umzuwenden, hebt ihre zarten, schönen Hände empor; ihr lebensvolles
Antlitz hat den Ausdruck der Ungeduld und Entschlossenheit ... Sie
möchte nicht willenlos gehorchen, nicht dahin gehen, wohin sie gestoßen
wird ... und dennoch muß sie sich unterwerfen und gehen.
#Necessitas -- Vis -- Libertas.#
Wer Lust hat -- mag es übersetzen.
Das Almosen
In der Nähe einer großen Stadt, auf dem breiten Fahrwege, ging ein
alter, kranker Mann.
Schwankend war sein Schritt; unsicher, schleppend und stolpernd tappten
seine abgemagerten Füße nur schwerfällig und matt vorwärts, als ob sie
einem fremden Willen gehorchten. Sein Gewand hing in Lumpen um seinen
Leib, sein bloßes Haupt fiel auf die Brust herab ... Ihn verließen die
Kräfte.
Er setzte sich auf einen Stein am Wege, neigte sich vornüber, stützte
sich auf die Ellenbogen, bedeckte mit beiden Händen sein Antlitz, und
zwischen seinen gekrümmten Fingern hervor quollen Tränen und tropften in
den trockenen grauen Staub.
Er dachte vergangener Zeiten ...
Er erinnerte sich, wie auch er einst gesund und reich gewesen -- und wie
er dann seine Gesundheit verlor -- und seinen Reichtum an andere
verschwendete, an gute und schlechte Freunde ... Und nun, nun hatte er
nicht einmal ein Stückchen Brot -- alle hatten ihn verlassen, die
Freunde noch früher als die Feinde ... Sollte er sich nun wirklich so
weit erniedrigen müssen, um Almosen zu betteln? Und Bitterkeit zog in
sein Herz, und Scham. Seine Tränen aber rannen und rannen und tropften
in den grauen Staub.
Mit einem Male hörte er, wie ihn jemand beim Namen rief: er richtete
sein müdes Haupt empor -- und erblickte vor sich einen Unbekannten.
Es war ein ernstes, würdevolles, aber nicht strenges Antlitz; die Augen
nicht strahlend, aber klar; der Blick durchdringend, aber ohne Falsch.
»Du hast deinen Reichtum verschenkt,« ließ sich eine sanfte Stimme
vernehmen ... »Gereut es dich nicht, wohltätig gewesen zu sein?«
»Es gereut mich nicht,« antwortete der Greis mit einem Seufzer, »wenn
ich auch jetzt freilich Hungers sterbe.«
»Wenn es nun auf der Welt keine Bettler gegeben hätte, welche dir ihre
Hände hinstreckten,« fuhr der Unbekannte fort, »wenn niemand der
Wohltaten bedürftig gewesen wäre, hättest du dann überhaupt wohltätig
sein können?«
Der Greis gab keine Antwort -- und verfiel in Nachdenken.
»So sei denn auch du jetzt nicht zu stolz, armer Bettler,« hub der
Unbekannte wieder an, »mach dich auf, strecke deine Hand aus, gib auch
du jetzt anderen guten Menschen Gelegenheit, durch die Tat zu beweisen,
daß sie gut sind.«
Der Greis fuhr auf und blickte umher ... doch der Unbekannte war schon
verschwunden; -- in der Ferne aber erschien auf dem Wege ein Wandrer.
Der Greis trat auf ihn zu -- und streckte seine Hand aus. -- Dieser
Wandrer aber wandte sich mit mürrischem Blicke ab und gab ihm nichts.
Nach ihm kam aber ein zweiter -- und der gab dem Greis ein kleines
Almosen.
Und der Greis kaufte sich Brot für den erhaltenen Groschen -- und süß
schmeckte ihm der erbettelte Bissen -- und keine Scham quälte mehr sein
Herz -- im Gegenteil: eine stille Freudigkeit war über ihn gekommen.
Das Insekt
Mir träumte, wir säßen unserer zwanzig in einem großen Zimmer mit
offenen Fenstern.
