Auch fanden sich jetzt wirklich eine Menge Geschäfte für sie. Meining

wünschte sein Haus glänzend einzurichten, es zu dem Sammelplatz der

geistigen Celebritäten zu machen, und in diesem Sinne mußten die

Einrichtungen getroffen werden, wobei Clementinens geläuterter

Geschmack, ihr angeborner Schönheitssinn ihm vortrefflich zu Statten

kamen. In wenigen Wochen waren die öden Zimmer in die eleganteste

Wohnung verwandelt, die trotz der modernen Pracht einfach und

komfortable erschien, weil ihre Besitzerin heimisch darin und für diese

Umgebung geschaffen war. Meining fand eine Freude daran, Clementine in

diesen neuen Verhältnissen zu betrachten. Fast täglich wurden ihr Fremde

vorgestellt. Ein großer Kreis fing an, sich um sie zu versammeln, und,

obgleich das Alles sie augenblicklich zerstreute, vermißte sie doch gar

sehr ihre früheren Bekannten, deren nur noch äußerst wenige in Berlin

lebten. Von den Mädchen waren die meisten verheirathet und mit ihren

Männern nach fernen Orten gezogen. Die alten Freunde ihres Vaters waren

theils gestorben, theils, da sie dem Beamtenstande angehörten, ebenfalls

versetzt; so, daß ihr eigentlich nur die Frau des Banquier Klenke von

dem frühern Kreise geblieben war. Diese Marianne Klenke hatte Clementine

erst ein Jahr vor ihrer Abreise von Berlin kennen gelernt, und Beide

hatten sich, vielleicht grade wegen ihrer vollkommen unähnlichen

Charaktere, mehr seitig angezogen. Clementine war damals schon traurig

und unglücklich durch den Verlust ihres Robert's gewesen, und es hatte

sie gefreut zu sehen, daß Jemand so lebensfroh, so vollkommen glücklich

sein könne, als Marianne, deren gutmüthiges, offenes Wesen sie für

dieselbe eingenommen hatte. Sie hatte Freude daran gefunden, Mariannen,

die arm war und bei entfernten Verwandten lebte, Theil nehmen zu lassen

an den Zerstreuungen und Genüssen, die ihr elterliches Haus fast täglich

bot. Dort hatte Klenke, einer der reichsten Banquiers der Stadt, sie

kennen gelernt, sich in sie verliebt und sie bald nach Clementinens

Abreise geheirathet. Klenke hatte in der ersten Zeit seiner Ehe der

jungen Frau in Allem den Willen gelassen, und diese hatte sich in ein

Meer von Zerstreuungen gestürzt, die nicht ganz ohne nachtheiligen

Einfluß auf sie geblieben waren. Eine Anlage zu Affektation und

Koketterie, die Clementine oft an ihr getadelt, hatte sich mehr

ausgebildet; da sie ihrem Manne aber auf's Innigste ergeben war und sehr

glücklich mit ihrem kleinen Töchterchen, ließ Clementine die Hoffnung

nicht schwinden, Marianne werde von den Thorheiten, die sie in den

neuen Verhältnissen angenommen, zurückkommen, je mehr diese ihr zur

gleichgültigen Gewohnheit und ihr Kind ihre Freude und Beschäftigung

werden würde. So gab sie sich ohne Rückhalt dem Vergnügen hin, das ihr

das Beisammensein mit Mariannen gewährte, die »außer sich vor Entzücken«

über die Rückkehr ihrer Clementine schien, und beide Frauen beschlossen

viel beisammen zu sein, weil ihre Männer durch Geschäfte gefesselt und

sie dadurch oft allein waren.

