Der Pfarrer gehörte zu der Art von Menschen, die ihren Vorteil darin

sehen, durchzustreichen und weiterzugehen. Er hatte vom Leben gelernt,

daß der Schimpf, den man nicht beachtet, nicht existiert, und daß

die Rache Zeit kostet und Revanche hervorruft. Er hatte deshalb die

letzten schimpflichen Schmähungen des Schwagers aus seinem Gedächtnis

gestrichen, wenn auch der Eindruck noch in ihm haftete. Noch etwas

anderes machte ihn sanft; eine gewisse natürliche und unerklärliche

Sympathie für Gustav Borg bewirkte, daß er ihm nicht richtig böse sein

konnte; ein sehr gewöhnlicher Fall, der erklärt, warum man gewissen

Menschen gegenüber so schwer recht bekommt, auch wenn sie überführt und

auf frischer Tat ertappt sind.

Man beklagt sich einem Freunde gegenüber über das häßliche Benehmen

eines Abwesenden.

»Das kann ich nicht von ihm glauben! Das ist ihm so unähnlich!«

antwortet der Freund.

Man kommt nicht vom Fleck, sondern sitzt wie ein armer Sünder da, der

mit einem mißtrauischen Gemüt behaftet ist; die deutlichsten Beweise,

die glaubwürdigsten Zeugen helfen nichts.

Also die Schwäger waren allein.

»Das ist eine leidige Geschichte,« begann der Pastor. »Und du hast

vor Gericht keine Aussichten; der Richter ist besessen und gibt jeder

Frau recht gegen einen Mann, trotz klaren Beweisen. Das ist der Geist

der Zeit, siehst du! Hast du nicht neulich von der englischen Dame

gelesen, die ihren Mann vergiftet hat? Zweiundfünfzig Ärzte schwuren,

sie sei unschuldig; sie aber saß im Gefängnis und legte mittlerweile

ein Geständnis ab! Tableau! Jetzt war es aus, sollte man denken! Nein,

jetzt kamen Massenpetitionen, die den Giftmord verteidigten, unter dem

Vorgeben, der Mann sei ein Schwein gewesen. Von meinem Standpunkt,

wohlgemerkt, würde ich es so erklären, daß die Vorsehung die Männer

wegen ihrer Unmännlichkeit und Charakterschwäche straft, indem sie

die Frauen losläßt. Diese Kreaturen, die nicht die Wahrheit sagen

können und deshalb nicht zeugen dürfen, sollen Advokaten und Richter

werden. Gott bewahre uns davor! Neulich hat das Postfräulein in großer

Gesellschaft erzählt, sie öffne und lese alle Briefe auf der Post.

Was soll man dazu sagen? Ich sprach darüber mit einem modernen Herrn,

und der sagte, das sei Lüge! Ich wollte ihn zuerst schlagen, aber er

erschien mir so interessant, daß ich über ihn nachzudenken anfing.

Er wurde böse über meine Geschichte, als sei er eine Frau und fühle

sich getroffen. Oder er hatte sich der Frauenfrage verschworen und

war böse auf sich selbst, weil er unrecht gehabt hatte. Dies ist das

wahrscheinlichste. Deine Aussichten, lieber Schwager, bei Gericht

sind klein: denn wenn eine Frau heutzutage einem Mann unrecht tut, so

hat sie die Sympathien der ganzen Welt für sich. Und Brita hat dir

unrecht getan, das weiß ich, das wissen wir alle! Was kann man dabei

tun? Nichts! Aber höre auf meinen Rat! Nimm einen Winkeladvokaten,

einen Schuft, der eine große Schnauze hat, und geh nicht selbst hin.

Das ist etwas besser als selber da stehen und sich zanken; freilich,

sicher bist du trotzdem nicht, denn wenn ein Mann einen Weiberrock

sieht, wird er feig. Ich hatte neulich einen Prozeß gegen die Lehrerin

hier. Und ich wählte aus dem Haufen eigens einen Advokaten, der

unglücklich verheiratet war. Jetzt, dachte ich, kriegt sie es! Jawohl!

