schon lange gefühlt, aber die Frau hatte sich so oft als sein guter
Genius feiern hören, daß sie der Rolle zuliebe gern seine Artikel
inspiriert haben wollte, wenn sie mit Beifall begrüßt wurden. Das
offene Eingeständnis, daß sie seine Anschauungen verachte, traf ihn
gerade jetzt, wo er Anerkennung brauchte, wie ein Schlag ins Gesicht,
aber er konnte nicht böse auf sie werden, obwohl sie ihn in diese
Kreise hineingebracht hatte, in die er nicht gehörte.
Er ging in das Eßzimmer, das er mit der geplünderten Tafel leer fand;
die Diener standen wartend da, und er schämte sich vor ihnen. Die Gäste
waren ohne Abschied gegangen. Das Heim war beschmutzt, und er selbst
beschimpft, gedemütigt. Aber in diesem Augenblick beschloß er, das Haus
zu reinigen und nicht mehr der Eitelkeit seiner Frau zu erliegen. Es
würde ihn sein zerbrechliches Glück kosten, das nur eingebildet war,
aber es mußte geschehen.
Er zog sich an, um in die Redaktion zu gehen. Da bekam er die
Nachricht, daß die Klage erhoben sei, und das klärte plötzlich seine
Stellung. Es war die Kriegserklärung, und in den Abendzeitungen wurde
bereits der Aufmarsch vollzogen. Kein Kompromiß mehr, keine Illusionen
hinsichtlich der Versöhnung zwischen den Klassen; die oberen hatten das
Obergewicht, und nachdem sie vom außerordentlichen Reichstag die Armee
bekommen hatten, eröffneten sie den Kampf.
* * * * *
Am Tage bevor er ins Gefängnis mußte, hatte er eine Szene mit seiner
Frau, die sie entzweite. Sie verlangte, er solle um ihretwillen ein
Gnadengesuch einreichen. Als er sich weigerte, erklärte sie, er sei
kein Mann, denn ein Mann müsse sich für seine Frau opfern.
Er war so verstrickt in seine Theorien, daß er keine Erwiderung fand;
aber in diesem Gefühl der Wehrlosigkeit wurde jetzt zum erstenmal der
Widerstand geboren, der die Befreiung werden sollte.
Warum konnte er nicht antworten? Weil ihr Verlangen so dumm war, daß es
keine passende Antwort darauf gab.
Er ging am Abend aus, entschlossen, nicht zurückzukommen. Um halb elf
hatten seine Freunde ein Abschiedsfest für ihn in den Gotischen Zimmern
veranstaltet. Vorher ging er mit seinem Onkel Doktor Borg in die Oper.
Sie saßen im Parkett und warteten auf die Ouvertüre. Das Publikum war
festlich gekleidet, aber die königliche Loge war leer, so daß ihm die
Situation nicht klar wurde.
Das Orchester versammelte sich und begann zu stimmen. Der Kapellmeister
stand auf; klopfte ... aber im selben Augenblick wendete er sich mit
einer Verbeugung zu der königlichen Loge; und jetzt wurde gespielt »Aus
dem schwedischen Herzen«.
Das Publikum stand auf; alle erhoben sich, außer Holger und dem Doktor.
»Verbeugt man sich vor Geßlers Hut?« fragte er den Onkel.
»Es muß Namenstag oder Geburtstag sein ...«
»Ja, aber vor der leeren Loge? Das ist doch Unsinn!«
Plötzlich hörten sie eine befehlende Stimme: »Aufstehen!«
Holger drehte sich um, doch da wurde er am Kragen gepackt und von
seinem Platz hochgezogen. Da er nie andere Waffen gebraucht hatte als
Wort und Feder, ging er, und der Doktor folgte.
»Was bedeutet dies?« fragte er, als sie auf der Straße waren.
