Das Merkwürdigste von allem aber waren seine chemischen Berechnungen

über Ein und Aus des Viehstalls. Da stand eine Kuh und verzehrte

nur trockenes Heu nebst einigen Eimern Wasser. Das Heu bestand doch

hauptsächlich aus Zellulose, die stickstofffrei war, und das Wasser

enthielt keinen Stickstoff. Woher kam dann der unerhörte Überschuß

an Stickstoff, den Milch und Dung enthielten? Antwortete er: aus den

verbrauchten Geweben des Tierkörpers, so mußte er wieder fragen, wo

der Tierkörper den Stickstoff zur Erneuerung der Gewebe hernahm; denn

wurden diese nicht erneuert, so würde das Tier nach drei Monaten

spurlos verschwinden. Aus dem Heu kamen nur ganz unbedeutende Mengen

Stickstoff und aus dem Wasser überhaupt keine; wurde er denn aus der

Luft genommen? Nein, behauptete Pettenkofer! Es war also ein Wunder,

oder die Chemie auf dem Holzweg.

Und wenn er mit Kartoffeln fütterte, die neunzig Prozent Wasser und

zwei Prozent Stickstoff enthielten, war das Resultat das gleiche.

Da mußte man ja glauben, stickstofffreie Stärke könne sich in --

stickstoffhaltiges Eiweiß verwandeln und Wasser in das Ammoniak

übergehen, das im Dunghaufen im Überfluß vorhanden war. Aber das

widersprach den geltenden wissenschaftlichen Theorien, und deshalb

stand er vor einem Rätsel, das er schließlich beiseite schob.

Handgreiflicher waren dagegen die Angaben des Hauptbuches, nach

denen er in diesem Jahre für dreitausend Kronen Thomasschlacke zur

Düngung des Bodens gekauft hatte, während die Pachtsumme sich auf

zweitausendfünfhundert Kronen belief. Das war eine nackte, schlagende

Tatsache, die ihn auf einen neuen Gedanken brachte, der seine ganze

Lage beleuchtete. Der Boden kann einen Besitzer ernähren, nicht aber

Besitzer und Pächter zusammen; der Boden kann sich selbst düngen durch

eine gut geregelte Viehhaltung, aber der Boden ist nicht imstande,

Düngemittel zu kaufen. Das hätte er vorher wissen müssen, doch das

stand weder in den landwirtschaftlichen Lehrbüchern, noch in der

Nationalökonomie.

Er hörte jemanden kommen, klappte die Bücher wieder zu und steckte sich

eine Zigarre an, um seine Unruhe zu verbergen.

Seine Frau kam herein, jung und kräftig, jetzt aber mit bekümmerter

Miene.

»Anders! Gib mir die Schlüssel zum Speicher; ich muß Mehl zum Backen

haben.«

»Mehl? Wir haben keins mehr!«

»Wir haben keins mehr?«

»Nein!«

»O mein Gott! Hast du es verkauft?«

»Ich mußte!«

»Aber die Instleute?«

»Für die muß ich nach und nach welches kaufen.«

»Können wir nicht schnell etwas mahlen?«

»Wir haben nichts zu mahlen.«

»Hast du denn das Getreide auch verkauft?«

»Ich mußte!«

»Nein, nein, nein! Was ist denn noch im Speicher?«

»Nichts! Nur die Ratten!«

»Wir werden unglücklich, wenn der Inspektor das erfährt!«

»Er weiß es.«

»Also deshalb wagt er, was er wagt. Ja, dies geht nicht, Anders, dies

geht nicht.«

»Doch, aber ich werde schließlich noch ein Schwindler werden. -- Was

tut der Inspektor denn?«

»Ja, zum Beispiel, wenn die Kätner im Tagelohn arbeiten sollen, dann

wird er mit Eiern und Butter bestochen und erläßt ihnen die Arbeit.«

»Ist es so weit gekommen?«

»Ja, und noch weiter, er steckt mit den Melkerinnen unter einer Decke!

