Er lag da und blickte auf den Lichtstumpf, wußte, wenn er zu Ende war,

würde die Dunkelheit kommen. Da er nicht zu den Leuten gehörte, die

den Menschen Mühe machen mögen, fiel es ihm nicht einen Augenblick

ein, einen Dienstboten zu wecken, um sich Licht, Feuer und Wasser zu

verschaffen. Gelähmt von dem Schicksalsschlage wagte er sich nicht

einmal zu rühren, sondern lag da wie festgenagelt, frierend, als seien

alle Säfte des Körpers tatsächlich erstarrt.

Immerfort betrachtete er das Abnehmen des Lichts und hatte jetzt das

Gefühl, als hinge sein Leben davon ab, werde erlöschen, wenn das Licht

erlosch. Er wurde durstig vor Hunger und fror vor Hunger, aber Kummer

und Sehnsucht, Scham und Zorn mischten sich hinein und klangen zu einem

Akkord von Qual zusammen. Alle Bitterkeit des Lebens zugleich erstand

in ihm, ohne die Möglichkeit, Trost in Klagen zu finden, denn er war

zu aufgeklärt, um über undankbare Kinder oder eine treulose Gattin zu

jammern. Er hatte das Leben mit harten Handschuhen angegriffen und war

nicht an Verzärtelung gewöhnt, dies aber überstieg seine Kräfte; und

als der Lichtrest zischend in die Tülle sank, sprang er auf, um sich

gegen die Finsternis zu schützen. Er ging leise in den Eßsaal hinüber

und nahm sich Streichhölzer mit; und als er anzündete, sah er, daß die

Uhr erst fünf Minuten über elf war. Er zog die Hängelampe herunter

und steckte sie an; ging an das Büfett und fand etwas abgestandenes

Wasser in einer gelb gewordenen Karaffe; auf dem Büfett lagen die

Fahrhandschuhe des Sohnes aus grauer Kastorwolle; der eine Handschuh

lag mit geballten Fingern da wie eine harte, drohende Faust, der andere

lag auf dem Rücken, die Handfläche ausgestreckt, als bitte ein Bettler

um ein Almosen; beide grob, mit Anschwellungen an den Gelenken, wie

abgehauen, liegen geblieben, innen noch mit Menschenfett getränkt.

Er öffnete die Büfettür; als er sich bückte, schien sein großer,

schwarzer Schatten mit hineinzukriechen. Ein hartes Stück Brot war

das einzige, was er fand; aus der Menage nahm er gelben Senf und

strich ihn aufs Brot, dazu etwas Salz; aber als er es zum Munde

führte, roch es nach Petroleum, weil er die Lampe angefaßt hatte,

und er legte das Brot auf ein Brett, dessen gemustertes Papier an die

Streifen erinnerte, die kleine Kinder um den Hals tragen. Da dachte

er: wenn man das Brot mit dem Senf darauf findet, könnte eins von

den Kindern morgen Schläge bekommen, weil es unschuldig dieser Untat

beschuldigt wird. Er nahm das Brot in die eine Hand und die Lampe in

die andere, blieb aber unentschlossen mitten im Zimmer stehen, da er

nicht wußte, wo er den lästigen Zeugen seiner seltsamen nächtlichen

Expedition verstecken sollte. Wenn ich es in den Ofen lege, wird es

morgen früh vom Mädchen gefunden werden; sie bringt es sofort zur

Hausfrau und beschuldigt natürlich die Kinder oder das Kind, das sie am

wenigsten mag, und dann gibt es Prügel, zunächst wegen des Vergehens,

dann wegen des Leugnens. Das habe ich selbst erlebt. Es mußte aber

entfernt werden, und er machte schließlich ausfindig, daß die einzige

Möglichkeit sei, es in Papier zu wickeln, in die Tasche zu stecken und

den morgigen Tag abzuwarten. Er ging nun an den Zeitungsständer, um

sich das nötige Papier zu holen, und sein Riesenschatten erhob sich

vom Fußboden, kroch die Wand hinauf und nahm die runde Wanduhr auf die

Schultern, wo sie wie ein Kopf sitzen blieb, in dem die beiden Löcher

zum Aufziehen die Augen bildeten und der Name des Uhrmachers den Mund.

