ganzen weiten Halbkreises grünender Berge ein fröhliches Lachen, ertönte
freudiges Stimmengewirr und Händeklatschen. »Er ist auferstanden! Pan
ist auferstanden!« riefen jugendliche Stimmen. -- Plötzlich jubelte
alles da drüben laut auf, heller als die Sonne in der Höhe und lustiger
als das Spiel der Bächlein, die unterm Grase murmelten. Geräusch
hurtiger, leichter Fußtritte wurde vernehmbar, durch das Waldesgrün
schimmerte das marmorne Weiß wollener Gewänder und die lebensfrische
Röte nackter Körper ... Nymphen waren es, Nymphen, Dryaden,
Bacchantinnen, die von der Höhe ins Tal herniedereilten. Nun erschienen
sie alle gleichzeitig am Waldessaum. Lockenhaar fließt um die göttlichen
Häupter, edelgeformte Hände schwingen Kränze und Tamburins -- und
Lachen, freudiges, olympisches Lachen eilt und wogt mit ihnen heran ...
Vor ihnen her schreitet eine Göttin. Sie ist größer und schöner als alle
anderen, -- ein Köcher hängt von den Schultern herab, in der Hand trägt
sie einen Bogen, auf dem verschlungenen Lockenhaar schimmert eine
silberne Mondsichel ...
Diana -- bist du es?
Plötzlich aber macht die Göttin halt ... und gleichzeitig hielt die
ganze ihr folgende Nymphenschar inne. Das helle Lachen erstarb. Ich sah,
wie sich das Antlitz der plötzlich verstummten Göttin mit einer
tödlichen Blässe bedeckte; ich sah, wie ihre Füße versteinerten, wie ihr
Mund in unbeschreiblichem Entsetzen sich öffnete und ihre Augen, starr
in die Ferne gerichtet, sich weit auftaten ... Was hatte sie gesehen?
Wohin blickte sie?
Ich wandte mich nach der Richtung, nach der sie sah ... Am äußersten
Saume des Himmels, hinter dem flachen Streif der Felder flammte wie ein
feuriger Punkt das goldene Kreuz auf dem weißen Turm einer christlichen
Kirche ... Dieses Kreuz hatte die Göttin erblickt. Hinter mir vernahm
ich einen zitternden, langen Seufzer, dem Beben einer zerspringenden
Saite gleich -- und als ich mich wieder umwandte, waren die Nymphen
spurlos verschwunden ... Der weit ausgedehnte Wald grünte wie zuvor, und
nur hie und da, durch das dichte Gezweig hindurch, leuchtete auf und
verschwand etwas Weißes. Waren es die Gewänder der Nymphen oder stieg
Nebel vom Talgrund auf -- ich weiß es nicht.
Wie schmerzlich aber empfand ich das Verschwinden der Göttinnen!
Freund und Feind
Ein zu lebenslänglichem Kerker Verurteilter entkam aus dem Gefängnis und
stürzte in wilder Flucht einher. ... Die Verfolger waren ihm auf den
Fersen.
Er rannte aus allen Kräften ... Schon begannen die Verfolger
nachzulassen.
Da, mit einem Male hemmt ihn ein Fluß mit steilen Ufern -- ein schmaler,
aber tiefer Fluß ... Und er kann nicht schwimmen!
Von einem Ufer zum andern schwebt ein dünnes, angefaultes Brett. Schon
hatte der Flüchtling den Fuß darauf gesetzt ... Der Zufall wollte nun,
daß drüben am Flusse sein bester Freund, sowie sein erbittertster Feind
standen.
Der Feind sagte nichts, sondern verschränkte bloß die Arme; der Freund
dagegen schrie aus vollem Halse: »Um Gottes willen! Was tust du? Besinne
dich, Wahnwitziger! Siehst du denn nicht, daß dieses Brett vollständig
verfault ist?! -- Es wird unter deiner Last brechen -- und du kommst
rettungslos um!«
»Es gibt aber doch keine andere Brücke ... und hörst du nicht die
Verfolger?« stöhnte verzweifelt der Unglückliche und betrat das Brett.