Warum jagst du ihn nicht weg?«

»Ich kann nicht, ich wage es nicht. Er weiß zuviel über die Geschäfte

und die Lage des Hofes. Das mit dem leeren Speicher ist das schlimmste,

denn das ist beinahe ungesetzlich. Der Inhalt des Speichers war

gleichsam eine Hypothek für die Pacht wie auch für die Löhne der Leute.«

»Wenn man denkt, daß ich diesen Inspektor an meinem Tisch sehen muß,

wenn er sich einlädt, -- weißt du, daß er in der Stadt bummelt und sein

ganzes Geld vertrinkt, so daß wir seine Kinder ernähren müssen?«

»Das kann ich mir denken! Aber das Ende wird sein, daß ich selber

Inspektor werde, dann komme ich vielleicht noch zu einem eigenen Gut,

ehe ich sterbe.«

Jetzt wollte die Frau von allgemeinen Betrachtungen zu Tatsachen

übergehen.

»Kristin in der Küche verlangt ihren Lohn. Hast du das Geld für die Kuh

bekommen, die wir dem Schlächter verkauft haben?«

»Nein, aber ich erwarte ihn jeden Augenblick mit dem Geld. Wieviel

schulden wir Kristin?«

»Einen Jahreslohn, wie du weißt, und dann habe ich bar von ihr geliehen

... ja, was soll man machen?«

»Hör einmal, wir sind doch morgen eingeladen; haben die Kinder was

anzuziehen?«

»Nein, du weißt ja, daß sie nur Sommermäntel haben.«

»Dann müssen wir sie in Schals und Decken einpacken, denn zu Hause

können sie nicht bleiben.«

»Ja, Anders, das ist verkehrte Wirtschaft. Ich bin auf dem Lande

geboren und weiß, was ein Hof tragen kann, das weißt du aber nicht!

Ein so kleiner Besitz wie dieser kann nicht einen Schmied, einen

Waldhüter und einen Kutscher tragen. Und weil du ihnen ihren Lohn nicht

zahlen kannst, stehlen sie. Der Schmied stiehlt Eisen und arbeitet

für eigene Rechnung; er beschlägt für das halbe Kirchspiel die Pferde

mit deinem Eisen; der Waldhüter verkauft Holz und der Kutscher Hafer.

Weißt du, mein Freund, am liebsten liefe ich weg von all diesem, denn

es ist nicht eine Brotrinde im Hause! Ich könnte weinen, wenn es mir

nicht leid täte um dich; aber du bist so gut, und du bist an dieser

Wirtschaft nicht schuld.«

Jetzt konnte Anders seine Rührung nicht zurückhalten; denn er war ein

guter Mann, den ein gutes Wort in Tränen zerfließen ließ; doch er kam

nur bis zu einem dankbaren Händedruck, als man draußen Schellengeläut

hörte.

»Das ist der Schlächter mit dem Geld! Wir sind gerettet,« rief er und

sprang auf.

»O Gott! Welch ein Glück,« stimmte die Frau ein und stellte sich ans

Fenster. »Aber geh nicht selbst hinaus; laß Lindquist ihn empfangen!«

»Ja, das kann er tun, denn der Schlächter und ich sind keine guten

Freunde.«

Die Schlittenglocken waren verstummt, statt dessen aber schlugen

die beiden Hofhunde an und rissen an ihren Ketten; die Jagdhunde

antworteten, und alle Köter des Hofes versammelten sich hinter der

Eismiete, die die Szene verbarg, die sich jetzt zwischen dem Schlächter

und dem Inspektor abspielte.

Der Pächter und seine Frau sahen von dem Auftritt nichts, aber sie

hörten einen Wortwechsel, der so laut war, daß das Wort Betrüger durch

das Doppelfenster drang.

Nach einer Weile entfernten sich die Schlittenglocken; das Hundegekläff

artete in ein Geheul aus, das auf einen Kampf hindeutete, und dann kam

der Inspektor zum Hause hinauf gelaufen.

Der Herr ahnte Unrat, und mit sorglicher Hand wollte er seine Frau

hinausführen, um ihr einen Auftritt und sich selbst eine Demütigung zu

ersparen; aber sie blieb stehen.

Der Inspektor kam herein.

»Was ist?« fragte der Herr.

»Der Schlächter hat die Kuh zurückgebracht,« antwortete der Inspektor.

