Die Schwägerin hatte Gustav nie gemocht, aber im selben Augenblick, als

er ihres Mannes Feind wurde, liebte sie ihn. Deshalb nahm das Gespräch

sofort einen äußerst freundschaftlichen Charakter an.

»Nun, Dagmar,« begann also der Schwager, »dein Mann läßt sich als

Reichstagskandidat der liberalen Partei aufstellen.«

»Ist er liberal?« unterbrach Frau Dagmar sofort, der die Antwort in den

Mund gelegt war, ohne daß sie es merkte.

»Ja, man kann ihn wohl immerhin so nennen,« antwortete der

durchtriebene Schwager.

»Nennen, ja! Aber er ist doch konservativ ...«

»Du meinst in gewissen Fragen?«

»Ja, das meine ich; in der Frauenfrage ist er Reaktionär und müßte

bekämpft werden. Außerdem ist er Norwegerhasser!«

»Aber nein,« reizte Gustav; »er ist doch mit dir verheiratet!«

»Ja, eben deshalb kann ich ihn ja beurteilen! Er nennt Ibsen einen

Tropf und Björnson ein altes Weib. Ist er da nicht Norwegerhasser?«

»Das kann doch nicht sein Ernst sein?«

»Hat er nicht auf Lage Langs Fest die Norweger ein verteufeltes Volk

genannt und seine Frau beschimpft? Aber ich bin schon beim Rechtsanwalt

gewesen ...«

Jetzt hellte sich Gustav Borgs Gesicht auf; denn der Zweck seines

Besuchs war, zu erfahren, wie weit die Sache gediehen sei.

»Warum wollt ihr euch scheiden lassen?« erwiderte der Schwager mit der

ganzen Teilnahme eines älteren Bruders. -- »Denke an die Kinder!«

»Für die werde ich schon sorgen!«

»Bist du überzeugt, daß er auf sie verzichtet?«

»Ich nehme sie!« antwortete die Frau mit einer Bestimmtheit, die keine

friedliche Lösung der Frage verhieß.

»Du nimmst sie nicht, denn das Gericht urteilt, nachdem es beide

Parteien gehört hat.«

»Das Gericht hat mit meinen Kindern nichts zu schaffen!« schrie Frau

Dagmar.

»Doch, meine Liebe; und was dein Mann gegen deine Qualifikation als

Mutter anführen kann, wird sehr mitsprechen; denn er ist Arzt und als

glaubwürdige Persönlichkeit bekannt.«

»Er? Der größte Lügner, den es auf der Erde gibt!«

Jetzt war die Lunte angezündet, und mehr verlangte Gustav Borg nicht.

Er wollte aber doch die Flamme noch etwas anblasen, bevor er ging.

Ȇberlege dir, was du tust, meine Liebe! Eine Scheidung in diesem

Augenblick würde seine Chancen als Reichstagskandidat zerstören, und

das willst du doch nicht; besonders würde er die Frauen gegen sich

haben, und du weißt, wie die Liberalen von ihren Frauen beherrscht

werden.«

»Das eben weiß ich, und deshalb werde ich ihn in der Frauenzeitung

bekämpfen lassen!«

Punktum! Jetzt brannte es lichterloh, und Gustav konnte gehen. Aber

ehe er ging, deutete er auf die kleinen Gläser und sagte freundlich und

vertraulich:

»Laß so etwas nicht herumstehen, Dagmar; das kann im Prozeß gegen dich

sprechen!«

»Trinkt er nicht auch?« sprühte Frau Borg.

»Doch, mein Kind! Aber nicht vormittags!«

Damit war dieses Zusammensein beendet.

* * * * *

Unterdes aber fand zu Hause beim Redakteur eine andere Zusammenkunft

statt.

