du jetzt meinen Willen unterjochtest, würde ich neun Monate wie ein
Vogelnest für dein Junges, für deins, umhergehen! Das will ich nicht!
Ich will nicht dein Ei ausbrüten! Ich will nicht dein Acker sein, in
den du säst ...«
Er folgte ihren unausgesprochenen Gedanken und antwortete ihr
innerlich: »Du erntest, wo ich gesät habe; du gehst mit meinem Kinde
fort, wenn ich es von dir gebären lasse; du Diebin, die du mich und
mein Werk ausstreichen willst, wenn du mein Kind geboren hast (denn
mein ist es, weil ich ihm Leben und Bewegung gebe). Ich lese in deinen
Augen, daß du imstande wärst, meine Vaterschaft zu verleugnen und dich
selbst zur Dirne zu machen, nur um mein Eigentum an dich reißen zu
können, voll Mutterstolz mein Kind auf den Straßen spazieren zu führen
und mit deinem Werk zu prahlen. Einen Mann erniedrigen zu können, ist
das letzte Ziel für den Ehrgeiz eines Weibes!«
Nun schämten sie sich; sie saßen jeder in einer Sofaecke und haßten.
Dann fing es wieder an. Der Graf begann:
»Ja, jetzt schlägst du meine Bitte ab, und ich darf nicht böse
sein; wenn ich aber deinem Befehl trotze, so glaubst du ein Recht
zu haben, böse zu werden, ja ... Wenn man denkt, daß vernünftige
Menschen sich wie Katzen balgen! Brunst und Haß! Siehst du, das ist
die Liebe, das höchste, was es geben sollte, und doch gehört sie den
niedrigsten Regionen an. Du bist ja Ärztin, was ist die Liebe in ihrem
tatsächlichen Ausdruck?«
»Eine Sekretion!«
»Bravo! Und so etwas soll unsere meiste Zeit und unsere besten Gedanken
in Anspruch nehmen! Weißt du, Esther, Idealist war ich nie, aber doch
ist die Wirklichkeit eine Karikatur unserer Ideen von den Dingen. Alles
ist herabgezogen und auf den Kopf gestellt; es gibt Augenblicke, wo
ich eine Wahrheit in den Worten der alten Sage höre: Verflucht sei
die Erde um deinetwillen! Es gibt Augenblicke, in denen ich glaube,
daß der verrückte Stagnelius recht hatte, als er darüber klagte, daß
unsere Menschenseelen in Tierkörper gekrochen seien. Wir benehmen uns
ja wie Tiere, wir küssen uns mit demselben Munde, der die Speisen
einnimmt, und wir lieben mit den Abführungsorganen! Ist es da ein
Stolz, ein Mensch zu sein? Nein, demütigend ist es, und wir müßten uns
alle schämen. Die Darwinisten haben schon recht, daß der menschliche
Körper sich aus dem Tierkörper entwickelt hat, aber sie vergessen,
daß die Seele ein selbständiges Dasein führt mit Ahnen von oben, mit
Erinnerungen an die Sterne, und daß das Fleisch nur ein Futteral ist,
das stremmt. Die Seelenwanderung der Ägypter ist schon richtig, aber
ich glaube, wir sind in dieser affenähnlichen Hülle bereits auf der
Wanderung begriffen. Weißt du, ich habe einmal in der Schwimmschule
die weißgelbroten Menschenkörper gesehen und war frappiert von der
Ähnlichkeit mit -- nicht mit Affen, sondern mit jungen Schweinen,
die auch rosenrot und haarlos sind. Weißt du, ich habe Augenblicke,
in denen ich buchstäblich nicht Platz in meiner Haut habe, wo ich
meine Hülle abwerfen und meines Weges fliegen möchte. Ich beginne an
alte Märchen zu glauben; ich glaube an den Sündenfall, denn seit wir
gefallen sind, du und ich, haben wir uns nur verachtet. In der ersten
Zeit, als ich dich liebte, sah ich deinen Körper nicht; ich sah nur
deine Seele, und die war schön und gut. Dann kam der Teufel und das
Tier. Neulich sah ich das Tier in dir, in deinen Augen. Es war auf
einmal wie totes bemaltes Porzellan, sah aus wie ein Emailauge auf
dem Schild eines Optikers. Da bekam ich Angst. Und trotzdem müssen
wir uns aufbieten lassen! müssen hinunter in den Morast der Küche
und des Kinderzimmers; du und ich wie alle andern. Der heilige
Ehestand, an dem die Liebe keinen Teil hat, in dem auf den schönen
Augenblick der Empfängnis immer Scheltworte folgen, in dem alle Laster
blühen und die Tugend, wenn sie sich als guter Geschmack offenbart,
ein Fehler ist, der ein Scheidungsgrund werden kann. Ich habe einen
verheirateten Freund, der der Kälte gegen seine Frau beschuldigt
wurde. Vor dem Richter äußerte er sich vorsichtig ungefähr so: Meine
Frau klagt mich der Kälte an. Wir haben nach einjähriger Ehe nur ein
Kind, aber wenn wir in Konstantinopel verheiratet gewesen wären, hätte
ich jetzt zweihundert Kinder haben können; und trotzdem klagt sie!