Meining hatte zwar anfangs seinen Vorsatz, keine Praxis zu übernehmen,

durchaus festhalten wollen; konnte es aber nicht durchführen, da er bald

von den ersten Familien in bedenklichen Fällen zu Rath gezogen wurde

und die Hülfe, die der Vornehme und Reiche forderte, dem Armen

nicht versagen konnte. Dadurch machte es sich ganz anders, als er es

beschlossen hatte. Eine ungeheure Praxis absorbirte ihn so sehr, daß er

kaum Zeit für die nöthigsten Vorbereitungen zu seinen Vorlesungen bei

der Universität behielt, und die Folge davon war, daß Clementine

ihn noch weniger sah, als in Heidelberg, da er sich in Berlin der

Gesellschaft nicht entziehen konnte und wollte und somit auch die

wenigen freien Abendstunden besetzt waren, die sie in Heidelberg doch

immer mitsammen verlebt hatten. Oft traf es sich, daß die Eheleute, die

sich Morgens nur flüchtig gesehen und gesprochen hatten, erst zur

Stunde des Diners wieder zusammentrafen, das sie außer dem Hause oder

in Gesellschaft im Hause einnahmen, und daß dann Meining seiner Frau

dringend zuredete, den Abend, den er bei irgend einem Staatsmanne

zubrachte, nicht allein zu verleben, sondern das Theater oder irgend

einen Ort zu besuchen, an dem sie sich zu unterhalten hoffe.

Das war auch der Fall, als sie einen Mittag in kleinerm Kreise im

Klenke'schen Hause dinirt hatten. Die Gesellschaft war zeitig aus

einander gegangen, und Madame Klenke beschwor Clementine, den Rest des

Abends bei ihr zuzubringen, um, wie in der Mädchenzeit, _ein wenig zu

plaudern_, welches der Kunstausdruck der Damen für ihre vertrautesten

Herzensergießungen ist. Später, zum Thee, sollten die Männer

zurückkehren. Marianne hatte der Geheimräthin nie nahe genug gestanden,

als daß diese geneigt sein konnte, mit ihr über die Verhältnisse ihrer

Vergangenheit oder über ihre jetzige Lage zu sprechen, und obgleich sie

sich deshalb von dem Abende keinen besondern Genuß versprach, willigte

sie doch gern ein, ihn mit Marianne zu verleben, der viel daran gelegen

zu sein schien. Nachdem die Männer sich entfernt hatten, zogen sich die

beiden Damen in ein kleineres Zimmer zurück, setzten sich behaglich auf

ein Sopha und begannen, wie gewöhnlich, mit den nahliegendsten Dingen.

So tadelte Madame Klenke Clementinens Toilette.

Du gehst wirklich wie eine Nonne, Clementine! sagte sie; schon als

Mädchen haben Deine ewigen, dunkeln Kleider, Deine einfachen Hüte mich

tödtlich gelangweilt; nun aber, wenn man Deine prachtvolle Equipage und

die Diener in schönster Livree sieht, müßte man wirklich meinen, nun

werde eine Dame in strahlender Toilette daraus hervorsehen -- =mais

non!= eine Herrnhutherin, eine =soeur grise= sieht heraus, mit edlen

Zügen, dunkeln Augen, der interessantesten Blässe; und man erfährt

verwundert, die Dame im schwarzen Kleide, =collet monté=, die in

graziöser Nachlässigkeit in den Wagenkissen lehnt, sei die junge, reiche

Geheimräthin von Meining, die Frau eines unserer berühmtesten Männer,

der sie unaufhörlich mit Schmuck und Putz überhäuft. Und weißt Du,

=dearest love=! Man muß in der That glauben, Du wärest nicht glücklich.

Die junge, schöne Frau eines alten Mannes, die so =languissante=

aussieht und jeden Schmuck verschmäht, muß durchaus unglücklich sein.

Aber =plaisanterie à part!= bist Du denn glücklich verheirathet? Ich

konnte mir gar nicht denken, daß Du jemals einen so alten Mann heirathen

würdest. Wie lebst Du denn eigentlich, mein Herz?

Siehst Du das nicht, Marianne? sehr zufrieden. Meining ist nicht mehr

jung, aber er ist so gut, so geistreich, so brav und hat mich so lieb,

daß mir gar Nichts zu wünschen bleiben kann. Und in der That! jung bin

ich auch nicht mehr; Meining ist 53, aber ich bin auch schon dreißig

Jahre, und damit ist man doch wirklich nicht mehr eine junge Frau.

Marianne lachte laut auf. Als ob ich jünger wäre! und doch behandelt

mich mein 34jähriger Mann ebenso wie unsere kleine Nanny, nur daß er

gern möchte, die Kleine lernte sprechen und ich schweigen. Mutter und

Tochter verrathen aber wenig Anlage zu den Eigenschaften, die man ihnen

wünscht. Schade überhaupt, daß Du nicht meinen Mann geheirathet; er

ist bezaubert von Deinem ruhigen Anstande, von Deinem verständigen,

geistreichen Wesen, und als der Geheimrath neulich erzählte, daß Ihr in

Heidelberg ganz wie die Einsiedler gelebt und wie häuslich Du eigentlich

wärest, schien das meinem Manne =le comble du bonheur=, während ich mir

fest vornahm, Dich für die fabelhafte Langeweile zu entschädigen. Was

hast Du denn eigentlich dort angefangen?

