Als ich aus dem Schlitten stieg, gab ich ihm eine Kleinigkei

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Iwan Turgenjeff

Gedichte in Prosa

Übertragen von Th. Commichau

Im Insel-Verlag zu Leipzig

Das Dorf

Der letzte Tag im Juli; auf tausend Werst im Umkreise rings Rußland --

der heimatliche Boden. Der ganze Himmel strahlt in einfarbigem Blau;

droben ein einzelnes Wölkchen -- halb schwimmend, halb zerfließend.

Windesstille, brütende Hitze ... die Luft -- würzig wie frischgemolkene

Milch!

Die Lerchen trillern; die Turteltauben gurren; lautlos gleiten die

Schwalben umher; die Pferde schnauben und kauen; die Hunde bellen nicht,

stehen da und wedeln friedfertig mit dem Schwanze.

Und nach Rauch riecht es, und nach Gras -- und auch nach Teer ein wenig

-- und ein wenig nach Leder. -- Der Hanf auf den Feldern ist schon hoch

aufgeschossen und strömt seinen schweren, aber süßen Duft aus.

Eine tiefe, jedoch sanft absteigende Schlucht öffnet sich. An beiden

Abhängen mehrere Reihen dickbuschiger, zerborstener Weiden. In der Tiefe

der Schlucht rieselt ein Bach; kleine Kiesel auf seinem Grunde blinken

wie zitternd durch seine klaren Wellen hindurch. -- In der Ferne, am

Saume zwischen Erde und Himmel -- schimmert der bläuliche Streif eines

großen Stromes.

Dem Zuge der Schlucht folgend -- hier auf dieser Seite saubere kleine

Speicher und Scheunen mit dichtverschlossenen Türen; dort auf jener fünf

bis sechs aus Fichtenstämmen gezimmerte Häuschen mit gehobelten

Bretterdächern. Auf jedem Dache an hoher Stange ein Starkasten; über

jeder Haustür ein aus Blech geschnittenes kleines Rößlein mit

flatternder Mähne. Die Fensterscheiben, uneben und blasig, schillern in

Regenbogenfarben. Krüge mit Blumensträußen sind auf die Fensterläden

gemalt. Vor jedem Häuschen steht säuberlich eine derbe Bank; auf kleinen

angeschütteten Erdhaufen liegen Katzen, zu einem Knäuel zusammengerollt,

und spitzen die durchsichtigen feinen Ohren; hinter der hohen

Türschwelle winkt einladend der kühle, dunkle Hausflur.

Ich liege hart am Rande der Schlucht auf einer ausgebreiteten

Pferdedecke; ringsumher lauter Haufen frischgemähten, betäubend duftigen

Heues. Die fleißigen Hauswirte haben es vor ihren Hütten

auseinandergestreut: dort mag es noch eine Weile an der Sonne

durchtrocknen; dann aber in die Scheuern damit! Wie prächtig wird sichs

darauf schlafen lassen!

Kraushaarige Kinderköpfchen lugen aus jedem Haufen hervor; großschopfige

Hühner scharren im Heu nach Fliegen und Käferchen; ein junger Hund mit

noch hellfarbiger Schnauze wälzt sich in einem Gewirr von Halmen herum.

Blondlockige Burschen in sauberen Gürtelhemden und schwerfälligen,

umsäumten Stiefeln hänseln sich mit Scherzworten, die Brust gegen einen

unbespannten Wagen gestemmt -- und zeigen lachend ihre weißen Zähne.

Aus dem Fenster schaut ein junges Weib mit vollem, rundem Antlitz; sie

lacht, halb über die Scherze der Burschen, halb über die in den

Heuhaufen sich balgenden Kinder.

Ein anderes junges Weib zieht mit kräftigen Armen einen großen nassen

Eimer aus dem Brunnen herauf ... Der Eimer wippt und schaukelt am Seile,

so daß langgezogene, blitzende Tropfen an ihm herabgleiten.

Vor mir steht ein greises Hausmütterchen in einem neuen, karierten

Leinenrock und neuen Schuhen.

Drei Schnüre dicker, hohler Glasperlen schlingen sich um ihren braunen,

faltigen Hals; ihr ergrauter Kopf ist mit einem gelben, rotpunktierten

Tuche umwunden, welches tief über ihre trüben Augen herabhängt.

Freundlich aber lächeln diese greisenhaften Augen; ihr ganzes runzliges

Antlitz lächelt. Hoch in den Siebzigern muß sie sein, das alte

Mütterchen ... aber auch heute noch ist es zu erkennen: eine Schönheit

war sie zu ihrer Zeit!

Mit den sonnenverbrannten, auseinandergespreizten Fingern der rechten

Hand hält sie mir einen Krug kalter, unabgerahmter Milch hin, die frisch

aus dem Keller kommt; der Krug ist außen mit Reif bedeckt, der wie

Perlen glitzert. Auf der linken Handfläche reicht mir die Alte eine

große Schnitte noch warmen Brotes. -- »Iß nur, sei dirs gesegnet,

willkommener Gast!«

Mit einem Male kräht der Hahn und schlägt heftig mit den Flügeln; ihm

zur Antwort blökt nach einer Weile ein eingesperrtes Kalb.

-- »Das nenn ich mir Hafer!« ertönt die Stimme meines Kutschers ...

O diese Genügsamkeit, diese Ruhe, dieser Wohlstand des freien russischen

Dorfes! Dieser stille Friede und Segen!

Und da denke ich mir denn so: was soll uns dann noch  ein Kreuz auf der

Kuppel der Hagia Sophia in Byzanz und all das übrige, um das wir uns so

heiß bemühen, wir Stadtmenschen?

Ein Zwiegespräch

Weder auf der Jungfrau noch auf dem Finsteraarhorn war je ein

menschlicher Fuß.

Die höchsten Gipfel der Alpen ... Eine ganze Kette zerklüfteter

Felsenmassen ... Das Herz des Gebirgsstockes. Über den Bergen wölbt sich

blaßgrün, glänzend und stumm der Himmel. Strenger, schneidender Frost;

harter, flimmernder Schnee; aus dem Schnee hervor ragen rauhe Zacken

vereister, verwitterter Felsblöcke. Zwei Kolosse, zwei Riesen recken

sich zu beiden Seiten des Horizontes empor: Jungfrau und Finsteraarhorn.

Und die Jungfrau spricht zum Nachbar: »Was gibt es Neues? Du hast

freieren Ausblick. Was geht da unten vor?«

Es vergehen einige Jahrhunderte: eine Minute.

Und Finsteraarhorn donnert zur Antwort: »Dichte Wolkenmassen verhüllen

die Erde ... Warte!«

Wieder vergehen Jahrtausende: eine Minute.

»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.

»Jetzt sehe ich; dort unten ist alles wie ehedem: bunt, kleinlich. Blau

die Wasser; schwarz die Wälder; grau die zusammengetragenen Steinhaufen.

Um sie herumwimmeln noch immer diese Käferchen, du weißt, die

zweifüßigen, denen es bisher noch nie gelang, dich und mich zu

beflecken.«

»Menschen?«

»Ja; Menschen.«

Jahrtausende gehen dahin: eine Minute.

»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.

»Die Zahl der Käferchen scheint abgenommen zu haben,« -- grollt das

Finsteraarhorn; »klarer ist es da unten geworden, die Wasser haben sich

verringert, die Wälder gelichtet.«

Wieder verrannen Jahrtausende: eine Minute.