Als er vor dem Zeitungsständer stand, besann er sich, denn, dachte er,

wenn eine Zeitungsnummer vermißt wird, können die Mädchen unschuldig

Schelte bekommen. Es war ein schwieriger Fall. »Ich nehme die

Annoncenbeilage,« sagte er, zögerte aber wieder, denn »auf dem Lande

liest man die Annoncen, und habe ich Pech ... und das habe ich seit

einiger Zeit, ohne zu wissen, warum ...« Er hatte aber doch ein Blatt

ergriffen, und als er es entfaltete, knisterte es und machte solchen

Lärm, daß er Angst bekam. Auf der ersten Seite des Blattes stand eine

Riesenannonce: Frische Austern. Austern, gerade jetzt, im Metropol,

um halb zwölf, bevor zugemacht wurde, das wäre etwas! Er näherte sich

dem Fenster und wollte das Stück Brot durch die Lüftungsklappe werfen,

aber kein Tier würde den Senf fressen, und es wäre wieder dieselbe

Geschichte.

Jetzt stand er am Fenster; und als er in die Nacht hinausblickte,

sah er in dem rechten, vorspringenden Flügel Licht; er stieg auf

einen Stuhl, nachdem er die Lampe unter dem Klavier versteckt hatte,

und jetzt konnte er sehen ... In der guten Stube saß das Ehepaar

am Kaminfeuer; der Mann bei einem Grog und einer Zigarre, munter

plaudernd. Ein kleiner Tisch stand hinter ihnen, gedeckt und mit den

Resten eines netten Soupers; die leuchtend rote Schale eines Hummers

stach in die Augen, daß es weh tat ...

Gustav Borg hatte nie Mitleid mit König Lear gehabt; hatte gefunden,

er liege, wie er sich gebettet habe, da er als Schwiegervater sich bei

Neuvermählten niederließ und eine Garnison von hundert Mann mitbrachte.

Er hatte auch Vater Goriot gut bezahlt gefunden durch die Zärtlichkeit,

die er seinen Kindern schenken durfte, denn nicht alle Kinder nehmen

Zärtlichkeit an. Trotz all dem fühlte er einen Stich im Herzen, stieg

vom Stuhl herunter und ging mit seiner Lampe in das anstoßende Zimmer,

das das Kontor war. Da stand eine Rasiertoilette, und als wisse er, was

er suche, zog er die Schublade auf, nahm das Rasiermesser heraus und

den Streichriemen und begann es abzuziehen.

»Das beste ist, Schluß zu machen! das beste ist, Schluß zu machen!«

Aber dann besann er sich; erst mußte das Brot weg, zuerst; unbedingt.

Er warf es oben auf den Ofen, und im gleichen Augenblick fühlte er sich

befreit, erlöst von etwas.

Und dann nahm er das Fell, das unter dem Schreibtisch lag, und legte es

über sich, als er auf das Ledersofa niedersank.

Seine letzten beiden Gedanken, ehe er einschlief, waren diese:

»Hier ist es jedenfalls warm und schön. Und: sie mögen ja Abendbrot und

Kognak haben holen lassen, als ich mich schon zu Bett gelegt hatte.

Vielleicht sind sie auch bei mir gewesen, um mich einzuladen, haben

mich aber schlafend gefunden. Man verurteilt ja so oft Menschen zu

Unrecht.«

* * * * *

Als Gustav Borg am nächsten Morgen aufwachte, hatte sein Körper durch

die Ruhe die Kraft zu leiden wiedergewonnen; denn ein Geschwächter hat

nur die Fähigkeit, sich stumpfer Gleichgültigkeit hinzugeben. Er sprang

völlig wach vom Sofa auf und übersah die ganze Situation. Hier konnte

er nicht bleiben, das war das erste; in der Stadt wollte er nicht

wohnen, von Hause war er vertrieben, aber in diesem Kirchspiel mußte

er sich des Prozesses wegen aufhalten. Ihm fiel ein Bauer ein, der ein

Zimmer an Sommergäste zu vermieten pflegte. Zu diesem wollte er jetzt

fahren; und da er am liebsten ohne Abschied abreiste, ging er in den

Stall hinunter, um sich Pferd und Schlitten geben zu lassen.

