entgegnete:
»Der Hauptmann blieb Franzose, seine Verwandten in Mülhausen aber
wurden Deutsche; und wenn Dreyfus, so hieß er ja wohl, sie jeden
Sommer besuchte, so war es ja klar, daß er manches ausplauderte. Ich
hörte auch, er habe in Fontainebleau oder irgendwo anders den Besuch
eines deutschen Bruders bekommen und ihm eine Reihe neuer Erfindungen
gezeigt, sofern daran überhaupt etwas zu zeigen war.«
»Nun, woraufhin wurde er denn aber verurteilt?«
»Auf Grund von Indizien; übereinstimmende Zeugenaussagen und
belastende Umstände; die moderne Beweisführung nimmt auf diese Dinge
mehr Rücksicht als auf materielle; und Zeugenaussagen sind ja immer
falsch infolge der Unvollkommenheit des menschlichen Gedächtnisses,
infolge der Abhängigkeit des vulgären Urteils von Interessen und
Leidenschaften.«
»Ja, aber ich glaube mich zu erinnern, daß er auf Grund eines
zweifelhaften Dokuments verurteilt wurde.«
»Du meinst den sogenannten Bordereau. Den habe ich autographiert
gesehen neben einem Brief von Dreyfus, dazu das Schreiben, das der
Oberst -- wie hieß er doch noch -- Dreyfus nach Diktat schreiben
ließ. Aus diesen Schriftproben kann man nichts beweisen, denn Dreyfus
hatte zwei Handschriften, eine deutsche, aus der Kindheit, und eine
französische, die er in Frankreich gelernt hatte. Der Bordereau weist
französische Handschrift auf, das sieht man besonders an den Ziffern,
an der 4, die so, $4$, geschrieben ist, wie nur ein Franzose sie
schreibt; ebenso an der 5.«
Er zeichnete mit seinem Bleistift auf der Marmorplatte.
»Aber in der Probeschrift nach dem Diktat des Obersten hat Dreyfus
deutsche Ziffern und deutsche Datumsbezeichnung angewendet. Zum
Beispiel beginnt die Schrift: Paris, 15. Octobre 1894.«
Esther machte große Augen:
»Du scheinst diesen Prozeß gründlich studiert zu haben.«
»Ja, genauer, als ich dir gegenüber zugeben darf; und ... Also hier
sind die Ziffern deutsch; doch er hat das Datum geändert, die 15 aus
einer 13 gemacht. Warum hat er zuerst 13 geschrieben, da er doch beim
Diktat leicht den Unterschied zwischen fünfzehn und dreizehn hören
konnte? Ja, weil am dreizehnten etwas geschehen ist, was du nicht
weißt! Die Schrift des Bordereaus ist also als Beweis wertlos, da der
Mann zwei Handschriften hatte, von denen die Kindheitsschrift bei
gewissen Gelegenheiten hervortrat.«
»Glaubst du denn nicht, daß er den Bordereau geschrieben hat?«
»Das weiß ich nicht! Aber da er nicht auf Grund dieses Schriftstücks
verurteilt ist, sondern auf Grund einer Menge Indizien, ist es
gleichgültig. Sonderbar ist, daß man eine Abschrift des Bordereaus in
Dreyfus' Weste gefunden hat, als er nach der ~Ile de Rez~ gebracht
werden sollte. Wo hatte er die her, da er im Gefängnis keinen Zugang
zum Original hatte; und was wollte er mit ihr, da sie ihn zu Fall
brachte? Weiß man, ob die Kopie das Original war oder nicht?«
»Woher weißt du das?«
»Das steht doch in den Prozeßberichten, und er hat die Existenz der
Kopie in der Weste nie abgeleugnet, da sie einmal gefunden worden war.
