Berge hatten sie in diesen Tag nicht mehr viel aufzuklimmen, wohl aber
einzelne, ziemlich steile Höhen hinabzufahren, und es wurde wieder
Abend, ehe sie die letzte Höhe, die sie vom Turon schied, erreichen
konnten. Hier übernachteten sie wieder und brachen am andern Morgen,
so früh sie nur das Vieh zusammentreiben konnten, auf, diesen Tag auch
nicht ganz zu verlieren und sich wenigstens noch einzurichten, damit sie
am nächsten gleich anfangen könnten, irgend einen für gut erkannten Ort
zu bearbeiten.
Am Freitag Morgen fuhren sie denn auch den letzten Berg unmittelbar an
den kleinen Fluß hinunter, und befanden sich hier gleich recht mitten im
bunten und ächten Minenleben.
Auf der untersten flachen Abdachung des Hügels, der nach dem Turon
hinunterlief, standen eine Anzahl schmutziger überwachsener Store oder
Kaufzelte mit Waschmaschinen, Spitzhacken und Schaufeln davor, und
aufgehäufte Mehl- und Zuckerkisten, und Thee und Rosinen, Seife und
andere Waaren darin -- darüber hin wehten verblichene englische Flaggen,
und bepackte Karren, von Schaaren von Arbeitern begleitet, kamen, und
leere Karren, mit magerem, hungrig aussehendem Vieh bespannt, kehrten
zurück, und das Ganze bot allerdings ein bewegtes, lebendiges Bild,
dem die mit Goldträumen gefüllten Köpfe der Einwanderer gewiß auch den
höchstmöglichen Reiz abzugewinnen wußten.
Den Wagen ließen sie nun erst einmal vor allen Dingen am Hügelhang
halten, da sie ja noch gar nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten,
und die beiden Männer beschlossen erst einmal vor allen Dingen zu
recognosciren und sich die Sache anzuschauen. Fanden sie dann einen
Platz, der ihnen gut schien, so konnten sie den noch geladenen Karren
leicht dorthin schaffen und sich in ein oder zwei Stunden gleich
häuslich einrichten.
Jack wollte nun zwar, daß die Frauen gleich mitgingen, und daß sie den
Wagen indessen allein dastehen ließen, denn allen Nachrichten zufolge
herrschte hier oben die größte Ehrlichkeit, und Diebstähle sollten auch
nicht in einem einzigen Falle vorkommen. Der Alte meinte aber, man dürfe
Niemanden zu viel trauen -- Gelegenheit mache Diebe -- und es sei viel
besser, sollten sich wirklich schlechte Charaktere hier oben in den
Minen aufhalten, diese so wenig als möglich in Versuchung zu führen.
Der Alte hatte vielleicht recht und Jack schlenderte mit ihm allein
fort. Vor allen Dingen gingen sie erst einmal nach dem Fluß hinunter,
sich die Arbeit dort anzusehen und schon von weitem schallte ihnen
das monotone Klappern der Waschmaschinen und das Plätschern des
übergeschütteten Wassers entgegen. Es war aber das keineswegs ein
unangenehmes Geräusch für sie -- sie hatten sich lange darauf gefreut,
das zu hören, und Jack wünschte sich nur, als sie so nebeneinander
hinschritten, die Zeit herbei, daß er selber an einer Maschine sitzen
und sie so recht aus Leibeskräften schütteln könne. -- »Es muß doch
prächtig aussehen,« meinte er dabei treuherzig, »wenn das Gold da so
unten drin liegt und einem entgegenfunkelt.«
Als sie aber dicht zum Fluß hinunterkamen, sah der Ort doch wilder und
-- ich möchte fast sagen -- bösartiger aus, als sie -- wenigstens Jack
-- erwartet hatten ihn zu finden. Ueberall waren tiefe Löcher gegraben
und theils verlassen, theils auch ausgearbeitet -- oder auch vielleicht
nicht ausgearbeitet: denn rechts und links und oben und unten war die
Erde manchmal noch gar nicht berührt, oder es lagen schrecklich hohe
Steinhaufen obendrauf, die eine entsetzliche Mühe gekostet haben mußten
von unten herauszuschaffen. Dicht am Fluß aber -- das heißt einem
kleinen schmutzigen, an manchen Stellen vielleicht tiefen Bergbach, an
dem man aber hie und da trocken hinübergehen konnte -- saßen die Wäscher
mit ihren Maschinen oder Wiegen, und andere, die vielleicht zwanzig oder
dreißig Schritt davon ihr Loch gegraben hatten, trugen ihnen in Eimern
die goldhaltige Erde zum Auswaschen zu, klappten hie und da einmal das
Sieb in die Höhe, um zu sehen, ob sich inwendig etwas erkennen ließe,
oder blieben auch wohl ein paar Minuten stehen, wenn der Wäscher
vielleicht gerade die Maschine ausräumte oder eine Probepfanne voll
auswusch.