Der Stallknecht, der seinen Lohn nicht erhalten und am Abend vorher vom

Herrn Schelte bekommen hatte, war heute besonders mitteilsam. Und als

der Redakteur den Pferdestand leer sah, erzählte der Knecht sofort,

das Pferd sei verkauft, ebenso der Schlitten; er war auch nicht faul,

zu erzählen, daß der Speicher leer, der Hof verfallen und der Boden

ausgesogen sei.

Das war ein neuer Schlag für ihn, da er für die Pacht Bürgschaft

geleistet hatte; und er war eben im Begriff, nach dem Hause

zurückzugehen, als eine kleine, windige Figur an ihn herantrat und

fragte, ob er Redakteur Borg sei. Nachdem er sich zu erkennen gegeben

hatte, wurden ihm zwei gestempelte Schriftstücke eingehändigt, die er

durchflog und in die Tasche steckte.

Statt zusammenzuschrumpfen, schien er zu wachsen, denn er hatte nun

etwas, gegen das er reagieren konnte, etwas, was zu fassen war.

Er wendete sich zu dem Polizeidiener und fragte: »Glauben Sie, daß man

bei dem nächsten Nachbarn Fuhrwerk bekommt? Ich muß nämlich um elf auf

dem Pfarrhof sein.«

»Der Nachbar pflegt immer Fuhrwerk zu haben,« antwortete der

Polizeidiener und damit ging er.

Gustav Borg sah nach seiner Uhr und konstatierte, daß er mit Pferd und

Schlitten rechtzeitig zu der Sitzung des Kirchenrats kommen werde, zu

der er zwecks Entgegennahme der Verwarnung geladen war. Er knöpfte den

Rock wieder zu, begann zu marschieren und fühlte sich wie ein Soldat,

der zu einem Feldzug aufbricht.

Aber der Schnee war tief, der Weg ungebahnt, und das Gehen wurde bald

beschwerlich.

Er hatte gute Zeit, über seine Lage nachzudenken.

Von den beiden barbarischen Arten, ein vieljähriges Zusammenleben zu

lösen, hatte man also die demütigende und schamlose gewählt, die Gatten

dem Gerichtshof, der Kirchenrat hieß, auszusetzen. Da würden sie sitzen

und einander bloßstellen, sich gegenseitig anklagen und wie Unmündige

Ermahnungen entgegennehmen. Ein ganzes langes Zusammenleben würde

aufgerollt werden, obwohl mein und dein ihre Wurzeln so verflochten

hatten, daß das eine nicht abgetrennt werden konnte, ohne daß das

andere zerriß; wo Schuld und Nichtschuld unmöglich abzuwägen war, wo

Ursache mit Wirkung verwechselt wurde und umgekehrt, wo alles Alte, das

vergeben und vergessen war, ausgegraben und in neue Beleuchtung gesetzt

werden sollte; was in Liebe vergeben war, sollte jetzt in Haß angeklagt

werden.

Diese Art hatte man gewählt, um die entehrende, obligatorische Flucht

zu vermeiden, wo der Zurückbleibende die Schande des Verlassenseins

trägt und der Weglaufende die Schande der Untreue auf sich lädt; und

trotzdem stimmte die Flucht mehr mit menschlichen Begriffen von Scham

überein, da man den Schauplatz verließ und sein Elend vor neugierigen

Blicken versteckte.

Die Verwarnung des Kirchenrats war aber nur eine Formalität, die

den Gerichtsverhandlungen voranging, und er war vor den ersten

Frühjahrsting bestellt worden, angeklagt nach Paragraph so und so des

Gesetzes, das seine Verurteilung wegen Ehebruchs unter Verlust aller

ehelichen Rechte forderte.

Als er die schweren Schritte gegangen war und das Haus des Nachbars

sah, war er fast entschlossen, sich vor dem Rat nicht einzufinden,

teils um die entsetzliche Szene zu vermeiden, bei der er seiner Gattin

begegnen würde, teils weil er alle Verteidigung für nutzlos hielt.

