Besonders finde ich die Logik, die man anwendet, höchst betrüblich.
Der Kanzler des Deutschen Reiches hat im Reichstage erklärt, er
wisse von Dreyfus' Spionage nichts. Ja, Teufel auch, wie sollte er,
wenn er in Berlin sitzt, wissen, was in Paris geschieht? Daß aber
Bülows einfältige Äußerung, die völlig nichtssagend ist, als ein
Beweis genommen wird, das ist sublim! Ferner, wenn Sergeant Depert im
Gefängnis Dreyfus erklären hörte: ›Ich bin schuldig, aber ich nicht
allein,‹ so wird diese Aussage verworfen, weil der Gefängnisdirektor
sie nicht gehört hat. Ist nur das wahr, was ein Gefängnisdirektor hört?
Wer eine solche Verwerfung anerkennt, muß im Kopf nicht ganz richtig
sein. Denkt euch: weil der Direktor es nicht gehört hat, darum ist
es falsch. Ferner sagt man und beansprucht bindende Kraft für diese
Äußerung: ›Dreyfus war nicht erfreut über die Revision! Aus Stolz
nicht!‹ -- Könnt ihr diesen Stolz begreifen? -- Wenn er sich geweigert
hätte, um Gnade zu bitten, dann wäre er stolz gewesen! Aber sich zu
weigern, Gerechtigkeit zu empfangen?«
Die Feuerung wurde verstärkt und die Hitze steigerte sich. Sellén
wollte auch ein Scheit hineinwerfen:
»Jawohl, Logik, jawohl! Weil Henry als Berufsspion ein Dokument
gefälscht hat, schließt man, daß auch die nachweislich echten gefälscht
sind. Ist das Logik? Im übrigen muß ich gestehen, daß ...«
»Na, hört einmal, wenn wir so fortfahren,« unterbrach der Doktor, »so
erklären wir Dreyfus für schuldig, und das war doch nicht die Absicht.
Oder was meint Max?«
»Ich kann nicht leugnen,« antwortete der Graf nachdenklich, »daß
die Sache dunkel ist. Es wurde doch ein Dreyfusministerium mit
Waldeck-Rousseau eingesetzt zu dem Zweck, Dreyfus zu befreien; dieses
Ministerium ernennt einen Regierungskommissar namens Carrière, der
nicht General war und der Dreyfus befreien wollte, weil er fest an
seine Unschuld glaubte. Nachdem er die Generale und Zeugen in Rennes
gehört hat, trotz Esterhazys Bordereau und Henrys Fälschung, bekehrt
er sich im Laufe des Prozesses. Das ist sonderbar! Weiter hat man
auf den Bordereau hingewiesen, ganz wie der Zauberkünstler nach der
Decke deutet, während er etwas unter dem Tischtuch hervorholt. Der
Bordereau ist als Beweis wertlos, ebenso wie Esterhazys Zeugenaussage;
obwohl Sachverständige jetzt geschworen haben, der Bordereau weise
keine Spur von Dreyfus' Handschrift auf, hat Dreyfus selbst die
Ähnlichkeit zugegeben, indem er ausrief: ›Sie haben mir meine
Handschrift gestohlen!‹ Wir sehen so viele Widersprüche, daß wir
kaum das Recht haben, uns eine Ansicht zu bilden. Daß Dreyfus, der
zu einem Engel gemacht wurde, keiner war, da er ein Mensch ist, das
hat nichts zu sagen, aber Zola und Björnson hätten nicht auf seine
Ehre schwören sollen. Dreyfus hat zehn Unwahrheiten ausgesprochen,
auf denen er ertappt ist. Er leugnete zunächst, die Organisation der
Ostbahn zu kennen! Er kannte sie! Er leugnete, den Konzentrationsplan
zu kennen! Er kannte ihn! Er leugnete, auf General Ransons Konferenz
anwesend gewesen zu sein! Er war anwesend! Er behauptete, Picquart
nie gekannt zu haben! Er kannte ihn! Er sagte früher, er sei nie in
Mülhausen gewesen! Jetzt gibt er zu, daß er jeden Sommer dort gewesen
ist! Er behauptet, das Schießhandbuch nie gesehen zu haben! Er hat
es gesehen! Er beteuerte, das Artilleriegewehr 120 nicht gekannt
zu haben! Er hat es gekannt. Er bestritt, bei Bodsons ausländische
Militärattachés getroffen zu haben. Er hatte sie getroffen! Björnson,
dieser, dieser ... schwor auf Dreyfus' Sittlichkeit. Dreyfus gibt
zu, als verheirateter Mann Geliebte gehabt zu haben, das gehe aber
niemanden etwas an, da er die Mittel dazu besitze. Das mag sein, und
das kümmert niemanden! Aber Björnsons Aussage! ~La vérité!~ Zola
beschuldigte die Generale der Schurkerei! Dreyfus aber läßt den
Generalen, da er besser von ihnen denkt, seinen Dank aussprechen!