Zweihundert! Doch du weißt, die Menschen lieben es nicht, daß man sich
verteidigt ...«
Jetzt klingelte es zum Abendbrot, und sie mußten hinuntergehen.
Es ging kalt und steif bei Tisch zu. Die Kleinen waren auch da.
Irrtümlicherweise hatte der Knabe des Vaters Serviettenring bekommen.
Er spielte damit und las den Namenszug; seine Lippen bewegten sich,
aber man hörte nicht einen Laut. Doch Frau Brita hörte und verstand;
und mit einem Ruck nahm sie ihm den Ring weg.
Der Knabe errötete, schlug die Augen nieder und äußerte nach einer
Weile:
»Kann der eine Mensch dem andern verbieten zu denken?«
Keine Antwort erfolgte; denn in diesem »der eine Mensch und der andere«
lag ein starkes persönliches Selbstgefühl, das andeutete, daß das Kind
sich mit der Mutter auf gleichem Niveau fühle; diese war ergriffen,
vor allem deshalb, weil sie die Stimme des Vaters aus dem Kinde hörte.
Dieser Mann, den sie aus der Welt ausgerottet zu haben glaubte,
stand wieder auf und saß am Tisch, redend, vorwurfsvoll. Sollte er
sich durch die Kinder rächen, sollte seine Seele noch in diesem
Hause weilen, von dem er ausgeschlossen war? Sie fühlte in diesem
Augenblick einen grenzenlosen Haß gegen das Kind, und als der Knabe
aus Gedankenlosigkeit oder in unbewußtem Willen den Serviettenring
wiedernahm, stand die Mutter rasend auf und packte das Kind am Ohr.
Ruhig, kalt, beherrscht und mit der Überzeugung eines erwachsenen
Menschen sagte der Knabe die folgenden Worte, die er nicht zu Ende
gedacht hatte:
»Rühr mich nicht an, Mama, denn dann stirbst du!«
Was meinte er? Meinte er etwas? Wer weiß? Alle Kinder sind Wunderkinder
insofern, als ihr intuitiver Verstand in dem kleinen unvollendeten
Körper fertig dazuliegen scheint. Aber auch der Kinderkörper scheint
fertig zu sein; er erscheint nur in verkleinertem Maßstab, und man hat
oft den Eindruck, einen Miniaturmenschen zu sehen, wenn man ein Kind
sieht. Die naiven Ausbrüche, die man von einem Kinde hört, sind nicht
naiv, sie sind ebenso tief gedacht wie bei einem Älteren. Wir haben ja
kürzlich in den Bekenntnissen eines großen Staatsmannes gelesen, er
erinnere sich, in seinen Knabenjahren ebenso klug gewesen zu sein wie
im Alter. Wenn das so ist, was für einen Zweck hat dann die Erziehung?
Soll sie unterdrücken?
Als der Knabe schwieg, sollte er in ein dunkles Zimmer gesperrt
werden, weil er bei Tisch gesprochen hatte. Die Mutter hatte ihn am Arm
gefaßt, die Verstimmung war allgemein, und Graf Max stand bereit, zu
vermitteln, als plötzlich alle aufhorchten.