Unter uns waren Frauen, Kinder und Greise ...
Wir alle unterhielten uns über ganz alltägliche Dinge und sprachen laut
durcheinander.
Plötzlich flog ein großes Insekt von etwa zwei Zoll Länge mit scharfem
Summen ins Zimmer ... flog herein, zog im Kreise umher und setzte sich
dann an die Wand.
Es glich einer Fliege oder Wespe. -- Der Leib war von schmutzigbrauner
Farbe, ebenso die flachen harten Flügel; die gespreizten Füßchen borstig
und der Kopf eckig und groß wie bei einer Libelle; und dieser Kopf und
diese Füßchen -- waren leuchtend rot wie Blut.
Dieses seltsame Insekt drehte fortwährend den Kopf, nach unten und oben,
nach rechts und links, bewegte die Füßchen ... dann plötzlich flog es
von der Wand ab, flog summend durchs Zimmer -- setzte sich von neuem und
machte wieder seine häßlichen, widerwärtigen Bewegungen, ohne sich von
der Stelle zu rühren.
In uns allen erregte es Abscheu, Schrecken, ja sogar Furcht ... Niemand
von uns hatte bisher etwas Ähnliches gesehen, alle schrien: »Jagt doch
dies Ungeziefer hinaus!« -- alle schwenkten von weitem ihre
Taschentücher ... aber keiner wagte heranzukommen ... und sooft das
Insekt aufflog, wich alles unwillkürlich zurück.
Nur einer aus dem Kreise, ein noch junger, blaß aussehender Mann,
blickte auf uns übrige mit unverhohlenem Erstaunen. -- Er zuckte die
Achseln, lächelte und konnte durchaus nicht begreifen, was mit uns
vorging und weshalb wir so aufgeregt seien. Er selbst konnte überhaupt
kein Insekt wahrnehmen -- hörte nicht das unheimliche Schwirren seiner
Flügel.
Plötzlich richtete sich das Insekt gerade auf ihn hin, flog auf, preßte
sich an seinen Kopf und stach ihn dicht über den Augen in die Stirn ...
Der junge Mann stieß einen schwachen Schrei aus -- und brach tot
zusammen.
Die entsetzliche Fliege flog unmittelbar darauf hinaus ... Da erst
errieten wir, was dies für ein Gast gewesen war.
Die Kohlsuppe
Einer alten Witwe war ihr einziger, zwanzigjähriger Sohn gestorben, der
beste Arbeiter im Dorfe. Die Gutsherrin, die Besitzerin dieses Dorfes,
hörte vom Kummer der alten Frau und machte sich am Tage der Beerdigung
auf, um sie zu besuchen.
Sie fand sie zu Hause.
Mitten in der Stube vor dem Tische stehend, schöpfte sie mit langsamer,
mechanischer Bewegung mit der rechten Hand (die linke hing schlaff
herab) dünne Kohlsuppe aus einem rauchgeschwärzten Topfe und schluckte
einen Löffel nach dem andern davon hinunter.
Das Gesicht der Alten war abgehärmt und trübe; die Augen rot und
verschwollen ... aber sie hielt sich gerade und aufrecht, wie in der
Kirche.
Herr des Himmels! dachte die gnädige Frau bei sich, in solchem
Augenblick bekommt die es fertig zu essen ... was haben doch all diese
Leute für ein rohes Gefühl!
Und hierbei erinnerte sich die gnädige Frau, wie sie selbst vor einigen
Jahren nach dem Verlust eines neun Monate alten Töchterchens vor lauter
Kummer darauf verzichtet hatte, ein prächtiges Landhaus in der Nähe von
Petersburg zu mieten -- und den ganzen Sommer in der Stadt zugebracht
hatte! -- Die Alte dagegen löffelte weiter an ihrer Kohlsuppe.
Endlich verlor die gnädige Frau die Geduld. -- »Tatjana!« rief sie
aus ... »Das ist unerhört! -- Ich fasse es nicht! Hast du denn deinen
Sohn gar nicht geliebt? Hast du denn nicht einmal den Appetit verloren?