Mein Gott! ich habe ganz angenehm gelebt. Besonders scheint es mir in

der Erinnerung so. Freilich war ich viel allein -- aber hier sehe ich

Meining fast gar nicht; und so sehr mich auch augenblicklich das Leben

in der Gesellschaft unterhält, so werde ich es sehr bald müde werden

und Meining vielleicht noch früher als ich. Dann beginnen wir wol unser

stilles Leben wieder, und Du kannst selbst sehen kommen, wie wir es

machen.

Um Alles nicht! lieber Engel, damit bleibe mir fern. Sage mir nur in

aller Welt, was Du den Tag hindurch angefangen hast; =quant à moi!= Ich

stürbe bei dem bloßen Gedanken.

Ich habe gelesen, liebste Marianne! Habe selbst den Haushalt besorgt,

Mariens Kinder unterrichtet, und damit ist mir die Zeit vergangen. Du

weißt, ich bin auch als Mädchen gern zu Hause gewesen.

Madame Klenke sah plötzlich fest in Clementinens Augen und sagte mit

schmeichelnder Stimme: Hören Sie, gnädige Frau! =je me méfie de votre

sincérité= -- mir ist es oft gewesen, als hätten Dero Gestrengen, was

man so nennt, =une passion malheureuse= gehabt, und als hätten Sie sich

nachher aus =dépit amoureux= verheirathet. Nein, sei nicht böse, süße,

einzige Clementine, fuhr sie fort, als sie bemerkte, daß Letztere

plötzlich glühendroth und sehr ernst wurde -- ich habe es in der That

geglaubt, als ich Dich kennen lernte, aber nie gewagt, Dich darum zu

fragen; und Madame Thalberg, die ich, ehe sie Berlin verließ, einmal

deshalb anging, weil Du mit ihr früher so bekannt warst, sagte mir, sie

hätte nie davon gehört. Nun wollte ich Dich selbst heute einmal fragen,

und da wirst Du böse! sei gut -- ich weiß ja, Du bist ein Tugendspiegel;

aber daß Du keinen Scherz verstehst, das ist doch schlecht von Dir.

Clementine war schnell ihrer Aufwallung Meister geworden und bemühte

sich, der peinlichen Unterhaltung ein Ende zu machen. Sie versuchte die

Neckerei in derselben Art zu erwiedern, bat endlich, Marianne möge ihr

die kleine Nanny holen lassen, und in dem Tändeln mit dem Kinde verging

die Zeit bis zur Rückkehr der Männer. Meining fand seine Frau verstimmt;

sie klagte über Ermüdung und trieb früher als gewöhnlich zum Aufbruch.

Siebentes Kapitel.

Das gesellige Leben bewegte sich rasch und bunt; Gesellschaften,

Theater, Bälle und Concerte wechselten fast täglich mit einander

ab. Meining, der in Heidelberg sich ganz in die engste Häuslichkeit

zurückgezogen hatte, fand nun, wie er es selbst vorausgesehen,

eine große Freude an der Gesellschaft. Die ehrenvolle und höchst

schmeichelhafte Art, mit der ihm von allen Seiten gehuldigt ward, freute

ihn und regte ihn an; dazu kam, daß er sich von seinen nähern Bekannten

hatte überreden lassen, Karte spielen zu lernen, und er fand darin eine

so angenehme Zerstreuung, ein so geistreiches Ausruhen nach der Arbeit,

daß ihm schon darum die Gesellschaft lieb wurde, weil er sicher war,

dort seine Partie Whist oder =L'hombre= nicht zu entbehren. Dadurch sah

sich Clementine aus der abgeschlossensten Einförmigkeit schnell in eine

ganz entgegengesetzte Sphäre versetzt. Der Name ihres Mannes, sein Rang

und Reichthum und ihre eigne Liebenswürdigkeit zogen die Blicke auf sie.

