tropischen Himmel glühender Leidenschaft, hatte sich plötzlich in
die gemäßigte, wenn auch noch milde Zone ruhiger Vernunft verpflanzt
gefunden, wo ihr üppiges Seelenleben keine Nahrung fand, wie sie
dieselbe bedurfte, und nicht freudig leben und treiben, sondern nur
kränkelnd fortvegetiren konnte, ohne Farbe, ohne Blüthe, durch die
angeborne Kraft ihres innern Markes.
Fünftes Kapitel.
Es war im Sommer am zweiten Jahrestage ihrer Hochzeit, als Clementine
arbeitend in ihrem Zimmer saß, in einer jener Stimmungen, in denen das
Leid der ganzen Welt auf uns zu ruhen scheint. Sie hatte am Morgen ihren
Mann aufgesucht, ihn aber beschäftigt gefunden und ihn nicht sprechen
können; dann hatte sie, weil ihr das Herz so übervoll war, ihrer Tante
schreiben wollen; aber was konnte sie ihr sagen? Der Briefwechsel
zwischen ihnen war sehr selten geworden. Unwahr gegen diese treue,
mütterliche Freundin zu sein, hätte sie nicht vermocht und ein Wort der
Klage, des Mismuthes laut werden zu lassen, wäre ihr wie ein Unrecht
gegen Meining vorgekommen, das dieser nicht um sie verdient hatte. So
war es kein bestimmter Schmerz, der sie drückte, aber eine Traurigkeit,
eine Müdigkeit, die an Auflösung grenzte. Trübe Ahnungen einer
freudlosen Zukunft wechselten mit wehmüthigen Erinnerungen an eine
längst entschwundene Zeit. Sie dachte der Zuversicht, mit welcher sie
vor zwei Jahren in dies Haus getreten war, und wie wenig sie das Glück
gefunden, das sie gehofft; freilich war es nur ihre Schuld, denn ihr
Mann war sich gleich geblieben, immer gut und freundlich gegen sie. Es
sei eine Schwärmerei, sagte sie sich, daß sie nicht glücklich zu sein
vermochte mit ihrem Loose, das hundert Frauen ihr beneidet hätten. Wie
durfte sie auch von dem bejahrten Manne eine Leidenschaft fordern, die
sie selbst nicht für ihn hatte? Ihre auf Achtung gegründete Neigung
erwiederte er herzlich, aber Liebe, wie sie derselben bedurfte, konnte
er nicht mehr empfinden, seine Frau konnte nicht sein ausschließlicher
Gedanke sein, da er durch seinen Ruf und seine Berühmtheit ebenso und
früher der ganzen Menschheit und der Welt gehört hatte, als ihr. Er
hatte eine Frau genommen, um an ihrer Seite Ruhe zu finden nach der
Arbeit des Tages. Dafür hatte sie Theil an seiner Ehre, trug seinen
berühmten Namen und hatte ja selbst nur ein ruhiges Glück erwarten
können, als sie die Seine geworden. Wie durfte sie mehr verlangen?
Wie sich zurücksehnen nach den lebhaften, stürmischen Eindrücken ihrer
Jugend? Sie klagte sich an, ungerecht gegen Meining zu sein; sie
war unzufrieden mit sich selbst und versank zuletzt in ein dumpfes
Hinbrüten, aus dem Meining's Tritte, die sie auf der Treppe hörte, sie
aufschreckten.
In der besten Laune trat er, mit einem großen Briefe in der Hand, in das
Zimmer. Rathe, liebe Frau! sagte er, was ich Dir hier bringe? Aber rathe
etwas Großes, Gutes, denn es übertrifft meine Erwartungen und wird auch
Dich sicher sehr erfreuen!