Kampf war auf allen Punkten, doch in dem damaligen Kampf um die

Macht galt es, festzusetzen, was Liberalismus sei. Da alle in

Entwickelungstheorien lebten, ging der Ehrgeiz dahin, an der

Entwickelung teilzunehmen, sie zu fördern. Infolgedessen kämpfte man

um die Chance, entscheiden zu dürfen, was Entwickelung sei. Einige

glaubten, Entwickelung sei alles, was vorwärts drängte; als man aber

alte Schäden und Krankheiten mit entsetzlicher Geschwindigkeit sich

entwickeln sah, wurde man etwas zaghaft; und schließlich entdeckte

man, daß Entwickelung nur Fortschritt an Menschlichkeit, zu Schönheit

und Glück bedeuten konnte, durch Recht und Billigkeit gefördert. In

Parteikämpfen aber gilt keine Vernunft; man hißt die Flagge und sagt:

jetzt bist du der Feind! Doktor Borg, der Vernunft annahm, sollte

um seiner Vernunft willen fallen. Als die Norweger 1885 in ihren

heiligsten Rechten gekränkt wurden, hatte der Doktor unerschrocken ihre

Partei ergriffen. Wie aber die Gefahr vorüber war und sie sich selbst

helfen konnten, und zwar in dem Maße, daß sie mit Krieg drohten,

hielt er weiteren Beistand für überflüssig; und da er schwedischer

Untertan war, fand er es unrichtig, mit dem Feind zu gehen. Obwohl er

in seiner Familie von der Frau nie etwas anderes hörte als norwegische

Bauernprahlerei vom Morgen bis zum Abend, hörte, wie dumm und unbegabt

die Schweden seien, wurde er doch nicht müde, dem recht zu geben, der

recht hatte. Aber diese schwedische Ritterlichkeit, die sich auch in

demonstrativen Huldigungen vor norwegischen Größen äußerte, wurde

nirgends verstanden, und man erlebte sogar, daß norwegische Zeitungen

die Schweden verhöhnten, weil die Künstler Lage Lang gefeiert hatten.

»Der feige Schwede«, hieß es, »der Schwede kriecht«, »Norwegen

übernimmt die Führung« und so weiter. Solange das Unwahrheit war,

wirkte es nicht auf den Doktor; als aber eines Tages die Kriecherei

Wirklichkeit wurde, als die neidischen, niedriggesinnten Schweden,

besonders die alten Weiber, systematisch alles Norwegische in den

Himmel zu heben begannen, auch das Mittelmäßige, auf Kosten ihres

Eigenen, und in der bestimmten Absicht, das Eigene herabzusetzen, da

sagte er: Halt! Doch da fiel er und wurde Norwegerhasser genannt. Mit

seinem Familienfrieden war es aus, und seine Reichstagskandidatur war

in Gefahr. Sein Bruder Gustav, von Natur Großschwede und im Herzen den

Norwegern feindlich gesinnt, ließ sich trotzdem von Politik, Interessen

und Leidenschaften bestimmen und nutzte deshalb die norwegische Frage

gegen seinen Bruder aus. Diese falsche Taktik reizte den ehrlichen

Doktor, und er begab sich mitten in die Festung des Bruders, um ihn in

die Luft zu sprengen.

Er machte Frau Brita seinen Besuch, während Gustav bei Frau Dagmar

operierte.

Frau Brita saß in ihrer Villa; sie nannte sie ihre Villa, weil sie Geld

mit in die Ehe gebracht hatte, Gustav aber nannte sie »unsere Villa«,

weil zwischen den Ehegatten nach dem Gesetz Gütergemeinschaft bestand.

Es war ein großes Holzhaus mit fünfzehn Zimmern und zwei Küchen. In der

einen Küche hatte Brita ihren Schreibraum, wo sie ihre Vorträge, ihre

Artikel, ihre Briefe schrieb, der einzige Ort, wo sie vor ihren vielen

Kindern Ruhe fand; sie hatte sieben.

Mit ihrer unglaublichen Gutmütigkeit empfing sie den Schwager Henrik

trotz seinen brutalen Reden auf der Dampferfahrt.