Man bemühte sich, sie in den Zirkeln zu haben, und der Nachsatz:

kommen Sie, Frau von Meining ist auch bei uns, wurde mancher Einladung

hinzugefügt. Clementine lächelte oft selbst, wenn sie bedachte, wie sie

gar Nichts dazu thue, den Ruf unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit und

des anmuthigsten Geistes zu verdienen; denn sie fühlte, daß das ganze

Geheimniß der Kunst, zu gefallen, bei ihr darin läge, Jeden gewähren

zu lassen. Sie sprach im Ganzen wenig und ruhig, hörte mit Verstand

zu, konnte aber doch bisweilen, wenn ihr Gefühl angeregt wurde, zu dem

lebhaftesten Gespräch hingerissen werden oder einen Streit durch

eine geschickte Wendung beenden. Das nahm die Männer für sie ein. Und

obgleich sie nach jener Unterhaltung mit Marianne mehr Sorgfalt auf die

Eleganz ihrer Toilette verwendete, um zu keinen ähnlichen Bemerkungen

Anlaß zu geben, machte ihr gänzliches Verzichten auf jene Bewunderung,

die durch eigne Schönheit und Pracht der Kleidung hervorgerufen wird,

den Neid und die Eifersucht der Frauen schweigen, die sonst sich leicht

ihrer bemächtigt und ihre Ruhe gestört hätten. Meining's zärtliche

Eitelkeit auf seine Clementine fand hier in dem größern Kreise die

reichlichste Nahrung. Mehr als jemals entzückt von seiner Frau, hätte

er gern alle Pracht und allen Luxus der Welt um sie vereinigt, um den

Edelstein, den er in ihr besaß, auch in der glänzendsten Fassung zu

zeigen. Hatte er sie früher geachtet und werth gehalten, so war er

nun recht eigentlich verliebt in sie, wie er es nur jemals in frühster

Jugend gewesen. Sie war ihm die treue Gefährtin von früher und doch

eine ganz neue Erscheinung, und er hatte Nichts lieber, als wenn man

ihn dieser Frau wegen glücklich pries. Dann unterließ er nie, ihre

häuslichen Tugenden, von deren Ausübung jetzt gar nicht mehr die Rede

war, auf das Eifrigste zu rühmen und hinzuzufügen, wie thöricht es sei,

zu einer glücklichen Ehe Gleichheit des Alters als wesentliche Bedingung

zu betrachten. Er sei fast noch einmal so alt, als seine Frau, und doch

vollkommen glücklich.

Und in der That, die Ehe des Geheimraths von Meining galt für ein Muster

von Zufriedenheit, Eintracht und Glück. Denn daß Clementine unter

den Spitzen und Perlen ihr Herz leer und sich mitten in der größten

Gesellschaft häufig verlassen fühlte, das konnte die Welt nicht wissen.

Sie sehnte sich, da ihre Ehe kinderlos zu bleiben schien, nach Mariens

Kindern, mit denen sie sich in Heidelberg viel beschäftigt, und hätte

Alles darum gegeben, wenn Marie ihr eines derselben anvertraut hätte,

wozu aber weder Marie noch Meining, der das unruhige, kindliche Treiben

nicht liebte, die geringste Neigung zeigten, sodaß sie auch diesen

Wunsch bald aufgeben mußte und das tiefe Liebebedürfniß in ihrer Seele

unbefriedigt blieb. Sie fühlte sich alt werden und arm in all' dem

Reichthum, der sie umgab, und die Ueberzeugung, in ihrem Leben könne

keine Freude mehr erblühen, faßte tiefer als je Wurzel in ihr. Dazu kam,

daß die neue Lebensweise sie aufregte und angriff, und, was sie sich

selbst kaum zu gestehen wagte, Robert's Bild trat hier, wo sie die

schönste Zeit ihres Lebens mit ihm verlebt hatte, unaufhörlich vor

ihr inneres Auge. Wenn sie bisweilen einsam und abgespannt in ihrem

Mädchenstübchen saß, das sie sich jetzt zum Boudoir erwählt hatte,

gedachte sie mit inniger Wehmuth an die Stunden, die sie hier in

Robert's Andenken verträumt, und ein Gefühl gänzlicher Trostlosigkeit

bemächtigte sich ihrer, ohne daß sie selbst sich dessen deutlich bewußt

war.

In dieser Stimmung traf sie in den ersten Tagen des Dezembers folgendes

Billet von Frau von Stein, einer Dame, die für einige Zeit in Berlin

lebte und in deren Hause der Geheimrath Arzt war, wodurch sie auch in

nähern geselligen Beziehungen standen.