»Das lasse ich nicht zu! ... Nein, ich lasse nicht zu, daß du zugrunde
gehst!« schrie der eifrige Freund und riß dem Fliehenden das Brett unter
den Füßen weg. -- Der stürzte jäh in die reißenden Wellen hinab -- und
ertrank.
Der Feind lachte befriedigt auf -- und ging von dannen; der Freund aber
setzte sich ans Ufer und zerfloß in bitterlichen Tränen um seinen armen
-- armen Freund!
Sich selber jedoch die Schuld an dem Unfall beizumessen, das kam ihm gar
nicht in den Sinn ... nicht einen Augenblick.
»Er hörte nicht auf mich! Hörte nicht!« schluchzte er trostlos.
»Aber wenn auch!« sagte er zum Schluß. »Er hätte ja doch sein ganzes
Leben lang im schrecklichen Kerker schmachten müssen! Wenigstens leidet
er jetzt nicht mehr! Jetzt ist ihm leichter! Gewiß hat das Schicksal es
so gewollt! -- Und trotzdem, wie schmerzlich, rein menschlich
betrachtet!«
Und die gute Seele vergoß aufs neue bitterliche Tränen um den
unglückseligen Freund.
Christus
Ich sah mich als Jüngling, fast noch als Knaben in einer niedrigen
Dorfkirche. -- Die Flämmchen der dünnen Wachskerzen glühten wie kleine
rote Punkte vor den alten Heiligenbildern.
Ein kleiner regenbogenfarbiger Lichtschein umgab jedes einzelne
Flämmchen. Es war düster und dämmerig in der Kirche ... Vor mir aber
standen eine Menge Leute. Lauter schlichte, blonde Bauernköpfe. Von Zeit
zu Zeit neigten sie sich, beugten sich herab und erhoben sich wieder
gleich reifen Kornähren, wenn der sommerliche Wind wie eine sanfte Woge
über sie hinstreicht. Mit einem Male kam jemand von hinten heran und
trat neben mich.
Ich wandte mich nicht nach ihm um -- aber ich fühlte sofort: dieser
Mensch ist -- Christus.
Rührung, Neugier und Angst bemächtigten sich meiner im selben
Augenblick. Ich nahm mich zusammen ... und sah meinen Nachbar an.
Ein Gesicht wie das aller anderen -- ein Gesicht, das allen
Menschengesichtern gleicht. Die Augen blicken ein wenig aufwärts,
andächtig und ruhig. Die Lippen sind geschlossen, aber nicht
zusammengepreßt: die Oberlippe ruht gleichsam auf der unteren; der kurze
Bart ist in der Mitte geteilt. Die Hände gefaltet und unbeweglich. Auch
die Kleidung ist dieselbe wie bei allen übrigen.
»Wie kann das Christus sein!« dachte ich bei mir. »Solch einfacher,
einfacher Mensch! Es ist unmöglich!«
Ich kehrte mich ab. Doch ich hatte kaum den Blick von diesem einfachen
Menschen abgewandt, als mich wiederum das Gefühl überkam, als stünde
wirklich Christus an meiner Seite.
Noch einmal nahm ich mich zusammen ... Und wieder erblickte ich dasselbe
Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht, dieselben alltäglichen,
wenn auch unbekannten Züge.
Da wurde es mir plötzlich schwer ums Herz -- und ich kam zu mir. Nun
begriff ich erst, daß gerade solch ein Antlitz -- ein Antlitz, das allen
Menschengesichtern gleicht -- Christi Antlitz sei.
Der Stein
Saht ihr wohl schon einmal am Meeresufer einen alten grauen Stein, wenn
an einem sonnigen Frühlingstage zur Flutzeit von allen Seiten die
frischen Wellen gegen ihn anschlagen -- anschlagen, ihn umspielen,
umschmeicheln -- und sein bemoostes Haupt mit einem Sprühregen
glänzenden Perlenschaumes benetzen? Der Stein bleibt wohl derselbe Stein
-- aber auf seiner Oberfläche erscheinen leuchtende Farben.
