seiner Frau: »Geh und richte die Krabben zu, die gestrigen!« Sie
meinte, sie sollte die Kinder aufwecken und ging voll Angst um sie
hinauf in die Kammer. Welch ein Schrecken für die Frau, als sie nun
sah, was geschehen war; sie fiel gleich in Ohnmacht über den
schrecklichen Anblick, den sie hatte. Als sie nun dem
Menschenfresser zu lange blieb, ging er selbst hinauf, und da sah
er, was er angerichtet. Die Wut, in die er geriet, ist nicht zu
beschreiben. Schnell zog er die Siebenmeilenstiefel an, die er
hatte, das waren Stiefel, wenn man damit sieben Schritte tat, so war
man eine Meile gegangen, das war nichts Kleines. Nicht lange, so
sahen die sieben Brüder ihn von weitem über Berg und Täler schreiten
und waren sehr in Sorgen, doch Däumling versteckte sich mit ihnen in
die Höhlung eines großen Felsens. Als der Menschenfresser an diesen
Felsen kam, setzte er sich darauf, um ein wenig zu ruhen, weil er
müde geworden war, und bald schlief er ein und schnarchte, daß es
war, als brause ein Sturmwind. Wie der Menschenfresser so schlief
und schnarchte, schlich sich Däumling hervor, wie ein Mäuschen aus
seinem Loch, zog ihm die Meilenstiefeln aus und zog sie selber an.
Zum Glück hatten die Stiefel die Eigenschaft, an jeden Fuß zu passen
wie angemessen und angegossen. Nun nahm er an jede Hand einen seiner
Brüder, diese faßten wieder einander an den Händen, und so ging es,
hast du nicht gesehen, mit Siebenmeilenstiefelschritten nach Hause.
Da waren sie alle willkommen. Däumling empfahl seinen Eltern, ein
sorglich Auge auf die Brüder zu haben, er wolle nun mit Hilfe der
Stiefel selbst für sein Fortkommen sorgen, und als er das kaum
gesagt, so tat er einen Schritt und war schon weit fort, noch einen,
und er stand über eine halbe Stunde auf einem Berge, noch einen, und
er war den Eltern und Brüdern aus den Augen.
Nach der Hand hat der Däumling mit seinen Stiefeln sein Glück
gemacht und viele große und weite Reisen, hat vielen Herren gedient,
und wenn es ihm wo nicht gefallen hat, ist er spornstreichs weiter
gegangen. Kein Verfolger zu Fuß noch zu Pferd konnte ihn einholen,
und seine Abenteuer, die er mit Hilfe der Stiefel bestand, sind
nicht zu beschreiben.
[Abbildung]
Das Natterkrönlein.
[_Drei Abbildungen (1 bunt)_]
Alte Großväter und Großmütter haben schon oft ihren Enkeln und
Urenkeln erzählt von schönen Schlangen, die goldene Krönlein auf
ihrem Haupte tragen; diese nannten die Alten mit mancherlei Namen,
als Otterkönig, Krönleinnatter, Schlangenkönigin und dergleichen,
und sie haben gesagt, der Besitz eines solchen Krönleins bringe
großes Glück.
Bei einem geizigen Bauer diente eine fromme, mildherzige Magd, und
in seinem Kuhstalle wohnte auch eine Krönleinnatter, die man
zuweilen des Nachts gar wunderschön singen hörte, denn diese Nattern
haben die Gabe, schöner zu singen als das beste Vögelein. Wenn nun
die treue Magd in den Stall kam und die Kühe molk oder sie fütterte
und ihnen streute -- was sie mit großer Sorgfalt tat, denn ihres
Herrn Vieh ging ihr über alles, -- da kroch manchmal das
Schlänglein, welches so weiß war wie ein weißes Mäuschen, aus der
Mauerspalte, darin es wohnte, und sah mit klugen Augen die
geschäftige Dirne an, und dieser kam es immer vor, als wolle die
Schlange etwas von ihr haben. Und da gewöhnte sie sich, in ein
kleines Untertäßchen etwas kuhwarme Milch zu lassen, um dem
Schlänglein dieses hinzustellen, und das trank die Milch mit gar
großem Wohlbehagen und wendete dabei sein Köpfchen, und da glitzerte
das Krönlein wie ein Demant oder ein Karfunkelstein und leuchtete
ordentlich in dem dunkeln Stalle.