Clementine rieth mehrmals vergebens, bis der Geheimrath ihr den Brief
zu lesen gab, der eine Anfrage des preußischen Ministeriums enthielt,
ob Meining sich entschließen könne, seine heidelberger Verhältnisse
mit einer Anstellung in Berlin zu vertauschen, die ihm unter den
glänzendsten Bedingungen angetragen wurde. Diesen Brief habe ich vor 14
Tagen erhalten, fügte er hinzu, habe mir nun Alles reiflich überlegt
und denke, heute an die preußischen Behörden zu schreiben, daß ich ihre
Bedingungen annehme. Ich werde dort eine freie und glänzendere Stellung
haben, als hier, und Du wirst in Deiner Vaterstadt Dich gewiß viel
behaglicher fühlen, als in dem kleinen Heidelberg.
Und das bescheerst Du, Lieber, mir heute zu unserm Hochzeitstage? fragte
Clementine, sehr erfreut durch diese Aufmerksamkeit ihres Mannes und
durch die Hoffnung einer Veränderung, die ihr augenblicklich erwünscht
schien, weil es eben eine Veränderung war.
Unser Hochzeitstag ist heute? Sieh, Clementine! das hatte ich bis in
den Tod vergessen. Deshalb kamst Du wol auch heute so früh in mein
Arbeitszimmer? Aber ich konnte Dich nicht sprechen, weil ich einen
Kranken bei mir hatte. Nachher kamen gleich meine Studenten; dann
wartete schon mein Wagen, ich mußte zu einem Consilium und konnte nicht
mehr zu Dir kommen. Ach, armes Kind! und ich glaube gar, heute Morgen
bin ich heftig gewesen! Sage mir selbst, war es nicht so?
Clementine hatte es allerdings wehe gethan, daß ihr Mann sie mit einem
recht unfreundlichen störe mich nicht, ich habe keine Zeit fortgeschickt
hatte, als sie zu ihm ging, um ihn einen Augenblick zu sprechen; daß er
auch den ganzen Vormittag nicht zu ihr gekommen war, was freilich öfter
geschah; aber sie dachte, am Hochzeitstage hätte er kommen müssen,
den hätte er nicht vergessen dürfen. Immer geneigt, die Schuld sich
beizumessen und das Beste zu glauben, hatte sie Meining, als er ihr
den Brief brachte, beschämt bekennen wollen, wie sie geglaubt, er hätte
ihres Hochzeitstages nicht gedacht, ein Unrecht, das keine Frau so
leicht vergibt; aber nun hörte sie es, es war ihm wirklich ganz und gar
entfallen, und nur zufällig hatte er ihr heute den Brief gegeben. Seine
Freundlichkeit vertrieb indeß den innern Verdruß gleich, und sie setzten
sich Beide so fröhlich an die kleine Tafel, wie Clementine es lange
nicht gewesen war. Meining war lebhaft, wie in der ersten Zeit ihrer
Bekanntschaft; er machte die prächtigsten Plane für die Zukunft;
er klagte sich an, daß er seine arme Clementine über die Gebühr
vernachlässigt, daß er und sie ihr Leben gar nicht recht genossen
hätten. Nun soll es anders werden, sagte er; mein Werk liegt gedruckt
und hat schon seine erste Frucht, meine Berufung nach Berlin, getragen;
aber nicht mir allein, der leidenden Menschheit muß und wird es nützen.
Ich darf mir nun schon Etwas mehr Ruhe gönnen. Die Praxis gebe ich auf
und beschäftige mich in Berlin nur mit theoretischen Arbeiten und
mit der Klinik. Mögen meine Schüler den Weg verfolgen, den ich ihnen
gebahnt; ich will anfangen auszuruhen. Nur eine praktische Erfahrung
will ich machen, daß Du, meine liebe Clementine! eben so vortrefflich
die Honneurs eines großen Hauses, als das Glück der engsten Häuslichkeit
zu machen verstehst, daß Du überall gleich liebenswürdig, überall
dieselbe bist.
