Das Geheimste, das zu verbergen einem ein natürliches Gefühl gebietet,
soll zur Schau gestellt werden! Ich finde das zynisch! Aber man hat
Angst vor Doppelehen! Das hat man, doch diese bekannten Bigamien und
Polygamien innerhalb der bekannten Ehe sind straflos und sind Sitte
geworden. Die Frau nimmt jetzt nur einen Mann, um einen Deckmantel und
einen gesetzlichen Schutz zu haben -- da mag der Teufel Lockvogel für
liederliche Weiber sein. Als ihr die Frau von der Weiblichkeit und der
Keuschheit losmachtet, wurde sie eine Kokotte. Ihr habt das Geschlecht
und die Ehe vernichtet; diese männlichen Frauen haben die Instinkte
des Mannes so verdorben, daß er pervers geworden ist. So endete
Griechenland! Mit Aspasien, Freundinnen und Sodomiten. Ich glaube,
wir sind dem Ende nahe! Ich habe, wie du weißt, mehrmals eine Gattin
gesucht, eine Hausfrau und Mutter, habe aber nur eine Kokotte gefunden.
Brunst und Haß, das habe ich gefunden. Für meine Liebe -- verzeih den
Ausdruck -- suchte ich Gegenliebe, fand aber nur Haß; Haß gegen den
Mann, Haß, der die sogenannte Liebe der Frau auszumachen scheint. Einen
Mann erniedrigen zu können, ist ihr Ideal. Du kennst das! -- Du gibst
ihr deine Manneskraft, und mit dieser Kraft, deiner Kraft, beherrscht
sie dich. Sie wirkt wie der Induktionsapparat; sie vervielfacht deine
Stromstärke und stellt den Strom um gegen dich. Aber das hast du nie
verstanden! Sieh dein Juwel an, wie sie zusammenfällt, so oft du den
Strom unterbrichst! Vor dir selbst beugst du dich, wenn du dich vor
ihr beugst! Sieh dir an, wie die ›großen Frauen‹, die du bewunderst,
entstehen. Zunächst suchen sie starke Männer auf, berühmte, suggestive;
wenn sie Kraft aus ihren Akkumulatoren geholt haben, beginnen sie
selber Batterie zu spielen und Ströme auszusenden, die aber nur
sekundär sind. Wenn alles fertig ist, dann kommen sie und nehmen; wenn
das Schlachtfeld mit Toten und Verwundeten besät ist, dann kommen die
Knochenleserinnen; und immer findet sich eine Schar von schwachen
Männern, die den Lumpensammlerinnen wie Königinnen huldigen; du kennst
diese Art Männer, die Männern Fußtritte versetzen ...«
»Ja, aber du bist Weiberhasser!«
»Wenn ich es mir recht überlege, muß ich vielleicht ja sagen. Ich
hasse alles Feindliche, und da ich sie hasse, ist sie der Feind.
Und ist sie der Feind, so haßt sie den Mann. Die Geschlechter
hassen einander, das ist wohl die Wahrheit, und dieser Haß ist
vielleicht die Repulsion zwischen Entgegengesetztem, die in der Liebe
zu Attraktion umpolarisiert wird. Du kannst also ebensogut alle
Frauen Männerhasserinnen nennen, wie du mich Weiberhasser nennst.
Intermittierende Ströme! Das ist die Liebe! -- Aber die Frau hat immer
eine gesunde Anziehungskraft auf mich ausgeübt, deshalb kann ich mit
gutem Gewissen einen speziellen Frauenhaß nicht zugeben, mit dem ich
allein dastände! Im Gegenteil, ich habe stets die Öde des Lebens
empfunden, wenn die Wärme des Mutterschoßes fern war; aber seit ihr
die Frauen zugrunde gerichtet habt, ist es nicht zu ertragen. Ihr sagt,
ich hätte sie nicht festhalten können; ich antworte, ich wollte kein
verfaultes Fleisch im Hause haben. Aber da kommt ja Kurt! Kennst du
denn seine Ehe? Die war lecker, kann ich dir sagen!«
Der Architekt kam herein mit einem bebrillten Manne von unbestimmtem
Aussehen. Der Bruder nickte und ging mit seinem Begleiter in eine Ecke
des Saales.