»Hör einmal, Altchen,« begann er, »wenn ich dir sage, daß wir Gustav

neutralisieren müssen, so bedeutet das nicht, daß ich mit dir einen

Kompromiß schließen will.«

»Was hat er denn jetzt vor?«

»Ja, erstens arbeitet er gegen die Zeitung, zweitens will er meine

Kandidatur hindern, und drittens spekuliert er mit eurem Geld an der

Börse.«

»Mit meinem Geld?«

»Nein, mit eurem; aber das ist ebenso tadelnswert!«

»Spielt er an der Börse?«

»Ja, die alten Kuckucke haben was gelernt!«

»Wie soll ich das hindern?«

»Du mußt dich scheiden lassen!«

»Ist das dein Ernst?«

»Ja, das ist es. Eure Ehe hat ihre Rolle ausgespielt, und ihr sollt

nicht zusammen vermodern; die Jungen sind flügge, und das Nest sieht

nicht mehr gemütlich aus.«

»Wie du redest!«

»Ja, so rede ich! Ihr seid schon längst keine Ehegatten mehr, und jetzt

handelt es sich darum, daß die Kinder leben und atmen können. Der Vater

hat das seine getan; jetzt bedrückt er nur, unterdrückt, hindert,

erstickt! Weg mit ihm!«

»Und du bist selbst Vater!«

»Ja; eben deshalb weiß ich ...«

»Spekuliert er an der Börse?«

»In Kaffee und Zucker!«

»So? In Kaffee und Zucker? -- Wirklich?«

Hier machte Frau Brita eine Pause; und da sie schnell im Denken war,

konnte sie in dieser Pause einen Entschluß fassen. Sie stand auf und

trat an einen unbenutzten Eisschrank, in dem sie wichtige Papiere

aufbewahrte. Sie suchte, und als sie gefunden hatte, nahm sie den Faden

des Gesprächs wieder auf.

