Damit waren sie beim Acker angelangt, der Swinegel wies sein

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Gerlach's Jugendbücherei

Märchen-Sammlung von L. Bechstein.

Texte gesichtet von Hans Fraungruber.

Bilder von Karl Fahringer.

Verlag v. Martin Gerlach & Co.

Wien und Leipzig.

[Abbildung: Verlagszeichen]

Inhalt:

Seite

Der Wolf und die sieben Geißlein 3

Der Schmied von Jüterbog 10

Der Hase und der Fuchs 16

Der beherzte Flötenspieler 19

Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel 26

Das Kätzchen und die Stricknadeln 34

Der goldene Rehbock 37

Die drei Federn 45

Der kleine Däumling 51

Das Natterkrönlein 62

Der fette Lollus und der magere Lollus 70

Gevatterin Kröte 81

Zwergenmützchen 83

Die Kornähren 97

Druck von Christoph Reißer's Söhne, Wien

V. Ausstattung gesetzlich geschützt.

[Kleinbild]

Der Wolf und die sieben Geißlein.

[_Das Märchen enthält sieben Abbildungen, zwei davon bunt_]

Es ist einmal eine alte Geiß gewesen, die hatte sieben junge

Zicklein, und wie sie einmal fort in den Wald wollte, hat sie

gesagt: »Ihr lieben Zicklein, nehmt euch in acht vor dem Wolf und

laßt ihn nicht herein, sonst seid ihr alle verloren.« Darnach ist

sie fortgegangen.

In einer Weile rappelt was an der Haustüre und ruft: »Macht auf,

macht auf, liebe Kinder! Euer Mütterlein ist aus dem Walde

gekommen!« Aber die sieben Geißlein erkannten's gleich an der groben

Stimme, daß das ihr Mütterlein nicht war, und haben gerufen: »Unser

Mütterlein hat keine so grobe Stimme!« Und haben nicht aufgemacht.

Nach einer Weile rappelt's wieder an der Türe und ruft ganz fein und

leise: »Macht auf, macht auf, ihr lieben Kinder! Euer Mütterlein ist

aus dem Walde gekommen!«

Aber die jungen Geißlein guckten durch die Türspalte und haben ein

Paar schwarze Füße gesehen und gerufen: »Unser Mütterlein hat keine

so schwarzen Füße!« Und haben nicht aufgemacht.

Wie das der Wolf, denn er war es, gehört hat, ist er geschwind hin

in die Mühle gelaufen und hat die Füße ins Mehl gesteckt, daß sie

ganz weiß worden sind. Darnach ist er wieder vor die Türe gekommen,

hat die Füße zur Spalte hineingesteckt und hat wieder ganz leise

gerufen: »Macht auf, macht auf, ihr lieben Kinder! Euer Mütterlein

ist aus dem Walde gekommen!«

Und wie die Geißlein die weißen Füße gesehen haben und die leise

Stimme gehört, da haben sie ja gemeint, ihr Mütterlein sei's, und

haben geschwind aufgemacht, so ist der Wolf hereingesprungen. Ach,

wie sind da die armen Geißlein erschrocken und haben sich verstecken

wollen! Eines ist unters Bett, eins unter den Tisch, eines hinter

den Ofen, eins hinter einen Stuhl, eins hinter einen großen

Milchtopf und eins in den Uhrkasten gesprungen. Aber der Wolf hat

sie alle gefunden und hinabgeschluckt. Hernach ist er fortgegangen,

hat sich in den Garten unter einen Baum gelegt und hat angefangen zu

schlafen.

Wie hernach die alte Geiß aus dem Walde zurückgekommen ist, hat

sie das Haus offen gefunden und die Stube leer, da hat sie gleich

gedacht: »Jetzt ist's nicht geheuer«, und hat angefangen, ihre

lieben Zicklein zu suchen. Sie hat sie aber nicht finden können,

wo sie auch gesucht hat, und so laut sie auch gerufen hat, es hat

keins Antwort gegeben. Endlich ist sie in den Garten gegangen, da

hat der Wolf noch gelegen unterm Baum und hat geschlafen und hat

geschnarcht, daß alle Äste gezittert haben; und wie sie näher zu ihm

gekommen ist, hat sie gesehen, daß etwas in seinem Bauche gezappelt

hat. Da hatte sie eine Freude und dachte, ihre Geißlein leben wohl

noch. Jetzt ist sie geschwind hinein ins Häuslein gesprungen, hat

eine Schere geholt, und hat dem Wolf den Bauch aufgeschnitten; da

sind ihre sieben Geißlein eins nach dem andern herausgesprungen und

haben alle noch gelebt. Darnach hat die Alte geschwind sieben

Wackersteine dem Wolf in seinen Bauch gesteckt und hat den wieder

zugenäht.

Wie der Wolf munter wurde, hatte er Durst und ist an den Brunnen

gegangen, um zu trinken; aber wie er einen Schritt gegangen

ist, da haben die Wackersteine in seinem Bauch angefangen

zusammenzuschlagen, und da hat er gesagt:

[Kleinbilder]

»Was rumpelt,

Was pumpelt

In meinem Bauch?

Ich hab' gemeint, ich hab' junge Geißlein drein,

Und jetzt sind's nichts als Wackerstein'!«

Und wie nun der Wolf an den Brunnen gekommen ist und hat trinken

wollen, so haben ihn die Wackersteine hineingezogen, und er ist

ertrunken. Und die alte Geiß ist mit ihren Zicklein vor Freude um

den Brunnen herumgetanzt.

[Abbildung]

Der Schmied von Jüterbog.

[_Fünf Abbildungen (1 Bunt)_]