Warum interessierst du dich so sehr für diesen Prozeß?«
»Das kann ich nicht sagen.«
»Jetzt sitzt er jedenfalls auf der Insel, die von manchen ~du Diable~,
von andern ~du Salut~ genannt wird. Es ist kurios. Und man spricht von
vorbeifahrenden Jachten, die ihn befreien wollen.«
»War er Jude?«
»Ja gewiß; aber das sprach nicht gegen ihn in dem aufgeklärten
Frankreich, wo das Heer schon sechsunddreißig jüdische Offiziere hatte
und wo Dreyfus, trotz seiner deutschen Herkunft, in den Generalstab
aufgenommen wurde, eben weil er Jude war. Man wollte nämlich aufgeklärt
und vorurteilsfrei erscheinen. -- Daß aus diesem Ei etwas herauskommt,
glaube ich zu wissen. Es ist wohl ein Basiliskenei!«
»Glaubst du denn, daß er schuldig ist?«
Max betrachtete Esther, und er fühlte in ihrer Frage einen Stachel des
Hasses, eine Herausforderung, eine Schlinge. Er antwortete deshalb kalt:
»Ich glaube, daß er geklatscht hat, und das finde ich verzeihlich; ob
er den Bordereau geschrieben hat, weiß ich nicht; ich halte es für
unwahrscheinlich, daß man ein Verzeichnis seiner Verbrechen mit sich
herumträgt. Wahrscheinlich ist er schuldig, aber nicht der Dinge,
derentwegen er angeklagt ist. Und das ist seine Stärke. Deshalb konnte
er auf dem Marsfelde bei der Degradierung freimütig ausrufen: ›Ich bin
unschuldig!‹ (Im Sinne eurer dummen Anklage!)«
Es entstand eine Verstimmung, und Esther begann zu frösteln. Graf Max
wurde nervös und fand die Gesellschaft am Nebentisch zu lärmend; ein
unerzogener Hund ging umher und fegte die Tische mit seinem Schwanz ab;
der Kellner puffte jedesmal, wenn er vorbeiging, Esther in den Rücken.
»Ich glaube, die Séance ist zu Ende,« sagte Max. »Hier ist Unlust, und
das ist immer so, wenn gewisse Gespräche über niedrige Dinge zu wirken
beginnen. Es ist etwas Böses in der Luft; die Toten hier in der Nähe
berühren mich unangenehm, und ich sehne mich fort, hinaus; ich wünschte
nur, ich könnte aus dem Körper herauskriechen und mit den Möwen ans
Meer fliegen, mich in einer großen, grünen Woge baden, auf dem Rücken
liegen und nur den Himmel sehen, ein Riesenwalfisch sein und mich
draußen im Ozean abspülen, mit Fregatten um die Wette schwimmen und in
Tangwälder hinuntertauchen.«
Jetzt begann es vom Kirchturm zu läuten.
»Und dann diese Glocken! Diese Kirche ist mir immer vorgekommen wie
eine Nebenkapelle zum Opernkeller, das Portal ist in der Oststraße,
der Turm über dem Salon auf den ~Champs de Mars~. Wenn sie da oben
läuten, dann klappern alle Groglöffel auf der Terrasse, und die
Punschgläser klirren gegen die Tablette, die Lorbeerbäume rascheln und
riechen, wie Quecksilber schmeckt; diese Terrasse erinnert übrigens an
einen französischen Kirchhof, mit seinen bepflanzten Gräbern und den
gestutzten Bäumen. Hu, wie mich friert; wollen wir gehen?«
Esther wußte, daß es bedeutete, sie wollten voneinander gehen; denn
jetzt begann die Repulsion, der Haß, ohne bestimmte Ursache, und
wenn sie darauf bestand, bei ihm zu bleiben, so würde das mordende
Schweigen eintreten, oder das unvernünftige Gezänk ausbrechen.
Sie gingen ohne Abschied auseinander, nach stillschweigendem
gegenseitigem Übereinkommen, aber in der Überzeugung, sich früher oder
später wiederzutreffen.
Siebzehntes Kapitel
Das Versöhnungsfest
Esther und Max gingen den Strandweg entlang, um die Ausstellung zu
besuchen, die sie noch nicht gesehen hatten. Da sie beide in Stockholm
geboren waren, hatten sie die Umrisse ihres alten Tiergartens so sicher
im Auge, daß sie sie im Dunkeln hätten zeichnen können. Jetzt, da sie
in ihr Gespräch versunken, mit in sich gekehrten Blicken dahingingen,
blieben sie plötzlich stehen und blickten auf. Vor ihnen lag eine
weiße, schimmernde Stadt, wie zum Fest gekleidet.
