In früheren Jahren war Australien nichts, als eine Verbrecher-Colonie,
und immer neue Schiffsladungen voll Missethäter wurden von England aus
hinübergeschickt. Zugleich aber gingen auch einzelne _freie_ Ansiedler
mit in das ferne Land, die sich, unbekümmert um das rohe Gesindel umher,
bleibend da niederließen und Ackerbau oder meist Viehzucht trieben. Ihr
Leben dort verlief aber nicht so glatt und einförmig, wie das jetzt wohl
der Fall ist, wo sie sich um wenig mehr, als ihre Felder und Heerden, zu
kümmern haben.
Auch die Polizei -- obgleich sie in Australien selbst heute noch nicht
ruhen darf -- hatte mehr zu thun, als die unsrige -- wenn ich auch
nicht sagen will, daß sie sich mehr beschäftigte -- und die kühnsten und
unternehmendsten Leute wurden ihr eingereiht. Es galt aber auch damals
nicht nur nächtlichen und scheuen Dieben aufzulauern, sondern oft den
entsprungenen und zur Verzweiflung getriebenen Sträflingen draußen im
Freien zu begegnen, und in dem weiten, wilden Lande gehörte dazu nicht
allein eine zähe Ausdauer, sondern auch ein fester Muth, der vor keiner
Gefahr zurückbebte.
Die Polizei war deshalb auch -- und ist es dort bis auf den heutigen Tag
-- militairisch organisirt, und die Polizeiofficiere hatten vollkommen
freie Hand, nach eigenem Gutdünken mit hinreichender Mannschaft oft gar
nicht unbedeutende Streifzüge zu unternehmen. Man mußte sie eben von
leeren Förmlichkeiten entbinden, um ihr freie Hand zu lassen, dem
Augenblicke nach zu handeln; denn wie häufig kam es gerade vor, daß
der Augenblick eben erfordert wurde, einen entscheidenden Streich gegen
irgend eine der im Walde zerstreuten Banden entflohener Verbrecher zu
unternehmen.
Unter diesen Polizeileuten zeichnete sich besonders ein gewisser
_Tolmer_ aus, der noch jetzt im Adelaide-District lebt und thätig ist.
Nicht allein keck jeder Gefahr entgegengehend, die sich ihm in den Weg
stellte, hatte er auch in dem Buschleben mit Schwarzen und Verbrechern
eine Menge werthvolle Erfahrungen gesammelt, und wo ein schwieriges
Unternehmen ausgeführt werden sollte, wo irgend ein verzweifelter
Bursche verschwunden blieb und nun durch neue Verbrechen dafür sorgte,
daß sein Andenken nicht ganz erlosch, da wurde gewöhnlich der damalige
Polizeisergeant Tolmer abgeschickt, ihn aufzuspüren. Wenn es irgend
möglich war, führte _der_ seinen Auftrag aus.
In Adelaide, oder wenigstens in der Nachbarschaft, hatte ich das
Vergnügen, mit Mr. Tolmer bekannt zu werden, und die nachfolgenden
Skizzen eines abenteuerlichen Zuges, den er einmal nach einer unsern
dem australischen Festlande liegenden Insel unternahm, und der ihn zum
Lieutenant beförderte, habe ich aus seinem eigenen Munde. -- Ich will
versuchen, es so treu als möglich wiederzugeben.
Schon vor längerer Zeit waren ein paar lebenslänglich verurtheilte
Deportirte aus dem Gefängnisse ausgebrochen und in den »Busch« geflohen.
Anstatt aber allein darin umherzuwandern, wo sie sich gewöhnlich nicht
lange halten konnten, ging das Gerücht, sie hätten sich einem Stamme der
Schwarzen angeschlossen und hälfen diesem, die benachbarten und in ihrem
Bereiche liegenden Stationen belästigen.
Berittene Polizei wurde augenblicklich dorthin beordert, und es gelang
dieser auch, den bezeichneten Stamm Eingeborener aufzufinden und zu
zerstreuen, aber von den weißen, sogenannten Buschrähndschern[1] fand
sich keiner bei ihnen vor. Die Burschen hatten sich jedenfalls, als sie
merkten, daß ihr Aufenthalt bei den Schwarzen nicht mehr gesichert
war, irgend wo anders hingewandt, und ein volles Jahr lang blieb jeder
Versuch, sie wieder aufzufinden, vergeblich.
[1] =Bush-ranger= werden in Australien die in den Wald entflohenen
Sträflinge genannt. -- =Bush= heißt dort überhaupt der ganze Wald
und =ranger= bedeutet einen umherstreifenden Menschen, also ein ganz
bezeichnendes Wort für derartige Leute, das wir deshalb, da es sich
nicht einmal in diesem Sinne gut übersetzen läßt, beibehalten wollen.
Tolmer hielt sich nach dieser Zeit wieder in Adelaide auf und hatte eben
wieder einen Transport von Flüchtlingen eingebracht, die sich eine
Weile in den Dickichten der Hindmarsh-Sümpfe umhergetrieben. Die früher
entsprungenen Verbrecher waren schon fast vergessen worden, da man nicht
anders glaubte, als daß sie Mittel und Wege gefunden hätten, mit einem
Boot in See zu gehen, um vielleicht nach Neuseeland hinüberzufahren oder
auch ein unterwegs getroffenes Schiff anzurufen. Einzelne waren schon
auf diese Art entkommen.
Tolmer glaubte übrigens _nicht_ daran. Wenn er auch keinen bestimmten
Platz wußte, wo er sie suchen sollte, konnte er den Gedanken nicht
aufgeben, sie noch auf australischem Boden zu wissen, und unterließ in
der ganzen Zeit nicht, die sorgfältigsten Nachforschungen anzustellen,
wenn diese auch fortwährend erfolglos blieben.
So saß er eines Abends in dem am häufigsten besuchten Hotel in Adelaide
bei einer Flasche Ale. Mehrere Stationshalter aus der Nachbarschaft, die
in die Stadt gekommen waren, theils neue Weidegründe zu belegen, theils
Vieh und Pferde zu verkaufen, saßen mit im Zimmer, und das Gespräch
drehte sich um das Land im Inneren, die muthmaßliche Nutzbarkeit
und Besiedelung desselben, die jetzige Bevölkerung und -- wie das in
Australien damals nicht ausbleiben konnte -- um das Recht der Regierung,
noch weitere Sträflinge herüberzuschicken. Schon damals nämlich strebten
die australischen Colonieen danach -- was sie auch später erreichten --
daß das System, Verbrecher von England herüberzusenden, aufgegeben und
Australien eine wirkliche Colonie von _freien_ Einwanderern würde. Das
=pro= und =contra= wurde dann, sowie das Gespräch einmal auszweigte, auf
das Lebhafteste debattirt, denn es gab eine Menge von Ansiedlern, denen
die Sträflingsarbeit sehr bequem und einträglich war und die sie nicht
missen wollten. Diejenigen, die das Sträflingssystem bekämpften, führten
dann nicht mit Unrecht zu ihrem Gunsten an, welche Massen schlechten,
nichtsnutzigen Gesindels sich, in entlassenen oder halb begnadigten
Verbrechern, über das ganze weite Land verbreiteten und nicht allein die
Sicherheit der ehrlichen freien Bewohner gefährdeten, sondern auch
dem unbemittelten Einwanderer eine schwere und kaum zu bekämpfende
Concurrenz bereiteten. Nur von dem _freien_ Einwanderer hatte deshalb
Australien einmal zu hoffen, daß es ein mächtiges und reiches Land
werden könne.
Unter den Gästen befand sich auch ein Stationshalter von der südlich vom
Adelaide-District liegenden Känguruh-Insel, die damals erst seit sehr
kurzer Zeit von den Engländern wirklich in Besitz genommen war. Auch
nur Einzelne hatten sich dort drüben niedergelassen, und zwar nur in
der Hoffnung, daß die ziemlich ausgedehnte Insel einmal später größere
Bedeutung erlangen solle, wodurch ihre dort angelegten Besitzungen auch
an Werth und Wichtigkeit gewinnen würden.
Dieser eiferte besonders gegen das Verbrecher-System, trotzdem daß es
ihnen in der Schafschur, wie er gern eingestand, willkommene Arbeiter
lieferte. Jetzt aber sei man, wie er behauptete, selbst auf
diesem entlegenen und durch einen Seearm von den eigentlichen
Verbrecherstationen getrennten Theile der Colonie doch nicht sicher,
solchem Gesindel jeden Augenblick im Busche zu begegnen, und er gehe
immer mit Sorge und Angst von Hause fort, daß einmal während seiner
Abwesenheit irgend etwas vorfallen könne, was die Sicherheit der Seinen
gefährde.
Tolmer, als Regierungsbeamter, hatte sich nicht in das Gespräch
gemischt und nur schweigend den verschiedenen Bemerkungen und Ansichten
gelauscht; als sich aber die übrigen Gäste nach und nach verloren und
die Unterhaltung auch schon lange auf andere gleichgültige Gegenstände
übergewechselt war, setzte er sich zu dem Ansiedler von der
Känguruh-Insel und unterhielt sich auf das Lebhafteste mit ihm über die
dortigen Aussichten späterer Cultur, über Weiden und Ackerbau und -- die
Möglichkeit, Arbeiter zu den verschiedenen und nöthigen Verrichtungen zu
bekommen. Eine directe Frage über das, was ihm eigentlich am Herzen
lag, that er aber _nicht_, und zwar aus Gründen, die wirklich nur ein
Australier begreifen würde.
Der Mann sah vollkommen anständig aus und Tolmer bezweifelte keinen
Augenblick, daß er ein Stationseigenthümer von jenem Eiland sei, aber --
sie befanden sich in Australien und Tolmer hatte schon zu oft erfahren,
daß man _Niemandem_, was seine _frühere_ Existenz betraf, trauen dürfe,
besonders nicht in der damaligen Zeit. Die dem äußeren Anscheine nach
anständigsten Leute waren oft als »Deportirte« herübergekommen, und
wenn sie auch später nicht mit den »Buschrähndschern« gemeinsame Sache
machten, hüteten sie sich doch wohl, dieselben zu verrathen -- theils
vielleicht aus Mitgefühl, theils vielleicht auch wohl aus Furcht vor
einer möglichen Rache derselben.
Der Mann hatte allerdings mit dem größten Eifer _gegen_ das fortgesetzte
System gesprochen, verbrecherische und gezwungene Ansiedler nach
Australien zu bringen, das aber stellte noch gar nicht fest, daß er
nicht in näherer Beziehung zu diesen stand, wie er jetzt vielleicht
eingestehen mochte. War das aber wirklich der Fall, so konnte eine
unbewacht hingeworfene Frage mehr verderben, wie sich leicht wieder
gut machen ließ, und war es _nicht_ so, nun, so hatte er eben nichts
verdorben oder versäumt.
In der Unterhaltung und durch geschickte Fragen bekam er übrigens doch
heraus, daß sich gerade in der Nachbarschaft von »Mr. Lindsay's« Station
einige Individuen aufhielten, die von der Jagd und vom Fischfang lebten
und keine feste Ansiedelung ihr eigen nannten, und über diese etwas
Näheres zu erfahren, war er jetzt fest entschlossen. Das aber mußte auf
andere Art geschehen, als durch einfache Fragen.
Tolmer hatte in Adelaide einen Polizeisoldaten Borris, auf den er sich
in jeder Hinsicht verlassen konnte. Borris war noch ein junger
Mann, aber in seinem Fach, dem er schon seit sechs Jahren vorstand,
ausgezeichnet und außerdem erst seit ganz kurzer Zeit von Sidney hierher
versetzt, also jenen Verbrechern noch vollständig unbekannt.
Sein Plan war bald gemacht. Borris sollte als gewöhnlicher
»Bündelmann«[2] nach der Känguruh-Insel hinübergehen und dort als
Schäfer oder Hüttenwächter oder was immer, Beschäftigung bei Mr.
Lindsay, und wenn das nicht anginge, ganz in der Nachbarschaft suchen.
Dort blieb es ihm dann selber überlassen, alle möglichen und nützlichen
Erkundigungen über seine Nachbarschaft einzuziehen, und wußte er, was
er wissen wollte, so konnte er wieder nach Adelaide herüberkommen und
selber Bericht abstatten. Tolmer warnte ihn aber besonders davor, einen
Brief zu schreiben, wenn sich nicht eine ganz günstige Gelegenheit
fand ihn zu befördern. Das Schreiben an und für sich war überdies schon
gefährlich, denn wurde er dabei von irgend Jemandem gesehen, so
mußte Verdacht gegen ihn rege werden. Ein ordentlicher und richtiger
»Bündelmann« kann nie _mehr_ schreiben, als höchstens seinen Namen --
und selbst den nicht immer.
[2] Bündelmann heißen in Australien die Leute, die Arbeit suchend im
Land umherziehen. Da sie natürlich kein großes Gepäck mitnehmen
können, und ihr Eigenthum meist immer in einem kleinen Bündel auf
der Schulter tragen, hat man ihnen diesen Namen gegeben. Die Meisten
derselben sind übrigens entweder entlassene Sträflinge oder solche,
die mit einem =ticket of leave=, d. h. Urlaubsschein, die Erlaubniß
haben, sich selber ihr Brod zu verdienen. Ein solches =ticket=
bekommen natürlich nur die, die den größten Theil ihrer Zeit schon
verbüßt, und sich dabei musterhaft aufgeführt haben.
Borris war übrigens klug und gewitzt genug, um in dieser Hinsicht
vollständiges Vertrauen zu verdienen. Er wußte, was man von ihm
verlangte, und das genügte; das Weitere besorgte er schon selber.
Mr. Lindsay blieb noch einige Tage in Adelaide; die Zeit benutzte
Borris, seine nöthigen Einrichtungen zu treffen, und schiffte sich dann,
mit einem =ticket of leave=, das ihm Tolmer ausfertigen ließ, versehen,
nach seinem Bestimmungsorte ein. Mit einem solchen =ticket= wurde er
von allen Ansiedlern geduldet und bei _der_ Menschenclasse, unter der
er sich besonders umsehen sollte, galt es als vollständiger Freipaß, ihm
unbedingt zu vertrauen -- war er doch Einer der Ihrigen.
