In Lyndock Valley, nördlich von Adelaide, arbeitete ein Gang von
Sträflingen in Ketten.
Rechts an der Straße, wenn man dem damals noch wenig begangenen Weg von
Adelaide aus folgte, stand ein hoher Pallisadenzaun, fest eingerammt
mit scharfen Spitzen und oben noch mit drohend umgeschlagenen Nägeln
verwahrt, über den nur hie und da einzelne aus unbehauenen Steinen
zusammengesetzte Schornsteine emporragten. Diese gehörten zu
gewöhnlichen Rindenhütten, in denen die Deportirten, wenn sie ihr
Tagwerk vollbracht und Abends ihr Mahl gekocht und verzehrt hatten,
Nachts unter strenger Wacht gehalten wurden, bis sie die Sonne zu neuer
Arbeit rief.
Es war das eine Abtheilung von Leuten, die unter verschärfter Strafe
stand. Theils hatten sie sich Widersetzlichkeit, theils andere Vergehen
zu Schulden kommen lassen, theils waren sie sogar entwichen und wieder
eingefangen worden, und die Letzteren besonders büßten ihr Verlangen
nach Freiheit durch massive Ketten, an denen sie schwere Kugeln bei
jedem Schritt nachschleppen mußten.
Wüstes verwildertes Volk waren die Meisten; in Sünden und Verbrechen
aufgewachsen und seit ihrer Strafzeit noch außerdem dem Abschaum der
Menschheit beigesellt, in dem sie sich auch nur wohl und behaglich
fühlen konnten. Jetzt freilich war der alte Trotz gebrochen und so
zügelloser, gotteslästerlicher und obscöner Sprache sie sich auch
untereinander bedienen mochten, sobald ihnen Einer der Wächter nahe kam,
krochen sie scheu in sich zusammen, und ließen ihren Grimm höchstens an
dem harten Erdboden aus, den sie mit Schaufel und Spitzhacke angreifen
und ebnen mußten.
Und wahrlich sie wußten, daß sie ihren Wächtern keine Ursache zu Strafe
geben durften, denn erbarmungslos wäre die Peitsche auf ihre Rücken
herabgekommen, bis ihnen das blutige Fleisch in Streifen niederhing.
Wenig genug Rücksicht wurde in jener Zeit schon auf die Deportirten
überhaupt genommen, mit was sie sich auch im alten Vaterland vergangen
haben mochten. Wehe aber den Unglücklichen, die unter verschärfter
Strafe standen, denn diese waren der Willkür ihrer rohen Wächter
vollständig preisgegeben und nur in höchst seltenen Fällen drang eine
Klage zu höheren Beamten durch, irgend eine ungerecht _vollzogene_
Strafe zu untersuchen.
Solche Strafgänger wurden dabei (und waren es auch eigentlich meist) als
zum Tod verurtheilte und nur halb begnadigte Verbrecher betrachtet.
Der Tod drohte ihnen noch aus jedem Gewehrlauf der Wachen, die sie
umstellten, denn diese hatten ausgedehnte Vollmacht, bei der geringsten
verdächtigen Bewegung Eines der Gefangenen, von ihren Feuerwaffen
beliebigen Gebrauch zu machen.
Dabei trug fast jedes Vergehen, was sie sich _jetzt_ wieder zu Schulden
kommen ließen, verschärfte und doppelt verschärfte Strafen, und auf
Widersetzlichkeit gegen die Wächter oder erneute Flucht stand der Tod.
Daß sie aber auch gar nicht an erneute Flucht denken durften,
dafür sorgte schon die vortrefflich eingerichtete und bewaffnete
Polizeimannschaft, die mit der blanken und scharfgeschliffenen Wehr
an der Seite, die mit Ketten beladenen Verbrecher schon im Zaum
halten konnten. Nachts blieb dazu der ganze, mit festen Pallisaden
eingeschlossene Platz, während die einzelnen Trupps wieder ihre
besonderen Wächter hatten, von Militair umstellt und Flucht war von dort
mit einem Wort unmöglich.
