3. Gentlemen John.

Die Poststraße zwischen der Hauptstadt der jetzigen Colonie Victoria,

_Melbourne_, und der von Süd-Australien, _Adelaide_, war damals noch

gar nicht so lange eröffnet, und einmal wöchentlich fuhr in jener ersten

Zeit ein zweirädriger Karren (der eine Anzahl von Passagieren tragen

konnte) mit den Postbeuteln betraut, die lange, öde, durch den dichten

Busch nur nothdürftig ausgeschlagene Bahn. Die Fahrt selber war eine

Marter für den Reisenden, und auf Bequemlichkeiten unterwegs durfte er

eben so wenig rechnen. Nichts destoweniger wurde diese »=Royal mail=«

doch stark benutzt, da sie die einzige zu einer bestimmten Zeit

abgehende und eintreffende Verbindung zwischen den schon ziemlich

bedeutenden Städten des australischen Continents bildete.

Dampfschifffahrt war nämlich noch nicht eingerichtet, und die Passage

auf einem gelegentlich abgehenden Segelschiffe viel zu ungewiß und

langweilig, um sich ihrer zur Personenbeförderung gern zu bedienen.

Wie aber die Straße rauh und die »Postkutsche« selber nur ein höchst

primitives Fuhrwerk war, so diente noch die Unsicherheit der Gegend

damals bedeutend dazu, das »Romantische« einer solchen Fahrt zu erhöhen.

Gar nicht etwa so selten kam es vor, daß die Reisenden von in den Busch

entflohenen Sträflingen angefallen und geplündert wurden. Doch galt es

dabei als Thatsache, daß sie für ihr Leben Nichts zu fürchten hatten,

sobald sie sich gutwillig dem Unvermeidlichen fügten und -- keine Waffen

bei sich führten. Die sogenannten »Bushrangers« nahmen ihnen dann eben

ab, was sie selber brauchen konnten, untersuchten die Postfelleisen

nach Geld oder Geldeswerth und ließen die Passagiere meist ungehindert

ziehen.

Nur wenn sie dieselben gegen sich gerüstet oder gar Widerstand fanden,

war es vorgekommen, daß der so verübte Raub auch in einen _Raubmord_

ausartete, und es blieb bald kein Geheimniß mehr, daß der berüchtigte

Führer dieser Schaar niemand Anderes sei als Gentleman John selber.

So keck und verwegen diese Bande nun aber auch sein mochte, so lehrten

sie doch endlich zahlreiche, gegen sie ausgesandte Streifpatrouillen,

daß sie einer disciplinirten und bewaffneten Macht nicht gewachsen

waren, und wenn alle diese Expeditionen auch nicht von besonderem Erfolg

gekrönt wurden, trieben sie die Strauchdiebe doch weiter in das Innere

zurück und deckten einigermaßen die stark bedrohte Straße.

Es war im April, daß an einem ziemlich rauhen und unfreundlichen

Herbsttage, diese Royal Mail ungewöhnlich stark mit Passagieren

besetzt, die vom Regen aufgeweichte Straße entlang rasselte, während

die wettermürrischen Reisenden, in ihre Mäntel gehüllt und von dem

unbehülflichen Fuhrwerk schlammbespritzt und zerstoßen, erst wieder

anfingen aufzuthauen, als sie eine der seltsamen Stationen erreichten,

auf denen ihnen eine halbe Stunde Rast für ein flüchtiges Mittagsmahl

gegönnt wurde.

Das Gebäude selber bestand aus kaum mehr als einer Rindenhütte, mit

einer Art von Anbau, der zugleich als Küche und Vorrathskammer diente,

und lag an einer der ödesten Stellen der Straße. Trotzdem enthielt es

aber weit mehr Bequemlichkeiten und Genüsse, als sein etwas rauhes,

ungelecktes Aeußere versprach, und die Passagiere befanden sich bald, zu

ihrer höchst angenehmen Ueberraschung, an einem reinlich gedeckten

Tisch, von dem ihnen ein sorgfältig hergerichtetes Mahl entgegen

duftete. Auch die Getränke waren vortrefflich und in größter Auswahl

vorhanden, und die Wirthin, eine echt englische Matrone, einfach aber

sauber und nett gekleidet, präsidirte an der Tafel.

Der Wirth selber hatte sich noch nicht sehen lassen und draußen auch mit

der Besorgung frischer Pferde und dem Kutscher zu thun.

Die Reisegesellschaft bestand aus lauter Männern, da sich Damen diesem

rauhen Beförderungsmittel nur im höchsten Nothfall, und dann auch

nur auf kurze Strecken und von einer Station zur andern anvertrauten.

Allerdings mußten sie in dem Fall, wenn sie für solche Fahrt die Post

benutzen wollten, warten, bis sich ein Platz für sie fand, da die

Postverwaltung nicht daran dachte, einen Beiwagen zu geben, selbst wenn

sich genug Passagiere dafür gefunden hätten. Was dem einmal vorhandenen

Karren von Reisenden möglicher Weise aufgepackt werden _konnte_, wurde

geladen, die Uebrigen mußten abwarten, ob sie vielleicht »in der

nächsten Woche« mitgenommen werden könnten.

Wie aber nun in ganz Australien die Bevölkerung eine höchst wunderlich

gemischte ist, so schien auch auf dieser Post fast jede Schicht der

Colonial-Gesellschaft vertreten. Eine höchst anständig aussehende

Persönlichkeit in schwarzen Tuchkleidern mit schwerer, goldener Kette,

weißer Wäsche und Glacéhandschuhen, die eigentlich nicht recht in ihre

ganze Umgebung zu passen schien, repräsentirte den Kaufmannsstand der

Colonien. Es war ein Mr. Warrel aus Melbourne, der mittelst Post

nach Adelaide ging, um eine kurz vorher von Melbourne per Segelschiff

expedirte Ladung von Waaren selber an Ort und Stelle zu verkaufen.

Die zweite ansehnliche Persönlichkeit war ein Squatter aus dem

Adelaide-District, mit vollem Bart, einen Kohlpalmenhut auf, mit

Rock, Hose und Weste aus sogenanntem englischen Lederzeug, mit derben

Buschschuhen und einem rothseidenen Halstuch, das, um den schneeweißen

Hemdkragen geschlagen, den sonnverbrannten kräftigen Hals entblößt ließ.

Ganz gegen den Gebrauch der übrigen Passagiere schien es dieser aber

zu verschmähen, sich waffenlos der Gnade und Ungnade des etwa dort

umherstreifenden räuberischen Gesindels zu übergeben. In dem breiten, um

den Leib geschnallten Gürtel, der ein kurzes schweres Buschmesser trug,

staken ein paar kurze feingearbeitete Pistolen, und außerdem führte

er auch noch eine, wie er sagte, mit Rehpfosten geladene englische

Doppelflinte bei sich, die er unterwegs zwischen den Knien und ziemlich

trotzig zum Gebrauch stets in Bereitschaft hielt.

Seinen Platz hatte er mit vorn auf dem Bock, und der dritte Passagier,

der zwischen ihm und dem Kutscher eingeklemmt saß, war ein dürres,

bleiches, kleines Männchen, ebenfalls ein Engländer, aber jedenfalls

Israelit, der in ziemlich schäbigen Kleidern, mit einem alten

abgetragenen Hut, bis dahin, trotz seiner anscheinenden Armuth, die

entsetzlichste Angst vor einem möglichen Ueberfall gezeigt, und

besonders seinen schwer bewaffneten Nachbar fortwährend mit

mißtrauischen Blicken betrachtet hatte.

Die Post führte nur zwei Sitzbänke -- die eine war die, auf welcher

der Kutscher saß, und die neben ihm befindlichen Passagiere hatten die

Aussicht nach vorn über die Pferde hin. Auf der zweiten, dicht hinter

diesen angebrachten, nothdürftig gepolsterten und mit Leder überzogenen

Bank saßen die übrigen Reisenden, jedoch mit dem Rücken nach vorn, und

die niedere darum gezogene eiserne Lehne diente weit weniger zu ihrer

Bequemlichkeit als zu ihrem Schutz, sich daran festzuklammern, wenn der

Wagen einen steilen Hang hinaufgerissen wurde. Versäumten sie es, so

wären sie rettungslos nach hinten zu übergestürzt.

Auf dieser hinteren Bank saß der schon vorher erwähnte Kaufmann aus

Melbourne dicht hinter dem Kutscher. Den Mittelsitz hatte ein etwas

ruppig aussehendes Individuum, schon von Melbourne her in Besitz. Es

war dies dem Anschein nach einer der gewöhnlichen Arbeiter, in ordinären

aber trotzdem ziemlich reinlich gehaltenen Kleidern und mit hoffentlich

besseren Empfehlungen und Zeugnissen in der Tasche, als ihm das eigene

Gesicht gewähren konnte. Der Bursche, der die ganze Fahrt hindurch

verdrossen und störrisch auf seinem unbequemen Sitz kauerte und

ununterbrochen Tabak kauete, hatte mit seinen Mitpassagieren auch noch

keine drei Worte gewechselt, und alle an ihn gerichteten Fragen -- wenn

überhaupt -- mit »Ja«, »Nein«, oder »weiß nicht«, beantwortet.

Den dritten Platz neben ihm und Rücken an Rücken mit dem Squatter

nahm ein Mittelding zwischen Squatter und Arbeiter ein. Es war ein

vierschrötiger, kräftiger Gesell, mit sonnverbrannten, nicht häßlichen

Zügen und etwas Keckem, Drolligem in seinem ganzen Wesen. Er war erst in

Manebat, bis wohin ein anderer Passagier mitgefahren, aufgestiegen, und

bis jetzt eigentlich der Einzige gewesen, der durch seinen Humor, trotz

Wetter und schlechtem Fuhrwerk einiges Leben in die träge Unterhaltung

gebracht. Dem letzten Regenguß hatte freilich auch er schweigend und

mürrisch die Wetterseite geboten. Jetzt aber im Trockenen, mit einer

Flasche Sherry an der einen und einem Becher Porter an der anderen

Seite, thaute er rasch wieder auf und es gelang ihm auch wirklich

seine, sonst ziemlich schweigsamen Reisegefährten zu einer lebendigen

Unterhaltung zu bringen.

Stoff hierzu gab vor Allem der kleine ängstliche Passagier, der

unterwegs zwischen dem Kutscher und Squatter saß, und sich an jedem

Anhaltspunkt jedesmal vor allen Dingen neue und meist immer entsetzliche

Nachrichten über kürzlich erst verübte Gräuelthaten der Buschrähndscher

sammelte. Auch hier hatte er nichts Eiligeres zu thun gehabt, als sich

mit seinen Erkundigungen an eine Art von Hausknecht zu wenden, der

die angekommenen Pferde eben abschirrte, sie, zu beideseitiger

Bequemlichkeit, frei im Busch ihrer Weide nachgehen zu lassen.

Dieser aber, ein verschmitzter Ire, und jedenfalls auch nur ein mit

=ticket of leave= oder Urlaubschein freigegebener Sträfling, sah bald,

mit welcher Classe von Menschen er es hier zu thun habe, und erzählte

dem ihm ängstlich und bestürzt Zuhörenden in aller Geschwindigkeit ein

paar so entsetzliche und schaudererregende Mordgeschichten, daß

Mr. Moses, wie der kleine Mann hieß, mit bleichem Antlitz in das

Passagierzimmer stürzte, seine furchtbaren Neuigkeiten so rasch als

möglich den Uebrigen mitzutheilen.

»Lügen, Mr. Moses, Nichts als Lügen,« parirte übrigens Mr. Warrel, der

sich eben mit den Anderen zu der gut besetzten Tafel niedergesetzt,

ziemlich kaltblütig die schrecklichen Nachrichten. »Von wem haben Sie

sich diese Geschichten aufbinden lassen?«

»Von wem?« rief der kleine Mann entrüstet, »von dem Burschen, der die

Pferde versorgt.«

»Von Tom, dem Iren,« lachte aber jetzt selbst die Matrone, die gerade im

Begriff war, ein saftiges Roastbeef zu zerlegen, »ja mein lieber Herr,

_den_ dürfen Sie über so etwas nicht fragen, denn wenn er merkt,

daß sich Jemand vor Buschrähndschern fürchtet, erzählt er ihm die

gräßlichsten Geschichten, die ihm nur einfallen.«

»Wie heißt, fürchten?« sagte kopfschüttelnd Mr. Moses, »wer hat ihm

gesagt, daß sich Moses fürcht? wovor fürchten? sind meine Kleidchen

doch alt und schlecht genug und können sie meine Haut nicht gebrauchen.