Borris war somit spurlos von Adelaide verschwunden, denn drüben auf
der Insel nannte er sich, der Verabredung gemäß, _Jack_, und Monat nach
Monat verging, ohne daß Tolmer wieder etwas von ihm gehört hätte. War
ihm am Ende gar ein Unglück zugestoßen? -- Hatte er sich verrathen oder
ihn Jemand doch erkannt? -- Tolmer wurde schon unruhig und dachte daran,
einen zweiten Boten hinüberzusenden, um Gewißheit über das Schicksal des
ersten zu bekommen. Das war aber nicht nöthig.
Eines Morgens trat Borris, in seiner Buschtracht, wie er eben ankam, in
des sehr erfreuten Tolmer Zimmer, und die Beiden blieben dort mehrere
Stunden eingeschlossen in eifrigem Gespräch.
Das Resultat seiner Entdeckungsreise war auch insofern ein günstiges,
daß er die Gewißheit brachte, daß auf der Insel eine Anzahl verdächtiger
Individuen lebte. Ob es nun gerade jene Verbrecher waren, deren Spur
Tolmer schon so lange vergebens verfolgt, war schwer zu bestimmen. Die
Beschreibung des Einen von ihnen, der einen gewissen Einfluß auf die
Uebrigen auszuüben schien, paßte aber ziemlich genau auf den
Verwegensten der Flüchtlinge, einen gewissen John Mulligan, dem man
damals besonders auf der Spur gewesen, und hielt sich dieser jetzt dort
drüben versteckt, so hatte er auch seine Genossen sicher in der Nähe.
Jedenfalls war es der Mühe werth, jene Gesellen aufzuheben und zur
Rechenschaft zu ziehen, denn sie brandschatzten in neuerer Zeit wieder
die Stationshalter, tödteten von den Heerden, was sie für ihren eigenen
Bedarf brauchten, ohne sich viel um irgend ein Eigenthumsrecht zu
kümmern, und hatten sogar neulich einen Einbruch auf einer Station
versucht -- allerdings ohne Wissen und, wie Borris behauptete, _gegen_
den Willen ihres Führers, der kluger Weise Alles vermied, was die
Aufmerksamkeit der Regierung auf sie lenken konnte.
Tolmer selber war damals noch nie auf Känguruh-Eiland gewesen und kannte
das Terrain gar nicht; Borris beschrieb es ihm dabei als diesen, außer
den Gesetzen lebenden Menschen außerordentlich günstig, so daß es große
Schwierigkeiten haben möchte, sie wirklich einzufangen, wenn sie vorher
gewarnt wären. Die größte Vorsicht blieb deshalb noch immer nöthig.
Darnach handelte Tolmer.
Mit einem Regierungscutter durften sie nicht hinüberfahren und drüben
anlegen; die Kunde davon würde sich blitzesschnell über die ganze Insel
verbreitet haben. In Adelaide lag aber gerade ein kleiner Schooner, der
neuseeländischen Flachs von Aukland geholt hatte und den man recht
gut für eine solche Fahrt bekommen konnte. Der Gouverneur gab auch
augenblicklich seine Erlaubniß dazu und bewilligte die nöthigen Mittel,
und drei Tage später segelte der Schooner mit Mr. Tolmer und zehn
Leuten, auf die er sich vollständig verlassen konnte, an Bord. Diese
hatte er theils als Bündelleute, theils als Matrosen gekleidet und alle
weiteren Pläne aufgeschoben, bis er an Ort und Stelle selber das Terrain
kennen gelernt hätte.
Der Schooner ging in Ballast, angeblich Wolle von drüben abzuholen und
nach irgend einem der australischen Haupt-Stapelplätze, Sidney, Adelaide
oder Melbourne, hinüberzuschaffen.
Borris hatte übrigens seinen hiesigen Aufenthalt vortrefflich angewandt,
sich mit allen Schlichwegen im benachbarten Busche genau bekannt
zu machen. Von Lindsay dabei nur mit dessen Erlaubniß auf Urlaub
fortgegangen, konnte es natürlich nicht auffallen, daß er diese
Gelegenheit benutzt, mit diesem Schooner zu seiner Station
zurückzukehren. Er trat auch, so wie das kleine Fahrzeug landete,
augenblicklich wieder in seine Stelle ein und verabredete sich nur
vorher mit Tolmer, diesen wieder an Bord zu sprechen, wobei er sorgen
wolle, daß Mr. Lindsay ebenfalls hinüberkäme.
Borris hatte Lindsay, ohne sich selber dabei zu verrathen, als einen
durchaus rechtlichen und thätigen Mann kennen gelernt, von dem sie nicht
zu fürchten brauchten, daß er sie verrathen würde. Besser blieb es aber
immer, daß er so spät wie irgend möglich in ihren Plan eingeweiht wurde,
und _die_ Zeit war jetzt gekommen.
Der Schooner ankerte gerade der Stelle gegenüber, an der Lindsay's
Station lag, und Tolmer, ebenfalls in Matrosenkleidung und mit glatt
rasirtem Gesicht, um sich so viel als möglich unkenntlich zu machen,
fuhr an Land, ließ sich bei Mr. Lindsay melden und frug an, ob der
Gentleman seine Wolle vielleicht auf dem Schooner nach Adelaide verladen
möchte.
Lindsay, der ihn nicht mehr kannte, nahm ihn mit in das Haus, und hier
entdeckte sich ihm Tolmer, erklärte ihm, daß er gedenke, die Insel von
allem Gesindel zu befreien, und bat ihn um seine Hülfe.
Der Squatter schien erst keine rechte Lust zu haben, darauf einzugehen,
denn mißlang der Versuch, und wurde es bekannt, daß er die Polizei
unterstützt hatte, so durfte er sich darauf verlassen, daß die
Buschrähndscher sich an ihm rächten. Tolmer aber überredete ihn leicht,
diese unnöthige Besorgniß schwinden zu lassen, und Lindsay versprach
wenigstens, ihn gegen Abend auf seinem Schooner zu besuchen, dort --
vollkommen sicher vor jedem Horcher -- alles Weitere zu besprechen.
Borris wollte er dann mitbringen.
Das geschah. Lindsay hatte ein eigenes Boot und ließ sich von Borris
hinüberrudern, angeblich, etwas Tabak und einige andere Kleinigkeiten
zu kaufen, die im Busch gebraucht wurden. Von seinen Leuten gehörte
allerdings keiner mit zu den Buschrähndschern, oder würde sich ihnen
angeschlossen haben. Sie Alle wußten aber, wo jene lagerten, und
hätten sie nur den geringsten Verdacht geschöpft, daß das kleine
Handelsfahrzeug da draußen von Polizei bemannt sei, so wären die
»=mates=« im Busch augenblicklich gewarnt worden.
Das Nähere, was jetzt Tolmer über die hier versteckten Verbrecher
erfuhr, war, daß sie nicht mehr zusammen in einem Trupp wohnten, sondern
sich vor etwa acht Tagen in Folge eines Zankes getrennt hätten.
Mulligan -- Lindsay kannte den Namen genau -- hauste in einer kleinen
Rindenhütte, etwa vier oder fünf englische Meilen von Lindsay's
Station entfernt, und die Uebrigen, wie Lindsay meinte und auch Borris
bestätigte, »buschten« es -- d. h. sie hatten ihr Lager bei dem schönen
Wetter mitten im Busch und unfern von einem kleinen Bach aufgeschlagen,
da sie noch unentschieden sein mochten, welcher Richtung sie sich
zuwenden sollten.
Borris wußte nur von fünfen, Lindsay behauptete aber, daß es im
Ganzen sieben wären, John Mulligan mit zweien seiner Anhänger in der
Rindenhütte und die vier Anderen, die draußen im Walde lagerten.
Diese Trennung der Schaar mußte ihrem Plan nur förderlich sein, denn
sieben entschlossene und zur Verzweiflung getriebene Menschen konnten
einem so kleinen Trupp Polizei schon einen gefährlichen Widerstand
entgegensetzen, noch dazu, da sie Alle gut bewaffnet waren. In zwei
verschiedenen Trupps ließen sie sich aber weit leichter bewältigen,
und die Männer beschlossen, am nächsten Morgen vor allen Dingen
der Rindenhütte einen Besuch abzustatten, um gleich im Anfang den
gefährlichsten von ihnen, John Mulligan, unschädlich zu machen.
Zu diesem Zweck mußte der Schooner aber wieder vor Tag unter Segel
gehen, damit die Besatzung nicht in Sicht der Station zu landen
brauchte. Lindsay bezeichnete ihnen weiter gen Osten ein kleines
Vorgebirge, wo sie wieder beilegen konnten. Dort befanden sie sich nur
höchstens anderthalb englische Meilen von John Mulligans Hütte, und
Borris sollte sie an der Stelle erwarten, während Lindsay zu Pferde
sie später im Busch selber traf. Je früher sie dabei aufbrachen,
desto besser, denn um so viel sicherer durften sie erwarten, die
Hüttenbewohner noch Alle zu Hause zu finden.
Nachdem dies verabredet war, fuhr Lindsay wieder mit Borris an's Land
zurück.
Am nächsten Morgen war der Schooner von seinem Landungsplatz
verschwunden, ohne daß irgend Jemand Notiz davon genommen hätte.
Derartige Fahrzeuge kamen oft an die Küste und hielten sich nie länger
an einem Orte auf, als sie hoffen durften, ein Geschäft zu machen.
Borris hatte noch am Abend von Lindsay zum Schein einen Auftrag
bekommen, mit einem Brief nach einer benachbarten Station hinüber zu
gehen, und Mr. Lindsay ließ sich, wie er das gewöhnlich that, Morgens in
aller Frühe sein Pferd satteln und ritt in den Busch. Dem Koch[3] sagte
er, daß er zum Frühstück zurück sein werde.
[3] Auf fast allen australischen Stationen verrichten Männer --
gewöhnliche Arbeiter -- das Kochgeschäft, die dann =hutkeeper= oder
Hüttenwächter genannt werden.
Genau nach der Verabredung hatte Tolmer auch gehandelt, traf mit Borris
an der besprochenen Stelle zusammen und schlug sich dann rasch mit
seiner kleinen, bis an die Zähne bewaffneten Schaar in den Busch, wo
ihnen Mr. Lindsay begegnete.
Nach kurzem Marsch erreichten sie die Gegend, in welcher die Hütte
stand. Zu weiterer Führung wollte sich aber der Squatter nicht
verstehen.
»Ihr wißt nicht,« sagte er, »was für ein verzweifelter Mensch dieser
Mulligan ist, und fangt Ihr ihn _nicht_, so fahrt Ihr nachher wieder
ruhig nach Adelaide hinüber, und wir haben die Geschichte hier
auszubaden. Ich kann auch mein Pferd hier nicht anbinden, und nähme
ich es mit, hörten sie uns schon von Weitem. Dort gleich hinter jenem
Dickicht liegt die Hütte -- ich selber will nach Cooley's Station
hinüberreiten -- Ihr wißt, wo das ist, Borris. _Habt_ Ihr den Mulligan,
so kommt und laßt mich's wissen« -- und damit wandte er sein Pferd und
hielt langsam quer durch den Busch der Richtung zu, wo er die Straße
wieder erreichen mußte.
Tolmer murmelte einen Fluch zwischen den Zähnen durch. Fest entschlossen
aber, das einmal Begonnene auch durchzuführen, ob mit oder ohne fremde
Hülfe, gab er seiner kleinen Schaar die nöthigen Befehle, und rückte
jetzt langsam und vorsichtig mit ihnen weiter, bis sie in Sicht der
Hütte kamen.
Diese, wie tausend ähnliche im Busch, bestand nur aus einem leichten
Gestell von Pfosten, mit Latten übernagelt, und mit breiten Stücken
Rinde des Stringybark-Baumes gedeckt. Eben solche Rindentafeln bildeten
die Wände, und rauh genug sah solch ein Wohnhaus aus. Im Busch werden
aber keine Ansprüche an Bequemlichkeit gemacht; Schutz gegen Wind und
Wetter gewährte sie, und was weiter konnte man _hier_ von einer Wohnung
verlangen?
Sie lag dabei mitten im Dickicht drin, und war von dem benachbarten
Stationshalter erbaut worden, einem Schäfer Unterkommen zu bieten.
Die Schafe vermehrten sich aber nicht so rasch, wie der Stationshalter
geglaubt. Die Hütte wurde nicht benutzt, und John Mulligan, der sie auf
seinen Streifzügen durch den Busch entdeckte, fand sie passend, ihm zum
Aufenthalt zu dienen -- wenigstens eine Zeit lang dort zu leben.
Tolmer war vorangekrochen, vor allen Dingen die Gelegenheit zu erspähen,
und ein Blick auf die Hütte verrieth ihm, daß sie ihren Weg hierher
nicht umsonst genommen hatten. Zwischen den Rindenstücken, die das Dach
bildeten, wirbelte der blaue Rauch hervor, und die Insassen mußten also
daheim sein.
Rasch war jetzt seine Disposition getroffen, und die kleine Schaar
so vertheilt, daß aus der Hütte Niemand mehr entkommen konnte, ohne
wenigstens ihrem Kreuzfeuer ausgesetzt zu sein. So vorsichtig aber
schlichen sie an, daß sie von denen in der Hütte nicht einmal bemerkt
wurden, und wie sie erst die Thür besetzt und die übrigen Wände umstellt
hielten, wußten sie sich ihrer Beute sicher.
Tolmer selber spähte jetzt durch einen schmalen Ritz der einen
Seitenwand, konnte aber nur _eine_ Person im Innern erkennen. Es war das
ein Mann der vor dem Kamin auf einer dort liegenden wollenen Decke saß
und sich gerade jetzt eine kleine Thonpfeife stopfte. Außerdem schien
er auch das Frühstück zu bewachen, denn eine Theekanne stand auf den
Kohlen, und die zusammengescharrte Asche verrieth, daß ein »Damper«[4]
darunter backe.
[4] Damper ist das im australischen Busch gewöhnliche Weizenbrod, das
ohne Hefe oder Sauerteig nur mit Wasser angeknetet und in der heißen
Asche gebacken wird.
Sonst war die Hütte leer -- das kleine enge Gemach ließ sich leicht
genug überschauen, da in der einen Wand zwei große Rindenstücken
fehlten, und der leere Raum als Fenster diente. War _das_ nun Mulligan?
Hatten ihn seine beiden andern Gefährten auch verlassen, und war er hier
allein zurückgeblieben? Jedenfalls mußten sie sich seiner so rasch als
möglich bemächtigen, und Tolmer sah sich jetzt nur noch nach Waffen um.