»Was siehst du jetzt?« spricht die Jungfrau.

»Um uns her, in der Nähe ist es sichtlich reiner geworden,« -- erwidert

das Finsteraarhorn; »da hinten nur, in der Ferne, in den Tälern sind

noch Flecken, und dort bewegt sich noch etwas.«

»Aber jetzt?« fragt die Jungfrau, als weitere tausend Jahre verrauschten

-- eine Minute.

»Jetzt ist es gut,« -- antwortet das Finsteraarhorn; -- »rein ist es

überall und ganz weiß, wohin man auch blickt ... Überall unser Schnee,

nichts wie Schnee und Eis. Erstarrt ist alles. Gut ist es jetzt, ruhig.«

»Gut« -- wiederholt die Jungfrau. -- »Allein, wir haben jetzt genug

geplaudert, Alter. Zeit ist's, einzuschlafen.«

»Es ist Zeit.«

Sie schlafen, die gewaltigen Bergriesen; es schläft der grüne,

leuchtende Himmel über der auf ewig verstummten Erde.

Die Alte

Ich ging auf einem weiten Felde, allein.

Plötzlich war es mir, als ob leise, vorsichtige Tritte hinter meinem

Rücken vernehmbar würden ... Es folgte mir jemand.

Ich schaute mich um -- und gewahrte eine kleine, gebeugte Alte, ganz in

graue Lumpen gehüllt. Aus ihnen hervor war nur das Antlitz der Alten

sichtbar: ein gelbes, runzliges, scharfnasiges, zahnloses Antlitz. Ich

ging auf sie zu ... Sie blieb stehen.

»Wer bist du? Was willst du? Bist du eine Bettlerin? Erwartest du ein

Almosen?«

Die Alte gab keine Antwort. Ich beugte mich zu ihr herab und bemerkte,

daß ihre beiden Augen mit einem halbdurchsichtigen, weißlichen Überzug

oder Häutchen bedeckt waren wie bei gewissen Vögeln: deren Augen werden

dadurch vor allzu grellem Licht geschützt.

Bei der Alten aber blieb das Häutchen unbeweglich und ließ die Pupillen

nicht hervortreten ... woraus ich schloß, daß sie blind sei.

»Willst du ein Almosen?« -- wiederholte ich meine Frage. -- »Weshalb

folgst du mir?« -- Doch die Alte blieb stumm wie zuvor, nur krümmte sie

sich ein wenig. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg fort.

Da, wiederum höre ich hinter mir dieselben leisen, gemessenen, gleichsam

schleichenden Tritte.

-- Wieder dieses Weib! -- dachte ich bei mir; -- warum verfolgt sie mich

denn nur? -- Doch gleich kam mir auch der weitere Gedanke: sie wird

wahrscheinlich in ihrer Blindheit den Weg verfehlt haben und folgt jetzt

dem Schall meiner Schritte, um zusammen mit mir zu menschlichen

Wohnungen zu gelangen. Ja ja, so wird's sein.

Allein, nach und nach bemächtigte sich meiner Gedanken eine seltsame

Unruhe: nun wollte es mir scheinen, als ob diese Alte mir nicht bloß

folge, sondern daß sie mich sogar lenke, mich bald nach rechts, bald

nach links stoße, und daß ich ihr willenlos gehorchen müsse.

Dennoch schreite ich weiter ... auf einmal, gerade vor mir auf meinem

Wege, etwas Schwarzes, sich Erweiterndes ... wie eine Grube ... »Ein

Grab!« durchzuckte es mein Hirn. -- Dorthin also stößt sie mich! Hastig

wende ich mich um. Wieder vor mir die Alte ... aber jetzt sieht sie! Sie

blickt auf mich mit großen, boshaften, unheilkündenden Augen ... mit

den Augen eines Raubvogels ... Ich schaue ihr scharf ins Gesicht, in die

Augen ... Wieder dieses trübe Häutchen, dieselben leblosen, stumpfen

Züge ... Ach! denke ich ... diese Alte -- ist mein Schicksal. Jenes

Schicksal, dem niemand entrinnen kann. Kein Entrinnen! Kein Entrinnen?

-- Welch ein Wahnsinn ... Man muß es versuchen. Und ich wende mich

seitwärts, einer anderen Richtung zu.

Rasch eile ich vorwärts ... Allein die leisen Tritte rascheln wie früher

hinter mir, nahe, ganz nahe ... Und vor mir wieder die dunkle Grube.

Aufs neue wende ich mich nach einer anderen Seite ... Und wiederum

dasselbe Rascheln hinter meinem Rücken und vor mir derselbe drohende

Fleck.

Und wohin ich mich auch kehre gleich einem gehetzten Hasen ... immer

dasselbe, immer dasselbe!

Halt! denke ich, -- jetzt will ich sie täuschen! Ich will mich nicht von

der Stelle rühren! -- und augenblicklich setze ich mich an die Erde.

Die Alte steht hinter mir, nur zwei Schritt entfernt. -- Ich höre sie

nicht, aber ich fühle es, sie ist da. Und plötzlich sehe ich: der dunkle

Fleck dort in der Ferne, er schwimmt, er kriecht gerade auf mich zu! O

Gott! Ich schaue rückwärts ... Die Alte hat ihren starren Blick auf mich

geheftet -- und Grinsen verzerrt ihren zahnlosen Mund ...

-- Kein Entrinnen!

Der Hund

Wir zwei sind im Zimmer beisammen: mein Hund und ich ... Draußen heult

wütender Sturm. Mein Hund sitzt dicht vor mir -- und schaut mir

unverwandt ins Auge. Und auch ich blicke in seine Augen. Es scheint, als

müßte er mir etwas sagen wollen. Er ist stumm, er besitzt keine Sprache,

er versteht sich selbst nicht -- aber ich verstehe ihn wohl.

Ich verstehe, daß in diesem Augenblick in ihm wie in mir ein und

dasselbe Gefühl lebt, daß zwischen uns kein Unterschied besteht. Wir

sind vollkommen gleich; in jedem von uns beiden glüht und leuchtet das

gleiche zitternde Flämmchen.

Der Tod fliegt heran, schwingt seine eisigen, gewaltigen Fittiche ... Es

ist zu Ende!

Wer vermöchte dann wohl zu entscheiden, welches Flämmchen in ihm und

welches in mir geglüht hat? Nein! nicht Tier und Mensch tauschen diese

Blicke ... Es sind zwei gleiche Augenpaare, die aufeinander gerichtet

sind. Und in jedem dieser Augenpaare, in dem des Tieres und dem des

Menschen -- schmiegt sich ein und derselbe Lebenstrieb bebend an den des

anderen.

Der Widersacher

Ich hatte einen Kameraden, der beständig mein Widersacher war; zwar

nicht im Studium, auch nicht im Amt oder in der Liebe; nur unsere

Ansichten waren stets unvereinbar, und jedesmal, wenn wir uns trafen --

entspann sich zwischen uns ein endloser Wortstreit. Wir stritten über

alles: über Kunst, über Religion, über die Wissenschaft, über das Leben

auf Erden und im Jenseits -- namentlich über das im Jenseits. Er war ein

gläubiger, schwärmerischer Mensch. Einst sagte er zu mir: »Du

bespöttelst doch auch alles; sollte ich jedoch vor dir sterben, dann

werde ich dir vom Jenseits her erscheinen ... Wir wollen doch sehen, ob

du auch dann noch wirst lachen können!« Und wirklich, er starb vor mir,

ein Werdender in der Blüte der Jugend; doch Jahre vergingen, und ich

vergaß seines Gelübdes -- seiner Drohung.