Frau v. Stein an die Geheimräthin v. Meining.

Liebste Meining! Ihr Mann verläßt mich eben, mit dem Versprechen, heute

Mittag bei mir ein Diner =à l'improviste= anzunehmen, wenn Sie ihn

begleiten wollen. Und wollen müssen Sie diesmal; wäre es nur, um den

interessantesten Mann von der Welt, den =lion= der letzten marienbader

=saison=, kennen zu lernen, der mich heute besuchte, und den ich

eingeladen habe. Ich, die Fremde, habe ihm, der nur für wenige Tage hier

ist, alles Schöne seiner Vaterstadt versprochen und ihm gesagt, er werde

auch die geistreichste, liebenswürdigste Frau Berlins bei mir finden.

Machen Sie mich nicht zur Lügnerin, Beste! und stellen Sie sich hübsch

um vier Uhr ein. Der Geheimrath läßt Ihnen durch mich sagen, er werde

Sie abholen kommen. Auf Wiedersehen also?

_Anna von Stein._

Clementine war um vier Uhr bereits fertig, als der Geheimrath nach

Hause kam, um mit ihr zu dem Diner zu fahren. Sie fanden die aus wenig

Personen bestehende Gesellschaft schon beisammen. Frau von Stein mit

einer Dame im ersten Zimmer, die Herren in der Nebenstube, die eben

angekommenen Zeitungen durchblätternd. Auch Meining trat in das Kabinet

und kehrte nach einiger Zeit mit einem Herrn zurück, den Clementine, da

sie mit dem Rücken gegen die Thüre gesessen, erst erblickte, als Meining

ihn ihr mit den Worten vorstellte: Liebe Clementine! Herr Thalberg, der,

wie ich eben höre, ein Freund Deines väterlichen Hauses war.

Clementine war wie gelähmt; ein furchtbarer Schmerz durchzuckte ihre

Brust, ihr Herz schlug so heftig, daß es sie betäubte, sie war keines

Wortes mächtig, und ihre Aufregung wäre Niemand entgegen, wenn nicht

Frau von Stein in komischem Verdruße ausgerufen hätte: Also Sie kennen

einander? O! das ist himmelschreiendes Unrecht. Liebste Meining! das ist

ja der marienbader =lion=, den ich Ihnen gemeldet hatte, und nun ist es

ein ganz alter Bekannter Ihrer Familie, den Sie besser kennen, als ich.

Clementine erwiederte den Scherz mit einem erzwungenen Lächeln und

Robert entgegnete: Für mich, gnädige Frau! ist die Ueberraschung,

die Sie mir zugedacht, um so größer, da ich Frau von Meining noch in

Heidelberg vermuthete. In Wahrheit, wir Landleute werden so fremd in

der großen Welt, daß wir auch von den glänzendsten Gestirnen an ihrem

Horizonte wenig erfahren.

Diese künstliche, kalte Galanterie brachte Clementine wieder zu sich. Es

gelang ihr, eine gleichgültig höfliche Antwort zu geben. Sie fragte,

ob Thalberg viel auf dem Lande lebe, und erfuhr, daß er, nach dem Tode

eines Verwandten, dessen große Güter an der mecklenburger Grenze geerbt

und dort seinen Wohnort gewählt habe, da ihm das Landleben und die

damit verbundene Thätigkeit sehr zusage. Nur dann und wann, schloß

er, verlasse ich meine kleine Residenz, wie im vorigen Jahre, um das

Marienbad, und jetzt, um meine Vaterstadt nach mehrjähriger Abwesenheit

zu besuchen. Doch denke ich höchstens ein paar Wochen hier zu verweilen.

Ein Diener meldete, daß servirt sei, und die Gesellschaft begab sich

zur Tafel. Clementine glaubte unter dem Einfluß eines schönen Traumes zu

sein, dem sie ewige Dauer wünschte. Sie sah Robert wieder! Das war

die stolze, hohe Gestalt, das befehlende Auge, die königliche, bleiche

Stirne, das war der Mund, der so kalt und eisig spotten und so süß, so

unwiderstehlich sein konnte, wenn er sich zu Bitten herabließ; das war

das schöne, dunkle Haar mit der Fülle seiner reichen Locken, das bei

ihrem Abschiede sich auf ihre Stirne gedrückt hatte. Jeder Laut seiner

Stimme war ihr bekannt, aus jedem Worte sprach sie eine beseligende

Vergangenheit an. Neues Leben schien für sie zu beginnen, ihr Gesicht

glühte, ihr Herz schlug frei, -- so mag es Dem zu Muthe sein, der

nach langem Leiden und hoffnungsloser Krankheit aus winterlicher Nacht

plötzlich gesund in den belebenden Strahl der Sonne geführt würde und

rings umher Frühling sähe. Nicht der Vergangenheit, nicht der Zukunft

gedachte sie, sie war glücklich im Moment.