Unter den Gefangenen befand sich Einer, der sich nicht allein durch
seine reinlicher gehaltene Kleidung, sondern auch durch sein ganzes
Benehmen vor den Uebrigen auszeichnete.
Es war ein muskulös gebauter kräftiger und breitschultriger Gesell,
der sich aber nicht so hatte gehen lassen wie die Uebrigen, und wohl den
Stempel der Sünde, doch nicht den der Gemeinheit auf seiner Stirn
trug. In seinem ganzen Wesen hatte er überhaupt etwas, das für ihn
interessirte, denn es schien fast, als ob er nicht in diese traurige
Umgebung, in der er sich befand, gehöre. Möglich vielleicht, daß dazu
gerade diese traurige Umgebung die Schuld trug, aus der er sich, so
viel dies anging, zurückzog. Man sagt ja: im Lande der Blinden ist
der Einäugige König, und es bedurfte _hier_ allerdings nur einer sehr
geringen Anstrengung, sich über _diese_ Masse emporzuarbeiten.
Selbst aber durch solche geringe Anstrengung fühlte sich diese Masse
beleidigt, die nun einmal Keinem von ihr gestatten wollte, daß er sich
aus dem allgemeinen Schlamm erhob. John Mulligan, der durch Tolmers
Fürsprache seine Strafe so hatte gemildert erhalten, daß er dieser
Abtheilung nur auf ein Jahr eingereiht war, hieß deshalb auch sehr bald
gar nicht anders wie »der Gentleman«, oder auch »Gentleman John«, der
sich sogar den Haß einer großen Zahl der Gefangenen zuzog, weil er an
einem trotz aller Gefahren verabredeten Fluchtversuch nicht Theil nehmen
wollte.
Allerdings hatte er damals den Kameraden vorgestellt, daß sie auf solche
Art gar nicht entkommen _könnten_ und ihr Loos nur dadurch, ohne das
Geringste zu erreichen, verschlimmern würden. Sie nannten ihn dafür
einen feigen Patron, der keinen Muth mehr habe, etwas für seine Freiheit
zu wagen und fanden noch in derselben Nacht, daß »Gentleman John«
vollkommen Recht gehabt.
Ihr Plan wurde nämlich vereitelt ehe sie nur einmal die Ausführung
ordentlich begonnen hatten. Drei fielen dabei durch die Schüsse der
Wachen, zwei Andere wurden schwer verwundet und diese Beiden, mit einem
sechsten, der sich betheiligte, vierzehn Tage später gehangen -- als
Beispiel den Uebrigen.
So verging wieder ein Monat, und John Mulligan, der nur selten mit
irgend Einem seiner Kameraden Verkehr hielt, weil er keinen von ihnen
kannte, arbeitete fleißiger wie je, betrug sich dabei bescheiden gegen
die Wächter und war, mit einem Worte, das Muster eines Kettengefangenen,
den man den Uebrigen fortwährend als Beispiel ausstellte. -- Aber hätten
sie nur sein Herz sehen, nur die Gedanken lesen können, die Tag und
Nacht in seinem Hirne brannten, und ihn fast zur Verzweiflung trieben.
Freiheit! -- Freiheit! das war das einzige Gefühl, das ihn noch am Leben
hielt, das ihm Herz und Seele erfüllte, und wenn er nicht schon lange
einen Versuch gemacht hatte, dies höchste Gut wieder zu erringen, trug
die Schuld nur seine Vorsicht und Schlauheit, die nicht zugab, daß er
sich in ein nur halbweg unsicheres Unternehmen einließ. Er wußte, welche
Strafe seiner diesmal wartete, sobald es mißlang, und selbst der Gefahr
durfte er sich nicht aussetzen.
Dadurch übrigens, daß er mit fast allen seinen Mitgefangenen verfeindet
war, gewann er sich mehr und mehr das Vertrauen der Aufseher und es
geschah jetzt schon gar nicht selten, daß John Mulligan da oder dort die
Aufsicht über die Arbeit irgend einer kleinen Abtheilung der Kameraden
übergeben wurde. Allerdings trug er deshalb nicht leichter an der Kette
und Kugel, und war eben so wie alle Anderen von den scharfgeladenen
Gewehren der Wache bedroht, aber es zeigte doch, daß die Wächter
sein Bestreben sich gut zu betragen, anerkannten, während es die
Mitgefangenen nur noch immer mehr von ihm entfernte.