Sie zeugen von jener fernen Zeit, da der geschmolzene Granit eben erst
zu erstarren begann und noch ganz in feurigen Farben glühte.
So ward auch jüngst mein altes Herz von allen Seiten von jungen
Frauenseelen bestürmt -- und unter ihrer liebkosenden Berührung röteten
sich seine seit langem verblaßten Farben, die Spuren ehemaligen Feuers!
Die Wellen sind wieder zurückgeströmt ... die Farben aber sind noch
nicht verblichen -- mag auch scharfer Wind sie trocknen.
Die Tauben
Ich stand auf dem Rücken eines sanft abfallenden Hügels; vor mir
breitete sich schimmernd wie ein Meer von Gold und Silber ein reifes
Roggenfeld aus. Keine Wellen aber glitten über dieses Meer; bewegungslos
war die schwüle Luft: ein starkes Gewitter braute sich zusammen.
Um mich herum strahlte noch die Sonne heiß und trübe; aber dort, hinter
dem Roggenfelde, gar nicht mehr fern, lastete eine schwarzblaue
Wolkenwand wie eine gewaltige Masse auf dem ganzen Halbkreise des
Horizontes.
Alles war verstummt ... alles war erstorben unter der unheildrohenden
Glut der letzten Sonnenstrahlen. Nicht ein einziger Vogel war zu hören
und zu sehen; sogar die Sperlinge hatten sich versteckt. Nur in der Nähe
irgendwo raschelte und klatschte ein einsames großes Klettenblatt.
Wie stark der Wermut am Feldrain duftet! Ich schaute auf die blaue
Wolkenmasse ... und unruhige Erregung bemächtigte sich meiner. Nur
schnell, schnell! dachte ich bei mir, blitze, du goldene Schlange,
grolle, Donner! rege dich, wälze dich heran, ströme herab, drohende
Wolke, und löse diese beklemmende Dumpfheit!
Doch die Wolke rührte sich nicht. Wie zuvor lastete sie auf der
schweigenden Erde ... und nur noch mächtiger ballte und verfinsterte sie
sich.
Da mit einemmal erschien auf ihrem einfarbigen Blau ein schimmerndes
Etwas in gleichmäßiger, schwimmender Bewegung; man konnte auf ein weißes
Tüchlein raten oder auf eine Schneeflocke. Es war eine weiße Taube, die
vom Dorfe herübergeflogen kam.
Sie flog, flog immer geradeaus, geradeaus ... und verschwand hinterm
Walde.
Einige Augenblicke vergingen -- immer noch herrschte dieselbe furchtbare
Stille ... Doch sieh! Jetzt schimmern zwei Tüchlein, zwei Schneeflocken
schweben zurück: in gleichmäßigem Fluge flattern zwei weiße Tauben
heimwärts.
Und jetzt, endlich, brach der Sturm los -- und der wilde Tanz begann!
Mit genauer Not erreichte ich das Haus. -- Der Wind heult und tobt wie
ein Rasender, gleich zerrissenen Fetzen jagen die fahlroten,
niederhängenden Wolken dahin, alles dreht sich wirbelnd, stiebt
durcheinander, wie eine senkrechte Säule peitscht und stürzt wütender
Platzregen herab, die Blitze blenden in grünlichem Feuer, wie
Kanonenschüsse krachen die Donnerschläge in kurzen Pausen, es riecht
nach Schwefel ... Aber unter dem vorspringenden Giebel, hart am Rande
des Bodenfensters, sitzen dicht beisammen zwei Tauben -- jene, welche
nach ihrer Gefährtin ausgeflogen war -- und die, welche sie heimgebracht
und dadurch vielleicht gerettet hatte.
Beide haben sich dicht in ihr Flaumgefieder eingehüllt -- und schmiegen
sich Fittich an Fittich ...
Ihnen ist wohl! Und auch mir ist wohl, wie ich sie so betrachte ...
Obgleich ich ganz allein bin ... allein wie immer.
Morgen! Morgen!
Wie leer und schal und wie nichtig ist doch fast jeder durchlebte Tag!
Wie geringfügig die Spuren, die er hinterläßt! Wie gedankenlos-stumpf
verrannen all die Stunden, eine nach der anderen!