Vom Garten her hörte man einen heulenden Laut, vielleicht das Brüllen
eines Haustiers ...
»Das Vieh ist doch im Winter nicht draußen!« unterbrach der Graf das
unheimliche Schweigen.
Keine Antwort erfolgte, die Mutter aber stand bleich da und hielt in
ihrer Bewegung inne, während das Gesicht des Knaben ein inneres Licht
und einen Frieden wie bei einem Sterbenden ausstrahlte. Die Mutter und
er allein hatten den Laut verstanden. Es war der Vater! Ein Mann, der
keine Tränen weinen kann, brüllt vor Schmerz. Er hatte also an dem
dunklen Winterabend vorm Hause gestanden, um einen Schimmer von den
Kindern zu sehen!
Frau Brita machte mit der Hand eine Bewegung nach der Brust und verließ
das Zimmer, ohne ein Wort zu sagen.
Als die Kinder später nach ihr fragten, sagte das Mädchen, die gnädige
Frau sei zu Bett gegangen und sei krank.
* * * * *
Am nächsten Morgen war die Frau noch krank; aber sie wollte keinen
Arzt haben und wollte niemanden sehen. Sie schrieb ihre Anordnungen
auf Zettel. Die jungen Leute bekamen den folgenden Befehl: »Ihr fahrt
sofort in die Stadt und bestellt das Aufgebot.«
Und sie fuhren.
Als sie nach einer Hetzjagd beim Standesbeamten die Papiere in Ordnung
hatten, wie sie glaubten, fanden sie sich im Amtszimmer eines Pastors
ein, um das Aufgebot zu bestellen.
Sie kamen durch ein Vorzimmer, das wie ein kleinerer Flur aussah,
und traten in das Kontor, das einem größeren Flur glich. Schnee und
Schmutz auf dem Fußboden, die Fenster ohne Gardinen, Holzbänke längs
der Wände, Pulte, Ungemütlichkeit, schwere Luft, unfreundlich, unschön.
Hier standen und saßen Sünder, die das Leben beginnen wollten, Männer
und Frauen zum Beisammenleben für die ganze Zeit der Wanderung; hier
standen und saßen Eltern, die das Neugeborene für den Kampf weihen und
ihm einen Namen geben wollten; hier standen und saßen Menschen, die
einen Anverwandten zu begraben hatten, was auch nicht so leicht ist.
Nichts ist leicht, weder der Eingang, noch der Ausgang. Und das spürten
sie, als sie hier saßen und warteten.
Sie sahen düstere Männer in großen Büchern schreiben, schreiben und
ausstreichen, offen die indiskretesten Fragen stellen. Der Name des
Vaters? Unbekannt? Schon einmal verheiratet gewesen? Etwa geschieden?
Die Scheidungsurkunde vorzeigen! Ist nicht vorhanden! Ist das Kind
getauft? Ja, aber nicht hier. Wo? Ganz weit in Amerika! Müssen
hinschreiben!
Schreiben, schreiben, schreiben!
»Dieser Teil der Seelsorge ist etwas sonderbar,« begann der Graf
flüsternd. »Kontorarbeiten, Buchführung, Kladde. Das sind ja
Standesbeamte! Onkel Henrik nennt es ein Pfarramt, aber es ist ja ein
öffentlicher Beichtstuhl. Sind Sie zum Abendmahl gewesen? Was geht das
euch an! Und sie sind nicht freundlich. Es klingt so hart, wenn die
Diener des Herrn sprechen.«
Der Saal leerte sich für einen Augenblick, und einer, der der Bürochef
zu sein schien, schnaufte und wischte sich die Brille ab. Es war ein
weltlicher Priester, schien es, denn er erzählte laut eine Anekdote von
einer Frau, die am vorigen Sonntag von der Kanzel mit einem Verrückten
aufgeboten worden war. Als er sich im Zimmer umsah und die Tochter der
bekannten Frau Brita bemerkte, diese Tochter, die in Upsala ebenfalls
von sich reden gemacht hatte, wurde er rot bis an die Haarwurzeln;
und als der Kirchendiener im selben Augenblick vorbeiging, um das
Kaminfeuer zu schüren konnte er den Mund nicht halten.