Bist Du der Einsamkeit denn müde, lieber Meining? Und wird Dir das
Leben in der Gesellschaft Berlins behagen, da es Dir hier kein Vergnügen
machte? fragte sie.
Ganz gewiß! Darin bin ich sonderbar! Ich bedarf von Zeit zu Zeit
gänzlicher Veränderung der Lebensweise; und wie ich vor zwei Jahren mich
nach vollkommener Zurückgezogenheit sehnte und großes Glück darin fand,
so freue ich mich jetzt der Abwechselung und verspreche mir viel
davon, auch für Dich. Ich habe mir das Alles überdacht, schon meine
Verhältnisse zum Hofe werden mich nöthigen, ein Haus zu machen, und was
sollte uns daran hindern? Denn mir ist es Ernst damit, und daß Du Dich
gleich jetzt davon überzeugst, lasse ich meine Collegia für den heutigen
Abend absagen und wir bleiben zusammen.
Clementine nahm den Vorschlag mit Dank an; sie glaubte nur zu gern an
eine frohe Zukunft; nicht erwägend, daß unsere Entwürfe und Hoffnungen
dem Balle gleichen, den frohe Kinder in die Luft werfen. Mag er noch
so prächtig, noch so hoch steigen, das Gesetz der Schwere zieht ihn
unwiderstehlich nieder, und man ist froh, wenn man ihn wieder in den
Händen hält, mit denen man ihn emporwarf. So ist es fast keinem Menschen
gegeben, sich lange in jener Stimmung zu erhalten, in die ein Moment
der Aufregung uns versetzt; glücklich diejenigen Gemüther, denen das
Andenken an solche Augenblicke nicht ganz entschwindet, denen es ein
Höhenpunkt, ein Ziel bleibt, nach dem das Auge sich gern wendet, zu dem
der Wunsch hinstrebt.
Nach der ersten, freudigen Spannung, in welche diese Unterhaltung sie
versetzt, fiel es Clementinen schwer auf's Herz, sie müsse das neue
Glück mit der Trennung von Marien und den Kindern erkaufen, die ihr fast
unentbehrlich waren, was ihr Mann wohl wußte. Aber daran hatte er gar
nicht gedacht; er hatte mit keiner Sylbe gefragt, ob seine Frau eben so
gern nach Berlin gehe, als er selbst, sondern es bestimmt vorausgesetzt,
weil es ihm recht war. Eigen war es doch auch, ihr eine Ueberraschung
zu bereiten durch einen Entschluß, der auf ihr ganzes Leben von so
wesentlichem Einflusse war, der ihre ganze Zukunft in sich schloß.
Meining konnte gewiß sein, daß sie sich keinem Plane entgegen zeigen
würde, den er werth hielt, aber schon die gewöhnlichste Rücksicht hätte
es verlangt, daß er seiner Frau die Berufung gleich mitgetheilt und
wenigstens scheinbar um ihre Meinung gefragt hätte. Das war es eben, was
sie auch oft drückte! Ihr Mann behandelte sie wie ein Kind, das man sehr
liebt, dem man jeden Kummer ersparen möchte -- aber sie war kein Kind,
sie war seine Frau, die mit ihm seine Sorgen theilen wollte und seine
Zurückhaltung für Geringschätzung auslegte. Meining hatte ihr nie etwas
über seine früheren Verhältnisse gesagt, nie um die ihrigen gefragt;
sie hatten Beide ihre sorglich verschwiegenen Geheimnisse und eigentlich
Nichts gemeinsam, als die Gegenwart. Sie empfand das störend, es schien
ihr eine Art von Gleichgültigkeit zu sein, und darum versuchte sie
es auch an jenem Abende, nachdem sie von einer Fahrt in's Freie
zurückgekehrt waren und ihr Mann wieder von Berlin, von seinen Entwürfen
für die Zukunft sprach, einmal offen mit ihm über ihre frühere
Neigung für Robert zu reden, was ihr jetzt, da sie in ihre Vaterstadt
zurückkehren sollte, fast wie eine unerläßliche Pflicht schien.