Natürlich spotteten diese über ihn. »Gentleman John«, hieß es, »wird
nächstens eine blaue Jacke mit blanken Knöpfen bekommen, und »lieb Kind«
beim Lieutenant werden. Zum Teufel mit dem Schuft, und _uns_ hat er
vorgelogen, daß er auf Känguruh-Eiland der Anführer einer ganzen Bande
Buschrähndscher gewesen wäre.«
John Mulligan hörte es, und achtete nicht darauf.
Nur ein Einziger von Allen schien sich mit John befreundet zu halten,
und das war ein Irländer, dessen brennendrothe Haare ihm den Beinamen
_Rothkopf_ verschafft hatten. Ueberhaupt wurde fast keiner der
Sträflinge von den Mitgefangenen bei seinem wirklichen Namen genannt,
weil sich sonst Niemand aus den ewigen Jacks und Johns und Jims
herausgefunden hätte.
Rothkopf aß mit Gentleman John aus einer Schüssel, und so häufig ihn
sonst die Peitsche der Wächter, besonders seiner bösen Zunge wegen,
getroffen, so war jetzt, seit er mit John Mulligan näher befreundet
worden, eine auffallende Besserung bei ihm eingetreten.
Natürlich schrieben die Beamten das einzig und allein dem wohlthätigen
Einfluß zu, den John auf ihn ausgeübt, und dieser stieg dadurch nur noch
mehr in ihrer Achtung.
Das ging eine Weile so fort, bis der Oberwächter, unter dessen Aufsicht
sie bis jetzt gestanden, abberufen wurde, irgend eine andere Stellung
auszufüllen. An seiner Statt trat ein Schotte ein, der, von einem andern
Gang hierher versetzt, die Ueberzeugung mitbrachte, an Kettengefangenen
sei jedes Wort verschwendet, und man thue am Besten, sich, wie bei
eingeschirrten Stieren, nur durch die Peitsche mit ihnen zu unterhalten.
John Mulligan oder Gentleman John, wie er jetzt allgemein
hieß, arbeitete heute mit Rothkopf zusammen an einem mächtigen
Stringybarkbaum, der mitten in dem ausgesteckten Weg stand, und deshalb
ausgerodet werden sollte. Sechs oder acht ihrer Kameraden mühten
sich ein kleines Stück weiter unten mit Brecheisen ab, einen riesigen
Felsblock von der Stelle zu rücken, den sie in der halben Zeit mit
Pulver hätten sprengen und aufräumen können.
Um sie her, mit geladenen Gewehren, standen die dazu bestimmten
Polizeisoldaten, und der neue Oberwächter, statt des Spazierstocks eine
tüchtige Knute von ungegerbtem Leder in der Hand, ging von Gruppe zu
Gruppe, um die Lässigen nur durch seine Gegenwart schon zu äußerster
Anstrengung anzutreiben.
In diesem Augenblick stand er bei denen, die an dem Stein wühlten,
nichts destoweniger den Blick nach allen Seiten werfend.
»Du, John, ich halte es jetzt nicht länger aus. Deinem Zureden nach hab'
ich mich gestellt, als ob ich unterduckte, und von Tag zu Tag hast Du
mir versprochen, daß wir ausbrechen sollten. Ich habe immer noch auf
Dich gewartet, nun ist's aber vorbei, denn mit dem neuen =cove= als
Wächter und Einpeitscher will ich verdammt sein, wenn ich mich länger
halten lasse. Sie sollen mich meinetwegen todtschießen oder hängen,
wenn die Sache schief geht, aber für jeden gesegneten Tag todtgeschossen
_und_ gehangen zu werden, _das_ ist mehr, als Menschennatur ertragen
kann.«
»Hast Du Dich unter Deinem Fußring etwas wund gerieben, wie ich Dir's
gestern Abend sagte?« frug John vorsichtig.