Als er zu dem Bauern kam, erfuhr er, daß alle Pferde fort seien. Das

war ihm wie eine Befreiung, und er setzte sich zum Ausruhen auf eine

Bank. Aber der Bauer war zufällig Schöffe und interessierte sich für

die Angelegenheiten des Kirchspiels.

»Wollen Sie zum Kirchenrat?« fragte er.

»Ja, da Sie es ja wissen!« antwortete der Redakteur.

»Den darf man nicht versäumen,« fing der Bauer wieder an; »denn der

Ting urteilt nach dessen Protokoll, und hat einer etwas zu seiner

Verteidigung anzuführen, so muß es jetzt gleich geschehen.«

Diese einfache Mitteilung setzte den Unentschlossenen in Flammen; er

sprang von der Bank auf, sah auf seine Uhr und fragte:

»Kann ich zu Fuß gehen?«

»Ja, aber dann müssen Sie rasch gehen und noch dazu über die

Kirchbucht.«

»Hält die Kirchbucht denn?«

»Ja, gestern hat sie gehalten, heißt es.«

»Also dann leben Sie wohl, Schöffe. Aber richtig: kann ich hier für den

Winter das Sommerzimmer mieten?«

»Ja, das wird wohl gehen!«

»Ich komme zurück, dann sprechen wir darüber.«

Und nun begann der Marsch wieder. Jetzt wußte er, daß er hin mußte,

hin mußte, um sich zu verteidigen, falls die Angabe von Motiven

wenigstens als mildernder Umstand gelten konnte, da das Gesetz private

Abmachungen, die zu der geltenden Verfassung im Widerspruch standen,

nicht anerkannte.

Als er eine halbe Stunde gegangen war, kam die Sonne hervor, und da sie

tief stand, brannte sie. Er machte den Rock auf und nahm den Hut in die

Hand. Der Schnee schmolz halb, wurde feucht und ballte sich unter den

Stiefeln. Die Schritte wurden immer schwerer, die Atemnot wuchs und die

schweißigen Unterkleider brannten wie Nesseln.

Aber er mußte vorwärts. Wie er sich nach einer neuen halben Stunde

umdrehte, sah er seine Fußspuren eine krumme Linie von Vertiefungen

bilden.

Nach abermals einer halben Stunde kam er an die Landstraße; mit

wiedergewonnenen Kräften marschierte er, wie befreit von Fußfesseln,

und als er auf eine Höhe gelangte, sah er in der Ferne die Kirche. Doch

die Bucht trennte, und die sah man nicht von seinem Beobachtungspunkt.

Dann ging es abwärts, und er lief zu den Fischerhäusern hinunter. Da

blieb er stehen und sah -- die Bucht offen liegen, blau, satirisch

lächelnd, zwischen sich und dem Walplatz, wo die Schlacht stattfinden

sollte; als er auf die Uhr blickte, sah er, daß zehn Minuten an elf

fehlten. Er stürzte zum Fischer hinein und fragte nach einem Boot.

»Das Boot ist versenkt, weil es gedichtet werden soll.«

»Kommen Sie mit und schöpfen Sie es aus!«

»Nee, was hätte das für einen Zweck?«

»Helft mir, Leute, ich muß um elf in der Kirche sein.«

Nein, man hatte gar keine Lust dazu.

Da lief er nach dem Boot hinunter und sah es unter Wasser liegen. Es

war ein alter Kahn ohne Ruder und Schöpfkellen. Er lief umher, um die

Ruder zu suchen, fand aber keine; er suchte einen Eimer zum Schöpfen

und fand keinen; an einer Wand aber stand eine etwas gewölbte Schaufel.

Die nahm er, kehrte nach dem Boot zurück und warf den Rock ab; und

während er in Hemdsärmeln breitbeinig auf den Bootsrändern stand,

schöpfte er das Boot mit der Schaufel halb leer. Darauf stieß er ab,

und wie ein Kanuführer paddelnd, rettete er sich über die Bucht,

während der Kahn Wasser schöpfte. Als er das andere Ufer erreichte,

sank das Boot. Er ließ es liegen, warf die Schaufel hinein und lief

nach dem Pfarrhause hinauf.

