»Er hat ja immer über sich selbst gestanden, und mit dem stärksten

Selbstgefühl vereinigte er die aufrichtigste Selbstverachtung.

Vielleicht ist er auf neuen Bahnen und blickt jetzt auf seine alte

Reinkarnation herab!«

»Glaubst du, daß er es war? Er ist doch in Paris!«

»An Doppelgänger im Sinne des Pöbels glaube ich nicht; aber es könnte

ja unsere Projektion der Büste gewesen sein. Wir, du und ich, ›sehen‹

uns doch bisweilen, und das sind doch nur Projektionen plus etwas,

was ich noch nicht kenne. Die Theosophen haben das Faktum beobachtet,

können es jedoch nicht erklären; sie nennen es ›gelegentliche

Materialisierungen der Halbmaterie des Gedankens‹.«

»Aber seine Schritte waren so schwer?«

»Ja, er soll so schwer auftreten, als hielte er sich am Boden fest, um

nicht hochgehoben zu werden. -- Weißt du, was Levitation ist?«

»Ja! Aber willst du nicht die Kunstwerke ansehen?«

»Ich bin blind auf den Augen, ich kann äußere Dinge nicht sehen; ich

will nur an deiner Seite gehen, denn dann ist es hell in mir, -- kannst

du das erklären? Obwohl ich oft, wenn ich über dich nachdenke, meine,

daß du aus dem Dunkel bist. Dann hasse ich dich wie das Böse; aber

sofort wird es dunkel. Was ist das? -- Nun, jetzt, da die Zeit der

Versöhnung da ist, glaubst du, daß auch Mann und Weib sich versöhnen

werden und daß der Kampf der Geschlechter sich beilegt?«

»Nein,« antwortete Esther, »das glaube ich nicht, denn würden sie nicht

durch Differenzen aufrechterhalten, würde die ganze Welt pervers. Du

weißt ja, daß alle Frauenfreunde sonderbar sind. Sie haben Damenseelen,

deshalb ehren sie sich selbst in der Frau. Jünglinge, die noch sexuell

unbestimmt sind, beten doch die Frau an. Aber hast du bemerkt, daß

unsere Herren aufgehört haben, von ihren Verhältnissen zu sprechen ...«

»Ich hörte nicht, was du sagtest.«

»Nein, du hast ein Talent, dich gegen fremde Einflüsse immun zu machen.«

»Wenn sie herabziehen! -- Jetzt wirst du wieder dunkel!«

Sie gingen weiter, hielten sich aber ein Stück voneinander entfernt,

und Max sah aus, als wolle er in die nächste Tür hineinlaufen und sich

verstecken.

»Wir wollen uns für eine Weile trennen,« sagte Esther, »dann treffen

wir uns in einer Stunde am Ausgang wieder.«

»Danke, daß du so intelligent bist!« antwortete Max; »aber wir trennen

uns als Freunde, sonst laufen wir sofort hintereinander her.«

»Als Freunde!«

Die weiße Stadt der Ausstellung lag unter dem drohenden Zyklonhimmel,

der sich gar nicht auftun wollte.