»Das hab ich, aber was soll das nützen?« lautete die mürrische
Gegenfrage. »Zum Henker auch, wenn Du glaubst, daß sie dadurch Mitleid
für Einen fühlen, so bist Du verdammt auf dem Holzweg.«
»So wie wir den Baum hier umgeworfen haben,« fuhr aber John ruhig fort,
denn der Wächter wandte sich jetzt und kam auf sie zu, »so werden wir
oben auf den Hügelkamm geschickt. Dort fang an zu hinken und zu winseln,
und thu', als ob Du große Schmerzen hättest; das Weitere überlaß mir.
Ich will schon dafür sorgen, daß Dir der Ring abgenommen wird.«
»Aber _Deine_ Kette?« sagte Rothkopf erstaunt -- »willst _Du_ nicht
mit?«
»Es ist ein Hundeleben im Busch,« knirrschte John vor sich hin, »und
ich kenne es leider schon zu gut, aber -- den Teufel auch -- es ist doch
Freiheit, und diesmal sollen sie mich nicht überlisten wie das letze
Mal, wo ich ein Esel war und meine Strafe verdiente.«
»Und Du gehst also mit?«
»Mein Ring ist durchgefeilt,« sagte John rasch, »der geringste Schlag
mit einem Stein darauf, und ich bin frei.«
»Aber die verfluchten Musketen.«
»Vor denen müssen wir uns schon sichern -- aber jetzt still -- da kommt
unser Aufseher!« und mit wuchtigen Schlägen hieb er die Axt in die
ziemlich weichen Wurzeln des schon fast unterminirten und vom Boden
losgetrennten Gumbaums ein, daß dieser bis zum Gipfel hinauf erzitterte.
»Ihr trödelt hier auch eine Ewigkeit mit der Stange,« sagte der
Aufseher, der eben zu ihnen trat. »Zwei baumstarke Kerle und einen
ganzen Vormittag an einem solchen »Schößling« herum zu spielen. Ich
glaube, ich habe mit meiner _Leder_hacke gefehlt, Euch ein wenig dabei
zu helfen. Nun -- wird's bald?«
»Ay, Ay, Sir,« sagte John demüthig, indem er aus Leibeskräften auf die
Wurzeln einschlug. Rothkopf unterstützte ihn dabei nach Kräften, und es
dauerte nicht lange, so neigte sich der Wipfel des riesigen Baumes
-- erst langsam, dann immer schneller, bis er zuletzt mit _einem_
gewaltigen Schlage, seine ganzen Aeste fast dabei in Stücken
schmetternd, zu Boden krachte.
»So -- nun rasch das Holz aus dem Wege,« befahl der Aufseher, »dann
die Zacken noch weggeschlagen; ich werde gleich zwei Andere von unten
heraufschicken, die ihn ein paar Mal durchsägen. Kommt Ihr nachher Alle
zusammen, so rollt ihn gleich aus der Bahn. Bis Mittag darf keine Spur
mehr davon im Wege sein.«
»Ay, ay, Sir,« klang wieder die einzige Antwort der beiden Leute zurück,
als Zeichen, daß der Befehl gehört sei und erfüllt werden solle, und der
Wächter stand mit einem finsteren Blick, und seine Peitsche wie im Spiel
auf- und abschwingend, daneben, als ob es ihm leid sei, daß er bei den
beiden Gesellen auch nicht die geringste Ursache zur Strafe hatte; --
aber er fand nun einmal Nichts zu strafen, und mußte sich endlich einem
andern Trupp zuwenden, der vielleicht lässiger in seiner Arbeit gewesen
war.
Rothkopf sah ihm, als er sie verließ, mit einem tückischen Blick nach,
und zischte vor sich hin:
»Daß solch eine _Spinne_ von einem Menschen _solche_ Kerle, wie wir
sind, prügeln darf! John, den kleinen Finger von meiner linken Hand
gäb' ich noch drum, wenn ich _dem_ Burschen vorher, eh' wir abgehen, den
Schädel einschlagen dürfte.«
»Du würdest den Hals auch dazu geben müssen,« sagte John trocken.