Im Städtlein Jüterbog hat einmal ein Schmied gelebt, von dem

erzählen sich Kinder und Alte ein wundersames Märlein. Es war dieser

Schmied erst ein junger Bursche, der treulich Gottes Gebote hielt,

aber einen sehr strengen Vater hatte. Er tat große Reisen und

erlebte viele Abenteuer; dabei war er in seiner Kunst über alle

Maßen geschickt und tüchtig. Auch hatte er eine Stahltinktur, die

jeden damit bestrichenen Harnisch undurchdringlich machte. Er

gesellte sich dem Heere Kaiser Friedrichs I. zu, wo er kaiserlicher

Rüstmeister wurde und den Kriegszug nach Mailand und Apulien

mitmachte. Dort eroberte er den Heer- und Bannerwagen der Stadt und

kehrte endlich, nachdem der Kaiser gestorben war, mit vielem

Reichtum in seine Heimat zurück. Er sah gute Tage, dann wieder böse

und wurde über hundert Jahre alt. Einst saß er in seinem Garten

unter einem alten Birnbaum, da kam auf einem Esel ein graues

Männlein geritten, das sich schon mehrmals als des Schmiedes

Schutzgeist bewiesen hatte. Dieses Männchen herbergte bei dem

Meister und ließ den Esel beschlagen, was jener gern tat, ohne Lohn

zu heischen. Darauf sagte das Männlein zu ihm, er solle drei Wünsche

tun, aber dabei das Beste nicht vergessen. Da wünschte der Schmied,

weil die Diebe ihm oft die Birnen gestohlen, es solle keiner, der

auf den Birnbaum gestiegen, ohne seinen Willen wieder herunter

können -- und weil er auch in der Stube öfters bestohlen worden war,

so wünschte er, es solle niemand ohne seine Erlaubnis in die Stube

kommen können, es wäre denn durch das Schlüsselloch. Bei jedem

dieser törichten Wünsche warnte das Männlein: »Vergiß das Beste

nicht!« -- und da tat der Schmied den dritten Wunsch: »Das Beste ist

ein guter Schnaps, so wünsche ich, daß diese Bulle niemals leer

werde!« -- »Deine Wünsche sind gewährt«, sprach das Männchen, strich

noch mit der Hand über einige Stangen Eisen, die in der Schmiede

lagen, setzte sich auf seinen Esel und ritt von dannen. Das Eisen

war in blankes Silber verwandelt, der vorher arm gewordene Schmied

war wieder reich und lebte fort und fort bei gutem Wohlsein, denn

die nie versiegenden Magentropfen in der Bulle waren, ohne daß er es

wußte, ein Lebenselixir. Endlich klopfte der Tod an, der ihn so

lange vergessen zu haben schien. Der Schmied war scheinbar auch gern

bereitwillig, mit ihm zu gehen und bat nur, ihm ein kleines Labsal

zu vergönnen und ein paar Birnen von dem Baum zu holen, den er nicht

selbst mehr besteigen könne aus großer Altersschwäche. Der Tod stieg

auf den Baum, und der Schmied sprach: »Bleib droben!« denn er hatte

Lust, noch länger zu leben. Der Tod fraß alle Birnen vom Baum, dann

gingen seine Fasten an, und vor Hunger verzehrte er sich selbst mit

Haut und Haar, daher er jetzt nur noch ein so scheußlich dürres

Gerippe ist. Auf Erden aber starb niemand mehr, weder Mensch noch

Tier; darüber entstand viel Unheil, und endlich ging der Schmied hin

zum klappernden Tod und verhandelte mit ihm, daß er ihn fürder in

Ruhe lasse, dann gab er ihn frei. Wütend floh der Tod von dannen und

begann auf Erden aufzuräumen. Da er sich an dem Schmied nicht rächen

konnte, so hetzte er ihm den Teufel auf den Hals. Dieser machte sich

flugs auf den Weg, aber der pfiffige Schmied roch den Schwefel

voraus, schloß seine Türe zu, hielt mit den Gesellen einen ledernen

Sack an das Schlüsselloch, und wie Herr Urian hindurchfuhr, da er

nicht anders in die Schmiede konnte, wurde der Sack zugebunden, zum

Amboß getragen und nun ganz unbarmherziglich mit den schwersten

Hämmern auf den Teufel losgepocht, daß ihm Hören und Sehen verging,

er ganz mürbe wurde und das Wiederkommen auf immer verschwur. Nun

lebte der Schmied noch gar lange Zeit in Ruhe, bis er, da alle

Freunde und Bekannte gestorben waren, des Erdenlebens satt und müde

wurde. Machte sich deshalb auf den Weg und ging nach dem Himmel, wo

er bescheidentlich am Tore klopfte. Da schaute der heilige Petrus

herfür, und Peter der Schmied erkannte in ihm seinen Schutzpatron

und Schutzgeist, der ihn oft aus Not und Gefahr sichtbar errettet

und ihm zuletzt die drei Wünsche gewährt hatte. Jetzt sprach Petrus:

»Hebe dich weg, der Himmel bleibt dir verschlossen; du hast das

Beste zu erbitten vergessen: die Seligkeit!« -- Auf diesen Bescheid

wandte sich Peter, gedachte sein Heil in der Hölle zu versuchen und

wanderte wieder abwärts, fand auch bald den rechten, breiten und

vielbegangenen Weg. Als aber der Teufel erfuhr, daß der Schmied von

Jüterbog im Anzuge sei, schlug er ihm das Höllentor vor der Nase zu

und setzte die Hölle gegen ihn in Verteidigungsstand. Da nun der

Schmied von Jüterbog weder im Himmel noch in der Hölle Zuflucht fand

und auf Erden es ihm nimmer gefallen wollte, so ist er hinab in den

Kyffhäuser gegangen zu Kaiser Friedrich, dem er einst gedient. Der

alte Kaiser, sein Herr, freute sich, als er seinen Rüstmeister

kommen sah, und fragte ihn gleich, ob die Raben noch um den Turm der

Burgruine Kyffhäuser flögen? Und als Peter das bejahte, so seufzte

der Rotbart. Der Schmied aber blieb im Berge, wo er des Kaisers

Handpferd und die Pferde der Prinzessin und die der reitenden

Fräulein beschlägt, bis des Kaisers Erlösungsstunde auch ihm

schlagen wird. -- Und das wird geschehen nach dem Munde der Sage,

wenn dereinst die Raben nicht mehr um den Berg fliegen und auf dem

Ratsfeld nahe dem Kyffhäuser ein alter, dürrer, abgestorbener

Birnbaum wieder ausschlägt, grünt und blüht. Dann tritt der Kaiser

hervor mit all seinen Wappnern, schlägt die große Schlacht der

Befreiung und hängt seinen Schild an den wieder grünen Baum. Hierauf

geht er mit seinem Gesinde zu der ewigen Ruhe.

Der Hase und der Fuchs.

[Abbildung]

Ein Hase und ein Fuchs reisten beide miteinander. Es war

Winterszeit, grünte kein Kraut, und auf dem Felde kroch weder Maus

noch Laus. »Das ist ein hungriges Wetter,« sprach der Fuchs zum

Hasen, »mir schnurren alle Gedärme zusammen.« -- »Ja wohl«,

antwortete der Hase. »Es ist überall Dürrhof, und ich möchte meine

eigenen Löffel fressen, wenn ich damit ins Maul langen könnte.«

So hungrig trabten sie miteinander fort. Da sahen sie von weitem ein

Bauernmädchen kommen, das trug einen Handkorb, und aus dem Korbe kam

dem Fuchs und dem Hasen ein angenehmer Geruch entgegen, der Geruch

von frischen Semmeln. »Weißt du was!« sprach der Fuchs, »lege dich

der Länge nach hin und stelle dich tot. Das Mädchen wird seinen Korb

hinstellen und dich aufheben wollen, um deinen armen Balg zu

gewinnen, denn Hasenbälge geben Handschuhe; derweilen erwische ich

den Semmelkorb, uns zum Troste.«

[Abbildung]

Der Hase tat nach des Fuchsens Rat, fiel hin und stellte sich tot,

und der Fuchs duckte sich hinter einer Windwehe von Schnee. Das

Mädchen kam, sah den frischen Hasen, der alle Viere von sich

streckte, stellte richtig den Korb hin und bückte sich nach dem

Hasen. Jetzt wischte der Fuchs hervor, erschnappte den Korb und

strich damit querfeldein; gleich war der Hase lebendig und folgte

eilend seinem Begleiter. Dieser aber stand gar nicht still und

machte keine Miene, die Semmeln zu teilen, sondern ließ merken, daß

er sie allein fressen wollte. Das vermerkte der Hase sehr übel. Als

sie nun in die Nähe eines kleinen Weihers kamen, sprach der Hase zum

Fuchs: »Wie wär' es, wenn wir uns eine Mahlzeit Fische verschafften?