Die gute Dirne freute sich über die weiße Schlange gar sehr und nahm
auch wahr, daß, seit sie dieselbe mit Milch tränkte, ihres Herrn
Kühe sichtbarlich gediehen, viel mehr Milch gaben, stets gesund
waren und sehr schöne Kälbchen brachten, worüber sie die größte
Freude hatte.
Da traf sich's einmal, daß der Bauer in den Stall trat, als just die
Krönleinnatter ihr Tröpfchen Milch schleckte, das ihr die gute Dirne
hingestellt; und weil er geizig und habsüchtig über alle Maßen war,
so fuhr er gleich so zornig auf, als ob die arme Magd die Milch
eimerweise weggeschenkt hätte.
»Du nichtsnutze Dirn', die du bist!« schrie der böse Bauer. »So
gehst du also um mit Hab und Gut deines Herrn? Schämst du dich nicht
der Sünde, einen solchen giftigen Wurm, der ohnedies den Kühen zur
Nacht die Milch aus den Eutern zieht, auch noch zu füttern und in
den Stall zu gewöhnen? Hat man je so etwas erlebt? Schier glaub'
ich, daß du eine böse Hexe bist und dein Satanswesen treibst mit dem
Teufelswurm!«
Die arme Dirne konnte diesem Strome harter Vorwürfe nur mit
reichlich geweinten Tränen begegnen; aber der Bauer kehrte sich
nicht im mindesten daran, daß sie weinte, sondern er schrie und
zankte sich immer mehr und mehr in den vollen Zorn hinein, vergaß
alle Treue und allen Fleiß der Magd und fuhr fort zu wettern und zu
toben: »Aus dem Hause, sag' ich, aus dem Hause! Und auf der Stelle!
Ich brauche keine Schlangen als Kostgänger! Ich brauche keine
Milchdiebinnen und Hexendirnen! Gleich schnürst du dein Bündel, aber
gleich und machst, daß du aus dem Dorfe fort kommst, und läßt dich
nimmer wieder hier blicken, sonst zeig' ich dich an beim Amt, da
wirst du eingesteckt und kriegst den Staupbesen, du Hexendirne!«
Laut weinend entwich die so hart gescholtene Magd aus dem Stalle,
ging hinauf in ihre Kammer, packte ihre Kleider zusammen und
schnürte ihr Bündlein, und dann trat sie aus dem Hause und ging über
den Hof. Da wurde ihr weh ums Herz, im Stalle blöckte ihre
Lieblingskuh. -- Der Bauer war weiter gegangen; sie trat noch einmal
in den Stall, um gleichsam im stillen und unter Tränen Abschied von
ihrem lieben Vieh zu nehmen; denn frommem Hausgesinde wird das Vieh
seiner Herrschaft so lieb, als wäre es sein eigen. Daher pflegt man
auch zu sagen, im ersten Dienstjahre spricht die Magd: meines Herrn
Kuh, im zweiten: unsere Kuh, und im dritten und in allen folgenden:
_meine_ Kuh.
Und da stand nun die Dirn' im Stalle und weinte sich aus und
streichelte noch einmal jede Kuh, und ihr Liebling leckte ihr noch
einmal die Hand -- und da kam die Schlange mit dem Krönlein auch
gekrochen.
