Band vom Schreibtisch. -- »Es ist ein merkwürdiges Buch; die Herausgabe
wurde vor längerer Zeit begonnen und das letzte Heft ist kürzlich
erschienen. Ganz, als wenn das Buch bestellt wäre; und dies Buch wird
vielleicht das Ritterhaus schließen, -- jetzt werden wir gleich sehen:
B; B--o; Borg: die adelige Familie Borg Nummer 1570. Dahinter steht ein
Kreuz, und das bedeutet, daß die Familie ausgestorben ist.«
Der junge Student fühlte buchstäblich, wie er starb; und er sank auf
einen Stuhl nieder. Aber als er sich erholt hatte, versuchte er nach
dem Strohhalm zu greifen:
»Dann sind wir adoptiert!«
»Adoption gibt es nicht nach schwedischem Gesetz, und Sie sehen wohl
ein, mein Herr, wenn man durch Adoption geadelt werden könnte, dann
würde sich jeder reiche Großkaufmann für eine Lappalie von einem armen,
heruntergekommenen Edelmann adoptieren lassen. Ja, Sie wissen doch, daß
man jetzt Ritterhausbestallungen oder Vollmachten verkauft.«
Gustav Borg befühlte seinen Siegelring und machte noch einen Ausfall:
»Ich kann mir das nicht erklären; mein Vater hat keine Schuld, denn er
ist absolut ehrenhaft.«
»Das habe ich nicht in Abrede gestellt, aber die Missetaten der Urväter
gehen um; und wenn Sie etwas Köstliches sehen wollen, so müssen wir
einen von den ärgsten Rednern des Ritterhauses, der für sein Erb und
Eigen ficht, aufschlagen. Sehen Sie, hier steht es: die Familie wurde
von dem englischen König Karl I. bei seinem Besuch in Dublin 1652
geadelt. Nun wurde bekanntlich Karl I. im Jahre 1649 enthauptet, so
daß man seinen Besuch in Irland 1652 als kopflos bezeichnen muß, als
noch kopfloser aber die Erhebung eines aufständischen Irländers in
den Adelsstand. Sehen Sie, solche Dinge haben unsern Adel verdächtig
gemacht, und alle diese ausländischen Geschlechtstafeln besonders sind
sehr anrüchig. Ist Ihnen bekannt, was für Ahnen unser Ritterhausheld
hat? Ich will Ihnen ein paar von den zweiundvierzig vorlesen, die
hier aufgezählt sind. ›Felimlomkdode; King; Ferghis Avrenoudh (König
der Schotten); Eochy; Collumium.‹ Was soll mir Collumium! Entweder hat
der Abschreiber einen Bock geschossen, oder einer hat sich den Namen
ausgedacht. Sie dürfen darüber nicht traurig sein, Herr Borg, denn es
ist jetzt beinahe besser, Anderson zu heißen als Gyllensparre; dann
schnüffelt keiner die Taufscheine nach und sucht unter den Betten,
wie dieser Anrep tut. Können Sie sich vorstellen: ein Galgenstrick
von einem Buchdrucker hat ausgerechnet, daß sechzig Familien im
unehelichen Bett gezeugt sind oder vom Junggesellensofa herstammen!
Und daß die größten Helden unseres Ritterhauses Ausländer sind; daß
im Reformministerium Holländer, Deutsche, alle möglichen Landsleute
sitzen; und zieht man die mütterlichen Verwandten in Betracht, so ist
auch Afrika und Asien dabei. Curry Treffenberg, der komische Patriot,
ist Zigeuner; und der Legationssekretär ...sky ist Pole. Demnach
brauchen wir nicht traurig zu sein. Ich schreibe also nicht ~nobilis~
oder ~nob.~ hin, wovon übrigens Thackeray das Wort ~snob~ abgeleitet
hat!«
Das war eine gewaltige Erschütterung für einen jungen Studenten; er
warf den Wappenring in die Ecke, fuhr nach Hause zu seinem Vater und
schimpfte auf die, die ihm eine falsche Herkunftsbezeichnung mitgegeben
hatten. Der Vater wurde für unschuldig befunden, behielt aber seinen
Wappenring. Bei einer im Ritterhaus angestellten Untersuchung wurde
er auf das Wappenbuch als sichere Quelle verwiesen; und da fand man,
daß das Wappen hundert Jahre lang gestrichen gewesen, dann aber wieder
eingeschmuggelt worden war.
