»Höre zu! In Dantes Inferno ist von Dieben gesagt, daß sie in

Ermangelung anderer Dinge einander das Aussehen stehlen. Erinnerst

du dich des nie entschiedenen Prozesses des norrländischen Diebes,

des kombinierten Mordes und des Traums der Frau von etwas in

einem Eisenbahnkupee ... daran denke! Denke auch an die beiden

geheimnisvollen Prozesse in Norrland und Östergotland, wo kein

Verbrechen begangen zu sein schien, kein materielles wenigstens ... und

doch soviel gelitten werden mußte ... außergerichtlich; ›schuldig und

nicht schuldig‹ scheint das einzige Urteil zu sein ... Ja, wenn wir

alle unsere Gedanken aussprechen sollten ... Rousseau war so unklug,

das zu tun ... wie wir innen aussehen! Und unser inneres Leben tritt

bisweilen ans Licht, verwirrt die Begriffe, macht klare Aussagen

unglaubhaft, dann wird der Ankläger der Schuldige. Deshalb sollten wir

erst das Trinkgefäß inwendig rein machen ... Was für eine schauerliche

Maskerade ist das Leben! Ich kann nie in Gesellschaft gehen, denn ich

höre Gedanken, lese Gesichter und bin so streng gegen mich selbst, daß

ich meine heimlichen Gedanken strafe, die bisweilen ganz furchtbar

sind, so daß ich mich nicht zu ihnen bekennen will ... In schlechter

Gesellschaft kann ich bisweilen immun sein, gewissermaßen geschützt,

bisweilen aber kommt ihre Bosheit über mich, und sie sprechen durch

meinen Mund ... Dann haben sie den Eindruck, ich sei ein roher

Mensch ...«

Sie wanderten weiter und kamen schließlich an den großen Sitzungssaal,

wo ein kleines Fest veranstaltet war.

Max wollte nicht hineingehen, sondern blieb an der Tür stehen.

»Dies erinnert mich an das Grauenvollste, was ich je gesehen habe. Es

war ein sogenannter Wiener Ball für perverse Männer und Weiber in

Berlin. Ich war mit dem Polizeikommissar und einem Arzt zusammen da.

Stelle dir nur vor: ein junger Mann ist verliebt in einen Kerl von

vierzig Jahren, mit rotem, grobem, häßlichem Gesicht, Schnurrbart und

Kneifer, und macht ihm den Hof. Der sollte die Geliebte vorstellen. Wer

hatte sein Gesicht geblendet? Was liegt dahinter? Es muß einen Grund

geben! -- Nein, ich will nicht hineingehen! Ich habe Angst vor Irren;