Es war eine improvisierte Architektur, die nicht an Schweden, eher

an den Orient erinnerte. Wo nahmen die Baumeister diese Inspiration

her? Von den Ländern des Sonnenaufgangs, wohin jetzt die Blicke der

Welt sich mit Erwartung und Zittern wenden, nachdem Japan einen Stoß

gegeben hat, der die Bewegung nach Westen weiterpflanzt und vielleicht

eine neue Epoche in der Weltgeschichte einleiten wird, so neu, daß

die Geschichtsschreiber sie die neuere Zeit nennen werden und alles

Vorangegangene, unsere Zeit einbegriffen, die ältere. Man hat in

das große Wespennest dahinten im Osten hineingestochen, und nun

sind die Gelben und Schwarzen ausgeschwärmt. Aber der ferne Westen

im Sonnenuntergang hatte sich auch gerührt. Alle Völker der Erde

waren dahinten zusammengemaischt und hatten eine neue Brut erzeugt,

die schließlich ihre Weltbürgerschaft empfand, die die Markscheide

des Atlantischen Ozeans nicht anerkannte, sondern bei der Teilung

der Welt dabei sein, zu den europäischen Großmächten gerechnet sein

wollte. Das alte Spanien, der Hidalgo, der erste Eroberer Amerikas,

war hinausgeworfen worden, und Columbus hatte aus seinem ersten Grabe

auf Haiti die erlittene Unbill gerächt. In dieser gespenstischen

Umarmung von Osten und Westen fühlte Europa sein Dasein bedroht, und

verschüchtert wie Vögelchen scharten die Völker sich in erzwungener

Freundschaft zusammen, die ihren ersten Ausdruck in dem Erlaß des

Zaren fand, diesem Erlaß, der später der Anlaß zu dem Friedenskongreß

im Haag wurde, der wohl zunächst bedeutete: Zusammenschluß der

europäischen Mächte zu gemeinsamer Verteidigung gegen gemeinsame

Feinde, also nicht Weltfrieden. Die gepanzerte Faust hatte die Tore

der chinesischen Mauer eingeschlagen, und die Revanchemänner von

Sedan gaben die Revanche auf, um mit den Preußen zusammen zu fechten.

Die Europäer hatten aufgehört, Provinzpatrioten zu sein, und ihre

Nationen waren Erinnerungen geworden, ähnlich den Landsmannschaften

der Studenten, die bei festlichen Gelegenheiten eigene Fahnen trugen,

für gewöhnlich aber Mitglieder der Studentenschaft waren. Im Vorgefühl

seines Untergangs als Korporation hatte Schweden sich auch aufgerafft,

hatte sich zurückgewandt, um seine Erinnerungen zu sehen, hatte die

Büroschränke aufgeräumt und das sortiert, was aufbewahrt, und das, was

verbrannt werden sollte. Kirchen, Schlösser und Hütten waren durchsucht

worden und alle Erinnerungen auf dem heiligen Berge, der Schanze,

gesammelt.

Über der weißen Kosmopolis der Ausstellung erhob sich der Schanzenberg

mit seinem schwarzen Kiefernwald und seinen ländlichen, altmodischen

Glockentürmen. Sie läuteten eine Vergangenheit zu Grabe, die nach

dem Glauben vieler jetzt eine Zeit der Auferstehung werden würde.

Und die Dichter riefen die Schatten auf, beschworen Karl XII. und

seinesgleichen. Wege und Pfade auf dem heiligen Berge trugen alle

große Namen, um das Selbstgefühl der Nation zu wecken und den

Zusammenhang zwischen den gespaltenen Parteien zu stärken, die sich

jetzt in dem Vergangenen einen sollten.

Im Pressepavillon saßen Doktor Borg und Redakteur Holger in einem

Privatzimmer und tobten fürchterlich. Der Doktor war rasend.

»Dies ist ja eine Maskerade, und du darfst der Eitelkeit deiner

Landsleute nicht schmeicheln, so daß sie die Besinnung verlieren und

alle Karl XII. zu sein glauben. Wir können uns in der Jetztzeit nur

aufrichtig für die Zukunft sammeln. Die Dynastie stammt ja erst von

1809 und kann ihre Ahnen nicht von Lützen und Narwa her rechnen; der

halbe Adel ist exotisch, und ganz Schonen ist ja erst nach der Schlacht

bei Lund schwedisch geworden; du kannst von den Bewohnern Schonens

nicht verlangen, daß sie für Breitenfeld, wo sie nicht dabei waren,

hurra schreien; der Kommissar der Ausstellung, unser Freund Isak, ist

ein Fremdling aus dem Orient und kann wohl weder Luther, noch Karl

XI. feiern; ihr seid taktlos, und ihr verletzt, ohne es zu wissen!

Der Schanzenmann selbst ist ein Exot, darauf schwöre ich, und ich

als Negerknabe kann ebensowenig wie Syrach und Isak den Enthusiasmus

Grönlunds für schwedische Bauernmädchen und Volkstänze teilen. Dies

hier ist nicht aufrichtig, und du müßtest vor allem kommandieren:

Vorwärts sehen! -- Du hast die berechtigten Angriffe des Rabbiners

auf unsere Anbetung der schäbigen Vergangenheit nicht beachtet, als

er gestern auf dem Kongreß gegen unsere auf Hellas und Rom fußende

Bildung loszog. Er machte einen dicken Kreidestrich durch Platos

Idealstaat, den er -- mitten im Ritterhause -- einen Päderastenstaat

nannte! Wäre ich dagewesen, hätte ich ihn auf die Schultern gehoben. --

Was Satan haben wir mit Griechenland und Rom und Karl XII. zu tun? Ihr

lebt unten in den Gräbern mit Leichen, während Gegenwart und Zukunft

an euch vorbeirauschen. Aber das ist diese schauerliche Erziehung, die

wir in den Schulen und auf der Universität bekommen, und das ist das

Abiturientenexamen, das jetzt einem Magisterexamen der dreißiger Jahre

entspricht.«

»Was soll man denn aber tun?«

»Fachschulen und Ausbildung für den Beruf! Laßt die Juristen mit

vierzehn Jahren als Schreiber und Laufjungen bei den Advokaten

anfangen; schickt die Mediziner im selben Alter als Wärter in das

Krankenhaus; laßt die Ingenieure als Feiler in der Werkstatt, die

Pfarrer, wenn es welche geben muß, als Küster beginnen, laßt sie die

Gesangbuchnummern aufstellen und bei einem Standesbeamten Büroarbeiten

lernen. Schließt die vier Fakultäten und konfirmiert die Kinder

von der Volksschule aus mit Lesen, Schreiben und den vier Spezies:

dann hinaus mit ihnen, damit sie sich in ihrem Fach ausbilden.

