Jetzt klingelte im Zimmer nebenan das Telephon.

»Entschuldigt!« Und Holger verließ die jungen Leute. Durch die

halbgeöffnete Tür hörte man einige abgerissene Ausrufe.

»Was sagt ihr? Herr du meine Güte! -- Das ist unglaublich. -- Ja, sie

sitzen hier in meinem Zimmer, und ich werde sie sofort hinausschicken!

-- Das ist zu gemein! -- Vater, Vater sollte ...? Ach, Unsinn! -- Und

der Pastor glaubt es? -- Herr des Himmels! -- Wißt ihr ... Wißt ihr ...

Hallo! ... Ist der Arzt draußen gewesen? ... Was hat er denn gesagt?

... Keine äußere Beschädigung! ... Ja, adieu einstweilen; sie kommen

mit dem nächsten Dampfer!«

Holger kam heraus, weiß um die Nase, die schmal war wie ein Messer.

»Herr des Himmels, ist das eine Geschichte! ... Mutter ist tot! in

ihrem Bett gestorben!«

»Mutter ist tot?«

»Ja, und das schlimmste ist: die Leute sagen ... Vater stehe im

Verdacht ... weil sein Prozeß ... nur auf diese Weise beigelegt werden

konnte!«

»Das ist entsetzlich!« rief Esther, die in diesem Augenblick nicht

recht wußte, welche Richtung ihre Sympathien nehmen sollten. »Und was

sagt der Arzt?«

»Er kann keine andere Todesursache finden als Herzschlag.«

»Dann müssen wir sofort hinausfahren!«

Keine Träne wurde vergossen, keine andere Gemütsbewegung äußerte sich

als ernstes Erstaunen. Man kannte das Leben und seine brutale Art; man

war von Anfang an auf alles gefaßt, und in dem Kampf, dem ewigen Kampf

um alles, mußte ja einer unterliegen.

* * * * *

Als Esther und Max in der Villa auf Storö anlangten, sahen sie weiße

Laken vor den Fenstern hängen. Auf dem Flur kamen ihnen die kleinen

Kinder entgegen, die schwarz gekleidet waren. Sie hatten keine

Vorstellung vom Tode und schienen sich in dem Frieden und der Stille,

die nach den Stürmen herrschten, wohl zu fühlen.

»Mama ist tot!« sagte der Knabe, als berichte er irgend etwas

Beliebiges, und mit einem kleinen Anflug von Stolz, als erster eine

Neuigkeit überbringen zu können.

Als Esther mit der Wirtschafterin in das Zimmer der Mutter trat,

erinnerte sie sich sofort daran, daß sie Ärztin war, und untersuchte

den toten Körper, der wirklich als tot befunden wurde. Der

Gesichtsausdruck war genau der gleiche, den sie bei ihrem letzten

Zusammensein bemerkt hatte, als das Brüllen des Vaters aus dem Garten

ertönt war, und das veranlaßte sie, an eine psychische Todesursache zu

denken. Es gab also etwas, was Seele hieß, es existierten Gefühle und

ähnliche Dinge, die nicht aus Zellen und Geweben hergeleitet werden

konnten.

Als sie das, was sie wollte, konstatiert hatte, fragte sie die

Wirtschafterin:

»Hat der Herr, hat mein Vater sich hier im Hause sehen lassen, nachdem

er es verlassen hat?«

»Nein, das hat er nicht; aber ... aber er ist wohl gemütskrank, denn

man hat ihn gehört ... die ganze Nacht und den Tag über hier draußen im

Walde.«

»Gehört?«

»Ja, er hat geschrien, so daß die Frau nicht schlafen konnte. Aber als

die Frau tot war, wurde er still.«

»Wie seltsam! Wo ist er denn jetzt?«

»Es heißt, daß er in der Pfarre wohnt.«

Esther ging zu Max hinunter, der am Klavier saß und tat, als spiele er,

ohne aber die Tasten niederzudrücken.