»Ja, wie ist es mit seiner Ehe?« fragte Holger. »Es war alles so
heimlich; ist es aus?«
»Aus? Ich hoffe es! Hör zu, wie es ihm ging. Er wurde in eine
kinderlose Familie hineingezogen, und zwar in dem Augenblick, als die
Ehegatten sich gegenseitig langweilig geworden waren. Er befreundete
sich mit beiden; sie drängten sich ihm auf und schleiften ihn mit, um
sich die Langeweile zu vertreiben. Die Folge war, daß er und sie sich
ineinander verliebten; der Mann kuppelte, ohne es zu wissen, und eines
schönen Tages unterrichteten sie, um loyal zu sein, den Mann von ihrer
Neigung, worauf die Frau nach Paris reiste, um geschieden zu werden.
Kurt wartete, und nach geraumer Zeit sollte sie nach Hause kommen.
Da er ungeduldig war, fuhr er ihr bis Södertelje entgegen. Der Zug
hielt; Kurt ging durch die Wagen, um die nichtsahnende Braut zu suchen.
Schließlich kam er an ein Rauchkupee. Da lag seine Geliebte, den Kopf
auf dem Schoß eines fremden Herrn, und rauchte eine Zigarette. Kurt
geriet nicht aus der Fassung; er lüftete den Hut, bat um Entschuldigung
und tat, als erkenne er sie nicht. Aber als er ins Nebenkupee ging,
kam die Dame ihm nach und fiel ihm um den Hals; sie weinte und schwur,
es sei nichts dabei; ein Freund, der ihr für die Reise seinen Schutz
angeboten habe. Da Kurt selbst ehrenhaft und treu war, glaubte er, sie
sei es auch. Deshalb hält die Frau den Mann für dumm! Jetzt weißt du
es! Also gut, der Freund wurde vorgestellt und war diskret genug, am
ersten Abend zu verschwinden. Am nächsten Abend aber soupierten sie mit
Verwandten zusammen, und der Freund war dabei. Da wurden vertrauliche
Worte und Blicke zwischen Freund und Braut gewechselt, so intime, daß
Kurt schließlich die Fassung verlor, eine Szene machte und seinen
Teller auf den Boden warf. Ganz plötzlich fand er sich in der Rolle
des lächerlichen Ehemanns, heiratete aber schnell, auf jeden Fall. Nun
saßen sie da und langweilten sich, ganz wie früher sie und ihr Gatte.
Wie köstlich! Sie konnte nämlich nur in Saus und Braus leben. Er mußte
mit ihr ausgehen. Dann lebte sie auf, wenn sie im Restaurant die Blicke
der Herren auf sich zog, und es war ihr ein Genuß, den Mann leiden zu
sehen. Ihr ganzes Dasein hing davon ab, daß der Mann gequält wurde.
Und er mußte den glücklich Verheirateten spielen, wie alle, die mit
geschiedenen Frauen verheiratet sind. Er sollte ja ein lebender Beweis
sein, daß der erste Mann ›sie nicht hatte glücklich machen können‹. Und
um den ersten zu zerschmettern, wollten sie jetzt Kinder haben. Kurt
hält sich nämlich für einen furchtbaren Matador in dieser Beziehung.
Aber siehe da, sie bekamen kein Kind. Also: er auch nicht! Jetzt
begann die Hölle für ihn in ihren ständigen Vorwürfen. ›Es gibt keine
Männer mehr,‹ sagte sie. Daß es ihre Schuld sei, kam nicht in Frage.
