2. Wen Jack unterwegs traf.

Jack hatte auf der königl. australischen Post, ohne den Hals oder irgend

ein anderes Glied des Körpers zu brechen, Bathurst glücklich erreicht --

etwas was gewiß nicht alle Passagiere dieses königl. Fuhrwerks von sich

sagen können. Sein Werkzeug und Gepäck war schon vor fünf Tagen von

Sidney mit einem Karren abgegangen, und er gedachte die dreißig Meilen

bis zum Innern leicht zu Fuß zu machen. Er hätte auch Reisegefährten

genug finden können, die Gesellschaft derselben behagte ihm aber nicht

besonders, und er marschirte lieber allein nach seiner Bequemlichkeit

ruhig fort. Da er aber in der letzten Zeit nicht mehr so viel gegangen

war, wurde es schon spät am Nachmittag, ehe er den, etwa 19 Meilen von

Bathurst entfernten hohen Berg erreichte, diesen erstieg und sich oben,

ziemlich am Gipfel, auf einen Stein setzte, um ein wenig auszuruhen.

Er hatte kurz vorher einen beladenen mit vier Ochsen bespannten Karren

überholt, der sich den Berg gerade an dieser steilsten Stelle mühsam

hinaufquälte. Der Mann trieb die Ochsen, eine alte Frau ging mit einem

kleinen Jungen von etwa acht Jahren voraus, und ein junges Mädchen,

dessen Gesicht er des großen Sonnenbonnets wegen nicht sehen konnte,

ging mit einem großen Stein neben dem Rad her und legte, jedesmal wenn

die Ochsen rasteten, den Stein hinter das Rad, damit der Karren nicht

zurückrutschen konnte. Der Berg bildete hier eine ordentliche Kuppe, und

rechts und links ging es schauerlich steil an beiden Seiten hinunter. Es

war ein höchst fataler Platz für heraufkommendes, wie hinuntergehendes

Fuhrwerk.

Der Karren war jetzt gerade zu der Stelle gekommen, wo Jack saß;

der Ochsentreiber, ein alter kräftiger Bursch mit greisen Haaren und

gutmüthigem Gesicht, hatte sich schon ganz heiser geschrieen, die Ochsen

den Berg hinauf zu überreden, und unser junger Freund würde ihn wenig

beachtet haben, als er an ihm vorbeischritt, denn sein Blick war

gerade auf das liebe, freundliche Gesichtchen des dahinter herkommenden

Mädchens gerichtet, hätte ihn der Alte nicht eben im Vorbeigehen ein

gemüthliches »wie geht's Jack?« zugenickt. Der junge Mann war ganz

erstaunt, daß der Fremde seinen Namen wußte, und drehte sich rasch nach

ihm um.

Ein anderer Vorfall nahm aber in demselben Moment seine ganze

Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß er alles Andere total darüber vergaß.

Das junge Mädchen war jetzt nur wenige Schritte von ihm entfernt;

gerade in diesem Augenblick scheuten die Ochsen, oder der Treiber hatte

vielmehr -- wie es sich später herausstellte, einen der vordersten mit

seiner Peitsche ins Auge getroffen; das Thier, von dem unerträglichen

Schmerz gepeinigt, drängte zurück, ein paar kräftig geführte Schläge,

welche die Leitochsen wieder in Ordnung bringen sollten, machten auch

die andern irre, und als die beiden vordersten jetzt, trotz allem

Schreien und Schlagen des Treibers, scharf abbogen, nach dem links

hinunterschießenden und nur schwach mit Bäumen besetzten Abhang zu,

folgten auch die anderen; der Wagen drehte sich auf seine Achse,

stand einen Augenblick auf dem linken Rad und stürzte dann, als das

hochaufgehäufte Gepäck das Uebergewicht bekam, langsam und unaufhaltsam

zur Seite über.

Nicht allein das ganze Geschirr aber, sondern vor allen Dingen das

junge Mädchen, befanden sich in dem Augenblick des Umschlagens in der

dringendsten Gefahr, denn gerade über ihr hing die drohende, stürzende

Last des ganzen Wagens, und wäre Jack nicht mit einem Satze zugesprungen

und hätte sie fort und aus dem Bereich der niederschlagenden Ladung

gerissen, sie wäre sicherlich arg beschädigt, vielleicht getödtet

worden. So kam sie mit fünf blauen Flecken weg, die des jungen Mannes

Finger auf ihr Handgelenk gedrückt, und außerdem noch mit dem Schreck,

sich auf einmal, während Kisten und Kasten um sie her rasselten und

stürzten, in den Armen eines wildfremden Menschen zu finden.