Einst lag ich des Nachts im Bett -- und konnte nicht, mochte nicht

einmal einschlafen.

Im Zimmer wars nicht finster, aber auch nicht hell; ich begann in das

graue Halbdunkel hineinzustarren. Plötzlich erschien es mir, als ob

zwischen den beiden Fenstern mein Widersacher stünde -- und stumm und

traurig mit dem Kopfe nicke, auf und ab.

Ich erschrak nicht -- wunderte mich nicht einmal ... vielmehr richtete

ich mich ein wenig auf und blickte, auf den Ellenbogen gestützt, nur

noch schärfer auf die unerwartete Erscheinung.

Der drüben fuhr fort, mit dem Kopfe zu nicken.

»Was gibts?« begann ich schließlich. »Triumphierst du? oder trauerst du?

-- Bedeutet dies eine Warnung oder einen Vorwurf?... Oder willst du mir

zu verstehen geben, daß du unrecht hattest? oder daß wir beide unrecht

hatten? Welches Los ist dir denn geworden? Höllenpein oder

Paradieseswonne? So sprich doch wenigstens ein einziges Wort!«

Aber mein Widersacher gab nicht den geringsten Laut von sich -- nur wie

vorher nickte er bloß immer traurig und still ergeben mit dem Kopfe --

auf und ab. Da lachte ich laut auf ... und er verschwand.

Der Bettler

Ich ging die Straße hinunter ... Ein dürftiger, gebrechlicher Greis

hielt mich an.

Entzündete, tränende Augen, fahlblaue Lippen, zerfetzte Lumpen,

unsaubere Schwären ... O, wie schrecklich hatte die Not dieses

unglückliche Geschöpf verunstaltet! Er streckte mir seine gerötete,

verschwollene, schmutzige Hand hin ... Er stöhnte, er ächzte um Hilfe.

Ich begann alle meine Taschen zu durchsuchen ... Aber weder Geldbeutel

noch Uhr, nicht einmal das Taschentuch war da ... Ich hatte nichts

mitgenommen. Der Bettler aber wartete noch immer ... und seine

vorgestreckte Hand bebte und zitterte vor Schwäche. Verwirrt und

verlegen ergriff ich mit kräftigem Drucke diese schmutzige, zitternde

Hand ... »Zürne mir nicht, Bruder; ich habe gar nichts bei mir, mein

Bruder.« Der Bettler richtete seine entzündeten Augen auf mich; ein

Lächeln kam auf seine fahlen Lippen -- und dann drückte auch er meine

erkalteten Finger.

»Laß es gut sein, Bruder,« sagte er leise; »auch dafür bin ich dir

dankbar. -- Auch das ist eine Gabe, mein Bruder.«

Da fühlte ich, daß auch ich von meinem Bruder eine Gabe empfangen

hatte.

Erfahren wirst du noch, wie Toren richten ...

_Puschkin_

»Erfahren wirst du noch, wie Toren richten ...« Immer sprachst du die

Wahrheit, großer, vaterländischer Dichter du, auch diesmal hast du wahr

gesprochen. »Wie Toren richten und die Menge spottet ...« Wer hätte es

nicht an sich selbst erfahren, so dies wie jenes? All dies kann -- und

muß ertragen werden; wer die Kraft dazu hat -- der mag es auch

verachten!

Doch es gibt Schläge, die härter und mitten ins Herz treffen ... Ein

Mann tat alles, was er vermochte; wirkte in unablässiger, hingebender,

ehrlicher Arbeit ... Da wenden sich ehrliche Herzen verächtlich von ihm

ab; ehrliche Gesichter flammen auf in Unwillen bei Nennung seines

Namens. »Hinweg! Fort mit dir!« schallen ihm ehrliche junge Stimmen

entgegen. -- »Dich und deine Mühe brauchen wir nicht; du schändest unser

Heim -- du kennst und du verstehst uns nicht ... Du bist unser Feind!«

Was soll dieser Mann nun tun? Fortfahren soll er im Bemühen, soll nicht

versuchen, sich zu rechtfertigen -- soll nicht einmal die Hoffnung auf

künftige gerechtere Beurteilung nähren.

Einst haben Landleute einen Reisenden verflucht, der ihnen die Kartoffel

brachte, den Ersatz des Brotes, die tägliche Nahrung des Armen ... Aus

seinen Händen, die er ihnen entgegenstreckte, schlugen sie die kostbare

Gabe, warfen sie in den Kot, traten sie mit Füßen.

Jetzt nähren sie sich davon -- und kennen nicht einmal den Namen ihres

Wohltäters.

Nun, wenn auch! Was soll ihnen sein Name? Auch als Namenloser bewahrt er

sie vor dem Hunger.

Wir aber wollen emsig darauf bedacht sein, daß die Frucht unseres

Fleißes wahrhaft nützliche Speise sei. Bitter freilich ist ungerechter

Tadel aus dem Munde derer, die man liebt ... Doch auch dies kann man

verwinden ...

»Schlage mich! aber höre mich an!« sprach der athenische Feldherr zum

spartanischen.

»Schlage mich -- aber sei gesund und satt!« so sollen _wir_ denken.

Ein Zufriedener

Durch eine Straße der Hauptstadt eilt mit munteren Schritten ein noch

junger Mann. -- Seine Bewegungen sind freudig und lebhaft; seine Augen

leuchten, Lächeln spielt um seine Lippen, in frischer Röte strahlt sein

freundliches Antlitz ... Er ist ganz Zufriedenheit und Freude.

Was ist mit ihm vorgegangen? Hat er eine Erbschaft gemacht? Wurde er im

Amte befördert? Eilt er zu einem zärtlichen Schäferstündchen? Vielleicht

hat er auch bloß -- gut gefrühstückt, -- und das Gefühl der Gesundheit,

der vollen Kraft schwellt alle seine Glieder! Man wird doch nicht gar

seinen Hals mit deinem schönen achteckigen Kreuz geschmückt haben, o

polnischer König Stanislaus!

Nein! Er hat eine Verleumdung gegen einen Bekannten ersonnen, hat sie

eifrig in Umlauf gesetzt, sie, ebendieselbe Verleumdung, aus dem Munde

eines anderen Bekannten vernommen -- und _ihr selber Glauben geschenkt_.

O, wie zufrieden, ja wie brav ist in diesem Augenblick dieser

liebenswürdige, vielversprechende junge Mann!

Eine Lebensregel

»Wenn Sie mal den Wunsch haben, Ihrem Gegner gehörig mitzuspielen und

ihn womöglich zu kränken,« sagte mir einst ein alter Schlaukopf, »dann

werfen Sie ihm nur denselben Fehler oder dasselbe Laster vor, dessen Sie

sich selber bewußt sind. -- Spielen Sie den Entrüsteten ... und tadeln

Sie ihn!

»Denn erstens -- bringt dies dem anderen die Meinung bei, daß Sie von

diesem Laster frei wären.

»Zweitens -- darf Ihre Entrüstung sogar eine aufrichtige sein ... Sie

können aus den Vorwürfen Ihres eigenen Gewissens Nutzen ziehen.