-- Wie kannst du bloß jetzt diese Kohlsuppe essen!«
»Mein Wassja ist tot,« erwiderte leise die Alte -- und von neuem rollten
bittere Tränen über ihre eingefallenen Wangen. »Nun ist es auch mit mir
bald zu Ende: bei lebendigem Leibe hat man mir den Kopf abgerissen.
Darum kann ich aber doch die Kohlsuppe nicht umkommen lassen: sie ist ja
gesalzen.«
Die gnädige Frau zuckte bloß mit den Achseln und entfernte sich. Für sie
war das Salz billig.
Die Gefilde der Seligen
O Gefilde der Seligen! O Gefilde der Himmelsbläue, des Lichtes, der
Jugend und des Glücks! Ich habe euch geschaut ... im Traume.
Wir saßen zu mehreren in einem schönen, reichgeschmückten Nachen. Einer
Schwanenbrust gleich schwoll das weiße Segel unter den spielenden
Wimpeln.
Ich wußte nicht, wer meine Gefährten waren; allein, ich fühlte mit
ganzem Herzen, daß sie ebenso jung, so froh und glücklich seien wie ich!
Ja, ich beachtete sie kaum. Ich sah rings nur ein uferloses, azurblaues
Meer, dessen zitternder Spiegel wie mit goldigen Schuppen bedeckt war --
und zu Häupten ein gleiches uferloses, gleich azurblaues Meer, -- und
darüberhin zog im Triumphe und gleichsam lächelnd die freundliche,
heitere Sonne.
Von Zeit zu Zeit erscholl aus unserer Mitte ein lautes, fröhliches
Lachen -- wie das Lachen der Götter!
Dann auf einmal ertönten aus jemandes Munde Worte, Verse von wunderbarer
Schönheit und begeisternder Kraft ... es schien, als ob der Himmel
selber deren Echo widerhalle und rings das Meer mitempfindend
erzittere ... Und dann wieder herrschte selige Stille.
Leicht in die weichen Wellen tauchend, glitt unser Nachen rasch dahin.
Kein Lufthauch trieb ihn; ihn lenkten unsere eigenen freudig pochenden
Herzen. Wohin wir begehrten, dahin schwamm er, folgsam, gleich als wäre
er beseelt.
Inseln, zauberische, halbdurchsichtige Inseln, im Schimmer von kostbaren
Edelsteinen, Rubinen und Smaragden, zogen an uns vorüber. Aus den sanft
geschwungenen Ufern strömten berauschende Wohlgerüche; einzelne dieser
Inseln überschütteten uns mit einem Blütenregen weißer Rosen und
Maiglöckchen; von anderen flogen unvermutet regenbogenfarbige,
langgefiederte Vögel empor. Und die Vögel kreisten hoch über uns, die
Maiglöckchen und Rosen zertauten in den Schaumperlen, die längs der
glatten Wandung unseres Nachens dahinschwammen. Zugleich mit den Blumen
und den Vögeln schwebten süße, süße Töne herüber ... Mädchenstimmen
schienen darein verwoben ... Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer,
das Rauschen des Segels über uns, das Gemurmel der Strömung hinter dem
Nachen -- alles redete von Liebe, von seliger Liebe!
Und sie, die ein jeder von Herzen liebte -- sie war da ... unsichtbar,
doch nahe. Einen Augenblick nur -- und ihre Augen erglänzen, es strahlt
ihr Lächeln ... Ihre Hand schließt sich in deine Hand und zieht dich mit
sich in ein unverwelkliches Paradies!
O Gefilde der Seligen! Ich habe euch im Traume geschaut.
Zwei Reiche
Wenn man in meinem Beisein das Lob des reichen Rothschild singt, weil er
ganze Tausende seines ungeheuren Einkommens für Erziehung von Kindern,
für Heilung von Kranken und Unterhalt von Greisen spendet -- dann erregt
dies meinen Beifall und rührt mich.
Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rührung doch die
Erinnerung an eine arme Bauernfamilie nicht zu unterdrücken, welche eine
kleine verwaiste Nichte unter ihr elendes Dach aufnahm.
»Nehmen wir Katja zu uns,« meinte die alte Frau, »dann geht unser
letzter Groschen drauf -- dann langts nicht mehr zum Salz für die
Suppe ...«
»Nun ... dann essen wir sie eben ungesalzen,« gab ihr der Bauer, ihr
Mann, zur Antwort.
Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern!
Der Greis
Trübe, schwere Tage sind gekommen ...
Eigene Leiden, Siechtum deiner Freunde, Kälte und Finsternis des Alters.
Alles, was du geliebt, woran du mit ganzem Herzen gehangen -- welkt und
schwindet dahin. Der Pfad senkt sich bergab.
Was nun? Sollst du wehklagen? Dich härmen? Nein, damit dienst du weder
dir selbst, noch den anderen ... Wohl wird das Laub auf dem
verdorrenden, sich krümmenden Baume immer dürftiger und seltener, --
aber grün ist auch dieses noch.
So verschließe denn auch du dich in dein eigenes Selbst, weile bei
deinen Erinnerungen, und dort, tief, tief unten auf dem Grunde deiner
innersten Seele, wird dein vergangenes, dir allein zugängliches Leben in
all seinem duftigen, immer noch frischen Grün und seiner quellenden
Frühlingspracht vor dir erglänzen.
Aber hüte dich ... schaue nicht vor dich, armer Greis!
Der Berichterstatter
Zwei Freunde sitzen am Tisch und trinken Tee. Mit einemmal erhebt sich
auf der Straße ein großer Lärm. Man hört klägliches Stöhnen, zornige
Verwünschungen und schadenfrohe Lachsalven.
»Da prügeln sie jemand,« sagte einer der Freunde, indem er zum Fenster
hinausblickte.
»Wohl einen Verbrecher? Einen Mörder?« fragte der andere. »Höre mal, wer
es auch sein mag, wir dürfen solch willkürliches Rechtsverfahren nicht
zulassen. Komm, wir wollen ihm beistehen.«
»Ein Mörder ist's aber nicht, den sie da prügeln.«
»Kein Mörder? Also ein Dieb? Das bleibt sich gleich, komm, wir wollen
ihn dem Pöbelhaufen entreißen.«
»Es ist auch kein Dieb.«
»Kein Dieb? Dann also ein Kassierer, ein Eisenbahnunternehmer,
ein Armeelieferant, ein russischer Mäzen, ein Advokat, ein
gesinnungstüchtiger Redakteur, ein öffentlicher Wohltäter?...
Gleichviel, komm und laß uns ihm helfen!«
»Weit gefehlt ... sie prügeln einen Berichterstatter.«
»Einen Berichterstatter? -- Na, weißt du was: dann wollen wir erst ruhig
unsern Tee austrinken.«
Zwei Brüder
Ich hatte eine Vision ...
Es erschienen vor mir zwei Engel ... zwei Genien. Ich sage: Engel ...
Genien -- weil kein Gewand ihren nackten Körper verhüllte und beide an
den Schultern mächtige, lange Flügel besaßen.
Beide waren Jünglinge. Der eine hatte einen üppigen Wuchs, eine zarte
Haut und schwarzlockiges Haar. Seine Augen waren braun, feurig und von
dichten Wimpern beschattet; sein Blick einschmeichelnd, heiter und
verlangend. Bezaubernd und verführerisch war sein Antlitz, mit einem
Anflug von Verwegenheit und Tücke. Ein leises Zucken spielte um die
vollen, rosigen Lippen. Der Jüngling lächelte, wie im Gefühl überlegener
Macht -- selbstbewußt und doch nachlässig; ein herrlicher Blumenkranz
schmiegte sich sanft um seine glänzenden Locken, so daß er die
sammetgleichen Brauen fast berührte. Ein scheckiges Leopardenfell, von
einem goldenen Pfeil zusammengehalten, hing leicht von der rundlichen
Schulter bis auf die schwellende Hüfte herab. Das Gefieder seiner
Schwingen spielte in den Farben der Rose; ihre Spitzen waren leuchtend
rot, gleich als wären sie in purpurnes, frisches Blut getaucht. Von Zeit
zu Zeit durchflog sie ein leichtes Zittern, begleitet von einem
angenehmen, silberhellen Rauschen, dem Rauschen eines Frühlingsregens.