Und dennoch klammert sich der Mensch ans Dasein; ihn dünkt das Leben ein
Schatz, all seine Hoffnungen baut er darauf, er baut sie auf sich
selbst, auf die Zukunft ... O, wieviel Glück erwartet er von der
Zukunft!
Warum aber bildet er sich ein, daß die anderen, künftigen Tage dem
ebenverflossenen nicht gleichen würden?
Doch das bildet er sich ja auch nicht ein. Ihm ist das Grübeln überhaupt
zuwider -- und er tut wohl daran.
»Ei, morgen, morgen!« -- damit tröstet er sich, -- so lange, bis ihn
dieses Morgen ins Grab senkt.
Nun -- und liegst du erst einmal im Grabe -- dann hat dein Grübeln ganz
von selbst ein Ende.
Die Natur
Mir träumte, ich träte in einen großen, unterirdischen Saal mit hohen
Gewölben. Ein gewisses ebenso unterirdisches, gleichmäßiges Licht
erfüllte den ganzen Raum.
Mitten im Saal saß ein majestätisches Weib in einem faltenreichen grünen
Gewande. Das Haupt auf die Hand gestützt, schien sie in tiefes
Nachdenken versunken.
Ich begriff sofort, daß dieses Weib -- die Natur selbst war, -- und wie
plötzlicher kalter Hauch rannen Schauer der Ehrfurcht durch meine Seele.
Ich näherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich ehrerbietig: »O du
unser aller gemeinsame Mutter!« rief ich aus. »Worüber sinnst du nach?
Gelten deine Gedanken dem künftigen Schicksale der Menschheit? Oder der
Frage, wie sie zur höchsten Vollkommenheit und Glückseligkeit gelangen
könne?«
Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen auf mich. Ihre
Lippen bewegten sich -- und machtvoll erklang eine Stimme wie das
Dröhnen des Eisens:
»Ich sinne darüber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs eine größere
Kraft gegeben werden könne, damit er sich besser vor seinen Feinden zu
retten vermöchte. Das Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist
gestört ... Es muß wiederhergestellt werden.«
»Wie?« entgegnete ich stammelnd. »Daran denkst du? Sind denn aber nicht
wir -- wir Menschen, deine Lieblingskinder?«
Das Weib runzelte leicht die Brauen: »Alle Geschöpfe sind meine Kinder,«
sprach sie; »ich sorge für sie alle ohne Unterschied -- und ohne
Unterschied vernichte ich sie alle.«
»Aber Güte ... Vernunft ... Gerechtigkeit ...« stammelte ich wiederum.
»Das sind Menschenworte,« dröhnte die eherne Stimme. »Ich kenne weder
Gut noch Böse ... Vernunft ist mir nicht Gesetz -- und was ist
Gerechtigkeit? -- Ich gab dir das Leben -- ich werde es dir wieder
nehmen und anderen Wesen geben, Würmern oder Menschen ... mir ist es
einerlei ... Du aber wehre dich einstweilen -- und laß mich in Ruhe!«
Ich wollte noch etwas erwidern ... doch da begann rings die Erde dumpf
zu stöhnen und zu beben -- und ich erwachte.
Hängt ihn!
»Das geschah im Jahre 1803,« begann mein alter Bekannter, »kurz vor
Austerlitz. Das Regiment, in welchem ich als Offizier stand, hatte in
Mähren Quartiere bezogen.
Es war uns streng verboten, die Bevölkerung zu beunruhigen und zu
drangsalieren; sahen uns die Leute doch ohnehin mit scheelen Augen an,
obgleich wir zu ihren Bundesgenossen zählten.
Ich hatte einen Burschen, einen ehemaligen Leibeigenen meiner Mutter,
namens Jegor. Er war ein ehrlicher, stiller Mensch; ich kannte ihn von
klein auf und behandelte ihn wie einen Freund.