»Sind Sie beispielsweise ein Renegat -- dann werfen Sie Ihrem Gegner

vor, er sei ohne jede Überzeugung! Sind Sie selber eine Lakaienseele --

dann sagen Sie ihm in vorwurfsvollem Tone, er sei ein Lakai ... ein

Lakai der Zivilisation, der Aufklärung, des Sozialismus!«

»Man könnte vielleicht sogar sagen: ein Lakai des Lakaienhasses!«

bemerkte ich.

»Selbst dies!« erwiderte prompt der Schlaukopf.

Das Ende der Welt

Ein Traum

Mir träumte, ich befände mich in irgendeinem Winkel Rußlands, in der

Einsamkeit, in einer einfachen Dorfhütte.

Eine geräumige, niedrige, dreifenstrige Stube; die Wände weiß getüncht;

aller Hausrat fehlt. Vor der Hütte eine kahle Ebene; in sanfter Neigung

breitet sie sich in die Ferne aus; ein grauer, einförmiger Himmel hängt

darüber wie ein härenes Tuch.

Ich bin nicht allein; etwa zehn Menschen sind mit mir in der Stube.

Alles einfache Leute, einfach gekleidet; sie gehen in der Stube auf und

ab, schweigend, gleichsam schleichend. Jeder weicht dem anderen aus --

aber unaufhörlich begegnen sich ihre besorgten Blicke.

Keiner weiß, warum er in dies Haus geraten ist und was die anderen

bedeuten. Auf jedem Angesicht lagert Unruhe und Bangigkeit ... alle

treten abwechselnd an die Fenster und blicken forschend hinaus, als

warteten sie auf etwas von dorther.

Dann wieder gehen sie unausgesetzt auf und ab.

Zwischen ihnen bewegt sich ein kleiner Knabe; von Zeit zu Zeit wimmert

er mit dünner eintöniger Stimme: »Väterchen, ich fürchte mich!« -- Bei

diesem Wimmern wird mir kalt ums Herz -- und auch mich beschleicht

Furcht ... Wovor? Ich weiß es selbst nicht. Nur dies eine fühle ich:

heran kommt und nähert sich ein großes, großes Unheil.

Der Knabe aber wimmert in einem fort. Ach, könnte man doch nur hinaus!

Wie dumpf ists hier! Wie beklommen! Wie bedrückend!... Doch nirgends ein

Ausweg.

Dieser Himmel da -- gerade wie ein Leichentuch. Und kein Windhauch ...

Ist denn die Lust erstorben? Plötzlich springt der Knabe ans Fenster und

schreit mit derselben kläglichen Stimme: »Seht! seht! die Erde ist

versunken!«

-- »Wie? Versunken!« -- Wahrhaftig: vorhin war vor dem Hause eine Ebene

-- jetzt steht es auf dem Gipfel eines ungeheuren Berges! Der Horizont

ist herabgefallen, in die Tiefe gesunken -- und dicht vor dem Hause

starrt ein fast senkrechter, gähnender, schwarzer Abgrund.

Wir haben uns alle an die Fenster gedrängt ... Der Schrecken erstarrt

unsere Herzen zu Eis. -- »Dort kommt es ... dort kommt es!« flüstert

mein Nachbar.

Richtig: rings um den fernen Erdrand begann es sich zu bewegen, hoben

und senkten sich kleine wellige Hügel.

»Das Meer!« durchfuhr es uns alle im selben Augenblick. »Gleich wird es

uns alle verschlingen ... Wie kann es bloß so wachsen und in die Höhe

steigen? Bis zu diesem Felsgrat?«

Allein es wächst, wächst mit rasender Eile ... Schon sinds nicht mehr

einzelne, in der Ferne schwankende Hügel ... Eine einzige geschlossene,

ungeheure Woge überflutet den ganzen Horizont.

Sie rast, rast auf uns zu! In eisigem Sturme braust sie heran, ballt

sich wie Höllennacht. Alles erbebt ringsum -- dort aber, in jener

hereinbrechenden Masse -- Dröhnen, Donnern, tausendstimmiger, eherner

Schrei ...

Ha! Welch ein Brüllen und Heulen! Das ist der Schreckensschrei der

Erde ...

Vernichtung ihr! Vernichtung allem!

Noch einmal wimmert der Kleine ... Ich will mich an meine Gefährten

klammern -- doch schon sind wir alle zerschmettert, begraben,

verschlungen, fortgerissen von dieser pechschwarzen, eisigen, donnernden

Woge!

Finsternis ... ewige Finsternis!

Nach Atem ringend erwachte ich.

Mascha

Als ich noch vor vielen Jahren in Petersburg lebte, knüpfte ich

jedesmal, wenn ich eine Droschke nehmen mußte, mit dem Kutscher ein

Gespräch an.

Besonders gern unterhielt ich mich mit den Nachtkutschern, armen Bauern

aus der Umgegend, die mit einem gelbgestrichenen Schlitten und einem

ärmlichen Karrengaul in die Hauptstadt kamen -- in der Hoffnung, dort

selber ihren Unterhalt zu finden, wie auch die Abgabe an ihre Gutsherren

erübrigen zu können. Einst nahm ich wieder mal einen solchen

Kutscher ... Ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, hochgewachsen,

stämmig, wie aus Kernholz; mit blauen Augen und frischroten Backen; sein

Haar quoll in blonden Locken unter der tief bis auf die Augenbrauen

herabgezogenen geflickten Mütze hervor. -- Und wie hatte er bloß diesen

zerrissenen kleinen Kittel über seine riesigen Schultern ziehen können!

Indessen, das hübsche, bartlose Gesicht meines Kutschers schien

bekümmert und betrübt.

Ich knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Auch aus seiner Stimme klang

Trübsal.

»Nun, Freundchen,« fragte ich ihn, »warum bist du so traurig? Drückt

dich irgendein Kummer?«

Der Bursche zögerte mit der Antwort.

»Freilich, Herr, freilich,« brachte er schließlich heraus. »Und ein

Kummer, wie er nicht größer sein kann. Mein Weib ist gestorben.«

»Du hast sie wohl sehr geliebt ... dein Weib?«

Der Bursche wandte sich nicht zu mir um; er neigte nur ein wenig den

Kopf.

»Freilich liebte ich sie, Herr. Acht Monat ists her, aber ich kanns

nicht vergessen. Es frißt mir am Herzen ... immerfort! Warum hat sie

auch sterben müssen? War doch jung! gesund!... An _einem_ Tage hat die

Cholera sie abgewürgt.«

»Sie war dir wohl ein braves Weib?«

»Ach Herr!« seufzte der arme Bursche schwer auf. »Und wie gut haben wir

zusammengelebt! Sie ist ohne mich gestorben. Kaum hörte ich es hier, daß

man sie gar schon begraben hätte, -- da jagte ich augenblicklich zum

Dorf, nach Hause. Ich kam an -- da wars schon nach Mitternacht. Ich

trete in meine Hütte, steh mitten in der Stube still und rufe so ganz

leise: 'Mascha! meine Mascha!' Aber nur das Heimchen zirpt. -- Da kommt

mir das Heulen, ich werfe mich auf die Diele -- wie habe ich da mit den

Händen auf den Boden gehauen! -- 'Du unersättliche Grube!' schrei

ich ... 'Sie hast du verschlungen ... dann verschling auch mich!' -- Ach

Mascha!«

»Mascha!« -- setzte er mit plötzlich versagender Stimme hinzu. Und ohne

seine groben Zügel loszulassen, wischte er sich mit seinen

Fausthandschuhen die Tränen aus den Augen, schüttelte sie ab, zuckte die

Achseln -- und sprach kein Wort mehr.

