morden mit deiner bestialischen Dummheit und deiner satanischen
Bosheit. Geh schnell, sonst schmeiße ich dich raus!«
Damit war diese Ehe zu Ende. Auf den Doktor aber war ein Schatten
gefallen, denn er konnte sich ja nicht verteidigen, auch wenn er
physiologische Beweise erbrachte, die niemand verlangte. So lief er ein
paar Monate wütend umher, und in der Wut verheiratete er sich wieder,
und zwar mit einer Norwegerin, nachdem er sie gleich geschwängert
hatte. Sie war im siebenten Monat, als sie getraut wurden, und die Frau
wollte eine stille Hochzeit haben, der Mann aber veranstaltete eine
pomphafte kirchliche Trauung mitten am hellen Tage.
»Es ist so schön,« sagte er, »ein gesegnetes Weib zu sehen.«
Der Pfarrer war nicht derselben Meinung, mußte sich aber zufrieden
geben. Und als der Doktor als sein eigener Brautführer seine
hochgewölbte Braut den breiten Gang entlang durch die Kirche führte,
fiel der Schatten fort, und er stand im Licht, klar und gesund wie er
war ...
Bei Tisch hielt er vor hundert Gästen eine Rede und trank auf das Wohl
seiner Gattin und seines ungeborenen Kindes.
»Das ist Stil!« sagten einige. Andere aber fanden es zynisch.
Diese Ehe Nummer zwei ging eine Zeitlang so lala. Dann kam natürlich
das Puppenheim und der ganze Kram. Ligafrauen und Kanonfrauen,
Bundesfrauen und Handschuhfrauen. Das Leben war für einen Ehemann eine
Hölle.
Die ganze uralte Idolatrie wurde Gynolatrie oder Frauenanbetung. Man
hörte einen atheistischen Dichter erklären, seine Religion sei die
Frau. Alle Literatur, die nicht die Frau verherrlichte, wurde für
wertlos gehalten, so daß man wirklich mit Spencer glauben konnte, Kunst
und Poesie hätten ihren Ursprung in der Kriecherei des Männchens vor
dem Weibchen. Es hätte noch angehen können mit dieser Frauenlobpoesie,
wenn sie nicht von Selbsterniedrigung des Mannes begleitet gewesen
wäre. Männer fanden Genuß darin, sich zu erniedrigen und den Beweis zu
erbringen, daß der Mann ein niedrigeres Tier sei, und als die alten
Narren Ibsen und Björnson rund heraus erklärten, die Gesellschaft könne
nur dadurch gerettet werden, daß die Frau ein-, der Mann aber abgesetzt
werde, war die Narrheit auf ihrem Gipfel angelangt.
Kam die norwegische Frage hinzu, so hatte der Doktor ein gemütliches
Heim. Zwei Kinder waren freilich aufgewachsen, im Alter von dreizehn
und fünfzehn Jahren, aber jetzt wurden auch sie zu Zankäpfeln. Alles
war Zankapfel, und mit einer unlenksamen Frau war nichts zu machen.
Warum sie sich nicht scheiden ließen? Die Kinder hielten das Elend
zusammen, die Erinnerungen, und dieses Unerforschliche, das Gatten
bindet, auch wenn sie sich hassen. Die Okkultisten sagen, daß sie
halbgeistige Substrate ineinander erzeugen, die eine Art wesenhaftes
Dasein führen; andere meinen, die Seelen des Mannes und der Frau
wachsen mit Saugwurzeln ineinander fest und leben im Grunde in einer
beständigen Umarmung; sie fühlen miteinander und durcheinander, wie
Zwillinge tun sollen; deshalb leidet auch der Teil, der dem andern weh
tut; er leidet unter diesem Leiden, das er selbst verschuldet hat;
infolgedessen ist man wehrlos gegen die, die man liebt, und lieben
ist leiden. Daher ist auch Trennung das schmerzlichste von allem; es
heißt das Dasein zerreißen und auflösen, und die Erinnerungen sind
die Kinder der Seele; man kann sie nicht verlassen, wann man will. Es
gibt Ehepaare, die dreißig Jahre lang mit dem Gedanken umgehen, sich
zu trennen, ohne daß es ihnen gelingt; sie trennten sich als Verlobte,
als Neuvermählte, als Eheleute; sie trennten sich acht Tage vor der
silbernen Hochzeit; und als sie so weit gekommen waren, glaubten sie,
jetzt werde es bis ans Lebensende dauern. Aber drei Wochen später ging
der Mann von Hause fort und blieb eine Nacht weg, die erste in den
fünfundzwanzig Jahren. Am Tage darauf war er wieder daheim, und um die
Versöhnung zu versinnbildlichen, richtete er eine neue Wohnung ein; und
dann ging es weiter.