»Das ist der schwedische Lakai! Seinen Monarchen grüßen, gewiß, aber
Stühle und Tische grüßen! Jetzt weißt du, was die Neue Oper bedeutet!«
»Ich hatte also recht, dreinzuschlagen! Wir haben jetzt wohl ein
schönes Dezennium vor uns!«
»Ich will dir etwas erzählen, was ich heute gehört habe, aber du mußt
mir das Versprechen geben, darüber zu schweigen. Ein Landarzt, ein
Freund, der nie lügt, hat mir erzählt, er sei von der Militärbehörde
gefragt worden, ob er im Falle eines Krieges gegen Norwegen als Chirurg
mitgehen wolle!«
»Das habe ich schon von anderer Seite gehört, aber es wird von oben
offiziell in Abrede gestellt.«
»Die lügen natürlich.«
»Das glaube ich nicht, aber es könnte ja sein, daß sie sich orientieren
wollen.«
»Die da oben lügen nicht? Dann kennst du die Diplomaten nicht. Es ist
ja übrigens die alte Staatskunst, aufrichtig zu erscheinen, aber falsch
zu sein. Der ehrliche Makler hatte doch die Emser Depesche redigiert.
Ja, Norwegen, das Schweden zwanzig Jahre Denkarbeit gekostet, das uns
zerrissen und unsere Gedanken von unseren eigenen Interessen abgelenkt
hat. Verdient das kleine Land soviel Aufmerksamkeit? Ein Volk von
Fischern, Schiffern und Hirten, das für den Tag lebt und verschuldet
ist wie wir. Ein Touristenland mit Hotelwirten; berühmter wegen seiner
Fernsichten, als wegen seines Ackerbodens; exportiert gedörrte Fische
und gefrorenes Wasser. Was haben wir mit ihnen zu schaffen? Hochmütiges
Gesindel, die ein Weiberregiment wollen! Pfui Teufel!«
»Du Weiberhasser!«
»Dummkopf! Ich bin gerade im Begriff, mich zum drittenmal zu
verheiraten.«
»Es gibt keine Frauenfrage für mich! Ich sehe nur Menschen.«
»Wenn du den Unterschied zwischen Mann und Frau nicht sehen kannst,
bist du pervers wie all die andern. Aber da du morgen ins Gefängnis
mußt, so wollen wir von etwas anderm sprechen! -- Hast du gehört, daß
die gelbe Brigade degradiert worden ist?«
»Ja, man sagt es, aber sie sollen auch die Kirche verspielt haben.«
»Das Monument der Niederlage bei Lützen. Die Leute sind köstlich bei
uns zu Lande, sie feiern ihre Niederlagen; sie werden nächstens auch
noch Pultawa feiern.«
Ȇbrigens die Gelben, da sollen auch falsche Ahnen sein, denn die gelbe
Brigade bei Lützen wurde von Deutschen gebildet und stand im Zentrum;
im übrigen bestand eine Brigade aus mehreren Regimentern, und _diese_
gelbe Brigade stammt erst aus der Freiheitszeit.«
»Ja gewiß, aber kommen diese Kassenverwalter ins Gefängnis?«
»Nein, sie werden befördert; wer jedoch darüber zu sprechen wagt,
kommt sicher ins Gefängnis! Ich hatte diese Geschichte in meinen
Artikel einflechten wollen, besann mich aber; jetzt bereue ich es.«
Sie gingen an dem Kleinen Theater vorbei, das zur Galavorstellung hell
erleuchtet war.