Als ich aus dem Schlitten stieg, gab ich ihm eine Kleinigkeit über den

Fahrpreis. -- Er verbeugte sich tief, indem er mit beiden Händen nach

der Mütze griff -- und fuhr dann langsam davon über die glatte

Schneefläche der menschenleeren Straße, die der graue Nebel des

Januarfrostes einhüllte.

Der Dummkopf

Es war einmal ein Dummkopf.

Lange Zeit lebte er in ungestörter Zufriedenheit; doch allmählich

drangen Gerüchte zu seinen Ohren, daß er überall für einen hirnlosen

Narren gelte.

Das betrübte den Dummkopf, und er begann sorgenvoll darüber

nachzugrübeln, wie er wohl diese fatalen Gerüchte aus der Welt schaffen

könnte.

Endlich erleuchtete ein glücklicher Gedanke seinen hohlen Kopf ... und

ungesäumt ging er daran, ihn in die Tat umzusetzen.

Auf der Straße begegnete ihm ein Bekannter -- der über einen namhaften

Maler lobend zu sprechen begann ...

»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Diesen Maler hat man ja längst

zum alten Eisen geworfen ... Das wissen Sie nicht? -- Von Ihnen hätte

ich das nicht erwartet ... Sie sind -- sehr zurückgeblieben.«

Der Bekannte erschrak -- und pflichtete dem Dummkopf sofort bei.

»Da habe ich heute ein herrliches Buch gelesen!« sagte ihm ein anderer

Bekannter.

»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Schämen Sie sich denn nicht?

Dies Buch hat ja nicht den geringsten Wert; alle Welt macht sich darüber

lustig. -- Das wissen Sie nicht? -- Sie sind -- sehr zurückgeblieben.«

Auch dieser Bekannte erschrak -- und stimmte dem Dummkopf bei.

»Ein wundervoller Mensch, mein Freund N. N.!« äußerte ein dritter

Bekannter zum Dummkopf. »Eine wahrhaft vornehme Natur!«

»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »N. N. ist ein notorischer

Schurke. Seine ganze Verwandtschaft hat er gebrandschatzt. Wer wüßte

denn das nicht? -- Sie sind -- sehr zurückgeblieben!«

Der dritte Bekannte erschrak gleichfalls, schenkte dem Dummkopf Glauben

und sagte sich von seinem Freunde los. Und was man auch in Gegenwart des

Dummkopfs loben mochte -- für alles hatte er die gleiche Antwort.

Höchstens daß er gelegentlich im Tone leisen Vorwurfs hinzufügte:

»Glauben Sie denn immer noch an Autoritäten?«

»Gift und Galle ist er!« begannen nun die Bekannten über den Dummkopf zu

urteilen. -- »Aber welch ein Kopf!« -- »Und welche Redegewandtheit!« --

setzten andere hinzu. -- »O gewiß, er hat Talent!«

Das Ende war, daß der Herausgeber eines Tageblattes dem Dummkopf die

Leitung des kritischen Teiles übertrug.

Da fing nun der Dummkopf an, alles und alle zu kritisieren, ohne seine

gewohnte Art noch seine bisherigen Ausdrücke irgendwie zu ändern.

Jetzt ist er, der einst Autoritäten befehdete -- selbst eine Autorität

-- und die Jugend beugt sich vor ihm -- und fürchtet ihn.

Was sollten sie auch tun, die armen jungen Leutchen? -- Es ist ja -- im

allgemeinen -- fatal, sich beugen zu sollen ... indessen, es unterstehe

sich nur mal einer und beuge sich nicht -- gleich sitzt er im Topf der

»Zurückgebliebenen«!

Leicht hats ein Dummkopf unter Hasenfüßen.

Eine Legende des Morgenlandes

Wer kennt nicht in Bagdad den großen Dschaffar, die Sonne des Weltalls?

Einst -- vor langen Jahren -- da er noch ein Jüngling war, lustwandelte

Dschaffar in der Umgebung von Bagdad.

Plötzlich traf ein heiserer Schrei sein Ohr: es rief jemand verzweifelt

um Hilfe.

Dschaffar zeichnete sich vor seinen Altersgenossen durch Klugheit und

Besonnenheit aus; doch hatte er ein mitleidsvolles Herz -- und vertraute

auf seine Kraft. Er rannte dem Schrei nach und erblickte einen

hinfälligen Greis, der von zwei Räubern gegen die Stadtmauer gedrückt

und beraubt wurde.

Dschaffar zückte seinen Säbel und stürzte sich auf die Räuber: einen

schlug er nieder, den andern trieb er in die Flucht.

Der befreite Greis fiel seinem Retter zu Füßen und sprach, indem er den

Saum seines Mantels küßte: »Tapferer Jüngling, dein Edelmut soll nicht

unbelohnt bleiben. Dem Aussehen nach bin ich zwar ein armer Bettler;

doch nur dem Aussehen nach. Ich bin kein Mann aus niederem Stande, --

komme morgen in der Frühe auf den großen Bazar; am Springbrunnen werde

ich dich erwarten -- und dann sollst du dich von der Wahrheit meiner

Worte überzeugen.«

Dschaffar dachte bei sich: »Dem Aussehen nach ist dieser Mann ein

Bettler, ohne Zweifel; indessen -- nichts ist unmöglich. Weshalb sollte

ich es nicht versuchen?« und gab zur Antwort: »Gut, mein Vater, ich

werde kommen.«

Der Greis blickte ihm ins Auge -- und entfernte sich.

Am anderen Morgen, als es eben erst dämmerte, begab sich Dschaffar auf

den Bazar. Am Springbrunnen, auf dessen Marmorrand er sich mit den

Ellenbogen gestützt hatte, harrte seiner schon der Greis.

Schweigend nahm er Dschaffar bei der Hand und führte ihn in einen

kleinen Garten, der rings von hohen Mauern umgeben war.

Mitten im Garten, auf einem grünen Rasenplatz, stand ein Baum von

ungewöhnlichem Aussehen.

Er glich einer Zypresse; nur war sein Laub von azurblauer Farbe.

Drei Früchte -- drei Äpfel hingen an den schmalen, aufwärtsstrebenden

Zweigen: der eine von mittlerer Größe, länglich und milchweiß; der

andere groß, rund und feuerrot; der dritte klein, verschrumpft und

gelblich.