Am meisten interessirte Jack aber eine Abtheilung von Leuten, die an der
andern Seite des Turon arbeiteten und ihre Löcher wohl zehn und zwölf
Fuß über dem Fluß, an dem dort gerade ziemlich steilen Hang des Berges
eingegraben hatten. Die Erde hatten sie hier etwa vier Fuß abgedeckt --
d. h. ein Loch, um zu der Golderde zu kommen, vier Fuß tief gegraben,
und wuschen jetzt frisch drauf los. Um aber die Erde zum Waschen bequem
hinunter zu der schräg unter ihnen stehenden Maschine zu bekommen,
hatten sie lange Rinnen von Baumrinde gemacht und schaufelten jetzt nur
oben ein, während der an der Wiege Stehende die Erde unten wegnahm und
durchwusch. Die Leute sollten sich ziemlich gut stehen, und -- wie es
dortherum hieß -- ein »schönes Tagelohn« machen.
Dicht daran war das sogenannte »=golden point,=« eine Biegung im Turon,
wo sich die reichsten =deposits= gesammelt zu haben schienen. Dieser
Platz und die einzelnen großen Stücke, die am Ophir gefunden waren,
hatten den australischen Minen eigentlich ihren Namen gegeben. Jack
betrachtete die dort Arbeitenden mit einer Art Andacht -- es waren das
in seinen Augen alles »gemachte Leute,« und er dachte auch gar nicht
daran zu versuchen, ob er hier in der Nähe noch einen Platz zum Arbeiten
hätte bekommen können, sondern wanderte ein Stück weiter den Strom
hinauf. Es wäre übrigens hier auch vollkommen nutzlos gewesen, denn
schon arbeitete fast Mann an Mann, und alles, was an =claims= vielleicht
noch zu bekommen gewesen wäre, war wenigstens mit dem Commissär
durchgesteckt und gehörte dessen »=particular friends.=«
Der »Commissär« schien hier überhaupt eine sehr bedeutende Rolle zu
spielen, und so kurze Zeit Jack erst oben gewesen war, so oft hatte er
diesen Namen schon nennen hören.
»Was für ein entsetzliches Thier ist denn das eigentlich?« frug er
endlich seinen älteren Begleiter, »was thut es, was treibt es und wovon
lebt es?«
Der Alte lachte. »Ja, wenn wir den Commissär nicht hätten und einen
Löffel,« sagte er, »so müßten wir unsere Suppe trinken. Der vertritt
hier alle königlichen Beamten, Polizei und Mauth, Kreis-, District-
und Gott weiß was sonst noch für Gerichte. Er ist dabei der »schwarze
Douglas«, der die Kinder, aber auch die Alten fürchten macht; er ist der
Hauptcassirer der Minen, und leider Gottes auch, wie ich gehört habe,
die Bank, wo Hunderte das einzig ersparte Geld niederlegen, um es nie
wieder zu sehen, nämlich die, die mit allem Goldwaschen nur ebensoviel
erübrigen, zu leben und ihre Licenz zu zahlen. Der Commissär gibt die
Licenzen aus und streicht für jede 30 Shilling ein. Dabei ist es gleich,
ob wir den Ersten oder den Zwanzigsten zu arbeiten anfangen, die _volle_
Licenz nimmt er doch, und bis zum sechs- und siebenundzwanzigsten,
sagen sie, geht er herum wie ein brüllender Löwe, und sucht, welchen er
verschlinge. Nachher liegt er ein oder zwei Tage ruhig, und dann fängt
er wieder auf den nächsten Monat an.«
»Nun, wir werden dies Wunderthier ja wohl auch zu sehen bekommen,«
meinte Jack.