Er hatte nicht Zeit gehabt, sich die Szene, die ihn erwartete,

auszumalen; er hatte nur das bestimmte Gefühl, daß der Pastor ihm nach

dem letzten Auftritt feindlich gesinnt sei, und daß der Kirchenrat, der

aus Pietisten bestand, ihm hart zusetzen werde. Als er den Saal betrat,

fand er seinen Schwager als Wortführer dasitzen, ruhig, würdig, mit

fast freundlichem Ausdruck.

Frau Borg saß kalt, abwartend auf einem Sofa.

Als der Redakteur gegrüßt hatte und aufgefordert worden war, Platz zu

nehmen, eröffnete der Geistliche die Verhandlung mit einem Hammerschlag

und fragte den Rat, ob man ihn als Schwager des Ehegatten und als

Bruder der Gattin für befangen erklären wolle.

Niemand wollte Einspruch erheben, und so begann der Vorsitzende.

»Meiner Pflicht gemäß und nach den Instruktionen des Kirchenrats

frage ich hiermit meine Schwester, ob sie die Ehe mit Gustav Borg

fortzusetzen gedenkt?«

»Nein!« antwortete Frau Brita, kurz, überlegt.

»Dann will ich Gustav fragen, ob er die Absicht hat, die Ehe

fortzusetzen?«

»Nein,« antwortete der Gefragte ebenso bestimmt.

»Nun muß ich meine Schwester fragen, welchen Grund sie für Auflösung

der Ehe anführt?«

Frau Brita antwortete:

»Den Ehebruch des Mannes.«

Die Sache war ja bekannt, aber trotzdem wirkte das ausgesprochene

Wort wie ein Schuß; die Greise am Tisch schüttelten sich, und der

Vorsitzende, der es anständig und nett haben wollte, war vor den Kopf

gestoßen. Er wendete sich deshalb mit einer gewissen Teilnahme an

seinen alten Gegner, und da er die ganze Sachlage im voraus kannte,

suchte er sofort auf die mildernden Umstände zu kommen:

»Kannst du den dir zur Last gelegten Fehltritt ungeteilt auf dich

nehmen, Gustav Borg?«

»Ein Verbrechen habe ich nicht begangen, denn ich habe mein Ehegelübde

nicht gebrochen, da ich von ihm entbunden worden war, und zwar von

dem einzigen Menschen, der das Recht hatte, mich davon zu entbinden,

nämlich von meiner Frau.«

Neues Schaudern am Ratstisch; und gleich darauf die Stimme des

Wortführers:

»Ist das wahr, muß ich meine Schwester fragen?«

»Das ist Lüge!« antwortete Frau Brita.

»Da haben wir es,« fiel Gustav Borg ein. »Mit einem Menschen, der nicht

die Wahrheit sagen _kann_, will ich nicht verhandeln und bitte mir

deshalb die formelle Verwarnung zu erteilen, die nach dem Gesetz der

gerichtlichen Verhandlung des Falles vorangehen muß.«

»Meine Herren,« nahm der Pfarrer das Wort, »die Ursache des ehelichen

Unglücks liegt gewöhnlich so weit zurück, daß (hier warf er einen

Blick nach der Tür zu seinem Innendepartement) man sie nicht genau

feststellen kann. Ich bin daher der Meinung, daß wir, da man nicht

wissen kann, wer angefangen hat oder wer schuld an dem ist, was später

geschah, zu der gesetzlichen Verwarnung übergehen. Hat einer von den

Mitgliedern eine Einwendung zu machen?«

Hier bat der freikirchliche Hofbesitzer Lundström ums Wort.