Weiter hab' ich Nichts bei mer auf der Gotteswelt, wie verzehn Schilling

bar Geld vor die Reisespesen.«

»Nun so gleichgültig wäre _mir's_ gerade nicht,« brummte der Squatter,

eben mit einem saftigen Stück Fleisch beschäftigt, finster in den Bart,

»und den blutigen Canaillen möchte ich diesmal gerade nicht in die Hände

fallen. Aber -- hol' sie der Teufel, ehe sie mein Geld bekommen, sollen

sie erst mit meinem Pulver und Blei Bekanntschaft machen, und ich denke,

ich habe genug von dem bei mir, ihnen zu dem anderen den Appetit zu

versalzen.«

»Sie sind allerdings kein Mann für die Buschrähndscher, bester Herr,«

lachte da der Passagier von Wanebat, der sich Mr. Bush nannte, »denn

von oben bis unten mit Stahl und Eisen gespickt dürften sich die armen

Teufel bei Ihnen wohl mehr Schläge wie Geld holen; unser Freund in

Schwarz dagegen, den ich zugleich herzlich ersuchen möchte, mir einmal

die Sherryflasche herüberzuschieben, scheint ihnen freundlicher gesinnt

zu sein, denn er trägt kein solches Mordgewehr und Gold genug zur Schau,

ihnen den Mund darnach wässern zu machen.«

»Soll mer Gott helfen, wenn's nicht wahr ist,« stimmte diesem Mr. Moses

in etwas verkehrter Betheuerung bei -- »wüßt' ich 'nen besseren Platz

goldne Kettcher und Uhren zur Firma zu tragen, als die Buschstraße

zwischen Melbourne und Adelaide.«

Der Kaufmann lachte und aß eine Weile ruhig weiter; endlich aber sagte

er, noch immer schmunzelnd:

»Freut mich, daß Ihr mich für so grün haltet, mit solchem Firlefanz

hier paradiren zu wollen. Werden wir aber wirklich von Buschrähndschern

überfallen, so gönne ich ihnen die ganze Bescheerung vom Herzen. An Geld

hab' ich nur ein paar Pfund Sterling bei mir und wenn sie mir die, und

den Plunder abgenommen, sind sie seelenglücklich und bedanken sich am

Ende noch gar bei mir.«

»Thät da e silbernes Kettche dieselben Dienste,« meinte aber der

Israelit, »wozu den Hallunken das gute Gold in die Zähne werfen.«

»_Gold_,« lachte der Kaufmann mit einem verschmitzten Blick nach Mr.

Bush hinüber, »die Uhr mit Kette kostet mich in Melbourne gerade

12 Shilling -- das Zeug hier ist Tomback und das Werk selber keiner

Sixpence werth.«

»Ha, ha, ha, ha,« lachte Mr. Bush, »das ist vortrefflich, und der

Plan ganz ausgezeichnet. Wenn die Strauchdiebe Uhr und Börse von einem

Gentleman haben, visitiren sie ihn nachher nicht einmal weiter.«

»Und wenn sie mich visitiren,« lachte Warrel -- »ich trage Nichts auf

der Gotteswelt weiter bei mir. Komm' ich dann auch ausgeplündert nach

Adelaide, so ist die Handschrift des alten Warrel bekannt genug an der

Bank, mir Credit zu verschaffen.«

»Mr. Warrel, in der That?« sagte Bush, ihn rasch und ehrfurchtsvoll

grüßend -- »ah das glaub' ich, daß _Sie_ weder in Adelaide noch

Melbourne vier und zwanzig Stunden ohne Geld zu sein brauchen. Da

muß unser Freund Moses hier seine Barschaft allerdings sorgfältiger

verstecken!«

»Ich?« rief der kleine Mann erschreckt, und ließ die eben aufgenommenen

Messer und Gabel klirrend auf den Teller zurückfallen. »Gott der

Gerechte, wo soll ich Barschaft versteckt haben? -- etwa in die

Täschchens hier, oder in die zerrissenen Stiefelcher? Soll mer Gott

helfen, wenn ich weiß, wie ich die erste Woche meine Kost in Adelaide

zahlen soll, die so schrecklich theuer ist in die Gasthöfe.«

»Nun, nun,« lachte Bush, »mir ist's ja recht und ich brauche nicht dafür

zu sorgen. Uebrigens haben wir keinesfalls etwas zu fürchten, denn mein

wohlbewaffneter Nachbar hier wird uns das Gesindel schon vom Leibe

halten. Ihre Pistolen sind doch hoffentlich geladen, und nicht auch nur

ein falsches Aushängeschild wie Uhr und Kette, Mr. Warrels?«

»Ob sie geladen sind,« erwiderte der Squatter, emsig mit dem vor ihm

liegenden Braten beschäftigt, »und ich will verdammt sein, wenn ich

nicht guten Gebrauch davon zu machen gedenke. -- Haben Sie gar keine

Waffen bei sich?« --

»Ich? ei gewiß,« rief Bush. -- »Ich theile keineswegs die Ansicht der

Herren, die sich den Strauchdieben gutwillig überlassen mögen. Manchmal

ja, mag man es mit einem gutmüthigen Exemplar zu thun bekommen. Es

bleibt aber stets ein fatales Gefühl, sich der Gnade und Ungnade solcher

Burschen zu überlassen. So lange ich mich noch meiner Haut wehren kann,

seh' ich nicht ein, weßhalb ich den Versuch nicht wenigstens machen

sollte.«

»Dann sind Sie mein Mann!« rief der Squatter, ihn augenscheinlich

beruhigt auf die Schulter klopfend. -- »Und Ihr da drüben, Freund,«

wandte er sich an den schweigsamen Passagier, der an dem untern Ende

der Tafel keinen Blick von seinem Teller verwandt, und keine Silbe

gesprochen hatte -- »wie steht es mit Euch?«

Der Angeredete sah, ohne den Kopf zu heben, einen Moment nur durch seine

buschigen Augenbrauen nach dem Sprecher hinüber, und schien erst keine

Antwort auf die an ihn gerichtete Frage geben zu wollen.

»Wer -- ich?« sagte er endlich, als der Squatter noch immer schwieg und

seinen Blick nicht von ihm nahm.

»Ja, Ihr, Mate, seid Ihr bewaffnet?«

»Nein,« brummte der Mann, sich neuen Fleischvorrath auf seinen Teller

häufend -- »wozu?«

»Wozu? wollt Ihr Euch von den Buschläufern wehrlos mißhandeln lassen?«

Der Angeredete ließ seinen Blick von dem Sprecher langsam und fast wie

höhnisch auf dessen Nachbar, Mr. Bush gleiten und sagte dann plötzlich,

indem er gleichgültig wieder seine Mahlzeit fortsetzte:

»Wollen's abwarten, Mate!«

»Auf unsern schweigsamen Freund da unten,« lachte Bush, »scheint es,

als ob wir nicht besonders rechnen dürften. Dann haben wir nur noch den

Kutscher, als dritte Hülfe!«

»Hol die Kutscher der Böse,« brummte der Squatter, mit dem Erfolg seiner

Anrede nichts weniger als zufrieden. »Wenn die es nicht geradezu mit den

Buschkleppern offen halten, passiren sie doch die Straße viel zu oft,

sie sich zu Feinden zu machen. _Die_ Kerle bleiben gewöhnlich ruhig

auf ihrem Bock sitzen und sind froh, wenn ihnen nur die Pferde gelassen

werden, weiter zu fahren. Alles Uebrige kümmert sie wenig genug.«

»Bah,« sagte Mr. Warrel, »die ganze Geschichte ist ja doch nur ein

müßiges Geschwätz von Reisenden, die -- an dem Ort ihrer Bestimmung

glücklich und ungehindert angelangt -- nicht umhin können, mit irgend

einer überstandenen schrecklichen Gefahr zu prahlen. Hier im Land haben

wir keine Tiger oder andere reißende Bestien, und da müssen dann jahraus

und jahrein die Buschrähndscher den alleinigen wieder und wiedergekäuten

Stoff liefern. Ich wette 100 £. Sterl., daß wir auf der ganzen Fahrt

keinen zu sehen bekommen.«

»Topp!« rief ihm Mr. Bush plötzlich entgegen, »ich nehme Ihre Wette an,

Sir, und kann dabei jedenfalls nur ein gutes Geschäft machen.«

»Auch wenn Sie verlieren?« rief Mr. Warrel.

»Dann erst gewiß,« lachte der junge Mann. »Ich habe eine Herde von

15.000 Schafen verkauft, für die ich das Geld in Wechseln und Banknoten

bei mir trage, und will gern 100 Pfund davon bezahlen, wenn ich das

Uebrige sicher nach Adelaide bringe. Wird es mir aber abgenommen, so

sind Ihre 100 Pfund wieder ein ganz hübscher Anfang für einen neuen

Beginn.«

»Hol's der Henker,« rief der Squatter, »wenn Sie die Sache von der

Seite betrachten, möcht' ich auch wetten, denn wenn _mich_ die Schufte

plünderten, machten sie ebenfalls kein schlechtes Geschäft. Wie wär's,

Herr Warrel, wenn wir eine gleiche Versicherung abschlössen.«

»Danke Sir,« wehrte aber dieser lachend ab, »ich bekomme dafür

kein Aequivalent, denn das Vergnügen, einen wirklichen lebendigen

Buschrähndscher zu sehen, ist doch kaum mehr als hundert Pfund werth,

und wenn es wirklich der berüchtigte Gentleman John selber wäre.«

»Dann nehmen Sie wenigstens eine von meinen Pistolen,« sagte der

Squatter. »Drei entschlossene und bewaffnete Männer können sich einen

ganzen Schwarm der feigen, räuberischen Schufte vom Leibe halten.«

»Auch dafür muß ich danken,« sagte der vorsichtige Kaufmann. »Ich

habe Frau und Kind, wie ein recht hübsches Besitzthum zu Hause, und

keineswegs Lust, mein Leben oder meine gesunden Gliedmaßen unnöthiger

Weise auf's Spiel zu setzen. Was ich bei mir trage, bin ich jeden

Augenblick bereit, mit Vergnügen herzugeben -- sollten die Herren uns

wirklich ganz gegen Erwarten einen Besuch abstatten. Mehr können sie

nicht verlangen und verlangen sie nicht. Wer mehr zu verlieren hat, mag

zu anderen Mitteln seine Zuflucht nehmen.«

Der mit dieser Politik nicht besonders einverstandene Squatter murmelte

einen leisen Fluch in den Bart, erwiderte aber weiter Nichts, und der

Kutscher, der indessen draußen in der Küche sein Mittagsmahl verzehrt

hatte, erschien auch in diesem Augenblick in der Thür, den Passagieren

anzuzeigen, daß ihre Ruhezeit verflossen und die »=Royal Mail=« gerade

wieder im Begriff sei abzufahren.

Draußen an der Thür stand der Wirth, den Hut auf dem Kopfe, die Hände

in den Taschen, und nickte den Passagieren zu, als sie an ihm

vorübergingen.

»Glückliche Reise, Gentlemen; kommen Sie gesund nach Adelaide. Und du,

Bill, wirf die Herrschaften nicht etwa hier gleich unten im Sumpf in das

Wasserloch, wie es James neulich gemacht hat. Es könnte nicht wieder

so gut abgehen, daß sie mit ein paar Arm- und Beinbrüchen davon kämen.