Er konnte nichts erkennen als eine einzelne Muskete, die in der Ecke
lehnte.
Der Mann am Feuer war dabei so in seine Pfeife vertieft, daß er keine
Ahnung von der ihm drohenden Gefahr hatte. Der Thür drehte er gerade den
Rücken zu, und da diese halb geöffnet stand, glitten Tolmer, Borris
und einer ihrer Leute hinein und warfen sich -- zu verhindern, daß der
Ueberfallene nach der Muskete springen könne -- plötzlich und
geräuschlos auf den Buschrähndscher.
»Na, zum Donnerwetter,« rief dieser, der gar nicht Miene machte,
emporzuspringen, »Ihr werdet mir die Pfeife zerbrechen. Prächtiges Stück
Arbeit nachher, und keine andere wieder zu kriegen in dem verdammten
Busch.«
»Hallo, der nimmt's kaltblütig,« lachte Borris.
»Bindet ihm nur die Arme auf den Rücken,« sagte Tolmer ruhig, »wenn er
glaubt, daß er uns sicher machen will, irrt er sich.«
»Nur nicht ängstlich, =old cove=« lachte der Mann, in dem sich der
Matrose nicht leicht verkennen ließ. »Halt da, =mate=,[5] schnürt mir
die Arme nicht in Stücken.«
[5] =mate= die gewöhnliche Anrede im Busch und so viel wie Camerad --
=old cove= alter Bursche.
»Und was zum Henker machst Du hier, Camerad?« sagte Tolmer, der mit
seinem Fang nicht besonders zufrieden schien, denn der Mann betrug sich
nicht wie ein ertappter Verbrecher, und das Gesicht war ihm vollkommen
fremd.
»Was ich mache?« sagte der Seemann vollkommen kaltblütig. »Ich passe
auf, daß der blutige, steinharte Damper da in der Asche nicht zum Teufel
geht, und hätte jetzt meine Pfeife geraucht, wenn Ihr nicht wie die
Wilden über Einen hergefallen wäret. Steck sie mir einmal Einer von Euch
in's Gesicht, und lege eine Kohle darauf.«
»Wie heißt Ihr?« fragte Tolmer, während ihm Borris lachend willfahrte,
und der Gefangene indessen an der Pfeife zog.
»Bill -- dank' Euch, Mate,« lautete die Antwort. »Weshalb zum Henker,
habt Ihr mir die Finnen hinten festgeschnürt? Mit den Füßen kann ich den
Damper nicht aus der Asche nehmen.«
»Was treibt Ihr hier im Busch?« frug aber Tolmer weiter, ohne seinen
Einwand zu berücksichtigen.
»Verdammt wenig,« brummte der Bursche, »koche, wie Ihr seht --
Hutkeeper, glaub' ich, nennen's die Burschen hier im Land.«
»Das ist keiner von den »Birds«,« flüsterte Borris seinem Vorgesetzten
in's Ohr.
»Ich glaub' es auch nicht,« sagte dieser eben so leise zurück, und
setzte dann laut hinzu: »Wer wohnt hier noch mit Euch?«
»Zwei Andere.«
»Und wo sind die jetzt?«
»Ausgegangen, ein Wallobi zu schießen -- wenn sie das nicht bekommen
können, bringen sie ein Schaf mit.«
»So? -- Haben sie eine eigene Heerde?«
Der Matrose lachte und sah still vor sich nieder.
»Wie lange seid Ihr schon auf der Insel?« fuhr Tolmer fort.
»Drei Wochen,« lautete die Antwort.
»Und wo kommt Ihr her?«
»Hm,« brummte der Mann, der hier nicht recht mit der Sprache heraus
mochte, »gehört Ihr zur _Wasser_polizei?«
»Nein.«
»Gut, dann geht's Euch nichts an.«
»Von einem Schiff weggelaufen?« fragte Tolmer.
Der Matrose schwieg und zog an seiner Pfeife.
»Hört einmal, Camerad,« sagte Tolmer, der jetzt keinen Augenblick mehr
zweifelte, daß er es blos mit einem weggelaufenen Matrosen zu thun
hatte. »Seid Ihr nur einem Schiff ausgekniffen, so hab' ich damit
allerdings nichts zu thun, und es wird Euch nichts geschehen, aber wir
müssen die beiden andern Burschen fangen. Wollt Ihr uns dabei helfen?
Denn ich kann mir nicht denken, daß Ihr mit den Verbrechern weiteren
Verkehr gehabt habt.«
»Mit gebundenen Armen soll ich Euch helfen.«
Tolmer löste ohne weitere Antwort seine Bande, und Bill fühlte seine
Arme kaum frei, als er vor allen Dingen seine Pfeife etwas fester
stopfte.
»Daß es mit den Beiden nicht ganz richtig sei,« sagte er dabei, ohne
seine Stellung zu verändern, »hab' ich mir etwa gedacht. -- Hol' sie der
Henker, ich bin froh, daß ich mit guter Manier von ihnen fortkomme.«
»Wie bald können sie zurück sein?«
»Jeden Augenblick. Das Beste ist dann, Ihr stellt Euch hier im Innern
der Hütte auf, denn ich weiß nicht, von welcher Seite sie kommen.«
»Ist die Muskete Euer?«
»Nein -- sie gehört dem Einen -- John nennt er sich.«
»John Mulligan?«
»Was weiß ich, wie sein ganzer Name ist; John genügt, um ihn zum Essen
zu rufen.«
»Da kommt Einer!« flüsterte in diesem Augenblicke Borris rasch, der
indessen schon an die verschiedenen Theile der Hütte Wachen gestellt
hatte. Die Rinde war an unzähligen Stellen gesprungen, und man konnte
überall hindurch sehen.
»Ist das John?« frug Tolmer, der dem Matrosen winkte, den Ankommenden zu
beobachten. Dieser schüttelte den Kopf.
»Nein,« sagte er, »das ist der lahme Tom -- hat richtig ein Schaf
erwischt -- wird sich unendlich freuen, wenn er hier so angenehme
Gesellschaft findet.«
»Und wo ist der Andere?«
»Weiß nicht -- sind Beide zusammen fortgegangen.«
»Bst -- er kommt -- ruhig jetzt!« warnte Tolmer, und schweigend
sammelten sich die Polizeileute im Innern der Hütte an beiden Seiten
des Eingangs, auf den der Buschrähndscher, ohne Ahnung dessen, was ihn
erwartete, langsam zuschritt.
Er war in die gewöhnliche rauhe Buschtracht gekleidet, jetzt aber in
seinen Bewegungen gehindert, da er das schon geschlachtete Schaf auf den
Schultern trug und dabei mit der rechten Hand seine Muskete festhielt.
»Holla, Bill!« rief er, indem er, dicht vor der Thür, mit dem einen
Fuß dagegen trat. »Zum Teufel auch, mach Einem den Deckel auf -- oder
schläft die Canaille schon wieder?«
Tolmer sagte kein Wort, aber wie er dem Matrosen winkte, die Thür zu
öffnen, zeigte er ihm ein gespanntes Pistol als Warnung, was ihm
selber drohe, wenn er sie verrathen wolle. Bill dachte aber an nichts
Derartiges, denn, selber ein ehrlicher Kerl, hätte er schon lange
die Gesellschaft dieser Burschen, die ihn gewissermaßen als Diener
behandelten, gemieden, wenn er nur gewußt, wohin er sich wenden solle.
Jetzt, da es sich herausstellte, daß seine bisherigen Gefährten das
wirklich waren, wofür er sie seit den letzten Tagen heimlich gehalten,
wäre er der Letzte gewesen, mit ihnen »in einen Topf zu springen«.
Ruhig öffnete er deshalb die Thür für den »lahmen Tom«, wie der
Buschrähndscher von seinen Cameraden genannt wurde, weil er ein klein
wenig hinkte.
»Da hier,« sagte dieser, noch vor der Thür -- »nimm mir einmal das Schaf
ab -- na, wird's bald? Soll ich's etwa noch eine Stunde auf dem Buckel
haben?«
Tolmer winkte dem Matrosen, den Ankommenden in die Hütte zu rufen, denn
war sein Camerad in der Nähe, so wurde er durch einen Lärm _vor_ der
Hütte gewarnt.
»So kommt doch herein damit,« sagte Bill, »oder habt Ihr Angst, daß Ihr
den Fußboden schmutzig macht?«
»Damit man nachher die Decken im Blute herumschmiert, nicht wahr?« sagte
der Buschrähndscher, der schon lange die Geduld verloren hatte. »Hölle
und Verdammniß, da holt's Euch selber,« und mit einem Ruck warf er das
Schaf vom Rücken ab auf den Boden nieder. Jetzt war aber auch keine
Zeit mehr zu verlieren, und ehe er nur seine Muskete ordentlich fassen
konnte, stand Tolmer draußen neben ihm, packte ihn um den Leib und
schleuderte ihn zu Boden.
»Hülfe, John! Teu--,« er sagte nicht mehr, denn Borris hatte ihm mit
großer Geschicklichkeit ein Tuch in den Mund geschoben, jeden weiteren
Aufschrei zu ersticken -- aber zu spät. Tolmer's rasch umherschweifender
Blick erkannte eine dunkle Gestalt in den Büschen, die, wie sie
erschienen, eben so auch wieder verschwand, und ärgerlich mit dem Fuße
den Boden stampfend, rief er aus:
»Das haben wir schlau gemacht -- da geht der Hauptfuchs zum Teufel, und
jetzt können wir den ganzen Busch von einem Ende zum andern umdrehen,
ehe wir ihn wiederfinden.«
»Habt Ihr ihn gesehen?« rief Borris rasch.
»Wie eine Erscheinung, gerade hinter jener Kasuarine,« sagte Tolmer.
»Aber nehmt _den_ Vogel wenigstens einmal in die Hütte herein, daß wir
sehen, was wir aus ihm herausbringen können.«
Das geschah. Der »lahme Tom« machte aber, wenn sie auf _seine_ Hülfe
gerechnet hatten, ihre Hoffnung zu schanden, denn er beantwortete keine
ihrer Fragen.
»Hol' Euch der Böse,« knirschte er in die Zähne, als man ihm das Tuch
wieder aus dem Munde nahm. »Ihr seid Alle über Einen hergefallen, wie
ein Rudel feiger Dingo's über ein einzelnes Schaf, das ich war -- jetzt
macht mit mir, was Ihr wollt, aber laßt mich ungeschoren, denn verdammt
will ich sein, wenn _ich_ Euch auf weitere Sprünge helfe.«
Aus dem Burschen war in der That nichts weiter herauszubringen und
Tolmer schickte ihn, in Handschellen und von zweien seiner Leute
bewacht, zu dem Schooner hinunter. Die ihn trausportirten, sollten dann
so rasch als möglich wieder zurück zu der Rindenhütte kommen, hier die
weiteren Anordnungen zu hören.
Tolmer fürchtete, daß durch die Flucht Mulligan's ihr ganzer
Plan vereitelt sei, und dieser wahrscheinlich den anderen Trupp
augenblicklich vor ihnen warnen würde. Dem aber widersprach Borris.
»Haben sich die beiden Parteien miteinander gezankt,« sagte dieser, »so
wird Mulligan weit eher glauben, daß ihn jene verrathen hätten, um ihn
los zu werden, und sich dann wohl hüten, selber an ihr Feuer zu laufen.
War er das aber, den Ihr im Busche gesehen habt, und ich zweifle keinen
Augenblick daran, so fürcht' ich, ist es ein hoffnungsloses Unternehmen,
ihn mit so wenigen Leuten auf der großen Insel einzufangen. Von den
Stationshaltern dürfen wir nicht die geringste Hülfe erwarten, das haben
wir an Lindsay gesehen. Trotzdem daß er selber viel Geld geben würde,
die Schufte aus dem Wege zu haben, will er doch sein eigenes Haus nicht
der Gefahr aussetzen, von ihnen in Brand gesteckt zu werden. Und wo
sollen wir den schlauen Gesellen jetzt suchen? Am Ende wär' es am
besten, wir legten ihm hier in der Hütte eine Falle; jedenfalls hat
er seine Munition und seine Decke hier und ohne Beides _kann_ er nicht
lange im Busche aushalten.«
»Da können wir lange warten,« lachte Tolmer, »ehe der alte Fuchs wieder
daran denkt, hier zu Bau zu kriechen. Wo er sich die jetzige Munition
verschafft hat, bekommt er auch mehr, und ebenso eine wollene Decke.
Uebrigens haben wir noch eine Weile Zeit, den Ort hier zu untersuchen,
und Bill kann uns vielleicht sagen, ob er weiß, wo die Munition
versteckt ist.«
Es verstand sich von selber, daß der Verbrecher nicht ein so werthvolles
Ding, wie Pulver ist, würde frei und offen liegen lassen. Bill wußte
aber nichts davon. John Mulligan hatte sich wohl gehütet ihn zum
Vertrauten zu machen, und eine Nachsuchung in der Hütte blieb ebenfalls
erfolglos.
Indessen waren die Leute hungrig geworden und Einer von ihnen holte
jetzt das Schaf in die Hütte, ihr Frühstück damit zu bereiten. Der
Damper war unter der Zeit ebenfalls gebacken, und mit Thee und Zucker,
was sie in der Hütte vorfanden, hielten sie ein vortreffliches Mahl.
Auch die beiden mit dem Gefangenen zum Schooner geschickten Polizeileute
kamen zurück und ein ordentlicher Kriegsrath wurde jetzt gehalten, ob
sie sich, die ganze Sache als verfehlt betrachtend, wieder einschiffen
oder erst noch einen Versuch machen sollten, den anderen Trupp von vier
Mann aufzuheben.
Fast Alle entschieden sich für das Letztere, Tolmer aber wollte auch
nichts versäumen, jenen Mulligan in ihre Gewalt zu bekommen, und da es
doch möglich war, daß er sich noch in der Nähe aufhielt, um die Hütte
wieder aufzusuchen, sollten zwei Mann von seinen Leuten hier versteckt
bleiben, und den Flüchtigen todt oder lebendig in ihre Gewalt zu
bekommen suchen. Bill, der Matrose, erbot sich allerdings, mit
aufzupassen, Tolmer aber wollte das nicht riskiren, denn er war nicht
gewöhnt, einem Fremden gleich nach der ersten Stunde Bekanntschaft
zu trauen. Dagegen konnte ihnen der handfeste Seemann von trefflichem
Nutzen bei dem Fang der Uebrigen sein, indem er seine kleine Schaar ja
ohnedem noch durch die Wache in der Rindenhütte schwächen mußte.