Der Doktor hatte durch seine erste Scheidung so gründlich gelitten,
daß er beschlossen hatte, in der zweiten Ehe auszuhalten, alles zu
leiden, nur keine Erniedrigung. Aber es gibt so vieles, was unmerklich
erniedrigt. In Gegenwart der Dienstboten abgekanzelt zu werden ist
erniedrigend für einen Mann, und in Gegenwart der Kinder als Idiot
behandelt zu werden, ist noch erniedrigender, besonders, wenn man der
Klügere ist.
Dies tägliche und stündliche Unterdrücken seiner Neigungen kann
schließlich den Stärksten jedes Selbstgefühls berauben, und als der
Doktor merkte, daß er in Gefahr war, beschloß er zu fliehen, die einzig
mögliche Kampfweise bösen Frauen gegenüber; denn wer sich mit der
Bosheit einläßt, gerät selber hinein. Und ihre Bosheit wirkte wie ein
Nervengift, das ihn anzustecken drohte.
Der äußere Anlaß zu dem Ausbruch war wie gewöhnlich der Besuch einiger
Freundinnen im Hause. Eine von ihnen liebte Frau Dagmar, inwieweit
unschuldig, ist schwer zu entscheiden, aber die Damen halten alles für
unschuldig, was sie treiben, auch wenn die Grenze überschritten wird.
Diese Freundin begann sich in die Erziehung der Kinder zu mischen. Das
Mädchen wurde geschoren, und das Haar des Jungen ließ man wachsen,
alles, um die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu verwischen.
Doch als der Junge in der Schule wegen dieses seines weiblichen Äußern
gehöhnt wurde und der Vater zugleich merkte, daß die Instinkte des
Sohnes sich zu verweiblichen begannen, bekam er Angst; nahm eine Schere
und schnitt das Haar ab. Als die Mutter das sah, geriet sie in Wut:
»Darf eine Mutter nicht ihre Kinder erziehen?« schrie sie.
»Zum Teufel, dann soll sie aber auch keine Sodomiten erziehen. Zwei
gehören dazu, und ich bin der eine.«
Die Mutter drohte zum Rechtsanwalt zu gehen. Das sagte sie immer.
Aber es gab noch einen andern Faktor, der störend auf die Ehe
einwirkte, und das war der damals von einem berühmten Arzt erfundene
Kognak. Den benutzte die Frau als Universalmittel gegen alle
Krämpfe und meistens vormittags gegen Nervosität und abends gegen
Schlaflosigkeit. Die anscheinend unschuldigen kleinen Gläser verdarben
Stimmung und Appetit, brachten zu unrechten Zeiten Schlaf und
verscheuchten die Nachtruhe. Obwohl es mit dem Erfinder selbst, dem
Professor, der Autorität, ein schlimmes Ende nahm und er ein Opfer
seiner Kognakhypothese wurde, setzten die Damen das Trinken fort.
Wenn der Doktor seine Frau warnte, berief sie sich immer auf den
Professor.
»Der Professor muß es wohl besser verstehen als du, der du nicht einmal
Dozent bist.«
Mit einem Wort, die Ehe war reif, so überreif, daß, als der Bruderzwist
aufflammte, ein leichter Windstoß sie zum Bersten brachte.
Frau Dagmar schrieb in der Frauenzeitung gegen die Theorien ihres
Mannes, die sie anführte, ohne jedoch seinen Namen zu nennen,
verdächtigte ihn als Reaktionär und warnte die liberalen Wähler vor
einem solchen Kandidaten. Damit war offen der Krieg erklärt, und die
Gatten hausten jeder in einem Teil der Wohnung.