Der andere Jüngling war hager und von gelblicher Hautfarbe. Bei jedem
Atemzug wurden seine Rippen in leichten Umrissen sichtbar. Sein Haar war
fahl, dünn und schlicht; die Augen übergroß, rund und blaßgrau ... der
unheimlich glänzende Blick verriet Unruhe. Alle Gesichtszüge hatten
etwas Scharfes; der kleine, halbgeöffnete Mund wies Fischzähne auf; die
Adlernase war schmal, das Kinn vorspringend und mit weißlichem Flaum
bedeckt. Über diese welken Lippen ist noch nie, niemals ein Lächeln
geflogen. Das war ein starres, furchtbares, mitleidsloses Antlitz! (Auch
das Antlitz jenes anderen, schönen Jünglings -- obwohl liebreizend und
sanft -- war ohne jeden Zug von Mitleid.) Um das Haupt dieses zweiten
schlangen sich einige taube, zerknickte Ähren, von einem verwelkten
Hälmchen durchflochten. Ein grober grauer Schurz wand sich um seine
Lenden; die Flügel auf seinem Rücken, tiefblau und glanzlos, bewegten
sich langsam und drohend.
Beide Jünglinge schienen unzertrennliche Gefährten zu sein.
Sie lehnten sich Schulter an Schulter. Die kleine weiche Hand des ersten
ruhte wie eine Weintraube auf der mageren Achsel des anderen; die
schmale Hand dieses anderen wand sich mit ihren langen, dürren Fingern
wie eine Schlange um die fast weibliche Brust des ersten.
Und ich vernahm eine Stimme. Sie sprach also:
»Vor dir stehen Liebe und Hunger -- zwei leibliche Brüder, die zwei
Grundpfeiler allen Lebens.
»Alles, was da lebt, regt sich, um sich zu nähren, nährt sich, um sich
fortzupflanzen.
»Liebe und Hunger -- ihr Ziel ist das gleiche: zu wirken, damit das
Leben nicht versiege -- das eigene wie das fremde, -- ja, das gesamte
Leben.«
Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja
Im Schmutz, auf übelriechendem, fauligem Stroh, unter dem Dach eines
baufälligen Schuppens, der in notdürftiger Hast inmitten eines
verwüsteten bulgarischen Dörfchens zu einem Feldlazarett hergerichtet
worden war -- erlag sie in zwei langen Wochen dem Typhus. Sie war völlig
bewußtlos -- und nicht ein einziger Arzt sah nach ihr; die kranken
Soldaten, die sie gepflegt hatte, solange sie sich auf den Füßen hatte
halten können -- erhoben sich der Reihe nach von ihrer verseuchten
Lagerstatt, um in der Scherbe eines zerschlagenen Kruges einige Tropfen
Wasser an ihre brennenden Lippen zu bringen.
Sie war jung und schön; die vornehme Welt stand ihr offen; selbst die
höchsten Würdenträger wandten ihr ihre Aufmerksamkeit zu. Die Frauen
beneideten sie, die Männer machten ihr den Hof ... zwei oder drei von
diesen waren in geheimer, tiefer Liebe zu ihr entbrannt. Das Leben
lächelte ihr; doch es gibt ein Lächeln, das schlimmer ist als Tränen.