Während Clementine in seligen Empfindungen schwelgte, war die

Unterhaltung bei Tisch lebhaft geworden; Meining sprach sich anerkennend

über die ganze Richtung aus, die er in der preußischen Verwaltung

gefunden, und die es ihm, außer manchen Andern, sehr lieb mache, seine

jetzige Stellung angenommen zu haben. Er wunderte sich, daß Thalberg,

der von seiner Familie für den Staatsdienst bestimmt worden und die

ersten Schritte dazu mit Neigung gethan hatte, sich plötzlich aus der

Carrière zurückgezogen habe, und fragte ihn, was ihn dazu bewogen hätte.

Vor allen Dingen, entgegnete dieser, der Wunsch nach Unabhängigkeit. Man

kann im Grunde den Staatsdienst doch nur von zwei Gesichtspunkten

aus betrachten; einmal, als ein Mittel zu ehrenvoller, segensreicher

Wirksamkeit, oder als Mittel zum Erwerb. Von beiden Seiten aber bot er

mir keine Befriedigung.

Und ich hätte grade geglaubt, daß der Wunsch nach Wirksamkeit in der

Administration, der Sie sich gewidmet hatten, volle Genüge finden müsse,

sagte Meining.

Nicht im Geringsten, Herr Geheimrath! der Dienst bei der Verwaltung ist

ein reines Maschinenwesen, und die niedern Beamten gleichen einer Uhr,

die gehen muß, wenn sie aufgezogen wird. Glücklich genug, wenn der

Uhrmacher sein Fach versteht und die Räder nicht zum Gehen zwingen will,

nachdem er die Feder zerbrochen.

Mich dünkt aber, daß es in Preußen an einsichtsvollen Dirigenten nicht

fehle; dafür bürgt das allgemeine Fortschreiten des Staates. Wenigstens

können Sie nicht leugnen, daß überall der beste Wille vorhanden ist!

fuhr Meining fort.

Das leugne ich auch nicht! entgegnete Thalberg. Die Frage für den

Staatsdiener, der sich nicht zur Maschine hergeben will, ist nur die,

ob seine Ansichten von Menschenglück, von Fortschritt mit denen

übereinstimmen, die ihm zu verbreiten befohlen werden. Das war nun

leider mein Fall nicht. Ich sah und erkannte manches Gute, das gefördert

wurde; aber mir blieb das drückende Gefühl von Unvollständigkeit, das

ich bei der polnischen Revolution empfand, in der die Edelleute um und

für eine Freiheit kämpften, die sie ihren Bauern, die leibeigen blieben,

vorenthielten. Diese Halbheit machte mir meinen Beruf unerträglich, weil

ich für Halbheiten nicht mein ganzes Wirken opfern wollte.

Und so sind auch Sie, ein geborner Preuße, ein Gegner Ihrer Regierung?

fragte der Geheimrath.

Durchaus nicht! war die Antwort. Ich habe jedesmal, wenn ich nach

längerer Abwesenheit in mein Vaterland zurückkehrte, mich geborgen

gefühlt und zufrieden; ich bin stolz auf manche unserer Institutionen,

die eine herrliche Basis für die demokratische und constitutionelle

Erziehung des Volkes geben; ich meine unsere Landwehr und die

Städteverwaltung, von denen namentlich die erstere so tief in das Leben

des Volkes gedrungen ist, daß keine Gewalt sie vernichten könnte. Aber

daß sie nun auf halbem Wege stehen bleiben, daß man sich einbildet,

stillstehen zu können und zu dürfen; das ist es, was ich tadle und

wogegen wir kämpfen müssen. Der einzelne Beamte, wenn er nicht auf der

ersten Stelle steht, vermag dies nicht, wol aber der unabhängige Mann.