»Nachheizen, Söderström, daß der Kamin rot wird; rot muß er sein, rot
für die Roten!«
»Schilt er uns aus?« flüsterte der Graf.
Aber das Büropersonal belohnte den Chef mit einem erstickten Kichern,
und dieser, dem der Erfolg zu Kopf stieg, trachtete nach neuen
Lorbeeren.
»War nicht vorhin ein Lümmel hier, der die Einzelheiten der letzten
Scheidung wissen wollte?« fragte er den Küster.
Dieser murmelte etwas, was nur dazu dienen sollte, den derben Witz
hervorzurufen, der jetzt abgefeuert wurde.
»Das ist ja wie im Volkstheater,« flüsterte der Graf. »Und ich habe es
so ernst genommen! Wollen wir unserer Wege gehen? Esther?«
»Nein! Denke an Mutter!«
»Aber dies ist ja Schwindel! Ich gehe!«
Der Kirchendiener kam wieder herein, in der Hand einen Wacholderbusch,
den er im Kamin anzündete und im Saal umherschwenkte. Es herrschte
nämlich eine Epidemie, und alle öffentlichen Lokale mußten
ausgeräuchert werden.
Das war Wasser auf die Mühle des Geistlichen.
»Recht so, Söderström, räuchern Sie die Nihilisten aus!«
»Das ist unglaublich,« flüsterte der Graf. »Das sind ja Landstreicher!
Landstreicher! Wenn man sich vorstellt, solche versoffenen Studenten;
wenn sie die Landwirtschaftliche Hochschule nicht absolvieren können,
werden sie Seelsorger, und dann haben sie das Recht, ihren Mitmenschen
die Leviten zu lesen; man nimmt den Zehnten, und dann kann man die
Seelen lösen und binden. Nein, weißt du, dies ist faul, und ich sorge
für meine Seele selbst besser.«
Nun kam der Pfarrer. Er war ein gebildeter, würdiger Mann, jedoch
ein höherer Beamter, kein Hirt und kein Hoherpriester. Er las in den
Papieren und sagte mit freundlicher Miene, durchaus nicht herablassend:
»Hier steht Herr Adelstorm, da muß doch Graf stehen.«
»Ja, das müßte es, aber mein Vater, der Bankkassierer ist, hat einen
Titel abgelegt, der nur falsche Prätentionen mit sich bringt ...«
Der Geistliche machte ein anerkennendes und fast bewunderndes Gesicht.
»Und ich,« fuhr der Graf fort, »bin dem Beispiel meines Vaters gefolgt,
besonders weil das ganze Titelwesen veraltet ist.«
Der Geistliche wurde finster, denn er witterte einen dieser modernen
Angriffe auf die Gesellschaft, die doch ihre Mitglieder nicht nach dem
eigentlichen Gewicht ordnete. Aber er war ein humaner Mann und ging
weiter.
»Sind Sie, Herr Graf, Verzeihung, ich kann nämlich Ihre Ansicht über
die Wertlosigkeit der Titel nicht teilen, da der Staat selbst durch
sie bürgerliche Verdienste einschätzt ... Sind Sie nicht getauft, Herr
Graf? Ich sehe keinen Taufschein.«
»Getauft? Nein, das glaube ich nicht.«
»Glauben Sie nicht? Dann kann ich nicht aufbieten.«
»Dann stehen wir da! Esther! Aber seltsam ist es jedenfalls, Herr
Pastor; wenn man nicht heiraten und sich nicht trauen lassen will,
dann wird man in Acht und Bann getan; und will man heiraten und sich
trauen lassen, dann werden Hindernisse aufgerichtet, über die alle
Verheirateten sich beschweren. Warum wollen Sie eine so einfache Sache
hindern? Sie verlangen ja unter anderm den Beweis, daß man für die Ehe
frei ist! Wie soll man das beweisen können!«
»Meine Instruktion ist das einzige, worauf ich Rücksicht nehme ...«
»Aber das ist mir nicht möglich, und deshalb ... deshalb gehen wir
jetzt unserer Wege, _unserer_ Wege.«
»Warten Sie einen Augenblick,« fing der Pastor wieder an. »Wir wollen
uns die Papiere des Fräuleins ansehen! Hier steht -- unkonfirmiert! Ja,
dann geht es nicht. Ich bedaure, aber ich kann nichts dazu tun.«
Jetzt war an Esther die Reihe zu reden, denn sie hatte ihrer Mutter das
Versprechen gegeben, und in ihr erwachte auch eine Erinnerung an den
Vater, wie er sie draußen am Strande bei der Verlobung, die doch die
Einweihung einer neuen Familiengründung war, in die Arme geschlossen
hatte. Damit war das Bündnis doch gewissermaßen etwas anderes geworden
als eine Bekanntschaft.
