Landwirtschaft ist, läßt deinen Dienst von Diakonen und Hilfspredigern
versehen. Und was tut dein Diakon? Er ißt, wenn er nicht schläft,
und dazwischen trinkt er und spielt Karten. Sechs Tage ausruhen und
am siebenten arbeiten. Und dein Hilfsprediger, der Mitarbeiter am
›Vaterland‹ ist und das Eherecht verteidigt, ist dir bekannt, was der
da draußen auf seiner Insel treibt? Du weißt, daß er wie ein Türke
lebt, daß man ihn splitternackt mit einem nackten Mädchen in einem
Boot gesehen hat, und du drückst ein Auge zu, weil du ihn zu deinem
Kartenspiel brauchst! Die Gemeinde aber verläßt die Kirche und baut
sich Bethäuser, die ihr verfolgt! Ja, das alte Schweden ist im Begriff,
eine Pfaffenrepublik zu werden wie Paraguay, und mit der Staatskirche
ist es jetzt ebenso faul wie im Jahre 1527. Die geistliche Macht habt
ihr verloren, nur die weltliche besitzt ihr noch. Eure Bischöfe essen
Visitationsdiners, sitzen in Reichstag und Landtag, in Kommissionen
und Akademien -- wir hatten kürzlich einen Bischof mit achtzigtausend
Kronen jährlich und Afterkrebs (den hatte er sich angefressen); er
übersetzte Gedichte und schrieb humoristische Lieder, die Seelsorge
überließ er dem Teufel. Ich hatte einen Vetter, den du auch gekannt
hast, der war Diakonus in einer Stadt im Norden. Der hat sich zu Tode
gefressen; denn bei jeder Amtshandlung, sei es Hochzeit, Kindtaufe
oder Begräbnis, mußte er essen und trinken; und an dem letzten Sonntag
seines Lebens erledigte er achtzehn Amtsgeschäfte, das heißt, er aß und
trank achtzehnmal am Tage; da rührte ihn der Schlag und er starb. Du
redest von eurer Humanität. Das ist nur Vorurteilslosigkeit, die sich
auf Unglauben gründet! Ihr glaubt nicht an eure Lehren, das verlangt
auch niemand, aber dann sollt ihr den Abschied nehmen, sonst seid ihr
Heuchler! Doch ihr wollt das Brot und die Macht nicht aus den Händen
geben! Geistliche und Offiziere, die zwei sind eins, und ihr stützt den
Thron, der nur ein alter Stuhl mit einem Loch darin ist ...«
Jetzt waren beide aufgestanden und trabten auf den Teppichen umher wie
Leu und Bär. Gustav Borg aber ließ sich das Wort nicht nehmen.
»Für Kühe und Schweine kannst du sorgen, kommt aber ein Mensch
in Seelennot zu dir, dann hast du keine Barmherzigkeit, keine
Hilfe, keinen Trost; denn du bist hart, geizig, unbarmherzig! Und
achtundzwanzigtausend solche Kreaturen wie du und deine Untergebenen
muß das Reich ernähren. Sieben Millionen Kronen eßt ihr auf, und die
Mittel werden im Guten und im Bösen zusammengebracht, von Bekennern und
Nichtbekennern, und in einer Weise, die an Erpressung erinnert. Woran
ihr glaubt, das weiß der Teufel, aber ihr wirkt wie Teufelsverehrer,
denn euer Organ verherrlicht Karl XII., den Zerstörer Schwedens, der
kein Mensch war, sondern ein Teufel. Und als beim letzten Jubelfest
zu Ehren dieses Untiers, das jeder, sogar der sittlichen Größe
ermangelte, eine Gruppe Studenten opponierte, da wurden sie vor den
Rektor zitiert und wären um ein Haar durch Relegation entehrt worden.
Verdient ihr Irrenhaus oder Zuchthaus? Und du mit deiner Seelsorge!
