4. Wie Jack zu arbeiten anfing, und wie er sich amüsirte.

An demselben Abend wurde der Wagen nach der Mündung von Oakeycreek

hinausgefahren, dort abgeladen, das Zelt aufgeschlagen, ein halber

Hammel von dem Fleischer geholt, Holz herbeigeschafft und ein Platz für

die Kessel hergerichtet, kurz, alles gethan, was nur nöthig war, das

Lager und ihren künftigen Wohnort so behaglich als möglich zu machen.

Beide Männer wollten sich auch nicht dem Fortlaufen vor dem Commissär

preisgeben, und beschlossen schon am nächsten Morgen ihre Licenz

auszunehmen.

Die Gegend, in der sie lagerten, war allerdings nicht viel besser als

alle australischen Gegenden sind, deren monotoner Charakter den Wanderer

mit der Zeit förmlich niederdrückt. Nichtsdestoweniger gab das rege

Leben der rings umher Lagernden selbst den trostlosen Gumbäumen etwas

Freundliches, und das Thal des Turon selber bot durch seinen schmalen

Streifen dunkelschattiger Casuarinen doch wenigstens einige Abwechslung.

Der Baumwuchs an den Bergen war übrigens spärlich; besonders schlecht

zeigte es sich aber mit Gras für das Vieh bestellt, und der Alte von

Bathurst, dessen Name Hall war, verkaufte auch schon zwei Tage später

sein ganzes Geschirr, mit Ochsen und Wagen zu einem ziemlich mäßigen

Preis, um nicht unaufhörliche Last und Mühe mit dem Vieh zu haben, und

es am Ende doch noch zu verlieren.

Am nächsten Morgen zahlten sie ihre Licenz, suchten sich einen Platz aus

und fingen an abzudecken; d. h. sie warfen die obere Erde ab, um zu

dem mehr goldhaltigeren Grund dicht auf dem Felsen zu kommen. Indessen

versuchten sie schon dann und wann einmal ein paar Pfannen voll, um zu

sehen, ob sich schon Gold zeigte, und fanden auch fast in jeder ein

paar Körnchen Gold, im Ganzen aber noch zu wenig, das Waschen zu lohnen.

Hall, der früher einmal ein paar Monate in Californien gewesen war,

meinte, das müsse ein sehr gutes Zeichen sein, daß sie Gold schon

so hoch oben fänden, denn das hätten sie in Californien nur an den

reichsten Stellen getroffen.

Der Sonnabend ging übrigens auch mit dieser Arbeit vorüber, ohne daß sie

zum Waschen gekommen wären; sie hatten aber doch schon mit regem Fleiß

ein sechs Fuß tiefes, stattliches Loch gegraben, und hofften am Montag

auf die Golderde hinunter zu kommen.

Sie waren fast die letzten, die am Sonnabend ihre Arbeit verließen;

denn die schon dort eingewohnten Miner hörten Sonnabend Nachmittags

gewöhnlich früh auf, um ihre Provisionseinkäufe zu besorgen, und

ihre Zelte ein wenig herzurichten. Die Sonne war eben im Begriff

unterzugehen, als sie, ihr Werkzeug in ihrer Grube lassend, langsam

heimschlenderten und sich über die verschiedenen Gruppen freuten, denen

sie begegneten, oder die sie überall vor den Zelten sitzen sahen. Fast

vor allen Zelten brannten und loderten tüchtige Feuer, und brodelnde

Pfannen und überlaufende Theekessel und Quarttöpfe bezeugten den

vortrefflichen Appetit der Goldwäscher. So weit sie sehen konnten,

zählten sie fünfzehn Menschen zu gleicher Zeit, die, jeder mit einem

halben Hammel auf dem Rücken, ihrer einstweiligen Heimat zuzogen. Unter

einem halben Hammel schien hier gar niemand Fleisch zu kaufen, daß auch

überdies billig genug war, und nur vier Pence das Pfund galt. Die Köpfe,

und Herz und Leber wollte dabei noch nicht einmal Einer umsonst, und sie

wurden meist alle, mit den Eingeweiden, in die Grube, oder vielmehr auf

den Haufen neben der Schlachtbank geworfen.

In den Storen herrschte besonders reges Leben, von denen ein deutscher

Jude, Austin, den bedeutendsten am Oakeycreek hatte, und sehr gute

Geschäfte machte.

Jewell, sein Geschäftsführer -- wahrscheinlich das etwas verdrehte

Schmul -- schien alle Hände voll zu thun zu haben und lief herüber und

hinüber in seinem Zelt. Als Jack vorbeiging, versicherte er eben ein

paar Käufern, was er schon alles für die Goldwäscher hier oben gethan

habe, und wie er, _für einen Freund_, im Stande sei alles aufzuopfern.

Er war dabei ausgezeichneter Laune und sang sogar den Tact zu

den Hammerschlägen, mit denen er das Quarz aus den ihm zum Handel

angebotenen Stückchen Gold herausschlug. Es war eine herrliche

Schabbesfeier für ihn, denn er nahm ungemein viel Gold ein.