Eines schönen Tages nun erhob sich in dem Hause, in dem ich wohnte,
lautes Gezänke und Wehklagen: der Wirtin waren zwei Hühner gestohlen
worden, und sie bezichtigte meinen Burschen dieses Diebstahls. Er
beteuerte seine Unschuld und rief mich zum Zeugen an ... 'Er und
stehlen, er, Jegor Awtamanow!' Ich suchte die Wirtin von Jegors
Ehrlichkeit zu überzeugen, aber sie blieb taub gegen alles.
Mit einem Male scholl lautes Pferdegetrappel die Straße herauf: der
Oberbefehlshaber in eigener Person kam mit seinem Stabe vorüber.
Er ritt im Schritt, eine dicke, massige Gestalt, mit gesenktem Kopfe und
Epauletten, die bis auf die Brust herabhingen.
Kaum hatte ihn die Wirtin erblickt -- als sie sich seinem Pferde
entgegenwarf, auf die Knie fiel -- und ganz außer sich, mit fliegenden
Haaren, meinen Burschen laut anzuklagen begann, wobei sie mit der Hand
auf ihn deutete.
'Herr General!' schrie sie, 'Eure Hoheit! Richten Sie! Helfen Sie!
Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!' Jegor stand auf der
Türschwelle, kerzengerade, die Mütze in der Hand, hatte sogar die Brust
herausgedrückt und die Hacken aneinandergenommen wie eine Schildwache --
und gab nicht einen Laut von sich! Mag sein, daß ihn der Anblick dieser
ganzen, mitten auf der Straße haltenden Generalität aus der Fassung
brachte, daß er im Vorgefühl des über ihn hereinbrechenden Unheils zu
Stein erstarrte -- mein armer Jegor stand bloß da und blinzelte mit den
Augen, im Gesicht aber fahl wie Tonerde.
Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren Blick auf ihn und
brummte zornig: 'Nun?' ... Jegor steht da wie eine Bildsäule und zeigt
grinsend seine Zähne! Ein Unbeteiligter hätte wirklich glauben können,
der Kerl lache.
Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bündig: 'Hängt ihn!' gab seinem
Pferde die Sporen und ritt weiter -- zuerst wieder im Schritt -- dann in
scharfem Trabe. Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein
einzelner Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor einen
flüchtigen Blick zu.
Den Befehl zu mißachten, war ganz unmöglich ... Jegor wurde sofort
festgenommen und zur Exekution abgeführt. Da brach er völlig zusammen --
und rief mit erstickter Stimme nur ein paarmal: 'Mein Gott! Mein Gott!'
-- dann halblaut: 'Gott droben weiß es, ich wars nicht!' Bitterlich
weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ich war in Verzweiflung.
'Jegor! Jegor!' schrie ich, 'warum hast du denn bloß dem General nicht
geantwortet?' 'Gott droben weiß es, ich wars nicht,' wiederholte der
Ärmste schluchzend. -- Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch
fürchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht für möglich gehalten, und nun
fing auch sie zu heulen an! Alle und jeden flehte sie um Schonung an,
versicherte, daß sich ihre Hühner gefunden hätten, daß sie bereit sei,
alles aufzuklären ...
Natürlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im Kriege, mein lieber
Herr, heißts eben Mannszucht! Disziplin! Die Wirtin heulte immer lauter
und lauter. Als ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und
das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir: 'Sagen Sie ihr,
Euer Wohlgeboren, sie möchte sich nicht so grämen ... Ich habe ihr ja
schon verziehen.'«
Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen wiederholt hatte,
flüsterte er leise: »Jegoruschka, mein Täubchen, du brave Seele!« -- und
dabei rannen ihm die Tränen über die gefurchten Wangen.
Was ich wohl denken werde ...
Was ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da die Sterbestunde
schlägt -- wenn ich dann überhaupt noch werde denken können?
Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt habe, wie
ich es verschlief, verträumte, seine Gaben nicht zu genießen verstand?
»Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmöglich! Ich habe ja doch
noch nichts leisten können ... Ich wollte ja eben erst an die Arbeit
gehen!«
Werde ich an Vergangenes denken, im Geiste bei einigen wenigen köstlich
durchlebten Augenblicken verweilen, bei teuren Bildern und Gestalten?
