Um nicht ungelegen zu kommen, ging er den Steig hinauf und an der

Eismiete vorbei, wo sein Hofhund blutend und von zwei Ulmer Doggen

vom Herrenhof zerbissen dalag, die jetzt von der toten Kuh schmausten,

während der rechtmäßige Besitzer zusehen mußte.

Anders ging durch die Küche ins Haus und suchte das Schlafzimmer auf,

um sich umzuziehen. Da saß seine Frau und weinte.

»Was ist passiert? Wer ist hier? Warum läßt du die Gäste allein?«

stürzten die Fragen über die Weinende, die in äußerster Verzweiflung

antwortete:

»Dein Vater ist hier und will bei uns bleiben ...«

»Ich kann ihn nicht ernähren!«

»Er sagt, du schuldest ihm eine größere Summe ...«

»Was hat er hier zu tun?«

»Er kann nicht länger bei sich zu Hause bleiben, denn sein

Scheidungsprozeß soll beginnen, vor dem Kirchenrat.«

»O Gott ...«

»Es ist entsetzlich! Es ist entsetzlich!«

Anders machte sich nach der abenteuerlichen Fahrt zurecht, um zum Vater

hineinzugehen und vertrauliche Mitteilungen entgegenzunehmen, nach

denen er kein Verlangen hatte. Aber er beruhigte erst seine Frau, indem

er zwei Fünfzigkronenscheine auf den Toilettentisch legte; den dritten

behielt er in der Tasche, denn die ewige Geldnot hatte ihn auch gegen

seinen besten Freund tückisch gemacht.

Achtes Kapitel

Die neunziger Jahre

(~Fin de siècle~)

Der starke Naturalismus der achtziger Jahre mußte ins Meer verströmen,

wie alle andern Ströme. Die naturwissenschaftliche Methode war

verblüht und trug keine Frucht mehr; viele nahmen die Methode für

die Wahrheit selbst und hielten eigensinnig an der morschen Planke

fest, als sie unterging. Andere, die wachsen wollten, suchten neue

Fahrzeuge, um weiter zu kommen. Sie schieden von dieser Periode

allerdings mit Bedauern, denn diese Verwilderung, dieses Indianerleben

war erfrischend gewesen wie das Räuberleben der Schuljungen in den

Sommerferien; dieses einseitige Licht, das auf Welt und Menschen

fiel, gab ein scharfes Relief, setzte die Dinge und die Ereignisse in

Rembrandtsche Beleuchtung; diese Neueinschätzung alter Gegenstände

brachte buchstäblich eine neue Weltanschauung mit sich, die nicht

auf weite Entfernung, in der Nähe aber sehr scharf sah. Das war

die mikroskopische Methode. Wer aber mit Mikroskopie gearbeitet

hat, weiß nur zu gut, daß man Zellen und Gefäße sehen kann, wo nur

Luftblasen sind, und daß das Staubkorn Gegenstand einer irreführenden

Demonstrierung eines nicht vorhandenen Organs werden kann. Damals,

1889, bekam die Welt zwei neue Denker oder Propheten, Langbehn,

den Verfasser von »Rembrandt als Erzieher«, und Nietzsche, in der

Hauptsache Verfasser von »Jenseits von Gut und Böse«. So große

Unterschiede auch zwischen diesen beiden bestanden, die als diametrale

Gegensätze erscheinen konnten, so hatten sie doch eine gemeinsame

Tangente, und das war ihre Reaktion gegen den Mikroskopismus. Langbehn

ist in erster Linie Makroskopist. Was Rembrandt mit seinem Buch zu tun

hat, hat nie ein Mensch begriffen; und obwohl man jeden einzigen Punkt

in dem ganzen Werk widerlegen zu können glaubte, eröffneten sich doch

hinter Tatsachen neue Perspektiven, und die Naturwissenschaft, die in

den Händen der Detaillisten im Sterben lag, bekam neues Leben.