~La vérité~, Zola! Aber es kommen noch andere unheimliche Details im
Prozeß vor. Dreyfus ruft Major Curé zu Hilfe. Dieser kommt und sagt
gegen ihn aus. Dreyfus vertraut auf Oberst Cordiers Dazwischentreten!
Dieser hat nichts zu sagen. Doch weiter: Oberst Munier, der wichtige
Telegramme zu überbringen hatte, starb im Zuge. Chaulain-Sauviniere
starb im Zuge, Major d'Attel starb im Zuge. Und diese geheimnisvollen
Todesfälle: Lemercier-Picard, Guenée, Reßmann und andere! Und jetzt ist
Schneider in Wien gestorben, Scheurer-Kestner ist gestorben, der Chef
des Generalstabs ist gestorben! Das geht nicht mit rechten Dingen zu,
und dieser Lügnerkrieg weckt in einem fast die Sehnsucht nach Pulver
und Blei. Aber in all dem scheint mir die göttliche Gerechtigkeit
gesprochen und das Urteil gefällt zu haben. Dreyfus wurde in Rennes
zu zehn Jahren verurteilt, weil er nicht verschwiegen gewesen war und
dadurch sein neues Vaterland verraten hatte; aber er wurde mit Recht
begnadigt auf Grund mildernder Umstände: seine berechtigten Gefühle
für sein altes Vaterland, das Land seiner Kindheit. Henry mußte Hand
an sich legen als Fälscher der Gerechtigkeit, Esterhazy wurde ehrlos
und geächtet als Lügner; Felix Faure bekam eine Verwarnung, eine Sache
zu drehen und zu wenden, die Generale eine Ermahnung, sich nicht aus
Ungeduld und Kleinmütigkeit auf Fürsten und ihresgleichen zu verlassen.
Und die Nation erfuhr, daß sie bereits so viele fremde Elemente in
sich habe, daß sie nicht an Revanche denken dürfe, die ein Bruderkrieg
werden könne; und als die Armee ihr Prestige verlor, hat sie mit einer
neueren Aufgabe ein neues bekommen. Sie dient in diesem Augenblick
im fernen Osten Schulter an Schulter mit den Deutschen, was sie nicht
getan haben würde, wenn der ›Prozeß‹ nicht gewesen wäre! Frankreich
ist geöffnet! ebenso wie China! Doch mit dem ›Prozeß‹ wurde auch die
religiöse Frage aktuell, obwohl ich nicht begreife, was sie damit
zu tun hat; aber sie tauchte auf, weil Dreyfus Jude war. Und jetzt
sind Protestanten und Juden dabei, die Klöster zu öffnen und ein paar
hunderttausend lebenslänglich Gefangene herauszuholen. Das ist ja ganz
wie bei Krönungen oder bei dem Regierungsantritt eines neuen Königs;
aber es ist auch ein Gegenstück zur Bartholomäusnacht, wenn auch ein
sehr gesittetes; es sind ja nur Wohltaten als Lohn für Untaten; es ist
reine christliche Liebe, obwohl der Wille wohl nicht gut ist; doch wir
sehen ja oft, wie das Böse zum Guten dienen muß; und Dreyfus war kein
untadeliger Mann, aber er hat gedient, wie wir alle!«
»Ja,« nahm Doktor Borg wieder das Wort, »nach all unsern
Zugeständnissen, die wohl zunächst der Oppositionslust entsprangen
oder der Neugier, die Kehrseite der Sache zu sehen, finde ich es
leichtsinnig, dies Schreiben an Zola abzuschicken, der allein glaubt,
die Wahrheit gefunden zu haben. Einige Körner hat er gefunden, aber
noch mehr Spreu, und etwas beschmutzt hat er sich den Rücken dabei.