Werden meine bösen Taten in meiner Erinnerung wach werden -- und wird
meine Seele von dem brennenden Schmerz verspäteter Reue gequält werden?
Werde ich daran denken, was jenseit des Grabes meiner wartet ... und
wartet dort überhaupt etwas meiner?
Nein ... ich glaube, ich werde mich bemühen, gar nicht zu denken -- und
mich nach Möglichkeit mit irgendwelchen Lappalien abgeben, bloß um meine
Aufmerksamkeit von der drohenden Finsternis, die sich schwarz vor mir
auftut, abzulenken.
Einst jammerte ein Sterbender mir unausgesetzt vor, daß man ihm keine
Nüsse zu essen geben wolle ... und nur dort, in der Tiefe seiner
verlöschenden Augen zuckte und zitterte etwas wie die gebrochene
Schwinge eines zu Tode verwundeten Vogels.
Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...
Vor langer, langer Zeit las ich einmal irgendwo ein Gedicht. Ich vergaß
es bald wieder ... die erste Zeile aber blieb mir im Gedächtnis:
»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Winter ist es jetzt; der Frost hat die Fensterscheiben dick bereift; im
dunklen Zimmer brennt ein einziges Licht. Ich sitze da, in einen Winkel
gedrückt; in meinem Kopfe aber klingt es und klingt immerzu:
»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Und ich sehe mich vor dem niedrigen Fenster eines russischen Landhauses
stehen. Sanft neigt sich der Sommerabend und wandelt sich zur Nacht, die
laue Luft duftet nach Reseda und Lindenblüten; -- am Fenster aber sitzt,
mit geradeaufgestütztem Arm und den Kopf zur Schulter geneigt, ein
Mädchen -- und blickt schweigend und unverwandt zum Himmel auf, wie um
das Aufleuchten der ersten Sterne zu erwarten. Wie treuherzig
andachtsvoll sind diese sinnenden Augen, wie rührend unschuldig diese
fragend geöffneten Lippen, wie ruhig atmet diese erst im Erblühen
begriffene, noch völlig leidenschaftslose Brust, wie rein und zart sind
die Züge dieses jugendlichen Antlitzes! Kein Wörtchen wage ich an sie zu
richten, aber wie teuer sie mir ist, wie mein Herz pocht!
»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Immer dunkler und dunkler wirds im Zimmer ... Das herabgebrannte Licht
knistert, flüchtige Schatten schwanken an der niedrigen Decke, draußen
heult und knirscht der Frost um die Mauer -- und mir ist, als vernähme
ich grämliches, greisenhaftes Geflüster ...
»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Andere Bilder steigen vor mir auf ... Ich höre den fröhlichen Lärm
ländlichen Familienlebens. Zwei Blondköpfchen, eins an das andere
geschmiegt, schauen mich mit ihren hellen Äuglein munter an, die
frischroten Wangen zittern in verhaltenem Lachen, die Hände haben sich
innig verschlungen, klare, jugendliche Stimmen schallen lebhaft
durcheinander; und weiter drinnen, im Hintergrunde des traulichen
Zimmers, gleiten andere, ebenso jugendliche Hände mit behenden Fingern
über die Tasten eines altväterischen Pianinos, und der Lannersche Walzer
vermag das Summen des patriarchalischen Samowars nicht zu übertönen ...
»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Das Licht wird trübe und verlischt ... Wer hustet da so heiser und matt?
Zu meinen Füßen liegt, fest zusammengekauert, in unruhigem Schlafe mein
alter Hund, mein einziger Gefährte ... Mich friert ... Eisig durchbebt
es mich ... und sie alle starben ... starben dahin ...
»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
Eine Seefahrt
Ich fuhr auf einem kleinen Dampfer von Hamburg nach London. Wir waren
unser zwei Passagiere: ich und ein kleiner Affe, ein Weibchen von der
Gattung der Seidenaffen, welches ein Hamburger Kaufmann seinem
englischen Geschäftsfreunde als Geschenk sandte.
Das Tierchen war mit einer dünnen Kette an eine Bank auf dem Deck
angebunden, zerrte daran und piepte kläglich wie ein Vogel.
Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeiging, streckte es mir sein schwarzes,
kaltes Händchen hin und richtete seine traurigen, beinahe menschlichen
Augen auf mich. -- Ich erfaßte seine Hand -- und da hörte es auf zu
piepen und zu zerren.
Es herrschte vollkommene Windstille. Rings breitete sich das Meer wie
ein unbewegliches, bleigraues, glattes Tafeltuch aus. Nur wenig war
davon sichtbar; ein Nebel lag darüber, so dicht, daß er die äußersten
Mastspitzen verhüllte und den Blick durch seinen weichen Schleier stumpf
und müde machte. Die Sonne hing wie eine trübrote Scheibe in diesem
Dunst; gegen Abend aber flammte sie auf und glühte in einem
geheimnisvollen, seltsamen Rot.
Lange, gerade Falten, den Falten schwerer Seidenstoffe vergleichbar,
glitten eine nach der anderen vom Bug des Schiffes abwärts, kräuselten
sich und wurden immer breiter und breiter, glätteten sich endlich,
wippten und verschwanden. Zerschlagener Schaum schwoll unter den
gleichmäßig stampfenden Schaufelrädern empor; milchweiß und leise
zischend zerfloß er zu Schlangenstreifen, floß dann hinten wieder
zusammen und verschwand ebenfalls, vom Nebel verschlungen.
Unausgesetzt und ebenso kläglich wie das Gewimmer des Affen bimmelte die
kleine Schiffsglocke am Steuer. Ab und zu tauchte ein Seehund auf -- um
gleich wieder kopfüber unter der leichtbewegten Wasserfläche zu
verschwinden. Der Kapitän, ein schweigsamer Mann mit einem
sonnenverbrannten, mürrischen Gesichte, rauchte seine kurze Pfeife und
spuckte verdrießlich in die bewegungslose Flut. Auf all meine Fragen
antwortete er nur mit einem kurzen Gebrumm; mir blieb also nichts übrig,
als mich wieder meinem einzigen Reisegefährten zuzuwenden -- dem Affen.
Ich setzte mich neben ihn; er hörte auf zu wimmern und streckte mir aufs
neue seine Hand hin.
Feucht und einschläfernd umhüllte uns beide der beständige Nebel; und in
gleiches, gedankenloses Brüten versunken saßen wir eins neben dem
andern, wie zwei Verwandte.
Jetzt lächele ich wohl darüber ... damals aber empfand ich anders.
Wir alle sind Kinder einer Mutter -- und es tat mir wohl, daß das arme
Tierchen sich so vertrauensvoll beruhigte und sich an mich schmiegte,
wie an einen Verwandten.
N. N.
Harmonisch und ruhig wandelst du den Weg durchs Leben, ohne Tränen und
ohne Lächeln, kaum durch eine gleichgültige Anteilnahme belebt.
Du bist gut und bist klug ... und doch ist dir alles fremd -- und du
brauchst niemanden.
Du bist schön -- und doch vermag niemand zu sagen, ob du Wert auf deine
Schönheit legst oder nicht. -- Selbst bist du teilnahmlos -- und
verlangst keine Teilnahme.
Dein Blick ist tief -- und doch nicht gedankenvoll; leer ist es in
dieser lichten Tiefe.
So wandeln in den elysischen Gefilden, bei den erhabenen Klängen
Gluckscher Melodien, leidlos und freudlos harmonische Schatten.
Halt inne!
Halt inne! So wie ich dich jetzt sehe -- so bleib für immer in meinem
Gedächtnis!
Von deinen Lippen schwang sich der letzte, begeisterte Ton -- deine
Augen glänzen nicht und strahlen nicht -- sie verdunkeln sich, überwältigt
von Glück, vom seligen Bewußtsein jener Schönheit, die es dir gelang zu
verkünden, jener Schönheit, nach der du deine triumphierenden, deine
ermatteten Arme ausstreckst!
Welch ein Licht, zarter und reiner als Sonnenlicht, fließt um deine
ganze Gestalt, um die kleinsten Falten deines Gewandes?
Welcher Gott hat mit liebkosendem Hauch deine entfesselten Locken
zurückgeweht?