Jack hatte auf der königl. australischen Post, ohne den Hals oder irgend
ein anderes Glied des Körpers zu brechen, Bathurst glücklich erreicht --
etwas was gewiß nicht alle Passagiere dieses königl. Fuhrwerks von sich
sagen können. Sein Werkzeug und Gepäck war schon vor fünf Tagen von
Sidney mit einem Karren abgegangen, und er gedachte die dreißig Meilen
bis zum Innern leicht zu Fuß zu machen. Er hätte auch Reisegefährten
genug finden können, die Gesellschaft derselben behagte ihm aber nicht
besonders, und er marschirte lieber allein nach seiner Bequemlichkeit
ruhig fort. Da er aber in der letzten Zeit nicht mehr so viel gegangen
war, wurde es schon spät am Nachmittag, ehe er den, etwa 19 Meilen von
Bathurst entfernten hohen Berg erreichte, diesen erstieg und sich oben,
ziemlich am Gipfel, auf einen Stein setzte, um ein wenig auszuruhen.
Er hatte kurz vorher einen beladenen mit vier Ochsen bespannten Karren
überholt, der sich den Berg gerade an dieser steilsten Stelle mühsam
hinaufquälte. Der Mann trieb die Ochsen, eine alte Frau ging mit einem
kleinen Jungen von etwa acht Jahren voraus, und ein junges Mädchen,
dessen Gesicht er des großen Sonnenbonnets wegen nicht sehen konnte,
ging mit einem großen Stein neben dem Rad her und legte, jedesmal wenn
die Ochsen rasteten, den Stein hinter das Rad, damit der Karren nicht
zurückrutschen konnte. Der Berg bildete hier eine ordentliche Kuppe, und
rechts und links ging es schauerlich steil an beiden Seiten hinunter. Es
war ein höchst fataler Platz für heraufkommendes, wie hinuntergehendes
Fuhrwerk.
Der Karren war jetzt gerade zu der Stelle gekommen, wo Jack saß;
der Ochsentreiber, ein alter kräftiger Bursch mit greisen Haaren und
gutmüthigem Gesicht, hatte sich schon ganz heiser geschrieen, die Ochsen
den Berg hinauf zu überreden, und unser junger Freund würde ihn wenig
beachtet haben, als er an ihm vorbeischritt, denn sein Blick war
gerade auf das liebe, freundliche Gesichtchen des dahinter herkommenden
Mädchens gerichtet, hätte ihn der Alte nicht eben im Vorbeigehen ein
gemüthliches »wie geht's Jack?« zugenickt. Der junge Mann war ganz
erstaunt, daß der Fremde seinen Namen wußte, und drehte sich rasch nach
ihm um.
Ein anderer Vorfall nahm aber in demselben Moment seine ganze
Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß er alles Andere total darüber vergaß.
Das junge Mädchen war jetzt nur wenige Schritte von ihm entfernt;
gerade in diesem Augenblick scheuten die Ochsen, oder der Treiber hatte
vielmehr -- wie es sich später herausstellte, einen der vordersten mit
seiner Peitsche ins Auge getroffen; das Thier, von dem unerträglichen
Schmerz gepeinigt, drängte zurück, ein paar kräftig geführte Schläge,
welche die Leitochsen wieder in Ordnung bringen sollten, machten auch
die andern irre, und als die beiden vordersten jetzt, trotz allem
Schreien und Schlagen des Treibers, scharf abbogen, nach dem links
hinunterschießenden und nur schwach mit Bäumen besetzten Abhang zu,
folgten auch die anderen; der Wagen drehte sich auf seine Achse,
stand einen Augenblick auf dem linken Rad und stürzte dann, als das
hochaufgehäufte Gepäck das Uebergewicht bekam, langsam und unaufhaltsam
zur Seite über.
Nicht allein das ganze Geschirr aber, sondern vor allen Dingen das
junge Mädchen, befanden sich in dem Augenblick des Umschlagens in der
dringendsten Gefahr, denn gerade über ihr hing die drohende, stürzende
Last des ganzen Wagens, und wäre Jack nicht mit einem Satze zugesprungen
und hätte sie fort und aus dem Bereich der niederschlagenden Ladung
gerissen, sie wäre sicherlich arg beschädigt, vielleicht getödtet
worden. So kam sie mit fünf blauen Flecken weg, die des jungen Mannes
Finger auf ihr Handgelenk gedrückt, und außerdem noch mit dem Schreck,
sich auf einmal, während Kisten und Kasten um sie her rasselten und
stürzten, in den Armen eines wildfremden Menschen zu finden.