Heutzutage muß man sein Handwerk verstehen, sonst geht man in der

Konkurrenz unter; und wir können nichts, nur konversieren in Salons,

Wirtshäusern und Versammlungen. Wir sollen versiert sein und mit den

Damen über alles sprechen können, aber wir sind auf allen Gebieten

nur Dilettanten. Wo sollen wir Staatsmänner herbekommen, wenn keine

Staatswissenschaft gelehrt wird? Unsere Regierung ist doch auch ein

Theater. Im Sommer sieht man einen Marineminister Kirche und Schule

verwalten, ein Gardeoffizier leitet die Landwirtschaft, und ein

früherer Assessor dirigiert Heer und Flotte. Ist das Staatskunst? Und

der Minister kommt nicht dazu, von seinem Ressortchef die Elemente

zu lernen, bevor er pensioniert wird. Deshalb ist das ganze Land von

diesen Staatsräten überlaufen, und wenn man einen Schuljungen fragt,

was er werden will, so antwortet er: Ich will Staatsrat außer Diensten

werden! Um Landrichter zu werden, muß man die Gesetze kennen, aber um

Departementschef und Minister zu werden, braucht man überhaupt nichts

zu können. Ich will nicht von den votierenden Reichstagsabgeordneten

sprechen, die haben so viel Schamgefühl, daß sie sich meistens die

Verfassung kaufen, aber die Ausschußmitglieder, die tatsächlich die

Gesetze geben, müßten alle Gesetze des Landes kennen und ausgebildete

Staatsmänner sein. Bestände der Ausschuß aus Staatsmännern, so würden

sie in Permanenz tagen und mit den Ministerien zusammenarbeiten,

nicht wie jetzt einige Monate lang störend auftreten, auf gut Glück

und stets als Feinde der Regierung eingreifen. Warum müssen Regierung

und Reichstag stets als Feinde auftreten, stets einander zu ducken

suchen? Einen Antrag durchbringen heißt doch einen Rekord schlagen,

und wenn ein Minister die Majorität hat, so hat er einen Preis

gewonnen -- den Preis, nicht weggejagt zu werden, im Amt bleiben zu

dürfen. -- Und worüber wird im Reichstag gesprochen? Über Sch...; über

Varietés und Opernkeller, über Pensionen und Brückenbauten; sogar über

polizeiliche Angelegenheiten, über Soldatenexzesse, Pferdefütterung,

Dünnbierbehandlung und Besichtigungsabenteuer, über die Toiletten der

Damen und das Rauchen der Schuljungen. Ist das Staatskunst? -- Der

Reichstag hat ja seine Inkompetenz bewiesen, da er alle wichtigen

Angelegenheiten an Kommissionen von Sachverständigen verweist; der

Reichstag selbst aber sollte doch aus Sachverständigen bestehen! -- Ist

das Regierung, sind das Gesetzgeber?«

»Was kann man da tun?«

»Nichts! Doch, schleifen, schleifen! Unterm Schnee kann nichts wachsen;

man kann nichts bauen, ohne das alte Haus niedergerissen zu haben.

Geht nur negativ zu Werk; kommt nie mit einem positiven Vorschlag, der

ist nur lächerlich; hebt alte Gesetze auf, gebt Freiheit und laßt die

Kräfte wirken! Du sollst ein Wecker sein, nicht ein Einschläferer! Und

jetzt adieu, die Uhr hat sieben geschlagen!«

* * * * *

Am Fuße des Schanzenberges, ganz als gehöre es dahin, erhob sich

ein schwarzes Haus, das in der Hauptsache aus einem drückenden Dach

bestand; altes morsches Holz, das besonders präpariert war, damit es

morsch aussehen sollte; eine Reihe kleiner Fenster dicht über dem

Erdboden deutete Abneigung gegen Licht an. Es sah wie eine Scheune aus,

konnte aber eine Kirche sein.

Doktor Borg und Isak Levi standen davor und betrachteten es, und der

Doktor sprach selbst wie gewöhnlich:

»Da hast du Norwegen, schwarz und morsch wirft es seinen Schatten über

unsere helle Stadt. Das hohe Dach ist nur Prahlerei, es ist nichts

darunter; keine Kammern und kein Boden, es hat gar keinen Zweck, bloß

Bauernprotzerei!«

»Bist du jetzt Norwegerhasser?«

»Ja, ganz verd...! -- Warum sollte ich meinen Feind nicht hassen?

Warum sollte ich die Norweger nicht hassen, wenn sie mit ihrem

Schwedenhaß prahlen? Ich kann mir wohl meine Antipathien und Sympathien

selbst aussuchen wie andere Sterbliche auch. Hast du etwas dagegen

einzuwenden?«

»Aber du arbeitest für ein freies Norwegen!«

»Jawohl, ich erkenne seine berechtigte Forderung an, aber ich will

auch frei werden von diesem schwarzen Unfug, der über uns gekommen ist

wie eine Geisteskrankheit. Sollen wir den Dovrealten und seine alberne

Nora anbeten? Weißt du, wie Zola ihn nennt? ›Die letzte Frucht aus

den verdorrten Lenden unserer guten George Sand.‹ Sardou nennt ihn

›einen Narren‹ und Tolstoi, sagt ›er sei gestört‹. Der wird in Schweden

angebetet! Nun, er ist noch der Pfarrer! Aber der Küster ist noch

schlimmer! Wie alte Gorillas wirken die beiden, und findest du nicht,

Isak, daß der Pfarrer aussieht wie einer von unsere Leut?«

»Ja, da kannst du recht haben,« antwortete Isak. »Er ist wohl nicht

nur Germane. In den Fliegenden wurde er Froschmaul genannt.«

»Und die ganze norwegische Befreiungspolitik ist unter Karolines grober

Hand zu einem Kampf um die norwegische Gesandtschaft ausgeartet,

von wo Norwegen die schwedische Gesellschaft zu beherrschen glaubt.

Ich gehe nie mehr in die Gesandtschaft; ich habe es satt, auf die

Dovrealten und die Boheme von Kristiania anzustoßen, und ich will

nichts von ihrem Gehechel über Andrés Ballonfahrt hören. Weißt du,

was für ein Unterschied zwischen Schweden und Norwegen ist? Derselbe

Unterschied wie zwischen Nordenskjöld und Nansen. Nordenskjöld fand die

versprochene nordöstliche Durchfahrt, wurde aber nicht Nationalheld;

Nansen fand den verheißenen Nordpol nicht, wurde aber Nationalheld.