Max blieb stehen und blickte vorwärts, aufwärts, wie in einer Ekstase:
»Das Licht ist wiedergekommen!«
Und sie gingen weiter, während er sprach:
»Die Furcht vor dem Weißen ist verschwunden. Die Augen konnten keine
weißen Häuser ertragen, deshalb verbot die Hygiene Kalkputz, und
die Fassaden unserer Jugend waren mit Ruß und Rost gestrichen; die
Behörden schrieben Kienruß oder Eisenocker in der Tünche vor. Und das
Grün, das Grün der Hoffnung, das die Ästhetik in den Bann getan hatte,
darum und darum ... das Grün hat seine Wiederkehr gefeiert; das Weiße
grünt und das Grün vergoldet sich. Selbst die Nationalflagge ist von
dem stumpfen Indigo zu dem milden Kobalt übergegangen, vom schweren
Eigelb zum blassen Gold. -- Wir sind im Dunkel gewandert, aber es war
nur eine Sonnenfinsternis, die ihre Zeit dauern mußte. Ich erinnere
mich meiner Kindheit, als die kleinen Schwestern weiße Strümpfe trugen
wie ihre Mütter, und wie dann ihre Beine schwarz wurden; ich fand,
sie sahen aus wie Dämonen, die aus Schornsteinen herunter kommen; das
Weiße wurde schwarz, und es gab gewisse Frauen, die mit Trauerkleidern
kokettierten, obwohl sie keine Trauer hatten. Jetzt tagt es wieder;
die Strümpfe haben wieder Farbe bekommen, und der Stiefel hat seine
Schwärze verloren, die Frau hat ihr langes Haar wieder, hat Hals und
Brust befreit -- jetzt bekommen wir wieder Mütter, -- mit Kindern als
Halsband.«
Sie hatten den Brückenkopf erreicht und wanderten in die weiße Stadt
hinein. Sie sahen die Menschen nicht; sie waren von ihrer eigenen
schützenden Aura umgeben, die sie gewissermaßen unsichtbar machte. Die
Gebäude und Gegenstände betrachteten sie nicht, sondern behandelten
sie als Dekorationen zu ihren Gedankenbildern. Sie tändelten an
Maschinen, Mineralien, Waffen, Möbeln und Handelsgegenständen vorbei.
Sie stürzten sich in Alt-Stockholm hinein, ließen sich's eine Weile
in der vergessenen Vergangenheit wohl sein, spürten aber bald eine
Beklommenheit und rissen sich wieder zur Gegenwart empor! Jetzt leben,
nicht damals! Nicht einen Tag früher, lieber später, sich selbst und
seiner Zeit voraus.
Schließlich setzten sie sich in die blaue Grotte. Max sprach
unaufhörlich.
»Jetzt denke ich blau, jetzt sehe ich blau; ich weiß, wo ich bin, aber
ich habe es vergessen, und ich bin nicht hier. Ich weiß, wie du heißt,
aber ich will deinen Namen nicht nennen, denn du bist nicht die, die
du bist. Weißt du, was die Gevatterschaft war? Das war eine geistige
Verwandtschaft, die zwischen den Paten des gleichen Kindes vorhanden
sein sollte. Ich glaube an so etwas, an die selbständige Existenz der
Seelen außerhalb der Körper; und an geistige Blutschande. Wir müssen
auf irgendeine unbekannte Art Geschwister sein, deshalb bekommen wir
kein Kind; deshalb tragen wir an einer Schuld und an einem Schamgefühl,
das wir nicht erklären können. Du bist nicht die, die du bist, denn
wenn du abwesend bist und ich dich mir vorzustellen versuche, wirst du
eine andere.«