»Das Repertoire des Volkstheaters und die Prätentionen eines
Nationaltheaters, Königliches Theater, begründet von dem
Majestätsbeleidiger Anders Lindeberg; beginnt und endet mit einer
Majestätsbeleidigung! Welch ein Paradoxon!«
»Ein Nationaltheater, das von einer Bordellwirtin vom Strandweg
geleitet wird und sich rekrutiert aus ... nun ja; aber die Großen
werden ausgeschlossen; Antigone und Julia sind geflüchtet, Hamlet
und Horatio gehen müßig auf dem Markt spazieren und warten auf das
Ende. Der Geschmack ist auf den Höhen nicht auf der Höhe. ›Lustig und
schmutzig!‹ das ist ihr Ideal. Vor dem Ernst haben sie Angst.«
»Es ist köstlich mit den alten Idealisten; die Zeitung ›Allerlei‹
proklamiert Paul de Kock als unschuldig, und die Postzeitung beschützt
den ›liederlichen und gottlosen‹ Anatole France! Was bedeutet das?«
»Das ist Barrabas! Jeder Beliebige wird freigegeben, selbst Barrabas,
nur nicht der große Zola! Sie haben ein Grauen vor allem Großen und
Starken, weil sie klein und schwach sind. -- Weißt du, vorhin in der
Oper, als sich die Hand von hinten schwer auf mich legte, da fragte
ich mich, was der Unbekannte eigentlich wolle. -- Ein armer Tropf ohne
Selbst, der keine Gewalt über mich hat, erweitert seine unbedeutende
Person, indem er sich zu einem Teil des Hofes macht. Er will, ich
soll seinen Gott anbeten, weil es sein Gott ist, dann fühlt er sich
einen Augenblick mir überlegen. Es ist eine Art Kolonietier, Korallen,
die in Klumpen leben und wachsen. Sie haben keine Gedanken, sondern
nur Erinnerungen an das, was sie in Zeitungen, Büchern gelesen, was
sie haben erzählen hören; wenn sie lesen, assimilieren sie alles
ungereinigt, Korn und Steine, Blutklöße und Dreckklumpen; und wenn sie
reden, öffnen sie den Sphinkter und lassen alles zum Munde hinaus,
der ihr Anus ist. Das ist die Majorität, das treue Volk, der gesunde
Verstand, der nur Unverstand ist; das sind die Rechtdenkenden,
die Stillen im Lande, der Kern der Bevölkerung. Und sie alle sind
herrschgierig, können aber nur durch den Herrscher herrschen, der ihr
Werkzeug wird, während er durch sie herrscht. -- Weißt du, ich werde
Anarchist gegen meinen Willen!«
»Wer wird das nicht! -- Nachdem Leben und Entwicklung das
Tempo gesteigert haben, so daß man jetzt in zehn Jahren eine
weltgeschichtliche Epoche durchläuft, wird es für die Wachsenden immer
qualvoller, von einer veralteten Regierungsform niedergedrückt zu
werden, die von ihrer Zeit nichts versteht. Die Sitten verändern sich,
aber die alten Sittengesetze bleiben; die Rechtsbegriffe erneuern
sich, aber das Gesetzbuch steht noch bei 1734 und 1866. Wenn wir nach
Metern und Kronen rechnen, messen die Alten mit Ellen und Talern. Diese
Mißverhältnisse im Gesellschaftsbau machen das Leben zu einer Hölle
oder einem Irrenhaus. Weißt du was: ein Land, das seine Revolution
nicht gehabt hat, kann nicht wachsen. Sieh, im Adelsalmanach wirst
du finden, ob wir ein Stockholmer, ein Linköpinger Blutbad und eine
Reduktion Karls XI. nötig haben. Bist du in Lund gewesen und hast den
Park von Lund gesehen? Da kann nicht ein junger Baum wachsen, denn die
alten stehen im Wege und schatten; hohl und morsch sind sie, und Eulen
nisten in ihnen. Fällen darf man sie aber nicht! Warum zum Teufel darf
man es nicht? ... An dem Tage, da sie von selber stürzen, ist der ganze
Park eine Sandwüste, und man muß Menschenalter warten, bis Neuwuchs da
ist. Nein, man muß lichten und verjüngen!«
»Möchtest du am Schafott stehen?«
»Ich? Wie gern! Ich bin an die Leiden Unschuldiger bei Operationen
gewohnt; und ich würde neben ihnen stehen und ihnen im letzten
Augenblick ein gutes Wort geben, nachdem ich sie chloroformiert hätte.