Wenn wir statt dessen ihm gratulierten als dem wiedergeborenen
Gläubigen, dem an die Zukunft glaubenden Verfasser von ›Arbeit‹ und
›Paris‹; dem Sozialisten Emile Zola? Wollen wir das tun?«
Alle außer dem alten Borg sagten ja; und dabei blieb es.
Esther, die im Irrenhause Dienst hatte, entfernte sich, von Max
begleitet.
Sie gingen lange schweigend durch die Straßen, schließlich sagte Max:
»Ist dir aufgefallen, daß er der antiken Statue ›Der Schleifer‹ ähnlich
ist?«
»Ja, da hast du recht; vor allem das Kinn, das bei den Ohren anfängt.«
»Erinnerst du dich jetzt des Zyklons in Paris im Jahre 1896, der bei
Saint Sulpice einsetzte, La Revanche ertränkte, den Justizpalast
verwüstete und am Hospital Saint Louis endete, nachdem er zuvor die
Sainte Chapelle Saint Louis erschüttert hatte? Glaubst du jetzt an
symbolistische Zyklone?«
»Was in Gottes Namen soll man glauben? Ich bekomme Angst!«
»Aber ein anderer okkulter, das heißt noch unerklärlicher Umstand ist
dieser: Bei der großen Revolution, am Tage vor der Erstürmung der
Bastille, wurde der Tuileriengarten vom Royal Allemand gereinigt. Unter
den Offizieren befanden sich ein Reinach und ein Esterhazy. Glaubst du
an Zufälle?«
»Nein! Aber der Zusammenhang?«
»Weiß ich nicht! Der Zusammenhang wäre ja die Erklärung, und die
finden wir nicht. Deshalb wird jede Erklärung lächerlich. Weiter aber:
Baedeker, der doch kein okkultes Buch ist, berichtet ganz unschuldig:
Als man 1869 die Königsgräber in Speyer plünderte, wurde das Manöver
von einem angeführt, der Hinz hieß. Als die Königsgräber in Saint Denis
1789 geplündert wurden, hieß der Anführer auch Hinz.«
»Was könnte das bedeuten?«
»Weiß nicht!«
»Sag einmal, hast du Dreyfus gekannt?«
Da blieb Graf Max stehen und betrachtete Esther, als wolle er sehen, ob
sie scherze:
»Nein, ich habe ihn nicht gekannt ... aber wenn wir uns in vielen
Jahren einmal unter vier Augen treffen und du dann noch ebenso
interessiert bist wie jetzt, dann will ich dir eine Geschichte erzählen
... Ja, er war ein Mann der Vorsehung, aber ein leidender Christus war
er nicht.«
»Bist du Christ?«
»Ja, ich bin ein christlicher Freidenker ... Und seltsam ist: als wir
das Christentum geschleift haben, da ist soviel Weisheit und soviel
Humanität mit verlorengegangen. Wir sind roher und dümmer geworden ...