»Wer bin ich dann?«
»Bisweilen meine Mutter, bisweilen meine Schwester, bisweilen ... Weißt
du, ich glaube, die Seelen leben so unabhängig von den Körpern, daß
sie in fremde Rinde einen Schößling senken und saprophytisch darauf
leben können. Die Flechte, die auf Bäumen und Steinen wächst, ist eine
Vereinigung von Alge und Pilz, eine Gemeinschaft, die man Symbiose
nennt. Das ist die Ehe, die geistige meine ich, und die Ähnlichkeit
von Ehegatten ist die noch unerklärte Bildkraft der Seele, die Materie
umzukneten. Ich hatte deinen Vater gesehen, aber nie deine Mutter,
als ich einmal im Theater einige Reihen vor mir den Nacken einer Dame
sah, der meine Aufmerksamkeit erregte. Ich wendete mich zu meiner
Gesellschaft und sagte unwillkürlich: ›Der Nacken dieser Dame erinnert
mich an Gustav Borg!‹ ›Ja, das ist seine Frau,‹ sagte man mir! Wenn
es das Gesicht gewesen wäre, hätte man die Wirkung der Anpassung im
Verkehr begreifen können, aber ein Nacken! Das klingt ja wie eine
Fabel.«
»Es werden allerdings Zwillinge geboren,« begann Esther, »aber man
kann auch dazu werden. Meine Mutter hatte eine Zwillingsschwester, und
als die sich einmal in die Hand schnitt, fühlte meine Mutter, die weit
entfernt war, den Schmerz. Du und ich, wir sind Zwillinge geworden,
aber wir müssen aufhören, es zu sein.«
»Ich glaube, wir sterben im selben Augenblick, da das Band zerschnitten
wird. Der Trennungsschmerz ist das größte aller Leiden, aber wir müssen
dahin!«
»Kannst du dir ein Ende denken?«
»Nein! Und das, was man sich nicht denken kann ... das existiert nicht.«
Sie gingen wieder weiter, um den Platz zu wechseln, und kamen auf die
Schanze.
Kläffende Hunde begrüßten sie, und Max schrumpfte vor Schmerz zusammen.
»Diese Tiere hier? Gibt es denn keine Menschen in Schweden?«
»Du bist kein Tierfreund?«
»Nein, ich hasse alles Tierische, wie du weißt, besonders an mir
selbst. Und diese Tierfreunde -- ja, du weißt, die Vorsitzende selbst
hätte ihre Kinder mit Rosinen und Mandeln beinahe umgebracht (sie war
Vegetarianerin), aber sie konnte nicht hören, daß man einen Hammel
schlachtete. Alle, die auf der Tierskala so tief stehen, daß sie mit
Tieren, aber nicht mit Menschenkindern Mitgefühl haben, sollte man
ohne weiteres zum Tierarzt schicken und Zyankali riechen lassen. Die
Abgründe, die eine solche menschenähnliche Seele birgt, sollte sie
lieber zu verbergen suchen. Ich habe gehört, daß Kavalleristen und
Hirten ... Nein, jetzt wollen wir hier weggehen! Hier ist es böse, und
es ist überall böse, wo man Tiere eingesperrt hält! Wir wollen nach dem
Swedenborgpavillon gehen.«
»Hast du Swedenborg gelesen?«
»Man liest Swedenborg nicht, man empfängt ihn oder man empfängt ihn
nicht. Man kann ihn nur verstehen, wenn man dasselbe erlebt hat wie
er. Deshalb ist es nicht gefährlich, ihn zu lesen, denn für die
Uneingeweihten ist er ein verschlossenes Buch.«
Sie gingen und gingen.
* * * * *
Vor dem Zentralrestaurant saß Konsul Levi mit Doktor Borg.