Halls Zelt stand gar nicht weit von Austins, nur etwas tiefer nach dem

Fluß zu hinunter. Austins Zelt war das höchste nach den hier niedrigen

und offenen Hügeln zu.

Es war unter der Zeit dunkel geworden und die Lagerfeuer leuchteten roth

und glühend in die sonst stockfinstere Nacht hinaus. Ueberall von den

Bergen funkelten sie herüber, hie und da einzeln, wie sich die Laune der

Goldwäscher ihren Lagerplatz gesucht, hie und da in dichten leuchtenden

Gruppen, wo irgend ein günstig gelegener Platz vielen Zelten zu gleicher

Zeit Raum, Holz und Wasser gestattete. Muntere Lieder tönten dabei

von manchen Orten her durch die stille Nacht, und Hundegebell und

Viehgeblöck. Und die hellen Zelte standen weiß und schimmernd, hie und

da von der flackernden Flamme grell beleuchtet, dazwischen, und dunkle

Schatten glitten daran hin und wieder, und an manchen Stellen, wo das

Abendbrod schon vorüber war, wurden trockene Stücke Holz aufgeworfen,

daß die glühenden Funken blitzend zum dunklen klappernden Laub der

Gumbäume emporstieben, und hoch in die Nacht hineinwirbelten.

Da wurde der stille Frieden dieses Abends plötzlich durch einen rauhen

und wilden Lärm unterbrochen. Das Toben schallte aus Austins Zelt

herüber, und Jewells Stimme, die noch vor kaum einer halben Stunde so

fröhlich geklungen hatte, heulte und wehklagte:

»Weh mir, weh mir, ich bin ein geschlagener Mann -- ich bin todt -- ich

bin todt!«

Jack war einer der ersten mit, die sich oben am Platz einfanden, zu

sehen, was für ein Unglück vorgefallen wäre -- die Sache wurde bald

ruchbar. Irgend ein schlauer Dieb, wahrscheinlich mit anderen im Bunde,

die Aufmerksamkeit der Verkäufer so lange im Innern zu fesseln, hatte

hinten die Zeltwand aufgeschnitten und etwa 5 bis 600 Pfd. St. in

Goldstaub, Silber und Banknoten entwendet; und dicht hinter dem Zelt lag

der dunkle Hügel, über den hin der Dieb sich und seinen Raub wohl schon

lange in Sicherheit gebracht.

Der arme Teufel von Jude raufte sich indessen die Haare, warf sich

auf die Bündel wollener Decken nieder, die im Zelt lagen, und war in

Verzweiflung -- er hielt sich mit dem Verlust des Goldes, das er sich

nichtsdestoweniger rasch genug verdient hatte, für rettungslos verloren.

An den Zelten wurden an diesem Abend, in der ganzen Nachbarschaft herum,

nichts wie Diebesgeschichten erzählt, und Jack, der geglaubt hatte, daß

dieser Platz hier oben ein Muster von Ehrlichkeit sei, erstaunte, von so

vielen Einbrüchen und Diebstählen zu hören -- er hatte das gar nicht

für möglich gehalten. Er faßte auch den Entschluß, das nächstemal sein

Werkzeug Abends mit nach Hause zu bringen, und lieber einen Stock mit

einem Zettel in die Grube zu stellen.

Am nächsten Tag war Sonntag, und die Leute gingen alle gar sauber in

rothen oder blauen Hemden und mit reingewaschenen Hosen und Filzhüten

einher. Es herrschte ein ruhiger und stiller des Sabbaths würdiger Ton,

und Hall meinte, es komme dies besonders daher, daß die Regierung keine

einzige Licenz für den Branntweinverkauf in den Minen ausgegeben habe,

und die Goldwäscher überhaupt einstimmig dagegen seien, daß spirituöse

Getränke in die Berge hinaufgeschafft oder wenigstens verkauft würden.

Oeffentliche Spieler wurden eben so wenig geduldet, jedenfalls ein Segen

für die Minen, und ein paar, die den Versuch gemacht hatten, damit

anzufangen, waren schnell eines besseren belehrt worden.

Es hatte sich aber auch sogar ein Geistlicher in diese unwirthbaren

Berge hinaufgefunden, und schon früh am Morgen lief das Gerücht durch

das Lager, daß um 11 Uhr offene Kirche gehalten werden sollte. Ein Zelt

hatte man dazu freilich nicht, die Predigt mußte im Freien stattfinden.