Will man jetzt einen feinen Menschen finden, muß man ihn unter den
Pietisten suchen, wenn sie nur nicht von Jesus reden und nach deiner
Seele fragen. Willst du einen Menschen sehen, der sich beherrscht,
der Sprache und Gedanken pflegt, der human im Urteil, resigniert im
Leid ist, stets die Blicke emporrichtet, alles vergeistigt, was er
anrührt, der es vermeidet, anzustoßen und zu verletzen, der seinen
Körper diszipliniert, dann sieh dir einen Pietisten an! Er strebt zum
Übermenschen, allerdings mißlingt ihm das oft. Doch das Streben ist es,
siehst du ... Wenn er nur nicht darüber reden möchte. Religion für den
eigenen Gebrauch, innerlich, doch nicht ...«
»Aber die Freude am Leben?«
»Was ist das für eine Freude?«
»Siehst du, da trennen sich unsere Wege.«
»Wieso? Ich habe meine stille Freude auf meine Art, aber ... Du
erinnerst mich an Chopins zweites Nocturno und unsere erste Begegnung
bei den Mädchen, die in Freude lebten ... das war ihr Surrogat für ...«
»Was ist deine größte Freude?«
»Einen neuen Gedanken zu gebären! Dann bin ich Vater und Mutter
zugleich und brauche die Ehre nicht mit einer Frau zu teilen, die mit
meinem Kinde ihrer Wege geht und sagt, es sei ihrs ...«
»Max, ist es dir ein Genuß, daß ich leide?«
»Nein, ich leide unter dem Leid, das ich zufüge, aber ich höre an
deiner Frage, daß es bei dir umgekehrt ist ...«
»Wenn ich dich leiden sehe, liebe ich dich; es steht dir. Aber wenn du
froh bist, hasse ich dich; du wirst banal, übermütig, laut. Im übrigen
ist mir immer bange vor einem frohen Menschen; wer lacht, zeigt die
Zähne und ist nicht weit vom Beißen ...«
Sie verstummten beide, Esther, weil sie merkte, daß sie sich ins eigene
Fleisch geschnitten hatte, Max, weil er sie nicht durch eine Enthüllung
ihres Fehlhiebs verletzen wollte.
* * * * *
In den Gotischen Zimmern war man in lebhaftere Stimmung gekommen.
Gustav Borg hatte einen Brief von seinem Sohn Anders aus Amerika, aus
dem er Stücke vorlas:
»Das Charakteristischste in dem neuen Leben hier in Amerika ist die
allgemeine Beweglichkeit, Unstetigkeit. Man hat keine Ruhe; alles
verändert sich so schnell; Wohlstand und Armut wechseln, so daß keine
Klassen und Geschlechter sich bilden können; der Reiche ist arm gewesen
und kann es wieder werden, das weiß er; der Arme ist reich gewesen und
kann es auch wieder werden. Deshalb verstehen sie sich; sind vorsichtig
und handeln mit Vorbedacht. -- -- Der Tag ist zu kurz, und man eilt zur
Ruhe der Nacht als dem einzigen großen Genuß, der nichts kostet; und
man erwacht zum Ernst der heiligen Arbeit, von deren gewissenhafter
Ausführung die Existenz abhängt. Hier ist es eine Gnade, Arbeit zu
bekommen, und man wird stündlich daran erinnert, daß man kein Recht an
das Leben hat, sondern daß alles Gnade ist. -- -- Diese harte Schule
zieht eine Generation groß, die furchtbar sein mag, wenn sie dereinst
Schwärme aussenden wird. Ich blicke bereits auf Europa wie auf ein
verblühtes Hellas: viel Schönes, aber geschwächt und wahrscheinlich
erschöpft; philosophiert über das Leben, lebt es aber nicht ...«
»Ja, der Junge hat recht,« unterbrach der Doktor, der seiner Gewohnheit
getreu das Wort führen wollte. »Ihr wißt, daß die letzte Statistik seit
1890 250000 Auswanderer aus Schweden anführt; und die meisten zwischen
15 und 35 Jahren. Das Land wird schließlich von Kindern und alten
Leuten bevölkert sein ...«
»Ist es da ein Wunder, daß die Frauen heran mußten und arbeiten?« fiel
Gustav Borg ein, der gern die Gelegenheit abpaßte.
»Da hast du ein wahres Wort gesagt. Ja, in einem Staat von Kindern
und Pensionierten müssen sie heran und arbeiten, da keine Männer da
sind, von denen sie leben könnten ... Das ist ein neuer Gesichtspunkt!
Wenn sie aber auch herrschen sollen, dann möge doch Asien über uns
hereinbrechen und wir lieber von barbarischen Männern als von Damen der
Gesellschaft, von Aspasien und Emanzipierten beherrscht werden.« -- --
»Jetzt brechen wir nach der Schanze auf,« kommandierte Gustav Borg.
»Ja, gehen wir aufs Kapitol und danken wir den Göttern für das
vergangene Jahrhundert, das mit Dreyfus endete und mit Napoleon begann,
dessen Brüder zum mindesten zu den Kindern Israel zu gehören scheinen.«
* * * * *
Esther und Max waren zum Zoll hinausgekommen, wo im Halbdunkel das
einsame Schloß, hinter dessen hohen Fenstern Licht brannte, sich weiß
erhob.