Aber die Katastrophe selbst wurde durch ein kleines Ereignis
beschleunigt, das wie bestellt eintrat.
Eines Morgens zur Zeit der Sprechstunde kam eine sehr gut gekleidete
Dame zu dem Doktor. Dieser war erstaunt, denn die Damen hatten ihn
in den Bann getan, weil er »unfein« war; er wollte nämlich ihre
Andeutungen nicht verstehen, sondern sprach ihre Hintergedanken
ungeschminkt aus; deckte ihre Geheimnisse auf, ohne sie fragen zu
müssen.
Er bat die Dame aber, Platz zu nehmen, und als er sie fixierte, sah er
sofort, zu welcher Sorte sie gehörte. Der Ausdruck der Augen stimmte
nicht zu dem des Mundes. Es waren Kinn, Wangen und Lippen eines Kindes,
die Augen jedoch sagten etwas anderes, denn sie hatte vergessen, ihre
Augen zu erziehen. Als er nun fragte, was ihr fehle, erklärte sie, es
sei Blutarmut und Nervosität.
Er hatte eine wohlbekannte Spur gefunden und fragte vorsichtig weiter:
»Sind Sie verheiratet?«
»Ja!«
»Haben Sie Kinder, und wie viele?«
»Ein Kind.«
»Wann ist es geboren?« (Jetzt ging es wie nach einem Formular, denn er
wußte die Geschichte auswendig.)
»Vor drei Jahren!«
»Nun, und dann?«
Hier entstand eine Pause, denn in dem Worte »dann« lag das ganze
Bekenntnis, das er ihr indirekt in den Mund legte; doch sie war nicht
gekommen, um etwas zu bekennen, im Gegenteil. Er nahm deshalb den Faden
wieder auf und fuhr selbst fort:
»Will Ihr Mann nicht mehr Kinder haben?«
»Nein!«
»Wollen Sie mehr Kinder haben?«
»Nein!«
»Ja, daher sind Sie nervös und blutarm: ist Ihr Mann auch nervös?«
»Er? Er macht mich ja nervös, und darüber wollte ich sprechen.«
»Hören Sie, gnädige Frau, Sie machen sich wohl gegenseitig nervös mit
diesem Schwindel ...«
»Können Sie mir nicht sagen, Herr Doktor, was ich tun soll; ich kann
als Frau nicht unverheiratet leben ...«
»Tut Ihr Mann das nicht auch, da Sie keine Kinder haben wollen?«
(Sie wollte nicht von ihrem Mann sprechen, nicht an ihn denken.)
»Können Sie mir nicht etwas verordnen, Herr Doktor, etwas, was ...«
»Meinen Sie, ich soll Ihnen einen Liebhaber verordnen? Dann macht er
das Kind, und Sie sind der gefürchteten Schwangerschaft ebenso nahe.«
Das war das ganze Geheimnis, und jetzt erlebte er eine Verwandlung
bei offenem Vorhang; das kleine Gesicht wurde gegen ein anderes
ausgewechselt, gegen ein so fürchterliches, daß er glaubte, ein ganz
anderer Mensch säße auf dem Stuhl. Aber er fuhr unerschrocken fort:
»Daß Ihr Mann es müde wird, Ihre Laster auszuüben, wundert mich
nicht ...«
Weiter kam er nicht, denn die Dame war in einem Augenblick zur Tür
hinaus.
Das war ja ein regulärer Fall und kam ebenso oft vor wie unglückliche
Ehe.
Aber als er in das Wartezimmer zu dem Diener hinauskam, fand er den
Namen der Dame. Es war die Frau des Redakteurs von der Zeitung des
Liberalen Vereins. Jetzt hatte er die Karre in den Dreck geschoben.
* * * * *
Aber damit war es noch nicht zu Ende, denn nach einer Viertelstunde
trat Frau Dagmar ein, und da sie ein längeres Gespräch wünschte, war
sie sanft, denn sie wußte sehr wohl, daß, wenn sie dreist war, nur die
Tür verschlossen werden würde.