Der Alte hatte indessen die größte Noth und Mühe, die Thiere, die nun
einmal absolut den Abhang hinunterdrängen wollten, zurückzuhalten, und
es wäre ihm das auch allein im Leben nicht gelungen. Der umgestürzte
Wagen hakte aber hinter einem jungen Gumbaum und die Kette, die durch
den plötzlichen Ruck wie ein dünnes Thau abbrach, schnellte sich
glücklicher Weise um die nächsten Bäume und hielt da fest. Die Thiere
wurden dadurch, wohl oder übel, wieder zum Stehen gebracht, und der Alte
bekam Zeit, sie zurück und auf die Straße zu treiben.
Wäre das Mädchen aber auch nicht so hübsch gewesen, so war Jack doch
viel zu gutmüthig, den Mann hier mit Frau und Kind und dem umgeworfenen
Geschirr allein und im Stich zu lassen. Ueberdies ging es schon auf den
Abend zu, viel weiter hätte er doch nicht mehr marschiren, den Turon
wenigstens an dem Abend keineswegs mehr erreichen können, und so machte
er sich denn auch nun, ohne ein Wort weiter zu sagen, mit an die Arbeit,
half das Geschirr und Gepäck abladen, den Karren wieder aufrichten, die
Ochsen frei machen, daß sie füttern, wenigstens die hie und da spärlich
genug wachsenden Grashalme aufsuchen konnten, und setzte sich dann
mit zu dem unter der Zeit von den Frauen entzündeten und unterhaltenen
Feuer, als ob er nicht allein mit zur Familie gehöre, sondern auch von
klein auf dazu gehört habe, und das nun einmal gar nicht anders sein
könne.
Der Alte hatte gar nicht gesehen, in welcher Gefahr seine Tochter
geschwebt, wohl aber die Mutter, die oben am Berge vor lauter Angst und
Schrecken in die Knie gesunken war, und jetzt dem jungen Mann gar
nicht genug zu danken wußte. Dieser wies das aber lachend von sich, und
entschuldigte sich nur, daß er in aller Angst und Eile Jane, wie die
Tochter hieß, beinahe den Arm abgequetscht, ihr das Fleisch daran
wenigstens blitzblau gedrückt habe. -- Er ließ sich aber den Arm doch
noch einmal herüberreichen -- zufälligerweise saß er nämlich gar nicht
weit von Jane -- nur um zu sehen wie groß denn eigentlich der Schade
sei, den er angerichtet habe, und streichelte zuletzt die Stelle und
meinte, es würde schon wieder gut werden ehe sie -- ehe sie -- ehe sie
vier Wochen älter wäre.
Jane schien sich vor dem jungen Fremden gar nicht mehr zu fürchten.
Der Alte hatte im Sinn gehabt auf dem Gipfel des Berges, den er mit
seinen Thieren noch an dem Abend zu erreichen gehofft, zu lagern, und
deshalb ein kleines Fäßchen mit Wasser auf seinen Wagen genommen,
um Abends und am nächsten Morgen Thee davon zu kochen. Der nur lose
aufgelegte Spunt war aber abgegangen und das Wasser, beim Umstürzen des
Wagens, total ausgelaufen. Jack hatte die besten Beine, nahm einen Eimer
und Blechbecher und stieg den Berg hinunter, unten im Thal irgendwo
ein Wasserloch aufzufinden. Nach einer Stunde etwa und gerade mit
Dunkelwerden kehrte er wieder zurück; Thee wurde gekocht, das große
Zelt, das der Alte bei sich führte, und das inwendig zwei Abtheilungen
hatte, gerade mitten auf der Straße, als dem einzigen nur halbweg
ebenen Platze aufgespannt, und die kleine Gesellschaft nahm vergnügt ihr
Abendbrod ein.
»Aber woher wußtet Ihr denn eigentlich, daß ich Jack hieß,« sagte der
junge Mann plötzlich, als ihm die fast schon vergessene Anrede des Alten
wieder einfiel -- »ich weiß doch nicht, daß wir uns schon früher einmal
gesehen hätten?«
Die ganze kleine Gesellschaft lachte, selbst das Kind, und der Alte
sagte schmunzelnd:
»Hat Euch noch Niemand sonst unterwegs mit Jack angeredet?« --
»Ja,« erwiderte der junge Mann etwas verblüfft -- »auf der Post schon
ein paarmal, aber ich glaubte, die Leute kennten mich vielleicht von
Sidney her -- das eine Gesicht kam mir wenigstens bekannt vor.«
»Es ist die allgemeine Anrede hier draußen in den Bergen,« fuhr aber der
Alte schmunzelnd fort -- »wer, zum Henker, könnte auch all die Namen der
Leute wissen, denen er begegnet, und wenn er sie wüßte, wer könnte sie
behalten? da nennen wir denn alle einander Jack, und da _jeder_ Jack
heißt, kann auch nicht leicht ein Irrthum oder eine Namensverwechselung
vorfallen, denn wenn man von irgend einem Jack spricht, so _muß_ der
rechte mit gemeint sein.«
Hiergegen ließ sich nichts weiter einwenden, und das Gespräch drehte
sich bald auf das Gold über, das alle in die Minen Strömenden sicher
dort zu finden erwarteten.