»Wenn wir so sicher Gold zu sehen kriegen wie den,« sagte der Alte, »so
können wir uns gratuliren.«
Etwas weiter am Fluß oben waren mehrere Strecken noch gar nicht
bearbeitet, und es sollte hier für den Augenblick zu viel Wasser sein,
Löcher waren aber überall gegraben, vielleicht aber nicht vollständig
untersucht. So wanderten sie bis zu einer Stelle, wo sich ein anderer
Creek in den Turon ergießt, d. h. wo wenigstens seine Mündung liegt,
denn der Creek selber, der Oakey -- war vorkommen trocken. -- Hier
begann wieder neues Leben, denn an dieser Stelle hatten sich sehr viele
der Zelte zusammengezogen und gewissermaßen ein kleines Dorf gebildet,
in welchem mehrere Store oder Kaufzelte und die »Schlachterei« den
gerade nicht anziehenden Mittelpunkt bildeten.
Die Schlachterei bestand einfach aus einem hochaufgebauten Gerüst, an
dem einige dreißig ausgeschlachtete Hammel hingen, und einer, vielleicht
einmal tief gewesenen Kuhle, die aber jetzt mit den Eingeweiden der
Geschlachteten und Verzehrten so gefüllt war, daß sie im wahren Sinne
des Wortes überzulaufen drohte, und einen pestilenzialischen Gestank
um sich her verbreitete. Zelte standen wild und unordentlich dort
umhergebaut, und häufig war auch nur von bloßen zusammengesteckten
Büschen ein Obdach hergestellt, das die Inwohnenden wohl gegen die
Strahlen der Sonne, aber gewiß nicht gegen einen recht guten gesunden
Regenschauer schützen konnte.
Doch das waren häusliche Angelegenheiten, für die sich unsere beiden
Wanderer jetzt noch nicht besonders interessirten -- erst wollten
sie sehen, wie es mit den Goldwäschereien stand; das andere fand sich
später.
Auch nicht allein auf das unmittelbare Thal des Flusses, das heißt die
nächsten Ufer dicht zum Wasser, beschränkte sich das Suchen der nach
Gold Gekommenen: überall an den Bergen hingen sie herum, die einen mit
Messern vorsichtig zwischen den Steinen und Felsspalten herumkratzend,
hie und da ein sogenanntes »Nugget« (ein ächt australisches
Minenwort, was auch selbst nicht von Californien herübergekommen war)
herauszuklauben, die andern mit Hämmern jeden unschuldigen, ihnen aber
höchst verdächtigen Quarzstein auseinanderschlagend, der ihnen in den
Weg kam, um vielleicht einer heimlich darin versteckten Goldader auf die
Spur zu kommen, und einen »Karr'schen Klumpen« darin zu finden.
Es gab aber auch eine Classe von Arbeitern, -- und dazu gehörten
keineswegs die eben Gekommenen, -- die das schon alles versucht hatten,
aber zu keinem besonderen Resultat dabei gekommen schienen, denn sie
unterzogen sich jetzt einer viel härteren und keineswegs bedeutend
lohnenden Arbeit. Sie hatten aber wenigstens den Vortheil, daß sie durch
kein Wasser in ihrer Arbeit gehindert wurden, denn sie schafften oben
von dem höchsten Rücken der vielleicht hundert Fuß hohen Hügel die Erde
in Säcken nach dem Fluß hinunter, wo einer ihrer Compagnie an der Wiege
stand und das ihm gebrachte auswusch. Der Aussage anderer nach sollten
die Leute von acht bis sechzehn Shilling den Tag verdienen.
Hierzu fühlten aber unsere beiden Neuangekommenen natürlich nicht die
mindeste Lust, da man schlimmer als um Tagelohn arbeiten mußte, und
deshalb waren sie nicht in die Minen gekommen. Sie hielten sich also
mehr nach dem Fluß hinunter, und beobachteten eine Zeitlang die hier
Arbeitenden.
