erblassenden Lichter leuchteten durch die Fenster. Sie wollte fliehen,
wurde aber dahin gezogen, als triebe sie die Strömung. Da holte sie mit
den Rudern aus und wendete, direkt auf die hinterste Landzunge zu, so
daß sie das Land im Rücken hatte, und dann steuerte sie hinaus.
Doch die Klaviermusik folgte ihr mit dem schwachen Landwind. Und sie
wurde gezwungen, die Ruder im Takt des Walzers zu bewegen, eins, zwei,
drei, und das war, als würde sie von drinnen kommandiert, von da
hinten, wo die beiden Körper sich im gleichen Rhythmus bewegten. Da
wendete sie wieder; aber sie kam nicht los davon, kam nicht aus diesem
Zauberkreis heraus. Plötzlich verstummte der Walzer und es entstand
eine Stille, die nur von Möwen und Wellengeplätscher gestört wurde.
Dann begann die Stille vernehmlich zu werden, und in ihrer Erinnerung
hörte sie das Nocturno, vernahm es vielmehr, wie man innerlich sich an,
Musik erinnern kann. Doch, dies waren ja wirkliche Töne, ~G~-dur, wie
moll klingend; es war sein Anschlag, seine Art zu spielen! Welch ein
Verrat! Er spielte ihren Chopin der andern vor, zog sie unter diese
Decke, unter der sie beide sich einmal verborgen hatten.
Jetzt floh sie im Ernst aufs Meer hinaus und versuchte durch das
Geräusch der Ruder die Musik zu übertönen; das Rauschen des Wassers
am Kiel half mit, und sie war schließlich außer Hörweite, als sie an
einer kleinen Schäre mit einer Kiefer vorbeifuhr. Da aber, als sie
das Tempo verlangsamte und die Ruder einzog, hörte sie ein leises
Knarren von Riemen in den Dollen von der andern Seite der Schäre. Im
nächsten Augenblick schoß der scharfe Kiel eines weißen Kahnes über
den niedrigen Felsen, ein Kopf wurde sichtbar und der an den Rudern
sitzende Graf tauchte auf.
»Bist du es, Esther?« fragte er ganz ruhig.
Das Mädchen antwortete ohne ein Zeichen des Erstaunens.
»Ja, und bist du hier?«
Was sie hinter sich zu haben geglaubt hatte, war vor ihr; der
Stromwechsel vollzog sich so plötzlich, daß sie sofort normal
funktionierte.
»Das war ja eine schreckliche Sitzung!« fuhr der Graf fort.
Jetzt erst kam Esther in die qualvolle Stimmung zurück, die sie hinter
sich hatte:
»Ich dachte, du seist noch da und tanztest mit der Schönen!«
»Nein, danke vielmals! das ist so eine, die einen Schweif hinter sich
haben muß; eine kokette Kokotte! Sie bandelte mit mir an, um den
Seeoffizier zu bekommen; und dann nahm sie den Seeoffizier, um den
Postmeister zu ärgern; und daß sie bei dem Apotheker enden würde, war
vorauszusehen.«
»Soo?« wendete Esther ein, »sie wurde schon Gräfin genannt!«
»Ach, sie hat mich ausgenutzt? So sah sie aus, und sie wird wohl mit
einer Hundehochzeit enden.«
»Was ist das?«
»Wollen wir an Land gehen und uns den Sonnenaufgang ansehen?«
Sie gingen an Land, und da die Ursache zu Esthers Kummer beseitigt war,
verfiel sie in ihren alten gewöhnlichen Humor voll stiller, indolenter
Skepsis und ohne eine Spur von Erotik.
Und dann fuhren sie im Sonnenaufgang nach Hause.