Was tat Kurt? Ja, was sollte er machen? Er schaffte sich ein Verhältnis
an und ein Kind. Er mußte doch seine männliche Ehre retten. Die Frau
verließ ihn. Aber Kurt hatte doch die ganze Schande. ›Er hat die
Frau eines andern verführt, und dann hat er sie sitzen lassen.‹ Aber
er hatte sie nicht verführt. Das war egal! ›Er hatte die Frau eines
andern verführt!‹ Daß die Frau ihn sitzen ließ, darum kümmerte sich
niemand. Gut, jetzt ist er frei, aber kannst du glauben: seine Gedanken
beschäftigen sich noch heutigentags mit dem Freund im Kupee. Er hat
wohl sämtliche Bekannte gefragt, ob sie glaubten, daß es etwas gewesen
sei. -- Ja es ist heutzutage verwickelt!«
Jetzt betraten den Saal ein großer fetter Herr, eine Dame und drei
Kinder.
Die Dame sah sehr gut genährt aus und hatte einen zu kleinen Kopf auf
den Schultern.
Der Doktor blickte einen Augenblick auf die Gesellschaft, zuckte
zusammen, wendete sich zum Fenster und hielt die Hand vor die Augen,
mit einem Ausdruck zwischen Lachen und Weinen. Als die Gesellschaft ein
Stück entfernt war, sagte er mit komischer Salbung:
»Da geht meine erste Frau mit ihrem zweiten Mann (oder dritten, wer
weiß). Diese Närrin, die als Neuvermählte sagte, sie lebe wie eine
Nonne, und als das Kind kam, tat sie, als begreife sie nicht, wo es
her kam. Dieser Kaltwasserfisch zwang mich durch sein idiotisches
Geschwätz, mich scheiden zu lassen und mich wieder zu verheiraten. Sieh
dir ihren Mund an, Holger, und hüte dich vor Kindermündern. -- Und das
war meine erste Liebe! -- Ich glaube bisweilen, es war nicht Dummheit,
sondern Bosheit. Sie war eifersüchtig auf mich, weil ich sie gekriegt
hatte. Die Ehre war zu groß, deshalb mußte ich ihrer beraubt werden!
Sie war das größte Vieh, das ich gekannt habe, und deshalb machten alle
meine Gegner sie zu dem höchsten Wesen; sie sagten, ich hätte alles von
ihr bekommen, sogar mein medizinisches Wissen. Alles, was der kleine
Mund sprach, war so boshaft, daß ich ihr einmal einen Nagel durch die
Zunge schlagen wollte. Ich hoffe, ihr Dickus dahinten wird es ihr
besorgt haben. -- Ja, Holger, so ist das Leben, und ich habe es nicht
gemacht.«
Sechzehntes Kapitel
Bei den Toten
Esther Borg ging an der Kirche vorbei und sah, daß sie offen war. Es
war schön drinnen, und der Altar war mit Grün bekleidet. Draußen waren
Tannenzweige gestreut und also ein Begräbnis zu erwarten. Es kamen
Leute, und unter ihnen sah sie Graf Max, mit dem sie seit sechs Monaten
nicht zusammengewesen war. Sie sah ihn, aber es war nicht er selbst,
sondern einer, der ihm ähnelte. Dies nannte sie »sehen«, und nun wußte
sie, daß er bald kommen werde.
Sie ging hinein, um zu warten.
Sie und der Graf waren damals auseinandergegangen, entschlossen, sich
zu trennen; aber sie hatten so unter dem Bruch gelitten, daß sie
wiederanknüpften. Dann hatten sie am Zusammensein gelitten und hatten
wieder gebrochen, und dabei waren sie dies Jahr geblieben.
Esther ging auf die rechte Empore hinauf, warum wußte sie nicht, aber
sie fühlte, daß dies der Platz sei, wo er sich wohl fühlen werde. Es
sah so aus; er war nahe der Decke, hoch über der Menge, und man fühlte
sich geborgen.
Nach einer Weile kam der Graf wirklich und ging ruhig auf Esther zu,
als habe er sie zu einem Stelldichein bestellt.
»Hast du lange gewartet?« fragte er mit seiner gedämpften Stimme.