»Er sagt, sie sei an einer unbekannten Krankheit verendet und er wolle

den Herrn verklagen.«

»Was haben Sie denn mit dem Tier gemacht?«

»Er hat es auf den Misthaufen geworfen und da sind die Hunde drüberher

gefallen; ich konnte sie nicht auseinandertreiben.«

»Lassen Sie sie nur! Dabei ist nichts zu machen. Gehen Sie in den

Stall, Herr Lindquist, und lassen Sie den Schlitten anspannen. Sagen

Sie dem Waldwärter, er soll die Eishacke nehmen und mitkommen.«

Der Inspektor wollte die Audienz noch verlängern, denn mit jedem Hieb,

den der Herr kriegte, wurde seine Straflosigkeit größer; aber er mußte

gehen, denn der Gutsherr verließ mit seiner Frau das Zimmer.

Die Gatten waren allein im Schlafzimmer, in das sie sich zurückzuziehen

pflegten, um Rat zu halten und sich zu verstecken, wenn die Leute das

Haus mit ihren Forderungen belagerten.

Die Frau begann:

»Ist es wahr, daß du ein krankes Tier verkauft hast?«

»Ja, das ist wahr! Ich werde zum Betrüger, wenn dies so weitergeht!«

und sie weinten beide.

Was sollte man jetzt verkaufen? Was sollte man tun? Sie berieten und

kamen zu dem Entschluß, der Mann müsse ausfahren und Geld leihen.

Dann sollte die ganze Wirtschaft geändert werden. Ein Jahr lief die

Pacht noch, da wollte man den Boden mit Hafer bestellen; der brauchte

nicht gedüngt zu werden und wurde sofort an die Pferdebahngesellschaft

verkauft; er sog freilich den Boden aus, aber was kümmerte sie das,

wenn sie von hier weggingen?

Das ganze Land hatte sich dem Hafer zugewendet, wenn nichts anderes

lohnte; daher war der schwedische Boden ausgesogen. Der Roggen, der

doch das Getreide des armen Mannes ist, wollte nicht mehr gedeihen,

sondern mußte importiert werden; vom Weizen war man über den Roggen

zum Pferdekorn herabgesunken; das war der Verfall. Und wenn die Bauern

die letzte Haferernte genommen hatten, um ein Billett nach Amerika zu

kaufen, konnte man kaum einen Reflektanten für den wertlosen Boden

finden. Der Boden, den der Pflug bearbeitet hatte und der gedüngt

gewesen war, gab seltsamerweise nur Unkraut; er konnte aus sich selbst

keine natürliche Weide werden wie die Wildnis; er war verflucht; er

war durch die Bestellung verwöhnt und verlangte Bestellung; er konnte

freilich wieder als Kleewiese angelegt werden, aber wenn diese nicht

erneuert wurde, gab sie keine Erträge mehr.

Wenn die Pachtzeit zu Ende ging, pflegte man das Inventar zu

verauktionieren. Da die Bauern eine absonderliche Vorliebe dafür

hatten, auf Auktionen zu kaufen, weil sie alles billiger und besser

zu bekommen glaubten, pflegten die fortgehenden Pächter schon vorher

alles Brauchbare zu verkaufen und schlechtere neue Sachen anzuschaffen.

Das beste Vieh und die guten Pferde wurden unter der Hand verkauft und

schlechte dafür wiedererworben. Geräte, Wagen und Schlitten wurden in

aller Eile hergestellt und auf die Auktion gebracht. Das war ja nicht

unehrlich, aber anständig war es nicht, und das konnte man sich auch

nicht leisten.

Als sie mit ihrer Überlegung zu Ende waren, fuhr der Schlitten vor.

Der Waldhüter, ein Zigeunertyp, der Liebling des Gutsherrn, weil er

rühriger war als die Kätner, stand mit der Eishacke bereit. Seine

Aufgabe war nämlich, bei Landzungen und Meerengen, wo man Strömungen

befürchtete, vor dem Pferde herzugehen und das Eis zu prüfen.

Als der Herr den Schlitten bestieg, gewahrte er ein Schauspiel, das

ihm, trotz des Elends, das darin zum Vorschein kam, ein Lächeln

entlockte.