»Nun, du Nörgler, was sagst du zu all diesem?«
»Ich möchte am liebsten schweigen und meinen schönen Eindruck vom Fest
behalten.«
»Nein, du sollst bewundern, schwedische Industrie und Erfindungen
bewundern.«
»Was für Erfindungen?«
»Aha!«
»Kleine Anwendungen älterer Ideen, die Themen anderer, eigene
Variationen!«
»Nun, aber der Separator? Schwedens Ehre und Reichtum.«
»Ja, der! Erz, Zucker und Melasse abzusondern, ist immer die Aufgabe
der Zentrifuge gewesen; jetzt sondert sie Sahne ab, das ist alles!«
»Du redest! Gerade die Anwendung bei Milch ist neu.«
»Nein, die Milchzentrifuge ist 1864 von Prandtl in Bayern erfunden, ist
aber in Schweden vervollkommnet.«
»Potztausend! Aber die Dampfturbine? Ist die was wert?«
»Ja, doch sie ist alt! Dampf einzulassen statt Wasser, siehst du, das
ist das ganze! Die Axe ist neu! Nein, wer in die Dampfmaschine eine
andere Flüssigkeit als Wasser hineinbringt, eine Flüssigkeit mit einem
niedrigeren Siedepunkt, zum Beispiel Äther mit fünfundvierzig Grad
Siedepunkt, der hat Kraft gespart; der ist ein Erfinder. Wenn man eine
Lokomotive mit einer Spirituslampe heizen kann, dann will ich dabei
sein und Preise austeilen. Oder wenn man einen Ballon steigen läßt, mit
Stickstoffgas gefüllt, das von einem Petroleumofen erwärmt wird.«
»Stickstoffgas?«
»Ja, Stickstoff, der das gleiche spezifische Gewicht wie Leuchtgas hat,
nämlich 0,9, muß natürlich einen Ballon heben können. Da Stickstoff
sich weder entzündet noch explodiert, kann er erwärmt werden, entweder
durch Benzinlampe, Petroleumofen oder Acetylen. Dann sitze ich in der
Wärme und bediene eine Schraube, steige oder falle nach Bedarf und kann
aussteigen, ohne meinen Ballon zu leeren, kann höher und tiefer gehen
und neue, passende Winde aufsuchen.«
»Aber die Feuersgefahr?«
»Stickstoff ist nicht feuergefährlich und imprägnierte Leinwand fängt
nicht Feuer. Das kannst du bei einem Ingenieur bestellen, ebenso wie
den Regulator zu meiner Äther- oder Benzin-Dampfmaschine!«
»Hast du noch mehr Erfindungen?«
»Ja, wir müssen Wasser verbrennen. Du weißt, daß Koks mit Wasser besser
brennt als ohne! Mache dir also ein poröses Koksstück aus feuerfestem
Lehm oder Gußeisen und feuchte es unaufhörlich mit überhitztem Dampf
an, nachdem du mit gewöhnlichem Koks ein Initialfeuer gemacht hast, das
den Dampf liefert.«
»Das klingt gut; hast du auf deiner Ausstellung noch mehr auszustellen?«
»Doch, wir haben ein Teleskop. Diese alten großen Ungeheuer sind
ganz unnötig. Ich sah neulich durch das Fernrohr eines magnetischen
Theodolits, bei dem das Rohr nicht länger war als einen halben Fuß und
das Glas nicht größer als ein Zweipfennigstück. Das war ein Fernrohr,
das was taugte. Nun ist das Köstliche, daß man für die Planeten
nicht zu starke Vergrößerungen nehmen darf. Mars verträgt nur eine
fünfzigfache Vergrößerung. An den Sternen ist nichts zu sehen, denn
sie werden kleiner, je stärker die Vergrößerung ist, also kuriose
Lichtquellen. Bleiben Sonne und Mond, und die sieht man ebensogut mit
einem Opernglas. Dann müßten wir ... Da kommt Kurt!«
Kurt Borg trat heran. Er sah feierlich aus, aber auch zerstreut:
»Wo kommst du her?« grüßte der Doktor.
»Ich komme von etwas Großem und Schönem; ich war im Ritterhaus auf
dem Religionskongreß und habe gehört, wie ein Bischof einem Rabbiner
Schmeicheleien sagte.«
Isak Levi schien weniger begeistert, als der Architekt erwartet hatte,
denn Isak zählte die religiösen Dinge zu dem, worüber man nicht spricht.
Der Doktor dagegen nahm das Thema auf:
»Ja, auch das ist Nachklang! Das Religionsparlament in Chikago 1893 war
viel größer. Da waren alle Völker und Religionen der Erde vertreten,
und die Versammlung nahm jeden Morgen den Segen des jeweiligen
Präsidenten entgegen, mochte er nun Mohammedaner, Buddhist, Katholik
oder Protestant sein, und der Papst selbst sandte seinen Glückwunsch
... In unserm Kongreß fehlt etwas Wesentliches, und zwar ein Katholik.«
»So, bist du auch Katholik geworden?« erwiderte Kurt.
Der Doktor antwortete auf die dumme Frage nicht.
»Es liegt etwas so exklusiv, lutherisch Alleinseligmachendes in
dieser Versammlung; deshalb ist sie borniert wie alles Lutherische.