Wir haben dann Fische und Weißbrot wie die großen Herren! Hänge

deinen Schwanz ein wenig ins Wasser, so werden die Fische, die jetzt

auch nicht viel zu beißen haben, sich daranhängen. Eile aber, ehe

der Weiher zufriert!«

Das leuchtete dem Fuchs ein, er ging hin an den Weiher, der eben

zufrieren wollte, und hing seinen Schwanz hinein, und eine kleine

Weile, so war der Schwanz des Fuchses fest angefroren. Da nahm der

Hase den Semmelkorb, fraß die Semmeln vor des Fuchses Augen ganz

gemächlich, eine nach der andern und sagte zum Fuchs: »Warte nur,

bis es auftaut, warte nur bis ins Frühjahr, warte nur, bis es

auftaut!« und lief davon, und der Fuchs bellte ihm nach wie ein

böser Hund an der Kette.

[Kleinbild]

Der beherzte Flötenspieler.

[_Sechs Abbildungen (1 bunt)_]

Es war einmal ein lustiger Musikant, der die Flöte meisterhaft

spielte; er reiste daher in der Welt herum, spielte auf seiner Flöte

in Dörfern und Städten und erwarb sich dadurch seinen Unterhalt. So

kam er auch eines Abends auf einen Pachtershof und übernachtete da,

weil er das nächste Dorf vor einbrechender Nacht nicht erreichen

konnte. Er wurde von dem Pachter freundlich aufgenommen, mußte mit

ihm speisen und nach geendigter Mahlzeit einige Stücklein

vorspielen. Als dieses der Musikant getan hatte, schaute er zum

Fenster hinaus und gewahrte in kurzer Entfernung bei dem Scheine des

Mondes eine alte Burg, die teilweise in Trümmern zu liegen schien.

»Was ist das für ein altes Schloß?« fragte er den Pachter, »und wem

hat es gehört?« Der Pachter erzählte, daß vor vielen, vielen Jahren

ein Graf da gewohnt hätte, der sehr reich aber auch sehr geizig

gewesen wäre. Er hätte seine Untertanen sehr geplagt, keinem armen

Menschen ein Almosen gegeben und sei endlich ohne Erben (weil er aus

Geiz sich nicht einmal verheiratet habe) gestorben. Darauf hätten

seine nächsten Anverwandten die Erbschaft in Besitz nehmen wollen,

hätten aber nicht das geringste Geld gefunden. Man behaupte daher,

er müsse den Schatz vergraben haben und dieser möge heute noch in

dem alten Schloß verborgen liegen. Schon viele Menschen wären des

Schatzes wegen in die alte Burg gegangen, aber keiner wäre wieder

zum Vorschein gekommen. Daher habe die Obrigkeit den Eintritt in

dies alte Schloß untersagt und alle Menschen im ganzen Lande

ernstlich davor gewarnt. -- Der Musikant hatte aufmerksam zugehört,

und als der Pachter seinen Bericht geendigt hatte, äußerte er, daß

er großes Verlangen habe, auch einmal hineinzugehen, denn er sei

beherzt und kenne keine Furcht. Der Pachter bat ihn aufs dringendste

und endlich schier fußfällig, doch ja sein junges Leben zu schonen

und nicht in das Schloß zu gehen. Aber es half kein Bitten und

Flehen, der Musikant war unerschütterlich.

Zwei Knechte des Pachters mußten ein Paar Laternen anzünden und den

beherzten Musikanten bis an das alte Schloß begleiten. Dann schickte

er sie mit einer Laterne wieder zurück, er aber nahm die zweite in

die Hand und stieg mutig eine hohe Treppe hinan. Als er diese

erstiegen hatte, kam er in einen großen Saal, um den ringsherum

Türen waren. Er öffnet die erste und ging hinein, setzte sich an

einen darin befindlichen altväterischen Tisch, stellte sein Licht

darauf und spielte Flöte. Der Pachter aber konnte die ganze Nacht

vor lauter Sorgen nicht schlafen und sah öfters zum Fenster hinaus.

Er freute sich jedesmal unaussprechlich, wenn er drüben den Gast

noch musizieren hörte. Doch als seine Wanduhr elf schlug und das

Flötenspiel verstummte erschrak er heftig und glaubte nun nicht

anders, als der Geist oder der Teufel, oder wer sonst in diesem

Schlosse hauste, habe dem schönen Burschen nun ganz gewiß den Hals

umgedreht. Doch der Musikant hatte ohne Furcht sein Flötenspiel

abgewartet und gepflegt; als aber sich endlich Hunger bei ihm regte,

weil er nicht viel bei dem Pachter gegessen hatte, so ging er in dem

Zimmer auf und nieder und sah sich um. Da erblickte er einen Topf

voll ungekochter Linsen stehen, auf einem andern Tische stand ein

Gefäß voll Wasser, eines voll Salz und eine Flasche Wein. Er goß

geschwind Wasser über die Linsen, tat Salz daran, machte Feuer in

dem Ofen, weil auch schon Holz dabei lag, und kochte sich eine

Linsensuppe. Während die Linsen kochten, trank er die Flasche Wein

leer, und dann spielte er wieder Flöte. Als die Linsen gekocht

waren, rückte er sie vom Feuer, schüttete sie in die auf dem Tische

schon bereitstehende Schüssel und aß frisch darauf los. Jetzt sah er

nach seiner Uhr, und es war um die elfte Stunde. Da ging plötzlich

die Tür auf, zwei lange schwarze Männer traten herein und trugen

eine Totenbahre, auf der ein Sarg stand. Diese stellten sie, ohne

ein Wort zu sagen, vor den Musikanten, der sich keineswegs im Essen

stören ließ, und gingen ebenso lautlos, wie sie gekommen waren,

wieder zur Tür hinaus. Als sie sich nun entfernt hatten, stand der

Musikant hastig auf und öffnete den Sarg. Ein altes Männchen, klein

und verhutzelt, mit grauen Haaren und grauem Barte, lag darinnen;

aber der Bursche fürchtete sich nicht, nahm es heraus, setzte es an

den Ofen, und kaum schien es gewärmt zu sein, als sich schon Leben

in ihm regte. Er gab ihm hierauf Linsen zu essen und war ganz mit

dem Männchen beschäftigt, ja fütterte es wie eine Mutter ihr Kind.

Da wurde das Männchen ganz lebhaft und sprach zu ihm: »Folge mir!«

Das Männchen zog voraus, der Bursche aber nahm seine Laterne und

folgte ihm sonder Zagen. Es führte ihn nun eine hohe, verfallene

Treppe hinab, und so gelangten endlich beide in ein tiefes,

schauerliches Gewölbe.