Ich bin ein Wilder, obwohl ich in Schweden heimatberechtigt bin;
und ich glaube, daß den Wilden die Zukunft gehört. Du weißt ja, daß
alle gebildeten Nationen sterben, an Bildung, an Verweichlichung, an
Tierschutz und ethnographischen Museen. Wer sich umdreht, um seinen
Dreck anzusehen, wird des Todes sterben. Und das tut die Nation
jetzt, wenn sie zurückblickt, auf Lützen und Narwa, auf Gustav III.
und die Schwedische Akademie, auf Wanzenhäuser und Glockentürme, auf
Kummethölzer und Trinkschalen, sie drehen sich nur um, deuten auf den
Dreckhaufen und sagen: Seht, das haben wir gemacht! -- Ja, und wenn
sie nicht bald fertig sind, dann kommt für uns nie die Gelegenheit,
_unsere_ Notdurft zu verrichten!«
»Stehst du noch auf deinem früheren Standpunkt, daß alles Unsinn ist?«
»Ja, wenn ich müde bin, dann finde ich, daß alles Unsinn ist; aber
wenn ich ausgeschlafen habe, dann bin ich bereit, wieder dem großen
Unbekannten entgegenzutanzen.«
* * * * *
Sie wanderten straßauf, straßab.
»Siehst du,« fing der Doktor wieder an; »der Zustand jetzt ist umso
unleidlicher für mich und meine Altersgenossen, als wir in den
sechziger Jahren in der Vorstellung erzogen wurden, die Monarchie
sei etwas Ungesetzliches, Usurpiertes; der Fürst sei der natürliche
Feind des Volkes, und der Mann, der Brutus sein wolle, verdiene
großen Triumph. Wir hörten ja Freiheitssänger wie Talis Qualis und
Snoilsky die Republik als das höchste Gut besingen. So kam es, daß wir
Republikaner auf das neue Jerusalem warteten, und 1866 glaubten wir es
gekommen. Aber es kam nicht. Jetzt mit deiner Verurteilung sind wir
in die vierziger Jahre hinuntergestürzt. Ich finde, es riecht heute
nach Karl Johann, nach Crusenstolpe und Anders Lindeberg, am meisten
aber nach Karl Johann. Der ist für mich der Inbegriff alles Modrigen:
Rekrutierungsgewalt und Stadthaus, Festung Vaxholm und Feldlager; mit
einem Wort: was vor mir war, war tot, war Erdboden, in dem wir schon
wuchsen; der wird jetzt aufgegraben und stinkt. Nun, aber hast du
Angst vor dem Gefängnis?«
»Nein! Im Gegenteil! Es wird für mich eine Rekreation sein, und ich
will meine Erziehung von vorn anfangen.«
»Ja, damit ist nicht zu spaßen; ich habe als Militärarzt sechs Tage
gesessen, und es drohte im Gehirn eine Überproduktion zu entstehen.«
»Was hattest du denn getan?«
»Ich hatte mich gegen die ungesetzliche Behandlung der Wehrpflichtigen
aufgelehnt. Die Ärzte benutzten die Mannschaften zu idiotischen
Experimenten, zum Beispiel maßen sie den Inhalt des Magensacks,
den jedes Lehrbuch auf drei Liter angibt. Sie mußten den Schlauch
hinunterschlucken, und wenn sie es nicht konnten oder wollten, wurden
sie wegen Insubordination bestraft. Was sagst du dazu? Nun, ich
verteidigte sie, weil ihnen Unrecht geschah, und bekam sechs Tage
Gefängnis. Das ist Schweden, das Land, das in meiner Jugend durch
Gesetz aufgebaut werden sollte! -- Diese neue Armee bedeutet den
kleinen Belagerungszustand! Eine konstitutionelle Monarchie mit einer
prätorianischen Garde, die den höchsten Willen bestimmt. Willkür,
Parteilichkeit, Gesetzlosigkeit, da hast du es ...«
Sie gingen noch eine halbe Stunde, schweigend, und warteten auf den
Glockenschlag, mit dem das Abschiedsfest beginnen sollte.
