrt. Aber Sie erwähnten Ihrer Tante, sagte er
plötzlich abbrechend, wie geht es Frau von Alven und wo lebt sie jetzt?
Damit war die Unterhaltung über Heine beendet und ging zu gleichgültigen
Dingen über, obgleich auch bei diesen ein Wiederhall des Sturmes
bemerkbar war, der Robert's Seele bewegte. Endlich hörten die Herren
zu spielen auf, man ging zu Tisch und sprach während der Mahlzeit unter
Anderm auch bald wieder über die politischen Ereignisse des Tages.
Robert hing, wie wir sahen, den freisinnigsten Meinungen an und wunderte
sich heute, daß Clementine, die in früher Jugend, als seine gelehrige
Schülerin, all' seine Ansichten theilte, jetzt bedeutend mehr der
konservativen Richtung geneigt schien. Mich dünkt, sagte er, Sie hätten
einst mit viel größerer Theilnahme den liberalen Ideen unsrer Zeit
gehuldigt, und ich hätte Sie begeistert gesehen, als die Julitage uns
eine neue Aera zu verkünden schienen. Was hat Sie denn unsrer Fahne
abwendig gemacht?
Und wer sagt Ihnen denn, daß mich die große Idee der Freiheit nicht
noch eben so erwärmt, daß ich den Enthusiasmus der Männer dafür nicht
begreife? antwortete sie. Damals glaubte ich nur, auch für uns
Frauen sei die Freiheit, nach der die Männer streben, ebenfalls ein
unerläßliches Gut, und es sei unsre Pflicht, mit ihnen für Freiheit zu
schwärmen und über Politik zu sprechen -- und nur von _dem_ Glauben bin
ich zurückgekommen.
Sehr mit Unrecht, gnädige Frau! sagte der Maler. Warum sollen die
Frauen, die uns im Leben das höchste Glück gewähren, nicht auch mit
uns Theil haben an den höchsten Schätzen, nach denen wir streben.
Warum sollte ein Geschlecht, dem Eleonore Prohaska und das Mädchen von
Saragossa angehörten, nicht eben so lebhaft den Sinn für Freiheit und
Vaterland haben als wir?
Für ein Vaterland, wandte Thalberg ein, haben die Frauen wirklich gar
keinen Sinn und können ihn nicht haben, weil ihr Beruf sie nur zu oft
der Heimat entfremdet und ihnen ein neues Vaterland gibt. Ich würde es
gewiß meiner Frau, falls sie eine Französin oder Engländerin wäre, sehr
verargen, wenn sie nicht mit mir von Herz und Seele eine Deutsche würde;
und so sind die Frauen eigentlich geborne Kosmopoliten, die nur für
allgemeine Weltfreiheit Interesse haben können, fügte er lächelnd hinzu.
Wie sieht es denn nun mit Ihren Weltfreiheitsideen aus, gnädige Frau!
fragte sie der Obrist.
Ich sage Ihnen ja, antwortete sie, daß ich die demagogischen und
liberalen Gesinnungen der Männer vollkommen begreife und achte, daß ich
selbst aber eine gewaltige Aristokratin bin, und ich glaube, im Herzen
sind wir Frauen es alle. Wir sind nicht gewöhnt, uns in die Menge
zu verlieren; wir stehen abgesondert für uns und lassen uns von den
Männern, denen wir, sobald wir sie lieben, ein ganz apartes Adelsdiplom
zuerkennen, gern als treue Vasallen huldigen. Oder noch lieber beten wir
den König unsres Herzens mit tiefster Demuth an, der uns viel mehr =un
et indivisible= ist, als es den Franzosen jemals ihre Republik war.
Alle lachten, und Meining sagte: Das sind auch die besten Grundsätze für
Euch, denn Politik und Liberalismus kleiden die Damen nicht. Ich kannte
selbst eine geistreiche Frau, die treue Freundin eines Mannes, der
Deutschland die Freiheit predigte, bis sie ihn auf dem Montmartre
begruben -- und so angenehm ich sie sonst immer fand, so unerträglich
schien sie mir, wenn sie jene Ideen von Freiheit aussprach, die im Munde
ihres Freundes groß und prophetisch geklungen hatten.
Darin stimme ich Ihnen bei, Herr Geheimrath! fuhr Thalberg fort, und ich
glaube auch, daß die wahre Stellung des Weibes eine abhängige sein muß.
Ich wünsche nur, daß sie von dem freien Manne abhänge, der in ihr den
Menschen achtet. Unsre Liebe ist ihre Freiheit, die ihnen allen Schutz
und alle Rechte zuerkennt, deren sie bedürfen. Sie müssen mit uns den
Gedanken der Freiheit theilen, ohne sie selbst zu begehren, weil für sie
dieselbe ein Unding ist.
Im Ganzen, bemerkte der Maler, als Clementine ihre volle Zustimmung zu
Thalberg's Aeußerung gab, werden nicht alle Damen dieser Meinung sein;
denn, wenn sie auch die =femme libre= der St. Simonisten empörend
finden, so ließen sie sich doch nur zu gern ein bischen emancipiren,
und ich für meinen Theil wollte Nichts dagegen haben, wenn mir einige
so recht schöne junge Mädchen als Collegen oder Schüler in mein Atelier
geschickt würden.
Wenn es so weit ist, meinte Meining, lasse ich mir meine Frau zum
Assistenten ernennen!
Und glaubst Du, Lieber, daß ich dazu nicht vortrefflich wäre? Glaubst
Du, wenn man mich von Jugend auf in all' den Wissenschaften unterrichtet
hätte, mit denen man die jungen Leute so früh bekannt macht, ich hätte
das nicht auch erlernen können? fragte Clementine.