»Ich habe freilich keinen Ehekontrakt; aber ich habe etwas anderes, ich

habe Briefe.«

»Hüte dich vor Briefen, Brita; vor Gericht schwindeln sie sich von

Briefen ab; sie sagen entweder, sie hätten sie nicht geschrieben, oder

es sei nicht so gemeint, es sei nur Scherz gewesen. Nein, du mußt ein

Faktum haben, am besten ein ~Delictum flagrans~.«

»Was ist das?«

»Das ist die verbrecherische Handlung, begangen in Anwesenheit zweier

felsenfester Zeugen.«

»Nein, das will ich nicht!«

»Nicht heute, aber wenn du die Ereignisse sich entwickeln läßt, willst

du vielleicht später.«

»Ich habe ein Auge zugedrückt, ich habe verziehen; man kann sogar

sagen, ich hätte meine Zustimmung gegeben, aber wenn es sich um meine

Kinder handelt, um ihr Erbe und ihre Zukunft, dann ist nicht mit mir zu

spaßen. Übrigens, man könnte glauben, er spare zu -- einer neuen Ehe

mit ihr.«

»Da deine Gedanken diese Richtung nehmen, so halte die Augen offen und

unterschreibe vor allem keine Schriftstücke, die er dir vorlegt! Du

weißt, ich bin kein blinder Anhänger von euch Frauen; aber recht muß

recht bleiben!«

»Du hassest deinen Bruder?«

»Das ist wohl etwas zuviel gesagt, aber ich wappne mich gegen einen

furchtbaren Feind ... Übrigens: weißt du von Gustavs Kontrakt mit

Holger?«

»Ja, Holger muß eine große jährliche Pacht an Gustav für Zeitung und

Druckerei zahlen.«

»Weißt du, wie groß?«

»Nein!«

»Nun, sie ist so groß, daß er sich infolgedessen nicht über Wasser

halten kann.«

»Hat Holger denn keine Handhabe gegen ihn?«

»Doch, er hat seine amerikanische Frechheit!«

»Wie soll es denn gehen?«

»Wir werden ihm helfen,« antwortete der Doktor und reichte der

Schwägerin die Hand. »Denn jetzt gilt es Kampf auf Leben und Tod!«

»Willst du nicht zum Mittagessen bleiben?« fragte Frau Brita; »ich

weiß allerdings nicht, was es gibt, denn ich kümmere mich nicht um die

Wirtschaft.«

»Nein, danke, mein Kind, ich kann nicht mit dem Mann zu Tisch sitzen,

der eben jetzt in mein Haus eingedrungen ist, um mich zu morden.«

»Ist er bei dir?«

»Ja, er scheut keine Mittel; was für welche er jetzt angewendet hat,

werde ich erfahren, wenn ich nach Hause komme. Leb wohl, Brita.«

Fünftes Kapitel

König Lear und der Pater

Der frühere Redakteur hatte sich in sein Schicksal gefunden, lebte auf

dem Lande und schrieb hier seine Artikel. Jetzt eines Sommermorgens saß

er auf seiner Veranda und wartete auf die Zeitung, um seinen letzten

Leitartikel zu lesen. Es war ein durchtriebenes Stück, von dem er viel

Effekt erhoffte; er handelte von dem liberalen Programm, auf das die

Kandidaten bei den Wahlversammlungen schwören sollten, und der geheime

Hintergedanke war, Bruder Henrik als Konservativen hinzustellen. Das

war der Schuß in die Wasserlinie, der das Schlachtschiff zum Sinken

bringen sollte. Gustav saß da und genoß es im Geist, hörte seine

giftigen Worte im Ohr, sah vor Augen, wie der Bruder die Zeitung

öffnete, um seinen Artikel zu suchen und den des andern fand, der ihn

wie eine Rakete mitten ins Gesicht traf. Er genoß das in Gedanken so

sehr, daß er lächelte, drehte eine Fünfzehnpfennigzigarre wollüstig im

Mundwinkel, steckte viele Streichhölzer an und schnaubte.

Schließlich kam die Zeitung.

Er stand auf und nahm eine Fechterpositur an, während er die Zeitung

entfaltete und umschlug, um seinen Leckerbissen auf der zweiten Seite

zu lesen.

Da stand er nicht! Er suchte auf der dritten Seite. Da stand er auch

nicht.

Mit der zusammengeknüllten Zeitung stürzte er ans Telephon und rief die

Redaktion an. Der Sohn Holger saß am Apparat und nahm den Stoß entgegen:

»Warum steht mein Artikel nicht in der Zeitung?« fragte der Vater mit

zischender Stimme.

»Nein, wir konnten ihn nicht drucken,« antwortete der Sohn.

»Aber ich habe ihn gesetzt gesehen, habe Korrektur davon gelesen,

und ...«

»Wir können solchen Unsinn nicht drucken!« antwortete der Sohn wieder.

Da erlosch die Stimme des Vaters; er versuchte zu brüllen, blieb aber

stumm. Und stumm ging er vom Telephon weg, nahm Hut und Stock, um sich

in den Wald zu begeben.

Als er an Britas Küchenfenster vorbeiging, sah er sie mit der Zeitung

in der einen und der Feder in der andern Hand dasitzen; sie schrieb,

schrieb gegen ihn, ihren Mann, während ihm bei der Selbstverteidigung

der Sohn die Feder aus der Hand gerissen hatte.

Er schrumpfte zusammen, er war vernichtet. Ihm, der diese Zeitung

begründet, sie zu einer Machtstellung und Vermögensquelle

emporgeschrieben hatte, wurde verweigert, darin zu schreiben, von

seinem eigenen Sohn. Und er dachte an König Lear, an den Mann mit dem

Altenteil, an den Abgesetzten. Er begann zu wandern, auf die Äcker

hinaus, durch Hage und Wiesen.

Was nützte es, lange zu leben und zu lernen, wenn schließlich die

Erfahrungen doch nicht taugten? Als er jung war, bekam er stets zu

hören, die Weisheit komme erst mit den Jahren, nach den vielen Jahren

in der Schule des Lebens. Er hatte eine Schule durchgemacht; er hatte

all dies, was jetzt war, entstehen sehen, deshalb Verstand er es besser

als die andern, meinte er; und trotzdem wurde er beiseite geworfen wie

ein abgenutzter Besen, wurde behandelt wie ein alter Idiot.

Als er sich in Schweiß gelaufen hatte, ward er ruhiger, und stieg auf

einen Berg, von dem er über das Meer in der Ferne hinblicken konnte.