Da tauchte plötzlich ein Koloß hinter ihnen auf, und sie hörten Pastor
Alroth mit milder, teilnehmender Stimme sagen:
»Was geht ihr hier so betrübt umher?«
Der Pastor war nämlich in die Stadt gekommen, um seinen Neffen Holger
zu begrüßen und ihm seine Teilnahme auszudrücken. Er war freilich ein
loyaler Untertan, konnte aber gleich den Geistlichen im allgemeinen
nicht leiden, daß das Oberhaupt der lutherischen Kirche ein Admiral
war. Diese Sachlage, daß der Landesvater der ~Summus episcopus~ der
Kirche war, hatte die Reformation mit sich gebracht; und ein weltlicher
Papst über dem Erzbischof erinnerte etwas an die Hierarchie des
Garderegiments, wo der Oberst doch stets nur der zweite Chef ist. Daß
Holger auf diese alte Unsitte hinwies, hatte dem Pastor gefallen, und
er war deshalb eitel Freundlichkeit, als sie in die Gotischen Zimmer
hinaufzogen.
Die alte Garde war da; Konsul Levi, der Architekt Kurt, der sonst
seine eigenen Wege ging und nicht von sich reden machte; Sellén, der
unsichtbar und viel auf Reisen war.
Die Stimmung war gedrückt. Der Ernst war schließlich gekommen, und die
Flegeljahre waren vorbei. Jetzt mußte man seine Lehren durch Leiden
besiegeln und ohne Klagen die Folgen auf sich nehmen.
»Wo ist Professor Lundell?« fragte der Doktor, der einen Sündenbock
haben wollte.
»Er kommt nicht,« antwortete Sellén. »Er ist Ritter hoher Orden und
liebt keine Majestätsbeleidigungen!«
»Da habt ihr den Orden! Das Zeichen, das beweist, daß man seinen
äußeren Menschen abgelegt, seine Haut verkauft hat! Er ist nicht so
unschuldig, wie man sagt!« rief der Doktor.
Der Pastor nahm Holger beiseite in eine Fensternische.
»Ich soll von deinem Vater grüßen!«
»Was macht er? Wie lebt er?«
»Er sitzt wieder zu Hause bei den Kindern, ist aber nicht mehr der
Alte. Der unverdiente schlechte Ruf, in den er gekommen ist, und der
entsetzliche Verdacht, der beim Tode deiner Mutter entstand, scheinen
so in ihn eingedrungen zu sein, daß er sich einbildet, schuldig zu
sein.«
»Ein nicht unerwarteter Fall,« antwortete Holger. »Damals als ich
die Beschimpfungen meiner Person in den Zeitungen las, begann ich
schließlich allmählich zu glauben, ich sei wirklich der Schuft, den man
schilderte. Nun, wie geht es Bruder Anders auf Langvik?«
»Weißt du das nicht? Er will nach Amerika, sobald die Pacht abgelaufen
ist.«
»Nach Amerika? Nach Neuschweden? Nun, dort werden wir uns wohl alle
einmal treffen.«
Die Bowle war aufgetragen, und der Doktor rief:
»Ja, liebe Freunde,« begann er, »in diesem Raum feierten wir Ende der
achtziger Jahre die französische Revolution. Bruder Alroth war freilich
damals nicht dabei, denn er ist nicht Revolutionär, und daß er heute
hier ist, hat seine intimen Gründe, die wir respektieren wollen.
