Es war im Monat Juli, als die letzten Streiftruppen von Militair und
Polizei, die im April die Buschrähndscher-Bande des »Gentleman John«
theils getödtet und gefangen, theils zerstreut hatten, nach Adelaide
zurückkehrten.
Trotz aller Energie ihres Führers, und trotz der wirklich
unvergleichlichen Ausdauer der Leute, war es ihnen aber doch nicht
gelungen, des Gefährlichsten der Schaar, des berüchtigten Gentleman
John, habhaft zu werden. Selbst in See ausgesandte Kutter, die an den
Küsten kreuzten und weite Strecken hinaus den Ocean absuchten, konnten
nichts von jenem Boot, das man zuletzt an der Mündung des Murray
gesehen, entdecken, und es blieb kaum mehr einem Zweifel unterworfen,
daß die verwegenen Räuber, die damals dem Arm der strafenden
Gerechtigkeit entkommen, ihren Tod in der an der Einfahrt der
Encounterbai stehenden Brandung gefunden.
Was dieser Vermuthung noch mehr Wahrscheinlichkeit lieh, war, daß man
gerade in jener Zeit die Trümmer eines zerschellten Bootes unfern jener
Stelle an der Küste entdeckt hatte. Jedenfalls mußte es dasselbe sein,
das den Buschrähndschern gehörte, und wenn sie auch den Galgen also um
sein Recht betrogen, war doch wenigstens die Colonie von ihnen befreit,
und die einzelnen Stationshalter draußen im wilden Busch konnten freier
athmen.
Das war ziemlich die allgemeine Ansicht in der Colonie, die dadurch noch
mehr befestigt wurde, daß man selbst wochenlang nach der Rückkehr der
Expedition Nichts mehr von einem neuen Ueberfall einzelner Reisenden
oder Stationen hörte. Die Wege im Busch waren so sicher, wie die Straßen
von Adelaide im hellen Sonnenschein, und hatten sich wirklich Einzelne
der Scharr zu Land geflüchtet, so schien Nichts wahrscheinlicher, als
daß sie entweder in der trostlosen, wasserarmen Wildniß umgekommen, oder
von den Schwarzen »gespeert« seien.
Nur Einer der Polizeibeamten, die sich damals dem Zuge angeschlossen,
theilte nicht die Meinung der Anderen, daß nämlich Gentleman John sein
Ende in den Wogen gefunden, und das war Tolmer, der Chef jenes gegen die
Buschrähndscher ausgesandten Trupps selber. Er hatte das Boot gesehen,
er kannte auch die Gefahr der Brandung an der Victoriasee-Mündung,
aber er wußte ebenfalls, daß eine Ausfahrt zu Zeiten _möglich_ sei,
und traute dem tollkühnen Räuber recht gut zu, die Schwierigkeiten und
Gefahren derselben besiegt zu haben.
Die noch auf seinem Kopf stehenden zweihundert Pfund Sterling lockten
ihn dabei weit weniger, als die Ehre, den gefährlichen und berüchtigten
Räuber, trotz allen Kreuz- und Quersprüngen desselben, noch einmal zu
überlisten und einzubringen, und mit unermüdlicher Ausdauer, mit einer
Zähigkeit, die sich durch nichts entmuthigen und abschrecken ließ,
durchritt er das halbe Murray-Thal und die Wildniß bis zu den
besiedelten Distrikten der Nachbar-Colonie, und umsegelte die Küsten,
die sich nach rechts und links von Adelaide ausstreckten, die mögliche
Spur von dort gelandeten Fremden zu entdecken.
Umsonst -- Nirgends war auch nur das Geringste von den entkommenen
Räubern zu entdecken, und als letzte Möglichkeit fuhr er nach der der
Hindonoff-Landzunge gegenüberliegenden Känguruh-Insel hinüber. Er
wußte recht gut, daß Gentleman John bei seinem ersten Debüt als
Buschrähndscher die Schlupfwinkel jener Insel genau kannte, und war es
ihm nicht gelungen, in See ein Schiff anzurufen und Australien ganz
zu verlassen, so blieb Nichts wahrscheinlicher, als daß er sich wieder
dorthin geflüchtet habe.
Ohne das geringste glückliche Resultat durchstreifte er aber die
ganze Wildniß drüben, kroch durch die ihm nur zu wohl bekannten
Känguruh-Dornen, dem flüchtigen Räuber nur erst einmal wieder zu
begegnen. Auf den Stationen erhielt er -- das alte Leiden --
nur ungenügende, ausweichende Nachrichten. Niemand wollte die
Buschrähndscher gesehen haben, Niemand etwas von ihnen wissen, und
er sah sich endlich genöthigt, so ungern er es that, seine weitere
Verfolgung aufzugeben. -- Gentleman John war jedenfalls auf ein Schiff
entkommen, und dann freilich hätten sie ihn hier wohl vergeblich suchen
sollen.
An Cap Borda, der Nordwestspitze der Insel, blieb er eine Nacht auf
einer von einem Mr. Bloome dort angelegten Station. Er wollte von hier
aus nach Adelaide zurückkehren, wurde aber in diesem Vorsatz durch ein
Gespräch mit Mr. Bloome selber wankend gemacht. Bloome nämlich erzählte
ihm von einem sehr reichen Engländer, mit dem in Gemeinschaft er in
nächster Zeit einen Schooner ausrüsten wolle, um an den australischen
Küsten und nach Neu-Seeland hin Handel zu treiben. Ein Bruder von ihm,
früher einmal Steuermann auf einem Ostindienfahrer, war zu dem Zweck
schon nach Sydney abgegangen, ein passendes Fahrzeug dort anzukaufen,
und er erwartete diesen mit jedem Tage zurück.
Stutzig machte ihn zuerst die Nachricht, daß der Fremde als ein
Schiffbrüchiger auf die Insel gekommen sei, an deren Küste er, wie
Bloome sagte, sein eigenes Fahrzeug verloren habe, und sein Verdacht
wurde zur Gewißheit, als er im Lauf des von ihm äußerst vorsichtig
geführten Gesprächs erfuhr, daß unter den wenigen, die sich mit ihm
gerettet, auch eine schwarze Frau gewesen sei.
Capitain Howitt, wie er sich nannte, sollte übrigens, des Squatters
Bericht nach, erst gestern zu Land nach Point Marsden an der Nordseite
der Insel gegangen sein, wo er noch Geschäfte, den Ankauf von Waaren
betreffend, abzuschließen habe. Mr. Bloome erwartete ihn nicht vor der
nächsten Woche zurück.