Nach einer der ersten Stellen im Staatsdienst zu ringen, fühlte

ich keine Neigung, weil man sie, glücklichsten Falls, doch oft erst

erreicht, wenn man müde vom Wege und Kampfe ist; -- um den unbedeutenden

Gelderwerb war es mir in meinen Verhältnissen nicht zu thun, und ich

dachte bereits lange meine Entlassung zu fordern, als mir unerwartet der

große Güterbesitz meines Onkels zufiel. Das entschied meinen Entschluß,

der mich keinen Augenblick gereut hat.

Wenn aber alle guten Köpfe so dächten wie Sie, Herr Thalberg, und sich

im Unmuth zurückziehen wollten, so würde diese Art von Patriotismus der

guten Sache keinen Vortheil bringen, wandte Meining fast tadelnd ein. Es

scheint mir, als ob Die, denen es Ernst darum ist, sich selbst und ihre

Neigung opfern müßten, um die stillstehende Staatsmaschine, wie Sie

dieselbe nennen, wieder in Gang zu bringen.

Und thun wir das nicht? rief Thalberg. Die schwerfällige Staatsmaschine

hat an einem Hügel, der ihr ein gewaltiges Hinderniß ist, Halt gemacht

und kann nicht vorwärts. Sie mit Gewalt darüber fortzuziehen, wäre

Thorheit -- aber wir tragen den Hügel ab, sodaß sie leicht darüber

fortrollen kann. Ich ehre unser Königshaus und vor Allem den redlichen,

durchaus achtungswerthen Willen unsers alten Königs; ich glaube, er hat

die freisinnigsten, ehrlichsten Absichten; -- aber er hält die Zeit

noch nicht geeignet zu ihrer Ausführung, das Volk nicht reif dazu. Eine

Revolution, die immer demoralisirend wirkt, würde Viel, wenn nicht Alles

verderben; darum muß man nur schnell dazu thun, die Zeit herbeizuführen

und dem Volke die reife Gesinnung zu geben, bei der es nicht nur möglich

wird, ihm die verheißenen Freiheiten zu gewähren, sondern unmöglich,

sie ihm vorzuenthalten. Von uns, den Gutsbesitzern, den Bauern, den

Gewerbtreibenden, muß und wird die neue Zeit beginnen -- nicht von der

Aristokratie oder von der Intelligenz. Und ich hoffe, diese Erkenntniß

und dieser Wille sind vorherrschend unter uns und werden ruhig und

sicher zum Ziele führen, da wir nicht zerstören wollen, um neu zu

bauen -- sondern nur schon Vorhandenes, Gegründetes ausbauen, nach den

Bedürfnissen unserer Zeit.

So bewegte sich das Gespräch eine Weile fort. Die ganze kleine

Gesellschaft nahm allmälig Theil daran; selbst die Damen mischten

hin und her eine Bemerkung ein, und es fiel Frau von Stein auf, daß

Clementine stiller als gewöhnlich war. Auf ihr Befragen entgegnete

Clementine, daß ihr mit dem Wiedersehen von Thalberg das Andenken an

ihre Jugend, an Entfernte und Gestorbene erwache und sie bewege, und

bat, man möge es ihr zu gut halten. Aber auch Meining, der bisher auf

das Eifrigste mit Thalberg gesprochen, sagte, als man sich vom Tische

erhob: Aber sage mir in aller Welt, liebste Clementine! was hast Du

heute? Herr Thalberg muß glauben, Du habest das Sprechen verschworen --

oder wärest Du unwohl? Deine Hand ist in der That sehr kalt.

Keines von Beidem! lieber Meining, antwortete sie, Du weißt ja, daß ich

manchmal meine stillen Tage habe, und außerdem war mir die Unterhaltung

so interessant, daß ich lieber hören als sprechen mochte und gern noch

länger zugehört hätte.

Nun, das soll Dir werden, mein Kind! Ich habe Herrn Thalberg eben

gebeten, morgen den Abend bei uns allein zuzubringen, und ich denke, er

schlägt es uns nicht ab, sagte Meining.

Im Gegentheil, gnädige Frau! ich würde es mit Freuden annehmen, wenn ich

nicht fürchten darf zu stören....

Sie werden uns sehr willkommen sein, entgegnete endlich Clementine. Wir

bewohnen wieder das Haus meiner verstorbenen Eltern, und ich werde mich

freuen, Sie dort zu sehen.

Clementine · 第 3 / 9 段