Kannst du dir denken, dies bezahlte Vieh steht da und verteidigt meine

Gegenpartei!«

Gustav Borg hatte nicht ungern diesen tröstenden und teilnehmenden

Worten gelauscht, aber er konnte es nicht über sich bringen,

zuzugeben, daß der Pfarrer recht habe, denn das hieße einen Irrtum

wiedergutmachen. Er fühlte sich im Gegenteil einen Augenblick

herausgefordert, zu widersprechen, die Frauen in Schutz zu nehmen, wie

er sie stets in seiner Zeitung verteidigt hatte.

Als er nun ging und auf die Landstraße kam, erwachte in ihm ein

Nachgefühl des Geschehenen, und er fand, daß die letzten tröstlichen

Worte eine Demütigung gewesen seien. Das setzte ihn in Trab, und

während er weiterschritt, in die Welt hinaus, faßte er den Entschluß,

in die Stadt zu fahren, da seine Anwesenheit hier draußen überflüssig

war. Er lenkte deshalb die Schritte nach der Dampferanlegebrücke.

Wie er nach der Uhr sah, fand er, daß bis zur Ankunft des Dampfers noch

drei Stunden blieben.

Das war lange, aber er hatte ein neues Leben vor sich und ein altes

hinter sich.

Anlegebrücken sind außerordentlich geeignet, um darauf Betrachtungen

anzustellen; da ist ebener Boden unter den Füßen, so daß man auf und

ab gehen und denken kann; da hört das Land auf und das große, einsame

Wasser beginnt; da ist es regungslos still, und man geht und wartet auf

etwas, das neue Bewegung in einen bringen, einen an einen andern Ort

versetzen, die Anschauungen ändern und das Schicksal umgestalten soll.

Gustav Borg ging auf und ab und dachte. Er war jetzt an dem Punkt im

Leben angekommen, den man die Zeit des »Ausessens« nennt. »Das mußt du

einmal ausessen,« hatte er so oft sagen hören, ohne es zu verstehen,

ohne es zu glauben, in dem rastlosen Vorwärtsschreiten des Lebens.

Jetzt verstand er es, aber gleich so vielen andern zog er die falsche

Schlußfolgerung, er müsse bereuen und die Lehren zurücknehmen, die

durch ihn verbreitet worden waren und nicht ganz zu dem beabsichtigten

Ergebnis geführt hatten. Er glaubte seine Arbeit an Irrtümer

verschwendet zu haben, die jetzt bekämpft werden mußten, erkannte aber

nicht, daß in seinem sogenannten Irrtum ein Teil der Wahrheit lag, die

nur unter dem Zusammenwirken der feindlichen Plus- und Minusposten ans

Tageslicht kommen konnte. Die Verbesserungen hatten schon die Gegner

gemacht, er brauchte sie also nicht von neuem zu machen. Nun grämte er

sich über vergeudete Mühe, ärgerte sich, daß er wie ein Narr reaktionär

gewirkt hatte, während er Vorspann zu sein glaubte. Und die Leiden, die

er jetzt durchmachte, sah er als eine Strafe für das Böse an, das er

getan hatte, obwohl sie auch Prüfungen sein konnten.

Diese Abrechnung, die jeder Mensch in einem gewissen Alter durchmacht,

ist jedoch nur ein Bücherabschluß der Persönlichkeit, bei dem eine

genauere Untersuchung zeigt, daß das relative Böse, das man zwecks

Durchführung einer guten Sache andern zufügen mußte, ein notwendiges

Böses war. Andererseits aber scheint eine immanente ewige Gerechtigkeit

zu fordern, daß auch unschuldig zugefügte Leiden in der Weltordnung

neutralisiert werden durch entsprechende Schmerzen bei dem, der sie

hervorgerufen hat. Wenn ein in der höheren Buchführung Erfahrener in

diesem Augenblick der Abrechnung neben einem Menschen stände, würde er

alle Siegel lösen und zu dem vom Stachel der Reue Verwundeten sagen:

»Sei getrost! Sieh hier das Gute, das du ausgerichtet hast, und hier

das Böse! Jetzt wollen wir Posten gegen Posten quittieren, dann bleibt

doch noch ein Saldo zu deinen Gunsten; denn schon daß du dein Leben so

gut du vermochtest gelebt hast, ist eine Heldentat; und jeder Mensch,

der sich zu einem natürlichen Tode durchgearbeitet hat, ist ein Held;

jeder Gestorbene verdiente ein Denkmal, so schwer und mühselig ist es,

das Leben zu leben. Und der Elendeste ist nicht weniger bewundernswert,

denn seine Last war schwerer als die anderer, sein Kampf größer,

sein Leiden tiefer; und warum er ein Elender war, das weiß kein

Sterblicher, kann kein Mensch erklären, weder mit Statistik, noch mit

Nationalökonomie.«

Gustav Borg konnte die Synthese seines Lebens noch nicht vollenden,

sondern befand sich in voller Krisis, da er in das Reich eintrat,

das Swedenborg die Vernichtung nennt. Und das schlimmste von allem

war: er hatte die Hand gegen sich selbst erhoben; denn er, der Gegner

der freien Sittengesetze, war wegen eines Unsittlichkeitsverbrechens

angeklagt. Diese Disharmonie war nicht leicht zu lösen.

Von der Brücke sah er die Schornsteine seines Hauses. Gerade jetzt

stiegen zwei blaue Rauchwolken empor. Es brannte im Herde, da

verbrannte alles und das beste: Gattin und Kinder.

Elftes Kapitel

Der neue Redakteur

Holger Borg war ein Kind seiner Zeit; Ingenieur und Elektrotechniker,

lebte er das Leben einfach, ohne Reflexionen, praktisch. Verheiratete

sich früh mit einem kleinen Mädchen vom Theater, dem er nach

der Sitte der Zeit die Rolle des Kameraden einstudierte. Die

Ingenieurwissenschaft sich in der Eile anzueignen, war ja für sie etwas

schwierig, aber einige Ausdrücke wie Kontakt und Kurzschluß mußten

genügen; sie posierte als Ingenieur und entwickelte sich zu einer

Tendenzfrau, die der Welt zeigen wollte, daß die Frau in allen Dingen

dem Manne gleich sei. Diese Gleichheit sollte sich auch im Verkehr

äußern; der Mann durfte nicht allein ins Café gehen, sondern sie mußte

mit; vormittags freilich ging sie allein in die Konditorei; und als

der Mann im Anfang die mathematische Ungerechtigkeit konstatieren

wollte, wurde er mit der Frage zum Schweigen gebracht, ob sie ein

freier Mensch, oder ob sie eine Sklavin sei. Um des Hausfriedens und

der Gemütlichkeit willen ließ er die Frage unbeantwortet, gab nach,

ordnete sich unter, anfangs mehr im Scherz, immer aber mit Rücksicht

darauf, daß es sich gut machen sollte. Er mußte ja die modernste

Frau haben, und er wollte nach seinen Lehren leben. Auf diese Art

bekam er ganz allmählich eine Gouvernante über sich, eine, die ihn

in Gesellschaft korrigierte und ihn schließlich alles lehren wollte,

alles, was er besser wußte als sie. Doch er klagte nicht und merkte

nicht, daß sich unter ihrer Mütterlichkeit Verachtung verbarg. Ihm ging

aber eine Ahnung davon auf, als er sah, daß seine Freunde seine Frau

wie ein höheres Wesen, ihn selbst aber wie einen Tropf behandelten.

Andererseits schmeichelte es ihm, daß er die stilvollste Frau gefunden

hatte; und wenn sie den Mittelpunkt des Kreises bildete, war sein Platz

anscheinend darüber.

Zu Beginn der Ehe hatten die Neuvermählten es recht knapp; sie lebten

außer dem Hause, weil es billiger war, und manchmal war zu Hause ein

Bohêmeleben. Dann kam das Kind. Da bekamen sie es zu spüren. Die

Einkünfte des Mannes, die bisher von zwei Personen geteilt worden

waren, mußten jetzt von vier geteilt werden. Das war Entsagen, und das

liebte man nicht, sondern pumpte und setzte das alte Leben fort. Aber

als das Kind drei Jahre alt war, wurde das Kindermädchen verabschiedet,

und die Gatten besorgten das Kind selbst. Die Frau, die nichts anderes

zu tun hatte, verlangte trotzdem, daß der Mann, der seine Arbeit in der

Fabrik und in den Zeitungen hatte, bei der Pflege des Kindes helfe. Es

sollte gleich sein, natürlich. Er, der Esel, wagte nicht nein zu sagen,

wollte es auch nicht, weil er ihre Arbeit zu adeln wünschte, merkte

aber nicht, welche Ungerechtigkeit er unterstützte, und wie er an

seinem Untergang arbeitete. Um sich schadlos zu halten, machte er es

wie andere Ehemänner: er erfand das geheime Frühstück außer dem Hause;