»Sechs Monate, wie du weißt,« antwortete Esther, »aber hast du mich
heute gesehen?«
»Ja, vorhin in einer Straßenbahn; und ich sah dir in die Augen, so daß
ich mit dir zu sprechen meinte.«
»Es ist seit damals viel geschehen.«
»Ja, und ich dachte, es sei aus zwischen uns.«
»Wieso?«
»Alle Kleinigkeiten, die ich von dir bekommen habe, sind zerbrochen und
auf eine okkulte Art. Aber das ist eine alte Beobachtung.«
»Was du sagst! Jetzt besinne ich mich auf eine ganze Menge solcher
Ereignisse, aber ich habe das für Zufälle gehalten. Ich bekam einmal
einen Kneifer von meiner Großmutter, als wir gute Freunde waren. Er
war aus geschliffenem Bergkristall und ausgezeichnet bei Obduktionen,
ein wahres Wunderwerk, das ich sorglich hütete. Eines Tages entzweite
ich mich mit der Alten, und sie wurde böse auf mich. Bei der nächsten
Obduktion fiel das Glas ohne jede Ursache heraus. Ich dachte, es sei
ganz einfach zerbrochen, und schickte es zum Reparieren. Nein, es
verweigerte beharrlich den Dienst, wurde in eine Schublade gelegt und
ist weggekommen.«
»Ach nein! Wie seltsam, daß alles, was die Augen betrifft, am
empfindlichsten ist. Ich bekam von einem Freunde ein Opernglas; es
paßte so gut für meine Augen, daß die Benutzung ein Genuß war; der
Freund und ich entzweiten uns. Du weißt, so etwas kommt vor, ohne
ersichtliche Ursache; es ist, als dürfe man nicht harmonisch sein. Nun,
als ich das nächste Mal das Glas benutzen wollte, konnte ich nicht klar
sehen. Der Schenkel war zu kurz, und ich sah zwei Bilder. Ich brauche
dir nicht zu sagen, daß weder der Schenkel kürzer noch der Augenabstand
größer geworden war! Es war ein Wunder, das alle Tage vorkommt und das
schlechte Beobachter nicht bemerken. Die Erklärung? Die psychische
Kraft des Hasses ist wohl größer, als wir glauben. Übrigens, der Ring,
den ich von dir bekommen habe, hat den Stein verloren und läßt sich
nicht reparieren, läßt sich nicht. Ebenso ist es mit dem Petschaft.
Willst du dich jetzt von mir trennen?«
»Ja, du weißt, wir wollen beide, aber wir können nicht. Ich lebe den
ganzen Tag so intim mit dir, daß ich deine Gegenwart kaum vermisse, und
ich finde es so besser, denn wenn wir zusammenkommen, ist Unfrieden. Es
ist, als wenn unsere Körper sich nicht ertragen können.«
»Ja, so scheint es. Doch deine Aura folgt mir, und ich spüre aus
der Ferne deine Gemütsstimmung mir gegenüber wie drei verschiedene
Düfte, von denen zwei mir äußerst angenehm sind. Der erste ist wie
Weihrauch, und er kann so dicht werden, daß er wie Hexerei und Wahnsinn
wirkt, der letzte ist wie frisches Obst. Der zweite in der Reihe ist
schwül wie Seifenparfüm und wirkt sinnlich unfreundlich. Aber in
deiner Nähe spüre ich diese Düfte oder andere nie; also sind es keine
Geruchswahrnehmungen im materiellen Sinne, sondern etwas wie eine
Version. Und ich fühle mich nie uneins mit dir in deiner Abwesenheit;
trennen wir uns nach einem Sturm, wo mein Haß so grenzenlos ist, daß
mir die Worte fehlen, so legt sich, sobald du nur fort bist, der Haß,
und eine stille, liebliche Ruhe tritt ein, in der ich mit dir so intim