Einen Doctor haben wir jetzt überdies nicht mehr im Haus.«

»Habt keine Angst, Jones,« lachte der Angeredete. »Wenn wir nur

glücklich durch den Billibong drüben kommen, im Sumpf selber hat's keine

Gefahr, und wenn wir umkippen, will ich uns schon eine weiche Stelle

aussuchen.«

»Das sind vortreffliche Aussichten, Mr. Bush,« sagte der Melbourner

Kaufmann, als er neben diesem hin dem Wagen wieder zuschritt. »Dagegen

wird Ihnen wohl keine Assecuranz helfen, wie?«

»Die Kerle fahren wie der Teufel,« beruhigte ihn aber dieser, »und haben

ihre Thiere sicher in der Hand. So lange der Karren selber hält, haben

wir schwerlich etwas zu fürchten.«

»Desto besser dann,« sagte der Kaufmann, sich, so gut es gehen wollte,

wieder auf seinem schmalen Sitz zurecht rückend, »und nun Kutscher,

fahrt zu; Wetter noch einmal, ist das eine unbequeme Bank. Man hat

wirklich alle Hände voll zu thun, sich nur fest zu halten. Sucht Ihr

denn Euere Passagiere wieder zusammen, wenn Ihr einige davon einmal

verliert?«

»Manchmal,« erwiderte der Mann trocken. -- »He da -- Alle an Bord?«

»Alle -- so gut es eben geht.«

»=Well then= -- laß geh'n davorn, Tom -- Halt' fest da hinten -- komm

Jerry, komm Bock -- hu -- pih!« und mit kräftigem Peitschenschlag auf

die bäumenden Thiere einhauend, trieb er diese zu raschem Ansprung, daß

sie den unbehülflichen Karren mit einem Ruck nach vorn rissen.

»Um Gottes Willen, mein Hut!« rief Mr. Warrel, der sich beinahe den Arm

in der eisernen Lehne ausgerenkt hatte, während ihm der Hut vom Kopfe

flog.

»=Never mind, Bill!=« rief aber Tom, der Hausknecht, an derartige kleine

Folgen wahrscheinlich schon gewöhnt, indem er den Hut in der Luft

fing und seinem Besitzer mit außerordentlicher Geschicklichkeit wieder

zuschleuderte. »Alles in Ordnung -- =go on=!«

Der Kutscher, der von dem Zuruf auch nicht die mindeste Notiz genommen,

bedurfte dieser Beruhigung gar nicht, denn, ohne sich nach dem Passagier

oder dessen Hut auch nur umzusehen, gab er seinen Thieren nur wiederholt

die Peitsche, und der fest auf seinen Achsen ruhende Karren rasselte

rücksichtslos und wild über die rauhe holprige Straße hin, seiner Bahn

entlang.

An eine Unterhaltung zwischen den Passagieren war unter solchen

Umständen gar nicht zu denken. Jeder hatte vollauf zu thun, sich auf

seinem Sitz, und wie ein australisches Sprüchwort ganz passend sagt,

»die Zunge im Munde festzuhalten,« bis der Weg wieder ebener und weicher

wurde, und der Karren, von den Flüchen der mißhandelten Passagiere

begleitet, wenigstens verhältnißmäßig ruhiger auf seiner Bahn

dahinrasselte.

Der Weg zog sich hier, wo er schon das Murraythal berührte, durch einen

Wald der mächtigsten Gumbäume hin, und die Bahn hindurch war dabei

keineswegs in einer geraden Linie gehauen worden, sondern immer nur den

stärksten Stämmen ausweichend und die lichtesten Stellen wählend. Hie

und da stand auch wohl noch ein tüchtiger Stumpf mitten im Weg, und es

bedurfte der ganzen Geschicklichkeit des Kutschers, das allerdings

mit seinen zwei Rädern leicht zu wendende Fuhrwerk zwischen all' den

vorliegenden Hindernissen mit solcher Schnelligkeit hinzuführen.

Dem Squatter, der vorn mit auf dem Bock saß und dabei Zeuge war, wie

die Achsen oft nur in Haaresbreite an einem der alten Waldriesen

vorübergerissen wurden, war gar nicht wohl bei der Fahrt, und er hatte

seine ganze Kaltblütigkeit nöthig, dem tollen Rennen so ruhig zuzusehen.

Einmal aber, als der Wagen wieder an einem alten Gumbaum so dicht vorbei

schnellte, daß er noch ein Stück von der dicken weichen Rinde mit abriß,

und dann gleich darauf mit dem einen Rad über einen umgestürzten Klotz

fuhr, wonach der Karren sich wohl fünfzehn Schritt weit auf dem andern

eben noch balancirte, konnte er es doch nicht mehr so ruhig mit ansehen,

und sagte, sich zu dem Kutscher wendend.

»Heda, Freund -- von _unseren_ Hälsen gar nicht zu reden, scheint Ihr

auch mit Eurem eigenen verwünscht rücksichtslos umzugehen. Wenn wir

hier umgeschlagen wären, hätten wir die Härte unserer Schädel an jenen

Gumbäumen leicht versuchen können.«

»Könnt Recht haben, Mate,« erwiderte ziemlich ungenirt Bill, der

Rosselenker, »aber immer noch besser, als daß wir den gesegneten

Buschkleppern in den Rachen laufen.«

»Und hätten wir hier wirklich etwas von ihnen zu fürchten?« frug der

Squatter rasch.

»Hier? -- habt Ihr den Kerl nicht gesehen, der etwa fünfhundert Schritt

zurück links vom Wege ab in den Busch hineinsprang?«

»Den Kerl? -- habt Ihr Jemanden gesehen?«

»Glaubt Ihr, ich treibe meine Thiere hier umsonst zu Schanden?« brummte

der Mann mürrisch in den Bart. »Hol' die Pest auch ein solches Leben,

und das soll die letzte Fahrt sein, die meiner Mutter Sohn auf dieser

vermaledeiten Straße hin und wieder fährt.«

Der Squatter erwiderte kein Wort weiter, griff aber nach seinen

Pistolen, ob sie ihm, der Hand bequem, im Gürtel stäken, und sah nach

den Hütchen auf seiner Doppelflinte.

Der Kutscher warf seitwärts einen halb neugierigen, halb unzufriedenen

Blick auf die Waffen und sagte:

»Schießen die Dinger sicher?«

»Das wollt' ich meinen,« erwiderte der Squatter.

»Und geh'n sie auch los?«

»Ich möchte ihnen nicht auf fünfzig Schritte im Wege stehn,« lautete die

beruhigende Antwort.

»Hm,« brummte aber der Mann, noch keineswegs damit zufrieden gestellt,

»ich weiß doch nicht, ob Ihr nicht besser thätet, die Dinger in den

Kasten zu packen.«

»Damit uns die Schufte ungehindert plündern könnten, wie?«

»Ist eben nur noch die Frage, ob Ihr sie damit hindern _könnt_,« lautete

die mißtrauische Antwort. »Die Schufte wählen sich eben Ort und Zeit

nach eigenem Gefallen, und wenig Gutes hab' ich bis jetzt von solchen

Schießdingern gesehen, die nie los gehen, wenn sie eigentlich

sollen. Alle, die ich bis jetzt auf dem Karren gehabt, haben sich die

Buschrähndscher selber mitgenommen, und noch nicht einmal so viel als

»Danke« dafür gesagt.«

»Und sind Sie hier schon einmal von den Räubern überfallen worden?«

mischte sich der kleine Zwischenpassagier in das Gespräch, der demselben

bis dahin in fieberhafter Angst gelauscht.

»_Einmal_?« sagte der Kutscher, indem er einen halb erstaunten, halb

verächtlichen Blick nach dem an seiner Seite geklemmten Passagier

hinunter warf, »_viermal_ haben mich schon die »Herren von der Straße«,

wie sie sich nach echt englischer Art zu nennen belieben, unter

den Fäusten gehabt, und ich will seelensfroh sein, wenn ich die

Bekanntschaft dieser verdammten Canaillen nicht heute zum fünftenmal zu

machen habe.«

»Halloh, Camerad,« rief da Mr. Bush, der sich auf seinem Sitz nach dem

Kutscher umdrehte, »haben sie Dich so schlecht behandelt, daß Du ihnen

solche Ehrentitel giebst?«

»Hol' sie der Böse!« zischte Bill zwischen den Zähnen durch, »wenn sie

mir auch noch Nichts zu Leid gethan, ist es doch nur eine blutige Bande

von Sträflingen und dem Galgen abgestohlenes Gelichter, und je weniger

man mit den Schuften zusammen kommt, desto besser.«

»Das ist ein gefährliches Urtheil für eine gemischte australische

Gesellschaft,« lachte der junge Mann, »aber Ihr selber seid wohl

noch nicht lange im Land, und wohl gar einer der sogenannten freien

Einwanderer?«

Bill warf einen zornigen Blick nach dem Sprecher zurück und sagte

finster:

»Bin ich auch, Mate, wenn's Euch etwa kümmert, und für mein eigen Geld

in die Colonie gekommen, und das ist mehr, als mancher _Gentleman_ von

sich sagen kann.«

Mr. Bush lachte gutmüthig vor sich hin und warf nur einen Seitenblick

auf seinen Nachbar. Dieser schien aber weder den »Gentleman,« noch die

andere Anspielung auf sich zu beziehen, und kaute nur ruhig an einem

riesigen Primchen weiter, das er fortwährend aus der linken in die

rechte Backe und wieder zurück wechselte.

Das Gespräch wurde hier durch einen gotteslästerlichen Fluch des

Kutschers unterbrochen, der vor sich in dem hier ziemlich schmalen Weg

ein paar von einem Gumbaum niedergebrochene, sehr starke Aeste liegen

sah, die sich auf keine Weise umgehen ließen und erst fortgeräumt werden

mußten. Unfern davon, unter einem andern Baum, saß ein Fußreisender, ein

sogenannter _Bündelmann,_ der sein Bündel und seinen Stock neben

sich gelegt, sein Frühstück vor sich auf den Knien, ganz ruhig und

unbekümmert da in freier Luft tafelte und den dicht neben ihm haltenden

Postkarren kaum eines Blickes würdigte.

»Halloh, Mate!« rief ihm da der Kutscher, wie er nun seiner ansichtig

wurde, zu, »macht's Euch was aus, wenn Ihr einmal einen Augenblick

aufständet und das verdammte Holz da aus dem Wege räumtet? Ich kann die

Zügel hier nicht los lassen!«

»Hm,« sagte der Bursche, ohne sich besonders außer Fassung bringen zu

lassen, »Euere ganze Gesellschaft da oben hält wohl die Zügel mit,

oder hat sich festgebunden, daß sie nicht abgeschüttelt wird? -- Na

meinetwegen; das nächste Mal, wenn ich fahre, könnt _Ihr_ mir vielleicht

das Holz aus dem Wege räumen --« und sein Frühstück neben sich

niederlegend, stand er langsam auf und stieg zu dem nächsten Ast

hinüber, dicht vor dem die schäumenden Pferde hielten.

»Donnerwetter, Mate, das Holz ist schwer,« rief er hier, als er

vergebens den einen Ast zu lüften versuchte; »na, Eure Pferde beißen

doch nicht?«

»Bewahre -- laßt sie nur los -- he da, Kamerad, Ihr drückt sie mir ja

ganz in den Busch hinein. Die Pest über Euch, Ihr werdet mir den Karren

umwerfen.«

»O, bewahre!« sagte der Bündelmann, der das Handpferd dabei beim Zügel

genommen und seitwärts in den einen Baumwipfel hineingedrückt hatte,

»kommt gleich Alles in Ordnung, Mate. Da sind auch noch ein paar

Kameraden, die mir helfen können!«

»Halloh, Bush!« rief da plötzlich der Squatter, der von rechts und links

unter den Bäumen ein paar zerlumpte und drohende Gestalten auftauchen

sah, indem er sein Gewehr in die Höhe riß, »jetzt giebt's Arbeit --

nehmt Ihr die _rechts_, ich will mit denen da links --«

»Vorsichtig, Kamerad,« sagte da plötzlich Mr. Bush, der schon, wie der

Bündelmann zu den Pferden ging, ein Doppelpistol aus der Tasche gezogen

und die Hähne gespannt hatte, indem er mit der linken Hand die Schulter

des Squatters ergriff und drückte; »ich möchte Euch etwas sagen.«

»Da kommen sie, bei George -- Wetter, Mate, Ihr drückt mir die Schulter

ein -- was ist -- he -- was --«

»Pst -- nicht ein Laut!« rief aber Mr. Bush ruhig aus, und der Squatter

sah zu seinem Entsetzen das gespannte Pistol seines Reisegefährten

mit der Mündung dicht an seinem eigenen Ohr. »Der geringste Griff

nach Eueren Waffen -- eine weitere Bewegung nur, und ich schicke Euch,

größerer Bequemlichkeit wegen, ein Loth Blei durch's Hirn. -- Ihr

Anderen haltet Euch ruhig, und es soll Euch nichts zu Leid geschehen. --

Nur wenn sich Jemand widersetzt, mag er sich die Folgen dann auch selber

zuschreiben.«

Von allen Seiten sprangen indessen wild genug aussehende Kerle, die

meisten von ihnen Gewehre in der Hand haltend, aus den Büschen und

hinter Bäumen, hinter denen sie bis jetzt versteckt gelegen, vor,

während der Bündelmann, ohne sich weiter um die Passagiere zu kümmern,

die Stränge der Pferde durchschnitt und die Flucht unmöglich machte.