Die Türen zum Musiksaal sind auch seinetwegen geschlossen, aber er
gestattet wohl, daß wir sie einen Augenblick aufmachen, da ich zu Ehren
des Tages die Marseillaise spielen lasse.«
Der Pastor nickte zustimmend, wenn auch nicht ohne eine gewisse Furcht.
»Was wir Holger heute abend sagen möchten,« fuhr der Doktor fort,
»weiß er im voraus; wir rühmen weder seine Tat, noch beklagen wir sein
Schicksal, denn der Krieger tut seine Pflicht, ohne Lohn oder Lob zu
verlangen.«
»Nur keine Politik!« flüsterte Holger mit einem Blick auf den Pastor,
mit dessen Gefühlen er trotz allem Mitleid hatte.
»Nein, keine Politik, nur etwas Musik, um uns aufzumuntern!«
Er gab dem Kellner einen Wink, die Türen im Hintergrunde, die zum Saal
führten, zu öffnen, und trat auf den Balkon, wo er mit der Serviette
nach dem Musikpodium winkte. Es entstand eine Pause. Und dann spielte
das Orchester: »Aus dem schwedischen Herzen.«
Scharren von Tischen und Stühlen war von unten zu hören, wo das
Publikum aufstand und in das Lied einstimmte.
»Auch eine Antwort, Kinder,« resignierte der Doktor.
Der Pastor verstand die Situation nicht, sondern glaubte, das ganze
sei ein Scherz gewesen, so daß er von dem Gegenhieb unberührt blieb,
der die andern verstimmte. Und er begann über alle möglichen Dinge zu
sprechen, über gleichgültige Kleinigkeiten, denen die andern zuhörten,
während sie ihre unausgesprochenen Gedanken dachten.
Das Souper ging schnell vorbei, und man brach bald auf, denn man
fühlte das vielköpfige Wesen unten im Saal als etwas Drohendes,
Erstickendes.
Doktor und Neffe gingen allein in ein Hotel, denn Holger wollte sein
Heim nicht mehr sehen, bis er aus dem Gefängnis kam.
»Heute Minorität, morgen Majorität!« sagte der Doktor. »Im übrigen
lehrt die Erfahrung, daß einer, der im Wald wandert und sich verirrt zu
haben glaubt, oft plötzlich am Ziel ist. Die französische Revolution
konnte nur nach der Regierung eines Ludwig XV. kommen. Je schlimmer,
desto besser! Übrigens ist dies hier nur eine Essenspause; man schnallt
den Riemen weiter, und der Appetit ist wieder da ... Das Segel schlägt
um, wenn man wendet, und du sollst sehen, daß wir bald über Stag sind.
Es kommt mir vor, als ginge man umher und nähme Abschied von allem
Alten, von dem man sich bald trennen muß; dann wird einem alles so
teuer, auch das, was man weniger geschätzt hat. Das neue Jahrhundert
kommt mit einem neuen Geschlecht und neuen Gedanken, und dann ist dies
alles von selbst verwelkt. Kriech jetzt hinein, Holger, und verpuppe
dich. Komm wieder heraus mit Flügeln, dann fliegen wir! -- Und jetzt!
Laß dich umarmen und gute Nacht!«
Sie trennten sich, ohne Schmerz, ohne große Worte, aber mit einem
Ernst, den sie früher nicht gekannt hatten.
Fünfzehntes Kapitel
Im Opernkeller
Ein paar Jahre waren wieder vergangen. Doktor Borg und Redakteur
Holger saßen eines Nachmittags im neuen Opernkeller. Holger Borg
war nicht mehr der Alte; die drei Monate im Gefängnis hatten einen
merkwürdigen Einfluß auf ihn ausgeübt. Etwas war geschehen, worüber er
nicht sprechen wollte; und sein Gesicht war erstarrt, so daß er nicht
lächeln konnte; innerlich war etwas erfroren, und ein Nerv schien
zerrissen zu sein. Aber er hielt an seinem Vorwärtsstreben fest; doch
war ein Unterschied in seiner Behandlung der Religiösen zu bemerken. Er
höhnte nicht mehr, lästerte auch nicht mehr, sein freudiger Glaube an
den Weltmechanismus ohne Mechaniker war verflogen, und er konnte das
Schicksal der Menschen nicht mehr mit der Zoologie erklären.