Max sprach wie für sich selbst:
»Es gibt ein Wort, das unter Gebildeten außer Gebrauch gekommen ist,
und man schämt sich, es auszusprechen; das ist das Wort Sünde. Man hat
den Begriff Schuld wegphilosophiert, aber das Schuldgefühl ist noch
vorhanden. Ich bin mit einem bösen Gewissen geboren und hatte als Kind
Angst davor, entdeckt zu werden. Das kann man nur damit erklären, daß
etwas Unbekanntes vorangegangen ist.«
»Das sind krankhafte Empfindungen, und wir haben viele solche Fälle
hier in der Anstalt,« erklärte Esther. »Wir haben zum Beispiel einen,
der glaubt, den Bordereau geschrieben zu haben.«
»Ja, was weißt du davon?«
»Nein, höre, jetzt kann ich dir nicht länger folgen.«
»Das weiß ich, und ich verlange es auch nicht. Du bist immer im Ton mit
mir, aber mindestens eine Oktave tiefer. -- Aus nichts wird nichts, und
alles hat einen hinreichenden Grund; wenn er also glaubt, der Schuldige
zu sein, ist ein logischer Grund dafür da. Die Einbildungen haben eine
höhere Wirklichkeit, deren Zusammenhang mit dem Wirklichen ich nicht
verstehe, aber nicht zu leugnen wage. Die Wirklichkeit kann ja nicht
in mein Inneres eindringen und wieder zum Ausdruck kommen, ohne es
als Vorstellung oder Einbildung passiert zu haben. Die Wirklichkeit
kennen wir also nur durch unsere Vorstellungen von ihr; deshalb
variieren unsere Vorstellungen von einer aufgefaßten Wirklichkeit
so unendlich. Übrigens kann eine Seele ohne das Zusammenwirken mit
andern Seelen nicht existieren. Nun habe ich Anlaß zu glauben, daß
alle Seelen miteinander in Beziehung stehen; und es gibt Menschen mit
so empfindlichen Empfangsapparaten, daß sie mit der ganzen Menschheit
fühlen und folglich mit ihr leiden. Aber es gibt auch Menschen, die aus
der Ferne Einfluß auf andere ausüben, sogar auf Unbekannte; das weißt
du.«
»Ja, das stelle ich nicht in Abrede!«
»Nun gut, woher weißt du, daß nicht ...«
Graf Max hatte die Gewohnheit angenommen, Meinungen nicht ganz
auszusprechen, weil er wußte, daß Esther sie vollendete oder seine
Gedanken hörte, und er brach immer ab, wenn der unausgesprochene
Gedanke etwas Unausgereiftes besser ausdrückte, als das banalisierende
Wort es tun würde.
»Ich wagte das Wort Sünde auszusprechen; ich glaube, alle Krankheiten
sind die Folgen von Sünden. Die körperlichen Krankheiten werden ja auch
analog den geistigen geheilt. Zunächst ist man zu den demütigenden
Bekenntnissen vor dem Arzt genötigt (die Beichte). Dann wird man von
ihm zur Buße verurteilt; bittere Kräuter, Fasten, strenge Disziplin,
Entsagung; und oft wird einem vorgeschrieben, Gewohnheiten, Laster
abzulegen, Gemütserregungen zu vermeiden, an freundliche Dinge zu
denken. Wenn man dann geheilt ist, muß man zum Priester (zum Arzt)
gehen, um zu danken und zu opfern. Und dann bekommt man den Rat: ›Hüten
Sie sich jetzt vor Rückfällen; das heißt in der Übersetzung: Geh,
aber sündige hinfort nicht mehr!‹ -- Ist das nicht dasselbe? -- Aber
wie behandelt ihr die Gemütskranken hier drinnen, die Seelenkranken,
denen Seelsorge not tut? Ja, ihr gebt ihren Körpern kaltes Wasser und
Morphium! -- Erinnerst du dich, wie Hanne Joel in ihrem merkwürdigen
Buche ›Jenseits‹ ihre Genesung schildert? Nachdem sie lange auf die
Ärzte und ihre Umgebung geschimpft hatte, kam schließlich an einem
Weihnachtsabend die Krisis: Sie brach in Tränen aus und rief: Ich