Vier von den größten Hunden hatten die tote Kuh einträchtig auf die

gewaltige Pyramide der Eismiete geschleppt; aber als sie diese

gemeinsame Arbeit getan hatten, jagte die größte Hofdogge die drei

Verbündeten hinunter und lag nun wie eine Sphinx allein dort oben und

schmauste. Die Hunde der Nachbarhöfe waren angelockt worden, und die

kläffende Schar am Fuß der Eismiete drängte sich bisweilen zusammen

und bildete ein Knäuel von Pelzen, Schwänzen und Pfoten. Einige

Kätnerfrauen hatten schwache Versuche gemacht, den Raub mit der Dogge

zu teilen, hatten sich aber zurückgezogen. Alles war ausgehungert auf

dem Hof, Menschen und Vieh. Die Hunde hatten in ihrer Not alles nach

Hasen und jungen Vögeln abgejagt und lernten schließlich unten auf dem

Eise Fische stehlen, indem sie die Rotaugen vom Angelhaken schnappten.

Jetzt aber hatten sie einen Schmaus bekommen.

Die Peitsche knallte, und in sausender Geschwindigkeit fuhr der

Schlitten aufs Eis hinunter und auf die Fjorde hinaus, die blank

dalagen.

Die Fahrt ging zuerst nach dem andern Ufer hinüber, wo auf einer

Landzunge zwei alte Männer sich in einem roten Hause niedergelassen

hatten, um das Ende des Lebens zu erwarten. Der eine war ein früherer

städtischer Kämmerer und Witwer, der jetzt mit siebzig Jahren von

seiner Pension lebte; der andere war ein Achtziger, weiß wie eine

Taube, der, seit er Student in Upsala gewesen war, nie etwas getan

hatte. Mit zwanzig Jahren hatte er eine Leibrente bekommen und dann

nie mehr gearbeitet. Der Fall war ungewöhnlich, aber der Alte hatte

für eine einzige Tat, ein einziges Interesse gelebt: er war Juvenal

gewesen. Er betrachtete sich jetzt auch nur noch als Gegenstand in

einem Museum, der gezeigt werden konnte. Das rote Haus war berühmt

wegen seines kostbaren Inhalts, man machte Ausflüge dorthin, um ›einen

von den Burschen‹ zu sehen, denn in den hatte die Tradition den Juvenal

umgewandelt. Er hatte mit Wennerberg gesungen, er hatte Karl XV.

gekannt; er hatte mit Jenny Lind gesprochen, er hatte Gejer gesehen.

Aber all das spielte heute keine Rolle, als Anders Borg angefahren kam,

um Geld zu leihen.

Die Freude der beiden Alten war groß, als der Schlitten vor dem Hause

vorfuhr, denn sie waren vierzehn Tage eingeschneit gewesen, hatten

seit acht Tagen keinen Fremden gesehen, keine Zeitungen und keine Post

bekommen.

Sie nahmen Anders den Pelz ab und zogen ihn in die Wärme hinein; er

bekam einen Glühwein und mußte erzählen, was in den Zeitungen gestanden

hatte. Darauf wurde das Kartenspiel hervorgeholt, und man spielte Wira,

nur eine Runde.

Über Geld zu sprechen ist ja unangenehm, denn das letzte, was der

Mensch aus den Händen gibt, ist das Gold, aus dem einfachen Grunde,

weil dieses Metall die Existenzbedingungen, Wohnung, Essen, Kleidung

und Wärme ausmacht.

Nachdem er im Verlauf von zwei Stunden alles ausgekramt hatte, was,

wie er wußte, den Alten angenehm war, rückte er schließlich mit seinem

Anliegen heraus. Da zog eine Wolke durch das helle Zimmer mit den

weißen Gardinen; der Friede des Alters war gestört, und die Greise

quälte es, einen in Not Befindlichen ohne Hilfe lassen zu müssen.

Sie konnten kein Geld entbehren, und es war ihnen peinlich, das

einzugestehen, genötigt zu sein, ihre ökonomische Lage darzulegen.

Anders seinerseits litt darunter, diese Verstimmung hervorgerufen zu

haben; es war ein Elend, Geld leihen zu müssen, und er begriff jetzt,

warum so viele Betrug und sogar Diebstahl vorzogen.

Als er sich nun wieder in den Schlitten setzte, wollte er eigentlich

nach Hause fahren, aber der Gedanke an Frau und Kinder rüttelte ihn

auf, und mit einem Knall der Peitsche setzte er das Pferd in Bewegung,

auf den großen Fjord zu. Der Waldhüter hinten auf dem Hundesitz äußerte

einige Besorgnisse, aber der Herr wollte nicht darauf hören. Das Eis

war dünn, aber zäh, durchsichtig wie Glas, so daß man an seichten

Stellen die Tangwälder sah.