lebe, wie ich will. Alles, was ich spreche, denke oder schreibe, widme
ich dir; Und wenn du mir zustimmst, habe ich deinen Geschmack im Munde,
und dein Weihrauch wird Balsam. Um von dir loszukommen, suche ich
bisweilen Gesellschaft, aber ich fürchte mich vor den Menschen, sie
verletzen mich mit ihrer Gegenwart, sie verwirren unsere Fäden, und
ich meine dir untreu zu sein -- ja, liebe Freundin, das Universum hat
Rätsel; aber die Menschen gehen umher -- nicht wie Blinde, denn sie
sehen wohl -- verstehen aber nicht. -- Wer du bist, wer ich bin, das
wissen wir nicht. Aber als wir uns vereinigten, glaubte ich eine Leiche
zu umarmen, die nicht deine war, sondern die einer andern ... ich will
nicht sagen, wessen.«
»Und mir war es, als seist du mein Vater, so daß ich Scham und
Abscheu empfand! Was ist dies Furchtbare, Geheimnisvolle, in das wir
hineingeraten sind?«
»Jetzt erst wird vielleicht die Menschheit die unlösbaren Rätsel
erfahren! Sie zum mindesten ahnen. Du hast wohl oft gemerkt, wenn ich
zu dir kam, daß ich finster wurde und verstummte. Du nanntest das
schlechte Laune. Nein, liebe Freundin, ich kam in strahlender Stimmung
und bereit, dich stundenlang zu unterhalten. Aber du sahst mich mit
einem fremden Blick an, dein Zimmer war giftig, so daß ich am Ersticken
war; ich mußte hinaus, das war alles, was ich wußte. -- Und wenn du
dann böse auf mich warst, konnte ich nicht antworten und mich nicht
verteidigen. Ich glaube übrigens nicht, daß es zwei Menschen gibt,
die sich verstehen. Der eine mißt dem Wort einen andern Wert bei als
der andere, und außerdem, wenn man sich selbst nicht versteht, wie
soll ein anderer einen verstehen können? Ich verstehe dich am besten
im Schweigen und in der Ferne; dann bist du mir am nächsten, ohne
Mißverständnis.«
»Ich brauche dir von meinem Leben seit damals nichts zu erzählen; denn
du kennst es ...«
»Ja, ich kenne es; du sehnst dich heraus aus dieser Unfreiheit,
denn das ist es, für dich wie für mich; jedes Liebesverhältnis ist
Unfreiheit und deshalb qualvoll ...«
Jetzt legten sich zwei schwere Hände freundlich auf ihre Schultern, und
Doktor Borg ließ sich hinter ihnen nieder.
»Guten Tag, Kinder, seid ihr auch hergekommen, um euch den Aufzug
anzusehen? Der Antichrist soll von Christi Nachfolger bestattet werden.
Schweden soll einen großen Dichter bekommen, der nie Dichter war,
weil er nie gelebt hat; er beklagte selbst, daß er nichts erlebt und
daher nichts zu erzählen habe. -- Er hat den ersten Teil übersetzt,
zu dem zweiten langte es nicht! Das war ein Schwede! Alles, was er
angespien hatte, las er schließlich auf und hängte es an die Brust,
alle Ideale seiner Jugend tauschte er gegen Titel und Würden ein, und
diese charakterlose, knochenlose Gestalt wird schon jetzt als der
charakterfeste Mann mit Rückgrat gepriesen! Wir leben ja in der Epoche
des Humbugs!«
»Sprich nicht schlecht von den Toten,« flüsterte Graf Max; »sie können
sich rächen!«
Jetzt kam die Prozession herein, und Max wendete sich zu Esther, mit
gedämpfter Stimme, um vom Doktor nicht gehört zu werden.