»Können Sie uns nicht helfen, Herr Pastor?« sagte sie in halber
Verzweiflung, die sie anziehend machte.
»Nein, meine Freunde, das kann ich nicht. Denn ich setze voraus, daß
Sie, Herr Graf, sich nicht taufen und Sie, mein Fräulein sich nicht
konfirmieren lassen wollen.«
»Nein,« antwortete Esther und wurde zu einem ganz kleinen Mädchen,
»denn wir glauben nicht an die Lehre. Aber sollen wir deshalb
ausgestoßen und von Eltern und Geschwistern verachtet werden? Das ist
doch zu streng!«
Der Pastor war gegen seinen Willen gerührt, als er sah, daß sie bei
dem wichtigen Schritt doch gleichsam einen höheren Schutz in den
schlimmsten, verhängnisvollsten Kämpfen des Lebens suchten. Er fand
auch in ihrer Opferwilligkeit den Wünschen der Eltern gegenüber etwas
Schönes, obwohl sie streng genommen ihr Gewissen opferten.
»Ich gebe zu,« begann er ...
Jetzt hustete der Bürochef, und das bedeutete: »Gib nichts zu!«
»Ich gebe allerdings zu ...«
»Herr Pastor,« unterbrach der Buchhalter ... Und diesmal wurde nichts
aus dem Zugeben.
Als die jungen Leute das Haus der Sünder verließen, konnte der Graf
nicht mehr an sich halten:
»Pfui!« sagte er, »dies ist ja alles verrückt.«
Im selben Augenblick stand der Pastor an ihrer Seite; und mit einer
freundlichen, menschlichen Miene faßte er Esthers Boa, als wolle er sie
am Schwanz festhalten oder sie schelmisch zausen:
»Mein Fräulein,« sagte er, »lassen Sie sich konfirmieren; es ist ja nur
eine Formalität; und Sie, Herr Graf, lassen Sie sich taufen, es ist ja
nicht gefährlich; nur etwas Wasser!«
»Sind es nur Formalitäten,« antwortete Graf Max, »und nur etwas Wasser?
Ja, dann ... danke für die Aufklärung, Herr Pastor ... Aber denken Sie,
wir Dummköpfe dachten, es sei etwas anderes! Komm, Esther!«
Sie gingen.
»Glaubst du, es ist seine Überzeugung, daß es nur Formalitäten sind?«
fragte Max.
»Nein,« antwortete Esther, dem Weinen nahe; »er ist ein netter Mann,
der uns trösten und helfen wollte. Deshalb hat er das gesagt.«
»Jetzt küsse ich dich in Gedanken, Esther, hier mitten auf der Straße,
weil du gut von den Menschen denkst!«
»Es kann doch auch um einen Pfaffen schade sein!«
»Sogar um einen Pfaffen! Ja, jetzt sehen wir aber, daß die Kirche
schuld ist, wenn die Ehen ab- und die freien Verbindungen zunehmen.
Geschehe ihnen nach ihrem Willen.«
»Was machen wir jetzt?«
»Wir gehen zu Holger in die Redaktion und reden uns dies von der Seele.«
»Ja, das tun wir.«
* * * * *
Die Zeitung hatte einen gewaltigen Aufschwung genommen, seit sie
in ihrem jungen Redakteur einen neuen Motor bekommen hatte. Kühn,
vorurteilsfrei hatte er in seinem Akkumulator alle Ströme gesammelt.