»Bah, der ist doch verfallen, sobald wir den ersten Versuch machen und
erwischt werden,« rief Rothkopf trotzig, »aber was thuts -- _ein_mal
werden wir doch gehangen, früher oder später, und bis dahin wollen wir
das Leben noch genießen.«
»Im Busch?« fragte John kopfschüttelnd.
»Bah, Kamerad,« lachte dieser, »Du denkst immer noch an Deine verbrannte
Känguruh-Insel, wo Du Hunger und Kummer leiden mußtest, weil Ihr die
Sache eben ungeschickt anfingt. Paß einmal auf, ob ich Dich nicht an
eine Stelle bringe, wo wir ein fideles Leben führen können.«
»Im Busch?« wiederholte John noch einmal ungläubig.
»Ja, im Busch,« betätigte der Ire, »aber freilich dürfen wir nicht wie
die Einsiedler in einer Rindenhütte hocken, und nur eben ausbrechen,
wenn wir am Verhungern sind. Finden wir aber den Stamm der Schwarzen,
mit dem _ich_ befreundet bin, dann sollst Du einmal sehen, ob ich Dir
etwas vorgelogen habe.«
»Und halten die sich hier in der Nähe auf?«
»Wir sind nicht zehn Miles von ihrem Jagdrevier, und nur erst einmal
_dort_, auch außer aller Gefahr. Mach' also jetzt Anstalt, daß wir die
verdammten Eisen von den Beinen bekommen, oder ich begehe einen tollen
Streich allein.«
»Still, dort kommen die Säger,« flüsterte John, »nachher beim Essen
verabreden wir unsern Plan.«
»Vielleicht gingen die mit?«
»Sie mögen nachkommen, wenn sie Lust haben,« sagte der vorsichtigere
John, »zu Viele in einem Geheimniß, haben es noch jedes Mal verdorben,
und ich darf mich _dies_mal nicht der Gefahr aussetzen, entdeckt oder
verrathen zu werden.«
»Weil Du so lang den Frommen gespielt?« lachte Rothkopf.
»Allerdings, und die Uebrigen mich deshalb hassen. Holzköpfe, die sie
sind, daß sie glauben konnten, John Mulligan wäre im Ernst ein solcher
Tropf, vor einem schurkischen Wächter im Staub zu kriechen.«
»Und heute Mittag?«
»Nachher -- die da dürfen nichts merken.«
* * * * *
Das Mittagsessen war vorüber -- eine einfache aber doch reichliche und
auch nahrhafte Mahlzeit für die Leute, die aus in der Asche gebackenem
Waizenbrod und Hammelfleisch bestand.
Von solchem Brod oder Damper hatte sich John auch in den letzten Wochen
aus abgesparten kleinen Stücken einen Vorrath gebildet, an dem er immer
ein paar Tage zehren mochte. Bei seiner Mahlzeit gelang es ihm heute,
diese Hülfsration mit Rothkopf zu theilen, daß sie es Beide leichter in
ihrer Jacke verbergen konnten.
Während dem Essen, das innerhalb der Pallisaden verzehrt wurde, nahmen
die Soldaten allerdings auch ihr Mittagsmahl ein, aber eine Flucht war
in der Zeit doch unmöglich, da der einzige Ausgang mit doppelten Wachen
besetzt stand. Irgend Einer, der außerdem am hellen Tage hätte versuchen
wollen, die Pallisaden zu überklettern, wäre augenblicklich herunter
geschossen, oder doch dabei ertappt, und _wenigstens_ halb todt
gepeitscht worden. John's Plan lag auch nicht darin, ein solches
Wagstück in einer Weise zu unternehmen, wie sie von den Beamten schon
vorbedacht und durch Maßregeln verhindert war. Er wußte recht gut, daß
ihre Flucht nur durch Ueberraschung gelingen konnte.
Nach dem Essen bildete sich wieder die Colonne, in der sie zu ihrer
Arbeit, von Soldaten umgeben, hinaus marschirten. Rothkopf hinkte dabei
bedeutend, und stützte sich auf Johns Arm, der ihn führte.