Leise rauschte der Baum, obwohl es windstill war; zart und klagend klang

sein Rauschen, wie der Ton des Glases. Es schien, als fühle er die Nähe

Dschaffars. »Jüngling!« -- hub der Greis nun an -- »pflücke dir nach

Belieben eine von diesen Früchten, doch wisse: pflückst du und ißt du

die weiße -- dann wirst du klüger werden als alle Menschen; pflückst du

und ißt du die rote -- dann wirst du so reich wie der Jude Rothschild;

pflückst du und ißt du aber die gelbe -- dann wirst du allen alten

Weibern gefallen. Entscheide dich!... und zaudere nicht. In einer Stunde

verwelken die Früchte, und der Baum selber versinkt in den stummen Schoß

der Erde!«

Dschaffar senkte sein Haupt und sann nach. -- »Wie wähle ich hier am

besten?« sprach er halblaut vor sich hin, gleich als ginge er mit sich

selbst zu Rate. -- »Wer allzu weise wird, könnte des Lebens überdrüssig

werden; wer reicher wird als alle Menschen, wird ihrem Neide verfallen;

besser, ich pflücke und esse den dritten Apfel, den runzligen!«

Und so tat er auch; der Greis aber lächelte mit seinem zahnlosen Munde

und sprach: »O du weisester aller Jünglinge! Du hast das beste Teil

erwählt! -- Was sollte dir auch der weiße Apfel? Auch so bist du ja

klüger als Salomo. -- Den roten Apfel brauchst du gleichfalls nicht ...

Auch ohne ihn wirst du reich werden. Aber deinen Reichtum wird dir

niemand neiden können.«

»Sag an, Alter,« entgegnete Dschaffar sich aufrichtend, »wo wohnt die

ehrwürdige Mutter unseres gottgeliebten Kalifen?«

Der Greis verneigte sich bis zur Erde -- und wies dem Jüngling den Weg.

Wer kennt nicht in Bagdad die Sonne des Weltalls, den großen,

ruhmreichen Dschaffar?

Zwei Vierzeiler

Einst gab es eine Stadt, deren Bewohner in solch leidenschaftlicher

Weise der Poesie ergeben waren, daß, wenn einmal einige Wochen

verstrichen, ohne daß neue schöne Verse bekannt wurden, sie eine solche

Mißernte als ein öffentliches Unglück empfanden.

Dann zogen sie ihre schlechtesten Kleider an, streuten sich Asche aufs

Haupt, sammelten sich in Scharen auf den Plätzen und haderten unter

bitteren Tränen mit der Muse, weil sie sich von ihnen abgewendet habe.

An einem solchen Trauertage erschien der junge Dichter Junius auf dem

Platze, der von einer wehklagenden Volksmenge erfüllt war.

Mit raschen Schritten bestieg er die eigens dazu hergerichtete Kanzel

und verkündete durch ein Zeichen, daß er ein Gedicht vorzutragen

wünsche.

Sofort schwangen die Liktoren ihre Stäbe. »Ruhe, Aufmerksamkeit!«

schrien sie laut -- und erwartungsvoll verstummte die Menge.

»Genossen! Freunde!« begann Junius mit tönender, aber etwas unsicherer

Stimme:

»Genossen! Freunde all! Der Dichtkunst Gönner ihr!

Bewundrer alles des, was edel und vollendet!

Laßt euch vom trüben Leid des Augenblicks nicht beugen!

Die frohe Stunde naht ... und Dunkel weicht dem Licht.«

Junius hielt inne ... aber als Antwort erscholl von allen Enden des

Platzes her Lärmen, Pfeifen und Hohngelächter.

Alle ihm zugewandten Gesichter flammten vor Unwillen, alle Augen

blitzten vor Zorn, alle Hände erhoben sich, drohten, ballten sich zu

Fäusten!

»Mit solchen Stümpereien dachte er unseren Beifall zu erringen!« schrien

zornige Stimmen. »Herunter von der Kanzel mit dem unbeholfenen

Reimschmied! Fort mit dem Dummkopf. Faule Äpfel und Eier auf den hohlen

Narren! Gebt Steine! Steine her!«

Hals über Kopf flüchtete Junius von der Kanzel ... aber noch war er

nicht bis an sein Haus gelangt, als donnerndes Händeklatschen,

Beifallsruf und Freudengeschrei an sein Ohr drang.

Von Zweifeln erfaßt, aber voll Sorge, erkannt zu werden -- denn es ist

gefährlich, ein wütendes Tier zu reizen --, kehrte Junius auf den Platz

zurück.

Und was sah er?

Hoch über der Menge, von deren Schultern getragen, stand auf einem

flachen goldenen Schilde, in einen purpurnen Mantel gehüllt, einen

Lorbeerkranz auf dem wallenden Lockenhaar, sein Nebenbuhler, der junge

Dichter Julius ... Rings aber schrie das Volk: »Heil! Heil! Heil dem

unsterblichen Julius! In unserer Trübsal, in unserem großen Kummer hat

er uns getröstet! Er hat uns mit Versen beschenkt, süßer als Honig,

wohlklingender als Zimbelton, würziger als Rosenduft, klarer als

Himmelsbläue! Tragt ihn in Jubel einher, salbt sein begnadetes Haupt mit

köstlichem Balsam, kühlt seine Stirn durch sanftes Fächeln mit

Palmenzweigen, streut zu seinen Füßen alle Wohlgerüche arabischer

Myrrhen! Heil!«

Junius näherte sich einem dieser Beifallsrufer. »Sage mir doch, lieber

Mitbürger, mit welchen Versen Julius uns beglückt hat! Leider war ich

nicht hier auf dem Platze, als er sie vortrug! Wiederhole sie mir doch,

wenn du sie behalten hast, tu mir den Gefallen!«

»Wie sollte man -- solche Verse nicht im Gedächtnis behalten?«

antwortete erregt der Gefragte. »Wofür hältst du mich denn? So höre --

und jauchze, jauchze mit uns!

'Der Dichtkunst Gönner ihr!' so begann der göttliche Julius ...

'Der Dichtkunst Gönner ihr! Genossen! Freunde all!

Bewundrer alles des, was edel, groß und herrlich!

Laßt euch vom schweren Harm des Augenblicks nicht trüben!

Die freudge Stunde naht -- und Tag verscheucht die Nacht!'

Herrlich, nicht wahr?«

»Um Himmels willen!« rief Junius aus, »das sind ja doch meine eigenen

Verse! -- Julius hat sich gewiß unter der Volksmenge befunden, als ich

sie vortrug -- er hat sie gehört und dann wiederholt, wobei er nur

einige Ausdrücke -- und keineswegs zum Vorteil -- veränderte!«

»Aha! Jetzt erkenne ich dich ... du bist Junius,« entgegnete

stirnrunzelnd der angesprochene Bürger. »Ein Neidhammel bist du oder ein

Dummkopf!... So überlege doch nur dies eine, Unglücklicher! Wie erhaben

heißt es bei Julius: 'Und Tag verscheucht die Nacht!' ... Bei dir

dagegen -- so recht abgeschmackt: 'Und Dunkel weicht dem Licht!' --

Welches Licht?! Welches Dunkel?!«

»Ja, ist das denn nicht ein und dasselbe?« wagte Junius einzuwenden ...