bin dumm und hochmütig gewesen! Und damit war sie geheilt. Frau
Schram war härter, aber sie beugte sich schließlich und wurde durch
die Freundlichkeit einer Pflegerin gesund. So wenig kann bisweilen
helfen -- ein gutes Wort! das man so selten hört! -- Dies Schloß ist
kein Krankenhaus, es ist wohl ein Inferno oder eine Strafanstalt, und
das schlimmste an der Strafe ist vielleicht, daß der Arzt den Kranken
›nicht versteht‹; unverstanden oder mißverstanden zu sein, das ist ja
die Hölle.«
»Wir haben doch auch Priester oder Seelsorger.«
»Kann man nicht sagen, daß die meisten hier einen Widerwillen gegen
Priester und Religion hegen? Sie sollen ja lästern und schmähen.«
»Das ist verschieden, denn einige kommen gerade infolge religiöser
Grübeleien hierher.«
»Ja, sie wollen den Vorhang durchdringen, und dann sehen sie das
Theater mit den umgekehrten Kulissen ... das ist die Strafe. Ihr habt
doch den Dichter X. hier?«
»Ja, der ist hier!«
»Nun, der forderte den Herrn heraus und zitierte ihn auf den Walplatz
in Hinnoms Tal! Wer hat gesiegt?«
»Meinst du, das war es?«
»Ja, was sollte es anders sein? Tabak- und Alkoholvergiftung ist doch
leicht geheilt. Deliranten gehen selbst ins Krankenhaus und kommen
in acht Tagen wieder heraus. Daß du einen Kausalzusammenhang, der so
schlagend ist, nicht sehen kannst!«
»Zwangsvorstellungen ...«
»Ein neues Wort im Wörterbuch; aber die Sache und die Ursache? Wer ist
der Zwingende? Wer zwingt den Mörder, an sein Verbrechen zu denken?
Das Gewissen! Und hinter dem Gewissen? -- Der Dichter endete in einer
religiösen Krisis ...«
»Da siehst du, was Religion ist!«
»Hüte dich! Hüte dich! Aber ich glaube nicht, daß man ein Recht hat,
hier über die ärztliche Behandlung zu klagen. Der Kranke soll wohl
durch die Verständnislosigkeit der Umgebenden vollständig isoliert
werden; er soll allein mit seinem Gewissen seine Angelegenheiten
abmachen; keine Möglichkeit haben, sich zu beklagen und ein falscher
Märtyrer zu werden. Hast du nie Angst, wenn du hier bist?«
»Nein, ich nicht, denn ich beobachte mich. Aber es gibt Kandidaten, die
sich durch liederliches Leben in einen Schwächezustand versetzen, und
die graulen sich, obwohl sie an nichts glauben als an die Physiologie.
Man hat ja hier Professoren gesehen, die befallen wurden; und Wärter
hatten wir mehrere ...«
Sie betraten das Schloß. Abstrakt, streng, trübselig wie das
Selbstmordzimmer im Hotel, das Zimmer, das man stets dem Gast gibt,
der am unglücklichsten aussieht, das Zimmer mit drei Türen und einem
Fenster; in dem das Bett vor der einen verschlossenen Tür steht, deren
Schlüsselloch sich neben dem Kopfkissen befindet, und das Sofa, das
extra so gemacht ist, daß man weder darauf sitzen noch liegen kann, vor
der andern Tür; dies Zimmer mit Aussicht auf den Hof und unaufgeräumte
Zimmer gerade gegenüber, dieses Zimmer, das für den Selbstmörder
reserviert zu sein scheint.
Graf Max fühlte sich beklommen; Esther aber, die zu spät kam, mußte
sofort ihre Ronde machen, und der Freund ging mit ihr. Ein langer
Korridor und eine Treppe hinunter; Feuerlöschapparate mit Schläuchen,
die sich wie lange schwarze Schlangen an den weißen Wänden entlang
schlängelten, Gasflammen gleich Schmetterlingen aus Feuer; schließlich
ein vergittertes Fenster, vor dem sie stehenblieben.