* * * * *
Graf Max blieb acht Tage im Hotel auf Storö, und in der ganzen
Zeit verkehrte er vertraulich mit Esther. Sie segelten und machten
Spaziergänge, gingen aber nie ins Kurhaus; ihr Verhältnis war
unverändert, mit dem kleinen Unterschied, daß Esther ihr Äußeres zu
pflegen begann, mit der weiblichen Kleidung weibliche Manieren annahm
und gewisse Züge einer wilden, gesunden Schönheit verriet. Die Eltern
sagten nichts, denn sie wußten, daß hier nichts half. Aber eines Abends
-- eines Abends waren die jungen Leute weit in den Wald gegangen, um
das Meer anzuschauen. Sie hatte sich auf einen Stein gesetzt und er
hatte sich neben ihr ausgestreckt. Es sah intimer aus, als es war,
besonders da er gerade ihre Hand gefaßt hatte und fragte, woher sie den
Ring habe, den sie trug.
Da trat plötzlich Vater Borg, der Redakteur, vor, und zitternd brachte
er nur die gewöhnlichen Worte heraus:
»Sind die Herrschaften verlobt?«
Die Situation war peinlich, und der Graf mußte zuerst sprechen:
»Daran haben wir nie gedacht,« antwortete er und erhob sich langsam;
dabei betrachtete er Esthers Gesicht, das einen neuen Ausdruck
angenommen hatte, einen Ausdruck von Schüchternheit, Scham und
kindlicher Furcht vor dem Vater, und entdeckte mit einem Schlage die
Art ihrer Intimität. Deshalb fuhr er, jedoch in verändertem Ton, fort:
»Das hängt übrigens von Esther ab.«
Das Mädchen wechselte bei diesem Zugeständnis wieder die Farbe, und der
Vater hatte unfreiwillig den Funken entzündet, der noch kurz vorher
nicht geboren war.
»Wenn Max das für möglich hält und ...«
Hier brach sie in Tränen aus und warf sich dem Vater in die Arme, als
wolle sie da die Gefühle verbergen, deren sie sich selbst schämte.
Es war lange her, seit Gustav Borg so etwas miterlebt hatte; und als
er Esther in seinen Armen hielt, war es ihm, als sei sie wieder Kind,
und seine väterlichen Gefühle strömten auf den jungen Mann über, dessen
Hand er faßte.
»Viel Glück denn!« sagte er und raffte seine Männlichkeit zusammen.
»Jetzt verlasse ich euch; aber ich erwarte die Herrschaften zum
Abendessen in meinem Hause.«
Und dann ging er.
Die Verwandlung hatte sich vollzogen, die Transfiguration; und die
beiden jungen Menschen standen da nicht als Kameraden und Freunde,
sondern als Mann und Weib; sie gewahrten gewissermaßen ihre Nacktheit,
wurden schüchtern und sprachen mit neuen Stimmen neue Worte, sie
wanderten Hand in Hand wie kleine Kinder unter zitternden Bäumen; und
als sie Menschen trafen, schämten sie sich nicht, sondern waren stolz
wie junge Götter und meinten, alle beugten sich und grüßten sie mit
Ehrfurcht.
* * * * *
Das war der Sommer 1890. Das folgende Jahr verging auf die gleiche
Weise mit Lernen zum Examen und Zukunftsplänen. Die Eltern wollten gern
das Gespräch auf die Heirat bringen, aber die Jungen antworteten nicht.
Manchmal erregte dies Schweigen Beunruhigung. Aufgehobene Verlobungen
waren sehr häufig, aber unangenehm; man hatte sich als Verwandte
gefühlt, hatte die Interessen vereinigt, Vorschuß auf Gefühle genommen
und vielleicht materielle Werte vermengt.
Frau Brita war ruhiger als Gustav.
»Laß sie; wir dürfen uns nicht einmischen.«
Dann kamen die Weihnachtsferien 1892. Da hatte Frau Brita, ohne ihren
Mann zu hören, den Bräutigam eingeladen, bei ihnen auf Storö zu wohnen.
Gustav war in Wut geraten, doch vor der vollendeten Tatsache mußte er
sich beugen.
Weihnachten war vergangen, und es war an einem der letzten Tage des
Jahres.
Es war grau und trüb, und Gustav Borg wollte eine Partie Brett
spielen. Zu dem Zweck ging er ins Turmzimmer hinauf, um seinen
Schwiegersohn zu suchen. Als er sah, daß der Schlüssel abgezogen war,
klopfte er. Niemand öffnete, und er hörte zwei Stimmen, die flüsternd
das Wort »still« aussprachen.