Tolmers Entschluß war rasch gefaßt. Es war dies überhaupt seine letzte
Hoffnung, den flüchtigen Räuber noch aufzufinden, und wenn er auch
jetzt, allein und ohne Unterstützung nichts Entscheidendes gegen ihn
unternehmen konnte, so wollte er ihn doch wenigstens erst einmal sehen,
wollte sich selber überzeugen, daß es wirklich der vogelfreie Verbrecher
sei, und dann so rasch als möglich nach Adelaide zurückkehren, Hülfe von
dort herbeizuholen.
Mr. Bloome hatte, wie er bald im Gespräch merkte, keine Ahnung davon,
was für ein gefährlicher Charakter sein zukünftiger Compagnon sein
könne, und Tolmer war viel zu vorsichtig, ihm auch nur das Geringste
merken zu lassen, welchen Verdacht er selber habe. Ein unbedachtes Wort
des Squatters hätte während seiner Abwesenheit den schlauen Verbrecher
nur zu leicht warnen, und all seine Mühe vergeblich machen können.
Die Nacht blieb er übrigens noch bei seinem gastfreien Wirth, der ihn
überdies vor dem nächsten Morgen gar nicht fortgelassen hätte, und
suchte während der Zeit Näheres von ihm über die früheren Kameraden des
Schiffbrüchigen zu erfahren. Diese befanden sich, Mr. Bloomes Meinung
nach, am andern Ende der Insel, vielleicht gerade dort, wohin jener
Mr. Howitt gegangen, wenigstens hatte er hier nichts weiter von ihnen
gesehen, und bekümmerte sich auch, wie er mit einem Seitenblick auf
Tolmer bemerkte, wenig oder gar nicht um das, was im Innern der Insel
vorging. »Es sei das in Australien eine gar schlimme Sache, da man nie
wisse, mit wem man es eigentlich zu thun bekomme, und in wiefern die
Bekanntschaft vortheilhaft und angenehm sein könne.«
Am andern Morgen brach Tolmer vor dem Frühstück noch mit dem dämmernden
Tage auf, und wanderte, so rasch ihn seine Füße trugen, dem ziemlich
fernen Point Marsden zu. Aber erst am vierten Morgen, durch Dornen,
Dickicht und vom Regen erweichte Wege aufgehalten, erreichte er etwa um
neun oder zehn Uhr die ersten Umzäunungen des Platzes, der ihm von der
letzten Station als Eigenthum eines gewissen Rodwell -- derselbe, bei
dem sich jener Capitain Howitt aufhalten sollte -- bezeichnet worden.
Tolmer machte hier Halt, sich auf alle möglichen Fälle, wenn er
da wirklich mit dem Buschrähndscher zusammenträfe, vorzubereiten.
Allerdings war er dabei im Vortheil, denn er kannte jenen sogenannten
Gentleman John schon von Ansehen genau, und hatte selber jede nur
mögliche Vorkehrung getroffen, nicht von ihm erkannt zu werden -- konnte
er ihn doch auch nicht hier vermuthen. Nichts destoweniger mußte er dem
schlauen und abgefeimten Räuber gegenüber jede Vorsicht gebrauchen, sich
nicht zu verrathen. Bei dem geringsten Verdacht, besonders wenn dieser
seine Helfershelfer in der Nähe hatte, war er verloren, oder der
Verbrecher doch jedenfalls gewarnt gewesen, ehe er sich seiner
bemächtigen konnte, und Mann gegen Mann blieb ihm auch nur geringe
Hoffnung, seiner Herr zu werden. Tolmer selber, wenn auch von kräftigem
und durch Beschwerden gestähltem, zähem Körper, war doch dem riesigen,
schon seiner Stärke wegen berühmten Räuber nicht gewachsen, und die List
für ihn der einzige Ausweg. Ehe er also auf das Haus, dessen Dach er
schon von Ferne durch die Büsche konnte schimmern sehen, zuging, setzte
er sich noch vorher auf einen dort umgestürzten, unfern von dem schmalen
Pfad liegenden Baumstamm, und überlegte vor allen Dingen, auf welche Art
er sich am glaubwürdigsten bei jenem Mr. Rodwell einführen könne.
Noch war er hierüber zu keinem festen Resultate gekommen, als er Stimmen
im Busch hörte, die allem Anscheine nach gerade vom Hause her den Pfad
entlang kamen. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, glitt er hinter
den ziemlich starken Gumstamm, auf dem er bis jetzt gesessen, und
erkannte wenige Minuten später einen Mann und eine Frau, die zusammen
langsam auf dem Pfad hinschritten. Ehe sie übrigens dicht zu ihm kamen,
blieben sie auf einer etwas lichten Stelle stehen und sprachen leise mit
einander. Tolmer horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, war aber
nicht im Stande, Alles zu verstehen, denn nur einzelne Worte und kurze
Sätze drangen bis zu ihm herüber.
»Es geht nicht,« sagte die Frau, »es geht wahrhaftig nicht -- was soll
aus dem Kinde werden?«
Dann wieder schien sie der Mann zu etwas überreden zu wollen, denn sie
sah vor sich nieder und schüttelte langsam, wie zweifelnd, den Kopf.
Es war ein junges, bildschönes Weib, in die einfache Tracht der
australischen Squatterfrauen gekleidet. Ihr Bonnet trug sie in der Hand,
und die vollen, lichtblonden Locken fielen ihr voll und reich um die
weiße, fast zu bleiche Stirn. Nur das Antlitz des Mannes, der ihr den
Rücken zukehrte, konnte er noch nicht erkennen. Dieser beugte sich nach
der Frau vor, und hielt eine ihrer Hände zwischen den seinigen.
»Halte nur Alles bereit,« sagte da endlich der Mann mit lauterer Stimme,
»ich komme jedenfalls, und Du sollst es nicht bereuen.« -- Er bog sich
zu ihr nieder und wandte sich dann rasch von ihr ab, den Pfad, den
Tolmer kurz vorher gekreuzt, zu verfolgen.
Die Frau blieb an der Stelle, wo er sie verlassen, noch eine
Weile stehen, Tolmers Augen aber hafteten auf dem jetzt an ihm
vorüberschreitenden Manne, den er auf den ersten Blick als den gesuchten
Räuber erkannte.
Gentleman John hatte sich allerdings seit jener Zeit, wo er ihn zuletzt
gesehen, sehr zu seinem Vortheil verändert. Er trug statt der früheren
Buschtracht seine Tuchkleider, einen feinen schwarzen Hut und einen
Spazierstock in der Hand, den Tolmer rasch als Degenstock erkannte. Auch
sein Gesicht sah voll und blühend aus und gab den Beweis, daß er von dem
geraubten Gelde vortrefflichen Gebrauch gemacht. Eine eigene Aufregung
schien sich aber seiner bemächtigt zu haben, seine Augen, mit denen
er rasch die Bahn vor sich überflog, leuchteten, und sein Schritt war
leicht und elastisch geworden. So eilte er, ohne den versteckten Feind
zu bemerken, schnell an Tolmer vorüber und war, ehe dieser nur zu einem
Entschluß kommen konnte, ob er ihm folgen solle oder nicht, bald in dem
dichten Busch der Waldung verschwunden.