Man sagt, du schlägst mit dem Rohrstock, wenn du zu Verstand und Herz
sprechen müßtest. Und deine Kirche, was tust du darin? Dasselbe, was
der Metropolit in der Sakristei tat. Du hast neulich in einem solennen
Festrausch damit geprahlt, du gingest nie in die Kirche, du seist
seit einem Jahr nicht in der Kirche gewesen! Und du, der du so streng
auf den Abendmahlszwang hältst, wann bist du zuletzt zum Abendmahl
gegangen? Vor zwanzig Jahren, bei deiner Amtsweihe! Pfui Teufel, sage
ich, und jetzt schüttle ich auf deinem Flickenteppich den Staub von
meinen Füßen. Es ist schade um dich, denn du hast dir nie überlegt,
was du tust und wer du bist! Aber wenn du aufwachst, so geh nicht in
deinen alten Bau, dessen Altarschrein du, in Parenthese, vor kurzem an
den Antiquitätenhändler verkauft hast, sondern geh ins Bethaus, wenn
du kannst. Da triffst du wenigstens Christenmenschen; die den Versuch
machen, wenn es ihnen auch nicht gelingt, ihr Inneres zu säubern!«
Der Pastor war kein böser Mann, auch kein Heuchler, aber er hatte, wie
alle, sein Leben so gelebt, wie es sich darbot, ohne Überlegungen;
hatte die Tage nacheinander hingenommen und nie zurückgeblickt oder
dies verworrene Konto von Aus- und Eingängen, Debet und Kredit, das man
Leben nennt, aufgestellt.
Als er jetzt dies zu hören bekam und seine Rechnung vor sich sah,
konnte er keine einzige Tatsache in Abrede stellen. Er sah sich selbst,
seine Fylgia, zum erstenmal, und er meinte sterben zu müssen. Er blieb
sprachlos auf dem Sofa sitzen und war schwarz im Gesicht wie ein
geschlachteter schwarzer Stier.
Der Schwager, der durch diesen Ausbruch und diesen Sieg das am
Morgen verlorene Selbstgefühl wiedererlangt hatte, begann aus seiner
Verschrumpfung aufzuschwellen; und da er sich einen ehrenvollen Abgang
sichern wollte, bevor der Feind sich hatte sammeln können, feuerte er
die letzte Salve ab.
»Du bist ein Pater, aber kein Geistlicher; du beginnst das
Morgengebet im Stall mit Bier und Branntwein, dann hältst du deinen
Frühstücksschlaf und spielst Brett bis zum Mittag; wenn du mit drei
Gängen zu Mittag gegessen und dich zum zweitenmal berauscht hast, legst
du dich zum Mittagsschlaf ins Bett, oder wie man es in Upsala nannte:
wälzt Mittag; dann spielst du Brett bis zum Vesper, sitzt bei Grog
und Wiraspiel bis zum Abendbrot, das jeden Abend aus kalten Platten
mit einem warmen Gang besteht. Bist du einen Abend nüchtern ins Bett
gegangen? Bist du mit deinen drei Räuschen täglich in fünfundzwanzig
Jahren je nüchtern gewesen? Sprichst du je dein Abendgebet? Nein, du
bist kein Mensch, sondern du bist ein Schwein! Das bist du!«
Er hatte freilich das, was er beabsichtigt hatte, nicht erreicht, aber
er hatte etwas anderes getan; und er wünschte nur, die andern hätten
ihn gehört, dann würden sie ihn nicht konservativ genannt haben.
Sechstes Kapitel
Eine unklare Situation
Das französische Geschwader kam und sprengte für einen Augenblick die
privaten und einige allgemeine Koalitionen. Der schwedische Leichtsinn
zeigte sich von seiner liebenswürdigen Seite, vergessen zu können.
Trotz der neu aufgenommenen deutschen Politik sah man Mitglieder der
Regierung den Festen beiwohnen und Reden auf Frankreich halten.
Gustav Borg hatte einen großen Tag, als das Tivolifest veranstaltet
wurde, denn er war einer der Gastgeber; und da er außerdem perfekt
französisch konnte und ein ausgezeichneter Redner war, machte er sich
ganz vortrefflich.