Nach Lindsay's Beschreibung kannte Borris ganz genau die Stelle, wo jene
Buschrähndscher lagerten, aber es blieb unmöglich, sie am Tage dort
zu überraschen. Erstlich war es kaum glaublich, daß sie überhaupt bei
hellem Tageslicht ihren Lagerplatz einhalten würden, und dann hätte der
Trupp auch keinesfalls ungesehen an sie anschleichen können. Würden sie
aber bemerkt, so kam es jedenfalls zu einem Kampf auf Leben und Tod,
den Tolmer, so lange es anging, vermeiden wollte. Blieb ihm keine andere
Wahl, gut, so mußte selbst das versucht werden.
Damit im Reinen, hielten sie sich in der Hütte, bis sich die Sonne gegen
den Horizont neigte, denn sie waren sicher, daß die mit John Mulligan
verfeindeten Buschrähndscher nicht hierher kommen würden, und draußen
hätten sie ihnen leicht zu früh begegnen können. Nur ein Bote wurde
hinüber nach Cooley's Station geschickt, Mr. Lindsay von dem bisherigen
Resultat in Kenntniß zu setzen, denn Tolmer wußte nicht, ob er seine
Hülfe vielleicht morgen in Anspruch nehmen müsse. Lindsay war aber schon
wieder nach Hause geritten, und der zu ihm gesandte Polizist mochte ihm
dahin nicht folgen, um keinen unnöthigen Verdacht zu erregen.
Borris, mit dem Busch vollkommen vertraut, führte zur bestimmten
Zeit die kleine Schaar sicher der Gegend zu, in der er das Lager der
Verbrecher wußte. In der Nachbarschaft desselben angelangt, blieb
ihnen aber nichts weiter übrig, als erst den vollen Einbruch der Nacht
abzuwarten; dann schlichen sie vorsichtig dem Lager der Sträflinge zu,
bis sie in Sicht von deren Feuer kamen.
Es war aber immer noch nicht dunkel genug, und Tolmer ließ seinen
kleinen Trupp in einem Dickicht versteckt, vorher selber den Platz
einmal zu recognosciren.
Auf Händen und Füßen, jeden Strauch und Baumstamm benutzend, die ihn
decken konnten, kroch er näher und näher zu dem Feuer, und da er auch
die Vorsicht gebraucht hatte, den Wind zu beachten, im Fall sie Hunde
bei sich haben sollten, kam er bald nahe genug, die sich um die Gluth
her bewegenden Gestalten deutlich zu erkennen. -- Es waren aber mehr als
vier Männer, die sich dort gelagert hatten, denn von da aus, wo er sich
befand, konnte er klar und deutlich _fünf_ Personen unterscheiden, die
bald ausgestreckt am Feuer lagen, bald aufstanden und um die Flammen
herumgingen. War Mulligan doch zu ihnen gestoßen, sie zu warnen? -- Aber
dann wären sie keinesfalls an ihrem alten Lagerplatz geblieben, und wer
konnte der Fünfte sein?
»Mit gefangen, mit gehangen,« murmelte aber Tolmer vor sich hin, und
fest entschlossen, sich die schon halb im Netz sitzende Beute nicht
wieder entgehen zu lassen, kroch er zu den Seinen zurück und theilte
ihnen den Plan mit, den er sich in der Schnelle entworfen hatte.
Die Dämmerung ist in Australien außerordentlich kurz, und fast
unmittelbar nach der sinkenden Sonne tritt auch die Nacht ein. Die
Polizeileute brauchten deshalb nicht lange im Hinterhalt zu liegen, und
Tolmer verließ jetzt seine genau instruirte Mannschaft, das beschlossene
Wagniß auszuführen.
Er umschlich das Lager in einem weiten Bogen, bis er es zwischen sich
und die Seinen brachte, ging dann noch eine Strecke in den Busch
hinein, von den Buschrähndschern fort, und ließ dort den in Australien
gebräuchlichen und von den Schwarzen angenommenen Waldruf: »Ku-ih! --
Ku-ih!« erschallen.
Im Anfang war Alles ruhig, und Niemand antwortete ihm, endlich aber,
nachdem die Buschrähndscher wahrscheinlich mit einander berathen hatten,
daß Jemand, der so laut im Wald herumschrie, ihnen schwerlich gefährlich
sein könne, antwortete Einer von ihnen mit dem gleichen Laut, und Tolmer
brach jetzt, so viel Geräusch als irgend möglich machend, durch die
Büsche dem Lagerplatz zu.
Diesen erreichte er bald und fand hier die kleine Schaar von
Verbrechern, die Musketen im Anschlag, seiner harrend am Feuer.
»Holla,« redete ihn Einer von ihnen an, »was habt _Ihr_ denn da bei
Nacht und Nebel im Wald herumzuschreien?«
»Gott sei Dank,« sagte Tolmer, wie er nun den freien Platz erreichte,
»da sind doch wenigstens Menschen mit einem vernünftigen Feuer. Ich
glaubte schon, ich müßte die Nacht draußen allein unter einem Baume
liegen bleiben. -- Wie geht's mit einander?«
»Hm, gut,« antwortete der Eine von der Schaar -- »aber wo kommt Ihr
her?«
»Von dem Nordufer,« sagte Tolmer, auf alle Fragen vollkommen
vorbereitet, »und wollte nach Cooley's Station, habe aber den Weg
verfehlt und bin in den verdammten Känguruhdornen beinah umgekommen. Wie
weit ist's noch bis dahin, und führt ein Weg hin?«
»Verwünscht wenig, was Ihr von einem Weg bis dahin finden werdet,«
brummte ein Anderer. »Wenn Ihr nicht nach den Sternen marschirt, könnt
Ihr Euch ein Jahr lang im Busch herumdrehen.«
»Wie weit habe ich wenigstens bis zum Strande?« frug Tolmer wieder, der
mit raschem Blick die Schaar überflogen hatte und sich jetzt mit dem
Rücken zum Feuer stellte, daß sein Gesicht nicht zu hell beleuchtet
wurde. Er fühlte sich doch nicht so recht sicher, ob ihn nicht Einer
oder der Andere von den Burschen kannte. Ebenso hatte er schon bemerkt,
daß es nur vier Weiße und ein Schwarzer waren, den sie irgendwo
aufgelesen hatten.
»Bis zum Ufer,« sagte der Erste wieder, »mag es etwa drei Miles sein,
wenn Ihr in gerader Richtung ausschreiten könnt.«
»Am Strande führt ein Weg hin, nicht wahr?«
»Ja; aber Ihr seid doch nicht mitten durch die Insel gekommen?«
»Mitten durch.«
»Da wundert's mich, daß Ihr noch einen Fetzen Zeug auf dem Leibe habt,«
sagte der Buschrähndscher, der von dem einzelnen Manne keine Gefahr
fürchtete und sein Gewehr neben sich wieder an den Baum lehnte.
»Wenn Ihr nichts dagegen habt,« meinte Tolmer, indem er seinem Beispiele
folgte und seine Doppelflinte ebenfalls abnahm und neben die des
Burschen stellte, »so ruhe ich mich hier bei Euch erst ein wenig aus.
Kann man für Geld und gute Worte einen Becher Thee und ein Stück Damper
bekommen?«
»Für Geld nicht, für gute Worte ja,« sagte der Buschrähndscher, der
den Gast aber noch immer aufmerksam betrachtete. »Ihr seid ein Seemann,
wie?«
»Ein Stück von einem,« lachte Tolmer.
»Irgend wo ausgekniffen, he?«
»Mit französischem Urlaub, ja; von einem Handels-Schooner, der hier
anlegte. Hol' der Teufel das Wergzupfen an Bord! Findet sich denn wohl
einmal Gelegenheit, von hier nach dem festen Lande hinüberzukommen?«
»Möglich,« sagte der Buschrähndscher, »habe mich noch verwünscht wenig
darum gekümmert.«
»Damper ist fertig,« brummte jetzt Einer der Anderen, der das
Kochgeschäft besorgte. Der, mit dem Tolmer bis jetzt gesprochen, wandte
sich wieder zu ihm und sagte:
»Setzt Euch zum Feuer nieder und eßt mit, was wir haben.«
»Dank' Euch,« meinte Tolmer, »werde mir das nicht zwei Mal sagen lassen.
Wetter noch eins, ich habe den Rheumatismus in den Rücken gekriegt, und
gräßliche Schmerzen; vielleicht daß es die Hitze wieder herauszieht. Mit
Euerer Erlaubniß,« und mit den Worten kauerte er sich ohne Weiteres beim
Feuer nieder, aber so, daß er demselben den Rücken zudrehte und die bei
Seite gestellten Gewehre dabei im Auge behielt. Es war ihm aber auch
nicht entgangen, daß der Schwarze, der etwas abseits vom Feuer saß, ein
paar Mal schon aufmerksam auf irgend ein Geräusch wurde und den Kopf
dann jedes Mal horchend emporhob. Glücklicher Weise nahm aber das gerade
fertig gewordene Abendbrod die Aufmerksamkeit der Buschrähndscher
für den Augenblick in Anspruch, und Alle setzten sich zum Feuer, den
Wortführer ausgenommen, der zu dem Gewehre seines Gastes ging, es ohne
viele Umstände in die Höhe nahm und genau betrachtete.
»Hm, ein hübsches Stück,« sagte er dabei, »wie seid _Ihr_ dazu gekommen,
Mate, wenn Euch die Frage nicht etwa genirt? Matrosen führen sonst nicht
so leicht solche Flinten.«
»Ich habe es einmal billig von einem Franzosen gekauft,« sagte Tolmer
gleichgültig, »weiß aber jetzt nicht recht, was ich damit anfangen
soll, denn ich bin kein besonderer Schütze. Wenn ich das halbwegs dafür
wiederbekomme, was es mich gekostet hat, schlag' ich's los.«
»Und wie viel war das?«
»Dreißig Schilling, ein Spottgeld für die Flinte, aber Geld kann man
hier im Busche eher gebrauchen, wie ein Gewehr.«
»Für den Preis nehm' ich's Euch ab,« sagte der Buschrähndscher schnell,
»das ist ein Handel.«
»Meinetwegen.«
»Und Ihr nehmt Noten dagegen von den Squattern in der Nachbarschaft?«
»Noten? -- was ist das?«
»Nun, Anweisungen, so gut, wie baar Geld. Jeder nimmt sie Euch ab.« Er
blinzte dabei seinen Cameraden hinter dem Rücken des Fremden zu, und
diese lachten still und höhnisch vor sich hin. Tolmer that aber, als ob
er es nicht bemerke, sondern sagte treuherzig:
»Wenn sie so gut wie baar Geld sind, wär' ich ein Narr, wenn ich
was dawider hätte. Gott sei Dank, jetzt brauch' ich doch das alte
Schießeisen nicht mehr mit herumzuschleppen. Heute im Busch hatt'
ich zwei oder drei Mal gar nicht so übel Lust, es in das erste beste
Wasserloch zu werfen.«
»Das wäre Schade drum gewesen,« meinte der Buschrähndscher, indem er die
Flinte zu den übrigen lehnte und sich jetzt selber mit zum Feuer setzte.
Er war vortrefflicher Laune. -- »Wißt Ihr wohl, Mate,« fuhr er nach
einer Weile fort, indem er sich ein großes Stück Damper und Schaffleisch
auf die Kniee nahm, »daß mir Euer Gesicht verdammt bekannt vorkommt,
und ich habe mir schon die ganze Zeit den Kopf zerbrochen, wo ich Euch
einmal gesehen haben könnte?«
»Hier noch nicht,« sagte Tolmer, ruhig von dem Damper zulangend und sich
dem Feuer zukehrend. Dieses brannte jetzt ziemlich düster und der
Hut, den er trug, beschattete sein Gesicht ebenfalls. »Drüben am Lande
könnt's aber gewesen sein; freilich auch nicht in den letzten Jahren.
Früher war ich oft drüben.«
»Das wäre möglich!« nickte Jener. »Habt Ihr Euere Passage nach
Australien bezahlt?«
»Werde nicht so dumm sein,« lachte der vermeintliche Matrose. »Wo
sich's die Regierung so viel kosten läßt, tüchtige Ansiedler herüber zu
bekommen, soll man ihr nicht in's Handwerk pfuschen.«
»Gescheidter Gedanke, Mate, verdammt gescheidter Gedanke,« schmunzelte
der Buschrähndscher; »aber was zum Henker hat denn die Schwarzhaut da zu
horchen? -- na, was gibt's, Schneeball?«
Tolmer's Herz schlug, daß es ihm die Brust zu zersprengen drohte. Er
wußte, daß seine Leute jetzt dicht am Lager waren, und jedenfalls hatte
der schwarze Bursche mit seinen viel schärferen Sinnen etwas von ihnen
gehört oder gesehen.
»=Me, make a light, flourbag=,«[6] sagte der Eingeborene in seinem
englisch sein sollenden Dialekte.
[6] =Make a light=, mach ein Licht, für: sehen; =flourbag=, Mehlsack
-- Alles was weiß ist, in dem wunderlich gebrochenen und verstümmelten
Englisch, das die Eingeborenen von den weißen Arbeitern lernen.
Tolmer stand langsam auf und trat zum Feuer, um es ein wenig
zusammenzustoßen. Er stand jetzt nur zwei Schritte von den Gewehren.
»So? -- Du hast was Weißes gesehen?« sagte der Buschrähndscher, mit den
Augen der Richtung folgend, nach der der Arm des Schwarzen deutete.
»Ich werde einmal hinschießen,« sagte jetzt Tolmer, und mit den
Worten drehte er sich um, griff sein Gewehr auf und spannte zugleich
geräuschlos die Hähne.
»Bah, mach' keinen Unsinn, Mate,« sagte aber der Buschrähndscher, der
keine Ahnung hatte, daß ihnen hier Gefahr drohen könne. »Wer weiß, was
der Bursche gesehen hat.«
»Vielleicht war's ein Opossum,« meinte Tolmer.
»Möglich,« sagte der Andere, »setzt Euer Gewehr hin.«
»Habt Ihr schon gehört, wie man ein Opossum lockt?« frug Tolmer
jetzt. -- Er war todtenbleich geworden, denn er wußte, daß der nächste
Augenblick der entscheidende sein mußte.