Die Frau schaute ihm wie sinnend nach, so lange sie ihn sehen konnte,
und faltete dann die Hände, senkte das schöne Haupt und sah still und
schweigend viele Minuten lang vor sich nieder. Dann drehte sie sich um,
und schritt mit zögerndem Gang dem Hause wieder zu.
Tolmer wartete, bis sie dasselbe etwa erreicht haben konnte, und wollte
dann ebenfalls sein Versteck verlassen, als er vor sich, kaum zwanzig
Schritte entfernt, etwas in den Sträuchen rascheln hörte. Es konnte
ein Vogel oder auch ein Wallobi[9] sein, von denen es viele dort in der
Gegend gab; Tolmer aber war viel zu sehr Buschmann, auch das Geringste
unbeachtet zu lassen, und in seiner noch geschützten Stellung bleibend,
sah er vorsichtig eine Weile nach der Gegend hinüber, aus der er das
Geräusch zuerst gehört.
[9] Wallobi, kleine Art Känguruh.
Im Anfang war Alles wieder ruhig, dann erkannte er aber plötzlich, daß
sich da drüben ein schlanker Theebuschschößling bewege, als ob etwas
Schweres dagegen drücke, und wenige Secunden später entdeckte er
die dunkle Gestalt einer Eingeborenen, die, in einen langen
Opossumfellmantel gehüllt, aus dem gegenüberliegenden Dickicht trat.
-- Nur einen Blick warf sie nach der Richtung hinüber, in der die
Frau verschwunden war, dann folgte sie, die Augen fest auf den Boden
geheftet, den Schritten des weißen Mannes -- ihres Gatten.
Tolmer fühlte sich vollkommen überzeugt, daß sie keine Ahnung von seiner
Nähe gehabt, denn selbst wo sie seine Fährten kreuzte, wandte sie den
Kopf weder nach rechts, noch nach links hinüber, sondern schien nur das
eine Ziel im Auge zu behalten. Nichts desto weniger blieb er jetzt noch
eine geraume Zeit in seinem Versteck, um vollkommen sicher zu sein, daß
er keinen weiteren Lauscher mehr zu fürchten habe, und ging erst dann,
als er sich davon überzeugt, dem nicht mehr fernen Hause zu. Jetzt lag
ihm vor allen Dingen daran, Genaueres über jenen Burschen zu hören, und
die beste Quelle dafür schien ihm jene fremde Dame, die jedenfalls ein
näheres Interesse an ihm nahm.
Tolmer hatte erwartet, auf dem nächsten freien Platze eine der
gewöhnlichen Schafstationen mit Wohnhaus des Eigenthümers und einer
Anzahl daranstoßender Gebäude zu finden, und war eigentlich überrascht,
hier nur, als er die Lichtung betrat, ein einfach kleines, aber
unendlich sauberes und freundliches Häuschen vor sich zu sehen, das
mit zierlichem Giebeldach gebaut, von einem trefflich gehaltenen
Garten umgeben, in ein wahres Dickicht von Frucht- und Blütenbäumen
hineingeschmiegt lag. Reizend war dabei die Aussicht auf das offene
Meer, die =Investigator strait=, die hier die Insel von dem festen Lande
trennte, und bei klarem Wetter sogar die fernen Höhen desselben sichtbar
werden ließ, während hie und da ein weißes Segel auf der dunkelblauen,
leicht gekräußten Flut dem Bilde Leben und Bewegung gab.
Um das Haus selber rankte sich eine förmliche Wand von Passionsblumen
und andern blühenden Schlingpflanzen, an denen Australien so reich ist,
und blitzend und blank schauten daraus die kleinen aber hellen, inwendig
mit reinlichen Gardinen behangenen Fenster vor.
Tolmer zögerte fast den Platz zu betreten, so still und friedlich lag
die liebe Wohnung vor ihm da -- und sollte er da zuerst Mißtrauen und
Unheil säen? -- Bah -- die Gegend wollte er ja gerade von ihrer Pest
befreien, die Schlange aus dem Paradiese jagen, und gar willkommen mußte
da sein Fuß dem Boden sein.
Rasch und entschlossen wanderte er deshalb dem Hause zu, an dessen
Fenstern er vergebens die Gestalt der vorher im Busch gesehenen Frau zu
erspähen suchte, und klopfte, als er die Thür erreichte, leise an. --
Niemand antwortete ihm. Er klopfte lauter -- Alles blieb todtenstill
im Haus. Nichts desto weniger stand die Thür nur angelehnt, und er trat
endlich hinein, in der Hoffnung, doch jedenfalls irgend wen von der
Dienerschaft dort zu finden.
Im Vorsaal war Niemand, im nächsten unten gelegenen Zimmer aber hörte er
eine Kinderstimme, und da auch diese Thür nur angelehnt war, öffnete er
sie leise und sah hinein.
Mitten in dem kleinen, reinlichen Gemach stand ein Kinderbettchen, in
dem ein vielleicht jähriges Kind lag, auf dem Sopha aber in der Ecke,
das Antlitz in die Kissen gedrückt, das Bonnet neben sich am Boden, lag
die junge Frau regungslos wie eine Todte.
Tolmer trat erschreckt zurück -- er hatte nicht indiscret sein
wollen und kein Recht, sich dem geheimen Kummer einer Unglücklichen
aufzudrängen. Mit dem einen Ziel aber fest im Auge, konnte und durfte
er auch das Haus nicht wieder verlassen, ohne Näheres über jenen Mann
gehört zu haben, und leise nur wieder zurücktretend, daß die junge Frau
sich nicht bemerkt glauben durfte, machte er draußen lautes Geräusch
an der Hausthür, die er stark zuschlug, trat dann fest auf, den Vorsaal
entlang, und klopfte endlich an die Kammerthür.