Das kühlte ihn ab, und das Unendliche, Bewegliche da draußen gab ihm

Kraft. Er setzte sich auf den Felsen und dachte über sein Schicksal

nach. Er konnte noch dreißig Jahre, ein ganzes Menschenalter leben;

er fühlte Kräfte, den Kampf aufzunehmen, ihn auszuhalten, im Notfall

zu warten, bis die Feinde ihre Kräfte in einer fruchtlosen Jagd nach

dem blauen Nichts erschöpft haben und früh verbraucht sein würden,

besonders da sie nicht zu sparen und sich zu erneuen verstanden. In

zehn Jahren, sagte er sich, ist eine neue Jugend herangewachsen mit

neuen Idealen, nüchterne Wirklichkeitsstreber, die ihn besser verstehen

und ihrerseits diese Utopisten absetzen würden, die jetzt mit ihren

Ideen eines sozialistischen Staates grassierten, Theorien, die er in

seiner Jugend auch erprobt und dann kassiert hatte. Diese jungen Leute

glaubten ihm voraus zu sein, und sie waren doch so weit in der Zeit

zurück wie die dreißiger und vierziger Jahre. Er hatte kürzlich die

französische Revolution gefeiert und sich in seiner Rede für einen Sohn

des Konvents erklärt, den Traditionen treu, unversöhnlich gegen die

Monarchie, Republikaner im Leben wie im Tode. Und jetzt stempelten sie

ihn zum Konservativen! Ein konservativer Revolutionär und Königsmörder!

Das war Unsinn! Aber es war ein Mischmasch, in dem man lebte, ein

Farbenkreisel, auf dem alle Farben des Regenbogens sich zu einem weißen

Ton mischten; alle Ströme und Gegenströme waren ins Meer geflossen und

hatten da Hals über Kopf ihre Wasser vermischt. Dem Sozialismus, der

eigentlich Christentum war, wurde von den Atheisten gehuldigt, und die

Christen waren kapitalistische Egoisten; die Bauern waren Royalisten,

schwächten aber die Königsmacht; die Royalisten spielten Liberale und

der Monarch war Freihändler, freikirchlich und wurde für freisinnig

gehalten. Das war eine babylonische Verwirrung, die Auflösung aller

älteren Begriffe. Die Anarchisten waren Aristokraten; die Freisinnigen

arbeiteten auf der Basis der Ungerechtigkeit für die Frauentyrannei und

für das Recht des Freihandels, die eigenen Erwerbszweige zu ersticken;

die Schutzzöllner wollten den heimischen Erwerbszweigen helfen, aber

die eigenen Landsleute zwingen, teuer und schlecht zu kaufen.

Es war ein kompliziertes Gericht, aus dem das meiste verdunsten

mußte, bis schließlich der kleine Bodensatz einer festeren Substanz

zurückblieb, der als Nährstoff tauglich war. Möglicherweise wohnte man

hier einem konstanten Moment der Entwicklung bei, das an die Diffusion

der Gase erinnerte, bei der alles sich gegenseitig durchdringt; oder

ging jetzt die Synthese der besten Stoffe aus allen Analysen vor sich?

die ungleichartigen Kräfte setzten an vielen Punkten an, und der Stein

bewegte sich schließlich?

Vielleicht war das, was geschah, richtig; vielleicht würde sich

dieser Bodensatz später wieder auflösen, und ein neues, großes

Zusammenarbeiten der Kräfte durch neue Kämpfe zustande kommen, so daß

auch der Geringste am Fortschritt teilgenommen hätte und die siegende

Meinung eine von allen zusammengeschossene Summe wäre, da sie eine

Legierung edler und unedler Metalle darstellte. Dies wäre gerecht wie

Gott selbst, und nur ehrgeizige Parteihäupter könnten sich darüber

grämen.

Während dieser Betrachtungen hatten seine Blicke auf einigen

graubraunen Schären weit draußen im Meer geruht. Er hatte trotz seiner

Kurzsichtigkeit sie etwas ungewöhnlich in der Form gefunden und sie

nicht erkannt, er, der doch alle Schären hier draußen kannte. Da --

gerade jetzt -- begannen sie sich zu bewegen, in dem unheimlichen

Farbton von Nachtfaltern -- mit der unverkennbaren Absicht, sich

unsichtbar zu machen. Zugleich stiegen drei Rauchsäulen zum Himmel auf,

und er begriff: das war das französische Geschwader, das von Kronstadt

kam und nach Stockholm steuerte. Die Trikoloren wurden gehißt, und das

Herz des alten Revolutionsmannes klopfte; denn die deutsche Politik,

die die schwedische Regierung nach Sedan eingeschlagen hatte, war

nicht erfreulich gewesen und hatte einen Beigeschmack von Unterwerfung

gehabt, hatte ausgesehen, als ließe man einen Bedrängten im Stich.