»Was war mit der kleinen Frau X., die bei dir war?«
»Sie wollte, ich solle ihr einen Liebhaber verschreiben. Ja, sie kommen
her und verlangen Rezepte für Fruchtabtreibung und Präventivmittel ...«
»Jetzt wirst du aber bei der Ärztekammer wegen verletzenden Benehmens
gegen eine Patientin verklagt.«
»Findest du, daß sie mit ihrer Beschwerde recht hätte?«
»Ja!«
»Dann bist du auch ein ...«
Er suchte nach der Feuerzange, und die Frau verschwand. Da wußte er,
daß es aus war.
Dies war der damalige höllische Kampf der Geschlechter auf Leben und
Tod. Und wenn man so viele Männer zugrunde gehen und vor der Zeit
sterben sah, so wurde die Ursache nie aufgedeckt, denn man durfte nicht
darüber schreiben.
Die Natur hatte dem Mann das Recht der Initiative gegeben, weil er
die wirkende Ursache war; jetzt aber sollte er dieses Rechts beraubt
werden; die Frau, die nichts gibt, nur empfängt, eignete sich die
Initiative an, und da ihre Rezeptivität unbegrenzt ist, mußte jeder
Mann in einem ungleichen Kampf unterliegen, da die Ausgaben ihre
natürliche Grenze haben. Und alles Umgehen der Naturgesetze bestrafte
sich. Die Männer gaben sich, statt Väter zu werden, dazu her, die
Zuhälter ihrer Frauen zu sein; die modernen Schlafzimmer mit ihren
beiden eisernen Betten glichen mediko-mechanischen Instituten,
Samenkletteranstalten oder den Privaträumen der Krankenturnanstalt.
Was die Gatten suchten, fanden sie nicht, denn das findet man nur in
Mutterschaft und Vaterschaft. Deshalb trat Tod an Stelle der Geburt.
Das neunzehnte Jahrhundert war nicht das Jahrhundert des Kindes, das
ist eine Lüge. Das achtzehnte Jahrhundert mit Rousseaus Emile, als die
Mütter ihre Kinder wieder säugen lernten und der Mutterschaft ihre
verlorene Ehre wiederschenkten, das war das goldene Zeitalter des
Kindes. Das neunzehnte Jahrhundert aber, besonders dessen Ausgang,
wurde die Hölle des Kindes. Die Kinder, die geboren wurden, verdankten
ihr Leben einem unglücklichen Zufall, einer mißlungenen Hemmung
des Willensaktes, deshalb wurden sie willenlos, geschlechtslos,
charakterlos geboren. Die Mutterschaft wurde verachtet; Kindergebärerin
wollte keine sein, und die Muttermilch selbst zu geben, wurde für
schimpflich angesehen. Die Kinder wurden mit der Flasche aufgezogen und
waren immer pimpelig, schlaflos und krank. Chemikalien, kohlensaures
Natron, Milchzucker, sterilisierte Kuhmilch, das war die Nahrung.
Eine sterile Flüssigkeit, deren Lebenskraft getötet war, sollte die
lebendige Muttermilch ersetzen! Sie ergab auch sterile Menschen, die
keinen neuen Gedanken zum Wachsen bringen konnten; Epigonen, Automaten,
die auf die Fragen der Menschheit gedruckte Antworten von sich gaben,
gedruckt auf kleine Papierfetzen gegen Erlegung der Volksschulgebühren.
Es war die Epoche der Automaten und der Automatenkinder, der
Flaschenkinder, der Schnullerkinder, die nie an der warmen Brust einer
Mutter gelegen hatten, sondern gedrillt wurden, in einem wackelnden
Wagen still zu liegen und an Körper und Seele zu frieren, unter
Aufsicht eines fremden Mädchens und ihres Bräutigams, oft genug einer
Prostituierten, die den Schnuller mit unsterilisierten Lippen aufsog.
Es war das goldene Zeitalter der sterilen Frauen; und sie predigten
Sterilität, bildeten eine Gemeinde und fanden Prophetinnen, bis sie
schließlich eine staatlich anerkannte Kirchengemeinschaft waren.
Im Kampf gegen diese Dekadenz unterlag der gesunde Mann Doktor Borg, um
sich nie wieder zu erheben.
Acht Tage später saß er allein in seinem geplünderten Heim, und
vierzehn Tage später wurde er von allen Wahllisten gestrichen, als
Reaktionär in der Frauenfrage und als Norwegerhasser.