sie wirken wie Dämonen, denn sie sprechen sofort all meine Geheimnisse

aus, sogar all meine ungeborenen Gedanken. Und da hast du die Gleichung

des Irren: er lebt in einem stummen Unterbewußtsein, nimmt einen auf

Vorschuß, ist so scharfsichtig, daß er boshaft erscheint. Er hört an

unglaublichen Orten alles, was noch nicht lautbar geworden ist; er

sieht Gedanken und Gefühle; seine seelischen Kräfte stehen in gewisser

Weise über unsern gewöhnlichen, deshalb paßt er nicht in die Maskerade

des Lebens hinein ... Ach, da ist ja der Dichter!«

»Ja, er predigt jetzt Sittlichkeit gegen sich selbst!«

»Und weiß nicht, daß die Schöne Helena mit seinen banalen Liedern die

Runde macht?«

»Nein, das weiß er nicht!«

»Wenn er es erfährt, was wird dann geschehen? Seine Person scheint

freilich bereits gespalten zu sein, aber wenn er mit seinem früheren

Ich in Disharmonie kommen sollte, wird er die Dissonanz durch

Kompromiß oder Kampf gegen sich selbst lösen? ... Weißt du ... diese

Sittlichkeit, richtig aufgefaßt, hat mehr für als gegen sich. Mit der

gewaltigen Schöpferkraft zu spielen ist ein Greuel, und er wird am

schlimmsten und häufigsten in der Ehe betrieben, wo er ein Zeitvertreib

geworden ist. Deshalb will ich aus sittlichen Gründen die Auflösung der

Ehe. Im zweischläfrigen Bett verliert man seine Persönlichkeit, seine

Selbstachtung, seinen Menschenwert. Da verkauft man seine Seele, lernt

das Verschweigen, sich versöhnen nennt man das. Es ist das Grab, in das

das Ebenbild Gottes gelegt wird, und aus dem das Tier aufersteht! Da

wird die grenzenlose Verachtung seiner selbst, der Liebe, der Gattin

und des Heims geboren! Ich hörte kürzlich, wie ein Mann, in dessen

Küche sich die Bräutigams ablösten, nach dreijähriger Ehe endlich

aufwachte und ausrief: ›Ich halte es nicht mehr aus, Bordellwirt zu

sein.‹ Nein, jetzt gehen wir auf die Schanze. In einer Stunde ist

Mitternacht!«

* * * * *

Die Gäste aus den Gotischen Zimmern gingen in kleinen Trupps durch die

Nacht und plauderten; Alte und Junge, Väter und Söhne, Onkel und Neffen

als gleichaltrige Kameraden; das war die Losung der Zeit: »Der Tod ist

keine Entschuldigung, und das Alter hat keinen Rang. Die Vaterschaft

läßt sich nicht beweisen, deshalb sind wir alle Brüder.«

Der alte Gustav ging mit Isak an der Spitze:

»Kannst du dir vorstellen, Anders schrieb auch einen Sermon über

amerikanische Familienverhältnisse, aber das wollte ich den Jungen

nicht vorlesen. Er sagt, das Heim löse sich auf und die Familien

wohnten im Boardinghouse. Ich gebe zu, es ist eine Verschwendung mit

unseren Familienhaushalten, und der Altar des Hauses ist eigentlich der

Küchenherd. Essenkochen und Aufwaschen ist ja vom Sonnenaufgang bis

Sonnenuntergang im Gange. -- Und dann sagt er, Scheidungen seien ebenso

üblich wie Hochzeiten, und es habe den Anschein, als sei das Leben

durch diese Erneuerung der Persönlichkeit reicher geworden.«

Isak, der solche Fragen nicht gern behandelte, lenkte ab und nahm ein

anderes Thema auf:

»Nobel ist ja jetzt gestorben und hat einiges hinterlassen; dreißig

Millionen oder so.«

»Dann bekommt ja die Akademie etwas Geld zur Verfügung; wenn es nur

nicht ein Reptilfond wird, mit dem politische Gegner gekauft werden.«

»Etwas Amtliches wird es sicher ...«

Kurt und der Doktor im zweiten Gliede hatten eine Weibergeschichte vor.

Kurt führte das Wort.

»Da ist sie mit dem Kind ihrer Wege gegangen, um mir den Todesstreich

zu versetzen; aber ich lief ihr nicht nach, sondern ließ sie sitzen,

und das hatte sie nicht in Rechnung gezogen. Da sagte sie, ich sei

kein Gentleman; und dann lief sie zum Rechtsanwalt und beantragte die

Scheidung, weil ich ›sie nicht glücklich gemacht hätte‹. Weißt du, was

das heißt, eine Frau glücklich machen?«

»Ja, gewiß weiß ich das: wenn sie dich ruinieren, dich entehren, dich

erniedrigen darf, dann hast du sie glücklich gemacht; und gelingt ihr

das, ohne daß du klagst, dann bist du ein Gentleman!«

Holger und Sellén im dritten Glied sprachen über die Zeitung: Sellén

war mit den Rezensionen und den Persönlichkeiten nicht einverstanden.

»Aber das Leben ist öffentlich geworden, ganz wie im alten Athen:

Ephoren und Zensoren durchforschen das Privatleben des einzelnen;

darein muß man sich finden, muß es zu seiner Erziehung nutzen; im

übrigen, wenn alle das Persönlichkeitsprinzip predigen, sind die

Persönlichkeiten einer Kritik ausgesetzt, die persönlich werden muß.