Hier lag ein großer Haufen Geld. Da gebot das Männchen dem Burschen:

»Diesen Haufen teile mir in zwei ganz gleiche Teile, aber daß nichts

übrig bleibt, sonst bringe ich dich ums Leben!« Der Bursche lächelte

bloß, fing sogleich an zu zählen, auf zwei große Tische herüber und

hinüber, und brachte so das Geld in kurzer Zeit in zwei gleiche

Teile, doch zuletzt -- war noch ein Kreuzer übrig. Der Musikant aber

besann sich kurz, nahm sein Taschenmesser heraus, setzte es mit der

Schneide auf den Kreuzer und schlug ihn mit einem dabeiliegenden

Hammer entzwei. Als er nun die eine Hälfte auf diesen, die andere

auf jenen Haufen warf, wurde das Männchen ganz heiter und sprach:

»Du himmlischer Mann, du hast mich erlöst! Schon hundert Jahre muß

ich meinen Schatz bewachen, den ich aus Geiz zusammengescharrt habe,

bis es einem gelingen würde, das Geld in zwei gleiche Teile zu

teilen. Noch nie ist es einem gelungen, und ich habe sie alle

erwürgen müssen. Der eine Haufen Geld ist nun dein, den andern aber

teile unter die Armen. Göttlicher Mensch, du hast mich erlöst!«

Darauf verschwand das Männchen. Der Bursche aber stieg die Treppe

hinan und spielte in seinem Zimmer lustige Stücklein auf seiner

Flöte.

Da freute sich der Pachter, daß er ihn wieder spielen hörte, und mit

dem frühesten Morgen eilte er auf das Schloß (denn am Tage durfte

jedermann hinein) und begrüßte den Burschen voller Freude. Dieser

erzählte ihm die Geschichte, dann ging er hinunter zu seinem Schatz,

tat, wie ihm das Männchen befohlen hatte, und verteilte die Hälfte

unter die Armen. Das alte Schloß aber ließ er niederreißen, und bald

stand an der vorigen Stelle ein neues, wo nun der Musikant als

reicher Mann wohnte.

[Abbildung]

[Kleinbild]

Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel.

[_Sieben Abbildungen_]

Diese Geschichte ist ganz lügenhaft anzuhören, Jungens, aber wahr

ist sie doch, denn mein Großvater, von dem ich sie habe, pflegte

immer, wenn er sie erzählte, dabei zu sagen: »Wahr muß es doch sein,

meine Söhne, denn sonst könnte man sie ja nicht erzählen.« Die

Geschichte aber hat sich so zugetragen:

Es war einmal an einem Sonntagsmorgen in der Herbstzeit, just als

der Buchweizen blühte. Die Sonne war goldig am Himmel aufgegangen,

der Morgenwind strich frisch über die Stoppeln, die Lerchen sangen

in der Luft, die Bienen summten in dem Buchweizen, und die Leute

gingen in ihren Sonntagskleidern nach der Kirche, kurz, alle Kreatur

war vergnügt und der Swinegel auch.

Der Swinegel aber stand vor seiner Tür, hatte die Arme

übereinandergeschlagen, guckte dabei in den Morgenwind hinaus und

trällerte ein Liedchen vor sich hin, so gut und schlecht, als es nun

eben am lieben Sonntagmorgen ein Swinegel zu singen vermag. Indem er

nun noch so halbleise vor sich hinsang, fiel ihm auf einmal ein, er

könne wohl, während seine Frau die Kinder wüsche und anzöge, ein

bißchen im Felde spazieren und dabei sich umsehen, wie seine

Steckrüben stünden. Die Steckrüben waren das Nächste bei seinem

Hause, und er pflegte mit seiner Familie davon zu essen, und deshalb

sah er sie denn auch als die seinigen an. Der Swinegel machte die

Haustüre hinter sich zu und schlug den Weg nach dem Felde ein.

Er war noch nicht sehr weit vom Hause und wollte just um den

Schlehenbusch hinaufschlendern, der da vor dem Felde liegt, als ihm

der Hase begegnete, der in ähnlichen Geschäften ausgegangen war,

nämlich um seinen Kohl zu besehen. Als der Swinegel des Hasen

ansichtig wurde, bot er ihm einen freundlichen guten Morgen. Der

Hase aber, der nach seiner Weise ein gar vornehmer Herr war und

grausam hochfahrig dazu, antwortete nichts auf des Swinegels Gruß,

sondern sagte zu ihm, wobei er eine gewaltig hohe Miene annahm: »Wie

kommt es denn, daß du schon bei so frühem Morgen im Felde

rumläufst?« »Ich gehe spazieren,« sagte der Swinegel. »Spazieren?«

lachte der Hase, »mich deucht du könntest deine Beine auch wohl zu

besseren Dingen gebrauchen.« Diese Antwort verdroß den Swinegel über

alle Maßen, denn alles kann er vertragen, aber auf seine Beine läßt

er nichts kommen, eben weil sie von Natur schief sind. »Du bildest

dir wohl ein,« sagte nun der Swinegel, »daß du mit deinen Beinen

mehr ausrichten kannst?« »Das denk' ich«, sagte der Hase. »Nun, es

käme auf einen Versuch an,« meinte der Swinegel, »ich pariere, wenn

wir wettlaufen, ich laufe euch vorbei.« »Das ist zum lachen -- du

mit deinen schiefen Beinen!« sagte der Hase »aber meinetwegen mag es

sein, wenn du so übergroße Lust hast. Was gilt die Wette?« »Einen

goldenen Lujedor und eine Buttelje Schnaps,« sagte der Swinegel.

»Angenommen,« sprach der Hase »schlag ein, und dann kann's gleich

losgehen.« »Nein, so große Eile hat es nicht,« meinte der Swinegel,

»ich bin noch ganz nüchtern; erst will ich nach Hause gehn und ein

bißchen frühstücken. In einer halben Stunde bin ich auf dem Platze.«

Darauf ging der Swinegel, denn der Hase war es zufrieden.

Unterwegs dachte der Swinegel bei sich: »Der Hase verläßt sich auf

seine langen Beine, aber ich will ihn schon kriegen. Er dünkt sich

zwar ein vornehmer Herr zu sein, ist aber doch ein dummer Kerl, und

bezahlen muß er auch.« Als nun der Swinegel zu Hause ankam, sagte er

zu seiner Frau: »Frau zieh dich eilig an, du mußt mit ins Feld

hinaus.« »Was gibt es denn?« sagte die Frau. »Ich habe mit dem Hasen

um einen goldenen Lujedor und eine Buttelje Schnaps gewettet. Ich

will mit ihm um die Wette laufen, und da sollst du dabei sein.«

»O mein Gott, mein Mann!« schrie Swinegels Frau, »bist du nicht klug,

hast du den Verstand verloren? Wie kannst du mit dem Hasen um die

Wette laufen wollen?« »Laß gut sein, Weib,« sagte der Swinegel, »das

ist meine Sache. Räsoniert nicht in Männergeschäfte. Ziehe dich an

und dann komm mit.« Was sollte die Frau machen? Sie mußte wohl

folgen, sie mochte wollen oder nicht.