»Glaubst du,« fragte sie, »daß Mutters Gewissen erwacht ist?«

»Nein, das glaube ich nicht.«

»Was glaubst du denn?«

»Ja, wenn ich Theosoph wäre, würde ich vermuten, sie sei an seinem

Kummer gestorben. Seine Seele, die auf ihre gepfropft war, wurde ja

weggerissen, und es fehlte die Zeit für eine sanfte Loslösung; daher

wurde ihr Herz zerstückelt. Es ist nicht so leicht, sich zu trennen,

wie die Leute glauben, und es ist nicht ungefährlich. Wenn eine Frau

ihrem Mann untreu ist, auch wenn er nichts davon weiß, fühlt er es

telepathisch und wird von Selbstmordzwang ergriffen. Merkwürdig ist,

daß die Mordlust des betrogenen Mannes meistens im Aufhängen ihren

Ausbruch sucht. Daß er sterben will, hängt damit zusammen, daß seine

Seele durch die Frau in unerlaubte Verbindung mit den niedrigeren

Sphären eines Mannes gebracht wird; und der Selbsterhaltungstrieb der

Seele ist so stark, daß sie lieber stirbt, als sich verunreinigen

läßt. Wenn die Männer wüßten, wie gefährlich es ist, anderer Frauen zu

berühren, lebensgefährlich; und wenn sie wüßten, wie geringe Lust ihnen

zuteil wird, wenn sie die Frau eines andern besitzen! Sie suchen _sie_

und finden ihn, denn er ist in ihr und versperrt den Weg. Vor kurzem

ist ein junger Millionär mit der Frau eines andern durchgebrannt. Sie

sind genügend weit gereist, bis in den Orient. Als sie sich nun hatten,

konnten sie sich doch nicht kriegen. Deshalb hat er erst sie und dann

sich selbst erschossen.«

»Konnten nicht?«

»Nein! So stand es in seinem letzten Brief an -- den Mann, der sein

Freund gewesen war und es jetzt in der Todesstunde wieder wurde! --

Ein anderer Fall! Ein Mann verließ seine Frau, weil nicht mit ihr

auszukommen war. Nach einem Jahr verheiratete er sich mit einem jungen

Mädchen. Als er in das Brautgemach trat, fand er seine erste Frau

im Brautbett. Sie war es natürlich nicht, aber die Ähnlichkeit war

so täuschend, daß er von Entsetzen gepackt wurde und vor dem Spuk

davonlief. Da hast du die Lösung der rätselhaften Geschichte. Nach ein

paar Jahren verheiratete er sich wieder, bekam Kinder und lebt noch

jetzt.«

»Das sind unheimliche Geschichten!«

»Aus dem Alltagsleben. Beobachte jetzt deinen Vater, wenn er wieder

heimkommt, denn das tut er, aber erst, wenn Mutter in der Erde ist.

Er ist gesund. Er vermißt sie nicht, im Gegenteil; er trauert nicht,

im Gegenteil; aber er hat Leichenfarbe und leidet besonders an Frost;

er friert so entsetzlich, und weinen tut er auch, ohne traurig zu

sein. Er magert zugleich ab, und seine körperliche Abnahme steigert

sich ungeheuer. Das ist die Loslösung von ihr. Das pflegt ein Jahr zu

dauern.«

»Wo hast du das gelesen?«

»Ich habe es nicht gelesen, ich habe es beobachtet, an Alltagsmenschen.

-- Und wenn ein Mann von Liebe erfaßt wird, von großer Liebe zu einer

Frau, so hast du wohl seine Transformation gesehen. Das erste ist, daß

er abmagert, aber in schöner Art. Alle Gewebe werden subtiler während

der Verlobung, er ändert, ohne sich dessen bewußt zu sein, seine Diät.

Bevorzugt Obst, Milch und Wein; verträgt nichts Scharfes oder schlecht

Riechendes. Der Körper bereitet sich auf die neue Geburt vor, um die

Emanationen ihrer Seele aufzunehmen; er bewacht seine Handlungen und

Gedanken, denn er weiß, daß jetzt alles von ihm abhängt. Er will sie

nicht von weitem besudeln, und er weiß, daß sie leidet, wenn er böses

denkt. Ist dir aufgefallen, wie sein Äußeres sich vergeistigt, wie ein

Leuchten von ihm ausgeht, wie er phosphoresziert; wie der Einfältige

scharfsinnig, der Dumme geistreich, der Häßliche schön wird? Das ist

die Vermählung der Seelen!«

»Das verstehe ich nicht!« unterbrach Esther.