»Siehst du, da gehen die Toten! Die jetzt Lebenden atmen ihre
Gegenwart, nähren sich von dem Heutigen; die da unten leben um 1850,
wie der Tote; sie haben Asche und Knochen gefressen, deshalb sehen sie
wie Asche aus; alles, was schon konsumiert und assimiliert war, die
Reste, das ~Caput mortuum~, ist ihre Nahrung; sie gehören dem Reich
der Schatten an, und ohne Glauben an die lebendige, wachsende Allmacht
machen sie sich ein tönernes Götzenbild und legen es in einen Sarg mit
silbernen Füßen; aber der Tote gehörte nicht ihnen; einerlei, denn
ihnen ist alles einerlei; er entstammte ihrer furchtsamen, blutlosen
Nachhallzeit, und sie kennen die Ihren; sie haben seinerzeit gegen ihn
gekämpft, sie haben ihn besiegt, und nun tragen sie seine Leiche im
Triumph daher; der Kampf um die Leiche des Patroklus, des Patroklus,
der Jahrhunderte lang tatenlos dalag, schließlich aufwachte, von Apollo
selbst mit Blindheit geschlagen und von Hektor getötet wurde.«
Hier unterbrach Doktor Borg ihn: »Hört jetzt zu! Jetzt spricht ihr
Riesengenie, der Mann, der nie etwas getan hat, dafür aber mit
siebenunddreißig Jahren Staatsrat wurde, nie etwas vollendete, außer
ein paar unvollendeten Broschüren. Die Broschüre, der Essay, das
war die Form der Zeit. Er fürchtet die Kritik der Nachwelt an dem
Werk des Toten, deshalb versichert er ihn gegen diesen Unglücksfall.
Hört! Er, der Tote, hatte so mächtige Gedanken, daß erst in kommenden
Jahrhunderten Generationen geboren werden, die imstande sind, sie zu
begreifen! Ist das ein Hund! -- Jetzt kommt Christi Nachfolger, der
sich nicht entblödet, sich auf den Thron des Antichrist zu setzen.
Versöhnlichkeit ist schön; wird sie aber mit weltlicher Ehre und
irdischer Auszeichnung erkauft, dann ist sie Unsinn! -- Hört, wie er
die Glaubenslehre anpaßt, an den Statuten rüttelt ... und jetzt! Jetzt
wird das Schwarze weiß! Charakter! Charakterfest! Charakterstärke! und
jetzt: Freimütig, freisinnig, warum nicht Freidenker? Nein, ich danke!«
Graf Max wendete sich zu Esther:
»Er war einer von denen, die Holger wegen der Majestätsbeleidigung
verurteilten. Dies ist ein seltsames Schauspiel! Diese Aschemenschen
gleichen den Lemuren und Larven, die Fausts Leiche stehlen wollen!
Erinnerst du dich? Und es ist, als stände Mephistopheles hinter dem
Altar und blende ihnen den Blick! Sie sehen alle Eigenschaften, die dem
Toten fehlten. Ganz wie im Auerbachkeller:
Falsch Gebild und Wort
Verändern Sinn und Ort.«
»Sprichst du von den Sinnbildern des Opernkellers?« unterbrach der
Doktor, der nicht recht gehört hatte.
»Sie sehen Weinberge und Trauben,« flüsterte Max Esther zu.
»Betrug war alles, Lug und Schein!
Aber ich finde den Oberpriester am schlimmsten; er ist unheimlich in
seiner Verblendung; er scheint in einem kräftigen Irrwahn befangen zu
sein, da er glaubt, daß Lüge Wahrheit ist. Erinnerst du dich, daß er
Axel auf dem Totenbett der Lüge beschuldigte, als dieser die Wahrheit
sagte?«
»Ja, jetzt hat Schweden einen Heiligen mehr!« schloß Doktor Borg.
»Schwede in Seele und Herz nach ihrem Bilde; ein Dilettant, der nichts
vollendete; ein Dürrdenker, der Leere philosophierte; ein Sänger
ohne Stimme; ein vom ersten Baß künstlich in die Höhe getriebener
Tenor, begann in der Opposition, endete in der Schwedischen Akademie;
erst spanische Fliege, nachher weißes Pflaster. Da im Sarg liegt ja
Barrabas und lächelt, der Pastor glaubt aber, es sei der Gekreuzigte!