Eine sehr große Menschenzahl hatte sich gerade an der Stelle, wo

gepredigt werden sollte, eingefunden, und der Prediger, eine lange

dünne Gestalt, mit harten trockenen Gesichtszügen, überschaute mit

einem zufriedenen Lächeln die gewiß nicht so zahlreich erwartete Schaar

frommer Gläubiger, die herbeigeströmt waren, das Wort Gottes in der

Wüste zu hören. Als er übrigens, nach etwa einer Viertelstunde, in der

er allerdings vergebens gewartet hatte, daß die zu einer richtigen,

eindrucksvollen Predigt nöthige Ruhe und Stille eintreten sollte, seine

Predigt mit sehr lauter Stimme begann, die noch etwa Unruhigen darauf

aufmerksam zu machen, daß von jetzt an der Prediger allein das Wort

habe, trennte sich die ganze Schaar in zwei, sonst an Zahl aber sehr

ungleiche Hauptmassen, von denen der Prediger leider das kleinste

Häuflein um sich sah, und wenigstens drei Viertheile der übrigen nach

Oakey-Point -- ein paar hundert Schritte davon entfernt, zudrängten,

wo gar rasch ein sicherlich sehr interessantes Schauspiel ihre

Aufmerksamkeit so fesseln mußte, daß manchmal in der wogenden

Menschenmasse Todtenstille herrschte, dann aber plötzlich wieder ein

so tolles Jubelgeschrei ausbrach, daß der Prediger nicht einmal sein

eigenes Wort, viel weniger die fromme Gemeinde die Predigt hören konnte.

An Oakey-Point fand nämlich ein Boxerkampf zwischen einem alten und

jungen »Cove« statt, wie diese Leute in der australischen »Flash-«

Sprache genannt werden; der Alte hatte längere Praxis und kaltes Blut,

der Jüngere Stärke und Gewandtheit für sich, und der Kampf schien lange

unentschieden zu bleiben -- länger wenigstens als die Predigt dauerte,

die zum Scandal der religiös Gesinnten ziemlich kurz abgeschnitten

werden mußte.

Der Kampf bot indessen insofern weit mehr Interesse für die meisten, da

ziemlich bedeutende Wetten eingegangen waren, und wer auch nicht selber

mitgewettet hatte, sich doch sicher für den einen oder anderen der

Wettenden so viel interessirte, daß er seine unmittelbare Gegenwart im

innersten Ring für unumgänglich nöthig erachtete, und dadurch natürlich

zur Vergrößerung des Lärmens und der Verwirrung sein möglichstes mit

beitrug.

Der Sieg entschied sich endlich für den Jüngeren der beiden Kämpfer,

der Alte wurde mit blau geschlagenen Augen und mit Blut bedeckt,

fortgeschleppt, und die Polizeidiener, die während der ganzen Zeit mit

zu den aufmerksamsten Zuschauern gehört hatten, machten jetzt, da die

ganze Sache vorbei war, Miene, die beiden Kämpfer und einige der dabei

am thätigsten gewesenen Personen zu arretiren. Die allgemeine Stimme

war aber gegen sie, und sie hielten es wahrscheinlich für besser, am

heiligen Sonntag, wo so schon Scandal genug gewesen war, nicht selber

noch größeren anzufangen. Da doch nichts mehr zu sehen war, zogen sie

ruhig ihrer Wege.

Der Scandal war aber mit dem Schluß des Hauptkampfes keineswegs beendet,

sondern wucherte jetzt erst, da die Wetten eingefordert und bestritten

wurden, nach allen Seiten hinaus, daß es ordentlich eine Lust und Freude

war; dabei entwickelte sich eine Eigenschaft, die man hier oben gar

nicht für möglich gehalten hätte, da scheinbar alle Mittel dazu fehlten

sie hervorzurufen. Es zeigten sich nämlich, und je später es am Tage

wurde desto häufiger, Betrunkene. Hie und da tauchten Flaschen auf,

und wenn auch ein Uneingeweihter nirgends ein Local sehen oder finden

konnte, wo derlei spirituöse Getränke öffentlich verkauft wurden,

so mußten doch solche Plätze bestehen, und die »öffentliche« Meinung

unterstützte sie »heimlich.«

Der Nachmittag brachte manche ärgerliche Scene, und Hall schwor, er

hätte es in Californien, wo zwanzig Schenkzelte zu gleicher Zeit offen

gewesen, nicht schlimmer und ärger gesehen.

Nachmittags hatte auch gepredigt werden sollen, daran war aber gar nicht

zu denken.

Mitten in dem tollen Gewirr und Spectakel lief zu gleicher Zeit ein

dumpfes Gerücht um, daß, gar nicht so weit entfernt, neue Minen entdeckt

wären, die fabelhaft reichhaltig sein sollten. Niemand wußte noch

irgend etwas Genaueres darüber anzugeben, nur das erzählte man sich,

Hargreaves, der erste Entdecker der Bathurst-Minen, habe sie aufgefunden

und das Gold liege dort in »Nuggets« an der Oberfläche.

Die Nacht goß es in Strömen von dem dicht und rabenschwarz überzogenen

Himmel nieder. Wohl denen, die Zelte hatten, sie konnten sich in

ihren trockenen warmen Decken nur etwas fester einrollen, und das

Vorüberziehen des Unwetters abwarten. Wie mancher arme Wanderer mußte

aber diese stürmische Nacht im Freien zubringen, und Kälte und Nässe

nehmen, wie es ihn gerade überkam. Mancher verwünschte in der Nacht die

Minen mit sammt dem Golde und, daß er beides im ganzen Leben nicht zu

sehen bekommen hätte.

Inselwelt. Zweiter Band. Australische Skizzen. Gesammelte Erzählungen. · 第 12 / 15 题