Frankreich war nach dem Kriege 1870 etwas spröde gegen Schweden
gewesen, da dieser uralte Bundesgenosse der Republik und dem besiegten
Freunde den Rücken kehrte; aber jetzt war alles vergessen. Der
französische Botschafter in Stockholm, eine starke Intelligenz,
Republikaner und, wie behauptet wurde, vordem Communard, fraternisierte
mit den liberalen Salons Stockholms, verkehrte in Bürgerhäusern und
trat mit Vorträgen in Klubs auf, die nicht gerade ~comme il faut~
waren. Oben mußte man ihm das zugute halten, denn er war Botschafter
der großen Nation, so daß seine Person unverletzlich blieb. Seine
Wohnung und das norwegische Gesandtschaftshotel waren das Zentrum
für alles, was an Politik, Wissenschaft, Kunst und Literatur zur
Fortschrittspartei gehörte; halb aus Neugier, halb gezwungen kamen
jedoch auch viele von den Oberen dahin, die nur durch Geburt und Amt
dort oben gebunden waren. Diese versuchten wohl die Roten auszustechen
und in Mißkredit zu bringen, merkten aber bald, daß jene überall
Gesinnungsgenossen hatten. So passierte einem schwedischen Gesandten
bei seinem norwegischen Kollegen das folgende Quiproquo:
Der Gesandte (zu dem französischen Botschafter): »Was hat denn der gute
Blehr da für einen Lumpen in seinen Salon eingelassen?«
Der französische Botschafter: »Wen? Den da! Das ist mein spezieller
Freund, der Maler X.«
Der Gesandte: »Teufel auch, aber er sieht entsetzlich aus!«
Der französische Botschafter: »Was tut das, er ist Offizier der
Ehrenlegion und wir (wir beide) sind nur Ritter!«
Der Gesandte (mit steigendem Pech): »Aber die Damen sind wirklich etwas
merkwürdig. Sehen Sie die an, die wie eine Sängerin aussieht.«
Der französische Botschafter: »Meine Frau ist es allerdings nicht, aber
die ist auch Sängerin gewesen.«
Tableau!
In diesen Kreisen bewegte sich Gustav Borg, als sei er hier zu Hause,
und jetzt auf dem Tivolifest, wo er seine blendende Rede auf Frankreich
hielt, von dem aller Fortschritt ausgehe, vergaß man seine Absetzung;
und er stand wieder unverhüllt als ein alter Republikaner da, ein Sohn
der Revolution, der jeden Verdacht, konservativ zu sein, von sich
abschüttelte.
Die Mischung der Klassen und Ansichten in den neunziger Jahren
war so intensiv, daß alle alten Begriffe nicht mehr paßten. Die
beiden einfachen Rubriken: konservativ und liberal, dienten nur als
Spitznamen, wie früher einmal Hüte und Mützen. Das Leben war reicher
geworden, die Anschauungen hatten Nuancen bekommen, das borniert
Exklusive war in die Käseblätter des unteren Bürgerstandes verwiesen,
die in ihrem einfachen Spektrum nur zwei Farben sahen. So hatte der
Cato Censor des Reichstags, der unverwüstliche Wächter der Heiligkeit
der Verfassung, zu wiederholten Malen den Spitznamen Konservativer
erhalten; zuletzt, als er die Frauenfrage nicht mitmachen konnte, aber
das focht ihn nicht an. Während der aufgeblasene, für die Forderungen
der Zeit starblinde Bischof in Y. für einen Roten angesehen wurde, weil
er einmal aus reinem Versehen für das allgemeine Wahlrecht gesprochen
hatte.
Die Regierungsmacht des Landes lag in sovielen Händen, daß man nicht
sagen konnte, wer mitregierte. Der Staatsrat tat es nicht; der
Reichstag schien Gesetze zu geben, die öffentliche Meinung aber wurde
in den Zeitungen, in der Literatur, in den Familien, den Klubs, den
Cafés, den Salons, den Werkstätten vorbereitet. Schon die Macht des
gesprochenen Wortes ist groß, größer noch die des geschriebenen. Die
Macht der Presse, die damals sehr bedeutend war, wurde durch das
Entstehen vieler Zeitungen neutralisiert, so daß eine Berühmtheit
oder eine Autorität nur in ihrem Kreise galt; in dem der andern war
sie nichts. Der Gesellschaftskörper bestand aus vielen exzentrischen
Kreisen, die alle ihren Mittelpunkt hatten, aber keinen gemeinsamen.