Langbehn, mit dem das Jahrhundert hätte schließen müssen, ist

eigentlich ein wiedererstandener Kant, mit dem das Jahrhundert

begann; beide suchen die Rettung im Postulat und im Imperativ, da

die Urteilskraft und die reine Vernunft nicht die Fähigkeit bewiesen

hatten, die Welträtsel zu lösen oder dem Individuum den Halt zu

geben, der nötig ist, um auf offner See Kurs halten zu können. Sowohl

Darwin wie Haeckel hatten sich im voraus, wenn auch vergebens, gegen

die raschen Konsequenzen verwahrt, die man aus ihrer Herleitung der

Arten in Bezug auf die Emanzipation der Ethik gezogen hatte, und

Langbehn reagiert gegen die naturalistische Psychologie, die zur

Veterinärwissenschaft erniedrigt wird. Wenn die Naturalisten sagten:

Laßt uns Menschen sein! so meinten sie: Laßt uns Tiere sein! Sogar die

Theologie oder die Lehre von Gott wurde von der Zoologie hergeleitet.

Die Furcht des Tieres vor dem Unbekannten und die Verwechselung von

Traum und Wirklichkeit durch den Willen sollte der Ursprung der

Religion sein!

Was sollte man da von einer Welt glauben, in der die Menschen als

Märtyrer für eine Unwahrheit gestorben waren? Was sollte man von dem

Künftigen denken, wenn das Vergangene als Lüge hingestellt wurde?

Achtzehnhundert Jahre Christentum, die eines schönen Tages sich als ein

Irrtum erwiesen? Das war zu närrisch, und ein Schuß vor die Stirn war

das einzige und das letzte!

Dem Revolver stand die Menschheit jetzt gegenüber und sah keine Rettung.

Da kam der zweite Prophet, Nietzsche, und erklärte zuerst, daß das Böse

gut sei und das Gute böse, ferner, daß Gut und Böse nicht existierten.

Das war die Apologie des Verbrechens, die Verbrechermoral, die in Oscar

Wildes Perversität ihren schärfsten Ausdruck fand. Hatte Langbehn durch

seine Negativbilder unfreiwillig die Lichtseiten des Naturalismus

hervorgehoben, so trieb Nietzsche ihn durch Karikaturen aus, die seine

Fehler betonten.

In Paris war gleichzeitig ein Gefühl für die Unzulänglichkeit des

Positivismus erwacht, und es begann Zeitungsartikel zu regnen mit

Überschriften wie: »Hier wird eine Religion gesucht«; »Stellung findet

ein Prophet«; »Zu mieten gesucht eine allgemeine, zeitgemäße Kirche«.

Selbst Zola begann zu erwachen, und er, der als Zuschauer, ruhig,

gefühllos dagesessen hatte, erhebt sich, um sich nach einer Religion

umzusehen. In Lourdes findet er sie nicht, da sein Arzt das Wunder

»erklärt«, nicht als Betrug -- das wäre zu alt --, sondern als

Hypnose. Da geht er nach Rom, nicht ohne die Illusion, das Christentum

modernisieren zu können und einen zeitgemäßen Kompromiß zwischen

Wissenschaft und Religion zustande zu bringen. Aber das gelingt ihm

nicht. Später sucht er als fanatischer Gläubiger seine Religion

im Fortschreiten der Menschheit durch Wissenschaft und Arbeit zu

Gerechtigkeit und Wahrheit und endet in Cabets paradiesischem Ikarien,

wo das Lamm mit dem Löwen spielt und die Vögel des Waldes am vollen

Tisch des Phalansters speisen, und wo es keine Armen gibt.

Zola wuchs vom sterilen zoologischen Zweifel zum Glauben an Fortschritt

zu Glück und Tugend (das war ein neues Wort). Aber viele seiner Schüler

blieben im Wachstum stehen und fuhren fort, das abgenutzte Programm

herunterzuspielen, das jetzt für Leierkasten gesetzt worden war.

Zola endete also als Idealist im wahren Sinne des Worts; und obwohl er

die religiösen Formen haßte und bekämpfte, besonders die römischen, war

er auf seine Art religiös, gläubig.