»Ein Opossum? -- Was zum Donnerwetter hat denn nur der schwarze Bursche?
Etwas muß im Winde sein,« und unwillkürlich machte er einen Schritt den
Gewehren zu, während der Eingeborene seine Lanze aufgriff und scheu und
vorsichtig vom Feuer zurückglitt.
»Ich will's Euch zeigen, Mate,« sagte Tolmer, und in dem Moment gellte
ein schriller Pfiff durch den Wald.
»Verrath!« schrie der Buschrähndscher und sprang nach den Gewehren.
»Wer sich bewegt, ist eine Leiche!« rief Tolmer mit Donnerstimme, die
eigene Waffe an den Backen reißend, und von allen Seiten sprangen
die Seinen auch schon herbei, während die Buschrähndscher, förmlich
überrumpelt, im ersten Schrecken nicht wußten, ob sie fliehen oder sich
vertheidigen sollten.
Tolmer, so viel wie möglich unnöthiges Blutvergießen zu vermeiden, schoß
nicht, und nur als der Anführer der Schaar an ihm vorbeifuhr, um seine
Waffe aufzugreifen, hielt er ihm sein Bein vor und der Buschrähndscher
stürzte wie im Fluge nach vorn, alle vier Gewehre mit sich zu Boden
reißend. Im nächsten Augenblicke saß ihm aber schon Borris auf dem
Nacken, und während diesen der Matrose unterstützte, den wüthend um sich
Schlagenden zu binden und unschädlich zu machen, fanden sich die anderen
drei von Bewaffneten umstellt und jede Flucht abgeschnitten. -- Was auch
hätten sie im Busche ohne Gewehre anfangen wollen?
Der Schwarze war gleich bei dem ersten Anprall der Polizei -- vielleicht
auch schon vorher -- spurlos im Busche verschwunden.
Zehn Minuten später staken die Buschrähndscher in Handschellen. Es war
aber zu gewagt, sie in dunkler Nacht durch den Busch zu transportiren,
wo doch Einer oder der Andere Gelegenheit gefunden hätte, zu entkommen.
Tolmer beschloß also, die Nacht dort mit ausgestellten Wachen im Lager
zu bleiben und die Gefangenen erst am nächsten Morgen hinüber zum
Schooner zu transportiren.
»Jetzt weiß ich auch, Mate, wo ich Euer blutiges Gesicht schon
einmal gesehen habe,« zischte der alte Buschrähndscher durch die
zusammengebissenen Zähne, als er eine Stunde später neben seinen
Cameraden und unter einer Aufsicht, die jeder Flucht spottete, am Feuer
lag.
»Denk's auch, Tomlins,« lachte Tolmer, »ich hatte aber gleich vom
Anfange an ein besseres Gedächtniß. Weil ich jetzt keinen Bart trage,
seid Ihr irr geworden.«
»Hol' Euch der Teufel,« brummte der Gefangene und warf sich auf die
andere Seite.
Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch war die kleine Truppe marschfertig
und erreichte etwa dritthalb Stunden später den Schooner, in dem die
Gefangenen einquartiert wurden. Tolmer aber, jetzt fest entschlossen,
sein Aeußerstes zu versuchen, auch den noch flüchtigen Mulligan wieder
einzubringen, wollte sich doch nicht der Gefahr aussetzen, daß bei
einem längeren Aufenthalte an der Insel die bisher gemachten Gefangenen
vielleicht Gelegenheit fänden, ihre Freiheit wieder zu erlangen.
Derartige Menschen, mit Nichts zu verlieren und Alles zu gewinnen,
hatten sich schon aus schwierigeren Lagen befreit, und er befahl dem
Schooner deshalb, mit zwei von seinen Leuten als Wache an Bord, ohne
Weiteres wieder unter Segel zu gehen und diese kostbare Ladung erst
einmal an das County-Gefängniß abzuliefern. Dann sollte er ohne Zögern
wieder umkehren, sie selber abzuholen oder vor Anker zu bleiben, bis sie
an Bord kämen.
Tolmer behielt, nachdem er zwei von seinen Leuten der Schoonermannschaft
beigegeben, noch, mit Borris, sieben Mann und den Matrosen. Der Seemann
hatte sich freilich mit auf dem Schooner einschiffen wollen, Tolmer
war aber viel zu vorsichtig, das zuzugeben, denn er wußte nicht, ob
er vielleicht mit ein oder dem anderen der Gefangenen schon früher
Bekanntschaft gemacht hätte, und wollte sich nicht muthwillig selber
einen Helfershelfer für die Schaar in das Fahrzeug setzen. Mit _ihnen_
versprach er ihm aber freie Passage nach Adelaide, wenn er sie dahin
begleiten wolle.
Nun galt es vor allen Dingen, den jetzigen Aufenthaltsort John
Mulligan's herauszubekommen, und das schien viel schwerer, als es Tolmer
im Anfange erwartet hatte.
Mulligan war mit allen Schlichwegen der Insel genau bekannt, und
Lindsay, an den er sich wieder wandte, versicherte ihm von vornherein,
daß es ein verzweifeltes und völlig nutzloses Unternehmen sei, dem
kecken und verwegenen Burschen auf diese Weise nachzustellen. Er schien
es dabei nicht einmal gern zu sehen, daß ihn Tolmer auf seiner Station
besuchte, denn wie leicht konnte Mulligan das durch irgend einen seiner
eigenen Leute erfahren und dann, in dem Glauben, der Stationshalter
stecke mit der Polizei unter einer Decke, Rache an ihm nehmen.
Tolmer sah bald, daß mit dem Manne nichts anzufangen war, und doch
gewöhnt fast stets auf eigene Hand zu handeln, schrak er auch vor einer
solchen Aufgabe nicht zurück.
So viel schien gewiß, daß Mulligan, nachdem sie die übrige Bande
glücklich überlistet, keine weiteren Begleiter mehr hatte, auf deren
Hülfe er sich verlassen konnte.
In seine alte Hütte war er übrigens nicht wieder zurückgekehrt, und
Tolmer, um seine beiden Wachen nicht länger dort unnütz zu verwenden,
ließ das Nest in Brand stecken. Hatte der Buschrähndscher dann noch
irgend etwas darin versteckt oder vergraben, so sollte es ihm wenigstens
schwer werden, es wiederzufinden.
Außerdem entwarf Tolmer einen anderen Plan. Er schickte nämlich
seine Mannschaft als Bündelleute vereinzelt auf alle Stationen in der
Nachbarschaft, sich dort zu zerstreuen und selber auf den verschiedenen
Stellen die Nachricht zu verbreiten, daß die Polizei gelandet wäre und
die Buschrähndscher aufgehoben hätte. Während sie sich natürlich unter
die Arbeiter mischten, erfuhren sie dann vielleicht, ob der flüchtige
Verbrecher wohl irgendwo gesehen worden.
Am zweiten Tage hatten sich aber Alle wieder in der Nähe der verbrannten
Hütte einzufinden, um gemeinschaftlich zu operiren.
Der Plan mochte ganz gut sein, erwies sich aber als erfolglos.
Allerdings brachten die Leute von drei, vier verschiedenen Seiten
die Nachricht mit, Mulligan sei dort in der Nähe gesehen worden. Die
wahrscheinlichsten dieser Stellen wurden auch untersucht, doch ohne den
geringsten Erfolg. Nicht einmal die Spur des Flüchtigen fand man, und
es blieb jetzt außerordentlich schwer, zu sagen, ob sich der
Buschrähndscher nach dem Osten oder Westen der großen Insel gewandt
habe.
Borris selber war dafür, nach dem festen Lande zurückzukehren und
lieber wieder hierher zu kommen, wenn Mulligan auf's Neue irgendwo einen
bestimmten Aufenthalt genommen. Tolmer aber, starr wie immer den einmal
gefaßten Plan im Auge, wollte davon nichts hören und gedachte einen
anderen Versuch zu machen.
Er theilte seine Leute in zwei Trupps -- den einen von fünf Mann unter
Borris' Führung schickte er nach Osten zu und die anderen, wie den
Matrosen, der sich freiwillig erboten hatte ihnen beizustehen, behielt
er bei sich, um damit nach Westen hin die Insel abzusuchen. In vier
Tagen spätestens sollten Alle wieder am Schooner zusammentreffen, und
hatten sie den Flüchtigen dann nicht eingefangen, so wollten sie die
Jagd für dies Mal aufgeben.
Borris schüttelte den Kopf zu dem ganzen Unternehmen, denn er
kannte besser wie sein Vorgesetzter, das Innere der Insel und die
Schwierigkeit, darin von einer Stelle zur andern zu gelangen. Tolmer
aber, Feuer und Flamme für den jetzt entworfenen Plan, ließ keine
Einrede gelten, und die beiden Parteien trennten sich noch an demselben
Morgen.
Einem schmalen Kuhpfade folgend, wanderte Tolmer mit seinen Leuten
ab, gerieth aber bald in ein so furchtbares Dickicht von jenen
nichtswürdigen Känguruhdornen, von denen das ganze Innere der Insel
überwuchert war, daß sie sich nur mit Mühe und Noth einen Weg seitwärts
hindurch und mehr der Küste zu brechen konnten. Was sollten sie auch in
einem solchen Dickicht, in dem Mulligan selber nicht fortkonnte, sich
also auch wohl hüten würde es zu betreten.
Ziemlich erschöpft und ohne den ganzen Tag ein lebendes Wesen
angetroffen zu haben, erreichten sie Abends einen kleinen Bach
und lagerten dort, und Tolmer sah jetzt die Unmöglichkeit ein, das
eigentliche Innere des Busches, wie er beabsichtigt hatte, abzusuchen.
Es blieb ihm nichts übrig, als sich auf die besiedelten oder doch
wenigstens zugänglichen Theile der Küste zu beschränken.
Gegen Morgen hörten sie einen Hund bellen; schon am letzten Abend hatten
sie Schafspuren gefunden und es ließ sich erwarten, daß sie wenigstens
nach der Richtung und in der Nähe des Trinkwassers eine Schäferhütte
finden würden. Darin hatten sie sich auch nicht geirrt. Als sie nach
rasch eingenommenem Frühstück dorthin aufbrachen, fanden sie mitten im
Busch, aber an einer von Dornen vollkommen freien Stelle, eine kleine
Rindenhütte liegen, und Tolmer ließ seine Leute noch zurück, erst selber
allein den Platz zu recognosciren.
Der Schäfer war mit seiner Heerde schon vor einer Stunde ausgezogen, den
Hutkeeper oder Hüttenwächter fand Tolmer aber gerade beschäftigt, die
gewöhnlichen Damper zu backen, und ließ sich mit ihm in ein Gespräch
ein.
»Holla, Mate,« sagte er nach einer Weile, als er am Feuer saß und
den für ihn rasch warmgestellten Becher Thee trank, »Ihr seid ja hier
außerordentlich fleißig mit Brodbacken. Da stehen, wie ich sehe, zwei
große fertige Damper, hier unter der Asche liegt auch noch einer und Ihr
rührt schon wieder frische an. Macht Ihr sie zum Verkauf?«
»Ja, schön zum Verkauf,« sagte der eben nicht besonders appetitlich
aussehende Bursche mit einem Kernfluche, »ein prächtiger Platz wär'
das hier im Busche zum Verkauf, wo man das ganze gesegnete Jahr keinen
blanken Schilling zu sehen bekommt. _Die_ Käufer, die hierher kommen,
soll überhaupt der Teufel holen, sobald er Lust hat, und wenn meine Zeit
um ist, will ich verbrannt werden, wenn ich nur eine Stunde länger in
den blutigen Dornen sitzen bleibe.«
»Es treibt sich hier viel Gesindel im Busche herum, wie?« warf Tolmer
hin.
Der Hutkeeper sah ihn mißtrauisch von der Seite an und meinte dann:
»O, Gott bewahre; es sind _lauter_ Gentlemen und noch dazu Menschen, wie
die Kinder; was sie sehen, wollen sie haben.«
»Seid Ihr kürzlich belästigt worden?« frug Tolmer, der nicht mit Unrecht
glaubte, daß er von dem Hutkeeper für nichts Besseres, als eben auch für
einen Buschrähndscher gehalten würde.
»Ich will Euch was sagen, Fremder,« meinte da der Bursche, indem er sich
von seiner Arbeit aufrichtete und die mehlbedeckten Fäuste zur Seite von
sich hielt, »es ist ein altes Gesetz, im Busche sich -- das Maul nicht
zu verbrennen -- an heißen Blechbechern mein' ich -- Ihr versteht mich
schon.«
»Nichts für ungut, Freund.«
»Bitte, bemüht Euch nicht,« meinte der Hutkeeper trocken. »Es könnte
sein, daß morgen Jemand käme und nach _Euch_ früge, und dann wär's Euch
auch vielleicht angenehm, wenn ich ein kurzes Gedächtniß hätte.«
Tolmer lachte. Mit der Politik derartiger Buschleute aber vollkommen
vertraut, kannte er recht gut die Triebfedern, die ihn zum Schweigen
brachten, und er lenkte das Gespräch auf etwas Anderes, um erst einmal
herauszubekommen, mit wem er es hier zu thun habe. War es ein früherer
Sträfling, dann ließ sich freilich nicht viel von ihm erwarten, doch
sah er ihm zu jung dafür aus und vorsichtige Fragen konnten das bald
aufklären. Tolmer hatte sich auch nicht in seinem Manne geirrt. Jim
Riddle war erst vor zwei Jahren mit einem Auswandererschiffe als freier
Mann nach Australien gekommen, hier sein »Glück zu machen« -- nicht
»Damper für alles blutige Gesindel im Busche zu backen«, wie er
hinzusetzte, und schien das ganze Land schon so satt zu haben, daß er je
eher je lieber wieder nach Alt-England zurückgekehrt wäre, wenn er eben
gewußt hätte, womit.
Einmal darüber im Reinen nahm Tolmer keinen Anstand länger, dem
Hutkeeper zu sagen, wer er selber sei und weshalb er auf die Insel
gekommen wäre -- diese nämlich von der Plage herumstreifenden Gesindels
zu befreien. Er rief dann seine Leute herbei, die der Hutkeeper aber
immer noch mißtrauisch betrachtete, denn sie sahen ihm nicht aus wie
Polizei, und erst als ihm Tolmer seine Vollmacht vorlegte, die das große
Regierungssiegel trug, wurde er überzeugt.