»Nein, das weiß ich,« antwortete Max, »und deshalb ist unser Verhältnis

zu Ende!«

»Zu Ende!«

»Ja, zu Ende! Denn ich bin schon von dir gelöst!«

Jetzt sprang Esther zornig auf:

»Ich habe dich nie besessen!«

»Nein, du konntest mich nicht bekommen! Du gehörtest nicht meinen

Regionen an.«

»Und das sagst du so kalt!«

»Es ist nicht kalt, aber du empfindest es so! -- Frierst du jetzt

nicht?«

»Ja, ganz furchtbar!«

»Siehst du, es gibt andere Wärmequellen als mechanische Arbeit und

chemische Verwandtschaft. -- Findest du nicht, es zieht hier im Zimmer?«

»O, es weht.«

»Das bin ich, ich nehme meine Aura zurück; weißt du, was Aura ist?

Nein, das steht nicht in deinen Veterinärbüchern. -- Hast du mich

wirklich nie besessen?«

Esther wurde rot und flüsterte, als schäme sie sich:

»Doch, einmal ... im Traum!«

»Das wußte ich,« antwortete der Graf; »und ich weiß wann! Siehst du,

mein Kind, ich glaube, daß unsere Körper sich hassen, und das ist so

oft der Fall in der Ehe ... Jetzt aber hast du den Beweis für die

Ausdehnungsfähigkeit der Seele oder ihre anscheinende Kraft, aus sich

selbst herauszugehen. -- Weißt du, was der nächtliche Alp ist? Das ist

die Seele deines Feindes, die dich besucht. Deshalb, siehst du, soll

man sich mit Menschen nicht allzu intim einlassen, denn dann kommen sie

in Kontakt mit einem und gewinnen dadurch Einfluß oder die Fähigkeit,

mit dir in Rapport zu treten. Ich kenne zwei Neuvermählte, die mitten

in der Nacht von Herzklopfen und Angst geweckt wurden. Sie konnten es

nicht erklären. Aber dann wurde festgestellt, daß das Phänomen mit

einem Traum im Zusammenhang stand, den sie gemeinsam gehabt hatten,

wenn auch sehr dunkel, so dunkel, daß er nur den Eindruck einer

bestimmten Person hinterlassen hatte. Er, der Mann, wollte nicht

gern den Namen nennen, denn es war ein Kurmacher seiner Frau vor der

Verlobung. Aber als die Frau diesen Namen aussprach, fühlte sich der

Mann auch nicht mehr behindert, und siehe da, ihre Gedanken und Träume

waren von dem nächtlichen Besuch des Verschmähten gestört worden. Denke

dir, wie sorglich man seine Gedanken hüten muß, um nicht ein Verbrechen

zu begehen ... Jünglinge und Jungfrauen, die im Schlaf gestört werden,

werden meistens nicht von _ihren_ Phantasien beunruhigt, wie man

glaubt, sondern von den Phantasien anderer, Schlafender oder Wachender.

Ich kann mich nicht erinnern, als Jüngling von wollüstigen Träumen

gestört worden zu sein, wohl aber von Empfindungen, die von außen

heranzudrängen schienen und mir handgreiflich vorkamen. -- Um nun aber

wieder von deinem Vater zu reden, so ist meine Überzeugung, daß er

deine Mutter getötet hat, ohne es zu wissen. Sie ist an ihm erfroren,

und wenn du nachsiehst, so ist sie den Tod des Erfrierens gestorben.«

Esther begann im Zimmer auf und ab zu gehen und nahm einen Schal vom

Riegel:

»Ich fürchte mich vor dir,« sagte sie. »Ich friere an dir auch zu Tode!«

»Leg den Schal deiner Mutter fort,« sagte der Graf ruhig. »In ihm

steckt soviel von ihrer Aura; und das kann dich beunruhigen! Du kannst

in krankhafte Stimmungen kommen ...«

Esther warf den Schal weg und sagte:

»Es brennt wie Nesseln auf dem Körper!«

»Das Nessusgewand! da hast du es! -- Siehst du, wie empfindlich das

Seelenleben ist. Du siehst es im Mikroskop nicht, aber mit deinem

wachen inneren Auge siehst du es!«

»Warum hast du mir so etwas früher nie gesagt?«

»Wenn ich es gesagt hätte, wäre unser Verhältnis zu Ende gewesen;

denn es beruhte ja darauf, daß ich dich in dem Glauben ließ, ich sei

dupiert. -- Aber mein Kind, du hast nie Geheimnisse für mich gehabt.