Schweden ist ein Stiefmutterland, deshalb macht es gewöhnlich seine

Größen aus Nichts, es stöbert Nullen auf und erhöht sie zu Potenzen ...«

»Ja, aber du hast an der Heiligsprechung des Dovrealten mitgewirkt!«

»Du weißt ja, wie das zugeht: man wird nicht in Ruhe gelassen, bis

man dem Haufen einen Knochen hinwirft. Auf die Weise bin ich auch

Wagnerianer geworden, obwohl ich finde, daß er nur unmusikalische

und häßliche Musik geschrieben hat; ›geschrieben‹ ist das richtige

Wort, denn sie ist weder gehört noch komponiert; sie ist geschrieben.

Aber wir leben in einer perversen Zeit, und in einer demokratischen.

Ich frage mich auch bisweilen, ob diese Demokratie, für die wir uns

abmühen, nicht etwas Falsches ist: wo der Unwissende Kenntnisse

mitteilen, der Ratlose raten, der Schwache herrschen, der Unterdrückte

unterdrücken und die Masse es machen soll. In einem Staat aber wie

dem unsern, wo die eine Hälfte der Nation aufschreibt, was die andere

tut, wo der Staatskalender so groß ist wie die Kirchenbibel, wo die

Beamtengehälter ein Nationalvermögen ausmachen, die Ämter feudal und

die Beamten Vasallen geworden sind, da ist vielleicht eine ständige

Demagogie als Gegengewicht erforderlich. Aber das Kuriose ist nun, daß

der Demos royalistisch, akademisch, aristokratisch, sportsnobistisch,

Karl der Zwölftisch, schanzpatriotisch, der Hof hingegen demokratisch,

demagogisch, demütig ist. Der Demos hat es übernommen, an die

prätorianische Garde zwölf Jahre lang eine halbe Milliarde zu zahlen;

wenn sie sich jedoch außerstande sehen, zu bezahlen, reißen sie aus

nach Amerika. Aber die Schuldenlast des Reiches besteht nicht nur aus

Hypotheken und den Zehnten der Gemeinden, sie besteht auch aus Wechseln

der Banken. Aller Handel vollzieht sich auf Kredit und Wechsel; das

ist Vorschuß; und Vorschuß ist ungeleistete Arbeit. Die ganze Nation

lebt von sechsmonatigem Vorschuß; man stellt für die Miete einen

Wechsel aus, einen Wechsel für die Steuer, einen Wechsel für den

Haushalt. Aber man löst den Wechsel nach sechs Monaten nicht ein,

sondern erneuert ihn und bezahlt die Zinsen mit einem neuen Wechsel.

Man lebt also -- von ungeleisteter Arbeit. Und die ganze Berechnung

des Nationalvermögens ist falsch. Ausgesogener Boden ist nichts wert;

verfallene Schlösser kosten nur Unterhalt; rostige Eisenbahnschienen

und benutzte Lokomotiven können nur als altes Eisen verkauft werden,

stehen aber trotzdem noch im Hauptbuch des Reiches als Vermögen;

Wasserfälle haben keinen Wert, bevor nicht die Fabrik daneben steht,

die Fabrik hat keinen Wert, bevor nicht die Arbeiter da sind, und der

Arbeiter ist nichts wert, wenn er nicht tüchtig ist; aber das Fabrikat

ist auch nichts wert, bevor es nicht Absatz gefunden hat. Das Eisen in

Norrland sollte uns retten, aber Rückschrittler haben das verhindert.

Wohin treiben wir? Die Entwickelung geht sprungweise vorwärts und mit

Überraschungen. Es ist ja möglich, daß die norrländischen Goldgerüchte

sich eines schönen Tages bestätigen! Stelle dir dann ein Schweden als

Sammelplatz aller Nationen der Welt vor. Die Volksmenge vermehrt sich,

Norrland wird dicht mit Städten besiedelt, der Acker wird im Stich

gelassen, und die Ureinwohner saufen sich zu Tode wie die Rothäute.