Aber als Korrektiv hat sich das Interview eingestellt. Früher konnte

man auf eine unwahre Anschuldigung nicht antworten; das Urteil der

Zeitung war drakonisch. Jetzt darf der Geringste antworten und sich

erklären. Das ist ein großer Fortschritt.«

»Ja, aber wenn sie ungerecht sind ...«

»Es gibt nichts Dümmeres, als ungerecht zu sein. Der Betroffene wird

zum Märtyrer und erringt oft unverdiente Sympathien ... Hier im Lande

ist es schwer für ein Talent, hochzukommen, denn man nimmt lieber eine

Unfähigkeit, die Bein vom eigenen Bein ist, und kreiert sie; aber es

geschieht oft, daß man durch den Neid anderer auf einen Konkurrenten

vorwärts kommt, und das ist der gewöhnliche Weg ... Wollen sie einen

Beneideten stürzen, müssen sie einen andern emporheben ... Doch Reklame

ist das Schlimmste, worauf man bauen kann, und ich begreife nicht,

warum die Leute annoncieren! Wenn ich eine große Annonce sehe, bekomme

ich Angst und denke, es ist Schwindel! Nein, die mündliche Propaganda

durch einen Käufer, der eine gute Ware bekommen hat, das ist der

einzige Weg! -- Unser Freund Lundell, der Maler, hat sein ganzes Leben

hindurch Reklame gemacht, ist aber nie etwas geworden, ist namenlos

gestorben und jetzt nach einem Jahr vergessen!«

Isak war in edelmütiger Stimmung und spielte aus Trümpfe und Stiche

nacheinander.

»Man mag sagen, was man will, aber ohne die Heilsarmee und die

Guttempler wäre Schweden in Trunksucht verfallen. Angenehm sind sie ja

nicht, indessen ...«

»Als Vorschule für Amerika haben sie allerdings ihre Rolle gespielt,

und für das Publikum ... Jedenfalls sind die größten Reformen in

unserm sozialen Leben auf privatem Wege durchgeführt worden, ohne den

Reichstag; die Regierung hat ja nie etwas anderes getan als gehemmt.

Das Ritterhaus stürzen war keine Kunst, und der Adelsalmanach ist noch

vorhanden, aber die Fräuleinreform des Abendblattes, die hat dem Adel

den Todesstoß gegeben. Das war eine Guillotine. Auf dieselbe Weise

haben die Guttempler die Nüchternheit geschaffen und die Pietisten die

Staatskirche vernichtet, hat die Literatur die Sitten umgebildet, haben

die Privatbanken das ökonomische Leben reformiert.«

»Apropos Ökonomie! Weißt du, daß das beste Geschäft in Schweden die

Lebensversicherung ist? Nicht weil die Leute an den Tod denken, sondern

weil die Versicherungspolicen als Hypotheken für Darlehen benutzt

werden, und da alle pumpen ... Aber der größte Gewinn resultiert

aus den verfallenen Versicherungen; wie schwedisch das ist! Um zu

zweihundert Kronen zu kommen, bezahlen sie sechshundert an Prämien, und

dann lassen sie die Versicherung verfallen!«

Der Doktor im zweiten Gliede war bei seinem Thema:

»Eines Nachts kam sie aus dem Theater und wollte ein Butterbrot mit

Kalbsbraten und Gurken haben. Der Braten fand sich, nachdem sie mich

schimpfend geweckt hatte, aber als die Gurken fehlten, wurde sie böse

und drehte die ganze elektrische Beleuchtung an, die bis zum Morgen

mit voller Kraft brannte. Als ich ihr dann die Leviten las, sagte sie,

ich sei kein Gentleman, und als ich ihr schließlich wenigstens bewies,

daß ich ein Mann bin, lief sie zum Advokaten und sagte, ich machte sie

nicht glücklich, ganz wie deine. Kann man als gesunder Mann mit einem

wahnwitzigen Kinde zusammenleben? Kann man seinen Namen und seine Ehre

seinem schlimmsten Feinde geben? Den Mann, den sie liebt, haßt sie!