»Dann ist's recht,« sagte er, mit einem kräftigen Hiebe die rechte
geballte Faust in die linke schlagend, daß der Mehlbrei überall
umherspritzte, »dann hab' ich nichts dagegen, und ich gönne Euch
die Gesellschaft des unheimlichen Burschen, der hier seit zwei Tagen
herumkriecht, von ganzem Herzen.«
Und nun erzählte er mit einfachen und kurzen Worten, daß vorgestern ein
Mann, dessen Beschreibung Tolmer keinen Zweifel ließ, Mulligan sei damit
gemeint, zu ihm in die Hütte gekommen wäre, und Essen und Tabak verlangt
hätte. Der Fremde trug eine Muskete und sah wild und zerfetzt genug aus.
Jim Riddle gab ihm beides, um ihn nur loszuwerden. Gestern aber war er
wieder gekommen, sich neuen Vorrath zu holen, und hatte ihm mit allem
Möglichen gedroht, wenn er an irgend Jemand durch eine Sylbe verrathe,
daß er bei ihm gewesen. Ja, noch mehr, er verlangte von dem Hutkeeper,
der selber keine Waffen hatte sich zu widersetzen, daß er ihm von jetzt
an, die nächsten Tage wenigstens, einen besonderen Damper backe, und ihm
denselben mit Fleisch und Thee nicht weit von dort in den Busch bringe.
Er mußte selber mit ihm gehen, daß er ihm die Stelle zeigen konnte.
Wahrscheinlich wollte sich der Buschrähndscher nicht wieder der Gefahr
aussetzen, an eine fremde Hütte anzulaufen, in der recht gut Feinde
versteckt sein konnten; wußte er ja doch jetzt, daß ihm die Polizei auf
der Fährte war.
Jim Riddle hatte natürlich den verzweifelten Menschen gefürchtet, dessen
Haß und Rache er sich hier nicht allein und hülflos aussetzen mochte.
Mit der Polizei zum Schutz war er aber froh, solch einen lästigen
Brodverzehrer los zu werden und vielleicht unschädlich gemacht zu
sehen, und zeigte sich jetzt augenblicklich bereit, Tolmer zu der
Stelle hinzuführen, an der er die bestimmten Lebensmittel für den
Buschrähndscher verbergen sollte.
Rasch hatte er alles Nöthige zusammengepackt und wanderte jetzt mit den
Polizeileuten in den Busch hinein, etwa vier- oder fünfhundert Schritt
von der Hütte, wo eine kleine Lichtung lag. Es standen dort nur wenige
Bäume, dicht daran grenzte aber ein Dickicht, und der Platz war in
sofern vortrefflich ausgesucht, als der Flüchtling, von den Büschen
gedeckt, unbemerkt herankommen und leicht übersehen konnte, ob ihm in
der Nähe irgend eine Gefahr drohe.
Tolmer beschloß ohne Weiteres auf ihn zu warten, denn es war
augenscheinlich, daß der Buschrähndscher hier in der Nähe keine andere
Stelle hatte, an der er Nahrungsmittel zu bekommen wußte. Er ließ
deshalb die Speisen so hinstellen, daß sie der Anschleichende von Weitem
sehen konnte, und verbarg dann seine Leute dem Dickicht gegenüber
hinter Bäumen und eingesteckten Büschen, so gut das irgend gehen wollte.
Außerdem gab er ihnen bestimmte Ordre, den Flüchtling erst vollständig
herauszulassen und nur im äußersten Nothfall auf ihn zu schießen, da er
ihn lebendig zu fangen wünschte.
Er selbst legte sich hinter die Wurzel eines umgestürzten Gumbaumes, der
Stelle gerade gegenüber, die er für den wahrscheinlichsten Wechsel des
Räubers hielt, und erwartete nun geduldig dessen Nahen.
Der Hutkeeper war wieder in die Hütte zurückgeschickt, und sehr
zufrieden mit der Aussicht, von einer Nachbarschaft befreit zu werden,
die ihm mit der Zeit nur verderblich werden mußte.
Es mochte etwa eine Stunde vergangen sein; er hatte sein Brodbacken
lange beendigt, die Laibe auf dem an der Wand stehenden Tisch
aufgestellt, seine Hütte nothdürftig ein wenig ausgekehrt, und lag jetzt
auf einer alten wollenen Decke behaglich ausgestreckt am Feuer, das
langweilige Buschleben in Australien verwünschend, als er draußen vor
der Hütte einen Schritt hörte.
»Haben sie ihn schon?« dachte er bei sich, als er rasch den Kopf der
Thür zudrehte -- draußen stand Jemand, aber er öffnete nicht. »Wer ist
da?« rief der junge Bursche, von seiner Decke emporspringend, aber er
sollte nicht lange in Zweifel gelassen werden, denn schon im nächsten
Augenblick ging die Thür auf und -- der Buschrähndscher stand auf der
Schwelle.
»Hallo, Jim, wie geht's?« sagte der Mann, indem er einen gierigen
Blick nach dem Brod hinüber warf -- »habt wieder einen hübschen Vorrath
eingelegt. Das ist recht -- wollte nur noch einmal nachfragen, ob Ihr
meinen Wunsch nicht vergessen hättet, da die Luft noch rein ist --
schaute nur erst einmal durch die Ritzen, ob Ihr allein wäret.«
»Wer soll einen hier in dem blutigen Busch besuchen?« sagte der junge
Bursch, der fühlte, daß er erblaßt sein mußte, und sich rasch zum Feuer
niederbog, seine Bewegung zu verbergen.
»Nun,« lachte der Buschrähndscher, »gelt ich nicht als Besuch? Aber
das ist brav -- rückt den Theetopf zum Feuer, und laßt mich 'was Warmes
haben. Ich bin so ein wenig in Eile und möchte wieder fort.«
Er war wieder zur Thür gegangen, neben der er seine Muskete an die Wand
lehnte, und sah durch die Spalten derselben in's Freie.
»_Doppelte_ Portionen?« sagte Jim, der sich indessen wieder gesammelt
hatte. »Erst laßt Ihr Euch Euer Essen in den Busch tragen, weil's Euch
nicht gefällig ist, es hier zu verzehren, und dann kommt Ihr auch noch
hierher um eine andere Mahlzeit. Zum Henker auch, Mate, Ihr wißt doch
eben so gut wie ich, daß wir hier im Busch nicht aus dem großen Sack
leben, sondern vom Master unsere bestimmten Rationen bekommen, mit
denen wir haushalten müssen. Sind die verzehrt, wo hernehmen und nicht
stehlen?«
»Nur nicht hitzig, Mate,« sagte der Buschrähndscher, während er sich
ruhig an den Tisch setzte, ein Stück von dem frischen Damper abschnitt
und sich den Teller herüberzog, auf dem noch einige Scheiben kaltes
Hammelfleisch lagen. »Ihr habt doch nicht heute schon das Brod
hinausgeschafft?«
»Gewiß hab' ich,« sagte der Hutkeeper. »Es liegt an der Stelle, die Ihr
mir gestern angegeben, und Fleisch dazu und ein Becher Thee.«
»Hm,« meinte der Buschrähndscher, mit vollen Backen dabei kauend -- »das
mit dem Thee ist unbequem. Da, füllt mir einmal das kleine Säckchen mit
trockenem Thee -- einen Becher hab' ich selbst, und will ihn mir dann
lieber draußen kochen. Hier ist auch ein Beutel für Zucker, bin gerade
jetzt ein wenig knapp mit Provisionen.«
»Und die Provisionen draußen?« frug Jim Riddle, der unschlüssig die ihm
überreichten kleinen Leinwandsäcke in der Hand behielt.
»Die nehme ich auf dem Rückweg mit,« sagte Mulligan vollkommen
kaltblütig, »macht Euch keine Sorge deshalb, Mate, gegessen wird's und
ich weiß, Ihr gebt's gern, wenn Ihr auch jetzt ein verdammt albernes
Gesicht dazu schneidet. Aber eilt Euch ein wenig, ich habe weder Lust
noch Zeit, mich hier eine Stunde zu Euch herzusetzen.«
Jim wußte wirklich nicht gleich, was er thun sollte. Draußen lagen die
Polizeileute auf der Lauer und hier saß der Bursche bei ihm in der Hütte
so behaglich und daheim, als ob er der Stations-Eigenthümer wäre und nur
eben einmal, auf Besuch, seine Heerden revidiren wolle. Böse durfte er
ihn aber auch nicht machen, und wenn er ihm jetzt das Verlangte gab,
was that's? ging er doch dann hinaus, sich die anderen Lebensmittel
abzuholen, und mußte dann jedenfalls der Polizei in die Hände fallen --
nachher bekam er Alles wieder. Zeit war's aber in der That, daß _dem_
frechen Gesellen das Handwerk einmal gelegt würde.
Der Buschrähndscher blieb indessen nicht ruhig am Tische sitzen, sondern
warf immer dann und wann einmal wieder einen Blick hinaus, ob die Luft
noch rein sei, beendete aber nichtsdestoweniger in aller Ruhe seine
Mahlzeit und erst, als Jim ihm das Verlangte in die Leinwandbeutel
gegeben hatte, sagte er:
»So, dank' Euch Mate, und zum Beweis, daß ich es gut mit Euch meine,
noch eine Warnung. Es sind nämlich von drüben eine Anzahl von Spionen
herübergekommen, die sich hier um lauter Sachen bekümmern, die sie
nichts angehen. Wenn sie hier zu _Euch_ kommen sollten, versteht Ihr
mich, _so wißt Ihr nicht, daß ich auf der Welt bin_. Soll ich Euch
deutlicher sagen, was ich meine?«
»Dank' Euch, das thut's,« entgegnete mürrisch der junge Bursch.
»Es freut mich, daß Ihr so rasch begreift,« sagte Mulligan. »Ihr seid
gefällig gegen mich gewesen, und es wäre mir unangenehm, wenn ich Euch
ein Leides thun müßte. Fangen thun sie mich doch nicht, und wenn sie die
Insel wieder verlassen haben, sind _wir Beide_ immer noch zusammen.«
Er war wieder aufgestanden, steckte das Erhaltene ohne Weiteres vorn in
sein Buschhemd, nahm seine Muskete auf und trat in die Thür.
»Merkwürdig schwüle Luft heute,« sagte er, indem er erst nach dem Himmel
hinauf und dann auf den Hutkeeper sah. »Ihr seid auch verdammt still
heute, Mate. Ich glaube beinahe, Ihr seid krank, denn Ihr seht käseweiß
im Gesicht aus.«
»Ich? -- mir fehlt nichts,« erwiderte der Hutkeeper, der um Alles in der
Welt den Buschrähndscher nicht mochte merken lassen, was in ihm vorging.
»Ich will Euch was sagen, Mate,« bemerkte dieser nach einer kleinen
Weile, in der er ihn scharf und mißtrauisch beobachtet hatte, »ein
kurzer Spaziergang wird Euch gut thun. Wie wär's, wenn Ihr mich ein
Stück begleitetet, nur bis dorthin, wo das Essen liegt?«
»Ich kann die Hütte nicht verlassen,« rief der junge Bursch,
unwillkürlich drehte er sich aber nach dem Buschrähndscher um -- hatte
dieser Verdacht geschöpft?
John Mulligan fing den Blick auf und fühlte im Nu, daß hier nicht Alles
in Ordnung sei. Gewohnt aber, jeder Gefahr kaltblütig zu begegnen, und
neu gestärkt von der tüchtigen Mahlzeit, die er gehalten, ließ er sich
nichts merken, sondern sagte nur gleichgültig:
»Ich weiß jetzt wahrhaftig gar nicht mehr, _welchen_ Platz ich Euch
für die Provisionen bestimmt hatte. Zeigt mir nur die Stelle; die
Verantwortlichkeit, Euere Hütte verlassen zu haben, nehm' ich auf mich.«
»Ihr habt gut auf Euch nehmen,« brummte Jim.
»Weshalb ist es Euch denn auf einmal so fatal, mit mir zu gehen, he?«
frug da der Buschrähndscher, ihn scharf fixirend.
»Fatal? -- gar nicht,« sagte Jim, anscheinend gleichgültig, denn er
durfte den Menschen nicht mißtrauisch machen. »Meinetwegen, wenn _Euch_
ein Gefalle damit geschieht. Aber dann kommt auch, daß ich bald wieder
zurück sein kann.«
»Erwartet Ihr Besuch?«
»Ja, den Schäfer und seinen Hund,« brummte Jim, »das ist der ganze
blutige Besuch, den man _hier_ in der Wildniß erwarten kann.« Und mit
den Worten seinen alten Strohhut aufgreifend, schritt er der Thür zu,
den Buschrähndscher, wie er es verlangte, zu begleiten.
Jim hatte dabei aber auch seinen eigenen Plan entworfen. Die Sache war
zu einer Krisis gediehen, und in wenigen Minuten wußte der Räuber, daß
er von ihm verrathen worden. Jetzt galt es deshalb, ihn unschädlich zu
machen, und selber von derber Körperkraft, wenn auch John Mulligan
im Einzelkampfe vielleicht nicht gewachsen, wollte er jedenfalls
das Seinige dazu beitragen, ihn fest zu bekommen. Dicht neben dem
Buschrähndscher schritt er deshalb hin, sobald sie den im Hinterhalte
liegenden Polizeileuten nahe genug kämen, ihn zu fassen. So lange,
bis er Hülfe bekam, wußte er recht gut, daß er ihn halten konnte. John
Mulligan hatte aber einmal Verdacht geschöpft und war nicht _so_ leicht
überlistet. Wie sie deshalb ein Stück vom Hause fort sich dem Busche
näherten, sagte er.
»Wißt Ihr was, Mate, geht Ihr voran. Ihr kennt den Weg besser.«
»Und Ihr mit dem geladenen Gewehre hinterdrein?« entgegnete der
Hutkeeper, dem der Vorschlag nicht im Mindesten gefiel.
»Ich thu' Euch nichts, habt keine Angst,« lachte der Buschrähndscher,
aber jetzt schon mit vorsichtig gedämpfter Stimme. »Ihr seid ja mein
_Freund,_ versteht Ihr, und bis ich nicht Beweise vom Gegentheil
erhalte, habt Ihr nichts zu fürchten. -- Nun? -- wird's bald?«
Jim Riddle mochte sich nicht widersetzen, denn sie waren noch zu weit
von Hülfe entfernt. Mürrisch steckte er deshalb die Hände in die Taschen
und schlenderte voraus. Aufmerksam aber spähte er dabei überall umher,
ob er noch keinen der ausgelegten Posten erkennen könne -- sie _mußten_
jetzt in deren Nähe sein.