Im selben Jahre begann es in der Welt zu spuken. Zeichen und Wunder
geschahen, geheimnisvolle Todesfälle, Ferngesichte, Prophezeiungen. Und
Frontveränderungen traten ein; die Gläubigen wurden ungläubig, und die
Männer der Aufklärung wurden gläubig. Die Wissenschaften selbst machten
Fiasko; Kochs Millionenlymphe versagte; keine Erfindungen, keine
Fortschritte, nur Kleinarbeit; aber da hörte man aus Amerika, daß man
aus Silber und Kupfer Gold mache und unter dem Schutz der großen Namen
Edison und Tesla eine Gesellschaft gegründet habe. Damit war ja die
Chemie bankrott und die Alchimie kam auf.
In Paris sollten Hexenprozesse bevorstehen; man hörte von Bekehrungen
zum Katholizismus; die schönen Künste hatten den Naturalismus
aufgegeben und gingen wie die Literatur zum Mystizismus über. Es war
ein Wallen, eine Bewegung in der Welt, die Neues verkündete.
Die Freunde saßen gerade und diskutierten die Zukunftsaussichten, als
Holger zufällig seinen Blick auf die berühmten Deckengemälde richtete:
»Etwas Unsittliches kann ich nicht darin sehen; solche Bilder haben sie
in Mengen im Museum und im Stockholmer Schloß auch.«
»Ja, aber das Kostbare an der Sache ist, daß der große Faustübersetzer,
der im Jahre 84 Sittlichkeitsfreund und Antinaturalist war, jetzt zur
Verteidigung der Nacktheit aufgetreten ist, mit einer Energie, die man
an rechter Stelle vergebens von ihm erwartet hatte.«
»Er ist jetzt tot und wird morgen begraben. Das wird interessant
werden.«
Da kam die Abendzeitung. Holger mußte einen Blick hineinwerfen.
Der Doktor hörte ein Schnaufen und Knistern und merkte, daß Holger
schmal um die Nase wurde.
»Hast du etwas verloren?« fragte er.
Die Zeitung raschelte in der Hand des Lesenden, und er ließ sie auf den
Tisch fallen.
»Was ist passiert?«
»Lies!«
Der Doktor las, las und blähte sich, las und strahlte.
Er las, die Oberpriesterin der schwedischen Frauenemanzipation habe den
ganzen Kitt hingeworfen, da sie entdeckt habe, daß es Torheit sei. Und
sie forderte ihr Geschlecht und die Mütter auf, an der Entwicklung des
Weibes zur Frau, zur Mutter und Gattin zu arbeiten.
»Endlich!« rief der Doktor aus. »Pfannkuchen war es und blieb es, weil
es von einer falschen Voraussetzung ausging. Wenn man sich vorstellt,
wieviel Arbeit, wieviel Haß, wieviel Sch... aufgerührt ist. Sie wollten
Falk ja ermorden, weil er die Finessen der Verrücktheit nicht begreifen
konnte. Wenn ich gläubig wäre, würde ich den Göttern eine Hekatombe
opfern.«
Holger konnte nicht teilnehmen, denn ihm war, als habe er seine
Religion, den Glauben an die Frau, verloren! Und einen Irrtum
einzugestehen, hatte er nicht die Kraft. Er wurde böse, wie es üblich
ist, und nachdem er sich erholt hatte, sträubte er die Haare.
»Weil sie erlahmt ist ...«
»So? Sprechen wir von etwas anderm! Wie geht es Esther und Max?«
»Sie sind sicher gute Freunde, aber die Heirat ist aufgeschoben, weil
die Pfarrer sie nicht aufbieten wollten.«