»Gegen die Erteilung der Verwarnung habe ich nichts einzuwenden, aber

gegen die Auffassung des Herrn Redakteurs, als sei die Ehe nur eine

private Abmachung, möchte ich opponieren. Staat und Kirche treten doch

als Autoritäten auf, um Garantien zu erhalten, was daraus hervorgeht,

daß der Scheidungsprozeß vorm weltlichen Gerichtshof verhandelt und

die Scheidungsurkunde vom geistlichen Gericht oder Konsistorium

ausgefertigt wird. Die Ehefrau kann also den Gatten nicht von seinem

Treuschwur entbinden, noch ihn von dem Vergehen freisprechen.«

Redakteur Borg bat antworten zu dürfen:

»Die Ehe gründet sich zunächst auf eine private Abmachung, die in

der Verlobung mündet. Und das Gesetz erkennt private Abmachungen

hinsichtlich der Treue an, auch wenn die Ehe geschlossen ist. Zum

Beispiel: die Frau ist untreu und gebiert in der Ehe das Kind eines

andern Mannes. Hier liegt doch ein Ehebruch vor, aber er darf nicht vom

öffentlichen Ankläger verfolgt werden. Wenn der Mann verzeiht, schweigt

das Gesetz und erkennt damit die private Abmachung an; das Gesetz

drückt ein Auge zu, und das Vergehen scheint damit einer objektiven

Basis zu entbehren. Ist aber der Mann unvorsichtig genug gewesen,

zu verzeihen, bereut dies später, nach der Geburt des unehelichen

Kindes und beantragt Scheidung auf Grund des Ehebruches der Frau, so

wird er abgewiesen, weil er verziehen hat. Und was schlimmer ist: das

Kind des Fremden steht auf dem Kirchenschein des Mannes, trägt seinen

Namen, beerbt ihn, nur weil er verziehen hat. Da sehen wir also, daß

die private Abmachung Staats- und Naturgesetze bricht. Ich erhalte

deshalb mein Verlangen aufrecht, die Anklage meiner Frau für ungültig

zu erklären, da sie vier Jahre lang den Prozeß nicht anhängig gemacht

hat. Nun möchte ich hinzufügen; daß ein wesentlicher Unterschied

zwischen dem Ehebruch des Mannes und dem der Frau besteht, ein

Unterschied, den die Natur selbst angeordnet hat; denn die Untreue des

Mannes kann nie die Einführung falscher Kinder in die Familie oder auf

den Kirchenschein der Frau zur Folge haben (wenn sie Witwe wird und

ihre eigenen Dokumente bekommt); deshalb ist das Gesetz mangelhaft,

da es summarisch urteilt, als seien Mann und Frau gleich, und es ist

ungerecht gegen den Mann; ja, ich kenne einen Richter, der einem Manne

ein Kind zugesprochen hat, das nicht seins war, obwohl er rechtzeitig

die Scheidung beantragt hatte. Dies Kind, dessen Vater offen genannt

wird, steht in den Kirchenakten des Mannes, trägt seinen Namen, wird

von ihm unterhalten und soll ihn beerben. Das ist doch ungeheuerlich;

aber der Richter sagt, kein Mann habe das Recht, ein Kind zu

verleugnen, das in seiner Ehe geboren ist.«

Frau Britas Hutfeder zitterte vor Wut, denn sie war aus dem Holz, daß

sie glaubte, ihre »Ansichten« in der Frauenfrage ständen über allen

Tatsachen. Was sie »finde«, sei das richtige; Gesetze hätten keine

Gültigkeit mehr, wenn sie etwas »meine«, und sie konnte nie eines

Irrtums überführt werden, weil sie Beweise nicht verstand und Gründen

nicht zugänglich war.

Sie explodierte deshalb und plapperte über die Gleichheit von Frau und

Mann, daß die Natur sie gleich gemacht habe (das weiß der Teufel), wenn

auch der Mann die Frau als Sklavin behandle (als Herrin des Hauses)

und diesen ganzen Unsinn, den auch die dekadenten Männer der Zeit

wiederkäuten.

Schließlich schlug der Vorsitzende mit dem Hammer auf den Tisch und

erklärte, das Gericht sei das rechte Forum für den Scheidungsprozeß,

der Frauenklub aber das Forum für Weibergezänk.

Darauf verwarnte er die Gatten und erklärte die Sitzung für aufgehoben.

Dies war der gewöhnliche Ausgang der Gespräche zwischen Mann und Frau

am Ende des Jahrhunderts: die Sitzung wurde aufgehoben.