John Mulligan gebrauchte indessen ebenfalls seine Augen, denn das ganze
Benehmen seines Führers fiel ihm auf. Er konnte aber nirgends etwas
Verdächtiges oder Außergewöhnliches erkennen -- und doch lag einer der
Polizisten jetzt kaum etwa funfzig Schritt von ihm entfernt auf dem
Bauche, horchte den nahenden Schritten und wunderte sich, wer in aller
Welt von _der_ Richtung her zu ihnen kommen könne.
Jim Riddle sah jetzt den umgestürzten Gumbaum, an dessen Wurzel er den
Anführer der Polizei versteckt wußte. Weiter durfte er nicht _vor_ dem
geladenen Gewehre des gefährlichen Burschen an die Fremden herangehen,
denn wer wußte, ob er _ihn_ nicht gerade aus Wuth und Rache am
allerersten niedergeschossen hätte. Er blieb stehen und sich halb
trotzig, halb mürrisch gegen den Buschrähndscher wendend, sagte er:
»Da, dort drüben ist der Platz; jetzt könnt Ihr ihn allein finden;
überhaupt denk' ich, daß Ihr im Busche besser Bescheid wißt, wie ich.«
»Das könnte sein, mein Bursche,« flüsterte der Buschrähndscher, die
Worte aber, die er sprach, selber nicht beachtend. Sein Blick hing an
einem Gumbusche, der _so_ nicht gewachsen war, wie er da halb umgefallen
stand, und dicht daneben lag ein dunkler Fleck, aus dem er ebenfalls
nicht klug werden konnte. So nur den Arm gegen den Hutkeeper
ausstreckend, ohne sein Auge von dem verdächtigen Gegenstande
abzuwenden, fuhr er fort: »Halt, bleibt einen Augenblick hier, Jimmy.
Seht einmal, was ist das dort drüben, Camerad?«
Jim Riddle warf einen Blick dort hinüber. Der Buschrähndscher hatte
Verdacht geschöpft, und das war vielleicht der letzte ihm gegebene
Moment, den Verbrecher zu fassen und sich selbst vor seiner Rache zu
schützen.
»Wo?« fragte er und trat dicht an den Räuber heran.
»Dort drü--«
Er beendete seine Worte nicht, denn Jim, im Triebe der Selbsterhaltung,
warf sich auf ihn, ergriff mit der einen Hand die Muskete, mit dem
anderen Arme umschlang er den von ihm Abprallenden und stieß dazu ein
gellendes Hülfegeschrei aus.
Tolmer hatte indessen von da, wo er lag, die Beiden kommen sehen und
ahnte leicht den Zusammenhang, war aber auch nicht im Stande, irgend
etwas Anderes zu thun, als still und regungslos liegen zu bleiben. Er
wußte recht gut, daß der Buschrähndscher augenblicklich einen Hinterhalt
vermuthen würde, so wie er das Geringste sich bewegen sähe, und
seine einzige Aussicht auf Erfolg war, ihn so nahe als irgend möglich
herankommen zu lassen. Einmal erst nur an den Außenposten vorbei, und er
konnte ihnen doch nicht mehr entgehen.
Der schlaue Buschrähndscher ließ sich aber nicht so leicht überlisten,
und nur erst der drohende und verzweifelte Angriff des Hutkeeper's
schien alle seine Vorsicht unnütz gemacht zu haben.
Bei dem Hülfeschreien desselben sprangen nämlich die versteckten
Polizeisoldaten fast zugleich aus ihrem Hinterhalte in die Höhe. Tolmer
selbst lief, was er laufen konnte, der Stelle zu, wo Jim Riddle sich
an den Buschrähndscher angeklammert hatte und dieser ihn vergebens von
seinen Füßen und auf die Erde zu bringen suchte. Dem Sträfling lag vor
allen Dingen daran, sein Gewehr frei zu bekommen, und in der ersten
Ueberraschung des Angriffs hatte er nicht einmal die von allen
Seiten auftauchenden Feinde bemerkt. Ein einziger Blick auf die
herbeispringenden Gestalten genügte aber, ihm die ganze Gefahr seiner
Lage zu verrathen, und mit einem wilden Fluge den Hutkeeper mit der
Faust gegen die Stirn schlagend, daß dieser halb betäubt in
seinem Griffe nachließ, gelang es ihm wenigstens, sich von dem ihn
umklammernden Arme für einen Augenblick frei zu machen -- aber das
Gewehr ließ Jim nicht los.
Wieder führte der Buschrähndscher einen wilden Hieb nach den Schläfen
des jungen Burschen, der ihm hätte verderblich werden können. Jim aber
verstand genug von der edeln Kunst der »Selbstvertheidigung«, den Schlag
zu pariren, und rechts und links sprangen jetzt die Feinde herbei,
ihm den Weg nach beiden Seiten abzuschneiden. Er _mußte_ fliehen, und
während er die Muskete losließ und Jim, der mit aller Kraft daran zog,
hinten überstürzte, sprang der Buschrähndscher schräg ab den nächsten
Bäumen zu, die er in wenigen Sätzen erreichte und nun zwischen sich und
seinen Verfolgern behielt, um vor ihren Kugeln geschützt zu sein.
»Feuer!« schrie Tolmer, der für einen erfolgreichen Schrotschuß noch zu
weit entfernt war, »Feuer!«
Die Polizeisoldaten hatten bis jetzt nicht schießen dürfen, da sie eben
so leicht den Buschrähndscher, wie den Hutkeeper treffen konnten. Jetzt,
da sie Beide getrennt sahen, sprangen sie zur Seite, freies Ziel auf den
Flüchtigen zu bekommen, und zwei oder drei Kugeln knallten hinter ihm
drein. Einmal war es, als ob er getroffen wäre. Er »zeichnete«, wie die
Jäger sagen, aber es war nur ein Moment; im nächsten Augenblicke warf
er sich in ein dickes Gebüsch, das ihn vollständig verbarg, und
alles weitere Suchen dort nach ihm blieb erfolglos. Er war und blieb
verschwunden.
Wohl hatte ihn Jim, da er ihm die Waffe entrissen, für den Augenblick
unschädlich gemacht, aber wie leicht konnte sich der verwegene Mensch
eine andere Flinte verschaffen, und daß er dann an dem armen Teufel von
Hutkeeper Rache nehmen würde, war gewiß. Jim Riddle stand auch, wie er
das Resultat erfuhr, rathlos und sich hinter dem Ohr kratzend neben dem
erbeuteten Gewehr und meinte:
»Na ja, da haben wir die Geschichte, gerade wie ich's mir gedacht. _Ich_
sollt' Euch die Kastanien aus dem Feuer holen und verbrenne mir die
Pfoten dabei, und jetzt sitz' ich da und kann mich freuen. Gehangen will
ich aber werden, wenn ich eine einzige blutige Stunde in dem Neste hier
noch allein sitzen bleibe, daß mich der Hallunke eines Morgens an meinem
eigenen Feuer über den Haufen schießt, wie ein Opossum, und entweder
laßt Ihr mir Wache hier, bis Ihr ihn fest habt, oder ich bin mit von der
Partie und fahre nach Adelaide hinüber.«
Jim Riddle beharrte auch auf seinem Vorsatz, und da Tolmer selbst
einsah, daß es gut sein würde, die Hütte bewacht zu halten, da Mulligan,
wenn sie ihn wirklich nicht fänden, recht gut hierher zurückkommen
könne, sich zu rächen, so beschloß er, einen Mann hier zu lassen. Sehr
erwünscht kam ihm dabei das Anerbieten des Matrosen, bei dem Hutkeeper
auszuhalten, bis sie ihn wieder abholen würden. Der Seemann hatte das
Herumkriechen im Busche schon lange satt bekommen und die Ruhe war ihm
ganz erwünscht. Durch das Gewehr des Buschrähndschers waren sie auch
bewaffnet; Tolmer ließ ihnen Pulver und Blei dazu da und ging dann mit
seinem kleinen Trupp ernstlich daran, die Verfolgung des Flüchtlings mit
allen Kräften aufzunehmen.
Eine Strecke konnten sie ihn dort, wo er in die Dornen hineingebrochen
war, spüren und an den grünen Stachelblättern fanden sie sogar an zwei
Stellen ein paar Tropfen Blut, aber nichts weiter. So wie er den mehr
offenen Wald erreicht hatte, war auf dem harten Boden kein Eindruck
mehr zu erkennen und vergebens suchten sie den Busch bis zur völligen
Dunkelheit nach allen Richtungen hin ab.
Todesmüde lagerte die kleine Schaar endlich an einem Wasserloche, das
sie mitten in einem Dickicht fanden, und zehrte von den mitgebrachten
Provisionen, am nächsten Morgen die Jagd von Neuem aufzunehmen. Aber
auch der nächste Tag brachte kein besseres Resultat und Tolmer behielt
jetzt nur die Hoffnung, daß sie den Buschrähndscher vielleicht dem
anderen Trupp unter Borris in die Hände trieben. Mulligan konnte
natürlich nicht wissen, daß er zwei Parteien auf seinen Fersen habe.
Die Leute bekamen den entsetzlichen Busch an dem Tage herzlich satt und
Einer oder der Andere versuchte schon die Andeutung, daß der Schooner
wahrscheinlich jetzt von Adelaide zurück sein und auf sie warten würde.
Tolmer blieb aber unerbittlich und wollte von dem Schooner und einem
Aufgeben seines Planes nichts wissen.
Am dritten Tage Morgens passirten sie, einem kleinen Buschpfade folgend,
der nach der Küste zuführte, wieder ein Wasserloch, und hier fanden
sie die ersten Spuren des flüchtigen Sträflings wieder. Er hatte dort
getrunken. Deutlich konnten sie am Rande der Pfütze die Eindrücke
seiner Kniee und Hände erkennen, und dicht daneben lag ein kleiner
blutbenetzter baumwollener Lappen. Er war also jedenfalls, wenn auch
nur leicht, von einer der ihm nachgesandten Kugeln verwundet worden,
und wenn sie ihn jetzt ohne Gewehr wieder antrafen, konnte er ihnen kaum
mehr entgehen.
So sehr sie das ermuthigte, in ihren Nachforschungen nicht zu ermatten,
so sehr fühlte sich Tolmer selber bald gehindert, die Verfolgung mit dem
alten Eifer fortzusetzen. Er hatte nämlich am Morgen in einen scharfen
Dorn getreten, und wenn er es auch im Anfange nicht besonders achtete,
verschlimmerte sich die Wunde durch die Anstrengung und den Staub mit
jeder Stunde dermaßen, daß er zuletzt kaum noch von der Stelle konnte.
In dem Pfade, den sie jetzt verfolgten, hatten sie noch mehrmals des
Buschrähndschers Fußspur gefunden, und Tolmer hinkte, auf den Arm eines
seiner Leute gestützt, mit, so gut er konnte, bis sie endlich in
Sicht der Küste kamen und hier eine kleine, ordentlich von Stämmen
hergerichtete Hütte, eine Art Blockhaus, fanden. Sie war allerdings
nicht bewohnt; Tolmer konnte aber nicht mehr weiter, und wie er von
seinen danach ausgeschickten Leuten hörte, daß Mulligan's Spur hier und
da im Sande zu erkennen sei und der Sträfling sich jedenfalls, um den
bösen Dornen des Inneren zu entgehen, hierher gewandt habe, seine Flucht
desto rascher nach einem entfernteren Theile der Insel fortsetzen zu
können, beschloß er, hier ein paar Stunden zu rasten und seine Leute
allein nach ihm auszuschicken.
Hatten sie bis Nachmittag um drei Uhr nichts weiter von ihm gefunden,
so sollte Einer von ihnen dem Strande folgen, um Borris und die Uebrigen
anzutreffen und herbeizuholen, und die Anderen zu ihm zurückkehren.
Die Leute wollten Tolmer mit dem bösen Fuße nicht allein lassen, er
schickte sie aber fort. Wasser floß in der Nähe und er konnte die Zeit
dann benutzen, seinen Fuß ordentlich auszuwaschen und zu verbinden.
-- Er hatte sich aber zu viel zugemuthet. Als er in die Hütte trat und
seine Decke dort auf ein leeres Bettgestell warf, überkam ihn eine ganz
ungewohnte Schwäche; der Kopf schwindelte ihm und er behielt eben
noch Zeit, seine Flinte an die Wand zu lehnen und sich auf der Decke
auszustrecken -- dann vergingen ihm die Sinne und er fiel in einen
bewußtlosen Zustand, der mehrere Stunden gedauert haben mußte.
Wie er wieder zu sich kam, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und
er ging jetzt ernstlich daran, nach seinem Fuß zu sehen und ihn zu
verbinden. Dann wollte er sich einen Becher Thee kochen, aber er fühlte
sich noch zu matt, legte sich deshalb wieder auf das Lager und sah
träumend zu dem Dach der Hütte hinauf, bis ihm die Augenlider zusanken
und er in einen leichten, stärkenden Schlaf fiel. Bei seinem Erwachen
stand ihm eine Ueberraschung bevor.
Es war ihm, als ob er seinen Namen aussprechen höre, und wie er, die
Augen halb geöffnet, unwillkürlich und ohne den Kopf zu wenden, einen
Blick nach der Thür warf, erkannte er dort die Gestalt eines Mannes, die
den Eingang verdunkelte.
Das Herz hörte ihm auf zu schlagen, aber der nächste Augenblick rief ihn
auch schon wieder zu voller Thätigkeit.
»Mr. Tolmer,« sagte die Stimme, und während er sich jetzt ganz langsam,
keinen Schreck zu verrathen, emporrichtete, sah er den Buschrähndscher
John Mulligan in der Thür stehen, seine eigene scharf geladene
Doppelflinte in der Hand, die Hähne gespannt und die Läufe auf ihn
gerichtet. Er hatte leichtsinniger Weise, als er sich wieder auf's Bett
warf, die Waffe neben der Thür stehen lassen, und sein Leben war in
diesem Augenblick in den Händen des Verbrechers und hing an dem Druck
seines Zeigefingers.
