Sein Kuß flammt auf deiner weißen, marmorgleichen Stirn. Da ist es --

das offenbarte Geheimnis, das Geheimnis der Poesie, des Lebens, der

Liebe! Da ist sie, da ist sie, die Unsterblichkeit! Eine andere

Unsterblichkeit gibt es nicht -- und braucht es nicht zu geben. -- In

diesem Augenblick bist du unsterblich. Er wird schwinden -- und dann

bist du wieder ein Häufchen Asche, ein Weib, ein Kind ... Doch was liegt

dir daran! -- In diesem Augenblick -- standest du höher, standest über

allem Vergänglichen und Zeitlichen. -- Dieser _dein_ Augenblick bleibt

unvergänglich. Halt inne! Und laß mich teilhaben an deiner

Unsterblichkeit, laß in meine Seele einen Abglanz deiner Ewigkeit

strahlen!

Der Mönch

Ich kannte einen Mönch, einen Einsiedler, einen Heiligen. Er lebte nur

in der Wonne des Gebets -- und in diesem seligen Rausche stand er so

lange auf den kalten Steinfliesen der Kirche, bis ihm seine Füße

unterhalb der Knie anschwollen und wie zu Säulen erstarrten. Er fühlte

sie nicht mehr, stand da -- und betete.

Ich verstand ihn -- vielleicht beneidete ich ihn auch -- aber auch er

soll mich verstehen und mich nicht verurteilen -- mich, dem seine

Freuden unzugänglich sind.

Ihm ist es gelungen, sich selbst, sein verhaßtes Ich zu vernichten; doch

wenn ich auch nicht zu beten vermag, so ists doch nicht Eigenliebe, die

mich davon abhält.

Mein _Ich_ ist mir vielleicht noch beschwerlicher und verhaßter, als ihm

-- das seine.

Er fand ein Mittel, sich selbst vergessen zu können ... aber auch ich

finde ein solches, wenn auch kein dauerndes. Er lügt nicht ... aber auch

ich lüge ja nicht.

Noch wollen wir kämpfen!

Welch geringfügige Kleinigkeit vermag doch zuweilen einen Menschen

völlig umzustimmen!

Tief in Gedanken verloren ging ich einst auf der Landstraße.

Drückende Ahnungen lasteten auf meiner Brust; Mutlosigkeit hatte sich

meiner bemächtigt.

Ich erhob den Kopf ... Vor mir, zwischen zwei Reihen hoher Pappeln, lief

der Weg schnurgerade in die Ferne. Und darüberhin, über ebendiesen Weg,

etwa zehn Schritt vor mir, von der hellen Sommersonne goldig umstrahlt,

hüpfte im Gänsemarsch eine ganze Spatzenfamilie, so recht keck, vergnügt

und unbesorgt!

Besonders einer von der Schar plumpste mit so verwegenen Quersprüngen

einher, blähte sein Kröpfchen und zwitscherte so frech, gerade als

schere er sich um keinen Teufel! Ein Held -- Zoll für Zoll!

Und unterdessen kreiste hoch am Himmel ein Habicht, der vielleicht

gerade die Bestimmung hatte, diesen Helden aufzufressen.

Ich sah mir das an, schüttelte mich vor Lachen -- und augenblicklich

waren die trüben Gedanken verflogen: ich fühlte wieder Mut,

Widerstandskraft und Lebenslust.

Mag doch auch über _meinem_ Haupte ein Habicht kreisen ...

-- Noch wollen wir kämpfen, Teufel auch!

Das Gebet

Um was der Mensch auch immer beten mag -- er betet um ein Wunder. Jedes

Gebet läuft schließlich darauf hinaus: »Großer Gott, gib, daß zwei mal

zwei -- nicht vier sei.«

Nur ein solches Gebet ist das wahre Gebet von Angesicht zu Angesicht. Zu

einem Weltgeist, zum höchsten Wesen, zum Kantschen, Hegelschen

abstrakten, wesenlosen Gotte beten -- ist unmöglich und undenkbar. Aber

kann denn ein persönlicher, lebendiger, leibhaftiger Gott auch wirklich

machen, daß zwei mal zwei -- nicht vier sei?

Jeder Gläubige ist verpflichtet zu antworten: »Ja, er kann es« -- und

ist verpflichtet, in sich selber diese Überzeugung zu festigen.

Wenn sich nun aber sein Verstand gegen solche Unvernunft auflehnt?

Hier kommt ihm dann Shakespeare zu Hilfe: »Es gibt mehr Ding' im Himmel

und auf Erden, Freund Horatio ...« usw.

Will man ihm aber im Namen der Wahrheit widersprechen -- dann hat er

bloß die berühmte Frage zu wiederholen: »Was ist Wahrheit?«

Und darum: laßt uns trinken und fröhlich sein -- und beten.

Die russische Sprache

In Tagen des Zweifels, in Tagen drückender Sorge um das Schicksal meines

Heimatlandes -- bist du allein mir Halt und Stütze, o du große,

mächtige, wahrhaftige und freie russische Sprache! -- Wenn du nicht

wärst -- müßte man da nicht verzweifeln angesichts alles dessen, was

sich daheim vollzieht? -- Undenkbar aber ist es, daß eine solche Sprache

nicht auch einem großen Volke sollte gegeben sein!

Inhalt

Das Dorf 5

Ein Zwiegespräch 8

Die Alte 9

Der Hund 12

Der Widersacher 12

Der Bettler 14

Erfahren wirst du noch, wie Toren richten 15

Ein Zufriedener 16

Eine Lebensregel 17

Das Ende der Welt. Ein Traum 17

Mascha 20

Der Dummkopf 22

Eine Legende des Morgenlandes 24

Zwei Vierzeiler 26

Der Sperling 30

Die Totenschädel 31

Die Tagelöhner und der Weißhändige. Ein Gespräch 32

Die Rose 34

Letztes Wiedersehen 36

Ein Besuch 37

#Necessitas -- Vis -- Libertas.# Ein Basrelief 39

Das Almosen 39

Das Insekt 41

Die Kohlsuppe 43

Die Gefilde der Seligen 44

Zwei Reiche 46

Der Greis 46

Der Berichterstatter 47

Zwei Brüder 48

Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja 50

Der Egoist 51

Das Fest beim höchsten Wesen 53

Die Sphinx 53

Die Nymphen 55

Freund und Feind 57

Christus 59

Der Stein 60

Die Tauben 61

Morgen! Morgen! 62

Die Natur 63

Hängt ihn! 65

Was ich wohl denken werde 67

Wie frisch und duftig waren doch die Rosen 68

Eine Seefahrt 70

N. N. 72

Halt inne! 72

Der Mönch 73

Noch wollen wir kämpfen! 74

Das Gebet 75

Die russische Sprache 76

Druck von Bernhard

Tauchnitz in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription:

Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise

ansonsten aber wie im Original belassen.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen

wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_

Antiquaschrift: #Antiqua#

Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

Seite 17: »Wenn Sie mal den Wunsch haben, ihrem Gegner gehörig

--> Ihrem

Seite 73: auf den kalten Steinfließen --> Steinfliesen

Gedichte in Prosa · 第 4 / 4 段