»Leb' wohl, du armer Wurm, dich wird nun auch niemand mehr füttern.«
Da hob sich das Schlänglein empor, als wollte es ihr seinen Kopf in
ihre Hand legen, und plötzlich fiel das Natterkrönlein in des
Mädchens Hand, und die Schlange glitt aus dem Stalle, was sie nie
getan. Das war ein Zeichen, daß auch sie aus dem Hause scheide, wo
man ihr fürder nicht mehr ein Tröpflein Milch gönnen wollte.
Jetzt ging die arme Dirne ihres Weges und wußte nicht, wie reich sie
war. Sie kannte des Natterkrönleins große Tugend nicht. Wer es
besitzt und bei sich trägt, dem schlägt alles zum Glücke aus, der
ist allen Menschen angenehm, dem wird eitel Ehre und Freude zuteil.
Draußen vor dem Dorfe begegnete der scheidenden Magd der reiche
Schulzensohn, dessen Vater vor kurzem gestorben war, der schönste
junge Bursche des Dorfes; der gewann gleich die Dirne lieb, und er
grüßte sie und fragte sie, wohin sie gehe und warum sie aus dem
Dienst scheide. Da sie ihm nun ihr Leid klagte, hieß er sie zu
seiner Mutter gehen, und sie solle dieser nur sagen, er sende sie.
Wie nun die Dirne zu der alten Frau Schulzin kam und ausrichtete,
was der Schulzensohn ihr aufgetragen, da faßte die Frau gleich ein
großes Vertrauen zu ihr und behielt sie im Hause, und als am Abende
die Knechte und die Mägde des reichen Bauern zum Essen kamen, da
mußte die Neuaufgenommene das Tischgebet sprechen, und da deuchte
allen, als flössen des Gebetes Worte von den Lippen eines heiligen
Engels, und wurden alle von einer wundersamen Andacht bewegt und
gewannen zu der Dirne eine große Liebe. Und als abgegessen war und
die fromme Dirne wieder das Gebet und den Abendsegen gesprochen
hatte und das Gesinde die Stube verlassen, da faßte der reiche
Schulzensohn die Hand der ganz armen Dirne und trat mit ihr vor
seine Mutter und sagte: »Frau Mutter segnet mich und die -- denn die
nehm' ich zur Frau oder keine. Sie hat mir's einmal angetan!«
»Sie hat's uns allen angetan«, antwortete die alte Frau Schulzin.
»Sie ist so fromm, als sie schön ist und so demütig, als sie
makellos ist. Im Namen Gottes segne ich dich und sie und nehme sie
vom Herzen gerne zur Tochter.«
So wurde die arme Magd zu des Dorfes reichster Frau und zu einer
ganz glücklichen noch dazu.
Mit jenem geizigen Bauer aber, der um die paar Tröpflein Milch sich
so erzürnt und die treueste Magd aus dem Hause getrieben, ging es
baldigst den Krebsgang. Mit der Krönleinnatter war all sein Glück
hinweg, er mußte erst sein Vieh verkaufen, dann seine Äcker, und
alles kaufte der reiche Schulzensohn, und seine Frau führte die
lieben Kühe, die nun ihre eigenen waren, mit grünen Kränzen
geschmückt in ihren Stall und streichelte sie und ließ sich wieder
die Hände von ihnen lecken und molk und fütterte sie mit eigener
Hand. Auf einmal sah sie bei diesem Geschäfte die weiße Schlange
wieder. Da zog sie schnell das Krönlein hervor und sagte. »Das ist
schön von dir, daß du zu mir kommst. Nun sollst du auch alle Tage
frische Milch haben, so viel du willst, und da hast du auch dein
Krönlein wieder mit tausend Dank, daß du mir damit so wohl geholfen
hast. Ich brauch' es nun nicht mehr, denn ich bin reich und
glücklich durch Liebe, durch Treue und durch Fleiß.«
Da nahm die weiße Schlange ihr Krönlein wieder und wohnte in dem
Stalle der jungen Frau, und auf deren ganzem Gute blieb Friede,
Glück und Gottes Segen ruhen.