-- Brunst und Haß, das ist die Liebe der Frau! -- Der Mann liebt und

sie haßt! -- Alles Schöne, das wir in ihr sehen, sind nur Projektionen

auf ihr weißes Tuch, auf dem sich nichts befindet. -- Die Welt wird

in Haß vergehen! Die Kinder werden in Haß geboren, in Haß erzogen! Es

ist widerlich, in einer perversen Zeit zu leben, in der alles auf den

Kopf gestellt ist. Sehen sie einen Mann mit einem männlichen Willen,

so sagen sie, er ist ein Weib; sehen sie einen Alphons, der im Namen

der Frau spricht und seinen Willen einer Frau unterstellt, so heißt es:

Seht, das ist ein Mann! So muß ein Mann sein! Der Dichter Grönlund,

der sich gegen Bezahlung prostituiert und ein Entretenu ist, das ist

der Dichter der Frauen! Er schreibt gegen sein eigenes Geschlecht und

verleumdet es ... Gynolatrie!«

Sie hatten die Insel passiert und waren an die Floßbrücke gekommen.

Jetzt tauchte plötzlich der Schanzenberg im Licht der Feuerzeichen auf,

und der Feuerkranz von Bredablick hing in der Dunkelheit ...

Sie blieben einen Augenblick schweigend stehen, dann wurde der Marsch

fortgesetzt, und die sechsstimmige Fuge kam wieder in Gang.

»Sellén und das Rote Zimmer haben 1870 die Schanze erfunden; das ist ja

köstlich; bevor der Aussichtsturm da war; damals diente der Hügel als

Motiv für Maler, auch als eine Art Luginsland ...«

»Ich vergesse nie den Franzosen vom Geschwader, der mich zwei Tage

lang mit seinem ›Es lebe die Akropolis‹ verfolgte, sogar bis in den

Opernkeller.«

* * * * *

»Die Ursachen der Auswanderung? Sieh dir den Staatskalender und die

Landsturmrolle an.«

* * * * *

»Jetzt ist alles in so raschem Fluß, und man kann eine Erklärung, die

zehn Jahre alt ist, nicht benutzen, weil sie nicht mehr stimmt. Wo ist

Panslawismus? Pangermanismus? Borussianismus? -- Nirgends! Wo ist der

amerikanische Weizen geblieben, der Europa in Angst versetzte? Und die

Reblaus? Tot, und Frankreich weiß nicht, wo es seinen Überfluß an neuem

Wein absetzen soll.«

»Alles scheint sich schließlich zurechtzuziehen, aber man kann das

Eingreifen einer gewissen Vorsehung nicht leugnen. Damit Dreyfus

frei werden konnte, mußte Bismarck sterben. Als er gestorben war,

kam der Erlaß des Zaren, und damit war der Revanchegedanke erledigt,

damit konnte China geöffnet und Dreyfus begnadigt werden, wodurch die

Kampflust der französischen Armee beschnitten wurde ...«

* * * * *

»Man mag sagen, was man will, aber der deutsche Kaiser (der in Berlin)