Dicht am Wasser stand ein Mann, ein rothwollenes Hemd über die
englisch-ledernen Hosen gezogen, mit braunem breitrandigem Filzhut und
groben, schwer mit Nägeln beschlagenen Schuhen. Er wusch eine Pfanne
mit Erde aus, die er sich, Gott weiß woher, geholt hatte, denn in seiner
Nähe war noch kein Loch gegraben. Vorsichtig schwenkte er die Pfanne hin
und her und im Kreise herum, das etwa darin befindliche schwere Metall
zu Boden zu bringen, füllte sie dann wieder mit Wasser, und ließ dies
mit einem Theil des leichteren Kieses ablaufen. Er war dabei ungemein
fröhlicher Laune, das ganze Verfahren geschah im Tact, und er sang sich
dazu das alte californische Goldlied -- ein klein wenig in den Worten
verändert:
»=Oh Susannah, don't you cry for me,
I've come here to Australia
With a washbowl on my knee,
And when I've washed the precious stuff,
Then come I back to thee,
Therefore my dearest Susan
Don't you cry for me.--=«[12]
[12] O du Susannah, weine nicht um mich,
Ich kam hier nach Australien mit der Pfanne auf dem Knie;
Und hab' ich das kostbare Gold ausgewaschen, dann kehr'
ich zu dir zurück; darum, meine beste Susannah,
weine nicht um mich.
»=God damn it=« rief er aber plötzlich, die leere Pfanne mit dem
kernigen Fluch weit von sich schleudernd, als er beim Schluß des Liedes
den letzten schwarzen Sand aus der Pfanne gespült und wahrscheinlich
sehr wenig oder gar nichts von dem, was er »=the precious stuff=«
nannte, darin gefunden hatte, »hol' doch der Teufel das ganze
Goldwaschen und Susannah dazu!« und damit griff er die neben ihm
liegende Hacke und Schaufel auf, holte sich die Pfanne wieder, und
wanderte, ohne sich weiter umzusehen, den Fluß hinunter.
»=Oh Susannah, don't you cry for me,=« lachte Jack still vor sich hin,
»der Mensch hat keine Ausdauer, bei der ersten Pfanne voll darf man's
nicht gleich aufgeben.«
»Nun, wir wissen freilich nicht wie viel Pfannen er schon umsonst
ausgewaschen hat,« sagte der Alte, »aber die Pfanne selber brauchte
er es deshalb nicht entgelten zu lassen. -- Doch wir wollen einmal da
hinuntergehen, wo die viere zusammen arbeiten, die scheinen besser mit
ihrem Erfolg zufrieden zu sein.«
Die beiden Männer gingen noch eine kleine Strecke den Strom hinauf,
als ihnen ein rothbackiger junger Kerl mit einer Waschmaschine auf dem
Rücken entgegen kam.
»Hallo Jack!« rief er stehenbleibend, und sich an unsern jungen Freund
wendend -- »wollt Ihr keine Wiege kaufen? kriegt sie billig.«
Jack war indessen schon daran gewöhnt, seinen Namen mißbraucht zu sehen
und schüttelte nur lächelnd mit dem Kopf.
»Habe schon eine,« sagte er, »aber warum wollt Ihr sie verkaufen --
schon genug gefunden?«
»Gefunden? -- ja -- ein Haar in der Sache!« lachte der Bursch --
»ich kann meinen Tagelohn bequem in Sidney verdienen, und wenn ich so
arbeiten und so leben will wie hier, mach' ich auch wohl noch mehr.«
»Und wie lange seid Ihr schon oben?« frug der Alte.
»Etwa drei Wochen im Ganzen -- aber ich will auch nicht etwa sagen, daß
ich nichts gefunden hätte, Gott bewahre, da ist es Hunderten noch viel
schlechter gegangen, und wenn ich bloßer Taglöhner wäre, sollt' mich
kein Mensch hier oben fortbringen, so aber hab' ich ein Handwerk und
gerade jetzt genug Zeit mit Goldsuchen versäumt. Ueberdies will ich mich
je eher je lieber wieder nach Sidney zurückmachen, denn jetzt kann man
noch dort ankommen, wird es aber erst einmal Sommer und trocknet die
Geschichte hier aus, dann strömt nachher alles hinunter, und die dann
unten im Nest und warm sitzen, haben den Vorrang. Ihr seid wohl eben
erst heraufgekommen?«
»Ja -- und das klingt gerade nicht tröstlich für neue Anfänger.«
»O laßt Euch um Gottes Willen nicht bange machen -- wer weiß, ob Ihr
nicht gerade besonders Glück habt -- kein Mensch kann das sagen,
und überdies seid Ihr nun einmal oben, und müßt's auch von Grund auf
versuchen -- Ihr könnt ja sonst nachher gar nicht mitreden.«
»Aber wo fängt man denn wohl am besten an?« frug Jack etwas kleinlaut.