Liberalismus, etwas Sozialismus, die ganze Frauenfrage, etwas
Theosophie, Tierschutz, Sport, ein wenig Verteidigungsfreundlichkeit
neben sukzessiver Abrüstung, Weltbürgerschaft auf patriotischer
Basis, prinzipieller Freihandel mit Schutzzoll, wenn die Gefahr es
verlangte. Dieser Eklektizismus konnte so aussehen, als sei er durch
den Wunsch nach Erhöhung des Abonnentenkreises geboten, aber er
hatte wohl andere Gründe. Als die schwedische Landwirtschaft sich
Ausgangs der achtziger Jahre in wirklicher Gefahr befand, wurde die
Zollfrage in den Kammern aufs Tapet gebracht und versetzte das Land
in vollständigen Aufruhr. Wie gewöhnlich wurde die Proposition falsch
gestellt: Schutzzoll oder Freihandel; und die ganze Nation teilte
sich in zwei Lager: Bauch und Glieder, obwohl keiner recht wußte, wer
Bauch war. Die Schutzzöllner siegten, und die Bauern hielten sich für
gerettet. Aber im Jahr darauf war eine Mißernte in Rußland, und die
schwedischen Bauern, die auch Saatgetreide kaufen mußten, fürchteten
Hungersnot. Da wurde der Schutzzoll auf Getreide wieder aufgehoben,
der ganze schreckliche Zollkrieg erwies sich als eine Zeit- und
Kraftverschwendung, und die Siegenden waren die Verlierer. Wir, die wir
im neuen Jahrhundert gesehen haben, wie die alten Freihandelstheorien
Englands aufgegeben wurden, haben wohl unsere Begriffe korrigiert
und erkennen, daß das ökonomische Leben sich nicht so mathematisch
abwickelt, wie man geglaubt hat. Freihandel bedeutet, daß mehrere
Staaten frei ihre Produkte austauschen. Man verliert dann vielleicht an
einem Posten, gewinnt aber an einem andern, und allmählich findet zum
Vorteil aller ein Ausgleich statt. Daß aber ein Staat sagt: Jetzt bin
ich Freihändler, während die andern Schutzzöllner sind, das heißt ja
sich selbst plündern und ist im übrigen etwas Unsinniges, da das ganze
einen Vertrag zwischen mehreren voraussetzt. Das ist, als wolle man in
Kriegszeiten abrüsten.
Alle aber, die den Zollkrieg erlebt und gesehen hatten, daß Recht
und Unrecht nicht auf einer bestimmten Seite lag, wurden etwas
vorsichtiger; und das ist das Charakteristische in der Physiognomie
des Jahrhundertendes: Vorsicht, Bedachtsamkeit. Das hätte man früher
Kompromiß genannt im boshaften Sinne oder Krämertum, Skeptizismus
in der Bedeutung von Schlappheit des Charakters und der Ansichten.
Jetzt trat dieser Ausgleich ein, bei dem der eine tatsächlich von dem
andern empfing; man lernte voneinander; der eine tauschte einen Vorteil
gegen einen andern ein; die Gesellschaftsklassen vermischten sich, man
brauchte nur im Adelsalmanach nachzusehen, wie viele bürgerliche Namen
sich mit hochadeligen verbunden hatten und wie viele geringe Posten
mit Trägern der größten Namen besetzt waren; der Staat unterstützte
den Sozialismus, und die Sozialisten bekämpften den Anarchismus. Die
Zeit der Zersplitterung begann in die der Konzentrierung überzugehen,
und die Menschen gaben sich Mühe, einander zu verstehen. Manches von
dem Neuen hatte sich als ein mißglücktes Experiment erwiesen, doch
auch Experimente mit negativem Resultat sind nützlich und erzielen
Nebenprodukte; die Alchimisten fanden freilich das Gold nicht, dafür
aber entdeckten sie die Schwefelsäure, die viel nützlicher ist.
Als Ingenieur Borg zur Macht gekommen war, hatte er sofort entdeckt,
daß es nicht lohne, danach zu streben, eine Meinung zu beherrschen und
die andern zu verfolgen, denn dann zeigte sich sofort beim Quartalsende
ein Rückgang. Der Kassierer war das Barometer; er sah in seinen
Büchern, wie der Wind wehte. Und wenn auch der Redakteur den Mut gehabt
hätte, dem wirtschaftlichen Verlust zu trotzen, so sah er doch durch
die abgehenden Abonnenten den Einfluß der Zeitung sich verringern. Er
verlor also schnell seinen frohen Glauben an die Allmacht der Presse
und fand sich allmählich darein, Diener zu sein statt Herr; daher
blühte das Geschäft.
