Wie nun der älteste Bruder nicht wiederkam, so bekümmerte und

betrübte das die beiden jüngeren Brüder gar sehr, und auch der

Tochter war es leid, denn sie war sanft und gut, und es betrübte sie

oft, daß der Vater gegen ihre Brüder so hart und unfreundlich war

und sie allein bevorzugte. Der alte Müller aber murrte: »Mag der

Schlingel von einem Jungen beim Kuckuck sein, was kümmert's mich?

Ist ein unnützer Kostgänger weniger im Hause. Wird schon wieder

kommen, ist ans Brot gewöhnt! Unkraut verdirbt nicht.«

Aber Tag um Tag verging, und der Knabe kam nicht wieder, und der

Vater wurde gegen die beiden zurückgebliebenen immer mürrischer und

härter. Da klagten die zwei Brüder oft gemeinsam, und der mittlere

sprach: »Weißt du was, Bruder? Ich werde jetzt selbst mich aufmachen

und nach den grünen Bergen gehen, vielleicht erlange ich ein

Zwergenmützchen. Ich denke mir die Sache gar nicht anders als so:

Unser Bruder hat solch ein Mützchen erlangt und ist damit in die

weite Welt gegangen, erst sein Glück zu machen, und darüber hat er

uns vergessen. Ich komme gewiß wieder, wenn ich glücklich bin; komme

ich aber nicht wieder, so bin ich nicht glücklich gewesen, und für

diesen Fall lebe du wohl, auf immer!«

Traurig trennten sich die Brüder, und der mittlere wanderte fort

nach den grünen Bergen. Dort ging es ihm in allen Stücken genau so,

wie es seinem Bruder ergangen war. Er sah die Zwerge, haschte nach

einem Mützchen, aber der Zwerg war flinker als er, schrie: »Diebe!

Diebe!« und der helle Haufen der Unterirdischen stürzte sich auf und

über den Knaben, umstrickte ihn, daß er kein Glied regen konnte, und

führte ihn tief hinab in die unterirdische Wohnung.

Mit der sehnsüchtigsten Ungeduld harrte der jüngste Bruder daheim in

der Mühle auf des Bruders Wiederkehr, aber vergebens. Da wurde er

sehr traurig, denn er wußte ja nun, daß sein mittlerer Bruder nicht

glücklich gewesen war, und die Schwester wurde auch traurig. Der

Vater aber blieb gleichgültig und sagte nur: »Weg ist weg. Wem es

daheim nicht gefällt, der wandere. Die Welt ist groß und weit. In

meinem Hause hat der Zimmermann ein Loch gelassen. Wenn dem Esel zu

wohl ist, geht er aufs Eis, tanzt und bricht ein Bein. Laßt den

Guckindiewelt nur laufen, was grämt ihr euch um den Schlucker? Ich

bin froh, daß er mir aus den Augen ist.«

Der jüngste Bruder hatte bisher im Ertragen des gemeinsamen Leides

Trost gefunden; als aber nun seine _beiden_ älteren Brüder fort

waren, fand er seine Lage ganz unerträglich und sagte zu seiner

Schwester: »Liebe Schwester, ich gehe nun auch fort, und schwerlich

werde ich wiederkommen, wenn es mir ergeht wie unseren Brüdern. Der

Vater liebt mich einmal nicht, und ich kann nichts dafür. Die

Scheltworte, die früher auf uns drei niederfielen fallen jetzt auf

mich allein, das ist mir denn doch eine zu schwere Last. Lebe du

wohl und laß dir es wohl ergehen!«

Die Schwester wollte ihren jüngsten Bruder erst nicht fortlassen,

denn sie hatte ihn am allermeisten lieb, allein er ging dennoch

heimlich von dannen und überlegte sich unterwegs recht genau, wie er

es anfangen wollte, sich ein Zwergenmützchen zu verschaffen. Als er

auf die grünen Berge kam, erkannte er bald an den grünen Ringeln im

Grase den Ort der nächtlichen Zwergentänze und ihren Spiel- und

Tummelplatz; er legte sich in der Dämmerung hin und wartete ab, bis

die Zwerglein kamen, spielten, tanzten und Mützchen warfen.