Zu einer Anzeige bei der Ärztekammer kam es nicht, aber seine Praxis
war geschädigt.
Dreizehntes Kapitel
Frau Brita auf Storö
Frau Brita Borg war durchaus nicht so merkwürdig, wie sie glaubte, und
ihre Gutmütigkeit lag mehr im Fleisch. Als die Frauenfrage aufkam, war
sie sofort mit dabei, die Menschheit zu retten, deren Grundmauern jetzt
auf den Stützen der Gesellschaft, den Frauen, aufgebaut werden sollten.
Folglich mußte der Mann gestürzt werden, und sie beteiligte sich an der
Jagd. Diese Törinnen veranstalteten eine besondere Treibjagd auf große
Männer. Karl XII. sogar wurde ausgegraben und für ein Weib erklärt;
Napoleon war nichts aus sich selbst, sondern seine Mutter war alles;
Goethe hatte alles von seiner Mutter gelernt (die nichts wußte).
Andererseits: alle geheimen Krankheiten der Frau kamen vom Manne (die
Männer hatten sie jedoch von den Frauen bekommen); alle Männer waren
von Frauen geboren (daß aber alle Frauen von Männern gezeugt waren,
darüber wurde nicht gesprochen!).
Dieses ganze Lügengewebe und diese Ungerechtigkeit verteidigte man
damit, daß die Frau jetzt die eingebildeten Ungerechtigkeiten rächen
wolle. Was für Ungerechtigkeiten? fragte man. Ja, die ungleiche, aber
schöne Teilung der Geschlechter durch die Natur, die nach dem goldenen
Schnitt gemacht zu sein schien, bei dem der kleinere Teil sich zum
größeren verhält wie der größere zum ganzen. Wo die Frau Schönheit und
Reiz bekam, der Mann aber Kraft und Verstand. Wo der Frau die Pflicht
zufiel, das Kind zu gebären und aufzuziehen, dem Manne aber, es zu
zeugen und Kind und Mutter zu versorgen.
Zu allen Zeiten, wenn ein Mann eine ehrbare Frau liebte, hatte sie
alle Garantien gehabt, gut behandelt zu werden, solange sie treu war.
Deshalb hatte die Frau immer unrecht, wenn sie sich über ihren Mann
beklagte, denn von ihrem Benehmen hing das seine ab. Als ein Amerikaner
seiner Frau eine brennende Lampe ins Gesicht geworfen hatte, ließ sich
der Friedensrichter folgendermaßen aus: »Was für ein entsetzliches
Weib!« -- Ja, ein Mann, der eine Frau geliebt hat, muß das Urböse
gesehen haben, ehe er sich so weit vergessen kann. Die Frau hat immer
unrecht dem Mann gegenüber, weil er der Mann ist und sie die Ergänzung
des Mannes.
Der Mann ist der Mensch, der allein die ganze Kultur geschaffen hat:
Ackerbau, Industrie, Wissenschaft, Künste, Literatur, deren Früchte er
seinem Weibe darbringt (daß ein paar Frauen an einer Ecke mit dabei
waren und Kleinarbeit gemacht haben, bedeutet nichts).
Frau Brita und ihresgleichen antworteten: Aber die Frau hat alle
Menschen geboren. Darauf muß man erwidern: Der Mann jedoch hat alle
Menschen gezeugt und seine Kinder vom Weibe gebären lassen! (Amen!)
Gustav Borg hatte sich aus ererbter Galanterie, die vom Anfang des
Jahrhunderts herrührte, als die Ideen des Mittelalters in der Romantik
wieder auftauchten, sofort auf die Seite der Damen gestellt; und in
der Galanterie oder Ritterlichkeit gegen die Damen liegt ja eine
Parteilichkeit und Ungerechtigkeit. Es ist kein Eingeständnis seiner
absoluten Inferiorität, wenn ein Mann aufsteht und einer Dame seinen
Platz überläßt; es ist das freiwillige Opfer des Stärkeren für den
Schwächeren. Aber so wollten die Damen jetzt die Sache nicht mehr
ansehen, sondern sie verlangten Unterwerfung vor dem Überlegenen.