Der Squatter knirschte mit den Zähnen, aber er wußte sich auch so

vollständig in der Gewalt seines jetzt hinter ihm stehenden bewaffneten

Feindes, daß ein Widerstand vollkommen nutzlos gewesen wäre und im

nächsten Augenblick sein Leben gekostet haben würde.

Die übrigen sämmtlich unbewaffneten Passagiere hielten sich vollkommen

ruhig, das Unvermeidliche eben über sich ergehen zu lassen. Nur Bill,

der Kutscher, konnte das Zerschneiden seiner Stränge nicht so geduldig

mit ansehen.

»Höll' und Teufel, Mate!« schrie er, die Pferde an den Zügeln

zurückreißend, vom Bock nieder, »was ruinirt Ihr mir denn das Geschirr?

Seht Ihr denn nicht, daß ich doch in dem vermaledeiten Holz bis an die

Ohren sitze und weder vor noch rückwärts kann?«

»Ruhig, mein Herz!« rief ihm aber der vermeinliche Bündelmann entgegen,

der indessen eine ebenfalls dort versteckt gelegene Muskete aufgegriffen

hatte, »bleib Du nur ganz still und geduldig auf Deinem alten

Klapperkasten sitzen, bis man Dich ruft. Mit Deinen Pferden wirst Du

wohl keine Sorge weiter haben.«

»Meine Herrschaften!« sagte in diesem Augenblick der sogenannte Mr.

Bush, ohne jedoch seine drohende Stellung auch nur im Mindesten zu

verändern. »Ich muß sie ersuchen, _einzeln_ und _langsam_ vom Wagen

abzusteigen. Sie haben für Ihr Leben nichts zu fürchten -- nur wer sich

widersetzt, ist ein Kind des Todes. Mr. Warrel, Sie haben wohl die Güte,

den Anfang zu machen.«

»Mit Vergnügen,« sagte der würdige Herr, der nur an das selbstverrathene

Geheimniß seiner unechten Uhr und Kette mit einiger Verlegenheit dachte,

indem er dem Befehl jedoch Folge leistete. Zugleich sah er sich unter

der Aufsicht Eines der Buschrähndscher, der mit gespannter Muskete neben

ihm stehen blieb.

»Nun Ihr da, Freund, ich weiß Euren Namen nicht, wenn's gefällig wäre.«

»Dank' Euch, John,« sagte der Mann, der bei dem ganzen Ueberfall auch

nicht eine Miene verzogen oder sich anders benommen hätte, als ob ihnen

auch nur das Allergewöhnlichste begegnete.

»Ihr kennt mich?« rief Mr. Bush überrascht aus.

»Sollt' es denken,« meinte der Andere, ohne auch nur die Hände aus

seinen Taschen zu nehmen, indem er von seinem Sitz hinunterstieg und

langsam zu dem Kaufmann hinüberging, »habe schon früher einmal das

Vergnügen gehabt.«

»So?« lachte Gentleman John, der Anführer der Schaar, »nun davon

nachher. -- Jetzt Ihr da, Kamerad, mit dem traurigen Aussehen und dem

geflickten Kittel. Hinunter mit Euch, habt Ihr mich verstanden?«

»Ach, gnädigster Herr Buschrähndscher.« winselte der arme Teufel, indem

er wie eine Schlange zwischen dem Kutscher und Squatter hindurch über

den Rücksitz des Bocks hinweg und hinten hinunterglitt: »ich habe ja

Nichts als mein elendes erbärmliches Leben, und wenn Sie nur so äußerst

gnädig sein wollten und mir --«

»Stopf dem Burschen einmal das Maul, Bob, wenn er nicht von selber ruhig

ist,« rief Gentleman John ruhig vom Bock nieder, und Mr. Moses sah kaum

die furchtbare Muskete auf sich gerichtet, als er auch winselnd und

erschreckt in die Knie sank und keinen Laut weiter über die Lippen

brachte.

»Jetzt hierher, zwei von Euch!« rief da der Befehl des Anführers wieder

Einige der Schaar zu dem Wagen, auf dem Gentleman John noch immer

neben dem Kutscher den bewaffneten Squatter mit der gespannten Pistole

bedrohte. »Nehmt dem Herrn hier doch einmal die schweren Waffen ab

und bringt sie in Sicherheit. -- Laßt geschehen, Freund, was Ihr nicht

hindern könnt, denn der geringste Widerstand -- halt -- bemüht Euch

nicht selber -- so, Rothkopf, wenn Du genöthigt sein solltest, auf den

Herrn zu schießen, so tritt ein wenig bei Seite, daß ich nicht auch

einen Theil der Ladung bekomme. Nehmt das Gewehr hinunter, und nun die

Pistolen. Auch den Gürtel schnallt ab, an dem das Messer sitzt, eine

vortreffliche Waffe, wie es scheint, die ich für mich selber zum

Andenken behalten werde. So, meine werthgeschätzten Herren, und

nun, Mates, bindet ihm doch einmal die Hände auf den Rücken, daß wir

vorläufig keine weiteren Umstände mit ihm haben.«

»Was wollt Ihr noch mehr von mir?« rief der Squatter bei diesen Worten

entrüstet, »ich habe alle meine Waffen abgegeben.«

»Nur ruhig, Kamerad, nur ruhig. Das Andere wird sich weiter finden,«

sagte Gentleman John mit freundlichem Kopfnicken. »Euch vor allen Dingen

müssen wir sicher haben. Die andern Herren sind klug genug, sich auch

ohne das unseren Wünschen geduldig zu fügen.«

Der Squatter, von mehreren Seiten dabei durch auf ihn gerichtete Gewehre

bedroht, mußte vom Wagen hinunter, wo ihn einige von der Bande in

Empfang nahmen, und ihm die Ellbogen auf dem Rücken zusammenschnürten,

und Bill, dem Kutscher, wurde dann ebenfalls bedeutet, seinen Bock zu

verlassen.

Gentleman John übernahm jetzt, als er sämmtliche Passagiere unter

sicherer Aufsicht sah, die Visitation oder vielmehr die Plünderung

der Ueberfallenen, und begann dabei mit dem Squatter, dem er eine stark

gefüllte Brieftasche und eine wohlgespickte Börse, ohne den Inhalt für

jetzt weiter eines Blickes zu würdigen, abnahm.

Nach ihm kam Mr. Moses an die Reihe, der sich unter winselnden

Betheuerungen hoch und heilig verschwur, der ärmste Mensch unter der

Sonne zu sein, und bereitwillig dabei selber seine Taschen umdrehte, aus

denen nur einige Schillinge und etwas Kupfergeld zur Erde fielen.

»Das ist freilich wenig,« sagte mit bedauerlichem Achselzucken sein

früherer Reisegefährte, »wer aber so bereitwillig Alles hergiebt, was

er hat, verdient auch dafür Belohnung. Hier, Rothkopf, zieht doch einmal

dem Kutscher seine Strümpfe und Schuhe und Hosen und Kleider aus. Er mag

mit Mr. Moses tauschen.«

»Gott der Gerechte soll mich bewahren, daß ich dem Manne seine warmen

Kleider nähme,« rief aber Moses, indem er bleich vor Schreck wurde, »bin

ich doch zufrieden mit dem, was ich habe.«

»Nein, nein,« lachte Gentleman John, »wir wissen besser, was sich

schickt -- heda, helft ihm doch bei seiner Toilette. Zum Teufel auch,

Jungen, seid doch ein wenig galant und unterstützt unsere Gäste.«

Moses wollte sich noch länger sträuben, aber es half ihm nichts. Ein

paar der Buschrähndscher sprangen zu, und während ihn Einer hielt, zog

ihm ein Anderer die Schuhe und Strümpfe aus, aus welchen Letzteren bald

verschiedene kleine Päckchen von Banknoten zum Vorschein kamen.

Der arme Teufel schrie und tobte, und verlangte Hülfe von den andern

Passagieren, aber es half ihm Niemand. Jede Naht, jede Falte, jedes

Stückchen Unterfutter der zerlumpten Kleider wurde unter dem Jubeln der

Räuber auf das Sorgfältigste untersucht, und die Beute zeigte sich weit

reichlicher, als selbst Gentleman John erwartetet hatte. Moses bekam

dann die guten warmen Sachen des Kutschers, während dieser, trotz all

seinem Fluchen und Schwören in die Lumpen des Israeliten hinein mußte.

»Nun, mein bester Herr Warrel,« wandte sich jetzt der kecke

Buschrähndscher an den seine Zeit in voller Gemüthsruhe erwartenden

Kaufmann, »haben wir Beide ein kleines Geschäft mit einander, das wir

hoffentlich zu beiderseitiger Zufriedenheit rasch beenden werden.«

»Sie wünschen?« sagte dieser verbindlich, indem er mit einem kaum

bemerkbaren Lächeln um die Lippen Miene machte, die Uhr aus der Tasche

zu ziehen.

»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« lachte aber Gentleman John, indem er

abwehrend die Hand gegen ihn ausstreckte. »Ich kenne den Werth Ihrer

Kleinodien zu genau, um Sie derselben zu berauben. Auch das wenige

Geld, was Sie bei sich haben, werden Sie zur Fortsetzung Ihrer Reise

nothwendig brauchen. Dafür erlauben Sie mir aber, Ihnen einen Wechsel

auf fünfhundert Pfund Sterling vorzulegen, den ich Sie bitten werde zu

unterzeichnen. Daß er seinen Bestimmungsort erreicht, ehe Sie selber

im Stande sind, dorthin Gegenbefehl zu schicken, mag dann meine Sorge

sein.«

Mr. Warrel biß sich auf die Lippen, aber er wußte auch recht gut, daß er

gezwungen war, zu gehorchen, und erwiderte trocken:

»Es bleibt mir nichts übrig, als Ihnen zu danken, daß Sie nicht eben so

viele Tausende verlangen, und ich freue mich, so wohlfeilen Kaufs davon

zu kommen. Wahrscheinlich haben Sie doch den Wechsel bei der Hand.«

»Jedenfalls finden wir einen unausgefüllten in Ihrem Taschenbuch,« sagte

Gentleman John, in derlei Geschäften viel zu erfahren, irgend einen

Mißgriff zu machen, »und an derselben Stelle auch vielleicht Ihre

Unterschrift zum Vergleich. Dürfte ich Sie darum ersuchen?«

»Mein Taschenbuch?«

»Fürchten Sie nicht, daß ich Sie Ihrer Papiere berauben werde,« sagte

der Mann, »sie hätten für mich nicht den geringsten Werth. Wenn nicht

doch vielleicht geheim gehaltene Banknoten --«

»Ueberzeugen Sie sich selber,« sagte der Kaufmann, indem er dem Räuber

seine Brieftasche überreichte. Dieser blätterte das Buch flüchtig durch,

und nahm, als er wirklich kein Geld darin fand, nur einen unausgefüllten

Wechsel heraus. Aus der eigenen Tasche brachte er dann ein Tintenfaß

und eine Feder zum Vorschein, benutzte ohne weitere Umstände den Hut des

Kutschers zum Tisch, und füllte mit fester und geübter Hand den Wechsel

aus.