Im übrigen erinnert ihr euch wohl nicht, daß Pius IX. 1868 ebenfalls
Griechen, Protestanten und andere Nichtkatholiken zu dem vatikanischen
Konzil zusammenberief, um zunächst einmal einen Kompromiß zwischen den
Christen zustandezubringen. Die eingeladenen Ketzer kamen nicht, und so
wurde es, wie es wurde!«
»Ja, das kann sein,« entgegnete Kurt, »aber hier ist Großes im Werden,
und im neuen Jahrhundert werden wir etwas Neues sehen.«
»Die französische Aufklärung bei der Revolution war viel weiter
vorgeschritten als wir jetzt sind; sie rissen alles nieder, und was der
Kongreß jetzt langsam abträgt, ist nur das, was ihr eigener Widerstand
aufgebaut hat.«
Es hatte sich bewölkt und der Himmel war mit sepiafarbenen Wollkämmen
gestreift, die auf dem Kopf standen. Es dunkelte oben, aber die weiße
Stadt stand nur noch weißer da und lächelte den schwarzen Himmel an.
»Das sieht nach einem Zyklon aus,« sagte der Doktor.
»Apropos Zyklon, erinnert ihr euch des Zyklons in Paris?« fiel Kurt
ein. »Es war am 10. September im vorigen Jahr, ich war da und habe
ihn miterlebt. Es war schauerlich anzusehen, so daß viele vor Schreck
den Verstand verloren haben. Er verheerte den Platz Saint Sulpice vor
dem Jesuitenseminar ... ging nach der Seine und zerschmetterte ein
Kohlenschiff, das La Revanche hieß ...«
»Das war ein symbolistischer Zyklon,« fiel Isak ein.
»Dann fuhr er nach der Sainte Chapelle Ludwigs des Heiligen und riß
die Gerüste herunter, darauf brauste er in den Justizpalast hinein.
Da saß ein Richter und führte eine Verhandlung, als plötzlich die
Fenster aufsprangen und ein großer Baum mit Wurzeln und allem in den
Gerichtssaal geschleudert wurde; ein Posten draußen wurde mit dem
Schilderhaus hochgehoben und durch einen langen Korridor geschleift.
Der Justizpalast schien am schlimmsten heimgesucht zu sein. Dann aber
fuhr der Wirbel nach dem Saint-Louis Hospital und riß fünfzig Meter des
eisernen Stakets nieder, das einen Mitarbeiter des Courrier de Paris um
ein Haar erschlagen hätte.«
»Denkst du dir das aus? Freund Max würde eine Wahrzeichengeschichte
daraus machen, aber glücklicherweise ist es seit einem Jahr in Paris
ruhig; und Wahrzeichen pflegen doch nicht erst nach Jahr und Tag zu
versagen?«
»Ausdenken? Du kannst einen Ausschnitt aus der Vossischen Zeitung
lesen, den ich bei mir habe!«
»Nein, danke schön! ich erinnere mich noch; Jesuitenseminar, Saint
Louis zweimal, La Revanche und der Justizpalast ...«
»Behalte das also im Gedächtnis,« sagte Kurt mit einem scharfen, fast
fanatischen Ton; »und wenn in Paris etwas passiert, in diesem Jahr oder
im nächsten, so ...«
»Bist du auch Okkultist geworden?« parierte der Doktor.
»Okkultist oder nicht, aber es liegt etwas in der Luft! Ich habe in
Paris einen Traum gehabt ...«
»Den mußt du mit dem Traumbuch deuten!«
»Scherze nur, doch nimm diesen Zeitungsausschnitt und hebe ihn auf,
versuchsweise, auf jeden Fall. Du bist ja für Experimente. Es ist die
Vossische Zeitung vom 15. September 1896. Jetzt haben wir 1897!«
»Gut,« sagte der Doktor. »Wollen wir wetten, daß diese Legende nichts
zu bedeuten hat?«
»Wir halten die Wette! Hundert Kronen!« sagte Kurt. »Isak ist Zeuge!«
Isak hatte mit großer Aufmerksamkeit die Geschichte angehört, und als
er die Wette bezeugt hatte, holte er sein Notizbuch heraus, suchte ein
Zeitungsblatt hervor und legte es auf den Tisch.