Kaum aber merkte Meining ihre Absicht, als er sie mit den Worten
unterbrach: Ja! Du hast Recht, wir müssen uns einmal darüber
verständigen. Ich weiß, mein Kind! daß Dir vielleicht Manches über mein
früheres Leben erzählt worden ist, das Deine Besorgniß und, warum soll
ich nicht die Wahrheit sagen? auch Deine Neugier erregt haben mag;
aber....
Lieber Meining! entgegnete Clementine, Neugier ist es wahrhaftig nicht.
Ich habe aber oft gedacht, wenn ich Dich plötzlich, mitten in einer
heitern Unterhaltung, ernsthaft oder nachdenkend werden sah, es möchten
wol Erinnerungen aus vergangener Zeit sein, die Dich beschäftigten;
und es hat mir dann leid gethan, nicht einmal ahnen zu können, was Dich
bewegte. Eheleute dürfen keine Geheimnisse vor einander haben, und ich
gestehe Dir offen, es liegt auch etwas Verletzendes, Trauriges darin,
vor dem Leben seines Mannes, wie vor einem unlösbaren Räthsel zu stehen.
Nun, ein für allemal, liebste Clementine! laß das Räthsel unerrathen! Es
liegt in meiner Vergangenheit Nichts, dessen ich mich zu schämen
hätte; Nichts, was ich bereue, und Nichts, was Deine oder meine Zukunft
beunruhigen könnte -- und was das Vertrauen zwischen Eheleuten
betrifft, so halte ich das, ehrlich gesagt, wie Du es ansiehst, für eine
unnöthige, kaum delikate Neugier. Mache kein böses Gesicht, liebe Frau,
und überlege, ob ich nicht Recht habe?
Aber, wandte sie ein, man beurtheilt den Menschen doch ganz anders, wenn
man die Elemente kennt, die auf seine Bildung wirkten.
Das sind ja Redensarten, mein Kind! Daß ich jung war, Leidenschaften
hatte, wie jeder Andere, das kannst Du Dir denken, daß ich dabei eben so
oft glücklich als unglücklich war, das versteht sich von selbst; und ob
die Gegenstände dieser Liebe Malchen oder Rosamunde hießen, ob sie
blond oder braun waren, das ist wol ziemlich gleichgültig, da sie jetzt
jedenfalls alt und grau sind und Deine Eifersucht nicht mehr erregen
können. Uebrigens, schloß er scherzend, übrigens kennst Du meine letzte,
unwandelbare Neigung und Liebe für ein gewisses Fräulein Clementine
Frei, das, einige überspannte Ideen abgerechnet, ein ganz vollkommenes
Geschöpf ist. Von dieser Clementine hängt das Glück meiner Zukunft ab,
und ich glaube an sie so unbedingt, daß mir ihr liebes, offenes Auge
mehr Garantien gibt, als alles Erzählen aus der Vergangenheit.
Clementine mußte lachen, schien aber doch nicht ganz zufrieden, so
daß Meining wohl fühlte, heute müsse er sich ganz darüber aussprechen.
Deshalb fuhr er plötzlich ernsthaft fort: Wenn ein verständiger Mann
eine Frau nimmt, deren Vater er sein könnte, so muß es mit vollem
Vertrauen auf den sittlichen Werth dieser Frau geschehen. Nicht um Dir
aus meinen frühern Verhältnissen ein Geheimniß zu machen, vermeide ich
die Berührung der Vergangenheit, sondern aus Schonung für uns Beide. Du
hast mir, als ich um Dich warb, gesagt, daß Dein Herz nicht frei sei;
ich habe dennoch gewünscht, Dich die Meine zu nennen, und es ist,
bei Gott! nie ein Zweifel an Dir in meine Seele gekommen. Aber ich
wiederhole Dir es heute, was ich Dir damals schrieb: ich will von Dir
den Namen Deines frühern Geliebten _niemals_ wissen. Vielleicht begegnen
wir ihm im Leben; glaubst Du, ich sei so ganz frei von Eifersucht, daß
ich Dich nicht ängstlich beobachten, daß ich nicht ganz gleichgültige
Dinge mißdeuten würde?