»So,« sagte er dann, Mr. Warrel die Feder überreichend, und ihm den Hut

etwas näher schiebend, »wenn ich Sie jetzt um Ihre Unterschrift ersuchen

dürfte.«

Der Kaufmann nahm die Feder; als er aber vorher noch einen flüchtigen

Blick über das Geschriebene warf, sah er rasch zu dem Buschrähndscher

auf und sagte:

»Sie verlangten nur _fünf_hundert Pfund, hier stehen aber _sechs_!«

»Ich glaubte,« erwiderte Gentleman John ruhig, »daß es Ihnen in dieser

Weise am bequemsten wäre, zugleich die _verlorene Wette_ zu bezahlen.«

»Ach so,« lachte Mr. Warrel, »Sie haben Recht; an die Wette dachte ich

gar nicht mehr. Genügt Ihnen das?«

John nahm den ihm dargereichten Wechsel, dessen Unterschrift er genau

prüfte und mit einer in dem Taschenbuch gefundenen verglich, faltete das

Papier dann zusammen, schob es in die Tasche und sagte:

»Ich danke Ihnen, Mr. Warrel, und hoffe, daß wir später noch bessere

Geschäfte mit einander machen mögen.«

»Nun, ich weiß doch nicht, ob ich _der_ Hoffnung gerade beistimmen

soll,« meinte der Kaufmann; »aber dürfen wir jetzt unsern Weg

fortsetzen? Ich glaube nicht, daß sonst noch etwas --«

»Nur noch einen Augenblick,« unterbrach ihn Gentleman John, »bis ich

die Briefbeutel revidirt habe. Gebt mir einmal den Schlüssel zum Kasten,

Bill -- ja so, der steckt wohl in den Kleidern, die jetzt Mr. Moses

gehören. Dürfte ich Sie wohl einmal darum bitten, verehrter Herr?«

Der Schlüssel fand sich übrigens nicht, wenigstens nicht so rasch,

als es der Buschrähndscher wünschte, und der Kasten wurde deshalb

ohne Weiteres erbrochen, der lederne Briefbeutel aufgeschnitten,

und Gentleman John war wohl eine Stunde damit emsig beschäftigt,

die verschiedenen Briefe und Packete zu erbrechen und nach Geld zu

durchsuchen.

Diese Ernte fiel über Erwarten günstig aus. So, als Gentleman John

Alles hatte, was er wünschte, stopfte er die mißhandelten Briefe wieder

ziemlich rücksichtslos in den zerschnittenen Beutel zurück, hing sich

die Doppelflinte des Squattes mit dessen Pulverhorn und Kugeltasche um

und sagte:

»Nun, Bill, habe ich Nichts dagegen, wenn Du versuchst, die nächste

Station so rasch als möglich zu erreichen. Es wird sich freilich nicht

sehr bequem in den nassen Wegen gehen.«

»Aber die Pferde, Sir!«

»Thut mir leid, Mate, die brauche ich selber viel zu nothwendig,«

lautete die Antwort des Buschrähndschers, »als daß ich ein so

treffliches Paar verschenken könnte. Ihr müßt Euch bis auf die nächste

Station schon so behelfen.«

»Wir sollen _gehen_?« rief Mr. Warrel erschreckt.

»Thut mir wirklich leid, Ihnen die Unbequemlichkeit für die kurze

Strecke zu machen,« sagte John, »aber es läßt sich nicht ändern. Sie

werden auch wahrscheinlich auf der nächsten Station etwas länger als

gewöhnlich auf die Pferde warten müssen, da ich sie ebenfalls für meine

Leute nothwendig brauche. -- So leben Sie denn wohl, meine Herrschaften,

mein Freund hier, unser Squatter, wird die Güte haben, uns noch eine

Strecke zu begleiten und unser Gepäck zu tragen -- kein Wort der

Widerrede, Sir, es wird für Sie das nächste Mal eine Warnung sein, sich

mit höchst unnöthigen und gefährlichen Schießwaffen zu versehen. Und

Ihr, Bill, ich hoffe, Ihr denkt billig genug, Mr. Moses nicht zu einem

abermaligen Tausch zu zwingen.«

»Ich will verdammt sein --«

»Schon gut -- daran zweifle ich nicht im Mindesten. Aber bald hätte ich

noch etwas vergessen. Mr. Warrel, ich habe noch eine Bitte an Sie!«

»An _mich_, Sir?«

»Mein Hut ist vom letzten Regen so sehr mitgenommen, während sich der

Ihrige, von gutem Filz, vortrefflich conservirt hat. Dürfte ich Sie

bitten, mit mir zu tauschen?«

»Mit Vergnügen, Sir, und er soll mir stets ein _theures_ Andenken

bleiben.«

»Sie sind gar zu gütig,« lächelte Gentleman John, seinen Hut dem

Kaufmann überreichend, während er selber dessen weit bessern entgegen

nahm.

Einer von John's Leuten machte diesen jetzt auf die schwere goldene

Kette aufmerksam, die Mr. Warrel noch immer trug. Ein paar Worte des

Führers beruhigten den Burschen aber vollkommen. Die Pferde wurden dann

in den Busch geführt, und dem Squatter, der mit störrischem Gleichmuth

Alles über sich ergehen ließ, sein eigener wie der Reisesack des Mr.

Warrel aufgeladen, mit dem er den Räubern in den Busch folgen mußte. Der

schweigsame Passagier wurde gar nicht belästigt.

Wenige Minuten später waren Alle hinter den grauen Gumbüschen

verschwunden und Bill blieb mit dem Reste seiner Passagiere neben

dem unbespannten und ausgeplünderten Postkarren mitten auf der Straße

zurück.

Allerdings ließ er einen Theil seines Grimmes an dem unglücklichen Mr.

Moses aus, den er, trotz dem Abmahnen des Gentleman John, ohne weiteres

zwang, ihm seine eigenen Kleider herauszugeben. Ihre Lage wurde aber

dadurch um Nichts gebessert, und sie sahen sich endlich Alle gezwungen,

Bill, der den zerschnittenen Briefsack auf den Rücken nahm, zu Fuß nach

der nächsten, etwa noch zehn englische Meilen entfernten Station zu

folgen.

Hier mußten sie einen ganzen Tag verbleiben, um erst von weiter her

andere Pferde zu bekommen, denn Gentleman John hatte die Wahrheit

gesprochen, als er Mr. Warrel versicherte, daß die dorthin gehörigen

Pferde von seinen eigenen Leuten weggetrieben seien, und erst am vierten

Tag erreichten sie in einem höchst traurigen Zustande die Hauptstadt

Süd-Australiens -- Adelaide.

Diese so kecke Beraubung der Post, wie die Wegführung eines der

Passagiere, der sich später freilich von Dornen zerfetzt und von den

gehabten Anstrengungen zum Tode ermattet, wieder einfand, machte in

Adelaide nicht geringes Aufsehen.

Die Frechheit der Räuber war doch zu groß gewesen, sie diesmal

ungestraft hingehen zu lassen. Die ganze südaustralische Polizei, über

die im Augenblick verfügt werden konnte, wurde deshalb aufgeboten,

die Buschrähndschers auszuspüren, und auf eine oder die andere Art

unschädlich zu machen. Auf den Kopf des Anführers, des berüchtigten

Gentleman John, war überdies eine Prämie von hundert Pfund Sterling

gesetzt, und dem, der ihn lebendig einbringen würde, sogar eine

Belohnung von zweihundert Pfund zugesichert worden.

* * * * *

_Gentleman_ John, wie er von den Sträflingen seines ihnen imponirenden

Wesens wegen genannt worden, hatte indessen seine Zeit vortrefflich

benutzt, nicht allein seine Wechsel und Papiere in Adelaide, ehe der

Raub bekannt wurde, zu verwerthen, sondern auch die andere reiche Beute

in Sicherheit zu bringen. Ueberall dort genau bekannt, wie auch mit

den einzelnen in jener Gegend heimischen schwarzen Stämmen befreundet,

benutzte er diese letzteren besonders zu Spionen, und was er ihnen

dafür an wollenen Decken und Lebensmitteln gab, machte sie zu seinen

willfährigen und in dem öden, wasserarmen Busch oft höchst nützlichen

und brauchbaren Dienern.

Sogar eine der schwarzen Frauen hatte er sich genommen, und alle dabei

gebräuchlichen Ceremonien im Stamme durchgemacht, wie auch seinen

Schwiegereltern ein reiches und übliches Kaufgeld für die Frau gegeben.

Dadurch besonders fühlte sich der Stamm geehrt, und Gentleman John, der

ein ebenso wildes, gesetzloses Leben führte, wie sie selber, war ihnen

schon deshalb lieb geworden, weil die übrigen Weißen, die ihnen nur

Schaden zufügten und sie von einem Platz zum andern trieben, ihn

ebenfalls verfolgten. Sahen sie doch in ihm einen Leidensgefährten,

dessen wohlbewaffnete Schaar sie gegen weitere Uebergriffe ihrer Feinde

schützen und bewahren konnte.

Und Gentleman John selber? -- Ei, der benutzte, in wildem und

unbegrenztem Uebermuth, jede Hülfe, die sich ihm bot, komme sie von

welcher Seite auch immer, jeden günstigen Augenblick, den er erhaschen

konnte. Jedenfalls in seiner Jugend zu Besserem erzogen, lag, Verführter

oder Verführer, ein dunkles Leben hinter ihm, und mit der neugewonnenen

Freiheit schien er entschlossen, diese zu genießen, allen menschlichen

Gesetzen zu Trotz und Hohn.

Rücksichtslos dabei Alles unter die Füße tretend, was nicht seinem Zweck

gerade diente, wußte er sich bei der Bande, die sich ihm angeschlossen,

leicht in Respekt, bei der ganzen Umgegend aber in Furcht zu setzen, und

so, mit Kundschaftern an allen Seiten, hatte er schon manchen gegen

ihn unternommenen Angriff vor der Ausführung vereitelt, oder mit seiner

wohlbewaffneten und sogar nicht einmal schlecht disciplinirten Schaar

zurückgeschlagen, und wenig kümmerte er sich jetzt um die Folgen seines

kecken Streichs.

Nach allen Seiten hin aber von vortrefflichen Spionen bedient, konnte

es ihm auch nicht lange verborgen bleiben, daß sich diesmal doch ein

schwereres Unwetter als gewöhnlich über seinem Haupte zusammenzog. Von

allen Richtungen kamen die Boten, die ihm Kunde brachten, daß in den

verschiedensten Distrikten bewaffnete Mannschaft aufgeboten und ein

Schlag vorbereitet würde, der ihn und seine zu gefährlich gewordene

Bande mit _einem_ Wurf vernichten sollte. Auch der auf sein Einbringen

gesetzte Preis von zweihundert Pfund Sterling, der dem Verräther, wenn

es selber ein entflohener Sträfling sei, noch außerdem vollen Pardon

sicherte, machte seine Stellung mehr und mehr gefährlich, denn daß er

nicht auf die Treue von _allen_ seinen Leuten zählen durfte, wußte er

recht gut. Wenige waren in der That unter ihnen, die ihn nicht gerne

verrathen hätten, wenn sie nur ihr eigenes Leben nicht zu sehr dabei

gefährdet wußten.

Solchem Zustande mußte er ein Ende machen. Außerdem hatte er dies

trostlose Leben, die stete Gefahr, das rastlose Umherstreifen in

dem öden Wald recht von Herzen satt, und schon den Plan entworfen,

Australien so bald als möglich zu verlassen.

An einer Biegung des Murray, und hoch genug an dessen Ufer hinauf, wo

das Wasser desselben nicht durch die Ebbe und Fluth des Victoria-Sees

ungenießbar gemacht war, hatten sie für den Augenblick ihr Lager

aufgeschlagen, und die rings umher aufgeschichteten und mit Stücken

Rinde gegen das Wetter geschützten Vorräthe schienen dabei auf die

Absicht eines längeren Aufenthalts zu deuten. Unfern davon aber und im

Schilf versteckt, lag ein tüchtiges Fischerboot, von denen einige den

Victoria-See befuhren, und unter der Hand hatte der Buschrähndscher

bis jetzt von seinen Leuten mehrere kleine Fässer mit Wasser füllen und

einigen Proviant an Bord schaffen lassen.

Allerdings drohte ihnen bei einem Fluchtversuch in offener See noch eine

keineswegs unbedeutende Gefahr, denn an der Mündung des Victoria-Sees

in die Encounter-Bay wälzt sich eine so furchtbare Brandung dem kühnen

Schiffer entgegen, daß die Durchfahrt durch diesen schmalen Meeresarm

schon von vielen Seeleuten als ganz unmöglich geschildert wurde. Gefahr

aber, ob sie ihm von Menschen oder den Elementen drohte, konnte den

verwegenen Räuber nicht schrecken. Durch diese Brandung lag die Bahn zur

Freiheit, und durch sie hin war er entschlossen, seinen Weg zu suchen.