Auf dem Fjord wogte das Eis, aber das Pferd beschleunigte den Lauf, in

dem Instinkt, daß es im Notfall von der geöffneten Wake wegspringen

konnte, und der Gutsherr wußte aus Erfahrung, daß das Salzwassereis

zäher war, als es aussah, und nicht so gefährlich, wie es schien. Den

Kurs nahm er nach Osten nach einer flachen Insel in der Ferne, wo der

Diakonus wohnte. Dieser, der eine kleine Kirchenkasse zu verwalten

hatte, würde ihm wohl zehn Kronen leihen können; so tief hatte er jetzt

seine Ansprüche herabgeschraubt.

Nur Luft und Wasser und der schwarzgrüne Strich in der Ferne waren zu

sehen, als das Pferd plötzlich stehen blieb.

Der Waldhüter war sofort neben seinem Kopf, warf die Eishacke wie eine

Lanze, und siehe da, das Wasser stieg aus dem Loch.

»Das geht nicht, Herr,« sagte Viktor. »Geht der Wind einen Strich

weiter nach Osten, so bricht das Eis und wir sind kaputt!«

»Ich kehre nicht um,« antwortete der Patron; »sitz auf, so sollst du

sehen, was fahren ist!«

Die Peitsche sauste um die Lenden des Pferdes, und es ging in

gestrecktem Trab ums liebe Leben. Eissplitter und Wasserspritzer

stiebten um die Gesichter.

Es handelte sich nur um zehn Kronen, aber es handelte sich auch darum,

ein Ziel zu erreichen und vor allem eine Pflicht zu erfüllen, und er

hatte das Gefühl, sein Leben den Seinen zum Opfer zu bringen und die

Schande hinter sich zu lassen.

Der dunkle Strich in der Ferne wurde immer breiter und kam näher;

Dächer wurden sichtbar, und gleich darauf zeigten sich Leute am

Strande, die winkten und riefen.

Der Waldhüter verstand die Signale zuerst, sprang vom Sitz und schrie:

»Halt, Herr, hier ist eine Wake!«

Anders Borg hielt das Pferd an, denn er sah eine offne Rinne, in der

ein Dampfer gefahren war. Er stieg aus und maß mit den Augen die Breite

der Rinne, als gedenke er hinüberzuschwimmen, denn vorwärts mußte er.

Aber nach kurzem Besinnen nahm er einen Pfahl, der die Rinne abgesteckt

hatte, stieg auf eine schwimmende Eisscholle, stieß mit dem Pfahl ab

und kam ins Treiben. Die Leute am Strande schrien, als die Scholle sich

in Bewegung setzte, doch Anders paddelte weiter. Als er sich der andern

Seite näherte, begann seine Eisscholle zu sinken, langsam, gleichmäßig

wie eine Falltür. Mit einem Satz sprang er auf die nächste Scholle

hinüber, die ebenfalls sank, und dann wieder auf die nächste, worauf er

im Galopp das Land erreichte; aber auf der letzten Strecke trat er das

Strandeis durch, das wie zerbrochene Fensterscheiben klirrte.

»Ist der Herr Pastor zu Hause?« fragte er, ohne zu grüßen.

»Ja, das ist er,« war die Antwort.

Und nun eilte Anders hinauf nach einem roten Hause, das ziemlich ebenso

aussah wie die andern.

Er betrat es in dem gleichen Tempo, das er beim Übergang über die

Eisrinne angewendet hatte, riß die Tür auf und stand in der Stube, in

der der Vikar in seinem Schaukelstuhl saß und schlief, um zwölf Uhr

mittags.

»Nein, bist du es? Ich wollte gerade ein Schläfchen machen, da hörte

ich Hilferufe auf See,« sagte er, indem er sich ermunterte.