Eines derselben kam ihm ganz nahe, warf sein Mützchen, aber der

kluge Knabe griff gar nicht darnach. Er dachte: »Ich habe ja Zeit.

Ich muß die Männlein erst recht sicher und kirre machen.« Der Zwerg

nahm sein Mützchen, das ganz nahe dem Knaben niedergefallen war,

wieder. Es dauerte gar nicht lange, so fiel ein zweites Mützchen

hin. »Ei,« dachte der Knabe, »da regnet's Mützchen,« griff aber

nicht darnach, bis endlich ein drittes ihm gar auf die Hand fiel.

Wupps dich, hielt er's fest und sprang rasch empor. »Diebio! Diebio!

Diebio!« schrie laut der Zwerg, dem das Mützchen gehörte, mit

feiner, gellender Stimme, die durch Mark und Bein drang, und da

wimmelte das Zwergenvolk herbei. Aber der Knabe wurde unsichtbar,

weil er das Mützchen hatte, und sie konnten ihm gar nichts anhaben.

Allesamt erhoben sie ein klägliches Jammern und ein Gewinsel um das

Mützchen, er solle es doch um alles in der Welt wieder hergeben.

»Um alles in der Welt?« fragte der kluge Knabe die Zwerge. »Das wär'

mir schon recht! Aus dem Handel könnte etwas werden. Will aber erst

sehen und hören, worin euer »Alles« besteht. Vorerst frage ich:

Wo sind meine beiden Brüder?«

»Die sind drunten im Schloß des grünen Berges!« antwortete der

Zwerg, dem das Mützchen gehört hatte. -- »Und was tun sie?« -- »Sie

dienen!«

»So! Sie dienen -- und ihr dient nun mir. Auf! Hinab zu meinen

Brüdern! Ihr Dienst ist aus, und eurer fängt an!«

Da mußten die Unterirdischen dem irdischen Menschen gehorsam sein,

weil er Macht über sie erlangt hatte durch das Mützchen.

Die bestürzten und bekümmerten Zwerglein führten nun ihren Gebieter

an eine Stelle, wo sich eine Öffnung in den grünen Berg fand; die

tat sich klingend auf, und es ging rasch hinein und hinunter.

Drunten waren herrliche und unermeßlich weite Räume, große Hallen

und kleine Zimmer und Kämmerchen, je nach des Zwergenvolkes Bedarf,

und nun verlangte der Knabe gleich, ehe er sich nach etwas anderem

umsah, nach seinen Brüdern. Die wurden herbeigebracht, und der

jüngste sah, daß sie in Dienertracht gekleidet waren, und sie riefen

ihm wehmütig zu: »Ach, kommst auch du, lieber, guter Bruder, unser

jüngster! So sind wir drei nun doch wieder beisammen, aber in der

Gewalt dieser Unterirdischen und sehen nimmermehr wieder das

himmlische Licht, den grünen Wald und die goldenen Felder!«

»Liebe Brüder,« erwiderte der jüngste, »harret nur, ich vermeine,

das Blättlein soll sich wohl wenden.«

»Herrenkleider und Prunkgewande für meine Brüder und mich!«

herrschte er den Zwergen zu, hielt aber wohlweislich das werte

Mützchen in der Hand fest, als seinem Befehle augenblicklich

gehorcht wurde und das Umkleiden vor sich ging. Nun befahl der

Zwergengebieter eine Tafel mit auserlesenen Speisen und trefflichen

Weinen, dann Gesang und Saitenspiel nebst Tanz und Theater, in

welchen Künsten die Zwerge das Ausgezeichnetste leisten, was einer

nur sehen kann, dann kostbare Betten zum Ausruhen, dann Beleuchtung

des ganzen unterirdischen Reiches, dann eine gläserne Kutsche mit

prächtigen Pferden bespannt, um in den grünen Bergen überall

herumzufahren und alles Sehenswerte in Augenschein zu nehmen. Da

fuhren die drei Brüder durch alle Edelsteingrotten und sahen die

herrlichsten Wasserkünste, sahen die Metalle als Blumen blühen,

silberne Lilien, goldene Sonnenblumen, kupferne Rosen, und alles

strahlte von Glanz und Pracht und Herrlichkeit. Dann begann der

Gebieter mit den Zwergen über die Zurückgabe des Mützchens zu

unterhandeln und legte ihnen schwere Bedingungen auf. _Erstens_: ein

Trank aus den köstlichsten Heilkräutern, die mit allen ihren Kräften

den Zwergen nur zu wohl bekannt sind, für seines Vaters krankes

Herz, daß es sich umkehre und Liebe zu den drei Söhnen gewinne.