-- Hört, wie er die Glaubensartikel dreht und wendet, hört, wie es
im sechzehnten Stuhl knarrt; hohle Worte wie Zuckerwasser im Schein
der Stearinkerze. Sie weinen, ganz wie Voltaires Kartenspieler, die
Homers Tod beweinen! Wißt ihr, daß so ein Überlebter neulich den Toten
als zweiten Homer bezeichnet hat, obwohl er weder eine Ilias, noch
eine Odyssee geschrieben hat? Sein Leben war freilich eine Odyssee
insofern, als er so lange fort war; und als er heim kam, waren die
Freier in sein Haus eingezogen. Lassen wir seine Asche in Frieden
ruhen und beglückwünschen wir uns, daß eine Epoche mit ihm ihre
drei Schaufeln Erde bekommt; eine Epoche, die der großen Revolution
feindlich war, die die negative und wenig ehrenvolle Aufgabe hatte, zu
hemmen.«
Der Doktor ging, als die Orgel zu spielen begann, denn er konnte dies
Instrument nicht vertragen.
Esther und Max blieben sitzen.
»Ja,« sagte Max, »unser guter Doktor hat die Anschauungen der achtziger
Jahre; aber er vergißt, daß wir in den neunzigern sind. Er versteht die
neue Zeit nicht, die hereinbricht; er versteht uns Junge nicht; denn
hätte er unser Gespräch vorhin gehört, so bezeichnete er es als -- ja
wie heißt die schöne Umschreibung?«
»Neurasthenie!«
»Ja, so hätte er es genannt! In den achtziger Jahren hatte man
Magenkatarrh, der keiner war; jetzt hat man Neurasthenie. Jede Zeit
hat ihre Krankheiten, die auf Veränderungen in der Seele zu beruhen
scheinen, ganz wie die unerklärlichen Krankheiten der Kinder in den
Wachstumsjahren. ›Erwächst‹, sagt man. Ja, wir sind gewachsen, und
deshalb sind wir krank. Was ist Blinddarmentzündung? Das ist doch wohl
eine Krankheit eines tierischen Organs, das überflüssig geworden ist
und deshalb weggeschnitten wird. Ich wünschte, alles Tierische könnte
weggeschnitten werden, und deshalb, siehst du, will ich nicht leugnen,
daß meine Sympathien oft dem Toten gehörten, der bei geringer Kraft
guten Willen und hohes Streben besaß. Unser Doktor dagegen -- ja, er
war ein Kind seiner Zeit, aber diese Zeit ist vorbei, mir ist er fremd,
für mich gehört er schon zu den Toten. Die Ideale seiner Jugend sind
zum Teil keine Ideale mehr, weil sie verwirklicht sind, und Ideale
müssen vor uns liegen. Das Gefährliche an dem Doktor ist aber, daß er
schon ein Hinderer geworden ist. Er fürchtet die Jugend und will von
dem Neuen nichts hören. Er hat seine Grenzlinie gezogen: bis hierher,
aber nicht weiter. Statt den Versuch zu machen, das unerklärliche
Alltägliche zu erklären, verwirft er es. Er, der an Gesetzmäßigkeit
und Ordnung glaubt, glaubt trotzdem an Zufälle; es ist aber eine
Denkschwäche, im gleichen Atemzuge seine These zu verleugnen. Er,
der an Entwickelung und Wachstum glaubt, will unserm Seelenleben die
Möglichkeit, sich zu höheren Fähigkeiten zu entwickeln, abstreiten. Er
glaubt an die drahtlose Telegraphie, leugnet aber die Fähigkeit der
Seele, sich aus der Ferne mitzuteilen. Unser guter Doktor ist etwas
primitiv! Holger dagegen kann wachsen; er scheint im Gefängnis einige
Entdeckungen gemacht zu haben, schämt sich aber, darüber zu sprechen
und hat Furcht, als Mystiker belächelt zu werden; er weiß auch, daß
seine Zeitung an demselben Tage tot sein würde, an dem er diese Saite
berührte ...