»Hier ist wirklich eine französische Schilderung des Zyklons, und sie
stimmt mit der Kurts überein. Ob er etwas zu bedeuten hat? Ja, wir
müssen abwarten!«
»Was zum Teufel soll er bedeuten? Man kann doch nicht Zyklone machen,
nicht einmal wenn man Jesuit oder Okkultist ist, und an übernatürliche
Zyklone glaubt kein Mensch.«
»Wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!«
* * * * *
Esther und Max gingen vor der Kunsthalle auf und ab. Max redete:
»Mir kommt es vor, als wenn die Menschen hier einander nicht lieben,
sondern mehr zusammengescheucht werden, von der Furcht vor einer
unbekannten Zukunft; es ist wie das Bedürfnis des Kranken, sich mit dem
Feind zu versöhnen; wird er aber gesund, so ist die Feindschaft wieder
da.«
Sie blieben stehen und betrachteten zuerst die Zyklonwolke am Himmel,
dann warfen sie ihre Blicke auf die Loggia der Kunsthalle, als wollten
sie dort Schutz suchen.
»Siehst du,« begann der Graf wieder, »siehst du die Büste da drinnen?«
»Das ist Arvid Falk! Lebt er noch?«
»Ja, er lebt!«
»Komm, wir wollen ihn uns ansehen!«
Sie gingen in die Veranda hinein, und Graf Max begann wieder:
»Das hatte ich nicht erwartet, ihn hier zu sehen, aber er wird ja als
tot und ungefährlich betrachtet.«
»Wer hat die Büste gemacht?«
»Eine Frau, das ist aber seltsam.«
»Nein, wieso? er hat doch immer Beziehungen zu Frauen und Kindern
gehabt,« antwortete Esther. -- »Aber was ist das auf dem Sockel?«
»Das sieht aus wie Feuersflammen. Soll das den Schwefel vorstellen, den
er analysiert haben will, oder das Inferno, das er jetzt durchmacht?«
»Er sieht nicht bange aus, eher strahlt er von dem göttlichen Übermut,
den die Götter hassen.«
»Meinst du, daß einer diesen Mann verstanden hat? Er behauptet, keiner
habe das getan, weil er sich selbst nicht verstand; aber er scheint
bisweilen sein Lebensrätsel zu ahnen und faßt sich als eine Aufgabe
auf. Er ist für mich so etwas wie Balzacs Louis Lambert, einer, der
hier nicht zu Hause ist. Sein Mißvergnügen mit allem hienieden will er
seinen latenten Erinnerungen an ein Besseres zuschreiben; er sieht in
allem schlechte Kopien des Originals, auf das er sich dunkel besinnt.
Und sein Schwanken zwischen asketischer Frömmigkeit und sinnlicher
Gottlosigkeit deutet an, daß er das irdische Leben als eine Strafe
betrachtet und inzwischen einmal ein Schlammbad als Pönitenz nehmen
muß.«
»Hast du ihn gekannt?«
»Nein, ich glaube, kein Mensch hat ihn gekannt. Er hat die Fähigkeit,
sich im Verkehr zu kaschieren, indem er sich dem Sprechenden anpaßt,
so daß sein Zuhörer nur den Eindruck gewinnt, sich gespiegelt oder mit
sich selbst gesprochen zu haben. Deshalb gibt es so viele sonderbare
Charakteristiken von ihm, bei denen man das Gefühl hat, daß die
Porträtisten ihr eigenes Bild, nicht seins, wiedergegeben haben!
Kürzlich hat eine Frau in einem Essay ihn zu erläutern versucht, gibt
aber zu, gescheitert und nahe daran gewesen zu sein, den Verstand zu
verlieren.«
»Warum wird er denn so gehaßt?«
»Wenn Ihr nicht von dieser Welt seid, haßt die Welt Euch!«
Im selben Augenblick fühlte Graf Max etwas wie eine warme Stelle auf
seinem Rücken; und als er sich umdrehte, sah er einen Mann unbestimmten
Alters vor der Büste stehen und sie mit einem ironischen, fast
verächtlichen Lächeln betrachten.
Der Graf hätte fast einen Ruf ausgestoßen, wendete sich aber statt
dessen zu Esther und sagte ihr etwas mit den Augen.
Der Unbekannte ging in die Halle hinein.
»War er das?«
»Ich glaube.«
»Hast du sein Gesicht gesehen? Er blickte auf sich selbst herab und
sagte mit den Mienen: Damit sind wir fertig!«
»Was sollte das bedeuten?«