-- Als du das letzte Mal ohne mich auf den Ball gingst, warst du böse

auf mich und hattest beschlossen, dich zu rächen. Ich saß zu Hause

und begleitete dich in meinen Gedanken. Als du mich verrietest,

als du meinen Kopf und meine Ehre einem Kavalier ausliefertest,

dessen Persönlichkeit ich errate, da weinte meine Seele wie über ein

Verbrechen gegen die Gesetze des Himmels. Und als du dich hinter einer

Tür von ihm küssen ließest ...«

Esther stand stumm vor Entsetzen da, und ihr Gesicht fragte: »Wie

kannst du das wissen?« Max aber, der nur auf diese Bestätigung gewartet

hatte, fuhr fort:

»Da hatte ich ein Gefühl von Schmutz auf meiner ganzen Haut, so

intensiv, daß ich alle meine Kleider abwerfen und mich in meiner

Badewanne abspülen mußte. Du siehst also, daß wir nicht zusammen leben

können, da du kein Geheimnis vor mir haben kannst! Nachdem ich also die

Gesetze der Ehre erfüllt und dir die Trauung angeboten habe, sage ich

dir lebewohl. -- Lebwohl! Jetzt nehme ich das meine zurück!«

Er ging, und Esther blieb mitten im Zimmer stehen, starr wie eine

Bildsäule.

Vierzehntes Kapitel

Majestätsbeleidigung

Die Anklage war erhoben und hatte viel Aufsehen erregt. Man fragte

sich, ob es ein Ausdruck des Übermuts oder der Furcht sei. Die

Königsmacht war ja so geschwächt, daß ihr Inhaber die großen Rechte,

die die Verfassung bewilligte, zum Beispiel seine Ratgeber frei zu

wählen, nicht zu benutzen wagte. Und in Norwegen wurde tatsächlich mit

dem Namensstempel regiert. Der Monarch war nur eine Art Repräsentant

des Reiches in der Heimat, wie die Gesandten das Reich im Auslande

repräsentierten. Regieren tat der Reichstag, und der Monarch war nicht

mehr Regent. Beim Empfang einer Deputation, die seine Unterstützung

in einer wichtigen Gesetzgebungsfrage erbat, hatte Seine Majestät

bedauert, nichts in der Sache tun zu können, da seine Macht nicht so

groß sei, wie sie glaubten. Aber je schwächer die Stütze dort oben

wurde, desto ängstlicher wurden all diese Hilflosen, die bei ihr Schutz

suchten; sie rotteten sich zusammen wie zornige Schafe und gingen

Richtpfade, um früher anzukommen, Wege, die nie gerade waren und

deshalb oft für die von unten sich Verteidigenden recht schwierig zu

verfolgen waren.

Zu den unschuldigeren Verteidigungsmitteln der Monarchie gehörte der

Besitz der Hegemonie in der Theaterwelt. Im Theater traf das Volk

seinen Monarchen, nur da; und dort hielt er seinen Empfang ab, wurde

von seinen Getreuen begrüßt, gab durch Zusammenschlagen der Hände einen

Wink, was beifällig aufgenommen und was totgeschwiegen werden sollte.

Es war ein »Maifeld« und ein Volksthing, deshalb war diese Position

nicht unwichtig. Nun hob der Reichstag die Subvention auf, in einem

Anfall von Sparsamkeit oder in der Erkenntnis, daß die Theater, in

denen zuweilen bestellte Stücke in leichtsinniger Weise die Gesetzgeber

im Reichstag karikierten, als eine außerordentliche Reichsversammlung

eine Bedeutung hätten. Da entstand Unruhe im oberen Lager.