er schützte Sitzungen am Abend vor und kam schließlich in einen Kreis

gesetzter Ehemänner, die ihren Punsch zwischen sechs und sieben Uhr

abends tranken, um dann zum Abendbrot zu Hause zu sein. Kam er hierauf

nach Hause und roch nach Punsch, so wurde die Frau böse; und bei

solchen Gelegenheiten hatte das Kind immer keine Strümpfe. Dann half

er sich gewöhnlich damit, »er sei eingeladen gewesen«, und nun hätte

die Strumpffrage erledigt sein müssen, aber das war nicht der Fall; sie

blieb eine stehende.

Er war zum Abendbrot immer zu Hause und war langweilig. Bei Tisch, wenn

er das trockene Essen kaute, erinnerte er sich wohl des wollüstigen

Frühstücks im Opernkeller; und dann flog bisweilen ein schwaches

Leuchten über sein Gesicht, der letzte Wiederschein eines inneren

Lächelns, den die Erinnerung an eine lustige Geschichte aus dem

Zwischenregister hervorrief. Dann wurde seine Frau finster und merkte,

daß er sich ohne sie amüsiert hatte, und sie ärgerte sich, daß er ein

Vergnügen haben könne, ohne daß sie dabei sei. Und dann mußte er die

lustige Geschichte erzählen. Das war ihr eheliches Recht.

Eines Abends saßen die Gatten wie gewöhnlich zu Hause. Die Frau war

angegriffen vom Kindergeschrei, vom Abwaschen, vom Aufdecken.

Auf dem Tisch stand das harte Brot, Margarine und eine geöffnete

Konservendose, deren Boden von drei elenden Fischen kaum bedeckt

war, die seit mehreren Tagen niemand hatte anrühren mögen und die

deshalb trocken waren wie Juchtenleder. Eine Rinde von einem falschen

Schweizerkäse und einige Scheiben roher Speck, der geräucherten

vorstellen sollte, bildeten die Basen einer Triangulation.

Ungemütlichkeit, Nachlässigkeit, Unlust lag in allem, und es wich sehr

von dem ab, was man sich unter Heim und heimischem Behagen vorstellte.

Dazu dies heimliche Lauern auf die Schwächen des andern, dies

Spionieren nach den unausgereiften Gedanken des andern. Sie waren wie

zwei Gefangene, die sich heimlich gegenseitig bewachten.

Der Mann sah mit düsteren Blicken die Gerichte an, und beim Betrachten

der Anchovis spürte er den schrecklichen Zinngeschmack, das ranzige Öl

... Plötzlich kam ihm ein Gedanke.

»Wenn wir ausgingen und kneipten! Wir sind so lange nicht mehr

ausgewesen!«

»Ja, aber Ragnar? Das Kind?«

»Ja, das ist wahr!«

Die Frau grübelte:

»Es ist jedenfalls entsetzlich, daß ein Kind die Eltern kommandieren

soll! Umgekehrt müßte es doch sein!«

»Natürlich müßte es das! Wir haben unsere ganze Jugend hindurch

entbehrt, und jetzt, wo wir anfangen müßten, das Leben zu genießen,

sind wir Sklaven!«

»Und jetzt, wenn er schläft, braucht er uns ja nicht.«

»Er schläft doch immer, wenn er erst eingeschlafen ist?«

»Wir haben ihn verwöhnt, das ist alles! Denke an all die armen Kinder,

die morgens eingeschlossen werden und bis Mittag allein bleiben ...

Weißt du was, Holger; wir sagen der Portierfrau, sie soll achtgeben, ob

er schreit ...«

»Ja, das finde ich akzeptabel,« antwortete Holger.

Gesagt, getan! Eine Weile später waren die Herrschaften auf dem Wege

nach der Stadt. An der Neuen Brücke trennten sie sich; der Mann mußte

in die Redaktion, und die Frau sollte im Grand Hotel auf ihn warten,

dem klassischen Grand Hotel, das die Männer der siebziger Jahre

gegründet, die der achtziger als Erbe übernommen und die der neunziger

später dem reformierten Hotel Rydberg zu Liebe verlassen hatten.

Als die Frau ins Hotel kam, ging sie hinein und setzte sich an ihren

gewöhnlichen Tisch, nahm eine Zeitung und wartete.