»Wer ist da?« rief in demselben Augenblick eine ängstlich erschreckte
Stimme, und zugleich öffnete sich die Thür, in der dem sonst ziemlich
kalten Polizeimann das reizendste Wesen entgegentrat, daß er je gesehen
zu haben glaubte. Er brachte auch im Anfang wirklich nicht ein Wort
über die Lippen, und fing schon an, sich selber zu ärgern, als die junge
Frau, die sich zuerst gesammelt, ruhig fragte:
»Was steht zu Ihren Diensten und wen suchen Sie?«
»Mr. Rodwell,« erwiderte da Tolmer, rasch gefaßt, »hab' ich vielleicht
das Vergnügen Mrs. Rodwell vor mir zu sehen?«
Die Frau neigte leise ihr Haupt, ohne ein Wort weiter zu erwidern, aber
ihr Blick flog indessen forschend über des Fremden Züge. Wer war er, und
wo kam er so plötzlich her? --
»Und können Sie mir sagen, wo und wann ich vielleicht Mr. Rodwell
treffen möchte?«
»Ich weiß es nicht,« erwiderte die Frau, und Tolmer kam es vor, als ob
sich die bleichen Wangen etwas rötheten, »er ist nach Adelaide gefahren
und ich erwarte ihn erst morgen oder übermorgen wieder zurück.«
»S--o?« sagte Tolmer, indem er fest dem auf ihm haftenden Blick
begegnete, bis die Frau den ihrigen zu Boden schlug.
»Haben Sie Geschäfte mit ihm?« frug diese endlich, die sich gewaltsam zu
sammeln schien.
»Ja und Nein,« erwiderte der Polizeimann ruhig. »Ich suche eigentlich
nur ein paar Stiere, die mir vom Südufer der Insel fortgelaufen sind
und den Busch angenommen haben, und wollte ihn fragen, ob er nichts von
ihnen hier gesehen. Doch die Frage kann mir jeder Andere wohl ebenfalls
beantworten, und irgend einer Ihrer Leute oder Nachbarn wird mir gewiß
darüber Auskunft geben.«
»Unsere beiden Arbeiter sind im Feld,« erwiderte Mrs. Rodwell, »wenn Sie
sich vielleicht dorthin bemühen wollten.«
»Ihr nächster Nachbar wohnt wohl nach Westen zu?« frug Tolmer.
»Nach Westen zu -- wie so?«
»Ach, ich meine nur -- ich sah die frischen Spuren eines europäischen
Stiefels dort im Pfad. Wie weit ist es in der Richtung bis zum nächsten
Haus?«
»Eine nicht unbedeutende Strecke,« erwiderte Mrs. Rodwell, und wieder
entging es dem scharfen Blick des Polizeibeamten nicht, daß eine leichte
Röthe ihr Antlitz, wenn auch nur momentan, überflog. »Aber selbst von
dort her kommen sie manchmal verloren gegangenes Vieh zu suchen.«
»Ja -- kann ich mir denken,« sagte Tolmer nachdenkend, »hm, da war
der, von dem ich die Spuren gesehen, wohl gar am Ende auch in solchen
Geschäften aus, und könnte mir die beste Kunde geben. Kennen Sie ihn,
Madame, und haben Sie gesehen wer es war?«
»Ich? -- nein,« sagte die Frau ruhig -- »er war nicht hier im Haus.«
»Dann bitte, entschuldigen Sie, daß ich hier so ohne Weiteres
eingebrochen bin,« sagte Tolmer, sich leicht verbeugend. Er wußte
jetzt genug, und war überzeugt, daß die Frau, die selbst ableugnete
den Fremden gesehen zu haben, ihm nie einen weiteren Aufschluß über
denselben geben würde. Wenige Minuten später schritt er wieder langsam
durch den kleinen, mit sorgsamer Hand angelegten Garten einem anderen,
zu dem Haus gehörenden Gebäude zu, das zu Ställen und Vorrathskammern zu
dienen schien, und wo er einen Arbeiter beschäftigt sah, einen kleinen
Wagen auszubessern.
Der Polizeimann hatte erst von diesem weitere Erkundigungen einziehen
wollen, aber das Gesicht des Mannes gefiel ihm nicht. Der Bursche
gehörte jedenfalls zu der damaligen Hauptbevölkerung Australiens, der
der entlassenen oder beurlaubten Sträflinge, und einem solchen durfte
er nicht ahnen lassen, was er hier suche. Deshalb seinen Vorwand
beibehaltend, sich nach entlaufenem Vieh zu erkundigen, frug er nur
oberflächlich nach der dortigen Nachbarschaft, und denen, die den Platz
zu Zeiten besuchten. Er bekam aber auch hier nur ausweichende Antworten,
denn Bradley, so hieß der Bursche -- war in der That einer der wenigen
mit Gentleman John entkommenen Verbrecher, der sich hier als =groom=
verdungen hatte, seine Zeit abzuwarten. Tolmer schöpfte aber erst
dann Verdacht gegen ihn selber, als er die angeblich gesuchten, in
Wirklichkeit gar nicht existirenden Zugstiere, genau so wie er sie auf
gut Glück beschrieb, vor einigen Tagen an der _Ost_spitze der Insel
gesehen haben wollte. Gentleman John war in _westlicher_ Richtung
fortgegangen.
Der schlaue Polizeibeamte ließ sich jedoch nicht das Geringste merken,
dankte für die Auskunft und verließ, der bezeichneten Richtung folgend,
den Platz. Sein Boot lag in der Wegranbay, und er war fest entschlossen,
ohne hier weiter einen Augenblick Zeit zu versäumen, so rasch als irgend
möglich nach Adelaide zurückzukehren.
* * * * *
In der Hauptstadt Südaustraliens glücklich angelangt, stattete er
augenblicklich dem Gouverneur Bericht ab, und dieser war gern bereit,
ihm ein Detachement Militär mitzugeben, die flüchtigen Verbrecher
aufzuheben. Tolmer dagegen erbat sich Freiwillige, denn er wußte recht
gut, mit welchem Feind er es hier zu thun bekam, und daß der in die
Enge getriebene Buschrähndscher wie ein Verzweifelter sich wehren
würde. Außerdem kannte er die Hülfsquellen nicht, die ihm dort zu Gebote
standen, und ob sich im Innern der wilden Insel nicht am Ende noch eine
größere Zahl von Verbrechern versteckt hielt, als er jetzt vermuthen
konnte.
Zu groß durfte er seine Schaar aber auch nicht wählen, denn immer
noch mehr hoffte er von der List als von Gewalt, und als sich zwanzig
zuverlässige Leute gemeldet hatten, nahm er noch seinen Sergeanten,
einen gewissen Morris dazu, und ließ die Mannschaft auf zwei ihm von der
Regierung überlassenen Booten sich nach der Känguruhinsel einschiffen.
Tolmer wollte seine Leute südlich von Cap Borda landen lassen, von dort
aus dann seine weiteren Anordnungen zu treffen. Er hatte ihre Abfahrt
auch so viel als möglich beeilt, da er herausbekommen, daß allerdings
vor einigen Tagen ein Schooner in Adelaide angekauft und, nach Cap Borda
bestimmt, abgegangen sei. Das mußte derselbe sein, auf dem Gentleman
John seine Flucht bewerkstelligen wollte, und dem zuvorzukommen hatte er
keine Minute Zeit mehr zu versäumen.