Die Frauenfrage, das größte und schwierigste Problem der damaligen

Zeit, war wohl sozusagen die letzte Deduktion der Demokratie ~in

absurdum~. Alle Menschen seien gleich (obwohl sie so ungleich sind);

das war die falsche These. Die Demokraten mußten sie beibehalten oder

ihre Grundsätze verleugnen. Die Aristokraten machten mit, teils um

Stimmen zu bekommen und die Taschen der Demokratie zu bestehlen, teils

weil sie in der Frau nach ihrer veralteten Weltanschauung ein höheres

Wesen sahen.

Da war so viel Scheinbares und so viel Wirkliches. Die Frau, die ein

Mann liebt, ist ihm anscheinend überlegen, so lange er sie liebt, aber

nur ihm, und sie erscheint nur ihm so, denn es gehört zur Liebe des

Mannes, daß er sie über sich stellt und auch über andere. Nun aber

wurde dies in ein System gebracht und der Mann dankte ab. Nie hat man

den Mann so auf dem Bauch kriechen und den Boden unter den Füßen der

Frau fressen sehen wie damals. Männer, von denen man Besseres geglaubt

hatte, ergötzten sich daran, auf Salonteppichen zu den ungewaschenen

Füßen der häßlichsten Frauen zu liegen. Statt daß wie früher auf der

Straße der Mann der Frau den Arm bot, was schön wirkte, weil es richtig

war, sah man jetzt die dekadenten Männer von ihren Frauen geführt

werden.

Die Frauen kleideten sich wie Männer und die Männer wie Frauen; das

Armband ging auf den Mann über. Das war Perversität, und man begann

unangenehme Verwechselungen der Geschlechter wahrzunehmen; während aber

die perversen Männer ausgesprochene Frauenfreunde waren, sei es, weil

sie ihr Gebrechen vertuschen wollten, sei es, daß sie etwas Weibliches

in ihrer eigenen Natur sich regen fühlten, wurden dagegen die perversen

Frauen ausgesprochene Hasser des männlichen Geschlechts, woraus sie

kein Hehl machten; und ihre Lebensaufgabe war, die Ehe zu sprengen, --

natürlich um die Frau zu befreien.

Das Problem, das von Kreti und Pleti durcheinandergewirrt worden war,

konnte jedoch auf die eine Formel reduziert werden: Die Befreiung der

Frau sollte Befreiung von Kindergebären und Kindererziehen sein. Glaubt

ein vernünftiger Mensch an ein solches abnormes Verhalten der Natur?

Und wer soll Kinder gebären, wenn nicht die Frau? Das war ja alles

Unsinn! Aber auch im Staat der Zukunft, in dem die Frau arbeitete,

mußte die Frau doch in der Regel Kinder haben, so daß eine Emanzipation

im eigentlichen Sinne wohl nie zustande kommen konnte. Warum also um

einiger hysterischer Frauen willen die Gesellschaft um und um kehren?

Indem sie den Männern die Stellen wegnahmen, wurde ja für jeden

brotlosen Mann eine Ehe unmöglich; dadurch wurden die Ehen vermindert

und die Prostitution erhöht! Und dafür arbeiteten Staatserhalter und

Sittlichkeitsfreunde.

Es war die reine Verrücktheit!

Pfarrer Alroth auf Storö hatte aber ein Auge auf diese Bewegung

gehabt; seine Schwester, Frau Brita, hatte versucht, seine eigene

Frau aufzuhetzen und sie mit Sitzungen und ähnlichem aus dem Hause

zu locken; deshalb konnte er von seinen brüderlichen Gefühlen

nicht geblendet werden, sondern sah die peinliche Stellung seines

Schwagers im Hause sehr wohl ein. Auch gefiel es ihm, daß der

Schwager nicht Vergehen gegen Vergehen quittieren wollte, indem er

die letzte Geschichte mit den Kindern und was mit Zustimmung der

Frau im Hause geschehen war, Dinge, die er von seinem Standpunkt aus

verabscheuungswürdig fand, vorbrachte.

Als nun der Rat gegangen und Frau Brita nach Hause geeilt war, blieben

die Schwäger allein zurück.

Die Gotischen Zimmer: Roman · 第 10 / 20 段