Doch die französische Jugend der neunziger Jahre hatte Zola nicht

gekannt, wollte ihn nicht kennen, nichts mit ihm zu tun haben. Sie

hatten einen ganz andern Lehrer und Propheten, und das war Josephin

Peladan.

Es ist unfaßlich, daß unsere Literarhistoriker, die vom Staat dafür

bezahlt werden, die zeitgenössische Literatur zu verfolgen, nie die

merkwürdige Erscheinung Peladans erwähnen, höchstens im Vorbeigehen mit

einem Lächeln, während sie über seine deutschen Epigonen Vorlesungen

halten. Man fragt sich, ob sie von seiner Existenz nichts wissen;

oder ist es Peladans Schicksal, nie diese liederliche Popularität zu

erreichen, die gewöhnlich damit endet, daß man vulgarisiert wird,

daß der Haufe das Idol satt bekommt, daß die Größe fällt und auf den

Kehricht geworfen wird?

Schon 1884, also als Zola erst bis zum »~Bonheur des Dames~« gelangt

war, beginnt Peladans Wirksamkeit mit dem ersten Bande seines Zyklus

~La Décadence Latine~ -- betitelt ~Le Vice Suprème~.

In den zwanzig Jahren, die seitdem vergangen sind, hat er vierzehn

Romane herausgegeben, außerdem Dramen und philosophische Arbeiten,

insgesamt achtunddreißig Bände. Die vierzehn Romane laufen parallel mit

denen Zolas, aber während dieser im Rougonzyklus das zweite Kaiserreich

schildert, malt Peladan seine eigene Zeit, die dritte Republik. Finis

Latinorum ist sein Motto, und er glaubt, daß die Lateiner untergehen;

er sagt ihren Untergang voraus, schildert wie ein Juvenal alles Elend

in dem modernen Paris; mit der gleichen Unerschrockenheit wie Zola

und mit derselben naiven Schamlosigkeit. Sein Material an Erlebtem und

Gesehenem ist unerhört, sein Stil lodernd vor Eifer; er taucht in den

Schlamm unter, kommt aber immer wieder herauf, schlägt mit den Flügeln

und erhebt sich zu den Wolken.

Sein glänzendster Roman ist die »~Initiation sentimentale~«, ein Buch

über die Liebe in allen Arten, Tonarten und Abarten, in dem er von

allen möglichen Häusern die Dächer abhebt und die Eingeweide von Paris

zeigt. Es ist ein furchtbares Buch, reich, groß, und schön trotz allem

Häßlichen, das er darin darstellt.

Derselbe Mann hat eine Großtat gewagt, und sie ist ihm gelungen! Er hat

zu Äschylos' Prometheus die beiden Teile der Trilogie, die verloren

sind, hinzugedichtet; und wenn sie im Ton nicht ganz dazu passen,

so liegt das an ihrem reicheren und tieferen Inhalt, zum mindesten

erscheint es jedem so, der nicht an die Unerreichbarkeit der Antike

glaubt. Es wäre ja betrübend, wenn die Welt nicht fortschritte und

Gedankenleben und Ausdrucksmittel ebenfalls vervollkommnete.

Peladan ist kein Nationalist oder Revanchemann; er ist Weltbürger und

hat in Frankreich trotz dem Widerstand der Patrioten Wagner eingeführt;

und schwerlich hat irgend ein Deutscher seinen Wagner so gigantisch

aufgefaßt wie Peladan den seinen.

Für die moderne Kunst hat er durch seine Ausstellungen gewirkt, und

alles, was Symbolismus heißt, hat er gestartet.

Woran liegt es bei ihm, daß er nicht über seine Kreise hinausgedrungen

ist? -- Ja, er war zu gebildet, um von allen begriffen zu werden; er

war christlich wie ein Kreuzfahrer, und das war ihm bei den Heiden im

Wege; er ging mit den Chequards und Panamisten der dritten Republik

streng ins Gericht.

Peladans Einfluß ist unberechenbar groß; doch er wirkt nicht direkt

sondern durch seine Jünger. Man zitiert ihn nicht, aber man schöpft

aus seinen Trögen; seine Person wurde preisgegeben und sie fiel wegen

seiner Vatermörder wie Kierkegaard wegen des grünen Regenschirms; aber

er lebt als die Stimme eines Rufenden, der germanische Bildung in sein

Land einführte und dessen verschlossene Tore für Europa öffnete.