»Ja, ich bin in der Klemme, und du mußt mir zehn Kronen leihen.«

»Zehn Kronen? Wo soll ich die hernehmen? Ich wollte gerade eine

Diskontanleihe machen, aber das ist mißlungen ...«

»Du kannst doch aus der Kasse leihen!«

Hier entstand eine Pause, und Anders Borg begriff, daß er sich abermals

hatte verleiten lassen, in die Geheimnisse anderer einzudringen und

einem Unglücklichen das demütigende Eingeständnis einer schlechten

pekuniären Lage abzuzwingen. Doch er faßte sich schnell und lenkte ab:

»Kannst du nicht einen Bauern anpumpen?«

»Ich, einen Bauern anpumpen? Nein, mein Freund, so ist meine Situation

nicht. Siehst du, im ersten Jahr hab ich mich gemein gemacht und

habe mit ihnen trinken und essen müssen; aber da ging der Respekt

verloren, besonders als ich Geld von ihnen pumpte, um meine Upsalaer

Schulden zu bezahlen. Als ich mich zurückzog, begannen sie mich zu

hassen. Ich wurde einsam; ich habe niemanden, mit dem ich sprechen

kann, habe nichts zu tun. Ich darf nicht fischen, nicht jagen, nicht

das Feld bestellen. Lesen kann ich nicht, denn dann schlafe ich ein.

Ich bin verurteilt, nichts zu tun, außer Sonntags! Ich verdorre,

ich versteinere, während ich schlafe; ich schlafe die ganze Nacht,

zwölf Stunden, von acht bis acht, und ich halte Frühstücksschlaf,

Mittagsschlaf, schlafe und schlafe. Wenn du wüßtest, was für ein Leben

das ist! Das ist Scheintod! Seelsorge wollen sie nicht haben, und alle,

die in Not und Elend geraten, gehen zu den Pietisten. Ich wünsche

manchmal, ich wäre selbst Pietist, aber dann muß man glauben, und das

kann ich nicht! -- Anders Borg, um des Himmels willen, hilf mir von

hier fort, oder ich sterbe! Ich habe seit acht Tagen nicht gesprochen,

und jetzt habe ich zu allem Elend noch einen Prozeß auf dem Halse. Ein

Bauer hat Holz aus dem Pfarrwald gestohlen; ich habe es selbst gesehen

und es dem Propst angezeigt. Jetzt bin ich wegen Beleidigung verklagt,

weil ich nicht beweisen kann, daß ich den Diebstahl gesehen habe. Der

Dieb geht frei aus, und ich kann ins Gefängnis kommen, ich, der doch

kein Holz gestohlen hat. Die Bauern sagen, ich habe geklatscht, das

sagen sie von dem Amtmann auch, wenn er sie anzeigt, und kürzlich

wollte ein Spitzbube den Richter selbst wegen Beleidigung verklagen,

weil dieser auf die Anzeige eines Polizeidieners, die voller Beweis

ist, sein Urteil gefällt hatte. Was soll ich anfangen? Wenn ich

verabschiedet werde, bekomme ich keine Anstellung als emeritierter

Geistlicher.«

Er würde nie zu reden aufgehört haben, wenn er nicht in Tränen

ausgebrochen wäre. Und Anders Borg vergaß seine Sorgen vor diesem

bodenlosen Elend. Da er aber nicht wußte, was er sagen sollte, fuhr der

Vikar fort, überglücklich, seine eigene Stimme hören und sich beklagen

zu können:

»Was wollen sie mit Pastoren? Können sie es nicht machen wie die Juden

und einen von den Ältesten der Gemeinde am Sonntag aus der Postille

vorlesen lassen -- ich schreibe ja aus den Postillen ab, wie alle

Pastoren. Können nicht verständige, redliche Männer die Grabrede halten

und taufen? -- die Baptisten taufen doch, und die Pietisten teilen das

Abendmahl aus, während sie wie die Apostel ihrem Beruf nachgehen.

Weißt du, die Religion als Beruf und Broterwerb ist verkehrt. Und auf

der Universität liegen und saufen, Spitzfindigkeiten und theologische

Haarspaltereien lernen, das vertreibt alle Religiosität! Jetzt sollen

die Geistlichen auch in der Kaserne exerzieren, sollen gezwungen

werden, unanständige Lieder zu singen, sollen nächtliche Gespräche

zwischen Soldaten mitanhören; das bedeutet mit der ganzen Kirche als

Broterwerb Schluß machen!«

Hier kam das Gespräch ins Stocken, denn Anders hatte zu wenig Interesse

für die Kirche, um ihren Untergang beklagen zu können; außerdem war

sein eigener Selbsterhaltungstrieb erwacht, so daß er während des

letzten Teils des Gesprächs sich hatte ausdenken können, wo er jetzt

seine zehn Kronen hernehmen würde. Deshalb stand er hastig auf und nahm

mit den einzigen Worten der Ermunterung, die er finden konnte, Abschied:

»Zerstreue dich, alter Junge! Komm herüber und besuche uns, dann wollen

wir dich aufrütteln.«

Der Vikar sah seinen Freund wie einen Fremden an, denn er war in seinen

Hoffnungen, Teilnahme zu finden, getäuscht worden. Er griff aber

nach seiner Pelzmütze, um ihn an den Strand hinunterzubegleiten; er

scherwenzelte wie ein Hund und sprach in einem fort, jetzt aber über

Bagatellen, über das Wetter und den Fischfang, über den Eisgang und die

Gefahren auf See, alles vor tauben Ohren.

Als Anders Borg sich über die Eisrinne gestakt hatte und im Schlitten

saß, fuhr er nordwärts; doch da ihm der am Strande stehende Pastor

einfiel, drehte er sich um, und jetzt sah er, wie der Verlassene die

Mütze zum Abschied schwenkte.

Das gab ihm einen Stich, zugleich aber empfand er den Trost des

Verzweifelten, wenn er einen Menschen zu sehen bekommt, der noch

verzweifelter ist.

Ohne Heim, ohne Freunde, Ruin und Gefängnis vor Augen! dachte er. Es

ist ein Jammer um ihn, aber wo soll ich zehn Kronen hernehmen?

Diese Frage hatte er sich in seinem Innern schon beantwortet, da

er nach Norden über den Fjord steuerte; denn da wohnte der alte

Opernsänger, der sich, der Welt überdrüssig, mit seiner Pension und

seiner Frau auf einen Hof zurückgezogen hatte, den er ohne Acker, aber

mit Jagd- und Fischereigerechtsame gepachtet hatte.

Eine Meile ist für ein Pferd lang, doch es lief sie auch noch, und

Anders Borg war wenigstens eines freundlichen Empfangs und eines guten

Tropfens sicher, wie es dann nachher mit den zehn Kronen auch ablaufen

mochte.

Im Vorbau stand der alte Sänger mit seiner Flinte und einem Jagdhund.

Er kam von einer Hasenpirsch, natürlich ohne etwas geschossen zu haben,

und war sehr erfreut, einen Menschen zu Gesicht zu bekommen; denn

er wohnte in der Einsamkeit und hatte eine halbe Meile weit keinen

Nachbarn.

Während Anders Borg mit dem Schutzleder zu tun hatte, klopfte der

Sänger dem schäumenden Pferde die Nüstern und sagte:

»Du hast einen feinen Schlittentraber, Anders.«

»Willst du ihn kaufen?« fragte Borg, nur um etwas zu sagen.

»Wenn du ihn verkaufen willst! -- denn ich habe gerade einen auf Probe

gehabt, der hatte Spat.«

»Im Ernst, willst du ein Pferd kaufen?«

»Ja gewiß!«

»Dann kannst du meins nehmen; den Schlitten kriegst du zu.«

»Was kostet es denn?«

»Du sollst es für hundertfünfzig haben, mit Schlitten.«

»Her damit!«

»Bar?«

»Bar! Komm herein, dann bezahle ich es dir aus!«

»Aber du mußt mir einen Stuhlschlitten und ein Paar Schlittschuhe

geben, damit ich nach Hause kommen kann! Viktor muß mich auf dem Eise

schieben.«

»Das sollst du haben! Also abgemacht!«

Anders war gerettet, vom Strick abgeschnitten, aus dem Wasser gezogen;

und nachdem er im Pelz ein Glas getrunken hatte, befand er sich auf

dem Heimwege, als der Tag seinem Ende zuging, auf einem Stuhlschlitten

sitzend, geschoben von dem Waldhüter, der auf Schlittschuhen

hinterdrein lief.

Als er sich im Dämmern der Heimat näherte, sah er das ganze Haus

erleuchtet, und er dachte an seine arme Frau, die sicher von Besuch

überrascht worden war und nichts vorzusetzen hatte.

Die Gotischen Zimmer: Roman · 第 6 / 20 段