Dadurch konnte keine Kraftquelle so stark werden, daß sie andere
niederdrückte, während aber alle einen gelinden Seitendruck verspürten,
der das Gewölbe zusammenhielt.
Das Tivolifest fand an einem sonnigen Sommerabend statt. Der Chef
des Generalstabs hielt die erste Rede und erinnerte an seine
Waffenbrüderschaft mit der französischen Armee, als er im Kriege 1870
bei Vionville und Gravelotte gekämpft hatte. Dann trat Nordenskiöld
auf. Der Republikaner, der kürzlich das Revolutionsfest gefeiert hatte,
der Reichstagsabgeordnete der Liberalen, der ausgewiesene Finne, der
erste Name Schwedens, der volkstümliche, einfache Mann ohne Hochmut
und große Gebärden, der aber zu Hause in seinem Schreibsekretär alle
Ordenssterne Europas hatte. Das mit den Ordenssternen konnten die
Liberalen nicht recht verstehen, aber das war sein Opfer. In einem
Lande, wo alles zu königlichem Recht gemacht wird, war er gezwungen, zu
wählen! Ohne Orden keine Nordostpassage! Und er nahm beide!
Unter dem alten Regime hatte ~Le roi soleil~ sein Licht allem Großem
gespendet; jetzt aber entlieh die monarchische Institution ihren Glanz
von allem Großen, indem sie ihm ihren hohen Schutz angedeihen ließ.
Nordenskiöld nahm es hin wie ein unschuldiges Spielzeug, ohne indessen
etwas von seiner Persönlichkeit dafür zu geben.
Die Altliberalen hatten freilich gemurrt; doch als sie sahen, daß der
Mann keinen Schaden nahm, verziehen sie ihm schnell, und das verdiente
er.
Nun war der offizielle Teil zu Ende, und man zerstreute sich in
Gruppen. Die »Gesellschaft« hatte den Tanzpavillon eingenommen, andere
kleine Gruppen ließen sich in Kiosken nieder oder oben auf der Terrasse
im Café, im Zelt, in den Kegelbahnen.
Gustav Borg befand sich in der »Gesellschaft«, in einem Kiosk in der
Nähe aber saßen seine Frau Brita, die Söhne Holger und Kurt, der
Architekt, sowie Doktor Borg, ohne Frau; sie konnte nicht französisch
und wollte nicht gedemütigt werden.
»Die Situation ist unklar,« sagte der Doktor, »unklar wie alles
augenblicklich. Die Liberalen haben sich auf das Geschwader gestürzt,
und Gustav blüht da unten auf der Rabatte.«
»Mit wem spricht er?« fragte Brita.
»Es ist eine Finnländerin, kannst du dir das vorstellen!«
»Die das Kronstadter Geschwader und die russische Allianz feiert?«
»Tja, die Situation ist unklar! Eins aber ist sicher: jetzt wird den
Finnen ihr grenzenloser Übermut und ihre dumme Verachtung Schwedens
heimgezahlt. Die Finnomanie der siebziger Jahre, die von schwedischen
Finnen gepflegt wurde, war nur die Fortsetzung von Anjala. Ich war
damals drüben in Helsingfors, und es war unerträglich. Dieser Forsman
verachtete die schwedische Sprache so sehr, daß er sich umtaufte und
sich Yrjö Koskinen nannte oder so ähnlich; Topelius war russischer
Staatsrat oder irgend etwas Russisches; wenn ich einen schwedischen
Finnen auf schwedisch ansprach, antwortete er nicht; sie faselten vom
›schwedischen Joch‹, worunter sie die schwedische Sprache verstanden,
und versuchten etwas auf Kalewala aufzubauen, auf diesem Jugendbuch,
das von einem Sägemühleninspektor zusammengebraut zu sein scheint.