Als sie nun miteinander unterwegs waren, sprach der Swinegel zu

seiner Frau also: »Nun paß auf, was ich dir sagen werde. Sieh, auf

dem langen Acker dort wollen wir unsern Wettlauf machen. Der Hase

läuft nämlich in der einen Furche und ich in der andern, und von

oben fangen wir an zu laufen. Nun hast du weiter nichts zu tun, als

du stellst dich hier unten in die Furche, und wenn der Hase auf der

andern Seite ankommt, so rufst du ihm entgegen: »Ich bin schon da!««

Damit waren sie beim Acker angelangt, der Swinegel wies seiner Frau

ihren Platz an und ging nun den Acker hinauf. Als er oben ankam, war

der Hase schon da. »Kann es losgehen?« sagte der Hase. »Jawohl«,

erwiderte der Swinegel. »Dann man zu!« Und damit stellte sich jeder

in seine Furche. Der Hase zählte: »Eins, zwei, drei!« und los ging

er wie ein Sturmwind den Acker hinunter. Der Swinegel aber lief nur

ungefähr drei Schritte, dann duckte er sich in die Furche nieder und

blieb ruhig sitzen.

Als nun der Hase im vollen Laufen unten ankam, rief ihm Frau

Swinegel entgegen: »Ich bin schon da!« Der Hase stutzte und

verwunderte sich nicht wenig. Er meinte nicht anders, es wäre der

Swinegel selbst, der ihm das zurufe, denn bekanntlich sieht

Swinegels Frau gerade so aus wie ihr Mann.

Der Hase aber meinte: »Das geht nicht mit rechten Dingen zu.« Er

rief: »Noch einmal gelaufen, wieder herum!« Und fort ging es wieder

wie der Sturmwind, so daß ihm die Ohren am Kopfe flogen. Frau

Swinegel blieb indes ruhig auf ihrem Platz. Als nun der Hase oben

ankam, rief ihm der Swinegel entgegen: »Ich bin schon da!« Der Hase

aber, ganz außer sich vor Eifer, schrie: »Nochmal gelaufen, wieder

herum!« »Mir recht,« antwortete der Swinegel, »meinetwegen so oft

als du Lust hast.« So lief der Hase dreiundsiebzigmal, und der

Swinegel hielt es immer mit ihm aus. Jedesmal, wenn der Hase unten

oder oben ankam sagte der Swinegel oder seine Frau: »Ich bin

schon da.«

Zum vierundsiebzigstenmal kam der Hase nicht mehr zu Ende. Mitten

auf dem Acker stürzte er zur Erde, das Blut floß ihm aus dem Halse,

und er blieb tot auf dem Platze. Der Swinegel aber nahm seinen

gewonnenen Louisdor und die Flasche Branntwein, rief seine Frau aus

der Furche ab, und beide gingen vergnügt nach Hause, und wenn sie

nicht gestorben sind, leben sie noch.

So begab es sich, daß auf der Buxtehuder Heide der Swinegel den

Hasen zu Tode gelaufen hat, und seit jener Zeit hat es sich kein

Hase wieder einfallen lassen, mit dem Buxtehuder Swinegel um die

Wette zu laufen.

Die Lehre aber aus dieser Geschichte ist deutlich, daß keiner, und

wenn er sich auch noch so vornehm dünkt, sich soll beikommen lassen,

über den geringen Mann sich lustig zu machen, und wäre es auch nur

ein Swinegel.

[Abbildung]

Das Kätzchen und die Stricknadeln.

[_Drei Abbildungen (1 bunt)_]

Es war einmal eine arme Frau, die in den Wald ging, um Holz zu

lesen. Als sie mit ihrer Bürde auf dem Rückwege war, sah sie hinter

einem Zaun ein krankes Kätzchen liegen, das kläglich schrie. Die

arme Frau nahm es mitleidig in ihre Schürze und trug es dem Hause

zu. Auf dem Wege kamen ihre beiden Kinder ihr entgegen, und wie sie

sahen, daß die Mutter etwas trug, fragten sie: »Mutter, was trägst

du?« und wollten gleich das Kätzchen haben; aber die mitleidige Frau

gab den Kindern das Kätzchen nicht, aus Sorge, sie möchten es

quälen, sondern legte es zu Hause auf alte weiche Kleider und gab

ihm Milch zu trinken. Als das Kätzchen sich gelabt hatte und wieder

gesund war, war es mit einem Male fort und verschwunden. Nach

einiger Zeit ging die arme Frau wieder in den Wald, und als sie mit

ihrer Bürde Holz auf dem Rückwege wieder an die Stelle kam, wo das

kranke Kätzchen gelegen hatte, da stand eine ganz vornehme Dame

dort, winkte die arme Frau zu sich und warf ihr fünf Stricknadeln in

die Schürze. Die Frau wußte nicht recht, was sie denken sollte und

dünkte diese absonderliche Gabe ihr gar zu gering; doch nahm sie die

fünf Stricknadeln des Abends auf den Tisch. Aber als sie des andern

Morgens ihr Lager verließ, da lagen ein Paar neue, fertig gestrickte

Strümpfe auf dem Tische. Das wunderte die arme Frau über alle Maßen;

am nächsten Abend legte sie die Nadeln wieder auf den Tisch, und am

Morgen darauf lagen abermals neue Strümpfe da. Jetzt merkte sie, daß

zum Lohn ihres Mitleids mit dem kranken Kätzchen ihr diese fleißigen

Nadeln beschert waren, und sie ließ dieselben nun jede Nacht

stricken, bis sie und die Kinder genug hatten. Dann verkaufte sie

auch Strümpfe und hatte zu leben bis an ihr seliges Ende.

[Abbildung]

Der goldene Rehbock.

[_Sechs Abbildungen_]

Es waren einmal zwei arme Geschwister, ein Knabe und ein Mädchen;

das Mädchen hieß Margarete, der Knabe hieß Hans. Ihre Eltern waren

gestorben, hatten ihnen auch gar kein Eigentum hinterlassen, daher

sie ausgehen mußten, um durch Betteln sich fortzubringen. Zur Arbeit

waren beide noch zu schwach und klein; denn Hänschen zählte erst

zwölf Jahre und Gretchen war noch jünger. Des Abends gingen sie vors

erste beste Haus, klopften an und baten um ein Nachtquartier, und

vielmals waren sie schon von guten, mildtätigen Menschen

aufgenommen, gespeiset und getränket worden; auch hatte mancher und

manche Barmherzige ihnen ein Kleidungsstückchen zugeworfen.

So kamen sie einmal des Abends vor ein Häuschen, welches einzeln

stand; da klopften sie ans Fenster, und als gleich darauf eine alte

Frau heraussah, fragten sie diese, ob sie hier über Nacht bleiben

durften. Die Antwort war: »Meinetwegen, kommt nur herein!« Aber wie

sie eintraten, sprach die Frau: »Ich will euch wohl über Nacht

behalten; aber wenn es mein Mann gewahr wird, so seid ihr verloren,

denn er ißt gern einen jungen Menschenbraten, daher er alle Kinder

schlachtet, die ihm vor die Hand kommen!« Da wurde den Kindern sehr

angst; doch konnten sie nunmehr nicht weiter, es war schon ganz

dunkle Nacht geworden. So ließen sie sich gutwillig von der Frau in

ein Faß verstecken und verhielten sich ruhig. Einschlafen konnten

sie aber lange nicht, zumal, da sie nach einer Stunde die

schweren Tritte eines Mannes vernahmen, der wahrscheinlich der

Menschenfresser war. Des wurden sie bald gewiß, den jetzt fing er

an, mit brüllender Stimme auf seine Frau zu zanken, daß sie keinen

Menschenbraten für ihn zugerichtet. Am Morgen verließ er das Haus

wieder und tappte so laut, daß die Kinder, die endlich doch

eingeschlafen waren, darüber erwachten.