Gleich darauf trat der Schauspieler ein, ein intimer Freund, und suchte

Gesellschaft.

»Ach sieh da, Marta,« grüßte er, »wo hast du Holger?«

»Er kommt gleich,« antwortete Marta, die sofort in strahlender Stimmung

war.

»Darf ich hier Platz nehmen?«

»Ja, das denke ich,« antwortete die Frau, ohne zu zögern.

Sie kamen schnell ins Gespräch, und in einem Augenblick stand ein

Punschtablett nebst Zigaretten auf dem Tisch.

Die Bestellung hatte der Schauspieler so schnell gemacht, daß die Frau

es nicht bemerkt hatte, und nun saßen die beiden da und wollten nicht

anfangen, ehe der Mann kam. Sie plauderten von allen möglichen Dingen,

und die Zeit verging.

Ohne weiter zu überlegen, was er tat, füllte der Freund, da er das

Warten lang fand, zwei Gläser, sagte Prosit und sie tranken.

Die Zeit verging wieder, und sie zündeten sich Zigaretten an.

»Es ist ja schrecklich, wie lange Holger ausbleibt,« sagte die Frau,

»wir hätten nicht anfangen sollen.«

»Jetzt ist es zu spät,« antwortete der Freund.

Da trat eine Gesellschaft ein, die wußte, wer sie waren, ohne sie zu

kennen. Diese Leute warfen natürlich verwunderte Blicke auf die beiden,

und ihre Blicke wurden spöttisch, als sie sich ihnen gerade gegenüber

niedergelassen hatten.

Im selben Moment kam Holger herein, übersah mit einem Blick die

Situation, die er sich erklären konnte, und war vorurteilsfrei genug,

sie nicht zu mißbilligen; dann aber gewahrte er die spöttischen Blicke,

und das verletzte ihn, so daß er finster wurde.

Als er an dem Tisch angelangt war, grüßte er so ungezwungen er

vermochte:

»Das ist recht, daß ihr angefangen habt. Ich bekam ein Telegramm und

mußte ein paar Zeilen schreiben.«

Da er in die frisch aufgebaute Stimmung der andern hineinplatzte und

sie Vorsprung hatten, fiel es ihm schwer, sofort mit ihnen auf das

gleiche Niveau zu kommen. Und er, der etwas von dem lastenden Ernst der

Arbeit aus der Redaktion mitbrachte, wirkte niederdrückend auf sie. Es

entstand eine Reibung, und die Verlegenheit der Langeweile legte sich

über die Gesellschaft.

Die Frau, die sich amüsieren wollte, kam auf den unglücklichen

Gedanken, den Mann aufheitern zu wollen; aber da verstummte er ganz.

Ihr nächster Versuch lief noch unglücklicher ab, als sie, um die Sache

in Ordnung zu bringen, die plumpe Frage hinwarf:

»Was ist mit dir?«

Das wirkte, als wühle sie in seinem Innern, und er zuckte zusammen,

wurde böse auf sich selbst, weil er sich nicht beherrschen konnte,

wurde wütend auf die Gesellschaft mit den Blicken, wütend auf die ganze

Situation.

Sein gequältes Aussehen verriet ja Eifersucht; aber er war nicht

eifersüchtig, ihm ekelte nur vor dem Gedanken, dessen verdächtigt zu

werden, und er sah sich lächerlich gemacht. Sie hatte ihn durch ihre

Frage lächerlich gemacht, diese Frage, die er nicht beantworten konnte.

Da entstand dies Schweigen, das niemand zu brechen wagt, weil alle

wissen, daß der, der zuerst spricht, eine Dummheit sagen, das Geheimnis

verraten muß, an das alle denken.

Es war eine Minute von der Länge einer Ewigkeit. Aber dann kam die

Rettung: Zwei Künstler ihres Kreises stürzten herein, stellten den

Strom um und leiteten die konträren Ströme ab. Und dann verlief der

Abend in munterem Geplauder.

Nach Theaterschluß vergrößerte sich die Gesellschaft. Alle diese

Menschen, die Kinder des gleichen Geistes waren, fühlten eine

Zusammengehörigkeit, als seien sie eine Familie. Und sie hatten einen

Instinkt, einen Freund zu ahnen; es waren keine Erklärungen nötig,

und obwohl sie Verfolgungen ausgesetzt waren, waren sie sorglos,

hoffnungsvoll, überzeugt, sich auf dem rechten Wege zu befinden.