_Zweitens_: einen Brautschatz so reich wie für eine Königstochter,

für die liebe Schwester. _Drittens_: einen Wagen voller Edelsteine

und Kunstgeräte, wie sie nur die Zwerge zu verfertigen verstehen,

einen Wagen voll gemünzten Geldes, weil das Sprichwort sagt: Bares

Geld lacht, und die Brüder gern auch lachen wollten, und endlich

noch je einen Wagen für die drei Brüder, höchst bequem eingerichtet,

mit Glasfenstern, und zu diesen drei Wagen alles nötige, Kutscher,

Pferde, Geschirre und Riemzeug.

Die Zwerge wanden sich und krümmten sich bei diesen Forderungen und

taten so erbärmlich, daß es einen Stein erbarmt haben würde; es half

ihnen aber all ihr Gewinsel nichts.

»Wenn ihr nicht wollt,« sagte der Gebieter, »so ist es mir auch

recht, so bleiben wir da; es ist ja recht schön bei euch; ich nehme

euch allesamt, wie ihr seid, eure Mützchen; dann _seht_, was aus

euch wird, wenn man _euch sieht_ -- tot werdet ihr geschlagen, wo

sich nur einer von euch blicken läßt. Noch mehr! Ich fahre hinauf

auf die Oberwelt und sammle Kröten, die geb' ich euch dann, jedem

eine vor Schlafengehen mit ins Bette.«

Wie der Gebieter das Wort Kröten aussprach, stürzten alle Zwerge auf

ihre Knie und riefen: »Gnade! Gnade! Nur das nicht! Um alles in der

Welt! Nur das nicht!« Denn die Kröten sind der Zwerge Abscheu und

Tod.

»Ihr Toren,« schalt der Gebieter; »ich verlange gar nicht »alles in

der Welt«; ich habe euch die allerbescheidenste Forderung gestellt,

ich könnte ja unendlich mehr verlangen, allein ich bin ein

grundguter Knabe. Ich könnte ja alles nehmen und das Mützchen und

die Herrschaft über euch fort und fort behalten; denn so lange ich

das Mützchen hätte, würde ich ja, das wißt ihr wohl, nicht sterben.

Also, ihr wollt meine drei kleinen Bedingungen gewähren? Nicht?«

»Ja, ja, hoher Herr und Gebieter!« erseufzeten die Zwerglein und

gingen ans Werk, alles Begehrte herbeizuschaffen und alle Gebote zu

vollziehen.--

Aber in der Mühle des alten grämlichen Müllers droben war nicht gut

sein. Als der jüngste Bruder auch davon gegangen war, murrte der

Müller: »Nun -- der ist auch fort -- bleibt aus wie das Röhrenwasser

-- so geht es -- das hat man davon, wenn man Kinder groß zieht --

sie wenden einem den Rücken zu. Nun ist nur noch das Mädchen da,

mein Augapfel, mein Liebling.«

Der Liebling aber saß dort und begann zu weinen.

»Weinst du schon wieder!« murrte der Alte; »denkst, ich soll meinen,

du weinst um deine Brüder? Um den Gauch weinst du -- um den armen

Schlucker, der dich freien will. Ist so leer und ausgebeutelt wie

ein Mehlsack -- er hat nichts, du hast nichts, ich habe nichts,

haben wir alle dreie nichts. Hörst du was klappern? Ich höre nichts.

Die Mühle steht; schlechter kann es nicht stehen um eine Mühle, als

wenn sie steht. Ich kann nicht mahlen, du kannst nicht heiraten,

oder wir halten des Bettelmanns Hochzeit. Wie!« -- Solcherlei Reden

hatte die Tochter täglich anzuhören und verging fast im stillen

Leid.

Da kamen eines schönen Morgens Wagen gefahren, einer, zwei, drei,

und hielten vor der Mühle; kleine Kutscher fuhren, kleine Lakaien

sprangen vom Tritt und öffneten den Schlag des ersten Wagens! drei

junge hübsche Herren stiegen aus, fein gekleidet wie Prinzen.