Da verstand er und ging hinunter, um seine Frau aufzusuchen. Da er
wußte, wie schnell sie mit Antworten bei der Hand war, legte er sich in
Gedanken eine Auswahl von Fragen zurecht, mehr in behauptender Form;
denn es war schwerer, einer Beschuldigung auszuweichen, als eine Frage
mit nein oder ja abzufertigen. Er schlug also wie ein Blitz in Frau
Britas Schreibküche ein und rief:
»Seit wann weißt du, daß die jungen Leute sich auf seinem Zimmer
einschließen?«
»Seit wann? Seit sie hier sind!« antwortete Frau Brita, die gerade
einen Aufsatz über die neuen Formen der Ehe schrieb.
»Es geschieht also mit deinem Wissen und deiner stillschweigenden
Zustimmung!«
»Mit meiner offenen Zustimmung.«
»Kupplerin!« schrie der gereizte Vater und ließ einen Stuhl um vier
Axen rotieren.
»Schäme dich!« antwortete die Frau.
»Du hast unser Haus zu einem Bordell gemacht!«
»Das ist es wohl immer gewesen!«
Damit war ja alles gesagt, aber der Vater sprach in diesem Augenblick
von seinem Standpunkt als Vater und nicht als Gatte, deshalb ging er
seinen Weg weiter:
»Jetzt gehe ich hinauf und schlage die Tür ein, dann jage ich die
beiden mit dem Stock hinaus und beantrage die Scheidung ...«
»Mit welcher Begründung?«
»Mit der Begründung, daß die Frau als Kupplerin ihrer Tochter auftritt.«
»Und die minderjährigen Kinder?«
»Die nehme ich, da du als Mutter unwürdig befunden wirst.«
»Du willst mich fortjagen?«
»Ja!«
»Hör einmal, Gustav, um der Kinder willen, willst du dies nicht im
Guten abmachen?«
»Nein!«
»Dann verlange ich Aufschub!« antwortete Frau Brita; »ich muß die
Angelegenheiten des Hauses ordnen, verstehst du, und dann verlasse ich
dies Haus in Frieden.«
Das klang aufrichtig und war es auch teilweise als Ausdruck des
Schmerzes, der immer den Gedanken an Scheidung begleitet. Der Mann,
der dasselbe empfand, ließ sich täuschen und versprach, drei Tage lang
nichts zu unternehmen, gegen die Zusicherung, daß der Graf das Haus
verlassen werde.
Darauf zog er sich in seine Zimmer im ersten Stock zurück und bat, bei
Tisch nicht auf sein Erscheinen zu rechnen.
* * * * *
Am Abend nach diesem Auftritt hörte Gustav Borg ein eifriges
Telephonieren, ein Vorfahren und Abfahren von Schlitten, ein Tappen
auf Treppen und Korridoren; aber da das Haus sehr groß war und er
keine Neugier zu zeigen wagte, blieb er im Unklaren über das, was
vorging. Diese Ungewißheit wirkte jedoch beunruhigend, besonders da
sein Entschluß ja von den Angriffsplänen der andern abhing. Seine
Vermutungen begannen ihr Spiel, und er stellte eine Kombination nach
der andern auf, verwarf sie aber immer wieder, wenn der lose Sand
seiner Vermutungen nicht stand hielt.
Die Einsamkeit in dieser Lage wurde ihm unerträglich; doch er wagte
seine Zimmer nicht zu verlassen. Er wollte seiner Gewohnheit getreu ins
Kinderzimmer hinuntergehen und den kleinsten Kindern gute Nacht sagen,
einem Knaben von sechs und einem Mädchen von vier Jahren; aber sie
schliefen nicht allein, sondern das Kinderfräulein war bei ihnen, und
heute war der Augenblick nicht gut gewählt, sich bei ihr zu zeigen, aus
den Gründen, die Frau Brita bei einem früheren Anlaß angedeutet hatte.
Da war sein schwacher Punkt, den er bisher verborgen gehalten hatte und
der jetzt drohend hervortrat.