»Ja Freund,« lachte der andere, »das müßt Ihr keinen Menschen fragen,
sondern selber versuchen. Wenn _ich_ einen Platz _wüßte_, wo Gold liegt,
dann ging ich selber hin und arbeitete dort, und so geht's mit allen
anderen auch -- man kann wohl _vermuthen_ und glauben, daß irgend
eine Stelle eben darnach aussieht, aber lieber Gott, das ist eine sehr
unsichere Geschichte, und die Probe, ob das Exempel richtig sei, wie
sie bei uns in der Schule sagten, muß erst mit Spitzhacke und Schaufel
darauf gemacht werden. Also =good bye= und viel Glück -- das kann man
hier oben brauchen.« Und damit wandte er sich und marschirte rüstig den
Strom hinunter.
Bald darauf erreichten die beiden Männer auch die Stelle, wo vier
Irländer ziemlich dicht am Wasser arbeiteten. Sie schienen gerade eine
»Maschine voll« zu haben, denn das Sieb war heruntergelegt, der untere
Kasten leer gemacht und der Zapfen noch herausgezogen, einer der Leute
saß mit der noch halb vollen Pfanne und wusch den Ertrag von 20 oder
25 Eimern voll Erde aus, und die anderen standen dicht darum her, und
bemerkten nicht einmal die Fremden, so war ihre ganze Aufmerksamkeit
dem sich jetzt schon zeigenden schwarzen Sande zugewandt. Der Waschende
schöpfte auch ruhig sein Wasser auf und schwenkte langsam und vorsichtig
die leichteren Steine aus, bis sich die ersten Spuren von Gold in beiden
Ecken zeigten. In diesem Augenblick sah er lächelnd zu seinen Gefährten
auf, entdeckte aber auch zu gleicher Zeit die dahinterstehenden
neugierigen Fremden und sagte plötzlich ganz ruhig, die Pfanne dabei,
ohne sie weiter auszuwaschen, zur Seite stellend:
»Wie geht's, Jack? wie gefällt's Euch hier in unserer Nachbarschaft?«
Jack wurde feuerroth, und die anderen drehten sich rasch nach den beiden
um, schienen aber, nach einem flüchtig gewechselten Gruß, sich weder um
die Fremden noch ihre Pfannen weiter zu bekümmern, sondern gingen ruhig
wieder an ihre Arbeit.
Der Alte war mit Jack ein klein Stück weiter gegangen, und hatte
sich die Stelle indessen etwas genauer angesehen. Die vier Irländer
behaupteten dort einen ziemlich breiten Platz, und es schien ihm, als
wenn da noch Raum für einen Claim übrig bleiben müßte. Er sprach mit
seinem jungen Gefährten darüber, und sie gingen dann beide wieder zu
den Irländern zurück, sich bei diesen selber nach dem von ihnen
beanspruchten Claim zu erkundigen.
»Wie weit läuft Euer Claim hier den Fluß hinauf, Jack?« frug er den an
der Wiege.
Der Mann hörte auf zu arbeiten und sah ihn ruhig an, als ob er die
Frage nicht verstanden habe. Der Alte wiederholte sie und der Irländer
antwortete langsam.
»Der Mann hat acht Fuß breit und wir sind unserer sechse -- könnt's
selber ausmessen, Jack?«
»Sechs? -- Ihr seid ja nur viere? -- und dann bekommt ja auch jeder nur
sechs Fuß!«
»Zwei sind krank,« lautete die jetzt schon mürrischere Antwort, »und das
andere macht mit dem Commissär ab.«
»By Jasus,« mischte sich dabei einer der anderen in's Gespräch --
»der Turon ist doch auch lang genug, daß Ihr nicht in fremden Claimen
herumzuschaufeln habt? -- =damn'it= wir müssen unsere Licenz für das
lumpige Stück Grund theuer genug bezahlen.«
Die Beiden zogen ziemlich beschämt ab; sie kannten Grund und Boden auch
zu wenig dort, um sich auf einen weiteren Streit einzulassen, der Alte
meinte aber doch, er sei fest überzeugt, daß die Leute dort mehr Grund
beanspruchten, als sie den einmal bestehenden Gesetzen nach beanspruchen
könnten, und er wolle deshalb jedenfalls einmal mit dem Commissär reden.