Auch John schien nicht ganz fest auf den Füßen, und hatte sich in das
linke Eisen ein paar baumwollene Lappen hineingesteckt, von denen der
eine Blut zeigte. Rothkopf hatte sein Bein fest umwunden, und arbeitete
sich nur mit großer Schwierigkeit vorwärts, um in der Reihe Schritt zu
halten.
Sie wurden, wie es John vorher gewußt, heute Nachmittag auf den Kamm
des Hügelrückens geschickt, um hier passende Steine für die Straße
loszubrechen. Der Hügelkamm dachte an der Seite, an der die Straße lag,
ziemlich steil ab, und die oben gelösten Steine rollten von selber zu
Thal. An der andern Seite zog sich ein weniger schräger Abhang in den
Busch hinein, der oben mit einzelnen Bäumen, tiefer unten aber mit
dichtem Gestrüpp bewachsen war. Auf dem Kamm selber aber, mitten
zwischen den Arbeitern, standen die Wachen mit ihren geladenen Gewehren,
und wenn die Sträflinge, mit ihren Ketten überhaupt, hätten an Flucht
denken können, würden sie die Kugeln der Soldaten bald eingeholt und
unschädlich gemacht haben.
»Was zum Teufel hast _Du_ nun wieder?« sagte der Oberaufseher, als
er dort oben die verschiedenen Arbeitsplätze angewiesen hatte und zu
Rothkopf trat -- »was ist mit Deinem Bein?«
»Ich kann nicht mehr, Sir,« stöhnte der Mann -- »bis hier herauf hab'
ich mich geschleppt, aber _jetzt_ bin ich's nicht mehr im Stande. Das
Bein ist entzündet und geschwollen; wie mit Messern sticht's mich bis
hier herauf. Wenn Sie mir die Kette nur wollten an das andere legen
lassen, vielleicht könnt' ich dann doch noch weiter arbeiten, sonst bin
ich nicht einmal im Stande, wieder allein hinunter zu _gehen_.«
»Das weiß der Henker, was mit Euch Schuften immer los ist,« brummte der
Oberaufseher verdrüßlich vor sich hin -- »konntest wohl nicht das Maul
aufthun, wie wir unten waren, daß Dir der Wundarzt den Schaden nachsah,
heh?«
»S'ist weiter nichts, Euer Gnaden, als die Kette drückt ihn auf eine
wunde Stelle,« sagte John ehrerbietig -- »wenn Sie's erlaubten, wollt'
ich ihn bald wieder auf den Füßen haben.«
»Und wir?«
»Machen ihm blos die Kette, wie er's verlangt, an's andere Bein, das
hilft jedesmal -- wenigstens bis _das_ wieder heil ist. Es sind ja
Soldaten genug hier, die es ihm umschließen könnten.«
»Zum Henker auch,« rief der Oberaufseher -- »ich glaube, der Bursche
drückt sich nur von der Arbeit und _spielt_ den Lahmen. Auf mein Herz,
_das_ hilft Dir bei mir Nichts,« und mit den Worten zog er ihm ein paar
tüchtige Peitschenhiebe über. Rothkopf krümmte sich unter den Schlägen,
und suchte dem Befehl nachzukommen, indem er sich aufrichten wollte,
aber es ging nicht. Er vermochte nicht auf den Beinen zu stehen, brach
wieder zusammen, und fiel gegen einen Baum, an dem er sich die Stirn
blutig riß.
»Wenn Euer Gnaden befehlen,« sagte John demüthig, »so trag ich ihn
lieber den Hang hinunter. Mein Bein ist auch wund, aber Einer der Herren
Soldaten hilft mir vielleicht. Der arme Teufel hält's so nicht aus.«
»Ich will selber sehen, was an der Wunde ist,« sagte der Oberaufseher
trotzig, obgleich ihn der letzte Fall des Gefangenen stutzig gemacht
hatte. »Man _darf_ Euch Schuften ja gar nicht mehr glauben, denn Ihr
betrügt und hintergeht uns auf _jede_ Weise. Da leg' Dich hin, Rother!