[Abbildung]
Der fette Lollus und der magere Lollus.
[_Acht Abbildung (2 bunt)_]
Es starb ein reicher Mann, welcher zwei Söhne hinterließ und ein
hübsches Vermögen und Erbe. Der eine der Söhne erwählte den
geistlichen, und zwar den Mönchs-Stand, der zweite einen sehr
weltlichen, er wurde ein Gastgeber, das heißt er _gab_ seinen Gästen
so wenig als möglich und nahm dafür von ihnen so viel als möglich.
Er heiratete nach Geld und strebte fort und fort nach Geld. Von
seinem Bruder borgte er dessen Erbanteil ab, da dieser als Mönch
keines Geldes bedurfte, und wucherte damit, aber nicht zu des
Bruders sondern zu seinem eigenen Nutzen. Seine Biermaße waren
falsch, und seine Weinflaschen ließ er auf der Glashütte so klein
blasen, daß man beim Anblick einer ganzen Flasche sehr in Zweifel
geriet, ob es nicht eine halbe sei, und seine halben Flaschen
schienen alle nach der schlanken Körperbildung eines Bleistiftes
hinzustreben; daher hießen sie auch bei den Gästen dieses Wirtes nie
anders als Stifte. Wenn der Stallknecht dem Pferde eines Reisenden
Hafer vorgeschüttet hatte, so trat der Wirt, wenn er sich unbemerkt
glaubte, an die Krippe, kripste ganze Hände voll Hafer wieder dem
armen Tiere vor dem Maule weg und schob ihn in seine Tasche. Er
sagte sich, deshalb heiße die Krippe so, weil man aus ihr kripsen
könne. Es war ein durchtriebener Schalk, dieser Wirt, und an ihm lag
es nicht, daß er nicht recht reich wurde, denn Anlagen dazu hatte
er. Aber das Bibelwort sagt nicht vergebens: »Die da reich werden
wollen, fallen in Versuchung und Stricke.« Des Wirtes Tun brachte
nicht Segen. Was half es ihm, wenn er fremden Pferden von deren
Futter ein paar Hände voll Hafer stahl -- und eins seiner eigenen
Pferde zugrunde ging? Wenn er durch sein zu knappes Maß nach und
nach ein wenig Wein langsam gewann, und durch Nachlässigkeit seiner
Leute, die er ohne Aufsicht ließ, ihm ein ganzes Faß in den Keller
lief? Er kam nicht vorwärts, dieser betriebsame Wirt, sondern er kam
zurück in allen Dingen, nur nicht von seiner Prellerei und Habsucht;
diese trieb er immer ärger und ärger, bis die Gäste wegblieben und
das Weinstüblein leer stand, der Bratofen kalt blieb und der
Schornstein sich das Rauchen abgewöhnte.
Als es so weit schon mit dem Krebsgange dieses Wirtes gediehen war,
schlug ihm ein neuer Schrecken in die Glieder; sein Bruder, der
fromme Mönch, kam und sprach zu ihm: »Lieber Bruder, gib mir das dir
geliehene Kapital heraus, ich habe meinem heiligen Schutzpatrone in
unserer Klosterkirche einen kostbaren Altar mit herrlicher Malerei,
Schnitzwerk und Vergoldung gelobt; den will ich davon herstellen,
und was übrig bleibt, wenn etwas übrig bleibt, davon will ich
Seelenmessen für unsere lieben Eltern, für dich und mich auf ewige
Zeiten stiften.«
»Großer Gott!« schrie der Wirt, »Bruder, wie kannst du so unsinnig
handeln! Ich kann dir dein Geld jetzt nicht herausgeben, denn ich
habe es nicht, -- ich bin zugrunde gerichtet, und wenn du auf der
Zahlung bestehst, so wird mir Haus und Hof über dem Kopfe verkauft,
ich muß mit Weib und Kindern betteln gehen, und du bekommst erst
recht nichts, und dein heiliger Schutzpatron bekommt auch keinen
neuen Altar. Höre mich an und sei vernünftig, mein lieber,
gottseliger Bruder! Laß mir noch das Geld, gönne mir Zeit, mich zu
erholen! Du weißt, wir haben eine schlimme Zeit durchgemacht, in
welcher niemand auf einen grünen Zweig hat kommen können, außer die
Bauern; die haben ihr Schäfchen geschoren und lachen uns jetzt aus.