Nach einem Menschenalter ist eine neue kosmopolitische Rasse Besitzer

des alten Schwedens und der Reichstag ist mit Farbigen bevölkert ...«

»Glaubst du daran?«

»Nein, das tue ich freilich nicht, aber möglich ist alles. Es kann ja

auch anders kommen, -- auf diese Art geht es jedenfalls nicht länger!

Und es ist deine Pflicht, das tagaus, tagein zu sagen, zu schreiben,

herauszuschreien! Auch vor tauben Ohren.«

Er verließ den Pavillon und ging in das Menschengewimmel hinaus, in dem

die Gesichter der Fremden ihn erfreuten, wie weitgereiste Gäste den

Einsiedler in der Wildnis erfreuen, und wo der Klang der ausländischen

lebenden Sprachen ihn daran erinnerte, daß seine eigene zu den toten

Sprachen gehörte, da sie außerhalb seiner Landesgrenzen niemand

verstand.

Achtzehntes Kapitel

Die Neujahrsnacht

Jahre waren vergangen; das Jahrhundert war wirklich zu Ende; nur

noch wenige Stunden waren übrig. Die Familie Borg wollte sich in

den Gotischen Zimmern versammeln und gegen Mitternacht nach der

Schanze hinausziehen. Das Leben läuft schnell, und dies Lokal war

nicht mehr in Mode, sondern das literarische Hotel Rydberg hatte die

Oberhand; und wenn einer vom Roten Zimmer sprechen wollte, so klang

es wie Vergangenheit, und wurde mit der »Grünen Raute« und ähnlichem

verwechselt.

Die Gesellschaft hatte sich eingefunden, und der alte Redakteur Borg,

der jetzt über sechzig war, war auch da. Eine improvisierte Versöhnung

war, zu Ehren des Tages, zustande gekommen. Esther, die im Begriff

stand, ihr Examen zu beenden, war die einzige Dame; alle andern waren

ins Versteck gekrochen und wieder ins Haus verwiesen, nachdem das

kameradschaftliche Leben in den Kneipen sich als unhaltbar erwiesen

hatte. -- »Sie liefen mit ihren gegenseitigen Frauen herum, so daß man

nicht wußte, mit wem sie verheiratet waren.« Die Sachlage war so, daß

sie sich scheiden ließen und sich unmittelbar wiederverheirateten,

unmittelbar, so daß man schließlich dahin kam, daß die Damen ihren

Mädchennamen behielten. Die Biographen erwähnten nicht mehr, mit wem

die berühmten Leute verheiratet waren, und der Adelsalmanach erfand als

Euphemismus für Geschiedene, die sich wieder verheiratet hatten, die

Bezeichnung: »Zum zweitenmal verheiratet.« Schließlich wurde in einem

Nachbarlande vorgeschlagen, daß auch die Mädchen Frauen genannt werden

sollten, da sie meistens nicht mehr Mädchen seien, sondern auf den

Promenaden mit ihren Kindern spazieren gingen.

Auf einem Tisch in den Gotischen Zimmern lag eine Liste zum

Unterzeichnen. Alle hatten ihre Namen unterschrieben, außer Doktor

Borg, der doch selbst diese Adresse an Zola aufgesetzt hatte, in der

die Bewunderung für seinen Mut im Dreyfusprozeß ausgedrückt wurde und

die Hoffnung, daß das neue Jahrhundert die völlige Rehabilitierung

seines Schützlings erleben werde. »Gerechtigkeit, aber nicht Gnade!«

»Nun, Doktor,« sagte Isak Levi, »willst du nicht unterschreiben?

Vielleicht glaubst du, daß er schuldig ist?«

Das Thema war noch so explosiv, daß man Dreyfus' Namen nicht gern

nannte, diesen Namen, der in den letzten Jahren die Menschheit in zwei

Hälften gespalten hatte.

Der Doktor nahm die Feder und unterschrieb seine eigene Adresse mit

einigen raschen Strichen.