›Du weißt selbst, ich kann das, was ich schreibe, nicht drucken lassen,
denn man nennt es Verrücktheit; und ich muß warten, vielleicht dabei
untergehen ...‹«
Jetzt verließ die Prozession die Kirche.
»Es ist ein seltsamer Anblick,« sagte Esther, »wie so verschiedene
Parteien sich in der Verehrung des Toten zusammenfinden.«
»Ja, liebe Freundin, das kann bedeuten, daß in aller Herzen eine
Erinnerung an ein Jenseits lebt und daß das Erhöhte zu sich
hinaufzieht. Ich kann die Widersprüche in seinem Leben lösen und aus
den schroffen Widersprüchen die Synthese gewinnen, aber dazu gehört
Erziehung und Selbstüberwindung.
Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen;
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben teilgenommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen.
Aber ich verstehe auch die Rolle, die berechtigte Rolle des
Mephistopheles. ›Der Herr‹ legt sie so aus:
Ich habe deines Gleichen nie gehaßt.
Von allen Geistern, die verneinen,
Ist mir der Schall am wenigsten zur Last.
Höre jetzt genau zu!
Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,
Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,
Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen!
Das ist die Aufgabe des Verneiners, die Berechtigung des Bösen in der
Ökonomie des Lebens. Da hast du die Gleichung unseres Doktors; der
Widersacher, der Fehlersucher, der seine Aufgabe wie ein Mann versieht,
und der sehr nützlich ist in diesen Zeiten, da die Versöhnten einander
in Schmeicheleien und gegenseitigem Lob überbieten. -- Jetzt müssen wir
gehen; die Kirche soll geschlossen werden!«
Sie gingen, und wie in schweigendem Einverständnis lenkten sie die
Schritte nach den Inseln. Das waren ihre besten Stunden, wenn sie
zusammen wanderten. Wenn sie sich im gleichen Takt vorwärtsbewegten,
waren sie ja gezwungen, gleichen Schritt zu halten und sich einander
anzupassen; dadurch entstand eine Harmonie, die sich auf gegenseitiges
Nachgeben gründete; die Blicke der Menschen bewahrten sie vor
zudringlicher Annäherung, und dadurch, daß fortwährend neue Gegenstände
defilierten, wechselten die Stimmungen und damit die Unterhaltung.
Als sie sich müde gelaufen hatten, wollte Esther auf der neuen
Opernterrasse sitzen. Nach einigem Zögern ging Max mit. Und nun saßen
sie sich an einem Tisch gegenüber; es wurde intimer, und sie blickten
sich in die Augen.
»Wie sollen wir aus dieser Sache herauskommen, Esther?« fragte Max.
»Ich weiß es nicht! Ich wünsche es, und wünsche es nicht.«
Ein plötzliches Verlangen, von etwas anderm zu sprechen, überfiel
beide; sie sehnten sich wahrscheinlich nach einem Aufschub der
schmerzhaften Operation. Esther sah sich um unter den vielen Menschen,
um einen zu finden, der Stoff liefern, eine Vorstellung von etwas
Entlegenem wecken konnte. Da saß ein Hauptmann in Artillerieuniform,
und sofort hatte sie einen Anhalt, um sie beide der Verstimmung zu
entreißen:
»Erinnerst du dich,« begann sie, »im vorigen Jahr des französischen
Artilleriehauptmanns, der als überführter Spion deportiert wurde?«
»Ja,« antwortete Max zerstreut.
»Es beginnt jetzt das Gerücht zu gehen, daß er unschuldig war; was
glaubst du von der Sache?«
Max liebte solche Sprünge in der Unterhaltung nicht; es erschien ihm
wie ein Versuch, ihn zu betrügen, seine Gedanken in Bahnen zu locken,
in die er nicht wollte. Er antwortete aber, um nicht unhöflich zu sein.
»Ich war damals gerade in Paris und hatte den Eindruck, daß er schuldig
sei, was ich sehr natürlich fand, da er als deutschsprechender Elsässer
geboren ist und seine Heimat 1871 annektiert wurde.«
»Warum glaubst du denn, er sei schuldig gewesen?«