Dein Heiliger ist gewiß ein edeldenkender Menschenfreund gewesen,
und hat er einige Jahrhunderte in deiner Klosterkirche keinen
Prachtaltar gehabt, so wird es ihm darauf auch nicht ankommen,
einige Jahre früher oder später einen solchen zu erhalten. Gott der
Herr weiß, daß ich mir es gehörig sauer werden lasse -- ich plage
mich über alle Maßen, Geld zu erschwingen -- aber es geht nicht --
ich komme zu nichts.«
»Das höre ich sehr ungern von dir, lieber Bruder«, sprach mit
Teilnahme der Mönch. »Du hast den schlechtesten Gast in dein
Gasthaus aufgenommen, den es geben kann.«
»Wer wäre das?« fragte der Wirt.
»Das ist der fette Lollus!« entgegnete der Mönch.
»Der fette Lollus?« fragte verwundert der Wirt. »Du scherzest
entweder, Bruder, oder du faselst. In meinem Fremdenbuche steht kein
Gast solchen Namens, und nie hörte ich diesen Namen nennen, wahrlich
in meinem ganzen Leben nicht!«
»Das ist wohl möglich,« sagte der Mönch; »dennoch ist dieser
schlimme Gast vorhanden, und er ist die alleinige Ursache deines
Vermögensverfalles und deines Zurückkommens.«
»Den möcht' ich sehen! Ich wollt' ihn« -- fuhr der Wirt auf.
»Du wirst ihm nicht gleich etwas anhaben, lieber Bruder,« sprach
lächelnd der Mönch; »allzulange hast du ihn treulich gehegt und
gepflegt; doch sehen sollst du ihn, den fetten Lollus. Er befindet
sich in deinem Keller; geh mit mir hinunter!«
Verwundert nahm der Wirt den Kellerschlüssel und eine Lampe und
dachte: »Aha, mein Bruder meint den Wein; er will andeuten, ich sei
mein bester Gast selbst, doch da irrt er sich sehr.«
Im Keller hieß der Mönch seinen Bruder die Lampe auf ein Faß setzen,
daß ihr Strahl in eine leere Ecke fiel, hieß den Wirt hinter sich
treten, zog ein kleines, schwarzes Buch hervor und murmelte daraus,
gegen die Ecke gekehrt, eine Beschwörungsformel. Da wallete der
Boden, da hob sich etwas Dickes heraus, da glühten ein paar feurige
Augen, und dem Wirte gerann das Blut in den Adern vor Furcht und
Grauen.
»Lölle, gehe ganz herzu!« rief der Mönch. Da hob sich dem
dickgeschwollenen Kopfe ein unförmlich dicker Leib nach, und kurze
plumpe Füße patschten auf dem Boden des Kellers, und ein unförmiges,
scheußliches Tier, dessen Haut so fett und speckig glänzte wie die
einer Robbe, hockte in der Ecke.
»Schaust du deinen werten Gast, mein Bruder?« fragte der Mönch zu
diesem gewendet, sehr ernst. »Ich vermeine, er habe sich in deiner
Herberge nicht übel gemästet! Siehst du, Bruder, alle und jede
Frucht deines Truges hat nicht _dir_ angeschlagen, sondern diesem
Lollus. Was du den Fremden und deren Vieh abgezwackt, der hat sich
davon genährt, den durch zu kleines Maß und durch zu kleine Flaschen
trüglich gewonnenen Wein oder sonstiges Getränke -- alles hat der
Lollus geschluckt. -- Unrecht Gut gedeihet nicht, und Untreue
schlägt ihren eigenen Herrn. Soll sich's mit dir und deinem Wesen
bessern, so übervorteile niemand mehr, betrüge niemand, übernimm
niemand. Fordere, was recht ist; denn was recht ist, lobt Gott.