Die Boote lagen im Adelaide-Port mit Wasser und Provisionen versehen,
und Tolmer, der eben seine letzten Instructionen und Vollmachten
eingeholt, ging am Werft entlang, wo weiter unten sein Sergeant noch auf
ihn wartete.
Wenig achtete er dabei auf die Menschen umher, denen er begegnete, oder
die er überholte, er war zu viel mit seinen eigenen Gedanken und Plänen
beschäftigt, als ihn plötzlich ein laut gerufener Name aufmerksam
machte.
»Mr. Rodwell!« rief eine feine Stimme hinter einem dicht vor ihm
hinschreitenden Manne her, der ein langes Teleskop umgehängt, sich nach
dem Rufe umdrehte. Es war eine hohe, männliche Gestalt, mit blondem,
gelocktem Haar, blauen Augen und unendlich gutmüthigen, offenen
Zügen. Als Tolmer an ihm vorüberschritt, hatte ihn der kleine, ihm
nachgelaufene Bursch erreicht und brachte ihm eine Cigarrentasche, die
er im Hotel hatte liegen lassen. Rodwell dankte ihm lächelnd und gab dem
darüber sehr vergnügten Burschen eine kleine Münze, steckte die Tasche
ein und verfolgte seinen Weg.
Rodwell hieß, wie Tolmer sich recht gut gemerkt, der Mann auf der
Känguruh-Insel, dem das freundliche Haus und die schöne Frau gehörte,
und er beschloß, Näheres von ihm und seinen nächsten Plänen zu hören,
ehe er ihn wieder aus den Augen ließ.
Rodwell blieb endlich dicht an einer der schmalen Landungstreppen
stehen, und der Polizeibeamte sah, daß ein Boot mit zusammengerolltem
Segel und eingelegten Rudern dort augenscheinlich auf ihn zu warten
schien.
»Guter Wind heute für eine Spazierfahrt, Sir,« redete er denn auch ohne
Weiteres den Fremden an, »muß sich prachtvoll draußen segeln bei der
Brise.«
»Denke ja,« erwiderte Rodwell, sich lächelnd zu ihm wendend, »aber ich
will nicht spazieren fahren, sondern ich kehre nach Haus zurück.«
»Ah so, -- haben wohl Ihre Station hier irgendwo an der Küste.«
»Auf Känguruh-Eiland.«
»Ah, da drüben -- ist ein famoser Platz -- war auch vor kurzer Zeit in
Geschäften dort, und bin ebenfalls wieder im Begriff hinüber zu fahren.«
»In der That? dann können wir vielleicht zusammen segeln,« lachte
Rodwell, »aber -- mein kleines Boot ist ein Klipper und springt bei
einer frischen Brise nur so über das Wasser hin. Nicht alle Boote können
Schritt mit ihm halten.«
»Hm,« sagte Tolmer, dem auf einmal ein neuer Gedanke durchs Hirn zuckte,
»ich wollte nur, ich hätte ein Boot, mit Euch wett zu fahren, aber ich
weiß noch nicht einmal, wie ich hinüber kommen soll. Bin eben nur an das
Werft hier herunter gegangen, zu sehen, ob ich mir irgend ein kleines
Fahrzeug miethen könnte. Die Leute wissen aber wahrhaftig gar nicht,
was sie fordern sollen, und liegen lieber müßig am Strand, ehe sie einen
armen Teufel für einen mäßigen Preis hinüberschafften.«
»Dann fahrt mit mir,« sagte Rodwell gutmüthig, »ich habe vollauf Platz
im Boote, und Ihr sollt einmal sehen, wie wir hinüberschießen. Nach
welcher Stelle der Insel wollt Ihr?«
»O das bleibt sich gleich. Wenn ich nur dort erst einmal festen Boden
unter mir habe, komm' ich schon wohin ich will. -- Und Ihr würdet mich
wirklich mitnehmen?«
»Mit Vergnügen,« lautete die freundliche Antwort, »schafft aber dann nur
Euer Gepäck so rasch als möglich hier herunter.«
»Das soll bald geschehen sein,« lachte Tolmer, »und schwer wird es Euer
Boot auch nicht machen. Ich habe meine wenigen Sachen gleich dort unten
liegen, und wenn Ihr nur ein paar Minuten auf mich warten wollt, bin ich
gleich wieder da.«
Rodwell nickte ihm lächelnd zu und Tolmer eilte jetzt, so rasch ihn
seine Füße trugen, den eigenen, schon seiner harrenden Booten zu. Hier
gab er Borris die nöthigen Befehle, südlich von Cap Borda, an einer
genau von ihm bezeichneten Stelle zu landen, und dort vor allen Dingen
auszukundschaften, ob der Schooner angelangt sei, und wann er in See
gehen würde. Bis er selber wieder zu ihnen stieß, hatten sie Nichts zu
thun, als dessen Abfahrt zu hindern; selbst mit Gewalt, wenn es nicht
anders möglich wäre.
Tolmer selber hoffte dagegen im Point Marsden auf die Spur des
Buschrähndschers zu kommen, der, wie er vermuthete, die Abwesenheit
seines jetzigen Reisegefährten wohl nach Kräften für seine eigenen
Zwecke benutzen würde. Was lag dem gewissenlosen Räuber an der Ruhe
und dem Glück zweier Menschen. War er übrigens auch dort nicht mehr zu
finden, so konnte er mit seinen Zurüstungen für eine längere Seefahrt
unmöglich so rasch fertig werden, und war leicht an Ort und Stelle zu
überholen. Uebrigens glaubte Tolmer, daß er den Burschen, nach dem, was
er damals belauscht, wohl noch an Point Marsden finden werde, wo er denn
seine ferneren Pläne formen mußte. War dem Räuber doch durch seine
Leute die Flucht abgeschnitten, und einmal _mußte_ er ihm dort wieder
begegnen.
Rasch packte er jetzt nur etwas Wäsche und seine alten Buschkleider mit
ein paar guten, doppelläufigen Pistolen in ein Packet, und eilte damit
zu seinem neuen Reisegefährten zurück. Dieser hatte ihn, langsam dabei
am Werft hin und her schlendernd, geduldig erwartet und erst als er ihn
kommen sah, stieg er, ihm zunickend, die zu seinem Boot führende Treppe
nieder.
Außer ihm saß noch ein seemännisch aussehender Bursche im Boot, der das
eine Ruder nahm, während Rodwell das andere aufgriff.
»Könnt Ihr steuern?« rief er, als Tolmer sie erreichte, diesem zu.