* * * * *

Der Menschengeist erwachte aus seiner Isolierung und fühlte die Kräfte

aufhören, da er den Kontakt mit dem Jenseits abgebrochen hatte.

Dies Suchen nach einer Verbindung mit dem Immateriellen war ein

charakteristischer Zug der neunziger Jahre. Nachdem nämlich Haeckel in

den achtziger Jahren sein ~Systema Naturae~ oder die Stammtafel der

Schöpfung aufgestellt hatte, war es aus mit der Naturwissenschaft;

nicht eine einzige neue Erfindung von Bedeutung wurde gemacht; die

Serumtherapie machte den größten Alarm, erwies sich aber als falsch;

dann kam nur noch Kleinkram auf allen Gebieten, kleine Entwickelungen

alter Thesen und viel Hallo auf falschen Spuren. Die Naturwissenschaft

war tatsächlich bankrott. Die Kraftquelle der Zeit, die Elektrizität,

wurde durch den ungelehrten Edison in die Industrie eingeführt, der das

Licht vervollkommnete und den Phonographen herstellte; das Telephon

war Bells Erfindung aus den sechziger Jahren; so daß der herrschende

Darwinismus keinerlei epochemachende Folgen für das kulturelle

Leben der Zeit hatte, nicht einmal in der Chemie, wo Mendelejeffs

periodisches System wie ein Grabmal auf dem Totenacker der Systematik

steht.

Da entdeckte man, daß man auf falschen Spuren war, und machte kehrt,

um am Kreuzwege eine neue Straße zu suchen. Man hatte Erscheinungen

und Tatsachen gesammelt, konnte aber nichts erklären; und erklären

hieß doch, das herausfinden, was hinter dem Phänomen lag; als man nun

merkte, daß das, was dahinter lag, sich »auf der andern Seite« befand,

da suchte man ganz logischerweise das Jenseits. Das war die Mystik, die

zu jener Zeit von sich reden machte. Und damals stieg Swedenborg nach

hundertjährigem Grabesschlummer empor. Er kam auf vielen Wegen wieder.

Durch Balzac, den man in einer billigen Ausgabe wieder zu lesen begann,

während man in Swedenborgs Nichte Seraphita Spuren von Nietzsches

Übermensch und Peladans Androgyn fand. Die Pariser Okkultisten

entdeckten Swedenborg und Böhme wieder durch Forschungen in Eliphas

Levi und Saint Martin; die Theosophen witterten ihn in der Geheimlehre

Blawatskys. Aber die stärkste Stütze für den Mystizismus war das

Erscheinen von Berthelots Geschichte der Alchimie. Dieser Positivist,

der mit der Synthese der Kohlenwasserstoffe gearbeitet hatte, leistete

hier dem Mystizismus einen unbeabsichtigten Dienst. Wenn man nämlich

in wenigen Worten den Unterschied zwischen Alchimie und Chemie

angeben will, so kann man sagen, daß die Alchimie an die Fähigkeit

der Grundstoffe glaubte, in einander überzugehen (Transmutation),

die neuere Chemie aber nicht. Nun hatte Berthelot im Lauf der Arbeit

eine steigende Sympathie für die Alchimisten gezeigt, was den Mut der

Kleinmütigen, weiterzuforschen, stärkte. Gleichzeitig hatte Crookes

in seiner »Entstehung der Grundstoffe« die Ansicht ausgesprochen, die

»einfachen Stoffe« seien entstanden und hätten sich einer aus dem

anderen entwickelt. Lockyer hatte dem Französischen Institut seine

Vermutung unterbreitet, Phosphor sei ein zusammengesetzter Stoff,

weil er zwei Spektren besäße. All das stand ja im Einklang mit dem

herrschenden Monismus oder der Einheit des Alls und hätte folgerichtig

die Ansicht der Zeit sein müssen; aber inkonsequenterweise hielt man

den Glauben an die spezielle, unveränderliche Natur der Grundstoffe

aufrecht, wodurch man unfreiwillig die verworfene Lehre von besonderen

Schöpfungsakten unterstützte.