Halte ehrliches, gerechtes Maß und Gewicht, siehe selbst zu deinen
Sachen, täglich, stündlich, vom Keller bis zum Kornboden. Bediene,
soviel du es kannst, selbst deine Gäste, verlasse dich nicht
allzuviel auf Ober- und Unterkellner, auf Hausknecht und
Stallknecht, auf Koch und Büttner. Je mehr du Gesinde hältst,
je fetter füttert sich der Lollus.«
Nach dieser Vermahnung wurde der Wirt sehr nachdenklich und sagte:
»Ich danke dir, mein Bruder; ich will tun nach deinen Worten, die du
mir gesagt hast.«
Da beschwor der Mönch den Lollus wieder und sagte: »Lölle, kreuch'
ein!« und schwerfällig kroch der Lollus hinterwärts wieder in die
Erde zurück, und die Kellerecke war wieder leer und glatt wie zuvor.
»Mein Geld will ich dir noch _vier_ Jahre lassen,« sagte der Mönch;
»dann aber muß meinem Heiligen Wort gehalten werden.« Darauf schied
er von seinem Bruder hinweg.
Der Wirt befolgte mit Eifer seines Bruders treuen Rat, änderte seine
Wirtschaft ganz und gar, richtete alles besser ein, sparte am
rechten Orte, veruntreute aber nichts mehr. Seine Frau mußte in der
Küche selbst zum rechten sehen, was sie früher nicht getan;
richtiges Gemäß wurde hergestellt, auf der Glashütte wurden gerechte
und vollkommene Weinflaschen geblasen, und die kleinen Zwergflaschen
verschwanden. Dafür stellten sich die verschwundenen Gäste wieder
ein, der Bratofen wurde nicht mehr kalt, und der Schornstein rauchte
wieder schier Tag und Nacht.
Des Wirtes ganzes Wesen besserte sich in jeder Weise; sein Wohlstand
nahm mit seiner Rechtlichkeit sichtbarlich zu; sein guter Ruf und
der seines Hauses breitete sich weit aus, und die Gastwirte in den
Nachbarstädten begannen ihn zu beneiden; denn die Reisenden fuhren
lieber noch ein paar Stunden in die Nacht hinein, um nur in das gute
Gasthaus zu gelangen, und nicht selten war dieses so von Gästen
überfüllt, daß der fröhliche Wirt dennoch eine traurige Miene
annehmen und die überzähligen Gaste abweisen mußte.
Als nach dem Ablauf von vier Jahren der Mönch, des Wirtes Bruder,
wiederkam, seinen Erbanteil zu begehren, empfing ihn der Wirt auf
das freundlichste, setzte ihm ein herrliches Weinchen von der
schönsten Farbe vor und allerlei schmackhaftes Backwerk, süße Kuchen
und dergleichen, und legte ihm starke Geldrollen auf den Tisch,
indem er sagte: »Hier, mein lieber Bruder, ist mit meinem besten
Dank dein Kapital samt allen Zinsen, redlich berechnet bei Heller
und Pfennig!« Der Mönch aber sagte: »Lieber Bruder, die Zinsen nehme
ich nicht; solches ziemet mir nicht nur nicht als einem Priester,
sondern es stehet auch geschrieben: Du sollst nicht Wucher nehmen
von deinem Bruder. Aber ich freue mich, daß du des _fetten_ Lollus
ledig bist und hast nur noch den _magern_.«
»So?« sagte der Wirt. »Wohnt der auch im Keller? Den möcht' ich auch
sehen.«
»Den sollst du sehen!« antwortete der Mönch, hieß den Wirt voran in
den Keller gehen und hob drunten seine Beschwörung wieder an. Da
bewegte sich ganz langsam hinten in der Ecke die Erde, und
allmählich lugte ein schmales Köpfchen heraus mit ganz matten Augen.