In den achtziger Jahren wollten sie das Schwedische abschaffen und
ihre samojedische Rindenkultur mit der finnischen Sprache einführen;
die Alten spielten russische Staatsräte und die Jungen russische
Nihilisten; Walter Runeberg soll für Helsingfors eine Alexanderstatue
machen; das trojanische Pferd, was? Aber jetzt, wo es brenzlig wird
und Rußland sich Finnland einverleiben will, da kommen sie hierher
und verlangen, daß wir Rußland den Krieg erklären. Denkt euch, in dem
Salon dieser finnischen Dame verkehrt ein finnischer Senator, der
verbannt zu sein glaubte, weil der Zar ungnädig gegen ihn gewesen
war; der Zar aber wußte von keiner Ungnade und hat kürzlich nach
seinem Freunde, dem Senator, gefragt, den er vermißte. Werdet ihr
klug daraus? Und diese Finnländerin glaubt eine große Patriotin
zu sein, ja sie ist so urfinnisch, daß sie an der Errichtung einer
Elevenschule am Schwedischen Theater in Helsingfors teilgenommen
hat, in der neuangekommene Schweden die finnische Aussprache lernen
sollen, das heißt mit finnischem Akzent sprechen. Was soll man dazu
sagen? Arme Finnen, sie wissen nicht, was sie tun, aber sie haben es
so gewollt! Übrigens läuft ja alles auf Zusammenschluß hinaus und auf
das Aufsaugen der kleinen Nationen. Das ist im Anfang schmerzlich; aber
das Weltbürgertum wird nicht mit ein paar Groschen erkauft! Seht, jetzt
macht sie sich an einen russischen Attaché heran! Das müßte der Senator
sehen!«
»Die kleinen Nationen werden verschwinden,« fiel jetzt Frau Brita ein,
froh und munter, als verkünde sie eine Entdeckung.
»Ja, und wir sind schon auf dem Wege! Wißt ihr, mir macht dieses Fest
keine Freude; es bedeutet für uns, daß wir Schweden nicht mehr nötig
sind. Frankreich hat uns seit mehreren Jahrhunderten als Vorposten
gegen Rußland benutzt, und es gibt eine alte in Frankreich geschlagene
Medaille, auf der dem Schweden sein Platz als Frankreichs Söldner
angewiesen wird. Sie haben uns tatsächlich als eine Art Schweizer
betrachtet, die von Truppenvermietung lebten; und jetzt, da sie
das Bündnis mit Rußland geschlossen haben, um China zu teilen, hat
Schweden seine Rolle in der Geschichte ausgespielt. Wir werden nicht
mehr gebraucht! Ich war gestern mit einem Schiffsarzt vom Geschwader
zusammen und zeigte ihm Stockholm. Er sprach über die Allianzen und
die bevorstehende Aufteilung der Erdkugel unter die Nationen Europas.
Ich dachte an mein Land, das nicht dabei sein darf, nicht um Rat
gefragt wird, nicht mitzählt; und ich fühlte mich wie ein von der
Schule Relegierter, ein Gestrafter, der keine Heimatberechtigung hat,
ein Paria ohne Menschenrechte in der Weltgeschichte. Mir, wie euch, ist
nun einmal der Stolz darauf, Schwede zu sein, anerzogen. Was soll man
da stolz sein? Eine Taubstummensprache sprechen, die niemand versteht,
wenn man nach Europa hinein kommt; in romanischen Ländern wird man
mit den geringgeachteten Schweizern verwechselt, in Deutschland als
ein Plattdeutscher behandelt, der ihre Edda annektierte, die doch
Wagner uns nach dem Kriege gestohlen hat. Ein Serbe, Bulgare oder
Rumäne kann stolzer sein als wir, denn sie haben eine Aufgabe in der
Weltgeschichte: Puffer gegen die Türkei zu sein; wir aber haben keine!
Doch ich wollte meinen Franzosen bekehren, und da ich auf unsere
Schanze ebenso stolz bin wie ihr, führte ich ihn dort hinauf, um ihn zu
zerschmettern. Von unten sieht man ja Bredablick und die Glockentürme.
Als wir ans Tor kamen, wollte ich ihn in Stimmung bringen, deutete auf
den roten Aussichtsturm und sagte:
›Das ist unsere Akropolis; da wird Svea verwahrt, ihr Palladium und
ihre Ahnen.‹ Es war gut improvisiert, das fand ich selbst; und der
Franzose stellte sich auf eine Überraschung ein. Wir kletterten hinauf,
besahen einige Glockentürme und einige Renntiere, einen Pranger und
eine alte Kanone, aber wo wir auch gingen, stießen wir auf Tiere.