Meining, bester Meining! Darum verlangtest Du, ich sollte gegen Dich
schweigen? Kannst Du denn glauben, daß ich jemals....
Ich glaube, daß ein Funke nie besser geborgen ist, als da, wo kein
Luftzug ihn trifft. Die Liebe, der man entsagt hat, ruht am sichersten
in tiefster Brust, ohne daß ein Wort ihr neues Leben gibt. Ich habe
stets die Frauen belacht, die gegen eine Leidenschaft zu kämpfen
behaupteten und, indem sie dies immerfort sagten, aller Welt von dieser
Leidenschaft erzählten, von der sonst vielleicht Niemand etwas gewußt
hätte. Darum also, um Dir den Sieg über eine Neigung, die Du selbst
unterdrücken wolltest und mußtest, zu erleichtern, um mir das Ridikül
eines Eifersüchtigen mit grauem Haare zu ersparen, darum wollte ich,
daß nie von Deiner Jugendliebe zwischen uns die Rede sein sollte; darum
wünsche ich es noch jetzt so. Ich weiß Dir Dank für das Glück, das ich
in Dir gefunden; ich bin durchaus zufrieden, ich segne den heutigen
Tag, meine Wahl und Dich -- aber, ich bekenne Dir's offen, die Art
von Vertrauen, die Du meinst, liebe ich nicht. Es liegt oft viel
mehr Vertrauen zwischen Eheleuten im diskreten Schweigen, als in
plauderhaften Mittheilungen. Ich denke, meine kluge Clementine, Du
verstehst mich; wo nicht -- nun so verlange ich, als strenger Herr,
Gehorsam, wenn es selbst gegen Deine Ansicht wäre.
Meining schien höchst aufgeregt; er stand auf und ging langsam im Zimmer
auf und ab, bis er zuletzt gedankenvoll, die Stirne gegen die Scheiben
gelehnt, am Fenster stehen blieb. Clementine war keines Wortes mächtig.
Tief durchdrungen von ihres Mannes gütiger und kluger Liebe, that es ihr
Leid, ein Gespräch herbeigeführt zu haben, das ihm unangenehm war und
ihm den Abend eines Tages verdarb, der so freundlich begonnen hatte --
und doch that ihr, trotz alle dem, Meining's augenblickliches Leiden
unbeschreiblich wohl. Sie sah, daß er sie heftig liebe, daß er sie nicht
entbehren könne, und sie fand eine Jugendlichkeit des Gefühls in seiner
Liebe, die sie, ohne es selbst zu wissen, fortwährend vermißt hatte.
Vergebens strebte sie den Anfang zu einer Unterhaltung zu finden, die
ihren Mann zerstreuen könnte, ihn abzöge von den peinlichen Gedanken;
sie war selbst so erschüttert, daß sie ihren Gefühlen Raum lassen mußte.
Auch vermochte sie es nicht, nach Art mancher Frauen, über Dinge, die
sie beschämen, mit verstellter Ruhe fortzugehen -- darum stand sie
auf, schlang ihren Arm durch Meining's Arm und sprach: Sei nicht böse,
Lieber, wenn ich Unrecht hatte, und bleibe mir gut! Sage nur, Du böser,
strenger Herr, wie Du es willst, ich werde schon gehorchen, und nun
komme und stecke als Zeichen der Versöhnung die Friedenspfeife an.
Indeß bereite ich den Thee und -- das ist _mein_ Friedens- und
Versöhnungspfand.