Dienerschaft wimmelte um die anderen Wagen, lud ab, packte ab,

schnallte ab, Kisten, Kasten und schwere Truhen, und sie trugen

alles in die Mühle. Stumm und staunend standen der Müller und seine

Tochter.

»Guten Morgen, Vater! Guten Morgen, Schwester! Da wären wir wieder!«

riefen die drei Brüder. Jene starrten sie verwundert an. --

»Trink uns den Willkommen zu, lieber Vater!« rief der Älteste und

nahm aus eines Dieners Hand eine Flasche und schenkte einen überaus

künstlich gearbeiteten Goldpokal voll edlen Trankes und hieß den

Vater trinken. Dieser trank und gab den Pokal weiter, und alle

tranken. Dem Alten strömte Wärme in das kalte Herz, und die Wärme

wurde zum Feuer, zum Feuer der Liebe. Er weinte und fiel seinen

Söhnen in die Arme und küßte sie und segnete sie. Und da kam der

Bräutigam der Tochter und durfte auch mittrinken.

Darüber fingen vor Freude die Mühlräder, die so lange still

gestanden, an, sich rasch zu drehen um und um, um und um.

[Kleinbild]

Die Kornähren.

Es war einmal eine Zeit, aber das ist schon undenklich lange her,

da trugen alle Kornhalme, und auch die von anderem Getreide, volle

goldgelbe Ähren herab bis auf den Boden; da gab es keine Armut und

keine Hungersnot, niemals, und das war die goldene Zeit. Da konnten

sich alle Menschen mit Wonne sättigen, und auch die Vögel, die gerne

Körner fressen, Hühner und Tauben und andere Vögel fanden ihr Futter

vollauf.

Aber da waren unter den Menschen welche, die waren undankbar und

gottvergessen und achteten die schöne Gottesgabe, das liebe

Getreide, für gar nichts. Da gab es Frauen, die nahmen, wenn ihre

kleinen Kinder sich verunreinigt hatten, die vollen Ährenbüschel und

reinigten damit ihre Kinder und warfen die Ähren auf den Mist; und

die Mägde scheuerten mit den vollen Ähren, und die Buben und kleinen

Mädchen jagten sich durch das liebe Korn, spielten Verstecken darin,

wälzten sich darauf herum und zertraten es. Das jammerte den lieben

Gott, der das Getreide den Menschen zur Nahrung gegeben hatte und

dem Vieh zum Futter und nicht zum verurzen[*] und dachte bei sich:

Wir wollens anders machen, und die goldne Zeit soll ein Ende haben.

[Anmerkung: Mutwillig verderben.]

Und da schuf der liebe Gott, daß hinfort jeder Halm nur eine einzige

Ähre trug, einmal für die Menschen, damit sie das liebe Getreide

besser schonen lernten, und einmal für die unschuldigen Tiere, damit

sie doch ihr Futter haben sollten, wenn auch die Menschen nicht

einmal die eine Ähre wert wären.

Von da an ist die Teuerung und die Armut in die Welt gekommen. Nur

zuweilen und selten läßt der liebe Gott da oder dort einen

Wunderhalm mit vielen, vielen Ähren emporschießen und zeigt so dem

Menschen, wie es einst beschaffen war um das Getreide, und was Er

kann. Und es geht eine alte Prophezeiung unter dem Volke, daß einmal

nach langen Jahren, wenn das Engelwort sich erfüllt haben wird: Ehre

sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und unter allen Menschen

Wohwollen, Segnung und Liebe, -- daß dann der Boden auch wieder von

Gott erweckt werden solle, solche Halme zu tragen, die bis zur

Wurzel voll Ähren sind. Unser keiner aber wird das erleben.

[Abbildung]

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Druckfehler

nahm es heraus, setzte es an den Ofen ... [, fehlt]

erst will ich nach Hause gehn

[Text ungeändert: anderswo »gehen«, »stehen« usw.]

»Ich bin schon da!«« [letzes « fehlt]

... sagte der Mönch; »wenn du bleibst [» fehlt]

Märchen-Sammlung · 第 3 / 3 段