Die Einschiffung selber sollte auch schon am nächsten Morgen

stattfinden, und nur den Schwarzen hatte er bis jetzt noch den

eigentlichen Zweck dieser Flucht verheimlicht, da sich diese

wahrscheinlich derselben widersetzt, oder ihn gar im entscheidenden

Augenblick verrathen hätten. Ließ er sie doch schutzlos der Rache der

Weißen allein zurück.

Der Morgen dämmerte eben. Auf die höchsten Wipfel der hier in der

Niederung zu riesiger Höhe wachsenden Gumbäume lagerte sich der erste

Schimmer des anbrechenden Tages, und färbte das mattgraue Laub der

holzigen Blätter mit einem eigenen fast zauberhaften Duft. Zugleich

stand noch der Mond in voller Scheibe am Himmel, und warf sein

fahles Licht durch die nur spärlich belaubten Wipfel auf die niederen

Rindendächer und halb verglommenen Feuer, um die wunderliche Gruppen

fest in ihre Decken eingehüllter menschlicher Gestalten und ganze

Schaaren halbverhungerter Hunde gelagert waren.

Die Insassen dieses wilden Bivouaks schienen sich übrigens vollkommen

sicher zu fühlen, oder der Wachsamkeit der ausgestellten Posten genugsam

zu vertrauen, die nöthige Zeit der Ruhe nicht durch nutzlose Sorge

zu unterbrechen oder zu stören. Nur hie und da hob Einer der Schläfer

manchmal den Kopf, aus müden Augenlidern nach dem dämmernden Tag

emporzuschauen und hüllte sich dann fester in seine Decke, die kalten

Morgennebel von sich fern zu halten.

Da glitt eine dunkle, nackte Gestalt, mehr einem Schatten, als

menschlichem Wesen gleich, am Ufer des Stromes herauf und durch die

dichten Büsche hin dem Lager zu. Die Hunde hoben knurrend den Kopf,

und drückten ihn winselnd wieder gegen ihre Weichen, als sie, mit einen

Augenblick hochgehaltenen Nasen, den Bekannten gewittert. Dieser aber

sprang mitten zwischen ihnen hin, zum nächsten Feuer, schürte die Brände

zusammen, bis sie zu heller Glut emporloderten, und wärmte daran die

halberstarrten nackten Glieder. Doch nur kurze Rast gönnte er sich an

der wohlthuenden Glut. Sein rasch umhergeworfener Blick hatte bald das

Rindendach des weißen Häuptlings unter den übrigen heraus gefunden, und

zu diesem hinanschleichend, erfaßte er die dort ausgestreckte kräftige

Gestalt Gentleman John's, und legte seine Hand auf dessen Schulter.

Im Nu fuhr der Buschrähndscher von seinem Lager empor, und die, in

demselben Augenblick auch aufgegriffene und gespannte Pistole bewies

deutlich genug, daß er die ganze Nacht doch nur »die Hand am Kolben«

geschlafen.

»Bst!« flüsterte aber der Schwarze, den Finger warnend gegen ihn gehoben

-- »sie kommen!«

»Sie kommen? -- wer?« rief John, sich wild die Haare aus der Stirn

streifend.

»Die Weißen,« lautete die vorsichtige Antwort des Eingebornen. »Müssen

die ganze Nacht bei Mondschein marschirt sein -- sind oben am Fluß und

eben dabei herüber zu kommen.«

»Und wie viele, Bukkul?« rief John, der erst jetzt in dem Alten seinen

zum Kundschaften ausgesandten Schwiegervater erkannte.

»Tausend,« erwiderte dieser, mit dem Zahlwort, das in der Sprache der

australischen Wilden eine unbestimmte, aber sehr große Anzahl bedeutet

-- »Tausend. Haben Pferde und Gewehre und viele rothe Jacken und blaue

Jacken und lange Messer.«

»Alle Teufel!« brummte John leise vor sich hin, »das ist um

vierundzwanzig Stunden zu früh, läßt sich aber jetzt nicht ändern. Die

Burschen sollen uns wenigstens nicht unvorbereitet finden. Wecke die

Deinen, Bukkul!«

Ein scharfer Pfiff, den er zugleich ausstieß, schallte gellend durch den

stillen Wald und brachte im Nu die schlafenden Buschrähndscher auf die

Füße. War es doch das Alarmzeichen ihrer Schaar, und die Bande sich der

Gefahr, in der sie fortwährend schwebte, viel zu gut bewußt, die Warnung

auch nur für einen Moment unbeachtet zu lassen.

Im Nu fuhren sie von ihren harten Lagern empor, und, ihre Taschen

umgehängt, die Gewehre in ihren Händen, sammelten sie sich um ihren

Führer, der indessen schon einige der jungen Leute von den Eingebornen

ausgeschickt hatte, das Vorrücken der Feinde zu beobachten.

Gentleman John übrigens, so viel persönlichen Muth er auch selber besaß,

fühlte doch viel zu gut das Mißliche seiner Lage, und war keineswegs

blind genug, sich über das Gefährliche derselben auch nur einen

Augenblick zu täuschen. Andere Kundschafter waren noch angekommen, deren

Berichten nach sich die wider ihn ausgesandte Macht auf nahe an hundert

Mann belief, und wenn er denen gegenüber leicht eine gleiche Zahl in's

Feld stellen konnte, wußte er doch recht gut, daß er sich nicht einmal

ganz fest auf seine _weißen_ Cameraden verlassen durfte, während die

Schwarzen bei der ersten Salve davon liefen, oder doch den sichern Busch

zur Deckung suchten.

Außerdem konnte, von dem Versprechen freien Pardons und der goldenen

Belohnung verblendet, selbst während des Kampfes leicht Einer der

Seinigen sein Verräther werden, und ihrer aller Untergang wäre dann

gewiß gewesen. Das ja ist das Unglück des Verbrechers, daß er Niemandem,

selbst seinen Helfershelfern nicht mehr trauen darf, und in der ganzen

Menschheit seinen Feind nur sieht. Auf einen _gleichen_ Kampf mit

der Polizei hätte er es deßhalb auch gern und rasch gewagt; die

_Verzweiflung_ stählt den Arm des Kämpfenden, und Verzweifelte waren es

hier, denen selbst der Sieg nur eine Galgenfrist bieten konnte. Jetzt

aber, wo er die Uebermacht auf Seiten seiner Feinde wußte, und der Arm

eines einzigen Verräthers ihn leicht in ihre Hände, in die Hände des

Henkers liefern konnte, mußte er sich den Rücken decken.

Rasch gab er deßhalb seine Befehle, einen kleinen Theil der Vorräthe in

das versteckte Boot zu schaffen, während er die Schaar, auf die er sich

am sichersten glaubte verlassen zu können, in die Nähe desselben, hinter

eine rasch von herunter gebrochenen Zweigen und herzugewälzten Stämmen

aufgeworfene Barricade postirte. Seine ganze Mannschaft theilte er

dann in drei Trupps, die das Terrain nach besten Kräften benutzen und

einander mit ihren Gewehren decken sollten. Solcher Art hoffte er den

Ueberfall, der jeden Augenblick stattfinden konnte, wenigstens so lange

aufzuhalten, bis er sein Boot flott und segelfertig hatte, und der

breite, hier ziemlich rasch strömende Fluß mochte ihn dann der Freiheit

entgegen führen.

Rasch und willig führten die Buschrähndscher selber die ihnen gegebenen

Befehle aus, denn auch ihnen lag weit mehr daran, ihre Haut in

Sicherheit zu bringen, als einen langen und ernsthaften Kampf mit

den disciplinirten Gegnern zu bestehen. Mit mißtrauischen Blicken

betrachteten dagegen die Schwarzen das eilige Instandsetzen des Bootes;

denn rasch genug begriffen sie, daß ihre weißen Bundesgenossen

dasselbe zur Flucht benutzen wollten. Das kleine Fahrzeug konnte aber,

schwerbeladen wie es war, kaum diese alle aufnehmen, und was sollte

da aus ihnen werden. Der weiße Häuptling, ihrem Stamm durch eine ihrer

Töchter verwandt, durfte sie nicht verlassen, und doch traf er dazu

jetzt alle Vorbereitungen.

Bukkul, Einer der Burkas oder Stammältesten, der Vater von Lloko,

Gentleman John's Frau, wurde denn auch von seinem Stamm abgesandt, des

Weißen Plan zu erfahren, und die erste Frage nur, die er an den schlauen

Räuber richtete, warnte diesen vor der neuen auftauchenden Gefahr.

»Das Boot, Bukkul?« sagte John, »sollen wir das etwa den Rothjacken

überlassen? und eben so all' das Brod und Fleisch, und den Brandy, der

hier aufgehäuft liegt? -- Wenn wir zurück müssen in den Busch, können

wir doch nicht Alles auf unseren Schultern tragen, und wenn wir wieder

hierher kommen, wollen wir wieder essen und trinken.«

»Und wohin will Johnny mit dem Boote gehen?« fragte der Alte.

»Wohin? -- nirgendshin -- nur den Fluß ein Stück hinab, bis dahin, wo

uns die Rothjacken nicht im Sumpf und Schilf folgen können.«

»Und Du selbst gehst mit hinein?«

»Kann _ich_ in's Boot?« rief der Buschrähndscher, »wo ich uns Alle hier

vertheidigen muß?«

»Gut,« sagte Bukkul, »dann laß die Frauen und Kinder darin den Strom

hinabschwimmen, wo sie die Kugeln der weißen Teufel[8] nicht erreichen

können. Lloko mag mit ihnen gehen und Bukkul wird dafür sorgen, daß das

große Canoe gesichert bleibt.«

[8] Der Name =toh= bedeutet in der Sprache einiger der Murraystämme

zugleich _Teufel_ und _weißer Mann_.

»Wenn ich Dich entbehren könnte, Bukkul,« erwiderte ausweichend John,

»aber Du allein hast Ansehen bei deinem Stamm, und wenn Du fort bist,

laufen Deine jungen Männer auch in den Busch, und lassen Johnny allein

hier zurück, das Lager zu vertheidigen.«

»Und sollen die Frauen und Kinder in das große Canoe?« frug der Wilde.

»Nein,« sagte John nach einigem Zögern. »Sie sind sicherer im Busch.

Wenn sie darin springen und schaukeln, drehen sie das Canoe um, und

Alles was wir darin haben, wäre verloren.«

»Es ist gut,« sagte Bukkul finster, und schritt langsam zu den Feuern

der Seinen zurück.

John sah ihm mit fest auf einander gebissenen Lippen nach, aber

auf anderer Seite war seine Gegenwart zu nöthig, ihm lange Zeit zum

Ueberlegen zu lassen.

Unter den Buschrähndschern selbst hatte sich nämlich ein Streit

entsponnen, da ein Theil die ihm zugewiesenen Plätze nicht behaupten,

und lieber mit den Uebrigen in der Nähe des Bootes bleiben wollte. Wer

bürgte ihnen dafür, daß die Andern sie nicht im Stiche ließen; wußten

sie doch recht gut, daß _sie_ an deren Stelle das Nämliche gethan.

John war aber kaum unter sie getreten, den Streit zu schlichten, als

gar nicht weit von dem Lager entfernt ein Schuß fiel, und gleich darauf

Einer der Eingebornen seinen Speer schwingend zum Lager stürzte.

»Wahnsinnige!« schrie da John, den Augenblick benutzend. »Jetzt, wo der

Feind im Begriff ist, uns von allen Seiten anzugreifen, streitet Ihr

Euch wie Kinder um Eueren Platz im Kampf. An Euere Posten, oder beim

Teufel, der Erste, der noch ein Wort der Gegenrede über seine Lippen

bringt, stirbt von meiner Hand. Fort, Ihr da -- hinüber hinter das

Verhau -- seht Ihr dort hinten die Rothjacken durch die Bäume schimmern?

-- Die sind ein treffliches Ziel und an denen laßt Eueren Grimm aus, so

viel Ihr wollt.«

John hatte Recht. Schon konnten sie zwischen den schlanken und hohen

Stämmen der Niederung hin die rothe Uniform ihrer Feinde hie und da

vorschimmern sehen, und da die Buschrähndscher recht gut wußten, daß sie

wenigstens den ersten Anprall der Gegner zurückweisen mußten, um freie

Hand zu ihrer Flucht zu bekommen, folgten sie jetzt dem Befehl des

Obern, der ihnen mit seinem Beispiel voranging. An den Kampf im Busch

gewöhnt, und besonders hier mit jedem Vortheil, den ihnen der Boden

gewährte, bekannt, hatten sie auch bald die erste mehr zum Recognosciren

als zum wirklichen Angriff ausgesandte Abtheilung des Militärs in der

Flanke gefaßt, und ihre Kugeln trafen und überraschten den Feind von

allen Seiten.