Das Privattheater, das mit der Zeit gegangen war und die große Kunst

pflegte, hatte eine schwere Konkurrenz mit dem staatlichen Theater zu

bestehen gehabt, und die Mittel, das freie Theater zu hindern, waren

nicht immer gewählt gewesen. So hatten die Königlichen, die selbst in

einem absolut feuergefährlichen Haus saßen, die Behörden veranlaßt,

dem Privattheater gegen dessen geringere Feuersgefahr so kostspielige

Schutzmaßregeln vorzuschreiben, daß es in drückende Schulden geriet.

Jetzt, als das Königliche Theater geschlossen werden sollte, entstand

die Befürchtung, das Privattheater könne die tonangebende Nummer eins

werden, und das mußte man verhindern. Da rotteten sich Adel und Bürger

zusammen und bildeten ein Theaterkonsortium, das unter der Maske

vaterländischer Aufopferung ein Lotterietheater startete, das später

der Nation als Königliches Nationaltheater oktroyiert werden sollte,

alles unter der Voraussetzung, daß der Reichstag dies trojanische

Geschenk annehmen werde. Das heißt, man wollte ein Hoftheater haben,

das der Reichstag unterhielt, trotz dessen bestimmter Weigerung,

Theater- und Kneipenwirtschaft zu betreiben.

Dies betrügerische und etwas einfältige Vorgehen hatte die Demokraten

gereizt und den Ausgangspunkt für Holger Borgs Artikel gebildet, die

schließlich in Majestätsbeleidigung ausliefen.

Der Artikel hatte im Auszug folgenden Inhalt:

Über den Fürsten

von

Anti-Macchiavelli.

Solange die Völker noch einen Herrn wünschen, soll dieser sich

stets erinnern, daß er auf Wunsch des Volkes seinen Platz

innehat; aber auch wenn er durch Gottes Gnade da zu sitzen

glaubt, muß er bedenken, daß es eine Gnade Gottes ist, daß er

da sitzt, und darf sich nicht dem Irrtum überlassen, daß er als

Gottes Vorsehung regieren darf.

Der Fürst soll zum Staatsmann erzogen werden, nicht zum

Offizier, denn der Staat ist kein Heer, sondern der Staat ist

ein Staat.

Der Fürst ist auch der ~Summus Episcopus~ der Kirche, deshalb

braucht er aber im Staatsrat nicht mit Mitra und Krummstab

aufzutreten, was ebenso unschicklich ist, als wenn er fremde

Botschafter in Admiralsuniform empfinge.

Der Fürst soll sich von allen mitbürgerlichen und

kleinbürgerlichen Interessen fernhalten, denn seine Person

gehört dem Staat; er soll in seiner Person das Ansehen des

Staates, das er repräsentiert, würdig aufrecht erhalten.

Der Fürst soll keine Geschäfte treiben, nicht in Kunst,

Wissenschaft und Literatur konkurrieren, denn seine ganze

Zeit gehört dem Staat. Der Mann, der die Arbeit von acht

Staatsministerien und zwei Repräsentantenkammern überwachen

soll, darf zu etwas anderm keine Zeit haben. Hat er Zeit zu

anderm, so füllt er seinen Posten nicht aus.

Der Fürst muß gerecht sein wie die Allmacht, an die er glaubt;

fest, aber nicht grausam; nachsichtig, aber nicht schlapp;

untadelig, aber nicht scheinheilig; er soll den Mut haben,

auf die Gunst des wankelmütigen Haufens zu verzichten und im

Bewußtsein der Erfüllung höherer Pflichten allein zu stehen

wagen, wenn es darauf ankommt.

Auf seinem erhöhten Platz, befreit von der Berührung mit den

Lappalien des Lebens, der Sorge um sein Auskommen enthoben,

soll er in Schönheit leben und mit weisen und guten Männern

verkehren, nicht mit Gecken und Spielern; dann kann er mit

größerem Blick über die Dinge als andere Sterbliche das Reich

überschauen; dann wird sein Rat ins Gewicht fallen und sein

Wort Geltung haben.

Der Fürst darf kein Standesbewußtsein besitzen. Er soll

nicht das Oberhaupt des Adels, nicht des Hofes, nicht des

Fürstenhauses sein, sondern soll sich als Vorsehung des Staates

fühlen, als Schutz der Nation und als Vater des Landes.