Ein Kuß, den ihr Mann mit vielen andern erwiderte, war das Ende dieser
Scene, und nachdem Meining den beabsichtigten Brief an das preußische
Ministerium geschrieben, verging der Abend den Beiden auf das
Angenehmste, wie er begonnen, in traulichem Plaudern über die künftigen
Verhältnisse und langem Ueberlegen, wie es möglich sein würde, später
auch dem Professor Reich in Berlin eine Anstellung zu verschaffen, damit
Clementine und Marie nicht wieder getrennt würden, was beiden Schwestern
gar schwer fiel.
Sechstes Kapitel.
Indessen kam die Zeit dieser Trennung, die für den Oktober festgesetzt
war, schneller heran, als man es wünschte. Nun es dazu gekommen war,
fiel der Abschied von Heidelberg dem Geheimrath und seiner Frau viel
schwerer, als sie es geglaubt hatten. Sie waren an das mildere Klima,
an den kürzern Winter gewöhnt. Meining hatte eine lange Reihe von
Jahren dort gelebt und in manchem seiner Collegen einen Freund gefunden;
Clementine konnte sich von Marien und namentlich von den Kindern nicht
losreißen, und dadurch begann die Reise zu dem sehr ersehnten Ziele mit
heißen Thränen und schwerem Herzen, wie es gar oft im Leben geschieht.
Meining und Clementine hatten sich eigentlich auf die Reise selbst
unbeschreiblich gefreut. Der Geheimrath hatte es sich zum Feste gemacht,
seine junge, liebenswürdige Frau all seinen alten Freunden, die sie
auf dem Wege besuchen wollten, zu präsentiren und ihrer Bewunderung zu
genießen; während Clementine, die sehr reiselustig war, sich doppelten
Genuß davon in der Gesellschaft ihres Mannes versprach. Es lag ein
eigner Zauber für sie in dem Gedanken, mitten in der fremden Umgebung
mit ihrem Manne allein zu sein, nur auf einander angewiesen, ganz auf
sich selbst beschränkt. Sie wußte, daß ihr Herz weit und froh werde,
so oft es ihr vergönnt war, wie ein leichter Zugvogel die Welt zu
durchfliegen; sie hoffte dasselbe von Meining und war im Voraus entzückt
über das Glück, das sie Beide in dieser Stimmung empfinden mußten.
Leider aber verbitterte der Himmel selbst die erwartete Freude. Das
Wetter war schon am Tage ihrer Abreise ungewöhnlich kühl und regnig
geworden und blieb fast beständig schlecht. Man konnte kaum daran
denken, den Wagen zu verlassen, fand es auf den Landstraßen neblig,
trotz der noch frühen Jahreszeit; in den Städten still, weil der Regen
die Leute zu Hause hielt. Meining, der sonst immer gesund war,
hatte, darauf trotzend, sich eine Erkältung zugezogen, die, wenn auch
unbedeutend, ihn doch mislaunig machte, und das Wiedersehen seiner
frühern Bekannten trug noch dazu bei, ihn vollends zu verstimmen. Die
Meisten hatten so gewaltig gealtert, daß ihr Anblick ihm peinlich war,
weil es ihn selbst auf unangenehme Weise an seine vorgerückten Jahre
mahnte. Er fand Einige mitten in einer großen Familie, gedrückt von
Sorgen und nicht belohnt für ihr Leben, wie sie es verdienten,
Andere untergegangen in Egoismus und Pedanterie, Wenige in zusagenden
Verhältnissen, verheirathet mit Frauen ihres Alters und zufrieden mit
ihrem Geschicke. Diese konnten es nicht unterlassen, ihn halb im Ernste,
halb scherzend darauf aufmerksam zu machen, daß er doch eine gar junge
Frau gewählt hätte, was, trotz ihrer Liebenswürdigkeit, immer bedenklich
sei; Jene rührten ihn durch eine Masse von Klagen, durch Leiden, denen
er nicht abhelfen konnte, und je mehr er Grund hatte glücklich zu sein,
um so drückender wurde ihm die Lage seiner frühern Bekannten. Unwohl und
niedergeschlagen, wie er es war, drang er auf die größte Beschleunigung
der Reise und beschloß Tag und Nacht zu fahren, um schneller an das Ziel
und zur Ruhe zu gelangen, womit seine Frau, unter diesen Verhältnissen,
ganz einverstanden sein mußte.