»So, Mulligan,« sagte Tolmer, mit voller Geistesgegenwart die Gefahr
überschauend, in der er sich befand, indem er die Beine von dem
Bettgestell herunterließ, ohne jedoch aufzustehen -- »_haben_ wir Euch
endlich? Den langen Marsch im Busch hättet Ihr Euch und uns ersparen
können, denn das Ihr nicht fortkämt, sobald wir nur erst einmal auf
Eurer warmen Fährte waren, _mußtet_ Ihr wissen.«
»Ihr habt _mich_?« sagte der Flüchtling, indem ein hämisches Lächeln
über seine bleichen Züge flog, »wäre nicht übel. Ihr seid in _meiner_
Gewalt, Tolmer, und was hindert mich, mit _einem_ Fingerdruck Euch Alles
abzuzahlen, was Ihr mir schon in diesem Leben angethan?«
»Die Furcht vor dem Galgen, Mulligan,« sagte Tolmer, ohne eine Miene zu
verziehen, »obgleich Ihr dem doch schwerlich entlaufen werdet. Aber
habt Ihr mich wirklich für so blödsinnig gehalten, Euch ein _geladenes_
Gewehr dort an die Thür zu stellen, und mich in die andere Ecke auf's
Bett zu legen? Die List war plump genug, aber sie ist doch geglückt.«
»Was meint Ihr damit?« rief der Buschrähndscher, das Gewehr fester
packend und einen scheuen Blick zurück über die Schulter werfend.
»Was ich damit meine?« sagte Tolmer ruhig, indem er ein Bein über das
andere legte, »daß Ihr umstellt seid, und ich hier nur auf dieser Pfeife
einen einzigen Pfiff zu thun brauche, um meine neun Mann da zu haben.
Fort _könnt_ Ihr nicht mehr. Herein haben sie Euch gelassen, hinaus
kommt Ihr nicht, und ich hatte mich doch nicht geirrt, als ich mir
dachte, Ihr würdet der Lockung nicht widerstehen können, ein Gewehr auf
einen schlafenden Menschen anzulegen.«
»Mr. Tolmer,« sagte Mulligan finster, »Ihr werdet Euch erinnern, daß
ich Euch _geweckt_ habe. Es lag in meiner Macht, Euch eine Kugel durch's
Hirn zu schießen.«
»Aus dem leeren Gewehr?« lachte Tolmer. »Es stecken nur Zündhütchen
darauf, daß es besser aussieht. Aber hört mich, Mulligan,« fuhr er
plötzlich, als der Buschrähndscher das Gewehr mißtrauisch betrachtete
und nicht übel Lust zu haben schien, den Ladestock herauszuziehen,
ernster und mit einem mehr theilnehmenden Ton fort: »Noch sind wir unter
uns. So viel ich weiß, ist Euch bis jetzt kein ernsteres Vergehen zur
Last gelegt worden, als die gelegentliche Erpressung von Provisionen,
die mit der Noth entschuldigt werden kann. Ihr habt noch kein _Blut_
vergossen, und wenn auch wieder eingefangen als Buschrähndscher, steht
Eure Sache noch immer nicht so schlimm. Ein oder zwei Jahr geschärfte
Ueberwachung ist wahrscheinlich die Strafe, die Ihr bekommen werdet, und
ich werde Euch durch _meine_ Aussagen nicht tiefer hineinreiten. Stellt
einmal das Gewehr an die Wand; ich mag nicht mit Euch reden, so lange
Ihr eine Flinte in der Hand habt, wenn sie auch nicht geladen ist.«
Mulligan sah ihn an und zögerte.
»Soll ich das Zeichen geben?« frug Tolmer, »daß meine Leute Euch _mit
der Waffe in der Hand_ ertappen?«
»Sie haben Recht, Mr. Tolmer,« sagte der Mann, dem die Ruhe des
Polizeioffiziers imponirte. Der, den er vor wenigen Minuten noch in
seiner Gewalt geglaubt, _mußte_ wirklich Hülfe in seiner unmittelbaren
Nähe haben, er wäre sonst wenigstens vor seinem Erscheinen erschreckt,
oder hätte sich in anderer Weise verrathen -- und mit den Worten lehnte
er das Gewehr an die Wand, Tolmer aber brachte jetzt seine Hand langsam
unter den Rock, der Brusttasche zu, wo er ein geladenes Pistol stecken
hatte. _Jetzt_ fühlte er sich sicher, denn er war im Stande, dieses
zu ziehen und abzudrücken, ehe der Buschrähndscher das Gewehr wieder
aufgreifen konnte.
»So -- ich sehe, Ihr seid vernünftig,« sagte er ruhig, ohne jedoch die
Waffe hervorzuziehen oder im Mindesten zu verrathen, daß er sich nicht
vollkommen sicher fühle, »aber Ihr seht bleich und elend aus, Mulligan.
War denn das nun der Mühe werth, daß Ihr Eurer Strafe entsprangt, nur um
ein solches Hundeleben im Busch zu führen?«
»Es ist ein Hundeleben,« knirschte der Mann leise vor sich hin, »und
ein Hund möcht's nicht länger führen. Gehetzt wie ein Dingo[7], von den
Cameraden verrathen, fortwährend nur auf der Wacht, das elende Leben in
Sicherheit zu bringen. Ich will's auch nicht länger führen; nehmen
Sie mich mit nach der Colonie hinüber; Mr. Tolmer. Ich habe das wilde
Treiben satt und übersatt.«
[7] Dingo: der australische wilde Hund oder Wolf.
»Jetzt sprecht Ihr wie ein vernünftiger Mensch,« sagte Tolmer, von
seinem Bett aufstehend. Er vergaß fast, daß er einen wunden Fuß hatte,
in solcher Aufregung befand er sich, sein Gewehr nur erst wieder einmal
in Händen zu haben. Wer stand ihm dafür, daß den Buschrähndscher nicht
in der nächsten Minute schon seine Unterwerfung gereute? »Ihr sollt
auch unterwegs ordentlich behandelt werden -- wenn Ihr mir nämlich
versprecht, Euch auch ordentlich zu betragen.«
Er ging dicht zu ihm heran und stand jetzt neben seiner Waffe, ohne sie
aber zu berühren. Zeigte er auch nur die geringste Furcht, so wußte er,
daß der Mann, mit dem er es hier zu thun hatte, seinen Vortheil rasch
genug benutzen würde. Außerdem konnte er nicht einmal hart auf seinen
Fuß auftreten, und wäre deshalb in einem Handgemenge augenblicklich
unterlegen. Nicht ein Laut rührte sich draußen; seine Leute waren
vielleicht noch meilenweit entfernt.
»Aber die -- Anderen sind noch draußen im Busch,« sagte der Sträfling
endlich nach einigem Zögern.
»Keiner mehr, Mulligan,« erwiderte Tolmer ruhig, »wir haben sie Alle.«
»_Alle_?« rief Mulligan erstaunt aus.
»Alle mit einander -- d. h. fünf und den Matrosen, der noch bei Euch war
-- ich weiß nicht, ob noch mehr im Busch herum liegen.«
»Nicht mehr wie die,« sagte kopfschüttelnd der Sträfling, »es müßten
denn ganz kürzlich _frische_ herüber gekommen sein, die ich noch nicht
gesehen hätte.«
»Also habt Ihr mir weiter nichts zu sagen,« frug jetzt Tolmer, indem
er die Pfeife in die Hand nahm, als ob er das Zeichen geben wolle, »und
kann ich meine Leute jetzt rufen?«
»Nichts weiter, Mr. Tolmer,« sagte Mulligan fast demüthig, »aber Sie
werden mir bezeugen, daß ich nicht das geringste Böse gegen Sie im Sinne
gehabt.«
»Darauf gebe ich Euch mein Wort,« versprach ihm der Polizeimann, indem
er jetzt langsam den Arm nach dem Gewehr ausstreckte und es an sich
nahm. Ein Blick auf das Schloß versicherte ihn, daß die Zündhütchen noch
darauf und zum Gebrauch bereit seien, und jetzt erst, als er ein paar
Schritte von dem Flüchtling sich entfernte und das Gewehr gegen ihn
hielt, war es, als ob eine Centnerlast von seinem Herzen gewälzt wäre.
Er holte aus voller Brust Athem und sagte dann, während ihn Mulligan
erstaunt betrachtete:
»Jetzt seid so gut, Mate, und geht einmal dort in die Ecke des Hauses --
dort hinüber, meine ich, ein Stück von der Thür fort.«
Der Buschrähndscher zögerte -- eine Ahnung, daß er sich habe überlisten
lassen, schien in ihm aufzusteigen.
»Geht dort in die Ecke, John,« sagte Tolmer, aber mit fester Stimme,
»ich möchte Euch nicht gern ein Leides thun, aber ich muß es, wenn Ihr
die geringste Bewegung zur Flucht oder zum Widerstande macht.«
»Teufel,« zischte der Buschrähndscher leise vor sich hin, »so war das
Alles nicht wahr, was Ihr mir da gesagt?«
»Kein Wort davon, John,« lachte Tolmer, das Gewehr fest dabei im
Anschlag, »nur das Versprechen, das ich Euch gegeben, halt' ich. Was
_ich_ zu Eueren Gunsten aussagen kann, soll geschehen.«
»Und Ihre Leute?«
»Suchen Euch draußen am Strande oder in den Känguruhdornen, Gott weiß,
wo -- aber sie kommen hierher zurück, und bis dahin muß ich freilich
Posten bei Euch stehen.«
Der Buschrähndscher drehte sich ab, ging in die Ecke, setzte sich auf
den Boden nieder und drückte sein Gesicht in Scham und Ingrimm auf die
Kniee.
Tolmer dauerte der arme Teufel, und er sagte freundlich:
»Seid guten Muthes, John, die Sache kann noch besser werden, wie Ihr
jetzt glaubt. Wenn Ihr Euch vollkommen ruhig verhaltet, bis meine Leute
kommen, und nicht den geringsten Widerstand leistet, will ich annehmen,
daß Ihr Alles gewußt und Euch mir freiwillig gestellt habt. Ihr werdet
verstehen, daß Euch das beim Gouverneur hoch angerechnet würde.«
»Und wollten Sie das wirklich thun, Mr. Tolmer?« sagte Mulligan, rasch
den Kopf hebend.
»Ich habe es Euch freiwillig zugesagt.«
»Dank Ihnen, Sir,« sagte der Mann aus vollem Herzen, »Menschenkräfte
hätten's auch nicht länger ausgehalten. Seit zwei Tagen habe ich keinen
Bissen, einen Trunk Wasser ausgenommen, über die Lippen gebracht,
und mit einem Streifschuß an der Schulter, gestern den ganzen Tag im
Wundfieber durch die Dornen brechen müssen. Das Gefängniß selber ist
eine Wohlthat gegen ein solches Dasein.«
»Aber warum habt Ihr Euch nicht lange wieder gestellt?«
»Die Freiheit,« stöhnte der Mann, »die Freiheit! Ihr, die Ihr da draußen
noch nie hinter den Eisenstäben gesessen, noch nie gehört habt, wie
es klingt, wenn die Riegel hinter Einem zugeschoben werden, _wißt_ gar
nicht, was es ist, ein _freier_ Mensch zu sein.«
Er sank mit den Worten wieder in seine frühere Stellung zurück, und
Tolmer, der sich jetzt ziemlich sicher fühlte, daß er für den Augenblick
keinen weiteren Fluchtversuch von seinem Gefangenen zu fürchten habe,
ging an das Bettgestell, nahm das Brod und Fleisch, das er noch dort
liegen hatte, und brachte es Mulligan.
Im Anfang wollte er es nicht anrühren; aber nicht lange konnte er
es neben sich liegen sehen. Sein kräftiger und jetzt bis zum Tod
erschöpfter Körper _forderte_ Nahrung, und wie er nur einmal den ersten
Bissen gekostet, schlang er das Uebrige rasch und gierig hinunter.
Eine volle Stunde mußte Tolmer noch warten, ehe die Seinen von ihrem
natürlich erfolglosen Streifzug zurückkehrten. Sie hatten aber dabei
ihre übrigen Gefährten getroffen, die eben im Begriff gewesen waren,
den Schooner, als den ihnen von Tolmer selber bezeichneten Sammelplatz,
wieder aufzusuchen.
Borris war übrigens nicht wenig erstaunt, John Mulligan in Tolmer's
Gesellschaft zu finden, und das Unwahrscheinlichste von Allem war ihm,
daß sich der Buschrähndscher freiwillig gestellt haben sollte. Tolmer
aber erklärte es in Mulligan's Gegenwart, und als er noch die Wunde des
Gefangenen hatte sehen lassen und indessen von der nächsten Station ein
Pferd für ihn selber herbeigeholt war, denn mit seinem wunden Fuß hätte
er die Strecke nicht mehr marschiren können, setzte sich der kleine Zug
in Bewegung.
Ein nach Jim Riddle's Hütte geschickter Bote holte indessen den Matrosen
von dort ab, brachte aber auch Jim mit, der sich selber überzeugen
wollte, ob sein »Freund«, der Buschrähndscher, wirklich in sicherem
Gewahrsam sei und ihm keinen unverhofften Besuch mehr abstatten könne.
Nur unter dieser Bedingung wollte er länger auf Känguruh-Eiland bleiben.
Gerade der Stelle gegenüber, wo der Schooner, der Polizeimannschaft
harrend, vor Anker lag, stieg Tolmer vom Pferde. Sie hatten das Zeichen
gegeben, daß das Boot herüber kommen solle, sie abzuholen, und Tolmer,
der noch die alten Schüsse in seinem Gewehr stecken hatte, wollte diese
herausschießen, es frisch zu laden. Er trat einem dickstämmigen Gumbaum
gegenüber -- John Mulligan, von vier Polizeileuten bewacht, stand neben
ihm -- zielte bedächtig und drückte ab. _Klapp_, versagte das rechte --
_klapp_, das linke Rohr.
Tolmer drehte sich langsam nach John Mulligan um, und Beider
Blicke begegneten sich, aber Keiner von ihnen sprach ein Wort. Der
Polizeisergeant setzte ruhig frische Zündhütchen auf, drehte sich wieder
dem Baume zu und feuerte beide Rohre scharf hintereinander in den alten
Gumstamm hinein, daß die Rehposten klappernd darauf schlugen.
Eine Stunde später hatte der Schooner seine sämmtlichen Passagiere an
Bord; der Anker wurde gelichtet, und das kleine Fahrzeug segelte mit
günstigem Winde nach dem nicht fernen australischen Continent hinüber.