Durch den Uebermuth der Buschrähndscher dazu getrieben, dem Unwesen

endlich ein Ende zu machen, und die Sicherheit des Eigenthums in der

Colonie doch einigermaßen wieder herzustellen, waren in der That, wie

schon erwähnt, die äußersten Anstrengungen gemacht worden. Hielten doch

diese Nachrichten, wenn sie nach Europa drangen, sonst zum Auswandern

vielleicht Gewillte davon ab, ihr Leben und Vermögen einer Colonie

anzuvertrauen, wo Beides in solchem Grade gefährdet war, und wie es

schien, von den Behörden selber nicht einmal mehr geschützt werden

konnte.

Der Oberbefehl war dabei wieder unserem alten Bekannten, Tolmer,

übertragen worden, der nicht allein den Busch, sondern auch diesen

kecken und gefährlichen Räuber sehr genau kannte. Hatte er ihn doch

früher schon einmal als John Mulligan eingeliefert, und jetzt den

nachlässigen Behörden zu danken, daß er auf's Neue sein Leben in die

Schanze schlagen durfte, den zum Aeußersten getriebenen Verbrecher

endlich unschädlich zu machen.

Es bedurfte aber auch eines solchen Führers, das mit dem Busch nur wenig

vertraute Militär alle die ihnen entgegen stehenden Schwierigkeiten

überwinden zu lassen, denn von den dort angestellten Squattern

und Schäfern durften sie auf wenig oder gar keine offene Hülfe und

Unterstützung rechnen. Diese fürchteten die Buschrähndscher und deren

Rache, wenn das Unternehmen mißglücken sollte, mehr, als sie von dem

gegen sie unternommenen Zug erhofften.

Nur zu oft war es nämlich schon vorgekommen, daß sich die Squatter

hatten verleiten lassen, den gegen die Strauchdiebe ausgesandten

Polizeibeamten thätliche und offene Hülfe zu leisten, ohne daß die

Letzteren etwas Wesentliches ausgerichtet hätten. Die Polizei zog

sich dann wieder zurück, aber die Squatter blieben auf ihren einzelnen

Stationen der Rache der gereizten Verbrecher preisgegeben, die dann auch

selten säumten, furchtbare Wiedervergeltungsrache zu üben. Mit solchen

Erfahrungen hielten es die auf viele Meilen von einander zerstreut

wohnenden Ansiedler viel gerathener, sich bei späteren Expeditionen,

wo das nicht ganz im Geheimen geschehen konnte, gar nicht mehr zu

betheiligen, ja unterstützten die in ihrer Nachbarschaft ihr Wesen

treibenden Buschrähndscher wohl noch gar mit Lebensmitteln und Kleidern,

wenn sie deren dringend bedurften, sich ihren guten Willen zu

erkaufen und sie abzuhalten, ihre Heerden fort zu treiben oder ihre

Stationshäuser in Brand zu stecken.

Tolmer bedurfte ihrer nicht; mit ein paar treuen Schwarzen, die dem am

Murray lagernden Stamm ihrer Landsleute feindlich gesinnt waren, hatte

er am Abend vorher, ehe der Angriff stattfinden sollte, die Gegend

selber ausgekundschaftet, und sich von der Situation des Lagers, wie der

ungefähren Stärke des Feindes überzeugt. Wäre diese aber auch doppelt

so stark gewesen, Tolmer wußte, daß seine Leute siegen würden, denn wenn

auch die Verzweiflung einer solchen Schaar ihre wackere Hülfe im Kampf

ist, wog das Bewußtsein _ihrer_ guten Sache das auch doppelt wieder auf.

Uebrigens hatte er von dem im Schilf versteckten Boot keine Ahnung, und

an die andere Seite des Stromes nur einige Scharfschützen postirt,

auf solche der Feinde zu feuern, die etwa in einem der erbärmlichen

indianischen Rindenschalen oder durch Schwimmen versuchen sollten, das

gegenüberliegende Ufer zu erreichen.

Zwei Freiwillige hatten sich übrigens seinem Zuge angeschlossen, und

zwar zwei alte Bekannte von uns, Bill, der Kutscher der Royal Mail,

der dem würdigen Fuhrwerk Valet gesagt, sein Brod auf andere Weise zu

verdienen, und jener Squatter, Passagier der geplünderten Postkutsche.

Bill, der auf den Fahrten mit dem lebensgefährlichen Karren seinen Hals

wochenlang der Wahrscheinlichkeit ausgesetzt hatte, über kurz oder

lang gebrochen zu werden, sah auch in dieser Expedition eben nichts

Gefährlicheres, und wollte, weil für den Augenblick ohne bestimmte

Beschäftigung, die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, den

verwünschten Buschrähndscher einmal wieder zu finden und zur

Rechenschaft zu fordern für die erlittene Mißhandlung.

Der Squatter kam in einer andern Hoffnung. Gentleman John hatte ihm

nämlich nicht allein seine erst theuer erkauften Waffen, sondern in der

Brieftasche auch sein ganzes Besitzthum abgenommen, das er erst wenige

Tage vorher zu Geld gemacht. Seine Absicht war gewesen, sich in der Nähe

von Adelaide niederzulassen, weßhalb er seine Station mit all' seinen

Heerden am Nooratberg verkauft. Jetzt, von allen Mitteln entblößt, blieb

ihm fast nichts Anderes übrig, als hier einen letzten verzweifelten

Versuch zu machen, sein Geld vielleicht wieder zu bekommen, oder doch

wenigstens an dem frechen Räuber Rache zu nehmen.

Tolmer hatte indessen seine ihm untergebene Schaar in zwei Haufen

getheilt, von denen er den einen in die Flanke gesandt, während er

mit dem andern gerade vorrückte. Recht gut wußte er dabei, daß die

Buschrändscher an dem dort hohen Ufer des Stromes eine ziemlich gute

Stellung eingenommen hatten, und sie, oder wenigstens einen Theil von

ihnen, aus derselben herauszulocken, schickte er ein kleines Detachement

Militär voraus, das den gemessenen Befehl hatte, einige Schüsse

abzufeuern und sich, so wie der Feind gegen sie anrücke, langsam hinter

den Schutz der Bäume zurück zu ziehen.

Gentleman John war aber zu schlau, in diese viel zu offen liegende Falle

zu gehen, und wie die Soldaten dem scharfen Feuern der Seinen

wichen, rief sein Signal die siegesmuthigen Räuber wieder hinter ihre

Verschanzungen zurück.

Rothkopf, einer der wenigen Buschrähndscher, auf die er sich am besten

glaubte verlassen zu dürfen, hatte indessen die Einschiffung der zu

einer langen Fahrt nothwendigsten Gegenstände besorgt, und besonders von

den Schwarzen mehrere dazu verwandt, nicht allein die Provisionen in

das Boot zu packen, sondern auch noch verschiedene kleine Wasserfässer

anzufüllen, da sie das Wasser den Strom weiter hinab seines Salzgehaltes

wegen nicht mehr gebrauchen konnten. Dadurch aber war der Verdacht der

Eingebornen zur Gewißheit geworden; denn wenn den Weißen nur daran lag,

ihr Boot weiter unten am Strom in ein sicheres Versteck zu bringen, so

hätten sie dazu nicht des vielen frischen Wassers bedurft. Gingen

sie aber wirklich in See, so war ihr Stamm hier der größten Gefahr

ausgesetzt, von den Feinden aufgerieben zu werden.

Tolmer wußte allerdings Nichts von dieser Uneinigkeit im Lager der

Feinde, er hatte sie aber diesmal zu fest und sicher umstellt, um nicht

von einem entschiedenen Angriff seiner ganzen Macht Alles zu hoffen.

Ueber den Fluß konnten sie nicht, ohne von seinen Schützen drüben

empfangen zu werden, der Weg in den Busch war ihnen durch seine

Constabler und berittenen Polizeisoldaten abgeschnitten, und ein Theil

der Letzteren mit der kleinen ihm mitgegebenen Abtheilung regulären

Militärs mußte sie jetzt entweder aufreiben oder in das Uferschilf des

Murray jagen, wo ihnen zuletzt keine andere Wahl blieb, als sich auf

Gnade und Ungnade zu ergeben.

Kaum hatte sich deshalb der zum Recognosciren abgeschickte erste Trupp

vor dem heftigen Feuer der sich von allen Seiten auf sie werfenden

Buschrähndscher zurückgezogen -- wobei sie drei Todte auf dem Kampfplatz

lassen mußten -- als Tolmer das Zeichen zum allgemeinen Angriff gab, und

jetzt besonders die reguläre Truppe mit weit mehr Erbitterung über den

heißen Empfang als Vorsicht auf die Räuber eindrang. Sie erreichte auch

zuerst den Kampfplatz, und die Buschrähndscher, die im Anfang glaubten,

daß sie die ganze Macht des Feindes hier vor sich hätten, richteten auf

die rothen, leicht zu erkennenden und besonders im Buschkampf höchst

unzweckmäßigen Uniformen ihr ganzes tödtliches Feuer. Selbst die an

der rechten Flanke postirten Männer schossen ihre Musketen nach jener

Richtung ab, und erhoben ein Siegesgeschrei, als sie sahen, welch

schlimme Wirkung ihre Kugeln in dem dicht gedrängten kleinen Trupp der

Soldaten anrichtete.

Diesen Augenblick, ehe die Räuber im Stande waren, ihre Gewehre wieder

zu laden, benutzten die Constabler, denen sich der Squatter und Bill

angeschlossen hatten, mit einem lauten Hurrah und bei dem Rasseln einer

von den Soldaten geborgten Trommel aus ihrem Hinterhalt zu brechen. Ohne

einen Schuß zu feuern, drangen sie bis auf etwa zwanzig Schritte gegen

die bestürzten Buschrähndscher vor und hatten, erst jetzt in tödtlicher

Nähe, ihre Musketen und Doppelflinten auf sie entladend, im Nu den

Verhau gestürmt, der den Räubern bis dahin Schutz gewährt.

Zu diesem Beistand war zwar von Gentleman John der ganze schwarze Stamm

bestimmt worden, der mit seinen Speeren einen dort angreifenden Feind

in der Flanke fassen sollte. Bukkul aber, nicht gesonnen, das Boot außer

Acht zu lassen, hatte seinen Leuten insgeheim Gegenbefehle gegeben, und

während die überraschten Buschrähndscher jetzt flüchtig und in

panischem Schreck auf den Haupttrupp der Ihren zurückfielen, glitten

die Schwarzen, von den Frauen und Kindern gefolgt, der Stelle zu, wo

das Boot, nur von einigen überhängenden Bäumen verdeckt, flott im Strome

lag.

Gentleman John übersah mit einem Blick die über ihn hereinbrechende

Gefahr. Rothkopf, den er zum ersten Lieutenant seiner Schaar gemacht,

hatte freilich selbst für diesen von dem schlauen Buschrähndscher

vorhergesehenen Fall seine Instruktionen, durfte er aber selbst diesem

trauen? -- Da antwortete eine Musketensalve vom Boote her seinem

ängstlichen Zweifel. Die dort gestörte Schaar hatte, dem Befehl des

Führers treu, und auch im eigenen Trieb der Selbsterhaltung, ohne

Weiteres auf die befreundeten Schwarzen Feuer gegeben, und laut

aufheulend in Schmerz und Wuth wich die dunkle Horde den wohlgezielten

Kugeln der Verräther.

Dies plötzliche Feuern im Rücken erfüllte aber den vorderen Trupp der

Buschrähndscher, die von solchem Befehl keine Ahnung hatten und sich von

allen Seiten umzingelt glaubten, mit Entsetzen. Während daher John,

die augenblickliche Verwirrung benutzend, zurück, dem Boote zu, sprang,

warfen sich einige von seinen Leuten voller Verzweiflung und Alles

verloren glaubend, in den Strom, das gegenüberliegende Ufer durch

Schwimmen zu gewinnen, während Andere neben den Feinden hin in das

Dickicht zu entkommen suchten.