Der Alte hatte indessen die größte Noth und Mühe, die Thiere, die nun

einmal absolut den Abhang hinunterdrängen wollten, zurückzuhalten, und

es wäre ihm das auch allein im Leben nicht gelungen. Der umgestürzte

Wagen hakte aber hinter einem jungen Gumbaum und die Kette, die durch

den plötzlichen Ruck wie ein dünnes Thau abbrach, schnellte sich

glücklicher Weise um die nächsten Bäume und hielt da fest. Die Thiere

wurden dadurch, wohl oder übel, wieder zum Stehen gebracht, und der Alte

bekam Zeit, sie zurück und auf die Straße zu treiben.

Wäre das Mädchen aber auch nicht so hübsch gewesen, so war Jack doch

viel zu gutmüthig, den Mann hier mit Frau und Kind und dem umgeworfenen

Geschirr allein und im Stich zu lassen. Ueberdies ging es schon auf den

Abend zu, viel weiter hätte er doch nicht mehr marschiren, den Turon

wenigstens an dem Abend keineswegs mehr erreichen können, und so machte

er sich denn auch nun, ohne ein Wort weiter zu sagen, mit an die Arbeit,

half das Geschirr und Gepäck abladen, den Karren wieder aufrichten, die

Ochsen frei machen, daß sie füttern, wenigstens die hie und da spärlich

genug wachsenden Grashalme aufsuchen konnten, und setzte sich dann

mit zu dem unter der Zeit von den Frauen entzündeten und unterhaltenen

Feuer, als ob er nicht allein mit zur Familie gehöre, sondern auch von

klein auf dazu gehört habe, und das nun einmal gar nicht anders sein

könne.

Der Alte hatte gar nicht gesehen, in welcher Gefahr seine Tochter

geschwebt, wohl aber die Mutter, die oben am Berge vor lauter Angst und

Schrecken in die Knie gesunken war, und jetzt dem jungen Mann gar

nicht genug zu danken wußte. Dieser wies das aber lachend von sich, und

entschuldigte sich nur, daß er in aller Angst und Eile Jane, wie die

Tochter hieß, beinahe den Arm abgequetscht, ihr das Fleisch daran

wenigstens blitzblau gedrückt habe. -- Er ließ sich aber den Arm doch

noch einmal herüberreichen -- zufälligerweise saß er nämlich gar nicht

weit von Jane -- nur um zu sehen wie groß denn eigentlich der Schade

sei, den er angerichtet habe, und streichelte zuletzt die Stelle und

meinte, es würde schon wieder gut werden ehe sie -- ehe sie -- ehe sie

vier Wochen älter wäre.

Jane schien sich vor dem jungen Fremden gar nicht mehr zu fürchten.

Der Alte hatte im Sinn gehabt auf dem Gipfel des Berges, den er mit

seinen Thieren noch an dem Abend zu erreichen gehofft, zu lagern, und

deshalb ein kleines Fäßchen mit Wasser auf seinen Wagen genommen,

um Abends und am nächsten Morgen Thee davon zu kochen. Der nur lose

aufgelegte Spunt war aber abgegangen und das Wasser, beim Umstürzen des

Wagens, total ausgelaufen. Jack hatte die besten Beine, nahm einen Eimer

und Blechbecher und stieg den Berg hinunter, unten im Thal irgendwo

ein Wasserloch aufzufinden. Nach einer Stunde etwa und gerade mit

Dunkelwerden kehrte er wieder zurück; Thee wurde gekocht, das große

Zelt, das der Alte bei sich führte, und das inwendig zwei Abtheilungen

hatte, gerade mitten auf der Straße, als dem einzigen nur halbweg

ebenen Platze aufgespannt, und die kleine Gesellschaft nahm vergnügt ihr

Abendbrod ein.

»Aber woher wußtet Ihr denn eigentlich, daß ich Jack hieß,« sagte der

junge Mann plötzlich, als ihm die fast schon vergessene Anrede des Alten

wieder einfiel -- »ich weiß doch nicht, daß wir uns schon früher einmal

gesehen hätten?«

Die ganze kleine Gesellschaft lachte, selbst das Kind, und der Alte

sagte schmunzelnd:

»Hat Euch noch Niemand sonst unterwegs mit Jack angeredet?« --

»Ja,« erwiderte der junge Mann etwas verblüfft -- »auf der Post schon

ein paarmal, aber ich glaubte, die Leute kennten mich vielleicht von

Sidney her -- das eine Gesicht kam mir wenigstens bekannt vor.«

»Es ist die allgemeine Anrede hier draußen in den Bergen,« fuhr aber der

Alte schmunzelnd fort -- »wer, zum Henker, könnte auch all die Namen der

Leute wissen, denen er begegnet, und wenn er sie wüßte, wer könnte sie

behalten? da nennen wir denn alle einander Jack, und da _jeder_ Jack

heißt, kann auch nicht leicht ein Irrthum oder eine Namensverwechselung

vorfallen, denn wenn man von irgend einem Jack spricht, so _muß_ der

rechte mit gemeint sein.«

Hiergegen ließ sich nichts weiter einwenden, und das Gespräch drehte

sich bald auf das Gold über, das alle in die Minen Strömenden sicher

dort zu finden erwarteten.