-- hast Du's gehört, oder soll ich Dich beweglich machen? --«
Rothkopf kroch zu der ihm bezeichneten Stelle, und der Oberaufseher nahm
seinen Schlüssel heraus, winkte zweien der Soldaten, die näher heran
kamen und neben ihnen stehen blieben, und bog sich dann nieder, den
angeblichen Schaden des Gefangenen selber zu untersuchen.
John war ungemein geschäftig, ihn darin zu unterstützen; er schob selber
einen Steinblock zurecht, auf dem sich der Herr Oberaufseher bequem
niederlassen konnte. Nachdem er Rothkopf dann etwas weiter vor und sein
rechtes Bein dabei in die Höhe gehoben hatte, daß der Beamte es bequem
erreichen konnte, stemmte er das eigene darunter und stützte sich selber
mit dem rechten Arm auf den Boden.
Der Beamte öffnete vorsichtig das Schloß der Kette, und der Gefangene
stöhnte und winselte dazu; während aber die Kette oben klirrte, preßte
unten John Mulligan in wahrer Todesangst das breite Eisen, das seinen
eigenen Knöchel fest und umspannt hielt. Heimlich in der Nacht, seit
langen, langen Monden, hatte er mit einem Stückchen Feile, das er sich
zu verschaffen gewußt, an diesem Ring gefeilt -- oft nur ein oder zwei
Striche die ganze Nacht, weil er nicht wagen durfte, die Wächter durch
das Geräusch aufmerksam zu machen. Die ausgefeilte Rinne brachte er
zuletzt so dünn, als er glaubte, daß sie dem geringsten Druck nachgeben
müsse; ja er fürchtete mehr daran zu arbeiten, weil ihm die Kette sonst
am Ende einmal _vor_ dem richtigen Moment vom Fuß abfallen konnte. Jetzt
nun, im entscheidenden Augenblick, während er den Kameraden mit dem
einen Arm angeblich unterstützte, preßte seine andere Hand unten gegen
das fast vollkommen durchgefeilte Eisen, daß ihm das Blut unter den
Nägeln vorzuspritzen drohte -- aber vergebens.
»Na -- jetzt pass' auf und halt' ihn fest,« sagte der Beamte, während
er das Schloß aufbog und das Eisen von dem Bein des Gefangenen herunter
fallen ließ -- »wo ist denn nun die schreckliche Wunde? -- Aber halt,
Kamerad, erst wollen wir Dir den hübschen Ring doch lieber um den andern
Knöchel legen, nachher können wir uns den hier mit Muße besehen.«
»Hat Nichts zu sagen, Sir,« stöhnte John -- »der läuft _nicht_ davon.«
»Wenn _Du_ um Deine Meinung befragt wirst, magst Du antworten. -- Laß
_das_ Bein einmal los und heb das andere herauf. Was zum Teufel? --
wie siehst Du denn aus? Du hast ja einen Kopf wie ein Krebs so roth --
herauf mit dem Bein.«
»Ay, ay, Sir!« rief John, und die Verzweiflung gab ihm Riesenkräfte.
-- Noch ein Moment, und ihr ganzer Plan war, vielleicht auf immer,
vereitelt -- doch wie er noch einmal seine Finger über den eisernen Ring
preßte, fühlte er, daß sich dieser seinem Griffe bog.
»Nun, wird's bald?« rief der Aufseher.
»Einen Moment, Sir -- ich bin mit meinen Ketten hier unten hängen
geblieben -- mach' es gleich wieder los.«
Er ließ das angeblich wunde Bein Rothkopfs herunter, und während er
jetzt auch mit der andern Hand nach seiner Kette faßte, brach der breite
Ring unter seinem Griff wie Glas entzwei. Im Nu hatte er ihn gepallt und
ausgebogen, wenn auch die scharfe Kante ihm die Finger blutig riß, und
der Aufseher, dem diese plötzliche Bewegung nicht entgehen konnte, rief
erstaunt aus:
»Alle Wetter, was machst denn _Du_ da, mein Junge.«
»Ich kurire _mein_ Bein, Sir!« lachte in diesem Augenblick John, während
Rothkopf mit Blitzesschnelle in die Höhe fuhr.