Berzelius wiederum hatte schon 1835 die wichtige Frage gestellt:

»Sind die Metalle einfache Stoffe?« und in seiner Antwort darauf die

folgenden entscheidenden Worte ausgesprochen: Ein Körper, den ich

den Metallen beigeordnet habe, ist Ammonium, das aus Stickstoff und

Wasserstoff besteht und dessen Metallisierung vermittelst Elektrizität

den Gedanken an ein zusammengesetztes Metall zuzulassen scheint ... Was

den einfachen Zustand der andern Metalle zweifelhaft macht, ist, daß

sie in der organischen Natur aus Stoffen zu entstehen scheinen, die

keine Spur von diesen Metallen enthalten.

Im selben Augenblick aber, wo die Metalle nicht einfach waren, konnten

sie ineinander übergehen, und die selbstverständliche Schlußfolgerung

daraus ergab sich mit gebieterischer Unwiderstehlichkeit: Man kann Gold

machen!

Die nächste Schlußfolgerung war: Man hat immer Gold aus Schwefelkies

»gemacht«, wenn man es auszuziehen geglaubt hat. Was Gahns Beobachtung

erklärt, daß fast aller Schwefelkies Gold enthält.

Doch die Trägheit der menschlichen Gehirne, besonders der trainierten,

ist so groß, daß sie, wenn sie das erste Corollarium gezogen haben, das

zweite nicht zu ziehen vermögen.

Deshalb löste sich das Staunen in ein dummes Grinsen auf, das

allmählich boshaft wurde und damit endete, daß man die Zähne zeigte.

Als schließlich in unserm neuen Jahrhundert Ramsay (und Kelvin)

bewiesen, daß Radium Helium werden kann, bekamen die alten Routiniers

Krämpfe, da sie einsahen, daß sie auf falschem Wege waren und es zum

Umkehren zu spät sei.

Dies war die Geschichte der Goldmacherei in den neunziger Jahren, die

so einfach war, einfacher als das Ei des Kolumbus.

Um aber zu Swedenborg zurückzukehren: Hundertköpfig stieg er aus dem

Grabe: die Astronomen in Pulkova grüßten ihn als Astronomen, als

Vorgänger Kants und Laplaces; die Zoologen entdeckten ihn und stellten

fest, daß Buffon in seiner Einleitung zum Tierreich seine Kosmogonie

geplündert habe; die Chemiker und Bergkundigen besonders huldigten

ihm; und schließlich kamen Physiologen und Anatomen in Scharen, um

dem Wiedergeborenen Weihrauch und Myrrhen darzubringen! Gekrönt aber

wurde Swedenborg von einem Literarhistoriker Max Morris, der in einer

längeren Abhandlung das liberale Idol der Zeit, Goethe selbst, als

Schüler Swedenborgs hinstellte. »Swedenborg im Faust« heißt der Aufsatz

(im Euphorion 1899, Heft 6), in dem aus den ~Arcana Coelestia~ bewiesen

wird, daß Fausts Berührungen mit der Geisterwelt von Swedenborg

vermittelt sind, über Kant und Fräulein von Klettenberg (schon 1771).

Was sagten die Goethe-Freunde dazu? Nichts, denn wenn man keine Antwort

hat, sagt man gewöhnlich nichts!

* * * * *

Dies waren die hauptsächlichsten geistigen Bewegungen des

Jahrhundertendes, die in den letzten Jahren doch in einigen großen

Funken flammend aufglühen sollten, um dem neuen Jahrhundert zu

leuchten, das vielleicht das allergrößte werden wird, wenn auch das

neunzehnte Jahrhundert das größte war, -- nach dem fünfzehnten.

Neuntes Kapitel

Esther

Esther Borg, die Tochter des Redakteurs und Frau Britas, war ein

Mädchen ohne Schönheit, das wußte sie selbst; und deshalb erwachte sie

früh zu dem Entschluß, etwas zu werden, statt auf einen Mann zu warten.