Unglücklicherweise war mein Arzt Zoologe und warf sein Interesse auf
die Tiere, so daß ich ihn nicht losreißen konnte. Als er die Eisbären
bemerkte, fragte er, ob es die in Schweden gebe, und ich mußte lügen
und ja sagen.
›Schöne Menagerie,‹ sagte er, ›sehr schön!‹
Ich führte ihn zu den Häusern, aber sie vermochten sein Interesse nicht
zu erregen.
›Hütten, Bauernhütten, sehr hübsch.‹
Wir kamen an dem Bierpavillon und dem Musikorchester vorbei.
›Varieté,‹ sagte er, ›sehr hübsch!‹
Als wir nach Bredablick kamen, mußte er sich die Aussicht anschauen,
und dann wollte er nichts mehr sehen. Und wißt ihr, liebe Freunde, da
war auch nichts mehr zu sehen!
Aber jetzt fing er an zu fragen:
›Akropolis? Jetzt wollen wir die Akropolis ansehen.‹
Ich blieb stumm.
›Svea? Was ist das? Und wo ist das Palladium?‹
Da wurde er witzig wie ein Franzose, und indem er auf die Eisbären
deutete, sagte er:
›Sind das die Ahnen? Die Vorväter?‹
Ich hätte weinen können vor Wut, doch der artige Franzose wollte mich
schonen und fügte hinzu:
›Ich bin Darwinist. Sie nicht?‹
Das hatte ich für die Ahnen!
Als wir hinausgingen, trafen wir einige Finnen, Bekanntschaften von
gestern. Die unverschämten Finnen spielten Russen, sprachen meinen
Franzosen als Alliierten an und scherzten über mich und meine Akropolis.
Ja, es ist keine Ehre, ein Schwede zu sein, das ist sicher; und etwas
Bescheidenheit würde uns gut kleiden, besonders wenn wir von der
›Schanze‹ sprechen. Aber ich kann nicht begreifen, daß da so wenig zu
zeigen war: zwei Glockentürme, neun Bauernhütten und eine Menagerie.
Ich werde rot bis an die Ohrläppchen, wenn ich an meine Rede bei
Einweihung der Schanze denke! Wenn ihr euch noch drauf besinnt, so
sprecht nicht drüber!«
Jetzt glaubte Holger in seiner Eigenschaft als der neue Redakteur etwas
Überlegenes sagen zu müssen.
»Was soll das Jammern darüber, daß die Kleinstaaten ausgetilgt werden!
Hier stirbt Schweden freilich, aber es erfüllt seine Weltmission in
Amerika, wo Schweden und andere Skandinavier im Begriff sind, einen
starken Bauernstand zu bilden, der einmal einen Präsidenten ins Weiße
Haus schicken wird. Und ihr schwatzt davon, daß Schweden nicht dabei
ist, wenn es an die Teilung der Erde geht!«
»Da hast du sehr recht,« fiel jetzt Kurt ein; »man müßte wirklich die
Auswanderung erleichtern durch Einführung der englischen Sprache in den
Volksschulunterricht.«
»Das hat vor kurzem ein Mann gesagt, und sie hätten ihn beinahe
totgeschlagen, wie im Reichstag den Bauern, der die Sachlage so
verzweifelt fand, daß er ebenso gern Steuern an Rußland bezahlen wollte
wie an die Offiziere der schwedischen Armee.«
»Apropos Rußland,« unterbrach der Doktor, »seht ihr, wie die Finnin
dahinten mit unserer russischen Professorin fraternisiert? Ich glaube,
die Professorin ist ganz einfach Finnin, denn sie sprach, als sie
herkam, fließend schwedisch mit finnischem Akzent.«
»Du redest,« unterbrach Frau Brita.
»Manche Leute behaupten auch, sie sei Polin! Ja, ihr Frauen habt
augenblicklich gute Tage; denkt an unsere Schriftstellerinnen!