»Ist es Zeit?« rief dieser.
»Fass' ihn,« lautete die einzige Antwort, und »Verrath,« schrie auch
schon in dem Moment der erschreckte Aufseher, »Hülfe! Hülfe!« Und
wohl hatte er Grund dazu, denn vier stärkere Arme gab es nicht in den
Colonien, wie die waren, die ihn jetzt gefaßt und im Nu auf ihren Rücken
geworfen hatten. Rothkopf packte ihn um den Leib, John um die Knie, und
während sie, nach früherer Unterredung, den leichten Burschen als Schutz
gegen sonst etwa ihnen nachgeschickte Kugeln auf ihren Nacken hoben,
sprangen sie dabei in wilden Sätzen den Hang hinab und direkt auf das
nächste Dickicht zu.
»Hülfe! Hülfe!« schrie des Aufsehers Stimme, aber die Soldaten durften
ihren Posten nicht verlassen, weil sie ja nie wissen konnten, ob das
nicht vielleicht dem gemeinschaftlichen Plan der Gefangenen galt, eine
allseitige Flucht zu versuchen. Nur ihre Gewehre spannten sie und hoben
sie in alter Gewohnheit an den Backen -- aber schießen durften sie eben
so wenig, wenigstens nach _diesen_ Flüchtigen. Die Kugeln mußten ja
fast, wo sie auch einschlugen, den Körper ihres eigenen Befehlshabers
treffen.
»Hülfe -- Hülfe!« tönte dessen Ruf schon tief von unten herauf,
und seine Rechte hatte sich indeß vergebens bemüht, in eine
seiner Brusttaschen zu gelangen und die dort steckenden Pistolen
herauszubringen. Rothkopf aber litt das nicht; wie in einem Schraubstock
schnürte er ihm die Arme zusammen, und als ihm die Büsche jetzt noch
ohnedies in's Gesicht schlugen, war er nicht mehr im Stande, sich zur
Wehr zu setzen.
Im nächsten Moment hatte ihn aber schon der niederhängende Ast eines
alten Gumbaums gefaßt und riß ihn gewaltsam aus den Armen der beiden
Entflohenen, während ihm der Sturz einen lauten Schrei auspreßte.
»Hier mag er bleiben,« lachte Rothkopf, »denn durch das Dickicht können
wir ihn doch nicht weiter schleppen, aber seine Pistolen wollen wir uns
noch ausbitten.«
»Und das Pulverhorn mit den Kugeln nicht zu vergessen,« rief John.
»Nur rasch, denn die Teufel sind uns schon auf den Fersen.«
»In dem Dickicht vergebens,« lachte John, »her mit den Waffen,
Canaille.«
»Gnade, Gnade!« flehte der Beamte auf den Knieen und in Todesangst.
»_Das_ ist die Gnade, die _Du_ verdienst,« rief Rothkopf, und in voller
Kraft und Wuth, mit der geballten Faust zum Stoß ausholend, warf er
den Unglücklichen leblos in das dürre Laub zurück. Im Nu hatten sie ihm
dabei den Rock ausgezogen, die Uhr aus der Tasche gerissen, und flohen
nun, als sie die Verfolger schon von oben herunter durch die Sträucher
brechen hörten, gerade nach unten in den dicksten Busch hinein.
Wohl suchte eine rasch herbeigezogene Hülfstruppe noch an diesem Abend
und die nächsten Tage den Wald nach allen Richtungen hin ab.
Große Belohnungen wurden dabei von der Regierung ausgesetzt, und
Polizeisoldaten wie Militair war Monate lang beschäftigt, diese frechen
Flüchtlinge wieder einzubringen -- galt es ja doch auch, an ihnen ein
Beispiel zu statuiren -- doch vergebens. Gentleman John wie Rothkopf
waren und blieben verschwunden, und riefen sich nur dann erst wieder
in die Erinnerung des Publikums zurück, als ein paar hinter einander
verübte freche und kühne Raubanfälle ihre Namen von Neuem auf die Lippen
der Buschbewohner und Reisenden brachten.