Es hatte halb zwölf geschlagen, und die Freude war auf ihrem Höhepunkt,

als plötzlich eine schwarzgekleidete Frau an den Tisch trat und Frau

Marta sprechen wollte.

Die fremde Unbekannte wirkte wie eine schwarze Fahne, und der Jubel

verstummte.

»Frau Borg,« begann sie; »ich wohne in Ihrem Hause und ging

zufällig an ihrem Kinderzimmerfenster vorbei, als ich ein einsames,

eingeschlossenes Kind schreien hörte. Nein, glauben Sie nicht, daß ich

Ihnen Vorwürfe machen will! Aber da das Geschrei verzweifelt klang,

ging ich zum Portier, um mir den Schlüssel geben zu lassen und zu

dem Kinde hineinzugehen. Bei dem Portier war niemand zu Hause. Ich

schickte einen barmherzigen Menschen zum Schlosser, während ich dem

eingesperrten Kinde durch das verschlossene Fenster gut zuredete ...

beruhigen Sie sich nur, kleine Frau, Sie haben Pech gehabt und haben

sich auf eine unzuverlässige Portierfrau verlassen. Als ich hineinkam,

beruhigte ich das arme Kind und habe drei Stunden bei ihm gesessen;

jetzt schläft es unter Aufsicht der wiedergefundenen Portierfrau.

Ja ...«

Herr und Frau Borg stürzten hinaus ...

So war es, wenn man Kinder hatte! Jajaja, und sie machten sich

Vorwürfe, versprachen sich, nie wieder auszugehen. Sie dachten daran,

was für tendenziöse Geschichten jetzt verbreitet werden würden; sie

liefen nach Hause, da sie keine Droschke fanden.

In der Neuen Brückenstraße, als sie eben keuchend die Steigung

überwunden hatten, stießen sie auf einen riesenhaften Herrn, der sie in

seine gewaltigen Arme nahm und rief:

»Hallo, da habe ich euch endlich!«

Es war Doktor Henrik Borg.

»Du, Holger, bist Redakteur der Zeitung mit sechstausend Kronen Gehalt;

und trittst morgen ein. Einverstanden?«

Frau Marta weinte an der Brust des Riesen. Und dann liefen sie dem

Onkel weg, lachten und weinten.

»Wir werden zwei Mädchen haben,« rief die Frau.

»Und eine Wohnung am Strandweg!«

Auf dem Markt tanzten sie um einen Laternenpfahl und liefen dann wie

bei »eins, zwei, drei, das letzte Paar herbei« jeder an einer Seite der

Verkaufsstände herum.

So wurde Holger Borg Redakteur, und so endete ein qualvoller Tag in

Freude.

Zwölftes Kapitel

Doktor Borg

Doktor Borg war zweimal verheiratet gewesen; das erste Mal mit

einer einheimischen Närrin, die er wegen ihrer Schönheit und Jugend

liebgewonnen hatte. Aber sie war sich dieser Schönheit so bewußt, daß

sie ihr einen wahren Kult widmete. Sie konnte stundenlang halbangezogen

vorm Spiegel sitzen und sich bewundern; ihre runden Arme küssen, ihren

Busen modellieren, sich selbst die Zähne zeigen, ihre Nase kneten, um

die schönste Wölbung an der richtigen Stelle hervorzubringen. Als der

Doktor sie einmal unbemerkt bei dieser Beschäftigung sah, erschrak er,

denn der Ausdruck ihres Gesichts war nicht der eines Menschen, sondern

eines albernen Tieres, eines Vogels, der sich in einer Quelle spiegelt

und seine Federn zupft. Es kam ihm so unheimlich vor, nicht mit einem

Menschen zusammenzuleben, daß er bei all seinem Freimut die Sache in

den Sack stopfte und den zuknotete.

Trotz ihrer Schönheit verstand sie sich nicht anzuziehen, und wenn er

eine Bemerkung machte, wurde das als Majestätsbeleidigung angesehen.

Sie zog sich dann geknickt zurück, verhöhnte ihn, daß er sie nicht

zu schätzen vermöge, zählte in ihrer Einfalt alle ihre Bewunderer

auf, zitierte deren Urteil. Der Doktor setzte nach der Heirat seine

Rauchopfer in Form von Blumen und Sekt fort; aber die Blumen paßten nie.