Biersuppe, Dienstagssuppe, einige Variationen fremder Themen, und sie
werden vom kleinen Sakris als Riesengenie proklamiert. Seht, da geht
er übrigens. Geboren mit Schmerbauch, Brille, Tonsur und Pension;
Beschützer der Literatur, Freund der Damen; Mitesser, Schatten. Er
brütet Seidenraupen aus, nachdem er die Eier gekauft hat; er sieht aus
wie ein Gespenstertier, trägt eine Brille wie ein Detektiv, ein ~Faux
Bonhomme~, der fürchterlich ist; ein Betrüger, den man nie überführen
kann, den man aber gefühlsmäßig flieht; unerklärlich und deshalb
unheimlich; schmeichelt, um kratzen zu können; benutzt alles für seine
Zwecke, sogar Leichen; verzeiht, wo etwas zu gewinnen ist, und ist
rachgierig, wo er nichts zu verlieren hat. Er spricht im Namen der
Frauen, als sei er eine Frau; verleumdet sein eigenes Geschlecht als
ein Selbstbesudler und kriecht vor den Damen wie alle Päderasten. --
Aber seht euch den an!«
»Wir müssen jetzt fahren,« unterbrach Frau Brita, »sonst verpassen wir
den Dampfer!«
Die Gesellschaft brach auf, um zum Droschkenhalteplatz zu gehen. Aber
als sie an einem Zelt vorbeikamen, sahen sie einen Mann mit rotem Fes
auf einem Tisch stehen und französischen Matrosen eine Rede halten.
Das war Syrach, der Maler, der seinen Verstand zum Teil wiederbekommen
hatte und jetzt in Brest zu sein glaubte, wo er den letzten Sommer
verbracht hatte.
»Die Situation ist unklar,« fuhr der Doktor fort, »das Wasser ist trüb,
und die oberen Stände werden fischen können!«
Siebentes Kapitel
Der Nährstand
Am Tage vorm Neujahrsabend saß Anders Borg, der dritte Sohn des
Redakteurs, auf seinem Pachthof Langvik, schloß seine Bücher ab und
rechnete. Langvik, das zum Pfarrhof gehörte, war ein mittelgroßes Gut
und lag an einer Bucht der Ostsee nach der Meerseite, in einem Archipel
von Holmen und Schären.
Anders Borg, der an der Landwirtschaftlichen Hochschule studiert und
sich sehr früh verheiratet hatte, so daß er jetzt vier Kinder besaß,
war schon seit drei Jahren hier Pächter.
Zwei Jahre hatte der Vater die Pacht bezahlt, in diesem dritten aber
weigerte er sich. Anfangs hatte Anders, der ein leichtsinniger Bursche
war, wie ein Herr gelebt und gehofft, mit Einführung der Zölle würden
bessere Zeiten kommen. Die Zölle kamen, doch es wurde nicht besser,
denn er mußte alles teuer und schlecht kaufen. Im zweiten Jahre
versuchte er das Deputat einzuschränken; als er jedoch sah, daß das
nichts nützte, lebte er wieder drauflos und ließ fünf gerade sein.
Jetzt aber, als das Jahresende herankam und die Tage in all ihrer Kürze
endlos lang waren, vertrieb er sich die Zeit damit, zu rechnen, die
Ursachen des Verfalls der Landwirtschaft zu berechnen. Und er kam zu
höchst eigentümlichen Resultaten.
So hatte er jetzt das Milchjournal vor und sah, daß die Butter ihm auf
sieben Kronen das Kilo kam, während er sie für zwei Kronen verkaufen
mußte. Er glaubte zuerst, er habe sich verrechnet, aber als er im Buch
sah, daß die Kuh fünfzehn Pfund Heu für fünfzig Ör das Pfund fraß, bis
sie ein Kilogramm Butter gab, wurde ihm bange. Wenn auch die Magermilch
für Instleute, Kälber und Ferkel benutzt wurde, rechnete sich dieser
Vorteil doch auf gegen die Kosten für Wartung des Viehs, Streu und den
teuren Transport nach der Stadt.
Sah er nun nach, was es kostete, ein Tier aufzuziehen, so fand er, daß
das Tier seinen Verkaufspreis aufgefressen und er umsonst gearbeitet
hatte.