Frankreich hatte sich jetzt aus den Fesseln der Isolierung befreit

und war wieder unter die Großmächte Europas getreten, um am Ende des

Jahrhunderts zu den europäischen Mächten zu gehören, die die Erde

unter sich teilen wollten. Frankreichs Auferstehung, das bedeutete

wieder Vorwärtsbewegung, denn von dem französischen Motor wurde stets

Kraft auf die andern Nationen hinübergeleitet, sobald Leitungen

vorhanden waren. Das Dreikaiserbündnis war aufgelöst, und die stärksten

Gegensätze, das Zarenreich und die Republik Europas, sollten im fernen

Osten ausgleichen, was die Suprematie Englands in Ägypten und im

Mittelmeer zu erschüttern gedroht hatte.

Froh und aufgerichtet erhob er sich und wendete sich heimwärts, nahm

jetzt aber den Weg rechts über die Pfarräcker. Er hatte ein Bedürfnis,

einen Menschen zu treffen und die unangenehmen Eindrücke des Morgens

wegzuplaudern.

Bald tauchte das Pfarrhaus zwischen den Linden auf; ein unerhört

rotes, zweistöckiges Holzhaus; hervorgegangen aus einer schwedischen

Bauernhütte, war es von Scheune und Viehstall flankiert. Als nun

der Redakteur zuerst in den Vorbau des Wohnhauses trat und in der

Türöffnung von Phylax empfangen wurde, der zur Begrüßung seine Pfoten

an dem Anzug des Besuchers abwischte, wurde ihm von einem Dienstboten

mitgeteilt, der Herr Pastor sei im Stall und melke Probe.

Er begab sich also an Ort und Stelle, wo er seinen Schwager in voller

Tätigkeit fand. Mit Käppchen und einem sonnenverschossenen Überzieher

bekleidet, saß dieser da, führte das Milchjournal und hatte ein

geleertes Frühstückstablett hinter sich am Fenster stehen.

Gustav Borg scherzte gern über des Schwagers Seelsorge in Viehstall und

Meierei, heute aber war er nicht dazu aufgelegt, denn er wollte ihn

für sich gewinnen, und der Pastor entwaffnete ihn außerdem durch einen

Blick, der um Schonung im Beisein der Knechte bat.

»Wir haben seit vier Uhr früh gearbeitet, deshalb hab ich etwas essen

müssen!«

Damit wollte er den Ausfall gegen das Frühstückstablett parieren, das

mit Bier- und Branntweinflasche versehen war.

»Ich wollte dir nur guten Tag sagen!« antwortete der Schwager und sah

nicht nach dem Tablett hin.

»Wir sind gerade fertig. Warte einen Augenblick, dann komme ich mit

dir!«

Gustav wartete und sah sich die hundert fetten Rinder an, die kauten

und mit den Schwänzen schlugen.

Der Pastor summierte die Liter und war von dem Resultat befriedigt,

obwohl er sich wunderte, daß das Probemelken unter Aufsicht stets ein

besseres Resultat ergab als das tägliche Melken.

»Siehst du, das ist das Auge des Herrn!« sagte er. »Wenn man sich nicht

um das Seine kümmert, so weiß man, wie es geht. Und die Erde gibt

nur dem Eigentümer selbst. Würde ich dies hier verpachten, so bekäme

ich nie die Pacht zu sehen. Der Pächter klagt immer, und wenn es ans

Bezahlen geht, schickt er Frau und Kinder, die ihn von der Pachtsumme

freiweinen sollen. Nein, ›Selbst‹ ist der beste Knecht. Jetzt wollen

wir nur einmal in die Meierei hineinschauen. Hast du meine neue

Zentrifuge gesehen? Es ist eine Pracht, wie diese Turbine arbeitet!«

Er öffnete eine Tür im Hintergrunde, und sie waren in der Meierei.

»Hier wird Gold gemacht,« fuhr er mit einem Eifer fort, als wolle er

alle ungehörigen Fragen und spitzen Bemerkungen verhindern. »Sieh dir

nur die Butter an! Sieh sie dir an! Nein, du mußt sie auch probieren!