»Ein einziges Wort noch,« unterbrach ihn der Bürger, »und ich rufe das

Volk auf ... das dich zerreißen wird!«

Junius schwieg wohlweislich still, indes ein grauhaariger alter Mann,

der sein Gespräch mit dem Bürger gehört hatte, auf den niedergeschlagenen

Dichter zutrat, ihm die Hand auf die Schulter legte und sprach:

»Junius! Du gabst Selbstgeschaffenes, aber zur Unzeit; der andere gab

nicht Selbstgeschaffenes, doch zur rechten Zeit. -- Folglich hat er

recht -- dir aber bleibt der Trost deines reinen Gewissens.«

Doch während das reine Gewissen -- so gut und so weit es irgend

vermochte ... in Wahrheit jedoch nur sehr schlecht -- den Junius

tröstete, der sich stumm in einen Winkel gedrückt hatte, schwebte in der

Ferne, unter tosendem Beifallsjauchzen, im goldenen Siegesglanz der

Sonne, strahlend in Purpur, beschattet vom Lorbeerkranz, von frischem

Balsamduft umweht, in feierlicher Langsamkeit, gleich einem Könige, der

zur Krönung schreitet, -- in gemessener, stolzer Haltung die Gestalt des

Julius dahin ... und Reihen langer Palmenzweige hoben und neigten sich

vor ihm, gleich als wollten sie mit ihrem stummen Sichaufrichten, ihrem

demütigen Sichneigen die beständig sich erneuernde Verehrung ausdrücken,

welche die Herzen seiner durch ihn bezauberten Mitbürger erfüllte.

Der Sperling

Auf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die Gartenallee. Mein

Hund lief vor mir her.

Plötzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, gleich als

wittere er vor sich ein Wild.

Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit

gelbgerandetem Schnabel und Flaum auf dem Köpfchen. Er war aus dem Neste

gefallen -- heftiger Wind schüttelte die Birken der Allee -- und hockte

unbeweglich, hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügelchen

ausstreckend.

Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von einem nahen Baume

sich herabstürzend, der alte schwarzbrüstige Sperling wie ein Stein

gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel und völlig zerzaust, verstört,

mit verzweifeltem, kläglichem Gezeter mehrmals gegen den

scharfgezahnten, geöffneten Rachen lossprang. Er warf sich über sein

Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leibe wollte er es

schützen ... doch sein ganzer kleiner Körper bebte vor Schrecken, sein

Stimmchen klang wild und heiser, Betäubung erfaßte ihn, er opferte sich

selbst!

Als welch riesengroßes Untier mußte ihm der Hund erscheinen! Und dennoch

hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Aste zu bleiben vermocht ...

Eine Macht, stärker als sein Wille, riß ihn von dort herab.

Mein Tresor hielt inne, wich zurück ... Sichtlich begriff auch er diese

Macht.

Schnell rief ich meinen verblüfften Hund zurück und entfernte mich,

Ehrfurcht im Herzen.

Ja; lächelt nicht darüber. Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen

heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden Kraft seiner Liebe.

Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und die Schrecken des

Todes. Sie allein, allein die Liebe erhält und bewegt unser Leben.

Die Totenschädel

Ein prachtvoller, glänzend erleuchteter Saal; eine zahlreiche

Gesellschaft von Herren und Damen. Ringsum lebensprühende Gesichter und

eifrige Gespräche ... Die sprudelnde Unterhaltung dreht sich um eine

berühmte Sängerin. Man vergöttert sie, nennt sie unsterblich ... O, wie

herrlich hat sie gestern ihren letzten Triller hinausgeschmettert!

Und plötzlich -- wie auf den Wink eines Zauberstabes -- verschwand von

allen Köpfen und allen Gesichtern die zarte Hülle der Haut, und

augenblicklich erschienen die Schädel in ihrer Totenblässe, traten

Kiefer und Backenknochen in bleigrauer Farbe hervor.

Mit Entsetzen sah ich, wie sich alle diese Kiefer und Backenknochen

bewegten und rührten -- wie sich diese rundlichen, knöchernen Kugeln, im

Scheine der Lampen und Kerzen widerstrahlend, hin und her wendeten --

und wie sich in ihnen andere kleinere Kugeln drehten, die ausdruckslosen

Augäpfel.

Ich wagte nicht, mein eigenes Antlitz zu berühren, wagte auch nicht,

mich im Spiegel zu betrachten.

Die Totenschädel aber drehten sich wie zuvor ... Und mit derselben

Lebhaftigkeit, kleine rote Lappen zwischen den fleischlosen Kinnladen

geläufig hin und her bewegend, schwatzten die geschäftigen Stimmen

davon, wie wunderbar, wie unübertrefflich die unsterbliche ... ja, die

unsterbliche Sängerin ihren letzten Triller hinausgeschmettert habe!

Die Tagelöhner und der Weißhändige

Ein Gespräch

_Tagelöhner_

Was drängst du dich zu uns? Was willst du? Du gehörst nicht zu uns ...

Mach, daß du weiterkommst!

_Der Weißhändige_

Ich gehöre zu euch, Brüder!

_Tagelöhner_

Das wäre doch! Zu uns! Was fällt dir denn ein? Schau mal auf meine

Hände. Siehst du, wie schmutzig die sind? Nach Dünger riechen sie und

nach Teer, -- deine Hände aber sind weiß. Wonach riechen die denn?

_Der Weißhändige_ (seine Hände hinhaltend)

So rieche doch!

_Tagelöhner_ (sie beriechend)

Was ist denn das? Gerade als röchen sie nach Eisen.

_Der Weißhändige_

Nach Eisen, so ist es. Volle sechs Jahre trug ich sie in Ketten.

_Tagelöhner_

Warum denn das?

_Der Weißhändige_

Darum, weil ich für euer Wohl gearbeitet habe, weil ich euch befreien

wollte, euch geplagte, stumpfe Menschen; weil ich auftrat gegen eure

Bedrücker, revoltierte ... Da haben sie mich denn gefangengesetzt.

_Tagelöhner_

Gefangengesetzt? Ja, wer hieß dich denn auch revoltieren?!

-- _Zwei Jahre später_ --

_Einer derselben Tagelöhner_ (zum anderen)

Hör mal, Peter ... Du weißt doch noch, wie im vorvorigen Jahr so 'n

weißhändiger Kerl mit dir schwatzte?

_Zweiter Tagelöhner_

Freilich ... na, und?

_Erster Tagelöhner_

Nun, hängen werden sie ihn heute; so 'n Befehl ist gekommen.

_Zweiter Tagelöhner_

Hat er denn wieder revoltiert?

_Erster Tagelöhner_

Wieder revoltiert!

_Zweiter Tagelöhner_

Na ... Weißt du was, Bruder Dmitry: laß uns zusehen, daß wir den Strick

kriegen, mit dem er gehängt wird; so was soll doch 'n mächtiges Glück

ins Haus bringen!

_Erster Tagelöhner_

Hast recht. Wollen doch zusehen, Bruder Peter.

Die Rose

Es war in den letzten Tagen des August ... Der Herbst hatte bereits

seinen Einzug gehalten.

Die Sonne ging unter. In plötzlichen, heftigen Güssen, doch ohne Donner

und Blitz, war eben ein starker Regenschauer über unsere weite Ebene

hinweggezogen. Der Garten vor dem Hause glühte und dampfte, ganz

überflutet vom flammenden Abendrot und dem Naß des Regens.

Sie saß am Tisch im Wohnzimmer und blickte in starrem Nachdenken durch

die halboffene Tür in den Garten hinaus.

Ich wußte, was damals in ihrer Seele vorging; wußte, daß sie nach einem

kurzen, aber schmerzlichen Ringen sich in diesem Augenblick einem

Gefühle ergab, das sie nicht länger zu bemeistern imstande war.

Plötzlich erhob sie sich, ging schnell in den Garten hinaus und

verschwand.

Es verging eine Stunde ... und noch eine Stunde: sie kam nicht wieder.