»Ich habe von Leutnant X. Orchideen zu sieben Kronen das Stück

bekommen. Und richtiger Champagner muß elf Kronen kosten.«

Sie liebte sich selbst und ihre Schönheit so objektiv, daß sie auf den

Doktor eifersüchtig war, weil er sie gekriegt hatte.

»Du hast Glück gehabt! Du weißt nicht, wie gut du es hast. Denke, wie

viele dich beneiden.«

Aber diese Selbstliebe ging so weit, daß sie sich dem Mann nicht

hingeben konnte; sie gönnte ihm ihre Liebe nicht, sondern war noch

in den Momenten der Zärtlichkeit so neidisch kühl, daß sie nichts

empfangen konnte. Und dann klagte sie.

Anfangs kümmerte sich der Doktor nicht darum, denn er wußte, wer er

war. Aber bald ging sie zu ihrer Mutter, beklagte sich und sagte, sie

betrachte sich nicht als verheiratet. Die Mutter verstand nichts und

wollte nichts wissen.

Der Doktor, der ein junger Arzt war, verstand auch nicht, was die

Frau meinte, wurde aber unruhig und fragte einen älteren befreundeten

Kollegen um Rat.

»Ja, mein Junge,« sagte der Alte, »jetzt stehst du vor einem Problem,

an dem ich noch heute buchstabiere. Aber ich habe kürzlich eine

bestimmte Äußerung unseres größten Gynäkologen über diese Frage

gelesen. Er sagt, das Freudenmädchen suche die Freude, die Gattin

aber suche das Kind; und er erklärt entschieden, das Kind müsse

keusch in einer liebevollen Umarmung erzeugt werden, nicht in einer

wollüstigen. Das ehrbare Mutterweib wird keusch in der Ehe, gegen

ihren Willen, und was sie sucht, findet sie nicht; deshalb klagt sie.

Aber, lieber Freund, ich bin so weit gekommen, daß ich finde, auch des

Mannes Begierde wird in der Ehe geadelt, gewissermaßen neutralisiert

oder vergeistigt; deshalb habe ich ebensoviele Klagen von männlicher

Seite gehört. Du siehst ja an Neuvermählten, wieviel Enttäuschung ...

übrigens, ist deine Frau schwanger?«

»Ja, nach zweimonatiger Ehe!«

»Da kannst du ja ruhig sein!«

Der Doktor wurde ruhig, zu sehr, so daß es die Frau reizte. Sie wurde

noch eifersüchtiger auf ihren Mann, weil ihm die Ehre zuteil geworden

war, ein Kind mit ihr zu haben, und sie haßte ihre Schwangerschaft,

die ihre Schönheit angriff. Und was ihr nicht gefiel, das existierte

nicht für sie. Gedankenlos und einfältig ging sie noch immer umher und

spielte Jungfrau.

Da wurde ihre Mutter wütend:

»Bist du verrückt, Kind? Du bist doch in gesegneten Umständen.«

»Nicht, daß ich wüßte ...«

»Du weißt das nicht? Hör einmal, wenn du solchen Unsinn redest, wird

dein Mann dich totschlagen. Begreifst du nicht, daß die Welt sich

fragen wird, woher du das Kind hast, wenn du Unschuld markierst?«

Als sie aber die Vaterfreude und den Stolz des Mannes sah, wurde sie

gehässig. Eine vollständig tierische Bosheit wuchs auf, und sie wollte

ihm nicht gönnen, Vater ihres, _ihres_ Kindes zu sein.

War es nun Einfalt oder nur Bosheit, jedenfalls sagte sie eines

Morgens, als sie wie gewöhnlich schwatzte:

»Ich weiß nicht, aber ich finde, du hast an diesem Kinde keinen

Teil ...«

Da kam des Doktors afrikanisches Temperament zum Ausbruch, das er so

lange unterdrückt hatte:

»Was zum T...l sagst du? Es ist nicht mein Kind? Dann bist du eine ...,

und das kannst du doch nicht meinen.«

Die Frau erhob sich, kleidete sich an, und als sie gehen wollte,

äußerte sie:

»Jetzt gehe ich, für immer!«

Die Gotischen Zimmer: Roman · 第 11 / 20 段