Der Squatter sowohl wie Bill, die bei dem siegreichen Flankenangriff

betheiligt waren, hatten indessen unter den Räubern beide ihren

gemeinsamen Feind erkannt, und ohne sich um die Andern zu kümmern, deren

zersprengter Schwarm meist niedergeschossen wurde oder den Constablern

in die Hände fiel, sprangen die beiden Männer hinter der flüchtigen

Gestalt des Räubers her, mitten in das Lager hinein.

John selber wußte recht gut, daß er keinen Augenblick zu versäumen

hatte, sich und einige Wenige der Seinen in dem Boot in Sicherheit zu

bringen. Was kümmerten den herzlosen Räuber die Uebrigen, hätten sie

doch an _seiner_ Stelle das Nämliche gethan. Jetzt gerade war da auch

der günstige Moment, da die Feinde durch das Ausbrechen des

überrraschten Vordertrupps vollkommen beschäftigt und aufgehalten

wurden. Ohne sich deshalb auch nur nach denen, die er befehligt,

umzusehen, und vollkommen gleichgültig dagegen, was aus ihnen würde,

umsprang er die nächste, erst kürzlich aufgeworfene Verschanzung, hinter

der noch der letzte Rest ihrer Vorräthe aufgeschichtet lag.

Von dort aus konnte er das Boot erkennen. Rothkopf stand im Spiegel

desselben, das Steuer in der Hand, sechs oder sieben seiner Schaar

hatten theils Ruder, theils Stangen aufgegriffen, das Fahrzeug, so wie

der Befehl gegeben wurde, rasch vom Ufer zu stoßen, und zwei Andere

waren gerade beschäftigt, eine dünne Ankerkette, die noch am Ufer um

einen Baum geschlagen lag, loszuwerfen. Es schien die höchste Zeit, daß

er sich seinen Leuten zeigte, fühlte er sich doch nicht ganz sicher, daß

selbst Rothkopf auf ihn warten würde, wenn er, Gefahr für sich sehend,

das Boot, von allen Hindernissen frei, im Strom erst hatte.

Kaum noch hundert Schritte war er von diesem entfernt, und wollte eben

einen im Weg liegenden Gumbaum überspringen, als sich ihm dort die

drohende Gestalt seines alten Bekannten, des Squatters, in den Weg warf,

der ihm mit auf ihn angelegtem Rohr ein donnerndes »Halt, verdammte

Bestie!« entgegen rief. Zu gleicher Zeit hörte er flüchtige Schritte

hinter sich, und den Kopf scheu zurückschlagend, erkannte er Bill,

den früheren Conducteur und Postillon der Royal Mail, der sein

abgeschossenes Gewehr verkehrt in der Hand mit gehobenem Kolben hinter

ihm drein sprang.

»Ergib Dich, Canaille,« donnerte ihm dabei der Squatter zu, »oder, beim

ewigen Gott, ich schicke Dir eine Ladung Blei durch's Hirn!«

»Schieß und sei verdammt!« knirschte aber der Buschrähndscher durch

die Zähne, denn hier lag nur die Wahl für ihn zwischen Tod auf dem

Schlachtfelde oder am Galgen, und mit raschem Ansprung wollte er sich

auf den Gegner werfen. Da berührte dessen Finger den Drücker, und um

John's Leben wäre es geschehen gewesen, hätte sich nicht in diesem

Augenblick ein Freund, der einzige vielleicht, den er auf dem weiten

Erdenrund so nennen durfte, zu seiner Hülfe an dem Kampf betheiligt.

Es war Lloko, sein schwarzes Weib, das er, mit Allen ihres Stammes,

gerade im Begriff gewesen, dem Feind zu überlassen. Wußte er auch, wie

sie ihn liebte, wie sie mit all' der hingebenden Treue an ihm hing,

deren nur eben ein Frauenherz fähig ist, auch wenn es unter einer

dunkleren Hautfarbe schlägt, was kümmerte das ihn, den Gefehmten der

Gesetze. _Er_ kannte, liebte nur sich selbst.

Lloko dagegen, mit keinem Gedanken von Mißtrauen im Herzen gegen den

Mann, dem sie sich einmal zu eigen gegeben, sah trotz den Kugeln, die

aus den Büchsen der verrätherischen Weißen die Reihen ihres Stammes

lichteten, und Freunde und Brüder an ihrer Seite nieder warfen, nur die

Gefahr des Gatten, sah ihn, der ihre Seele war, bedroht vom Feinde,

und mit der kurzen Kriegskeule in der Hand, die sie zu ihrer eigenen

Vertheidigung aufgegriffen, schmetterte sie in demselben Augenblick das

drohend auf ihn gerichtete Rohr zur Seite, als es seine tödtliche Ladung

gegen ihn entsandte. Der zweite blitzschnell dem ersten folgende Schlag

war gegen das Haupt des Weißen selber gerichtet, und der ehrliche

Squatter brach, von dem harten Holz getroffen, bewußtlos wo er stand

zusammen.

John, der sich jetzt nur noch von einem und zwar dem wenigst

gefährlichen Gegner bedroht sah, schöpfte wieder neue Hoffnung.

»Brav, Lloko!« rief er, indem er geschickt dem von Bill nach ihm mit

bestem Willen geführten Kolbenschlag auswich; »Du verstehst es viel

besser, als der Tölpel hier.« In gleichem Moment unterlief er den im

Buschkampf weniger geübten Roßlenker, und Bill fühlte nur noch ein

paar unbestimmte dumpfe Schläge, die ihm der geübte Boxer auf Stirn

und Schläfe gab, als er, wie von einem Schmiedehammer getroffen,

zusammenknickte.

Drei, vier Schüsse wurden jetzt von Einzelnen der Constabler, die den

Kampf aus der Ferne gesehen, herübergefeuert, und die Kugeln schlugen

links und rechts in die Bäume ein. Unversehrt aber sprang John jetzt,

von Lloko dicht gefolgt, dem Boote zu, das in diesem Augenblick seine

Kette freibekommen hatte.

»Höchste Zeit, daß Ihr kommt, Johnny!« rief diesen Rothkopf entgegen,

»Teufel noch einmal, es wird Zeit, daß wir abschieben -- an Bord, sag'

ich -- an Bord, oder wir haben die Rothjacken am Hals, ehe wir's denken.

-- Soll denn die Schwarze mit?«

John blickte, noch selber zweifelhaft, nach seiner Frau hinüber, Lloko

aber, ohne auf die Frage zu achten, warf sich in den Strom, schwamm

zu dem Boot hinüber und kletterte an Bord. Zeit zum Ueberlegen blieb

überhaupt nicht, und Gentleman John mußte ihrem Beispiel folgen, wollte

er nicht selber zurückgelassen werden. Seine Brieftasche zwischen den

Zähnen, stieg er in den Strom, und hatte kaum eine ihm zugereichte

Stange ergriffen, sich leichter hinüber ziehen zu lassen, als die Ersten

der Feinde schon auf der Uferbank erschienen, und daran hinnrannten, das

Boot am Abfahren zu verhindern. In wenigen Sekunden war der Führer der

Buschrähndscher aber an Bord, und mit Stangen und Rudern arbeitete die

kleine Schaar, die Mitte des hier ziemlich breiten und tiefen Stromes zu

gewinnen.

Durch das Geschrei der Constabler angelockt, eilte jetzt auch ein

kleiner Trupp der bis zum verlassenen Hauptlager vorgedrungenen Soldaten

herbei, und diese feuerten, als sie das Boot im Wasser sahen, ihre

Gewehre darauf. Zwei der Buschrähndscher wurden getödtet, und selbst

John erhielt eine Streifwunde an der Schulter. Das schilfige Ufer

verhinderte hier aber, daß ihnen die Feinde so rasch folgen konnten,

und ehe diese wieder geladen hatten, waren sie aus dem Bereiche ihrer

Kugeln.

Schweren Stand würden die flüchtigen Räuber freilich trotzdem gehabt

haben; denn Tolmer führte einen Theil seiner Leute auf einem ihm

bekannten Pfad den Strom eine Strecke hinab, wo sie, wenn sie vor dem

Fahrzeug eintrafen, den gerade an dieser Stelle wohl sehr tiefen

aber nicht breiten Strom sehr leicht überschießen konnten. Ein scharf

einsetzender Nordwestwind begünstigte aber die Verbrecher. Nachdem sie

die beiden Leichen der getödteten Kameraden ohne weitere Ceremonie über

Bord geworfen und ihr kleines Boot dadurch wesentlich erweitert hatten,

setzten sie das schon bereit liegende Segel, und glitten jetzt, weit

rascher als ihnen das mit Rudern möglich gewesen wäre, den leicht

gekräuselten Strom hinab.

Als die Verfolger den vorerwähnten Platz erreichten, konnten sie eben

noch in der Ferne, gerade dort, wo der Murray breit und sumpfig in den

Victoria-See einmündet, das lichte Segel der Räuber erkennen, und an ein

weiteres Nachsetzen ohne Boote war nicht zu denken.

Zwar wurden solche so rasch als möglich vom Ufer des Sees her requirirt,

und der Anführer der Polizei hatte immer noch die Hoffnung, die

flüchtigen Feinde wieder aufzuspüren, die, wie er glaubte, es nicht

wagen würden, die gefährliche Einfahrt in die Encounterbay und offene

See zu forciren.

Was aber blieb den zur Verzweiflung getriebenen Männern anders übrig,

als jetzt, mit den Mitteln ausgestattet, das Land ihrer Knechtschaft,

das für sie entsetzliche Australien, zu verlassen, auch das Aeußerste

dafür zu wagen. Sie Alle wußten, daß sie, einmal in die Hände des

Gerichts gefallen, der Strick des Henkers rettungslos erwarte, und was

war dagegen die tosende Brandung, die ihnen am nächsten Abend ihren

weißen Kamm entgegenwälzte.

Rothkopf, ein alter Matrose, der früher wegen versuchter und

wahrscheinlich auch schon ehedem ausgeführter Seeräuberei deportirt

worden, übernahm hier die Führung des kleinen Fahrzeugs, von dem aus

er erst eine Zeit lang den Gang der Brandung beobachtete. Dabei fand er

bald, daß sie sich in ziemlich hohen und gefährlichen Sturzwellen

gegen die einzige Ausfahrt heran wälzte. Zwischen den verschiedenen

Sturzwellen aber, und regelmäßig nach der dritten, trat eine kurze Ruhe

mit stillem Wasser ein, die ihnen die Möglichkeit ließ, hindurch

zu kommen. Der Wind war ihnen günstig, und benutzten sie ihre Zeit

kaltblütig und geschickt, so war, das sah er bald die Ausfahrt möglich.

Ohne Zögern wurden deshalb die nöthigen Vorbereitungen getroffen. Mit

dem scharfen Bug glitt das kleine schwanke Fahrzeug zitternd der Fluth

entgegen, als ob es selber erbebe vor der nahenden Gefahr. Rothkopf aber

handhabte das schmucke Boot mit sicherem Blick. Das Segel war, als sie

die Brandung fast erreicht, eingenommen, und nur die ausgehende Ebbe

führte sie jetzt mit starker Strömung der furchtbaren Stelle zu. -- Ein

Rückgehen war schon nicht mehr möglich -- vor ihnen bäumten sich die

gläsernen Mauern und schüttelten ihnen die weißen, sonneblitzenden

Mähnen drohend entgegen -- es war die dritte Brandungswelle, die fast

über ihren Häuptern hing. Jetzt schmolz sie wie ein Hauch in sich

zusammen, und rechts und links vom Boot zischte und tanzte der

silberblinkende, wirbelnde, kochende Schaum.

»Euer Segel auf!«

Im Nu faßte es der Wind und riß das Boot durch den gährenden Strudel

hin. -- Schon hob sich die neue Woge wieder bäumend auf, und hinter

dem Spiegel des kleinen Fahrzeugs selber quoll es empor in riesenhafter

Majestät -- noch wenige Sekunden, und es hätte dem Schiff den Wind

entzogen und es hineingezogen in den Wasserberg -- aber die Ebbe half

den Räubern über die Gefahr. Zischend schoß das schlank und trefflich

gebaute Boot der offenen Fluth, der freien See, entgegen, und jauchzend,

jubelnd begrüßten die Geretteten das Meer!

Inselwelt. Zweiter Band. Australische Skizzen. Gesammelte Erzählungen. · 第 4 / 15 题