Da stand ich auf, trat aus dem Hause und wandte mich nach der Allee,

durch welche -- wie ich bestimmt voraussetzte -- auch sie gegangen war.

Rings war alles in Dunkel gehüllt; die Nacht war schon hereingebrochen.

Trotzdem war auf dem feuchten Kieswege, selbst durch den dichten

Schleier der Finsternis hindurch noch rötlich schimmernd, ein rundlicher

Gegenstand erkennbar.

Ich beugte mich herab. Es war eine junge, kaum aufgeblühte Rose. Noch

vor zwei Stunden hatte ich dieselbe Rose an ihrem Busen gesehen.

Behutsam hob ich die in den Schmutz gefallene Blume auf, kehrte zum

Wohnzimmer zurück und legte sie vor ihren Stuhl auf den Tisch.

Endlich kam auch sie zurück -- durchmaß mit leichten Schritten das

Zimmer und setzte sich an den Tisch. Ihr Antlitz war jetzt blasser, aber

auch belebter; unstet, mit einem Anfluge lächelnder Befangenheit, irrten

ihre gesenkten, scheinbar verkleinerten Augen umher. Da bemerkte sie die

Rose, ergriff sie, betrachtete ihre zerdrückten, beschmutzten Blätter,

blickte dann auf mich -- und nun, plötzlich innehaltend, erglänzten ihre

Augen in Tränen.

»Warum weinen Sie?« fragte ich.

»Um diese Rose da. Sehen Sie doch, was aus ihr geworden ist.«

Da versuchte ich es mit einer leisen Anspielung. »Ihre Tränen werden

diese Flecken abwaschen,« bemerkte ich mit vielsagender Betonung.

»Tränen waschen nicht ab, Tränen versengen,« entgegnete sie, wandte sich

zum Kamin und warf die Blume in die ersterbende Flamme.

»Feuer versengt noch besser als Tränen,« rief sie mit einer gewissen

Entschlossenheit, -- und ihre schönen Augen, in denen die Tränen noch

schimmerten, strahlten in mutvollem und beglücktem Lächeln.

Da wußte ich, daß auch sie versengt war.

Letztes Wiedersehen

Wir waren einst Freunde, enge, treue Freunde ... Doch es kam ein

verhängnisvoller Augenblick -- und wir entfremdeten uns, wurden Feinde.

Viele Jahre vergingen ... Da kam ich eines Tages auf der Durchreise in

die Stadt, in der er wohnte, und erfuhr, daß er hoffnungslos

darniederliege und mich wiederzusehen wünsche.

Ich ging zu ihm, trat in sein Zimmer ... unsere Blicke begegneten sich.

Kaum erkannte ich ihn wieder. Gott! Wie hatte das Leiden ihn entstellt!

Gelb, vertrocknet, mit vollständig kahlem Kopf und dünnem, ergrautem

Bart, saß er in bloßem, eigens für ihn gefertigten Hemde da ... Er

vermochte den Druck selbst des leichtesten Gewandes nicht mehr zu

ertragen. Hastig streckte er mir seine erschreckend hagere, gleichsam

abgenagte Hand entgegen und brachte mühsam einige unverständliche Worte

hervor -- ob es ein Gruß, ob es ein Vorwurf war -- wer mag es wissen?

Seine entkräftete Brust geriet in krampfhafte Bewegung -- und über die

verengerten Pupillen seiner entzündeten Augen glitten zwei kümmerliche,

leidensschwere Tränenperlen.

Mir blutete das Herz ... Ich setzte mich neben ihn auf einen Stuhl und

reichte ihm, während ich unwillkürlich den Blick vor dieser furchtbaren

Entstellung senken mußte, auch meinerseits die Hand.

Allein mich überkam das Gefühl, als wäre das nicht seine Hand, die die

meine umschlossen hielt.

Mir war, als säße zwischen uns ein hohes, stilles, bleiches Weib. Ein

langer Schleier hüllt sie von Kopf bis zu Füßen ein. Ihre tiefliegenden,

matten Augen schauen ins Leere, stumm sind ihre bleichen, strengen

Lippen.

Dieses Weib schloß unsere Hände zusammen ... Sie versöhnte uns auf

immer.

Ja ... der Tod hatte uns versöhnt ...

Ein Besuch

Ich saß am offenen Fenster ... morgens, frühmorgens am ersten Mai.

Noch war die Morgenröte nicht erschienen; aber die dunkle, laue Nacht

war schon einer kühleren Dämmerung gewichen.

Noch war kein Nebel aufgestiegen, kein Lüftchen regte sich, alles lag

noch in einfarbigem, stummem Schweigen ... aber schon kündete sich das

nahe Erwachen an, und in der morgenfrischen Luft schwamm feuchter,

stärkender Taugeruch.

Plötzlich flog durch das offene Fenster mit leisem Schwirren und

Rauschen ein großer Vogel zu mir ins Zimmer herein.

Ich fuhr zusammen und blickte empor ... Es war kein Vogel, es war eine

geflügelte, kleine, weibliche Gestalt, in einem schließenden, langen,

schillernden Gewande.

Alles war grau an ihr, mit perlmutterartigem Schimmer; bloß die

Innenseite ihrer Flügelchen zeigte den zarten roten Hauch einer

erblühenden Rose; ein Kranz von Maiglöckchen umschloß die flatternden

Locken ihres rundlichen Köpfchens, und gleich Fühlern eines

Schmetterlings wiegten sich zwei Pfauenfedern anmutig auf ihrer

lieblichen gewölbten Stirn. Sie flatterte einige Male an der Zimmerdecke

umher; ihr winziges Antlitz lächelte; es lächelten auch ihre großen,

schwarzen, glänzenden Augen.

Die mutwillige Lebhaftigkeit ihres launenhaften Fluges machte sie

funkeln und blitzen gleich Diamanten. In der Hand hielt sie eine

langgestielte Steppenblume: »Kaiserzepter« nennt sie das russische Volk,

-- auch ähnelt sie wirklich einem Zepter.

Und rasch über mich hinfliegend, berührte sie mit dieser Blume mein

Haupt.

Ich haschte nach ihr ... Doch schon war sie zum Fenster hinausgeflattert

-- und fort war sie ...

Im Garten, aus dem Verdeck eines dichten Fliederbusches, rief ihr eine

Turteltaube girrend den ersten Frühgruß zu -- und in der Ferne, wo sie

verschwand, begann der milchweiße Himmel sich langsam zu röten.

Ich erkannte dich, Göttin der Phantasie! Ein Zufall führte dich zu mir

-- du flogst davon zu den jungen Dichtern.

O Poesie! Jugend! Frauen- und Mädchenschönheit! Nur noch auf Augenblicke

erscheint ihr in all eurem Glanze vor meiner Seele -- frühmorgens bei

Frühlings Erwachen!

#Necessitas -- Vis -- Libertas#

Ein Basrelief

Eine lange, knöchrige Greisin mit eisenhartem Antlitz und

unbeweglich-stumpfem Blick kommt mit großen Schritten und stößt mit

ihrer stockdürren Hand ein anderes Weib vor sich her.

Dies Weib ist von mächtigem Wuchs, kräftig, voll, mit Muskeln gleich

einem Herkules, aber einem winzigen Köpfchen auf einem Stiernacken, --

ist blind -- und stößt ihrerseits ein kleines, schmächtiges Mädchen vor

sich hin.

Gedichte in Prosa · 第 1 / 4 段