»Gewiß -- aber wollt Ihr mich nicht rudern lassen?«
»Ist nicht nöthig; sobald wir ein Stück draußen im Kanal sind, können
wir doch unser Segel setzen. Nehmt nur Eueren Platz am Steuer, und führt
uns hier zwischen all den Fahrzeugen durch. Erst einmal freie See, und
wir fliegen nur so hinüber.«
Es wurde von jetzt ab nicht mehr zwischen den Männern gesprochen, als
nöthig war, die Richtung und Bewegung des kleinen flüchtigen Bootes zu
bestimmen. Das Fahrwasser, in dem sie sich befanden, erforderte übrigens
ihre ganze Aufmerksamkeit, denn von Port Adelaide ab mußten sie vorerst
einem langen, schmalen Seearm folgen, der sich herüber und hinüber wand,
ehe sie die offene See erreichen konnten. Die Seeleute sagen auch nicht
mit Unrecht, daß ein Schiff den Wind erst um den ganzen Compaß herum
haben müsse, ehe es von dort auslaufen könne, und für große Fahrzeuge
sind oft viele Tage nöthig, bis sie das Meer gewinnen können. Wo aber
das kleine, trefflich gebaute Boot nur eine »Mütze voll Wind« erfassen
konnte, setzten sie die Segel, und bald hinüber und herüberkreuzend,
bald vor der Brise dahinschießend, dann und wann aber auch wieder
genöthigt zu den Rudern zu greifen, passirten sie endlich die
Torrens-Insel, umsegelten die nordwärts auflaufende Spitze des letzten
festen Landes, und steuerten mit einer frischen Nordwestbrise an der
Küste südlich nieder, der etwa von da noch 15 deutsche Meilen entfernten
Känguruh-Insel zu.
Erst einmal draußen in freiem Wasser hatte der Bootsmann seinen Platz
im Bug vorn eingenommen, während sich Rodwell in die Spiegel des
Bootes neben Tolmer setzte. In der ersten Zeit war er allerdings noch
schweigsam, und schaute fortwährend nur nach Süden hinunter, wo sie
in grauer Ferne vor sich Cap Jervis konnten seine blaue Landspitze
vorstrecken sehen. Da plötzlich sprang er von seinem Sitz auf und vorn
auf die Bank, durch die ihr kleiner Mast befestigt war und rief, seinen
Strohhut dem fernen Süden fröhlich entgegen schwenkend:
»Land! -- dort hinten, Fremder, liegt meine liebe alte Insel -- liegt
meine Heimat, liegt Alles, was ich mein Eigen nenne, und was mich zum
glücklichsten Menschen macht, von den blauen rollenden Wogen umschäumt,
und wie unser Boot auch rasch und fröhlich über die Flut dahinzischt,
könnte meine Sehnsucht es treiben, es ließe selber die flüchtige Möve
weit hinter sich zurück.«
»Euere _Heimat_,« sagte Tolmer, dem ein eigen wehmüthiges Gefühl die
Brust zusammenzog -- »ja, wohl dem, der eine glückliche Heimat sein
Eigen nennen darf. Ich ahne, wie wohl uns darinnen sein muß, obgleich
ich selber das Gefühl nicht kenne.«
»Ihr seid nicht verheirathet, Fremder?« frug Rodwell mit fast
mitleidigem Tone seinen Reisegefährten.
»Nein,« sagte Tolmer seufzend, »und Ihr wißt, welch' ein rastlos wildes,
ungeregeltes Leben ein Junggeselle in den Colonien führen muß. Wäre
uns nicht aus unserer Jugend noch die Erinnerung an den Segen
stillen Familienglücks geblieben, man möchte manchmal wahrlich fast
verzweifeln.«
»Ich zeig' Euch _meine_ Heimat,« sagte Rodwell, und seine Augen
leuchteten, als er an den stillen Frieden seines eigenen kleinen Herdes
dachte, dem er mit frisch geblähtem Segel jetzt entgegenstrebte. »Grad'
da vor uns taucht Point Marsden auf, und einen lieberen, freundlicheren
Platz, als dort zwischen den schattigen Fruchtbäumen und blühenden
Büschen liegt, gibt es nicht mehr auf der weiten Gottes Welt. Es ist für
mich ein wahres und wirkliches Paradies.«
»Dann halte Euch Gott nur auch die Schlange daraus fern,« sagte Tolmer
leise.
Rodwell sah sich rasch und fast erschreckt nach ihm um; sich dann aber
mit fröhlichem Kopfschütteln die Locken aus der Stirne werfend, sagte er
guten Muths, doch mit herzlicher, fast bewegter Stimme:
»Das wird er auch, Fremder, denn wo zwei gute Menschen Hand in Hand und
fest zusammen stehen, da findet die Schlange keinen Boden für sich, und
muß weichen. Aber --« setzte er, seinen Begleiter mit scharfem Blick
fixirend hinzu -- »was seht Ihr mich so sonderbar an? -- _kennt_ Ihr
meine Heimat und -- Ihr waret schon auf Känguruh-Eiland?«
»Ja -- schon mehrere Mal,« lautete Tolmers ruhige Antwort, »aber immer
nur auf sehr kurze Zeit. Doch -- was ich Euch fragen wollte -- Ihr habt
wohl eine Station auf Marsden Point?«
»Nein -- nur ein Haus, das ich mir selbst gebaut, und ein paar Gespann
Pferde,« sagte Rodwell, leicht beruhigt. »Ich bin Zimmermann, meinem
Geschäfte nach, und bin auch besonders damit beschäftigt, Nutzholz zu
fällen und zuzuhauen und an den Strand zu schaffen, wo ich es den für
fremde Häfen bestimmten Schiffen gut verkaufen kann. Auch Fuhren für die
Stationshalter hab' ich gethan, theils in meinem Boot, theils mit meinem
Geschirr, und stehe mich gut dabei. Von jetzt ab will ich aber zu Hause
bleiben, und meine Fahrt nach Adelaide hatte eben zum Zwecke, nur eine
kleine Heerde Schafe und Rinder zu kaufen, mit denen ich beginnen kann
Viehzucht zu treiben, wie ein wirklicher Squatter. Ich habe das unruhige
Leben satt und will mein Weib und Kind nicht mehr so lange allein
lassen.«
»Daran thut Ihr wohl,« sagte Tolmer, »Australien ist dafür ein
gefährlich Land, und eine Unzahl Menschen streifen darin frei umher, die
in andern Gegenden vorsichtig in Ketten und Banden gehalten würden.«
»Dort drüben wohl kaum,« lachte Rodwell. »Derlei Gesindel hat uns die
See bis jetzt ziemlich vom Leibe gehalten. Außerdem scheint es auch,
als ob sich in neuerer Zeit doch mehrere reiche Einwanderer auf unserer
kleinen Insel niederlassen wollten, die der Vortheile manche bietet, und
das vermehrt denn nur natürlich unsere Sicherheit.«
»Haben sich neuerdings Fremde dort niedergelassen?« frug Tolmer
gleichgültig.