Als sie von der Frau etwas zu frühstücken bekommen hatten, sagte

diese: »Ihr Kinder müßt nun auch etwas tun! Da habt ihr zwei Besen,

geht oben hinauf und kehrt mir meine Stuben aus; deren sind zwölf,

aber ihr kehret davon nur elf, die zwölfte dürft ihr ums Himmels

willen nicht aufmachen. Ich will derzeit einen Ausgang tun. Seid

fleißig, daß ihr fertig seid, wenn ich wieder komme!« Die Kinder

kehrten sehr emsig, und bald waren sie fertig. Nun mochte Gretchen

doch gar zu gerne wissen, was in der zwölften Stube wäre, das sie

nicht sehen sollten, weil ihnen verboten war, die Stube zu öffnen.

Sie guckte ein wenig durchs Schlüsselloch und sah da einen

herrlichen kleinen goldenen Wagen, mit einem goldenen Rehbock

bespannt. Geschwind rief sie Hänschen herbei, daß er auch

hineingucken sollte. Und als sie sich erst tüchtig umgesehen, ob die

Frau nicht heimkehre, und da von dieser nichts zu sehen war,

schlossen sie schnell die Türe auf, zogen den Wagen samt dem Rehbock

heraus, setzten sich drunten hinein in den Wagen und fuhren auf und

davon. Aber nicht lange, so sahen sie von weitem die alte Frau und

auch den Menschenfresser ihnen entgegenkommen, gerade des Weg's, den

sie mit dem geraubten Wagen eingeschlagen hatten. Hänslein sprach:

»Ach, Schwester, was machen wir? Wenn uns die beiden Alten

entdecken, sind wir verloren.« »Still!« sprach Gretchen, »ich weiß

ein kräftiges Zaubersprüchlein, welches ich noch von unsrer

Großmutter gelernt habe:

[Kleinbild]

Rosenrote Rose sticht;

Siehst du mich, so sieh mich nicht!«

und alsbald waren sie in einen Rosenstrauch verwandelt. Gretchen

wurde zur Rose, Hänslein zu Dornen, der Rehbock zum Stiele, der

Wagen zu Blättern.

Nun kamen beide, der Menschenfresser und seine Frau, dahergegangen,

und letztere wollte sich die schöne Rose abbrechen; aber sie stach

sich so sehr, daß ihre Finger bluteten und sie ärgerlich davonging.

Wie die Alten fort waren, machten sich die Kinder eilig auf und

fuhren weiter und kamen bald an einen Backofen, der voll Brot stand.

Da hörten sie aus demselben eine hohle Stimme rufen: »Rückt mir mein

Brot, rückt mir mein Brot!« Schnell rückte Gretchen das Brot und tat

es in ihren Wagen, worauf sie weiterfuhren. Da kamen sie an einen

großen Birnbaum, der voll reifer, schöner Früchte hing. Aus diesem

tönte es wieder: »Schüttelt mir meine Birnen, schüttelt mir meine

Birnen!« Gretchen schüttelte sogleich, und Hänschen half gar fleißig

auflesen und die Birnen in den goldenen Wagen schütten. Und weiter

kamen sie an einen Weinstock, der rief mit angenehmer Stimme:

»Pflückt mir meine Trauben, pflückt mir meine Trauben!« Gretchen

pflückte auch diese und packte sie in ihren Wagen.

Unterdessen aber waren der Menschenfresser und seine Frau daheim

angelangt und hatten mit Ingrimm wahrgenommen, daß die Kinder den

goldenen Wagen samt dem Rehbock entführt, gerade wie sie selbst

vor langen Jahren Wagen und Rehbock gestohlen und

noch dazu bei dem Diebstahl einen Mord begangen, nämlich den

rechtmäßigen Eigentümer erschlagen hatten. Der mit dem Rehbock

bespannte Wagen war nicht nur an und für sich von großem Wert,

sondern er besaß auch noch die vortreffliche Eigenschaft, daß, wo er

hinkam, von allen Seiten Gaben gespendet wurden, von Baum und

Beerstrauch, von Backofen und Weinstock. So hatten denn die Leute,

der Menschenfresser und seine Frau, lange Jahre den Wagen auf

unrechtmäßige Weise besessen, hatten sich gute Eßwaren spenden

lassen und dabei herrlich und in Freuden gelebt. Da sie nun sahen,

daß sie ihres Wagens beraubt waren, machten sie sich flugs auf, den

Kindern nachzueilen und ihnen die köstliche Beute wieder abzujagen.

Dabei wässerte dem Menschenfresser schon der Mund nach

Menschenbraten; denn die Kinder wollte er sogleich fangen und

schlachten. Mit weiten Schritten eilten die beiden Alten den

Flüchtlingen nach und wurden derselben bald von ferne ansichtig. Die

Kinder kamen jetzt an einen großen Teich und konnten nicht weiter,

auch war weder eine Fähre noch eine Brücke da, daß sie hinüber

hätten flüchten können. Nur viele Enten waren darauf zu sehen, die

lustig umherschwammen. Gretchen lockte sie ans Ufer, warf ihnen

Futter hin und sprach:

[Kleinbild]

»Ihr Entchen, ihr Entchen, schwimmt zusammen,

Macht mir ein Brückchen, daß ich hinüber kann kommen!«

Da schwammen die Enten einträchtiglich zusammen, bildeten eine

Brücke, und die Kinder samt Rehbock und Wagen kamen glücklich ans

Ufer. Aber flugs hinterdrein kam auch der Menschenfresser und

brummte mit häßlicher Stimme:

»Ihr Entchen, ihr Entchen, schwimmt zusammen,

Macht mir ein Brückchen, daß ich hinüber kann kommen!«

Schnell schwammen die Entchen zusammen und trugen die beiden Alten

hinüber -- meint ihr? Nein! in der Mitte des Teiches, wo das Wasser

am tiefsten war, schwammen die Entchen auseinander, und der böse

Menschenfresser nebst seiner Frau plumpten in die Tiefe und kamen

um. Hänschen und Gretchen wurden sehr wohlhabende Leute, aber sie

spendeten auch von ihrem Segen den Armen viel Gutes, weil sie immer

daran dachten, wie bitter es gewesen, da sie noch arm waren und

betteln gehen mußten.

[Kleinbild]

Die drei Federn.

[_Fünf Abbildungen (1 bunt)_]

Einem Manne wurde ein Söhnlein geboren; und da der Vater ausging,

einen Paten zu suchen, der das Kind aus der Taufe hebe, so fand er

einen jungen, wunderschönen Knaben, gegen den sein Herz gleich voll

Liebe wurde. Und als er ihm nun seine Bitte vortrug, war der schöne

Knabe gern bereit mitzugehen und das Kind zu heben und hinterließ

ein junges, weißes Roß als Patengeschenk. Dieser Knabe ist aber

niemand anders gewesen als Jesus Christus, unser Herr.