»Lölle, gehe ganz herzu!« sprach der Mönch. Da wand sich der Lollus
matt und mühsam aus dem Boden und erschien äußerst abgemagert; seine
Haut glänzte nicht mehr wie Speckschwarte, sondern war verrumpfelt
und verschrumpfelt wie eine Baumrinde und sah äußerst hinfällig aus.
»Nun ist's gut, das freut mich!« sprach der Mönch. »Lölle, kreuch
ein!« -- Da kroch der Lollus wieder hinterwärts, aber ganz langsam,
in den Kellerboden zurück, und in der Ecke war nichts zu sehen.
»Hab' acht, Bruder« sagte der Mönch; »wenn du bleibst, wie du jetzt
bist, so hält es der Lollus kein Vierteljahr mehr bei dir aus.
Entweder er verkommt, oder er geht ein Haus weiter und sucht sich
einen Herrn, der ihn besser nährt als du.« -- Dieses Trostes war der
Wirt über alle Maßen froh und segnete seines weisen Bruders Rat
tausendfach.
[Kleinbild]
Gevatterin Kröte.
[Abbildung]
Ein feines Bauerndirnlein ging einst an einem Weiher vorüber; da sah
es am Rande eine große, dicke Kröte sitzen, die guckte so recht
starr und häßlich. »Na -- bei dir möcht ich auch Gevatter stehen!«
rief voll Abscheu das Mädchen. Da hob die Kröte den rechten
Vorderfuß in die Höhe, als wenn sie einen Handschlag geben wollte.
Dem Mägdlein gruselte, und es eilte weiter.
Als abends die Jungfer in ihre Kammer trat, saß die Kröte
krötenbreit mitten auf der Diele. Das Mädchen schrie. »Schrei
nicht!« sprach die Kröte. »Hast du mir nicht versprochen, bei mir
Gevatter zu stehen? Ich nehme dich beim Worte! Folge mir, oder du
erlebst nicht den morgenden Tag!«
In Todesangst folgte der voranhüpfenden Kröte das junge Mädchen
durchs Dorf, durch die Nacht, an den Weiher; dort war im Schilf eine
Öffnung, eine Treppe führte hinunter. Die Kröte hüpfte voran, das
Mädchen folgte. Drunten verwandelte sich die Kröte in eine schöne
Frau und zeigte dem erstaunten Mädchen sein Patchen, ein nettes,
niedliches Nixenkind. »Der Dienst soll dich nicht reuen!« sprach
sie. Und dann begann ein großes, herrliches Fest in den Räumen der
unterirdischen Wasserwelt, und die junge Dirne wurde hoch geehrt und
bedient von den schönsten Nixen und herumgeführt in allen Grotten,
die wie eitel Eis und Silber glänzten, und empfing endlich von ihrer
Gevatterin Kröte noch drei wunderbare Gaben, deren Besitz sie
lebenslänglich glücklich machte. -- Sie wurde wohlbehalten wieder
zurückgeführt, und hätte sie nicht morgens beim Erwachen die Gaben
vorgefunden, so hätte sie geglaubt, es sei ihr alles nur im Traume
begegnet. In ihre Erinnerung aber mischte sich zu dem Entzücken doch
auch ein geheimes Grauen, und nie in ihrem Leben vermochte sie es
über sich, wieder an jenem Weiher vorüberzugehen.
[Kleinbild]
Zwergenmützchen.
[_Zehn Abbildungen (1 bunt)_]
Es war einmal ein Müller, der hatte drei Söhne und eine Tochter. Die
Tochter liebte er sehr, aber die Söhne konnte er gar nicht leiden,
war stets unzufrieden mit ihnen und machte ihnen das Leben sauer;
denn sie konnten ihm nie etwas recht machen. Darüber waren die
Brüder sehr bekümmert und wünschten sich weit weg von ihrem
Vaterhause und saßen oft beisammen, klagend und seufzend, und wußten
nicht, was sie anfangen sollten.