»Allerdings,« erwiderte Rodwell. »Die Zeit wird gar nicht mehr so fern
liegen, daß wir eine ordentliche Stadt dort drüben gründen, und da uns
weder Buschrähndscher noch Schwarze etwas zu schaffen machen, dürfen wir
die beste Hoffnung hegen, freie Einwanderer hinüber zu ziehen.«
»Eine Stadt? -- das möchte doch wohl noch eine Weile dauern.«
»Und weßhalb?« rief Rodwell. »So hat sich erst ganz kürzlich ein
höchst liebenswürdiger und gebildeter Mann, ein Capitän Howitt bei uns
eingefunden, der ein großes Handelshaus dort etabliren will. Mit solchem
Anfang findet sich die Stadt von selbst, denn Eines zieht dabei das
Andere nach.«
»Ein Capitän Howitt?« frug Tolmer, »der Name ist mir bekannt.«
»Wohl möglich; er gehört einer alten und geachteten Familie in England
an, und der Capitän selber, der Australien schon nach allen Richtungen
durchreist und das Land aus dem Grunde kennt, ist jedenfalls der Mann
dazu, ein derartiges Unternehmen im Großen durchzuführen.«
»Kennen Sie ihn genauer?« sagte Tolmer, und bereute auch schon im
nächsten Augenblick, die Frage gethan zu haben, denn der vorn im Boot
sitzende Matrose wandte rasch den Kopf nach ihm um, und schien ihn
scharf und forschend zu betrachten.
»Genauer gerade nicht,« meinte Rodwell, »aber er hat etwas in seinem
ganzen Wesen, das für ihn einnimmt -- etwas Festes, Entschlossenes
in seinem Blick, und solche Leute können wir im Lande brauchen. Die
weichen, zaghaften Menschen passen nicht in unseren Busch.«
Tolmer schwieg. So gern er den Mann vor jenem gefährlichen Verbrecher
gewarnt hätte, durfte er es in Gegenwart des Dritten nicht wagen, von
dem er ja nicht wußte, ob er ihm trauen könne. Am Lande fand sich
dazu vielleicht eher Gelegenheit. Jedenfalls hatte er genug von seinem
Reisegefährten gesehen, von dessen Ehrlichkeit überzeugt zu sein, und
diesem selber mußte denn ja daran liegen, den gefährlichen Menschen
sobald als irgend möglich unschädlich gemacht zu sehen.
Rasch verfolgte indessen das Boot seine Bahn. Immer höher und deutlicher
tauchte das ferne Land der Känguruh-Insel aus dem Meere auf, und schon
konnten sie die einzelnen Vorsprünge, ja bald darauf den Busch und die
daraus hervorragenden höheren Bäume erkennen.
Die Brise ließ gerade jetzt ein wenig nach, und Rodwell verging fast vor
Ungeduld, daß das Boot nicht mehr so flüchtig vorwärts schoß. Bald aber
blähte sich das Segel wieder voll dem Wind, und als die Sonne sank und
Nacht das Meer deckte, waren sie dem Lande nahe genug gekommen, ihre
Bahn trotz der Dunkelheit fortzusetzen. Rodwell kannte hier überhaupt
jeden Vorsprung der Küste, jede Klippe, und steuerte den schlanken Kahn
mit sicherer Hand dem alten gewohnten Landungsplatze zu.
»So, und nun kommt, Fremder -- ich habe Euch noch nicht einmal nach
Euerem Namen gefragt,« sagte er, als er mit leichtem Schritt an Land
sprang, es dem Matrosen überlassend, das Boot auf der gewöhnlichen
Stelle in Sicherheit zu bringen, und Segel und Ruder zu bergen.
»Barner heiß ich,« sagte Tolmer, ihm etwas langsamer folgend, denn er
wollte sich durch seinen ziemlich bekannten Namen nicht vor der Zeit
verrathen.
»Gut denn, Mr. Barner,« sagte Rodwell freundlich, »die Nacht müßt Ihr
nun ohnehin mein Gast bleiben, da die Häuser in meiner Nachbarschaft
noch gar spärlich gesäet sind, und morgen bleibt Euch Zeit genug, den
Wanderstab zu setzen, wohin es Euch beliebt.«
»Und ist hier Euer Haus?« frug Tolmer, der sich in der Dunkelheit nicht
zurecht fand.
»Gleich da drüben, hinter den einzelnen Bäumen, die Ihr dort gegen den
helleren Himmel könnt abstechen sehen. Eigentlich müßten wir von hier
aus schon das Licht im Innern erkennen können, aber meine Frau hat mich
gewiß heute noch nicht erwartet.«
Er war, während er sprach, auf den bekannten Pfaden so rasch vorwärts
geschritten, daß ihm Tolmer kaum zu folgen vermochte. Jetzt hatten
sie die Gartenthür erreicht, aber auch diese war ungewohnter Weise
verschlossen. Rodwell hob indeß die leichte Gatterthür aus den Angeln
und führte seinen Begleiter den breiten kiesigen Gartenpfad entlang
dem Hause zu, daß sie jetzt mit seinen dunklen Umrissen dicht vor sich
erkennen konnten.
Hier hatten sie bald die Hausthür erreicht, an die Rodwell dreimal leise
anklopfte. -- Niemand antwortete ihm. Er klopfte stärker -- Alles blieb
todtenstill im Haus; kein Licht erschien, kein Schritt wurde laut.
»Sie kann doch noch nicht schlafen,« murmelte Rodwell vor sich hin, »es
ist kaum acht Uhr --« und lauter, kräftiger schlug er gegen die Thür,
daß es durch das ganze Haus dröhnte. -- Umsonst. Im Haus rührte und
regte sich Nichts.
Rodwell sprach kein Wort. Still und regungslos stand er an seiner
eigenen Thür -- an der Schwelle seines Paradieses, und wie die Ahnung
etwas Entsetzlichen griff es ihm in die Seele und machte sein Blut in
den Adern stocken.
Da knarrte im obern Stock, gerade über der Thür, ein Fenster, und eine
ängstliche Frauenstimme rief von oben nieder:
»Wer ist da? -- Sind Sie es, Master?«
»Betsey!« rief Rodwell, und holte tief Athem -- es war ihm, als ob
sich eine Centnerlast von seiner Seele wälze. »Oeffnet denn Niemand, und
schläft mein Weib und Kind schon so fest, daß sie mich gar nicht hören?«
»Ich komme gleich hinunter und mache die Thür auf,« sagte das Mädchen
und verschwand vom Fenster.