»Hilft Euch nichts, Jack,« lachte da ein Goldwäscher, an dem sie, ohne
ihn weiter zu beachten, dicht vorbeigegangen waren. »Ich bin schon
vierzehn Tage hier oben und habe mir die größte Mühe gegeben, in den
Claim hineinzukommen, denn die Kerle machen da gewiß schmähliches Gold
-- sie halten aber fest, und der Commissär steckt mit ihnen unter einer
Decke. Er hat sich da einen breitmächtigen Claim selber vorbehalten, und
will ihn von den Irländern für sich ausarbeiten lassen, wenn sie erst
einmal mit ihrem eigenen Theil fertig sind.«
»Aber wie ist denn das mit acht Fuß Claim,« frug der Alte weiter, »mir
ist gesagt, daß sechs die gesetzliche Breite wäre, und die Irländer
behaupten acht per Mann.«
»Das setzen sie alles mit dem Commissär durch,« erwiderte ihm der Fremde
-- »in dessen Macht steht es, zu bestimmen, wie viel Fuß sie haben
sollen; bei reichern Plätzen nimmt er gewöhnlich nur vier Fuß Breite an,
bei ärmeren acht bis zehn und zwölf -- sechs ist das Durchschnittliche.«
»Aber wie kann er denn vorher wissen, was ein ärmerer oder reicher Fleck
ist,« sagte Jack.
»Das weiß er auch nicht!« lachte der Fremde, »und die vier oder acht Fuß
hängen ganz davon ab, wie man sich mit ihm selber stellt.«
»Da schimpfen sie auf das amerikanische Lynchgesetz,« brummte der Alte
vor sich hin, indem er mit Jack nach Oakeycreek hineinbog, »und hier mit
ihren gepriesenen königlichen oder gouverneurlichen Gesetzen herrscht
eben so viel, vielleicht noch schlimmere Willkür.«
In Oakeycreek sah's wild aus -- überall waren Löcher gegraben und wieder
verlassen worden, und das ziemlich breite Bett des kleinen Bergstromes
lag total trocken, mit großen Kiesel- und Quarzsteinen überworfen, nur
weiter oben am Creek arbeiteten noch einige Leute, schienen aber auch
nicht besonders viel zu finden, und eine von den Parteien wollte ihr
sämmtliches Werkzeug verkaufen und wieder zurück nach Sidney gehen.
Ueber den Hügelhang hinüber, der hier den Oakeycreek von dem Turon
schied, kamen sie -- durch die Arbeiter hin, die von hier oben weg die
Erde nach dem nächsten Wasser hinunterschleppten -- wieder zum Turon.
Dort fanden sie, an einer Biegung, die der Fluß machte, ebenfalls eine
Masse von Menschen emsig beschäftigt die Erde aufzuwühlen, sich mit
riesigen Steinen abzuquälen, Wasser auszuschöpfen, und die mühsam
gewonnene Erde nach dem Fluß zu tragen, wo sie denn manchmal ihre Arbeit
bezahlt bekamen, manchmal aber auch um nichts arbeiten, und dann an
einer andern Stelle wieder von vorn anfangen mußten.
Am Hügelhang hinein, und hier trocken, mit verhältnißmäßig weniger Mühe,
hatten andere stollenähnliche Löcher gegraben; die harte Kieselerde
hielt sich auch in der Wölbung vortrefflich, und mehrere Parteien, unter
andern auch fünf Deutsche, standen sich ausgezeichnet gut.
»Hallo, Jack,« rief sie aus einer nicht weit davon entfernten Grube
einer der Arbeiter an, indem er sich auf seine Pickaxt stützte und die
Zeit sogleich benutzte sich auszuruhen. -- »Wollt Ihr mir das Loch hier
abkaufen -- Gold ist drin, ich hab' aber einen Brief gekriegt und muß
nach Bathurst.«
Die beiden Männer gingen hinunter zu ihm und setzten sich bei ihm
nieder.