Der junge Knabe, welcher in der Taufe den Namen Heinrich empfangen

hatte, wuchs zu seines Vaters und seiner Mutter Freude, und wie er

die Jünglingsjahre erreicht hatte, da hielt es ihn nicht mehr

daheim, sondern es zog ihn in die Ferne nach Taten und Abenteuern.

Nahm daher Urlaub von seinen Eltern, setzte sich auf sein

gesatteltes Rößlein, das ihm der unbekannte Knabe zum Patengeschenk

gegeben, und ritt frisch und fröhlich darauf in die Welt hinein. Da

kam er eines Tages durch einen Wald, und siehe, da lag hart am Wege

eine Feder aus dem Rade eines Pfauen, und die Sonne schien auf die

Feder, daß ihre bunten Farben in ihrem Glanze prächtig leuchteten.

Der junge Knabe hielt sein Rößlein an und wollte absteigen, um die

Feder aufzuheben und sie an seinen Hut zu stecken. Da tat das

Rößlein sein Maul auf und sprach: »Ach, laß die Feder auf dem Grunde

liegen!« Des verwunderte sich der junge Reiter, daß das Rößlein

sprechen konnte, und es kam ihn ein Schauer an; er blieb im Sattel,

stieg nicht ab, hob die Feder nicht auf, sondern ritt weiter. Nach

einer Zeit geschah es, daß der Knabe am Ufer eines Bächleins

hinritt, siehe, da lag eine bunte, viel schönere Feder auf dem

grünen Gras, als jene war, die im Walde gelegen hatte, und des

Knaben Herz verlangte nach ihr, seinen Hut damit zu schmücken, denn

dergleichen Pracht von einer Feder hatte er all sein Lebtag noch

nicht gesehen. Aber wie er absteigen wollte, sprach das Rößlein

abermals: »Ach, laß die Feder auf dem Grunde!« Und wieder

verwunderte sich der Knabe über alle Maßen, daß das Rößlein sprach,

während es doch sonst nicht redete; er folgte auch diesmal, blieb im

Sattel, stieg nicht ab, hob die Feder nicht auf, sondern ritt

weiter.

Nun währte es nur eine kleine Zeit, da kam der Knabe an einen hohen

Berg und wollte da hinauf reiten, da lag an seinem Fuße im

Wiesengrunde wieder eine Feder; das war nach seinem Vermeinen aber

die allerschönste in der ganzen weiten Welt, und die mußte er haben.

Sie glänzte und funkelte wie lauter blaue und grüne Edelsteine oder

wie die hellen Tautropfen in der Morgensonne. Aber wiederum sprach

das Rößlein: »Ach, laß die Feder auf dem Grunde!« Dieses Mal

vermochte der Jüngling dem Rößlein nicht zu gehorchen und wollte

seinen Rat nicht hören, denn es gelüstete ihn allzusehr nach dem

lieblichen und stattlichen Schmuck. Er stieg ab, hob die Feder vom

Grunde und steckte sie auf seinen Hut. Da sprach das Rößlein:

»O weh, was tust du dir zum Schaden? Es wird dich wohl noch reuen!«

Weiter sprach es nichts. Wie der Jüngling weiter ritt, so kam er an

eine stattliche und wohlgebaute Stadt, da sah er viel geschmückte

Bürgersleute, und es kam ihm ein feiner Zug entgegen mit Pfeifern,

Paukern und Trompetern und vielen wehenden Fahnen, und das war

prächtig anzusehen. Und in dem Zuge gingen Jungfrauen, die streuten

Blumen, und die vier schönsten trugen auf einem Kissen eine

Königskrone. Und die Ältesten der Stadt reichten die Krone dem

Jüngling und sprachen: »Heil dir, du uns von Gott gesandter edler

Jüngling! Du sollst unser König sein! Gelobt sei Gott, der Herr,

in alle Ewigkeit!« und alles Volk schrie: »Heil unserm König!« Der

Jüngling wußte nicht, wie ihm geschehen, als er auf seinem Haupte

die Königskrone fühlte, er kniete nieder und lobte Gott und den

Heiland. Hätte er die erste Feder aufgehoben, so wäre er ein Graf

geworden; die zweite: ein Herzog, und hätte er die dritte Feder

nicht aufgehoben, so hätte er auf dem Bergesgipfel eine vierte

gefunden, und das Rößlein hätte dann gesprochen: »Diese Feder nimm

vom Grunde!« Dann wär' er ein mächtiger Kaiser geworden über viele

Reiche der Welt, und die Sonne wäre nicht untergegangen in seinen

Landen. Doch war er auch so zufrieden und war ein gütiger, weiser,

gerechter und frommer König.

[Abbildung]

Der kleine Däumling.

[_Acht Abbildungen (2 bunt)_]

Es war einmal ein armer Korbmacher, der hatte mit seiner Frau sieben

Jungen, da war immer einer kleiner als der andere, und der jüngste

war bei seiner Geburt nicht viel über Fingers Länge, daher nannte

man ihn _Däumling_. Zwar ist er hernach noch etwas gewachsen, doch

nicht gar zu sehr, und den Namen Däumling hat er behalten. Doch war

es ein gar kluger und pfiffiger kleiner Knirps, der an Gewandtheit

und Schlauheit seine Brüder in den Sack steckte.

Den Eltern ging es erst gar übel, denn Korbmachen und Strohflechten

ist keine so nahrhafte Profession wie Semmelbacken und

Kälberschlachten, und als vollends eine teure Zeit kam, wurde dem

Korbmacher und seiner Frau himmelangst, wie sie ihre sieben Würmer

satt machen sollten, die alle mit äußerst gutem Appetit gesegnet

waren. Da beratschlagten eines Abends, als die Kinder zu Bette

waren, die beiden Eltern miteinander, was sie anfangen wollten und

wurden Rates, die Kinder mit in den Wald zu nehmen, wo die Weiden

wachsen, aus denen man Körbe flicht, und sie heimlich zu verlassen.

Das alles hörte der Däumling an, der nicht schlief wie seine Brüder,

und schrieb sich der Eltern übeln Ratschlag hinter die Ohren.

Simulierte auch die ganze Nacht, da er vor Sorge doch kein Auge

zutun konnte, wie er es machen sollte, sich und seinen Brüdern zu

helfen.

Frühmorgens lief der Däumling an den Bach, suchte die kleinen

Taschen voll weißer Kiesel und ging wieder heim. Seinen Brüdern

sagte er von dem, was er erhorcht hatte, kein Sterbenswörtchen. Nun

machten sich die Eltern auf in den Wald, hießen die Kinder folgen,

und der Däumling ließ ein Kieselsteinchen nach dem andern auf den

Weg fallen. Das sah niemand, weil er als der jüngste, kleinste und

schwächste stets hintennach trottete.