Mit siebzehn Jahren wurde sie Studentin und ging nach Upsala, um

Medizin zu studieren, nicht aus besonderer Begabung, sondern um etwas

zu tun zu haben.

Sie kam durch ihren Namen in Kreise, in denen man mit den Fragen der

Zeit fertig war und eine neue Auffassung vom Leben bekommen hatte, eine

Antizipation des Kommenden. Es waren keine Zweifel oder Befürchtungen

mehr, es waren Axiome.

Von den männlichen Kameraden wurde sie als Kamerad behandelt, aber als

ein männlicher, vor dem man sich nicht genierte. Das hatte anfangs für

sie einen gewissen Reiz, und sie fühlte sich über ihre Stellung als

Geschlechtswesen emporgehoben; aber sobald ein weiblicher Kamerad von

einiger Schönheit in den Kreis kam, wurde es anders. Wenn dieser als

Kamerad aufgenommen wurde, geschah es in anderer Art. Die Schöne wurde

mit Ritterlichkeit behandelt, als eine überlegene inkommensurable

Größe; mit einem Wort als Frau. Der rohe Scherz verstummte, die Herren

wurden gesittet, Wärme verbreitete sich, und eine Stimmung voll dumpfer

Lyrik legte sich über die Gesellschaft, in der Esther ihren Platz nicht

wiederfand; denn sie konnte ja von weiblicher Schönheit nicht angenehm

berührt werden, noch das Entzücken ihrer Kameraden einer Angehörigen

ihres Geschlechts gegenüber teilen.

Da spürte sie das Schiefe ihrer Stellung; und sie empfand die

Gleichheit mit dem Manne als eine Beleidigung, eine Kränkung,

besonders, da sie vernachlässigt wurde. Deshalb achtete sie nicht mehr

auf ihr Äußeres, legte alle Weiblichkeit ab, ging in Kneipen, schob

Kegel und nahm eines Abends an einer Prügelei mit Handwerksburschen

teil. Beim Radeln trug sie eine Sportjacke mit Kniehosen, und dies

Kostüm nahm ganz allmählich die Form einer Männertracht an.

Die Kameraden vergaßen auch allmählich, daß sie Weib war, nannten sie

nie Esther, sondern Borg, im Anfang; abends aber hieß sie Pelle und

trug dann einen Kaisermantel mit Pelerine und die Studentenmütze, so

daß jeder sie für einen Mann halten mußte.

Eines Abends nach einer großen Kneiperei auf der »Rolle« schlug ein

Mediziner vor, zu Mädchen zu gehen; und Pelle ging mit; das fand man

ganz natürlich. Als Szene war es freilich neu, obwohl es vor dem

Studenten der Medizin Esther Borg keine Geheimnisse gab.

Die Mädchen guckten den Burschen zwar etwas erstaunt an; aber sie

hatten an anderes zu denken, und man war ja hauptsächlich da, um zu

trinken und zu schwatzen. Unter den Gästen befand sich auch ein junger

Graf, der wußte, wer Esther war, und es doch seltsam fand, ein Mädchen

aus guter Familie an einem solchen Ort zu treffen.

Einen Augenblick leerte sich der Raum, so daß der Graf und der falsche

Jüngling allein blieben.

Das Zimmer hatte eine gewisse Stimmung; da die Decke niedrig war,

konnte über dem Kopf keine Dunkelheit entstehen; die Wände waren von

geschnitzten Leisten in Felder eingeteilt mit gemalten Landschaften,

auf denen Schäfer und Schäferinnen ihre Schafe hüteten und Kirschen

aßen, unschuldig, kindlich. Die Fenstervorhänge waren aus großblumigem

Taft, und zwischen ihnen sah man das Schloß im Mondschein. Der Graf

hatte sich an das alte Klavier gesetzt und klimperte jetzt mit den

Tasten, als erwarte er, durch eine Anrede Esthers unterbrochen zu

werden. Aber als sie hartnäckig schwieg, spielte er Chopins zweites

Nocturno in ~G~-Dur.