Bei der Eile, mit welcher die Reise zurückgelegt wurde, sah sich
Clementine wie mit einem Zauberstabe in ihre geliebte Vaterstadt
versetzt. Als sie zuerst die bekannten Plätze erblickte, überfiel sie
eine so tiefe Wehmuth, daß ihr die Thränen aus den Augen stürzten und
sie sich, wie ein banges Kind, an Meining schmiegte, nicht wissend, ob
es Freude oder Schmerz, Hoffnung oder Furcht sei, was sie bewegte.
Da ging die erste bekannte Person vorüber, und ein Gefühl von
unbeschreiblichem Vergnügen trocknete die Thränen. Nun war es bald ein
Dienstmädchen, das in ihrem elterlichen Hause gedient, ein Offizier, mit
dem sie auf den Bällen getanzt, ein Fenster, an dem sie oft mit einer
Freundin gestanden, ein Laden, in dem sie als kleines Kind ihr Spielzeug
gekauft -- kurz auf jedem Schritte neue Gegenstände der freudigsten
Erinnerung. Sie war wieder zum frohen Kinde geworden, und Meining konnte
gar nicht Alles sehen und bewundern, was ihm Clementine, als des Sehens
und Bewunderns werth, zeigte. Er wurde selbst heiter, als er den Ort, an
dem er zu wirken berufen war, so glänzend und bewegt vor sich sah, und
die Freude seiner Frau erhöhte diese Stimmung bedeutend. Jetzt bog der
Wagen in die Jägerstraße ein; Clementine zitterte -- sie hielten vor
ihrem Hause, vor dem Hause ihrer verstorbenen Eltern, in dem sie jetzt
wieder wohnen sollte.
Sie war immer im Besitze dieses Grundstückes geblieben, das ein
Verwandter für sie verwaltet hatte, als sie Berlin verließ, und hatte
sich das Quartier, welches ihre Eltern einst bewohnten, reserviren
lassen, sobald sie die Nachricht von Meining's Berufung in ihre
Vaterstadt erhalten. Jetzt trat sie in die wohlbekannten Räume. Es
war ihr, als hätte sie sie eben verlassen, als kehre sie von einem
Spaziergange zurück; aber wie war Alles so fremd, so öde! Die
Zimmer, kaum nothdürftig möblirt, schallten wieder von der Stimme der
Sprechenden; nur die Stimme des theuern Vaters, der herzliche Willkomm
der Tante tönten nicht an ihr Ohr -- sie waren todt, entfernt! und
doch saß da drüben am Fenster noch die schöne, stattliche Frau mit dem
Wachtelhündchen, vor der Thüre die alte Blumenverkäuferin mit dem ewigen
Strickstrumpf; noch gingen die Offiziere und Referendare lorgnirend
und grüßend an den Fenstern der gefeierten Sängerin vorüber; die
Schauspieler eilten zur Probe in das nahe Theater; die Gourmands zogen
zu Thiermann -- es war Alles das Alte geblieben, nur Clementine war eine
Andere, eine Fremde in der Heimat geworden. Mit diesen Gefühlen betrat
sie ihr ehemaliges Stübchen und versank in tiefe Gedanken, aus denen
das Fragen ihrer Jungfer und des Dieners sie rissen, die arrangiren,
auspacken und placiren wollten. Dann kam Meining hinzu, die Wohnung
wurde durchwandert, Rücksprache über die nöthigsten Erfordernisse
genommen und das Treiben des Augenblickes machte sein Recht geltend für
diesen Tag und die ganze nächste Zeit.