»Wenn ich mich nur nicht um Ehre und Gewissen geschrieben habe,« sagte

er.

»Aha!« rief es im Chor.

»Ja, Kinder,« sagte der Doktor, »ich habe viermal während des Prozesses

meine Ansicht ändern müssen, und ich weiß noch heute nicht, ob ich

nicht Dreyfusard geworden bin, wie ich Wagnerianer wurde.«

Alle schlugen die Augen nieder, einige um zu verbergen, andere um zu

demonstrieren, und in der Stille, die entstand, hörte der Doktor eine

Anklage, die er beantworten mußte.

»Seht einmal, in einem Spionageprozeß die Wahrheit an den Tag zu

bringen, ist erstens fast unmöglich, weil alle Parteien Spione gewesen

und also mit Lügen, Betrug und falschen Papieren immer umgegangen

sind. Zweitens ist es ganz abnorm, nach drei Jahren einen Prozeß zu

revidieren, da das menschliche Gedächtnis so gebrechlich ist, da die

Jahre die Standpunkte verändern, neue Interessen neue Leidenschaften

geweckt haben; nachdem die Zeugen verschwunden, Papiere gestohlen oder

abhanden gekommen sind ...«

»Ja, aber es war ein geheimes Gericht,« wendete der alte Gustav Borg

ein.

»Jaa, warum nicht? Unsere freisinnige Jury ist doch auch geheim ...«

»Ich glaube, du stehst auf Seite der Generale?« brauste Gustav auf.

»Da haben wir es!« antwortete der Doktor. »Es ist doch des Teufels, daß

die Menschen den Verstand verlieren müssen, sobald man nur von diesem

verdammten Prozeß spricht.«

Isak tat es leid um den Doktor, der sich unschuldigerweise in einer

falschen Lage befand, und mit einem menschlichen Zug der Teilnahme

suchte er ihm zu helfen, falls es dies Motiv war:

»Der Fall ist nicht klar, das gebe ich zu,« nahm er das Wort. »Für

mich sind drei dunkle Punkte da, die mir absolut unerklärlich sind.

-- Der erste ist: Warum verlangte Dreyfus Zyankali, als er von der

Revision erfuhr? Warum freute er sich nicht? Der zweite: Er glaubte

damals sofort, die Generale hätten seine Partei genommen, und bat

seine Frau, zu Boisdeffre zu gehen und um Hilfe zu bitten. Wie konnte

er von Boisdeffre, den er kannte, so gut denken? Das ist doch eine

infernalische Situation. Drittens: Als ich die Anklage der Generale

in Rennes las, ja, meine Herren, da war ich überzeugt von Dreyfus'

Schuld; was gebt ihr mir dafür? Besonders als die Generale erklärten,

der Bordereau sei nicht entscheidend, da war ich durch all ihre

Indizien, vor allem aber durch ihre klaren Worte und ihren noblen Ton

in solchem Maß überzeugt, daß ich zu mir selbst sagte: Erschieße dich,

Labori! Als dann Labori angeschossen wurde und sich weigerte, seinen

eigenen Pariser Arzt zu Hilfe zu rufen, als keine Nachforschungen nach

dem Mörder angestellt wurden, als man die Kugel aus der Wunde nicht

untersuchte, da dachte ich: hier ist etwas faul! Die Sache ist unklar.«

Jetzt geschah das, was so oft geschieht, wenn ein Mensch andern Edelmut

zeigt: die andern beginnen vor Edelmut überzufließen. Holger schnappte

sofort zu, und das Rad des Edelmuts begann sich zu drehen.

»Was Isak sagt, habe ich auch gedacht; Meister Demanges Verteidigung,

die eintrocknete, beruhte auf dem Entsetzen, das ihn überfiel, als er

seinen Klienten in Rennes sah. Labori und Picquart sollen ihn jetzt im

Stich gelassen haben ...«

Die Auktion hatte begonnen, und die Eitelkeit, neue Gesichtspunkte zu

einer alten Sache zu zeigen, griff um sich:

Die Gotischen Zimmer: Roman · 第 18 / 20 段