Was? Die ist erstklassig! Nun, es kann ja für dich weiter kein

Interesse haben!«

Und dann gingen sie.

Als sie auf den Flur kamen, wurde Gustav Borg wieder von Phylax

empfangen, der sich die Schnauze an seinem hellen Anzug abwischte. Da

das Tier eben gefressen hatte, wollte der eintretende Gast böse werden,

aber er mußte schweigen und leiden, denn er wollte etwas gewinnen.

Das Zimmer des Pfarrers war eines im alten Stil, mit Ledersofa,

Brettspiel, Pfeifengestell und Bücherregal mit den Kirchenvätern

in Quartformat, sowie der Amtszeitung und einer Sammlung von

Gesetzbüchern; dieser wunderlichen Mischung von weltlicher und

geistlicher Macht.

Die Möbel waren aus Mahagoni und sahen aus, als seien sie nie

neu gewesen, sondern bei Beginn der Welt auf einer Hausauktion

durch Selbstzeugung erstanden. Mahagoni sieht nicht aus wie ein

Pflanzenstoff, sondern es ähnelt gedörrtem Fleisch und kann schwitzen.

Deshalb merkt man immer Spuren von Fingern, und das ist nicht angenehm.

Die Möbel standen auf Flickenteppichen von der Farbe des Heringssalats

und bildeten ein Ensemble gemütlicher Unsauberkeit, die nach

Schnupftabak roch.

Bei näherer Betrachtung unterschied man an der Tür eine Sammlung von

Stöcken unter einem Museum von speckigen Hüten und Mützen. Daneben

ein Brett mit Glasmaßen für Milchprüfungen, den neuen Symbolen der

rationellen Landwirtschaft.

Die Schwäger ließen sich nieder, und da beide schwatzsüchtig waren,

ging die Unterhaltung wie ein geölter Blitz.

»Du bist früh auf den Beinen,« sagte der Pastor.

»Ich habe nichts anderes zu tun, seit ich zur Disposition gestellt

bin,« antwortete der Redakteur.

»Ja, die Jugend drängt vor! Das ist der Lauf der Welt!«

Hier wäre Gustav Borg fast der Versuchung erlegen, sich zu beklagen;

aber er beherrschte sich, denn er wußte, daß der Schwager ihn, der

stets das Sprachrohr der Jugend gewesen war, nur ausgelacht haben würde.

Er stoppte deshalb und bremste:

»Ja, die Jugend; du weißt, ich habe ihr immer das Wort geredet, so

lange ihre Forderungen angemessen und vernünftig waren; aber als sie

die Grenzen überschritt, mußte ich gegen sie Front machen.«

Da auch der Pastor in friedliebender Stimmung war, stellte er sich

artig auf den Standpunkt seines Antagonisten.

»Und das war recht von dir. Deshalb wirst du auch gelobt.«

Er nahm eine Zeitung vom Brettspieltisch; als aber Gustav Borg den

Titel »Vaterland« sah, war es aus mit dem Frieden, und die Maske fiel.

»Werde ich in der gelobt? In der? Dann ist es aus mit mir.«

»Du liebst dein Vaterland nicht?« fiel der Pastor ablenkend und

scherzend ein.

»Nicht sonderlich, denn es ist nicht liebenswert, und was deine Zeitung

betrifft: ja, findest du selbst, daß Christenmenschen so schreiben? Es

sind freilich Männer des Geistes, aber sie schreiben wie Teufel. Lügen,

Willkür, Gewalt, Ungerechtigkeit, Haß, falsches Zeugnis, das ist das

Programm der Zeitung!«

Jetzt fing der Pastor Feuer, und er erhob sich und begann auf dem

Teppich hin und her zu traben, daß der Staub wirbelte:

»Findest du es nicht besser, daß das Volk von den humanen, gebildeten

Priestern der Staatskirche geleitet wird als von ungebildeten,

fanatischen Laienpredigern?«

Das fand Gustav Borg für gewöhnlich gewiß, aber hier galt es, die

Antwort nicht schuldig zu bleiben, und so bekam er im Zorn ganz

plötzlich eine andere Meinung:

Die Gotischen Zimmer: Roman · 第 4 / 20 段