Er war langsam hineingeglitten in dies Verhältnis, das nicht auffiel
und geheim gehalten wurde, das man beargwöhnte, aber doch duldete,
das auf die Physiognomie des Hauses keinen Einfluß hatte, das fast
respektiert wurde, weil die Frau des Hauses sich nicht darum kümmerte.
Nach fünfundzwanzigjähriger Ehe hatte Frau Brita vor vier Jahren bei
der Geburt des letzten Kindes erklärt: mehr Kinder wolle sie nicht
haben, und den Rest ihres Lebens wolle sie dem Dienst der Allgemeinheit
und der Menschheit widmen. Das war nichts Neues, denn sie hatte schon
bei der Ankunft des ersten Kindes erklärt, mehr wolle sie nicht haben.
Und dann kamen sie doch, kamen infolge eines unglücklichen Zufalls,
wie ja die meisten Menschenkinder zur Welt kommen. Doch jetzt war ihr
Entschluß so unerschütterlich, daß sie ihren Mann von dem Versprechen
der Treue entband, als er erklärte, als verheirateter Zölibatär nicht
leben zu können. Sie wollte nur »in Frieden gelassen werden« und
»nichts davon erfahren«. Es ist ja nicht so leicht für einen Mann,
seine Neigung zu ändern; man hat nicht gleich eine neue bei der Hand,
wenn der Zufall nicht günstig ist. Der Zufall bot sich in Gestalt des
Kinderfräuleins. Als Frau Brita ihr Haus dem siebenundzwanzigjährigen
Fräulein überließ, tat sie das ohne Bedauern. Das Fräulein war
verständig und unterwürfig, suchte nicht die Macht, nahm aber die
Arbeit auf sich. Sie und der Mann besorgten Kinder und Haushalt; und
da die Frau meistens fort war, wenn sie nicht schrieb, so entstand in
der Einsamkeit ein natürliches Freundschaftsverhältnis zwischen dem
Mann und der Pflegerin seiner Kinder; und bald nahm ihre Verbindung den
angedeuteten intimen Charakter an, ohne jedoch eine merkliche Änderung
im Zusammenleben der Ehegatten herbeizuführen, das im Gegenteil
achtungsvoller und weniger stürmisch als früher wurde.
Die Maschinerie des Hauses ging lautlos und würde auch weiter so
gegangen sein, wenn nicht die Frau ihre Stellung bedroht gefühlt
und vor allem gefürchtet hätte, von den Kindern getrennt zu werden,
die vielleicht, nachdem sie selbst aufs Trockene gesetzt war, eine
Stiefmutter bekommen würden.
In dem Gefühl des Bevorstehenden hatte sie in aller Eile Anhänger und
Waffen gesammelt, entschlossen, den Kampf aufzunehmen und den Feind zu
töten, lieber als getötet zu werden.
* * * * *
Nach einer schlaflosen Nacht voller Zweifel und Ungewißheit erwachte
Gustav Borg und kleidete sich an. Darauf ging er ganz einfach hinunter
an den Kaffeetisch, wo er Frau und Kinder traf. Alles war wie sonst,
aber doch etwas verändert. Esther war kalt und verschlossen, und als
der Vater mit einem Blick nach Graf Max suchte, hatte die Mutter sofort
eine Erklärung bereit:
»Max läßt vielmals grüßen; er wollte dich nicht stören.«
Diese einzige Antwort machte das ganze Geheimnis des Familiengebäudes
aus: Hingehen lassen, abfließen lassen, Kompromisse schließen,
stillschweigen und weiter gehen. Das wirkte befreiend, so daß Gustav
Borg sich wiederfand und dachte, alles sei vergessen; er gab sich der
Freude hin, unter den Seinen zu sein, und fühlte sich stark, da er von
seiner natürlichen Leibwache umgeben war.
Er ließ jeden Gedanken an Anfall und Verteidigung fallen, der Friede
war geschlossen, und das Geschehene war nie geschehen; er ging
hinaus in den Wald mit den beiden Kleinsten, deren Gesellschaft ihn
verjüngte. Sie kamen auf eine Waldwiese, wo Eichhörnchen im Schnee
sprangen, um sich nach dem langen Schlaf Bewegung zu machen. Beim
Anblick der Spaziergänger eilten die flinken Tiere eine Eiche hinauf,
um sich in einem Loch zu verstecken. Der jüngste Knabe, der Liebling,
verlangte sofort, der Vater solle auf den Baum steigen und ein
Eichhörnchen fangen. Alle Vorstellungen halfen nichts, und wenn der
Knirps mit den Augen bat, war er unwiderstehlich. Der Vater warf den
Rock ab und enterte die Eiche, aber ohne ein anderes Resultat, als daß
er schwitzend und mit zerschrammten Händen wieder herunterkam.