Sie hatte ein Herz voll Sanftheit und Güte ... dabei aber von einer
Kraft, einer Opferfreudigkeit! -- Den Bedrängten Hilfe zu leisten ...
ein anderes Glück kannte sie nicht ... kannte sie nicht -- und lernte
sie nicht kennen. Alles andere Glück ging an ihr vorüber. Doch darein
hatte sie sich längst ergeben -- und mit dem heiligen Feuer
unerschütterlichen Glaubens weihte sie sich dem Dienste ihrer
Mitmenschen. Welche unvergänglichen Schätze sie dort im geheimsten,
tiefsten Grunde ihrer Seele bewahrte, das hat niemand je gewußt -- und
kann jetzt freilich niemand mehr erfahren.
Wozu auch? Das Opfer ist gebracht ... das Werk ist vollendet.
Allein, es ist schmerzlich, denken zu müssen, daß niemand wenigstens
ihrer sterblichen Hülle Dank sagte, obschon sie selbst in edler Scham
sich jeder Dankesbezeugung entzog.
Möge ihr teurer Schatten mir nicht zürnen, wenn ich dieses kleine,
verspätete Blümlein auf ihr Grab zu legen wage!
Der Egoist
Er besaß alle erforderlichen Eigenschaften, um die Geißel seiner Familie
zu werden.
Von klein auf gesund und reich -- und gesund und reich sein ganzes
langes Leben hindurch, beging er nie einen einzigen Fehltritt, verfiel
nie in einen Irrtum, versprach und versah sich nicht ein einziges Mal.
Er war ein tadelloser Ehrenmann!... Und stolz im Bewußtsein seiner
Ehrenhaftigkeit, knechtete er damit alle seine Angehörigen, seine
Freunde, seine Bekannten. Seine Ehrenhaftigkeit war ihm ein Kapital ...
und er nahm Wucherzinsen davon.
Seine Ehrenhaftigkeit gab ihm das Recht, erbarmungslos zu sein und nie
aus freien Stücken Gutes zu tun; -- und darum war er erbarmungslos --
und tat nie Gutes ... denn das Gute auf Befehl -- ist nicht das Gute.
Niemals kümmerte er sich um jemand anders als um seine eigene, so
überaus musterhafte Person und war innerlich empört, wenn die anderen
sich nicht ebenso eifrig um diese bekümmerten.
Und bei alledem hielt er sich nicht für einen Egoisten -- und
verurteilte und verfolgte am allerschärfsten die Egoisten und den
Egoismus! -- Das wäre auch! Fremder Egoismus behinderte ja seinen
eigenen!
Für seine Person sich nicht der geringsten Schwäche bewußt, begriff und
duldete er solche auch nicht bei anderen. Er begriff überhaupt niemanden
und nichts, denn überall, von allen Seiten, unten und oben, hinten und
vorn war er von seinem eigenen Selbst eingeschlossen.
Er begriff nicht einmal, was Vergeben heißt. Sich selbst etwas zu
vergeben, dazu bot sich ihm nie ein Anlaß ... Aus welchem Grunde sollte
er dann den anderen vergeben?
Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem Angesicht seiner
eigenen Gottheit -- da pflegte er, dieses Wunderwesen, dieser Ausbund
von Tugend, die Augen gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer
Stimme auszusprechen: »Ja, ich bin ein würdiger, ein moralischer
Mensch!«
Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen -- und
selbst dann wird nichts sich regen in seinem steinernen Herzen -- in
diesem Herzen ohne Makel und Fehl.
O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen Tugend --
schwerlich kannst du überboten werden von dem nackten Scheusal des
Lasters!
Das Fest beim höchsten Wesen
Einstmals beschloß das höchste Wesen, in seinem azurblauen Himmelspalast
ein Fest zu geben. Sämtliche Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten.
Aber nur die weiblichen ... Herren waren nicht geladen ... bloß Damen.
Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden -- die großen wie die
kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig zuvorkommender und
liebenswürdiger als die großen; doch schienen alle sehr befriedigt --
und man unterhielt sich in der artigsten Weise, wie es sich für so nahe
Verwandte und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte das höchste
Wesen zwei schöne Damen, die sich gegenseitig gar nicht zu kennen
schienen.
Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der Hand und führte sie zu
der anderen.