Die beiden Männer wechselten indessen kein Wort mit einander. Mit fast
krampfhaftem Griff hielt Rodwell die Klinke fest in seiner Hand, bis
sie im Haus die Schritte des Mädchens hörten, das langsam die
Treppe herunter kam, und jetzt innen die beiden Riegel von der Thür
zurückschob. Jetzt steckte sie den Schlüssel ein und schloß auf, und im
nächsten Augenblick stand ihr Rodwell gegenüber.
»Ach du mein lieber Gott!« rief da das Mädchen, während ihr die
Thränen aus den Augen stürzten, »ich kann ja nichts dafür -- ich bin
ja wahrhaftig unschuldig, wenn ich es mir auch gedacht habe, daß das
Unglück noch geschehen würde.«
Rodwell war leichenblaß geworden. Er zitterte so, daß er sich an Tolmer
halten mußte, nicht umzusinken. Nur sein stierer Blick bohrte sich an
dem Mädchen fest, das ihr Antlitz in den Händen barg und laut und heftig
schluchzte.
»Was ist vorgefallen, Betsey?« sagte er endlich mit leiser, vollkommen
tonloser Stimme -- »wo ist -- mein Weib -- mein -- Kind?«
»_Fort_!« stöhnte da das Mädchen, »oh du lieber Gott, fort -- fort --
Beide!«
»Die Schlange!« hauchte Rodwell, und Tolmer sprang zu und hielt ihn,
denn er sah, wie der starke Mann in die Knie brach, und glaubte, daß
er zu Boden stürzen würde. Aber der Unglückliche raffte sich mit
fast übermenschlicher Kraftanstrengung wieder empor, und Tolmers Arm
ergreifend, schritt er mit diesem langsam seiner eigenen Stube -- der
seines Weibes zu.
Langsam und nur zögernd folgte das Mädchen den beiden Männern mit
dem Lichte, und Rodwell's umherschweifender Blick hatte rasch auf dem
dunklen Tisch ein kleines zusammengefaltetes Billet erkannt. Er nahm
es hastig auf und wollte es erbrechen, hielt aber plötzlich wieder an,
legte es auf den Tisch, und sich daneben in das Sopha werfend, sagte er
mit ruhiger, fester Stimme:
»Erzähle mir, was hier vorgefallen ist, Betsey. Ich brauche Dich nicht
zu ermahnen, mir die lautere Wahrheit zu sagen. Wenn Du einst selig zu
werden hoffst, sprich und mache mich mit _Allem_ bekannt, und sei es das
Schrecklichste.«
Das Mädchen konnte vor heftigem Schluchzen kaum reden, nach und nach
aber brachte Tolmer, der seine ganze Ruhe behielt, und von Anfang an
schon ziemlich ahnte, was hier vorgegangen, Alles, wenigstens was Betsey
wußte, aus ihr heraus.
Capitain Howitt -- Rodwell griff bei dem Namen fest und krampfhaft in
die Lehne des Sophas -- war während seiner Abwesenheit oft -- alle
Tage im Haus gewesen -- zu früher und später Stunde, und hatte viel und
heimlich mit »Mistreß« gesprochen. Wenn er fort war, hatte Mrs. Rodwell
manchmal geweint, aber er sei immer wieder gekommen, und gestern Abend
seien sie mitsammen im Garten spazieren gegangen. Gestern Abend sei auch
der Capitain zum ersten Mal in einem Boot gekommen, und Mrs. Rodwell
habe gesagt, sie wolle ein wenig damit in die Bay hinausfahren. Sie --
Betsey -- habe das nicht zugeben wollen, und gemeint, es sei schon zu
spät, Mistreß aber wäre darauf bestanden, und mit dem Kind im Arme
und Capitain Howitt an der Seite in das Boot gestiegen. Wie sie darin
gewesen, habe die Mistreß noch eine Flasche Milch für das Kind verlangt,
wenn es etwa unruhig werden solle, dann seien sie mit Mr. Rodwell's
Knecht, der sonst die Pferde besorgt, hinaus in die See gefahren --
immer weiter, bis es dunkel geworden und sie das Boot nicht mehr habe
erkennen können. Dann sei sie aufgeblieben und habe bis zwölf Uhr in der
Nacht gewartet, daß sie zurückkehren sollten -- aber sie kamen nicht --
weder Frau noch Kind kehrten zurück, und als sie im Zimmer das Briefchen
an den Herrn da auf dem Tische gesehen, da habe sie auch das Schlimmste
schon gewußt, und sich die Augen fast aus dem Kopf geweint vor Scham und
Weh.
»Es ist gut, Betsey,« sagte da Rodwell, und winkte ihr mit der Hand,
hinauszugehen. »Zünde das Licht dort drüben an und laß uns dann allein.«
»Welche Richtung nahm das Boot?« frug Tolmer, während das Mädchen dem
Befehl gehorchte.
»Gerade fort am Ufer nach dem festen Lande zu,« lautete die Antwort, und
froh, keiner weiteren Rede mehr stehen zu müssen, verließ das Mädchen
rasch das Zimmer, riegelte die Hausthür wieder zu und stieg in ihre
eigene Kammer hinauf.
Rodwell stand indessen von seinem Sitze wieder auf, erbrach den Brief,
trat damit zum Licht und überflog mit stierem Blick die Zeilen.
»Da nehmt und les't,« sagte er endlich, als er wieder und wieder
hineingesehen und immer noch das verhängnißvolle Blatt nicht aus der
Hand legen wollte. »Nehmt nur, Kamerad, und seht auch meine Schande da
Schwarz auf Weiß. Das Schlimmste wißt Ihr doch, und da Euch Gott einmal
in dieser schweren Stunde zu meinem Vertrauten gemacht, erfahrt auch das
Andere. Vielleicht gebrauch' ich ohnedies Euren Rath -- Eure Hülfe.«
Tolmer nahm den Brief und las:
»Charles, verzeihe Deinem treulosen Weib. Ein dunkles Verhängniß zwingt
mich, den Frieden Deiner Schwelle, deren Segen ich nicht mehr verdiene,
zu meiden. Ich bin namenlos unglücklich, und doch nicht im Stande, von
dem Manne zu lassen, der meine Seele mit magischer Gewalt umstrickt hat.
Du siehst mich nie wieder. Versuche nicht, uns zu folgen. Von dem
festen Lande aus schiffen wir uns nach dem Continent ein. Versage Deinem
unglücklichen Kinde den väterlichen Segen nicht, und möge die Zeit einst
kommen, wo Du nicht mehr mit Haß und Bitterkeit derer gedenkst, die sich
einst so glücklich an Deiner Seite fühlte --