Der Fürst soll nicht auf Kleinigkeiten achten, über so etwas

muß er erhaben sein; seine Gnade soll die Würdigen treffen,

nicht die Unwürdigen; denn Gnade wird leicht Unrecht.

Der Fürst soll die Schwachen schützen, nicht weil sie schwach

sind, sondern wenn sie unterdrückt werden, sonst nicht.

Allgemeine Worte, die auf besondere Fälle angewendet werden konnten,

bildeten den Inhalt des Artikels. Das Urteil war aber gefällt worden

und lautete auf drei Monate Gefängnis. Man fragte sich, wie das möglich

sei.

Es war in den letzten Jahren viel geschehen: durch die Schutzzölle

hatte das Reich sich isoliert; durch die Annäherung der Regierung an

das Deutsche Reich hatte sich in den oberen Schichten ein gewisser

Junker- und Militärgeist der Gemüter bemächtigt; und jetzt nach dem

außerordentlichen Reichstag, als die Armee in die Erziehung der Nation

eingriff, wurde die Luft dick. Die Kriegsdrohungen und Rüstungen

der Norweger erschreckten die Stillen im Lande; das Vorrücken der

Sozialdemokratie bedrohte die Grundfesten der Gesellschaft; deshalb

sammelte sich alle Hilflosigkeit, alles, was müde und faul war, unter

dem höchsten Schirm, und in dieser hochbürgerlichen Majorität wurde

Anklage und Urteil mit einstimmiger Befriedigung begrüßt.

Holger Borgs Heim hatte mit dem wachsenden Einfluß der Zeitung den

Charakter geändert und war eine Zuflucht für mancherlei Leute geworden.

Die Frau des Hauses aber, die die Einladungslisten aufstellte,

merkte bald, daß sich die Zahl der Absagen erhöhte, so daß man die

Einladungen nach Klassen oder Klubs ergehen lassen mußte. So wurden

besondere Gesellschaften für höhere Offiziere, ehemalige Staatsräte

und Ausschußmitglieder veranstaltet; das war das Aufgebot erster

Klasse. Viele kamen, weil sie nicht wegzubleiben wagten, und alle, die

gezwungen worden waren, zeigten unverhohlen, daß sie nicht freiwillig

gekommen seien. Sie beobachteten nicht die gewöhnliche Höflichkeit,

sie unterhielten die Wirtin nicht, sie schwiegen und aßen, ließen aber

wohl ein paar Gerichte unberührt vorbeigehen, weil sie schon vorher

satt waren. All dies demütigte den strammen Ingenieur, aber seine Frau

wollte es, und da er die Rechte der Frau vertrat, durfte sie bestimmen.

Gerade so ein Diner fand statt, als man die Anklage erwartete. Die

höheren Offiziere waren weggeblieben, und es war nur ein Hauptmann

anwesend. Er war da, teils weil er Wechselschulden hatte, teils weil er

kleine Notizen aus dem Generalstab in die Zeitung brachte, anscheinend

unschuldige Notizen, die aber einen recht gediegenen Inhalt hatten.

Heute saß er auf hohem Pferd, weil seine Vorgesetzten abwesend waren

und er die Ungnade witterte. Er stocherte mit dem Dessertmesser in

den Zähnen, schenkte sich selbst ein und steckte sich Zigaretten an.

Die Frau des Hauses war nervös, und da sie die häßliche Gewohnheit

angenommen hatte, ihren Mann zu korrigieren, tadelte sie alles, was er

tat, mehr aus Gedankenlosigkeit und mangelnder Beherrschung als aus

Bosheit. Der Mann, der einerseits durch die Frau, andererseits durch

das ungehobelte Benehmen des Hauptmanns gereizt war, verstummte völlig,

und sein Schweigen wirkte auf die Gesellschaft. Man beugte die Köpfe

über die Teller und wagte sich nicht anzusehen.