ist ein Mann; er ist der einzige Monarch, der seine gesetzlichen Rechte

und seinen persönlichen Einfluß zu benutzen wagt. Sein Telegramm an die

Transvaaler erforderte Mut!«

»Konstitutionelle Monarchen, das ist doch nichts. Konnte nicht der

Reichsmarschall den Reichstag eröffnen und die Bahnen einweihen? Die

Orden könnte man ja streichen, dann brauchten sie nicht ausgeteilt zu

werden.«

* * * * *

»Wenn man Mark Twains Gleichung geben wollte, wäre es die: Die

Umwertung aller alten verfallenen Werte durch den Menschen der

Gegenwart! Das Verflossene in elektrischer Beleuchtung gesehen; alte

Kultur auf der Auktion, wo kein Respekt, keine Liebhaberwerte mehr

mitsprechen, außer dem Zwangswert, den sie jetzt hat; sie muß zu

jedem Preise realisiert werden ... zum ersten-, zum zweiten- und zum

drittenmal! Bibliotheken müßten dann und wann verbrannt werden, sonst

wird das Gepäck, das man mitzuschleppen hat, zu groß. Chinesen und

Araber haben das durchgeführt, und Japan hat eine ganze Kultur auf

einmal beiseite geworfen ... Japan, ja!«

* * * * *

»Man sagt, Holger habe im Gefängnis Dinge erlebt, über die er nicht

sprechen will ... daß er aber seinen alten Glauben an den Affen und an

den Mechanismus ohne Mechanikus verloren hat, ist sicher. So weit wie

Max ist er noch nicht gekommen ...«

»Ja, Max und Esther! Da darf man sich nicht einmischen; das muß geheim

bleiben und respektiert werden. In das Seelenleben zweier Menschen darf

und kann niemand mit rauhen Händen eingreifen ...«

* * * * *

»Warum wächst Stockholm nicht aufs Meer hinaus, sondern nach

den Tümpeln zu? Wie kann man mit Bauplätzen auf dem Leibgedinge

spekulieren, die nur auf Lebenszeit, die unbestimmt ist,

Dispositionsrecht gewähren? Nein, ein Strandweg, eine lange Linie wie

in Kopenhagen von der allgemeinen Gasse bis zum Blockhauszoll; die

Industrie auf der Insel Sickla, die Flotte auf Vaxholm und für die

Stadt Stockholm die Insel Liding ... hinaus ins Meer!«

* * * * *

»Pastor Alroth liegt im Krankenhaus, um aufgeschnitten zu werden. -- Es

ist ein schauerlicher Tempel, in dem die Menschen von einer unbekannten

Göttin geschlachtet werden, die den Blinddarm sehen will. Sie werden

dahingebracht, um getötet zu werden, wie die Hunde zum Tierarzt!«

»Apropos Hunde! Es ist doch schändlich, daß sechstausend Hunde in

Stockholm den Kindern Brot und Milch wegnehmen ... Und die Hauswirte,

die ihre feinen Wohnungen an Tiere und ähnliches vermieten ... ist das

gesetzlich? Es steht doch im Kontrakt, man soll ein stilles und ruhiges

Leben führen ... Die Tiere haben jetzt größere Rechte als der Mensch,

dann ist der Mensch reif! -- Streikten die Dienstboten und weigerten

sie sich, frierend auf der Straße zu stehen, wenn die Hunde sich und

andere soulagieren, dann würden wir bald eine zivilisierte Gesellschaft

haben. -- Wenn man sich vorstellt: man läßt einen Dienstboten vor

der Haustür stehen und sich schämen! Pfui, was für Menschen ...

Barmherzigkeit gegen das Tier! Aber zunächst gegen den Menschen!«

* * * * *

Die Fuge fugierte sich den Schanzenberg hinauf.

»Akropolis, der Heilige Berg, das Kapitol!«

»Weltbürger bedeutet nicht, daß der Norweger von Blasieholm aus

Schweden regieren soll; nein, nationale und kommunale Selbstverwaltung

bei allen Föderativstaaten!«

»Selbst Talmud verflucht den Mann, der seinen Willen seiner Frau

unterwirft.«

»So, da fangen die Hunde an zu kläffen, weil sie den Gesang vom Turm

hören; nichts kann ohne Hunde vor sich gehen. Da lobe ich mir die

Türken ... und die Japaner! Bei ihnen ist das unreine Tier unrein ...

aber bei uns ... jeder Hundebesitzer ist ein ~cynêde~ ... schlagt das

Wort bei Lombroso nach ...«

»Seht, da in dem Hause steht Grönlund, der Anführer der Teufelsanbeter

... jawohl alle, die Karl XII. anbeten, sind Teufelsanbeter, und alle,

die Gustav Adolf anbeten, müßten auch Swedenborgs ~Diarium Spirituale~

lesen ...«

* * * * *

»Die Mitternacht kommt von Osten her,« sagte Max; »in diesem Augenblick

steht sie über der Ostsee und hat das neue Jahrhundert in ihrem Arm.«

Sie standen vor dem Swedenborgpavillon, und Esther glaubte etwas über

den großen Schweden sagen zu müssen, der jetzt aus hundertjähriger

Vergessenheit und unverdienter Geringschätzung emporgestiegen war.