Mitten in einem Raume, der wie ein Stall aussah, stand ein alter Mann,
völlig nackt auf dem Steinfußboden, und streckte die Arme empor wie ein
antiker Adorant oder ein Säulenheiliger.
»Warum ist er nackt?« fragte Max.
»Weil er sich die Kleider auszieht und vierzig Grad Fieber hat; das hat
er drei Jahre lang gehabt, und so steht er seit drei Jahren. Er glaubt
in einer Schlangengrube zu sein.«
»Dann ahne ich, wer es ist. Es ist der Mann, der Witwen und Waisen
betrügerisch um ihren Besitz gebracht, sie ausgezogen hat, aber mit
gesetzlichen Mitteln! Siehst du, daß es andere Gesetze gibt als die des
Gerichts? Aber, Esther, warum glaubt er in der Schlangengrube zu sein?
Er hat doch nicht den vierundzwanzigsten Gesang von Dantes Inferno
gelesen, wo Diebe von Schlangen geplagt werden.«
»Was du sagst! Dante hat er sicher nicht gelesen!«
»Nun, wie meinst du, ist Dante darauf gekommen? Hat er es erfunden oder
hat er einen Grund dafür gehabt? Gibt es in diesen Strafformen, die
ihr Krankheiten nennt, etwas Objektives, Festes, das als Anhalt dienen
kann? Ich sage ja, und mit gutem Grund ... Ich glaube auch, daß sich
in den Religionen Andeutungen darüber finden ... Hättest du Swedenborg
gelesen, so würdest du erkennen, daß seine Beschreibung der Höllen, die
Gemütszustände, keine Orte sind, mit den Einbildungen zusammenfallen,
mit denen du es hier zu tun hast. Es gibt also eine Konstante: suche
sie, und du wirst die Lösung vieler Rätsel haben ... wenn du willst
oder kannst!«
Sie gingen weiter. Esther flatterte voran mit ihrem großen
Pelerinenmantel und ihrem wirbelnden Haar, das in dem durchfallenden
Licht der Gasflammen wie Gold leuchtete. Der Graf, schlank, dunkel,
blaß, folgte.
Wieder blieben sie vor einem Gitter stehen. Da drinnen saß ein junges
Mädchen auf einem Stuhl und tat nichts.
»Sprich mit ihr!« sagte der Graf.
»Was machen Sie denn, Fräulein?« fragte Esther, nur um Max den Willen
zu tun.
»Ich leide,« antwortete das Mädchen, das von einer Schönheit war, bei
der die Seele bis in die äußerste Haut drang.
»Warum leiden Sie denn?«
»Ich leide für die Missetaten meines Vaters; er hat keine Zeit, seine
Strafe zu leiden, denn er muß für die Familie arbeiten. Und ich habe
zu Gott gebetet, mich für ihn leiden zu lassen. Da ich unschuldig bin,
sind meine Qualen größer, als die seinen wären, deshalb ist die Zeit
verkürzt. Aber wehe ihm, wenn er undankbar ist oder sich nicht bessert,
dann kommt es über ihn selbst! Das weiß er, und deshalb nimmt er sich
in acht. Er weiß auch, daß ich ihm überall folge und ihn überwache. --
O es ist schwer, aber es nimmt ein Ende. -- In drei Jahren werde ich zu
Weihnachten nach Hause kommen!«
Sie gingen weiter.
»Meinst du,« fragte Max, »daß dieser Engel nicht weiß, was er tut?
Glaubst du, sie ist nicht bei Verstand? Mache dir die Mühe, in aller
Heimlichkeit ihren Vater auszuforschen und zu erkunden, ob sie die
Wahrheit spricht!«
»Dazu haben wir keine Zeit!«
»Du hast recht! -- Aber ist dir aufgefallen, wem sie ähnlich sieht?«
»Ja, jetzt weiß ich, wen du meinst ...«
»Nun? Wenn es seine Schwester ist, dann kennst du den Vater! -- Aber
wohin führt diese Treppe?«
»Zu den Allerschlimmsten! Da wohnen ...«
»Ich weiß; das ist Swedenborgs Dreckhölle für die Wollüstigen ...«
»Sagt Swedenborg das ...?«
»Ja, stimmt es?«
»Es stimmt! Jetzt fange ich an, mich zu fürchten!«