Das erinnerte an eine Szene im vorigen Sommer, als der Vater sehr
früh an den Strand gegangen war, um allein zu baden. Er hatte seine
Schwimmtour gemacht, war wieder angezogen und freute sich innerlich
auf den wartenden Kaffee, als das Bürschchen an den Strand kam, um dem
Schwimmen zuzusehen. Die Enttäuschung des Kleinen, als er zu spät kam,
war groß, und er begann zu weinen. Um schnell seine Tränen zu trocknen,
zog der Vater sich wieder aus, sprang ins Wasser und schwamm hinaus,
was nicht nach seinem Geschmack war; doch er fühlte sein Opfer belohnt
in der unermeßlichen Freude, die seine Mühe und Selbstüberwindung
hervorriefen.
Nun besuchten sie zusammen alle alten Spielplätze, Grotten und
Fuchslöcher, seltsame Strandsteine, Ameisenhaufen, umgewehte Bäume;
und der Vater sah das alles wieder, als sei es verloren gewesen und
wiedergefunden. Sie suchten Hasenspuren auf, und er lehrte die Kinder
sie von Fuchsspuren unterscheiden; sie studierten Vogeltritte und die
langen Linien der Ratten; sie sahen Birkhühner in Birkenwipfeln und
Dompfaffen in Fichten ...
In dieser stillen, unschuldigen Freude wurde er plötzlich von einem
Gefühl überfallen, wie es einen bei einem Abschiedsbesuch überkommt.
Und er ging wieder nach Hause, unruhig, beklommen, ahnungsvoll.
Darauf hielt er sich in seinen Zimmern auf und horchte auf jeden Laut.
Aber es war meistens still, und diese dumpfe Stille quälte ihn.
Gegen Abend war er so von Unruhe erfüllt, daß er mit jemandem sprechen
mußte, wenn er nicht zerspringen wollte. Mit seiner Familie konnte er
nicht sprechen, denn sie mußten ja schweigen, sonst zerbrach die spröde
Kette.
Er wußte wohl, wo er Auskunft bekommen würde, aber zur Freundin wagte
er nicht zu gehen. Da klopfte es an die Tür, und als er öffnete,
stand das Kinderfräulein draußen, glitt schnell ins Zimmer hinein und
verschloß die Tür.
»Ich muß mit Ihnen sprechen, Gustav!« rief sie. »Hier geschieht so
vieles im Hause, was ich nicht verstehe ...«
»Setzen Sie sich, liebe Freundin, und sagen Sie mir, was Sie wissen.«
»Ja, ich weiß nichts Bestimmtes; aber oben auf dem Boden wohnt jemand,
der sich nicht zeigt. Es wird ihm Essen hinaufgetragen, und die gnädige
Frau geht dorthin ...«
»Was sagen Sie?«
»Und unten im Flügel sind auch Gäste; die Mädchen antworten mir nicht
und behandeln mich wie eine Feindin ...«
»Was hat man vor? Was glauben Sie?«
Da begann das Fräulein zu weinen, und Gustav Borg, der den ganzen
Zusammenhang ahnte, ging an den Schreibtisch, um zu telephonieren,
was, wußte er selbst nicht; es war wohl ein Ausdruck der Sehnsucht,
hinauszukommen.
Da wurde zweimal an die Tür geklopft, und auf dem Korridor erklangen
Schritte.
Im nächsten Augenblick hatte Gustav Borg das Fenster geöffnet, um die
Tiefe zu messen; aber im Schneelicht sah er zwei Männer, die er nicht
kannte.