Die gemütliche Verzauberung, die bei einem festlichen Mahl zu herrschen

pflegt, wo man aus den funkelnden Gläsern Vergessenheit getrunken

zu haben scheint, wo man einige halbe Stunden miteinander verlebt

in der vollständigen Illusion, befreundet zu sein und keinen Streit

miteinander zu haben, war gebrochen. Alle waren erwacht und bewußt und

saßen wie entkleidet einander gegenüber; sie hörten die verschwiegenen

Gedanken des andern, sie sprachen mit den Mienen die Geheimnisse aller

aus; alle Interessen und Passionen, die sie hier zusammengeführt

hatten, schienen bloßgelegt zu sein, und sie schämten sich voreinander

und vor sich selbst. Die Wirtin, die für diese Gelegenheit die

Bohêmemanieren abgelegt hatte und steif und feierlich gewesen war,

schlug jetzt um und nahm einen andern Ton an, da sie sah, daß das Feld

aufgegeben war; in reiner Verzweiflung leerte sie ein volles Glas,

um sich Mut zu machen, und dedizierte dann das Glas dem Hauptmann,

der sofort die Situation erfaßte und beschloß, die Gesellschaft

aufzuheitern. Eine Erinnerung daran, daß die Zeitung die »unanständige

Literatur«, die er nie las, in Schutz und Schirm nahm und gewisse

Gerüchte über die Feste dritter Klasse für die Künstlerbohême, auf

denen es so lustig zugehen sollte, tauchten vom Grunde des letzten

Glases auf; er vergaß die grauen Köpfe der weisen Männer und legte sich

ins Zeug.

»Nun, es soll auf Ihren Künstlerfesten ja so lustig hergehen,« sagte

er, »ich habe saftige Sachen erzählen hören, und ich möchte gern

nächstes Mal mit dabei sein.«

»Was haben Sie denn gehört?« fragte die Frau unvorsichtigerweise; aber

jetzt sollte es lustig werden, einerlei um welchen Preis.

»Nun, also ...«

Hier suchte der Herr des Hauses abzulenken, aber es war zu spät.

»Ja, ich hörte, der Dichter Grönlund sei eine halbe Stunde zu spät zum

Diner gekommen, und als er kam, sei er so betrunken gewesen, daß er den

Fleischkloß vor sich aufs Tischtuch legte!«

»Es war freilich kein Fleischkloß!« rief die Frau.

»Nun, so war es ein Lungenragout ... und als man zu den Omeletten kam,

hat er die gnädige Frau auf den Schoß genommen, mit dem Erfolg, daß er

hinausgeworfen wurde. Stimmt das, Holger?«

»Daß er hinausgeworfen wurde, ist wahr!« antwortete der Herr des

Hauses, »und daß das jedem passieren kann, der sich schlecht benimmt,

das steht fest.«

Die letzte Spur von Verstellung war verschwunden; man saß da als das,

was man war, als geborene Feinde, erzogene Feinde, und nun brach es

los. Der Offizier zog blank:

»Meinst du, ich, der ich dein Haus mit meiner Gegenwart beehre, würde

aufs Hinauswerfen warten? ich würde beim ersten Wink diesen Staub von

meinen Füßen schütteln und einer Gesellschaft den Rücken kehren, in die

ich nie meinen Hintern hätte setzen dürfen ...«

Die Frau lief weinend hinaus, ihr Mann folgte ihr. Die Gäste standen

auf und gingen in den Korridor hinaus. Der letzte Kämpe, der Hauptmann,

schenkte sich ein Glas Madeira ein, trank es ruhig aus, und deutete

damit an, daß er nicht floh, sondern auf den Kampf gefaßt war. Aber als

niemand kam, steckte er sich eine Zigarre an und ging in den leeren

Korridor hinaus, wo das Dienstmädchen ihm in den Überrock half. Nachdem

er sie unters Kinn gefaßt und gefragt hatte, wie sie heiße, rasselte er

hinaus.

Unterdes hatte die Frau sich rasend auf ihr Bett geworfen.

»Ja, warum lädst du solche Vagabunden in Uniform ein?« tröstete der

Mann.

»Ach, das sind keine Vagabunden, aber du schreibst wie ein Vagabund

in der Zeitung, und deshalb will kein ehrenhafter Mensch mehr zu uns

kommen.«

Die Gotischen Zimmer: Roman · 第 14 / 20 段