Esther kannte es nicht, deshalb staunte sie über die schönen Töne, die

in diesem Augenblick zu entstehen schienen. Modulationen in Dur, die

wie Moll klingen, der tiefste Schmerz, der seinen eigenen Trost in sich

trägt; eine schlaflose Nacht, die die Wohltat hat, nicht von schweren

Träumen gestört zu werden, wie qualvoll das Wachen auch sein mag. Der

Ort veränderte sein Aussehen, die Umgebung vergoldete sich, und das

junge Mädchen wurde von einer Wehmut ergriffen, die ihrer indolenten

Natur fremd war. Sie war hierhergekommen wie in den Seziersaal, wo

es schrecklich war, wo aber das Häßliche vom Interesse geadelt wurde.

Plötzlich öffnete sich ihr eine andere Welt der Reinheit und Schönheit;

eine lichte Wolke isolierte die beiden von der unsauberen Umgebung,

stellte sich schützend um sie und ließ sie vergessen, wo sie waren.

Als der Graf aufhörte zu spielen, mußte er sprechen, da sie nichts

sagte.

»Wissen Sie, was ich gespielt habe?«

»Nein, ich kenne es nicht.«

»Das war Chopin! Und ich habe das Gefühl, als habe er dies Nocturno

eines Nachts gedichtet, an einem solchen Ort, wo man wehmütig wird in

dem Suchen nach einer Freude, die man nicht findet; wo man das Elend

des ganzes Daseins vor dem Unvollkommensten alles Unvollkommenen

empfindet.«

»Glauben Sie wirklich, daß Chopin solche Orte besucht hat?« fragte das

Mädchen, das noch nicht recht bei der Sache war.

Der Graf lächelte schwermütig:

»Ja, sicher hat er das getan; ist das so sonderbar? Sie und ich sitzen

ja auch hier.«

Dies Sie und ich hob sie empor, schloß sie zu einem wir zusammen.

»Das stimmt,« antwortete Esther naiver als sie wollte, da sie damit ja

die Artigkeit akzeptierte.

Der Graf lächelte über den weiblichen Zug, eine Schmeichelei nicht

zu verschmähen; und in diesem Augenblick fühlte das Mädchen, daß sie

von jemand vom andern Ufer angesprochen wurde, und sie suchte einen

Kontakt mit diesem besseren.

»Was tun wir hier eigentlich? Warum sind Sie hier?« fragte sie

unwillkürlich fast vorwurfsvoll.

»Ja, mein Fräulein, das ist nicht leicht zu sagen. Ich gehe mit; ich

lasse den Schatten eines Verdachtes auf mich fallen, daß ich den

andern gleich bin, um einem andern ungerechten Verdacht zu entgehen.

Im übrigen haben dieser Ort und seine Bewohner eine Anziehungskraft.

Sie erinnern an einen Naturzustand, den wir überwunden haben, deshalb

scheint mir Ihr Benehmen naiv wie das des Landmädchens. Ich sehe nie

etwas Unkeusches, nie irgendwelche Reue, die das Bewußtsein eines

Unrechts andeuten würde; ich verstehe es nicht, aber ich kann es nicht

verurteilen, ich billige es freilich auch nicht. Letzte Weihnachten,

am Weihnachtsabend, ging ich an der Frauenabteilung des Krankenhauses

vorbei. Das Haus sieht aus, als litte es an allen Krankheiten, die es

gibt, und der Putz ist stellenweise abgefallen wie Wundschorf. Also,

ich ging in Weihnachtsgedanken da vorbei, und durch das Fenster zu

ebener Erde mit dem Eisengitter drang Gesang auf die Straße hinaus; ich

empfand einen Augenblick unendlichen Schmerz, als ich mich in die Lage

dieser Unglücklichen versetzte -- denken Sie, ein Weihnachtsabend da

drinnen! -- Aber was geschah? Der Gesang drang lauter zu mir heraus,

und ich hörte: ›O wonnevolle Studienzeit ...‹«

Esther unterbrach ihn und fuhr fort:

Die Gotischen Zimmer: Roman · 第 7 / 20 段