Eines Tages, als die drei Brüder auch so betrübt beisammen
saßen, seufzte der eine von ihnen: »Ach, hätten wir nur ein
_Zwergenmützchen_, da wäre uns allen geholfen.«
»Was ist's damit?« fragte der eine von den beiden anderen Brüdern.
»Die Zwerge, die in den grünen Bergen wohnen,« erläuterte der
Bruder, »haben Mützchen, die man auch Nebelkäpplein nennt, und damit
kann man sich unsichtbar machen, wenn man sie selbst aufsetzt. Das
ist gar eine schöne Sache, liebe Brüder; da kann man den Leuten aus
dem Wege gehen, die nichts von einem wissen wollen, und von denen
man nie ein gutes Wort empfängt. Man kann hingehen wohin man will,
nehmen was man will; niemand sieht einen, solange man mit dem
Zwergenmützchen bedenkt ist.«
»Aber wie gewinnt man solch ein rares Mützchen?« fragte der dritte
und jüngste der Brüder.
»Die Zwerge,« antwortete der älteste »sind ein kleines, drolliges
Völklein, das gern spielt. Da macht es ihnen große Freude, bisweilen
ihre Mützchen in die Höhe zu werfen. Wupps! sind sie sichtbar,
wupps! fangen sie das Mützchen wieder, setzen es auf und sind wieder
unsichtbar. Nun braucht man nichts zu tun als aufzupassen, wenn ein
Zwerg sein Mützchen in die Höhe wirft, und muß dann rasch den Zwerg
packen und das Mützchen geschwind selbst fangen. Da muß der Zwerg
sichtbar bleiben, und man wird Herr der ganzen Zwergensippschaft.
Nun kann man entweder das Mützchen behalten und sich damit
unsichtbar machen, oder von den Zwergen so viel dafür fordern, daß
man für sein Lebenlang genug hat. Denn die Zwerge haben Macht über
alles Metall in der Erde, kennen alle Geheimnisse und Wunderkräfte
der Natur; sie können auch durch ihre Lehren aus einem Dummen einen
Klugen machen und aus dem faulsten Studenten einen hochgelahrten
Professor, aus einem Barbier einen Doktor und aus einem
Advokatenschreiber einen Minister.«
»Ei, das wäre!« rief einer der Brüder. »So gehe doch hin und
verschaffe dir und uns solche Mützchen oder mindestens dir eins, und
hilf dann auch uns, daß wir von hier fortkommen.«
»Ich will es tun«, sagte der älteste der Brüder, und bald war er auf
dem Wege nach den grünen Bergen. Es war ein etwas weiter Weg, und
erst gegen Abend kam der gute Junge bei den Zwergenbergen an. Dort
legte er sich in das grüne Gras an eine Stelle, wo im Grase die
Ringelspuren von den Tänzen der Zwerge im Mondenscheine sich
zeigten, und nach einer Weile sah er schon einige Zwerge ganz nahe
bei sich übereinanderpurzeln, Mützchen werfen und spaßige Kurzweil
treiben. Bald fiel ein solches Mützchen neben ihm nieder, schon
haschte er darnach -- aber der Zwerg, dem das Mützchen gehörte, war
ungleich behender als er, erhaschte sein Mützchen selbst und schrie:
»Diebio! Diebio!« Auf diesen Ruf warf sich das ganze Heer der Zwerge
auf den armen Knaben, und es war, als wenn ein Haufen Ameisen um
einen Käfer krabbelt; er konnte sich der Menge nicht erwehren und
mußte es geschehen lassen, daß die Zwerge ihn gefangen nahmen und
mit ihm tief hinab in ihre unterirdischen Wohnungen fuhren.