»Die Wohltätigkeit!« sprach er, auf die erste deutend. »Die
Dankbarkeit!« fügte er hinzu und wies auf die zweite. Beide Tugenden
gerieten in sprachloses Erstaunen: seitdem die Welt besteht -- und sie
besteht schon ziemlich lange --, begegneten sie sich zum erstenmal.
Die Sphinx
Gelblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender Sand ... Sand
ohne Ende, so weit das Auge reicht!
Und über dieser Sandwüste, über diesem Meer toten Staubes erhebt sich
das gigantische Haupt einer ägyptischen Sphinx.
Was wollen sie sagen, diese mächtigen, wulstigen Lippen, diese
starr-geschwellten, aufgeworfenen Nüstern -- und diese Augen, diese
länglichen, halb träumenden, halb wachen Augen unter dem Doppelbogen der
hohen Brauen?
Gewiß, sie wollen etwas sagen! Sie reden sogar -- doch nur ein Ödipus
vermag ihr Rätsel zu lösen und ihre stumme Sprache zu verstehen.
Ha! Nun erkenne ich diese Züge ... jetzt haben sie nichts Ägyptisches
mehr. Die weiße, niedrige Stirn, die vorspringenden Backenknochen, die
kurze, gerade Nase, der hübsche Mund voll weißer Zähne, der weiche
Schnurrbart nebst dem krausen Kinnbärtchen -- und diese weit
auseinanderstehenden kleinen Augen ... dazu das Haar, wie eine Mütze den
Kopf bedeckend und in der Mitte gescheitelt ... Ei, das bist du ja,
Karp, Sidor, Semjon, du Bäuerlein aus Jaroslaw, aus Rjäsan, mein
Landsmann, ehrliche russische Haut! Seit wann bist du denn unter die
Sphinxe geraten?
Oder willst du vielleicht auch etwas sagen? Ja; du bist freilich auch --
eine Sphinx.
Auch deine Augen -- diese farblosen, aber tiefen Augen reden ... Und
auch ihre Sprache ist stumm und rätselvoll.
Wo aber ist dein Ödipus?
O Jammer! Die Bauernmütze sich aufzustülpen, ist leider nicht
ausreichend, um dein Ödipus zu werden, o du allrussische Sphinx!
Die Nymphen
Ich stand vor einer herrlichen, im Halbkreis ausgebreiteten
Gebirgskette; junger grüner Wald bedeckte sie vom Kamm bis zur Sohle.
Über ihr wölbte sich in durchsichtigem Blau der südliche Himmel; aus der
Höhe sandte die Sonne ihre spielenden Strahlen herab; drunten, halb
verborgen im Grase, murmelten flinke Bächlein.
Da erinnerte ich mich einer alten Sage von einem griechischen Schiffe,
das im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt einst über das Ägäische
Meer fuhr.
Es war um die Mittagsstunde ... In ruhiger Glätte lag die See. Da
ertönte mit einem Male hoch über dem Haupte des Steuermanns eine
vernehmliche Stimme: »Wenn du dort an der Insel vorbeisegelst, dann
lasse laut den Ruf erschallen: 'Der große Pan ist tot!'«
Der Steuermann staunte ... und erschrak. Als aber das Schiff an der
Insel vorbeifuhr, da gehorchte er und rief: »Der große Pan ist tot!«
Und sofort erschollen als Antwort auf seinen Ruf längs des ganzen Ufers
(obwohl die Insel unbewohnt war) schmerzliche Seufzer, Stöhnen und
langgezogene Klagelaute: »Tot, tot! Der große Pan ist tot!«
Diese Sage also war mir eingefallen ... und da kam mir der sonderbare
Gedanke: »Wie, wenn nun auch ich jetzt diesen Ruf erschallen ließe?«
Doch im Angesichte der rings mich umgebenden Lebenswonne widerstrebte es
mir, an den Tod zu denken, und so rief ich denn mit aller Kraft:
»Auferstanden, auferstanden ist der große Pan!«