»Du glaubst doch nicht, daß Swedenborg mit andern Welten in Verbindung

stand; man kann nicht in Verbindung mit andern Welten stehen, die es

nicht gibt.«

»Gibt es sie nicht? Blicke zum Himmel auf und zu den Sternen! Siehst du

jetzt nicht andere Welten?«

»Doch, aber ...«

»Siehst du da nicht Capella, den großen, weißen Stern?«

»Nun?«

»Da du ihn siehst, so ist dein Auge durch das von ihm ausstrahlende

Licht getroffen, und du stehst in einer Art Verbindung mit ihm, da du

etwas von ihm bekommen hast.«

»Ja, einen Lichtstrahl ...«

»Jawohl, einen Lichtstrahl, den du aufnimmst. Nun weißt du doch, daß

man auf einem Lichtstrahl eine Tonwelle senden kann?«

»Nein, das weiß ich nicht.«

»Kennst du Bells Photophon nicht, durch das man mittels eines

Lichtstrahls fernsprechen kann? Nun, das gibt es, wenn du es auch nicht

kennst. Jedenfalls kannst du auf dem Lichtstrahl der Capella eine

Tonwelle aussenden. Nun weißt du, daß eine Tonwelle einen Gedanken

fortzupflanzen vermag; du schickst mir ja jeden Tag einen Gedanken

durchs Telephon. Stimmt meine Beweisführung?«

»Ja ...«

»Also der Schlußsatz: Andere Welten existieren, weil du sie siehst, und

du könntest auf einer Lichtwelle durch eine Tonwelle einen Gedanken

aussenden und umgekehrt auf dem gleichen Wege von dem gleichen Ort

einen Gedanken empfangen.«

»Die Beweisführung ist richtig ...«

»Dann sind wir einig, und Swedenborg kann mit andern Welten in

Verbindung gestanden haben.«

»Das fasse ich nicht ...«

»Soll ich die Beweise noch einmal wiederholen? Nein, das willst du

nicht! -- Jedenfalls hat Holger im Gefängnis eine Menge Erlebnisse

gehabt, die er nicht erklären konnte, die ihn aber beunruhigt haben.

Solange wir etwas nicht erklären können, nennen wir es Mystik. Nun

hatte er Swedenborg nie gelesen; als er aber wieder herauskam, geschah

ihm das Folgende, das du kontrollieren kannst, wenn du willst. Nach

seiner Befreiung lebte er in Grübeleien und glaubte natürlich auf dem

Wege zum Wahnsinn zu sein. Da kommt eines Tages auf die Redaktion

ein armer Jugendfreund und will Swedenborgs Arcana Coelestia, die

schwedische Ausgabe verkaufen, besaß aber nur Teil 6, 7 und 8. Um ihm

zu helfen, kaufte Holger sie, ohne die Absicht, sie zu lesen. Als er

jedoch, nachdem er allein geblieben war, darin blätterte, fand er in

dem Buche -- seine Erlebnisse im Gefängnis, und die Erklärungen dafür

stimmten. Da wurde er nachdenklich, versuchte Geister zu beschwören

mit den Formeln Hypnotismus, Suggestion, Zwangsvorstellungen und

andern. Jedenfalls war auf seine Vergangenheit und seine Gegenwart

ein neues Licht gefallen. Vierzehn Tage später war er in Upsala und

ging zum Antiquar, um das Gesetzbuch von 1734 zu kaufen. Er muß selbst

in den Regalen suchen und findet nun Teil 1, 2 und 3 der Arcana;