»So, also Ihr wollt verkaufen?« frug der Alte -- »nun der Platz sieht
gut aus, und ist brav vorgearbeitet -- was wollt Ihr denn haben?«
»Fünf Pfund,« sagte der Mann, »die Arbeit allein die ich daran gethan
habe, ist mehr als zehn werth, und ich bin fest überzeugt, wenn Ihr
noch einen Fuß weiter hier hineingeht, findet Ihr auch die fünf Pfund
vielleicht in einer Stunde wieder. Was graben die Deutschen da nebenan
nicht für schönes Gold heraus!«
»Ja, nun seht, Jack,« sagte der Alte schmunzelnd, der recht gut wußte,
daß der, welcher das Loch verkaufen wollte, verwünscht wenig Hoffnung
haben mußte, Gold darin zu finden, oder er würde es sonst selber nicht
hergegeben haben. »Das ist manchmal wunderlich auf der Welt, wie das
Gold sitzt -- was glaubt Ihr denn wohl durchschnittlich aus dem Platz
hier herausnehmen zu können?«
»Ja, wer kann das wissen,« meinte der andere, »aber wenn's nur halbwege
gut geht, drei bis vier Pfund Gewicht -- und der Platz ist groß.«
»Ahem,« nickte der Alte, »es ist aber schade, ich habe es mir zum
Grundsatz genommen, keinem Menschen sein Glück abzukaufen -- man macht
sich hernach Vorwürfe. Viel Glück, Jack -- ich würde, in Eurer Stelle,
jedenfalls das Loch ausarbeiten, ehe ich auf den Brief nach Bathurst
ginge.«
Und damit standen die beiden Männer auf und gingen lachend weiter.
»Hallo, was ist da los?« rief Jack plötzlich, als mit einemmal ein
großer Theil der Arbeiter aus ihren Gruben sprang, und mit Maschinen und
Geräthschaften die steilen Hügel heraufsprangen. Viele blieben bei ihrer
Arbeit und wollten sich todt lachen, den anderen schien die Sache aber
gar nicht spaßig zu sein, denn sie gaben sich die größte Mühe irgend
einer, sicherlich sehr bedrohlichen, aber jetzt noch nicht sichtbaren
Gefahr so schnell als möglich aus dem Wege zu kommen.
»Was zum Henker haben die Leute?« frug der Alte einen der Arbeiter,
der ruhig an seiner Wiege fortschaukelte, und sich wenig um die ihn
umgebende und so plötzlich entstandene Verwirrung zu kümmern schien --
»warum laufen sie alle als ob der Böse hinter ihnen wäre?«
»Nun der Böse ist's gerade nicht,« lachte der, »aber das böse Gewissen
und der Commissär. -- Der kleine Junge dort hat eben die Meldung
gebracht, daß der Commissär den Fluß herunter kommt, und jetzt kratzt
alles aus, was noch keine Licenz bezahlt hat, um sich diesen Monat
wenigstens so durchzudrücken. Eine Lumperei ist's, das ist wahr,
und noch für seine paar Tage volle Monatslicenz bezahlen zu müssen
ungerecht; ehe ich aber so mit meiner Maschine in die Berge laufe, zahl'
ich sie doch lieber. Sie verlieren mehr an Zeit, und haben sie wirklich
etwas darin, so verstreuen sie auch mehr an Gold, als die ganze Bettelei
werth ist.«
So schienen aber nicht alle zu denken, und die buntesten und oft
wirklich komischen Gruppen zerstreuten sich über den Hügel; nach
allen Seiten waren dabei, wie in einer vollkommen abgeredeten Sache,
Wachtposten ausgestellt, und auf ein Zeichen derselben, nach welcher
Richtung hin sich der Gefürchtete wandte, hielten die Flüchtigen ihren
Cours.
Der Alte schüttelte mit dem Kopf und meinte, »das Ausreißen vor dem
Commissär gefiele ihm gar nicht, und zwar nicht etwa der Sache selber,
sondern des Goldes wegen, denn der Platz könne doch am Ende nicht so
entsetzlich reich sein, wie es die Zeitungen ausgeschrieen hätten; die
Arbeiter würden ja in dem Fall gar nicht daran gedacht haben, wegen noch
nicht einmal einer halben Unze wer weiß wie oft ihre Arbeit aufzugeben
und dabei ihre Werkzeuge in die Berge hineinzuschleppen -- eine
jedenfalls höchst unprofitable Sache.«
Während sie noch so mit einander sprachen, fand der Alte einen Bekannten
von Bathurst, der hier in dieser Biegung des Flusses arbeitete und
in der Zeit wenigstens, wie er sagte, sein Tagelohn gemacht hatte. Er
konnte den beiden Männern allerdings keinen Platz angeben, wo sie Gold
gewiß finden würden, aber er meinte, diese Biegung sei vielleicht so gut
wie jede andere; und so beschlossen sie denn auch, da noch Platz genug
war, mit ihren Sachen hier herüber zu kommen und morgen einmal einen
Anfang in der Goldwäscherei zu machen.