Das Klopfen an der Tür wurde wiederholt, und jetzt hörte man eine
Stimme:
»Bitte aufmachen. Der Amtmann ist hier!«
Die beiden Eingeschlossenen erstarrten, als plötzlich das Telephon zu
läuten begann. Von der Macht der Gewohnheit getrieben, ging Gustav Borg
an den Apparat und rief hallo!
Da hörte man, wie ein Instrument ins Türschloß geschoben wurde; der
Schlüssel auf der Innenseite wurde umgedreht, ins Zimmer gestoßen und
die Tür geöffnet.
Draußen standen in einer Gruppe der Amtmann, Frau Brita, Doktor Henrik
Borg und alle Dienstboten.
Als habe er diese Lösung erwartet, ging der auf frischer Tat ertappte
Mann geradeswegs hinaus, die Treppen hinunter. Auf dem Flur zog er sich
an, lief nach dem Stall, wo er sich Pferde und Schlitten geben ließ;
befahl dann: nach Langvik! und fuhr davon, um ein Obdach zu suchen bei
dem Sohn, der ihm immer ergeben gewesen war und für den er bedeutende
Opfer gebracht hatte.
Zehntes Kapitel
Vorm Rat
Als Gustav Borg in Langvik ankam und den Sohn abwesend fand, war er
zuerst verzagt, denn er liebte die Frau des Sohnes nicht und sah an
ihrer Verlegenheit, daß er unwillkommen war, weil er Forderungen hatte
und weil er der Schwiegervater war. Deshalb war ihr Gespräch sehr kurz,
und er schloß sich im Fremdenzimmer ein.
Warum er hierhergekommen war? Ja, er konnte sich doch nicht seinem Sohn
gegenüber beklagen, denn der stand natürlich auf Seite der Mutter; und
im übrigen hatte er sich ja durch seine Unvorsichtigkeit im Hause Hände
und Zunge gebunden. Er mußte irgendwo in dem Bezirk bleiben, wo die
Scheidung verhandelt werden würde, und hier war doch eine Art Heim, wo
er mit einigem Recht sich aufhalten konnte.
Als nun Anders gekommen war und seine erste Verzweiflung sich gelegt
hatte, ging er zum Vater hinein; und da er ein einfaches Gemüt hatte
und verzweifelt war, konnte er weder Freude über das Wiedersehen an
den Tag legen, noch ihn willkommen heißen, besonders da er von der
bevorstehenden Scheidung wußte.
»Guten Tag, mein Junge,« sagte der Vater, der sofort in den
leichtverständlichen Mienen des Sohnes las. »Du brauchst keine Angst
vor mir zu haben, denn ich werde weder lange bleiben, noch die Pacht
von dir verlangen.«
Anders kaute auf dem Schnurrbart und zwinkerte mit den Augen, denn die
bloße Erinnerung an die Schuld war ihm eine Qual. Dieses Schweigen
machte den Vater nervös, und er mußte selber sprechen.
»Du weißt vielleicht, welche Veränderungen in meinem Hause bevorstehen
-- hm! -- aber es wird bald entschieden sein.«
Anders' Gedanken waren so fern. Er hatte auf einen angenehmen Abend mit
seiner Frau gehofft, an dem er unter dem sichern Schutz des erworbenen
Geldes seine Reiseabenteuer erzählen wollte, und nun saß er hier und
zitterte vor unangenehmen Fragen hinsichtlich des leeren Speichers und
ähnlichem. Der Vater merkte wohl an seinen nach innen gekehrten Augen,
daß er abwesend war; doch er verstand die Situation nicht recht.
Daß er ungelegen gekommen war, begriff er; aber er mußte aus der
Verlegenheit heraus, und als er keine Antwort erhielt, wurde er selbst
vernagelt und begann mit den Augen zu blinzeln wie einer, der nach
einem neuen Gesprächsthema sucht. Ebenso unglücklich war die Wahl
des Stoffes, den er in geheimem Gedankenlesen aus dem Bewußtsein des
Sohnes schöpfte. Die Furcht, daß der wunde Punkt berührt werden könne,
machte gerade diesen Stoff frei. Er mochte in den leeren Augen des
Sohnes den leeren Speicher gesehen haben und wurde gegen seinen Willen
dahin getrieben.