aber natürlich nicht die gleiche Ausgabe wie die seine. Als er nach

Stockholm zurückkam, wollte er sofort das ganze Werk kaufen, doch

es war nirgends zu haben. Er wollte eben von dem letzten Antiquar

fortgehen, da fällt ihm ein, zu fragen: Aber Sie haben vielleicht

einzelne Bände? -- Ja, die hatte er; und gerade Teil 4 und 5, die

fehlten; und wieder eine andere Ausgabe als die seine. Wenn du das

als Zufall hinstellen willst, so kannst du auch Lotterie spielen und

voraussagen, ob du gewinnen wirst oder nicht. Dennoch ist er nicht

Spiritist und hat keine Visionen -- aber er nimmt wahr, er bekommt

Eindrücke, Warnungen, ganz wie der nüchterne Sokrates von seinem

Daimon. Seine Person scheint mir unter der höchsten Temperatur des

Leidens in einer Retorte sublimiert zu sein; er hat sich gespalten

in einen Alltagsmenschen, der unten in der Materie lebt, und einen

Feiertagsmenschen, den er nach gut verrichteter Pflicht ausschlüpfen

läßt.«

»Hast du Swedenborg gelesen?« fragte Esther, die sich bei diesem

Gespräch nicht wohl fühlte.

»Ja, ich habe ihn gelesen, und ich glaube, kein Mensch hat so viele

Geheimnisse ergründet wie er ... Es ist kein Zufall, daß sein Haus

hier auf dem Berge steht, gerade jetzt, wo er gebraucht wird ... Höre

an dem Namen Sweden borg, was er für unser Schweden bedeutet. Ich

möchte ihn da in der Türöffnung sitzen sehen wie Abraham, als er im

Haine Mamre Besuch von dem Herrn bekam ... Er kehrt wieder, aber um zu

erlösen und Gericht zu halten; um zu befreien, nämlich den Geist; um

zu binden, nämlich das Tier! Ich habe nicht recht begriffen, warum all

diese Tiere mit ihrer Unreinlichkeit hier auf dem Berge eingesperrt

gehalten werden, aber das hat vielleicht den Grund, daß wir den

Unterschied zwischen ihnen und uns sehen, daß wir durch Vergleich den

Menschen entdecken sollen! Jetzt ist die Mitternacht da, und ich höre

das Jahrhundert kommen, von Osten her; jetzt steht es über Värtan, es

läutet in Vaxholm ... Birgt es Frieden unter seinen Schwingen, Frieden

durch Kampf? Die Menschen wollen keinen Frieden! Heute werden im Haag

von sechsundzwanzig Staaten die Verhandlungen des Friedenskongresses

unterzeichnet! Aber niemand glaubt an den Frieden; alle rüsten! ...

Wenn du gut von den Menschen sprichst, lachen sie dich aus; sie kennen

sich, wir kennen uns; sprichst du aber schlecht von ihnen, von uns,

dann werden sie böse. Etwas schlechter als ihr Ruf und etwas besser

sind die Menschenkinder!«

* * * * *

Jetzt läutete es von den beiden Glockentürmen, und von der Stadt erhob

es sich wie eine Wolkensäule von hallendem Geläut, so daß der Berg

bebte. Es ging ein Erschauern durch die Volksmassen, die verstummten

und den Kopf entblößten, ohne daran zu denken, wem sie huldigten. Die

Tiere in Käfigen und Grotten krochen hinein und versteckten sich,

erschrocken wie Heiden beim Klang der geweihten Glocken; es ging ein

Rauschen durch die Kiefern, das das Rauschen des Nachtwindes sein

konnte, aber auch das Rauschen des durch die Bronze erschütterten

Luftmeeres.

Das große Te Deum von der Stadt stieg und stieg, und man sah die

spitzen Kirchtürme sich wie Blitzableiter erheben, um die Blitze des

Zorns abzuleiten. Der Sternenhimmel aber lächelte sanft, freundlich,

nachsichtig.

Und dann verstummten die Glocken der Türme auf dem Berge, auch die der

Stadt, eine nach der andern.

»Glaubst du, daß man dies droben gehört hat?« fragte Esther.

»Ja, so wahr meine Seele lebt, das hat man gehört!« antwortete Max.

Nach kurzem Schweigen nahm er wieder das Wort:

»Nun, was hältst du von dem neuen Jahrhundert, das angefangen hat?«

»Es ist dem alten gleich!«

»Ziemlich gleich! Aber doch ein anderes!«

»Wandern wir? Zusammen?«

»Eine Strecke!«

»Aufwärts?«

»Vorwärts!«

»Aber nicht mehr abwärts!«

_Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig._

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die

Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

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Die Gotischen Zimmer: Roman · 第 20 / 20 段