Das junge Paar hatte jetzt eine große Wohnung mit drei Dienstboten,
und die Redaktion hatte ihr Lokal erweitert. In ihren Räumen gingen
Minister, Bauern, Arbeiter, Generale, Schauspieler und Künstler aus und
ein. Einfluß hatte man, aber die Macht stand im umgekehrten Verhältnis
zu der Abhängigkeit, der man sich unterwerfen mußte. Gehorchen und
herrschen!
Heute war Sturm auf der Redaktion. Es gab nämlich Mitarbeiter, die
in der verflossenen Zeit lebten und die Zeitung für ihre privaten
Interessen benutzten. Jede Notiz, auch die unschuldigste, hatte
einen geheimen Sinn: einen Vorteil, einen Nutzen zu erringen, einen
Groll zu befriedigen. Besonders hatte der Theaterkritiker sich eine
Machtstellung angemaßt, die er mißbrauchte, um zu herrschen und
sich als jemand zu fühlen, obwohl er nichts war. In Verbindung mit
weiblichen Favoriten bestimmte er über die Schicksale der Menschen,
stürzte und lancierte ganz nach Belieben. Besonders hatte er sich
des Theaters angenommen, das aus leicht erratbaren Gründen den Namen
»Hoflieferant« führte. Es bot schlechtere Dinge als das zweite Theater,
genoß aber Protektion und Staatsunterstützung, während das Personal
sich zu den höheren Hofbeamten zählte.
Ingenieur Borg kannte die Verhältnisse an den Theatern nicht, aber es
hatte ihn gereizt, daß das schlechtere sich einer Protektion erfreute,
die das bessere hinderte, emporzukommen. Daß da manche häßliche Dinge
vorgekommen waren, wußte er, aber darum kümmerte er sich nicht, und
von der intimen Rolle, die sein Kritiker in dem königlichen Lustgarten
spielte, ahnte er nichts. Deshalb schlug er los mit einem Artikel gegen
»ungesetzliche Protektion« und trat damit in den Kohlgarten seines
Rezensenten. Darauf folgte die Entlarvung, bei der herauskam, daß
gerade seine Zeitung die Misere unterstützt hatte. Das war ärgerlich,
und Ingenieur Holger war weitergegangen, als er wollte, hatte an ein
faules Ei gerührt und sich einer Majestätsbeleidigung schuldig gemacht.
Die Klage war noch nicht erhoben, aber man sprach in den höheren
Kreisen darüber, und auf der Redaktion rüstete man sich zum Kampf.
Während dieser allgemeinen Aufregung kamen Max und Esther in die
Redaktion, um Holger aufzusuchen.
Dieser war in sprühender Stimmung und freute sich über das Ereignis,
das Anlaß geben würde, allerlei alten Kram zu ordnen. Er begrüßte
die Schwester und Max, den er schon Schwager nannte und als solchen
betrachtete, denn in den Vorstellungen der Jüngeren stand fest, daß
eine Verlobung die Veröffentlichung einer erlaubten Verbindung sei.
»Also ihr wart auf dem Pfarramt und habt Schelte bekommen! Was wolltet
ihr da auch? Die eigenen Kinder der Kirche sind die Stiefkinder;
Israeliten, Freikirchler und Mormonen werden aufgeboten, wir aber, die
zu dem rechten Schafstall gehören, werden es nicht. Hört einmal, wenn
ihr Lust habt, so will ich selbst Hochzeit halten und euch in der
Zeitung aufbieten, zum ersten, zweiten und dritten Mal.«
»Wir hätten alle Formalitäten übergangen,« antwortete Esther, »wenn
Mutter uns nicht gezwungen hätte.«
»Mutter, ja? Wie geht es ihr?«
»Sie sagt, sie sei krank, und hat sich nach einem Auftritt zu Bett
gelegt ...«
»Ja, das mit dem Alten war ja furchtbar, aber in diesen Zeiten muß man
um seine persönliche Existenz kämpfen, und wer fällt, bleibt ungerächt
liegen.«