»Nun, du hast die Bücher abgeschlossen, und du bist mit deinem Jahr
zufrieden? Volle Scheunen und Speicher?«
Anders wurde von der Wut übermannt, sich bloßgestellt zu sehen, wurde
vor Zorn noch stummer, wollte aufstehen, um den unsichtbaren Faden
abzuschneiden, suchte einen Vorwand, hätte gern von draußen gehört,
daß die Frau polterte oder die Kinder sich prügelten; er war in kalten
Schweiß gebadet, saß aber fest auf dem Stuhl.
»Bist du taub oder bist du betrunken?« schrie der Vater, der nicht ein
Wort aus dem Angeredeten herausbekam.
Dadurch wurde Anders aus seinem wachen Schlaf aufgeweckt; wollte
in einen Strom von Worten ausbrechen, erfror aber wieder vor der
unüberwindlichen Kraft der väterlichen Macht. Er war nur vernichtet,
fühlte sich beschämt, so daß der Vater seinen Ausfall bereute und die
Szenerie zu ändern beschloß, um eine andere Stimmung zu schaffen. Er
stand auf und warf eine einfache Alltagsfrage hin:
»Wann eßt ihr zu Abend? Ich bin um mein Mittagessen gekommen und habe
Appetit auf etwas Warmes.«
»Wir essen nie zu Abend,« antwortete Anders. »Wir haben uns das seit
einem Jahre abgewöhnt.«
»So setzt mir Butter und Brot vor,« erwiderte der Vater, »ich bin auch
mit wenigem zufrieden.«
»Ja, ich weiß nicht, ob wir etwas im Hause haben.«
»So schicke doch zum Kaufmann,« half der Vater nach, da er Unrat zu
ahnen begann.
»Wir haben kein Pferd im Stall.«
»Wo ist es denn?«
»Fort, nach der Stadt.«
Der Vater sah an den flackernden Blicken, daß der Sohn log, und begriff
den ganzen Zusammenhang; aber jetzt vom eigenen Elend in das anderer
untertauchen wollte er nicht.
»So laß uns einen Grog trinken und den Abend verplaudern,« schlug er
vor.
»Wenn ich etwas im Hause hätte,« lautete die tonlose Antwort, die zur
Beendigung der Unterhaltung aufforderte.
Der Vater verließ das Zimmer, mehr erstaunt über die Entdeckungen,
die er gemacht hatte, als traurig; er war keine gefühlvolle Natur,
hatte früh seine Ansprüche an die Menschen herabgeschraubt und liebte
Abrechnungen und Erklärungen nicht. Als er in das Fremdenzimmer kam,
das man zu heizen vergessen hatte, wurde er von einem solchen Frösteln
befallen, daß er in Kleidern zu Bett ging; denn er wollte keinen Lärm
im Hause machen. In der Karaffe war kein Wasser, ein Lichtstumpf
verhieß nur für eine Stunde Licht, und das leere Fenster ohne Rouleau
fraß das meiste von dem Lichtschein auf; die grauen Speisekammertapeten
sahen wie die ewige Langeweile und Eintönigkeit aus, die spärlichen
Möbel sprachen von Armut und Ruin.
Er war so überwältigt von den aufregenden Erlebnissen des Tages, daß er
sofort in einen todesähnlichen Schlaf fiel.
Als er aufwachte, dachte er, es sei Morgen; doch im selben Augenblick
schlug die Eßzimmeruhr, und er zählte elf Schläge. Elf! Er hatte sich
um neun Uhr hingelegt, und nun sah er die lange schlaflose Nacht vor
sich, denn er war vollkommen munter.
Und jetzt auf einmal stand seine ganze Lage klar vor ihm. Ein Mann
in seiner Stellung, in seinem Alter, aus seinem Heim vertrieben,
von seinem Posten abgesetzt; ohne Mittag gegessen zu haben, wie ein
Landstreicher, hungrig und frierend, ein unwillkommenes Anhängsel,
das man weit weg wünschte ... Die ganze Erniedrigung des Auftritts zu
Hause, da er vor seinen Kindern bloßgestellt wurde, das Grauen vor dem,
was seiner wartete ... vor Prozessen und Skandalen.