»Man _muß_ aber auch schon etwas finden,« meinte der Alte dabei

kopfschüttelnd, »wenn man nur _das_ Geld wieder herausbekommen will, was

man selber allein beim Heraufziehen zusetzt. Und wie hätte mir all das

Gold in Australien« -- fuhr er plötzlich mit viel weicherer Stimme als

man dem alten Mann hätte zutrauen mögen, fort -- »wohl den Verlust des

Mädels da ersetzen können, wenn das mir heute zu Schaden gekommen wäre?«

Jack sah, wie Jane blutroth bei der neuen Erwähnung der Sache wurde und

sprang rasch auf den letztgefundenen großen Klumpen Gold über. -- Der

Alte war hierbei gleich Feuer und Flamme, und es ergab sich jetzt,

daß dieser wirkliche Klumpen ihm ebenfalls den letzten Gnadenstoß, mit

seinem Entschluß nach den Minen zu gehen, gegeben hatte. Von nun an

wurde den ganzen Abend von weiter nichts gesprochen wie von Unzen und

Pfunden, Löcher graben und »=claims=« aufnehmen, von Licenz zahlen und

Provisionspreisen, von neuentdeckten reichen Plätzen und erwarteten oder

gemunkelten Diamantengruben; kurz, es blitzte und funkelte den guten

Leuten den ganzen Abend wie lauter Gold und Edelstein vor den Augen

herum, und als sie endlich in ein und demselben Zelte für die Nacht ihr

Lager suchten, schien die Sache noch nicht besser geworden zu sein, denn

der Alte versicherte Jack am nächsten Morgen, der Rücken thäte ihm noch

von dem Gewichte weh, das er die Nacht aus seinem im Traum gegrabenen

Loche an Gold herausgewälzt habe. Jack hatte auch geträumt, und wie er

meinte, viel angenehmer und lange nicht so beschwerlich; wahrscheinlich

auch von dem Golde, doch sagte er es nicht.

Der Alte schien übrigens Vertrauen zu dem jungen Mann gefaßt zu haben,

und da einer allein in den Minen, bei der allzubeschwerlichen Arbeit,

doch nicht so gut fortkommen kann, so beschlossen sie zusammenzubleiben

und mitsammen zu schaffen; die Frauen konnten ihnen dann unter der Zeit

die Wirthschaft halten, und Jack meinte, daß sie dann auch natürlich

einen Antheil dafür von dem was die Männer zusammen fänden, haben

müßten. Der Alte versicherte ihm, das ließe sich schon einrichten, denn

der Knabe könnte ihnen ja auch von großem Nutzen sein, und ihr Plan für

die künftigen Arbeiten war jetzt mit einem Mal gemacht und beschlossen.

Für den Augenblick fehlte nun weiter nichts mehr als eben nur das Gold.

Jack ging, während die beiden Frauen das Frühstück bereiteten, mit

dem Alten und dem Knaben aus, die Ochsen, von denen einer eine Glocke

umhängen hatte, aufzusuchen und einzutreiben. Sie fanden sie auch

glücklicherweise im Thal unten, und das Geschirr stand nach anderthalb

Stunden etwa zum Wiederaufbruch fertig. Jack war aber dabei sehr mit

seiner bisherigen Tagesarbeit zufrieden -- er hatte einem hübschen

Mädchen einen sehr großen Dienst erzeigt, ihr vielleicht das Leben

gerettet, dabei eine höchst liebenswürdige Familie kennen gelernt, und

-- auch zugleich das Praktische bei der Sache nicht zu vergessen, einen

tüchtigen Mitarbeiter für die Minen gefunden, und sich dort, gewiß eine

Hauptsache, einen sehr angenehmen und damit auch zugleich in materieller

Hinsicht vortheilhaften Aufenthalt gegründet.

Jack war, wie gesagt, mit dem Resultat des vorigen Tages ungemein

zufrieden.

Inselwelt. Zweiter Band. Australische Skizzen. Gesammelte Erzählungen. · 第 10 / 15 题