Als nun Frau Brita ihre Kraft zeigen wollte, wurde sie roh und
gefühllos; und etwas Widerlicheres als ein rohes Frauenzimmer gibt
es nicht. Daß sie die Kinder vom Vater trennte, war eine Bagatelle,
und daß die Kinder vor Sehnsucht nach dem Vater jammerten, genierte
durchaus nicht. Zärtlichkeit, Mitleid, Barmherzigkeit gegen die
unschuldigen Kleinen kam nie in Frage, wenn sie nur dem gehaßten Manne
ihre Roheit zeigen konnte.
In ihrer Klageschrift führte sie zwanzig Belastungspunkte an, von denen
die meisten falsch oder leicht zu beantworten waren. Er sei brutal
gewesen (wenn sie ihm gerade ins Gesicht log!), er habe sie in der Ehe
vernachlässigt (weil sie sich ihm entzog oder ihre Gunst verkaufen
wollte); er sei geizig gewesen (weil sie selbst mit Übersetzungen
verdiente und das Geld auf die Bank trug oder es verjubelte); und so
weiter.
Vor Gericht zu stehen und seine Frau bloßzustellen, auch als Kupplerin
der Tochter, das verbot ihm seine »Ritterlichkeit«. Deshalb gab er
einem Advokaten Vollmacht, er solle auf alle Fragen, ob er etwas
einzuwenden habe, nur antworten: »Nichts!«
Um die Kinder sich zanken wollte er nicht, denn sie brauchten ihre
Mutter nötiger als ihn.
Hätte er sich zu einer Verteidigung mit Gegenanklagen verstehen können,
so wären ihm vielleicht Kinder und Besitz zugesprochen worden. Jetzt
mußte er alles verlieren; das wußte er, denn der Richter war ein
Frauenrechtler.
Inzwischen saß nun Frau Brita auf Storö und regierte. Das
Kinderfräulein war natürlich verabschiedet, und die Minderjährigen
wurden vernachlässigt. Sich selbst und dem fremden Fräulein überlassen,
gingen sie traurig umher und fragten nach dem Vater. Die Barmherzigen
antworteten, er sei verreist, die Unbarmherzigen, er sei fortgejagt.
Tatsächlich war der Vater beständig unterwegs. Aus der Stadt war er
nach Storö zurückgekehrt und hatte sich bei dem Schöffen eingemietet.
Von dort machte er Streifzüge über die Insel, bestieg Berge und
kletterte auf hohe Bäume, nur um den Dachfirst zu sehen, unter dem
seine Kinder lebten.
Nun hatten Esther und Max sich nach Gefallen eingerichtet und machten
kein Geheimnis aus ihrem Verhältnis. Ja, sie führten sogar kleine
häusliche Szenen auf, die an die allerhäßlichsten der Ehe erinnerten.
Die Mutter beobachtete sie, schwieg aber lange. Schließlich eines
Nachmittags ging sie zu den jungen Leuten hinein und richtete ohne
Umschweife ihre Frage an den Grafen:
»Nun, Max, wann gedenkst du zu heiraten?«
Nach einer Pause der Überraschung antwortete Esther:
»Heiraten? Nie.«
»Hat Max dir nicht die Ehe versprochen?«
»Nein, im Gegenteil,« antwortete Esther; »wir haben uns versprochen,
uns nie zu heiraten. Haben wir bei euch und den andern nicht genug
Elend gesehen, um von dem Schwur vor Gott, uns unser ganzes Leben lang
zu lieben, abgeschreckt zu werden? Wer ist Herr seiner Gefühle und
seiner Neigungen? Wer wagt im Frühling zu geloben, daß es nicht Herbst
werden wird?«
»Ach so, Graf Max ist so ein Bräutigam, der in den Speisekammern
herumsitzt? Wir nannten sie in meiner Jugend Schmarotzer.«
Der Graf erhob sich und erkannte in einem Augenblick das Falsche in
seiner Stellung, so daß er verstummte. Aber das Mädchen nahm wieder das
Wort.
»Wann bist du zu diesen Ansichten gekommen, Mutter? Du, die ...«
»Jetzt,« antwortete die Mutter. »Jetzt, da ich das freie Verhältnis an
euch studiert habe. Nachdem ich eure Stürme und euer Zanken mitangehört
habe, sehe ich ein, daß das freie ebenso falsch ist wie das gebundene.