Im Walde machten sich die Alten unvermerkt von den Kindern fort, und

auf einmal waren sie weg. Als das die Kinder merkten, erhoben sie

allzumal, Däumling ausgenommen, ein Zetergeschrei. Däumling lachte

und sprach zu seinen Brüdern: »Heult und schreit nicht so

jämmerlich! Wollen den Weg schon allein finden.« Und nun ging

Däumling voran und nicht hinterdrein, richtete sich genau nach den

weißen Kieselsteinchen und fand auch den Weg ohne alle Mühe.

Als die Eltern heimkamen, bescherte ihnen Gott Geld ins Haus; eine

alte Schuld, auf die sie nicht mehr gehofft hatten, wurde von einem

Nachbar an sie abbezahlt, und nun wurden Eßwaren gekauft, daß sich

der Tisch bog. Aber nun kam auch das Reuelein, daß die Kinder

verstoßen worden waren, und die Frau begann erbärmlich zu

lamentieren: »Ach, du lieber, allerliebster Gott! Wenn wir doch die

Kinder nicht im Wald gelassen hätten! Ach, jetzt könnten sie sich

dicksatt essen, und so haben die Wölfe sie vielleicht schon im

Magen! Ach, wären nur unsre liebsten Kinder da!« -- »Mutter, da sind

wir ja!« sprach ganz geruhig der kleine Däumling, der bereits mit

seinen Brüdern vor der Türe angelangt war und die Wehklage gehört

hatte, öffnete die Tür, und herein trippelten die kleinen Korbmacher

-- eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Ihren guten Appetit

hatten sie wieder mitgebracht, und daß der Tisch so reichlich

gedeckt war, das war ihnen ein gefundenes Essen. Die Herrlichkeit

war groß, daß die Kinder wieder da waren, und es wurde, so lange das

Geld reichte, in Freuden gelebt, wie es armer Handarbeiter

Gewohnheit.

Nicht gar lange währte es, so war in des Korbmachers Hütte

Schmalhans wieder Küchenmeister, und ein Kellermeister mangelte

ohnedem, und es erwachte aufs neue der Vorsatz, die Kinder im Walde

ihrem Schicksal zu überlassen. Da der Plan wieder als lautes

Abendgespräch zwischen Vater und Mutter verhandelt wurde, so hörte

auch der kleine Däumling alles, das ganze Gespräch, Wort für Wort

und nahm sich's zu Herzen.

Am andern Morgen wollte Däumling aus dem Häuschen schlüpfen,

Kieselsteine aufzulesen, aber o weh, da war's verriegelt, und

Däumling war viel zu klein, als daß er den Riegel hätte erreichen

können; da gedachte er sich anders zu helfen. Wie es fort ging zum

Walde, steckte Däumling Brot ein und streute davon Krümchen auf den

Weg, um ihn dadurch wieder zu finden.

Alles begab sich wie das erstemal, nur mit dem Unterschied, daß

Däumling den Heimweg nicht fand, dieweil die Vögel alle Krümchen

rein aufgefressen hatten. Nun war guter Rat teuer, und die Brüder

machten ein Geheul, daß es zum Steinerbarmen war. Dabei tappten sie

durch den Wald, bis es ganz finster wurde, und fürchteten sich über

die Maßen, bis auf Däumling, der schrie nicht und fürchtete sich

nicht. Unter dem schirmenden Laubdach eines Baumes, auf weichem Moos

schliefen die sieben Brüder, und als es Tag war, stieg Däumling auf

einen Baum, die Gegend zu erkunden. Erst sah er nichts als eitel

Waldbäume, dann aber entdeckte er das Dach eines kleinen Häuschens,

merkte sich die Richtung, rutschte vom Baume herab und ging seinen

Brüdern tapfer voran. Nach manchem Kampf mit Dickicht, Dornen und

Disteln sahen alle das Häuschen durch die Büsche blicken und

schritten guten Mutes darauf los, klopften auch ganz bescheidentlich

an der Türe an. Da trat eine Frau heraus, und Däumling bat gar

schön, sie doch einzulassen, sie hätten sich verirrt und wüßten

nicht wohin? Die Frau sagte: »Ach, ihr armen Kinder!« und ließ den

Däumling mit seinen Brüdern eintreten, sagte ihnen aber auch gleich

daß sie im Hause des Menschenfressers wären, der besonders gern die

kleinen Kinder fräße. Das war eine schöne Zuversicht! Die Kinder

zitterten wie Espenlaub, als sie dieses hörten, hätten gern lieber

selbst zu essen gehabt und sollten nun statt dessen gegessen werden.

Doch die Frau war gut und mitleidig, verbarg die Kinder und gab

ihnen auch etwas zu beißen. Bald darauf hörte man Tritte, und es

klopfte stark an die Türe; das war kein andrer als der heimkehrende

Menschenfresser. Er setzte sich an den Tisch zur Mahlzeit, ließ Wein

auftragen und schnüffelte, als wenn er etwas röche, dann rief er

seiner Frau zu: »Ich witt're Menschenfleisch!« Die Frau wollte es

ihm ausreden, aber er ging seinem Geruch nach und fand die Kinder.

Die waren halbtot vor Entsetzen. Schon wetzte er sein langes Messer,

die Kinder zu schlachten, und nur allmählich gab er den Bitten

seiner Frau nach, sie noch ein wenig am Leben zu lassen und

aufzufüttern, weil sie doch gar zu dürr seien, besonders der kleine

Däumling. So ließ der böse Mann und Kinderfresser sich endlich

beschwichtigen. Die Kinder wurden zu Bette gebracht, und zwar

in derselben Kammer, wo ebenfalls in einem großen Bette

Menschenfressers sieben Töchterlein schliefen, die so alt waren wie

die sieben Brüder. Sie waren von Angesicht sehr häßlich, jede hatte

aber ein goldenes Krönlein auf dem Haupte. Das alles war der

Däumling gewahr worden, machte sich ganz still aus dem Bette, nahm

seine und seiner Brüder Nachtmützen, setzte diese Menschenfressers

Töchtern auf und deren Krönlein sich und seinen Brüdern.

Der Menschenfresser trank vielen Wein, und da kam ihn seine böse

Lust wieder an, die Kinder zu morden, nahm sein Messer und schlich

sich in die Schlafkammer, wo sie schliefen, willens, ihnen die Hälse

abzuschneiden. Es war aber stockdunkel in der Kammer, der

Menschenfresser tappte blind umher, bis er an ein Bett stieß, und

fühlte nach den Köpfen der darin Schlafenden. Da fühlte er die

Krönchen und sprach. »Halt da! Das sind deine Töchter. Bald hättest

du betrunkenes Schaf einen Eselsstreich gemacht!«

Nun tappelte er nach dem andern Bette, fühlte da die Nachtmützen und

schnitt seinen sieben Töchtern die Hälse ab, einer nach der andern.

Dann legte er sich nieder und schlief seinen Rausch aus. Wie der

Däumling ihn schnarchen hörte, weckte er seine Brüder, schlich sich

mit ihnen aus dem Hause und suchte das Weite. Aber wie sehr sie auch

eilten, so wußten sie doch weder Weg noch Steg und liefen in der

Irre herum voll Angst und Sorge, nach wie vor.

Märchen-Sammlung · 第 1 / 3 段