»Man _muß_ aber auch schon etwas finden,« meinte der Alte dabei
kopfschüttelnd, »wenn man nur _das_ Geld wieder herausbekommen will, was
man selber allein beim Heraufziehen zusetzt. Und wie hätte mir all das
Gold in Australien« -- fuhr er plötzlich mit viel weicherer Stimme als
man dem alten Mann hätte zutrauen mögen, fort -- »wohl den Verlust des
Mädels da ersetzen können, wenn das mir heute zu Schaden gekommen wäre?«
Jack sah, wie Jane blutroth bei der neuen Erwähnung der Sache wurde und
sprang rasch auf den letztgefundenen großen Klumpen Gold über. -- Der
Alte war hierbei gleich Feuer und Flamme, und es ergab sich jetzt,
daß dieser wirkliche Klumpen ihm ebenfalls den letzten Gnadenstoß, mit
seinem Entschluß nach den Minen zu gehen, gegeben hatte. Von nun an
wurde den ganzen Abend von weiter nichts gesprochen wie von Unzen und
Pfunden, Löcher graben und »=claims=« aufnehmen, von Licenz zahlen und
Provisionspreisen, von neuentdeckten reichen Plätzen und erwarteten oder
gemunkelten Diamantengruben; kurz, es blitzte und funkelte den guten
Leuten den ganzen Abend wie lauter Gold und Edelstein vor den Augen
herum, und als sie endlich in ein und demselben Zelte für die Nacht ihr
Lager suchten, schien die Sache noch nicht besser geworden zu sein, denn
der Alte versicherte Jack am nächsten Morgen, der Rücken thäte ihm noch
von dem Gewichte weh, das er die Nacht aus seinem im Traum gegrabenen
Loche an Gold herausgewälzt habe. Jack hatte auch geträumt, und wie er
meinte, viel angenehmer und lange nicht so beschwerlich; wahrscheinlich
auch von dem Golde, doch sagte er es nicht.
Der Alte schien übrigens Vertrauen zu dem jungen Mann gefaßt zu haben,
und da einer allein in den Minen, bei der allzubeschwerlichen Arbeit,
doch nicht so gut fortkommen kann, so beschlossen sie zusammenzubleiben
und mitsammen zu schaffen; die Frauen konnten ihnen dann unter der Zeit
die Wirthschaft halten, und Jack meinte, daß sie dann auch natürlich
einen Antheil dafür von dem was die Männer zusammen fänden, haben
müßten. Der Alte versicherte ihm, das ließe sich schon einrichten, denn
der Knabe könnte ihnen ja auch von großem Nutzen sein, und ihr Plan für
die künftigen Arbeiten war jetzt mit einem Mal gemacht und beschlossen.
Für den Augenblick fehlte nun weiter nichts mehr als eben nur das Gold.
Jack ging, während die beiden Frauen das Frühstück bereiteten, mit
dem Alten und dem Knaben aus, die Ochsen, von denen einer eine Glocke
umhängen hatte, aufzusuchen und einzutreiben. Sie fanden sie auch
glücklicherweise im Thal unten, und das Geschirr stand nach anderthalb
Stunden etwa zum Wiederaufbruch fertig. Jack war aber dabei sehr mit
seiner bisherigen Tagesarbeit zufrieden -- er hatte einem hübschen
Mädchen einen sehr großen Dienst erzeigt, ihr vielleicht das Leben
gerettet, dabei eine höchst liebenswürdige Familie kennen gelernt, und
-- auch zugleich das Praktische bei der Sache nicht zu vergessen, einen
tüchtigen Mitarbeiter für die Minen gefunden, und sich dort, gewiß eine
Hauptsache, einen sehr angenehmen und damit auch zugleich in materieller
Hinsicht vortheilhaften Aufenthalt gegründet.
Jack war, wie gesagt, mit dem Resultat des vorigen Tages ungemein
zufrieden.