Es ist also Unsinn, dem Gesetz die Schuld zu geben; ich habe es
eigentlich schon vorher gewußt, da ich gesehen habe, daß ausgehaltene
Damen und ihre Aushälter ebenso unglücklich sind wie Eheleute und,
wohlgemerkt, sich ebenso schwer trennen können, obwohl sie frei sind.
Das ist nicht die Schuld der Ehe, sondern es liegt in der Natur der
Sache; die Liebe ist Kampf auf Leben und Tod, und aus widerstreitenden
Kräften soll ein neues kräftiges Leben geboren werden, mit Rechten an
das Leben; diese Rechte werden vorläufig von Staat und Kirche bewacht,
die die Vormünder aller ihrer Kinder sind. Jetzt geht ihr hin und
bestellt das Aufgebot; Essen und Wohnung bekommt ihr von mir, aber kein
Geld.«
»Und der Eid, der falsche Eid?«
»Den nimmt der Staat auf sich; übrigens gibt es die Scheidung, die
einen von dem Eid entbindet.«
Das Gespräch war zu Ende, und man trennte sich, um sich erst beim
Abendbrot wiederzutreffen.
Die jungen Leute saßen in Esthers Zimmer und waren ernst geworden.
»Wir müssen uns trauen lassen,« sagte der Graf, »denn sonst ist mein
Ansehen verloren, und ich kann mich selbst nicht achten.«
»Also meinetwegen Trauung,« antwortete Esther, »doch wir ziehen
nie zusammen, denn dann werden wir Feinde, das fühle ich an mir.
Gesetzliche Freiheit! Damit bin ich einverstanden. Nicht gesetzlicher
Zwang.«
»Gut! Aber Treue, solange das Band besteht,« fügte der Graf hinzu.
»Treue? Das heißt ja sich binden ...«
»Wir binden doch uns selbst und einander durch eine Abmachung, und
Abmachungen müssen gehalten werden, sonst stürzt die Welt ein.«
Das verstand Esther nicht.
»Das widerstrebt meiner Natur,« antwortete sie.
»Denn deine Natur ist Treulosigkeit,« entfuhr es dem Grafen.
Und im selben Augenblick zerbrach etwas; und eine Flamme loderte auf.
Zum erstenmal in ihrem Leben tauchte der Kampf der Geschlechter auf.
Die Frage existiere nicht für sie, hatten sie gedacht, hatten ohne
einen Gedanken an den natürlichen Unterschied der Geschlechter gelebt.
Jetzt saßen sie da als Mann und Weib, nackt nach dem Sündenfall,
nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten.
Nach einer entsetzlichen Pause nahm Max das Gespräch wieder auf:
»Merkst du, daß wir uns jetzt hassen?«
»Als Mann und Weib, ja.«
»Also müssen die Geschlechter Feinde sein?«
»Gewiß, wie Nord- und Südpol am Magnet.«
»Dann ist die Liebe Haß, und die Gattung besteht durch Haß fort, nicht
durch Liebe.«
Merkwürdig war, daß immer, wenn sie haßerfüllte Worte sprachen, die
Anziehungskraft sich erhöhte, als habe die Stromstärke durch die
Umschaltung zugenommen; und sie wurden mächtig zueinandergezogen in
etwas, das der Liebe glich, sich aber als ein rasender Haß offenbarte.
Jetzt suchte er sie mit brennenden Blicken und näherte sich ihr, als
wolle er ihr weh tun, sie versengen, vernichten. Nicht um etwas zu
bekommen, sondern um zu geben, etwas Furchtbares zu geben, vom Wesen
des Urfeuers, sie antezipierte Geburtswehen leiden zu sehen.
Sie aber, die durch das vorhergehende Gespräch aufgeweckt worden war,
wollte nicht empfangen; sie erinnerte sich jetzt ihrer Stellung als
Frau, ihrer demütigenden Stellung, die nichts zu geben hatte und das
unter der Redensart verbarg, »sie habe ihm alles gegeben, sie habe sich
gegeben«; sie sprang auf wie eine wilde Katze, nahm das Papiermesser
vom Tisch und schrie:
»Ich hasse dich!«