»Die haben natürlich gemogelt,« sagte der Beamte, der an solche Manöver
gewöhnt war.
Aber Gustav Borg und sein Bruder Henrik gingen mehrere Jahre lang
beschämt umher und kamen sich wie Betrüger vor; doch dann rafften sie
sich auf und bekamen einen solchen Abscheu vor allem, was falsch war,
daß sie sich energisch auf die Seite derer stellten, die ausgangs der
sechziger Jahre eine Revision aller alten Pfuscherei in Staat, Kirche
und Gesellschaft verlangten.
An der Universität zu Upsala ging es mit Gustav Borg wie mit so
vielen andern in jener Zeit. Er fühlte sich in Urzeit und Unfreiheit
versunken; eine Atmosphäre, die sich von allem, was er erträumt hatte,
wesentlich unterschied, ein Druck von oben, der unerträglich war, weil
der Ursprung nicht sichtbar wurde. Die Lehrer, die sein Schicksal und
seine Zukunft in der Hand hatten, bestimmten, was er denken und fühlen
sollte, unter der Tyrannei der Lehrer aber stand die der Kameraden.
Studentenkorps hieß ein Tyrann, Landsmannschaft ein anderer. Diese
setzten Proklamationen auf, schickten kriechende Telegramme an Größen,
die er nicht schätzte, eher im Gegenteil. Die Landsmannschaft wählte
Ehrenmitglieder, denen zu unterstehen er nicht für eine Ehre ansah;
aber es geschah im Namen der Landsmannschaft, also auch in seinem,
gegen seinen Willen.
An einem 30. November sollte er die Kluft zwischen sich und den
andern spüren. Karl XII. sollte gefeiert werden, und er stand im
Studentenkorps und hörte die »sittliche Größe« des Vagabundenkönigs
preisen.
Es kochte in ihm, und als am Abend die Landsmannschaft einen Kommers
veranstaltete, trat er an den Tisch und bat, seine Vorbehalte
hinsichtlich der Rede auf Karl XII. vorbringen zu dürfen. Wie er zu
Wort kam, begriff er selbst nicht; aber er hatte einen Vollbart und
eine gewaltige Gebirglerstimme, die den meist bartlosen Jünglingen
imponierte, und er hatte das Gefühl, einem Ruf zu gehorchen, der
unwiderstehlich war und deshalb unwiderstehlich wirkte. Er sagte
ungefähr das Folgende:
»Eine Nation, die ihre großen Erinnerungen pflegt, handelt sicherlich
recht; wehe dem aber, der das Unrechte recht und das Böse gut nennt.
Ihr habt heute abend einem bösen Manne geopfert, und das ist eine
Schande. Die Toten existieren ja nicht, sind Schatten, und über das
Nichtvorhandene sollte man nicht sprechen. Man sagt freilich, daß wir
in unsern Taten weiterleben; aber ich wüßte unter Karls XII. Taten
keine, die ihm ein Scheinleben in unserer Erinnerung geben könnte.
Schwedens Zerstörer haben wir heute abend als einen Nationalheiligen
gefeiert; ja, ihr wißt so gut wie ich, daß er alle mannbaren Leute
im Reiche zugrunde gerichtet hat; ihr wißt so gut wie ich, daß er
durch gewissenlose Aushebung Gewerbe und Handel ruinierte und den
schwedischen Boden verwahrlosen ließ. Ihr wißt vielleicht nicht, was
verwahrloster Boden bedeutet und was Unland ist! Das heißt Unkraut
ernten, wo man Roggen gesät hat! -- Aber euer Held -- der nicht mein
Held ist -- war der unsittlichste Mensch, der je gelebt hat, denn wer
ohne mit der Wimper zu zucken sein Land und sein Volk dem eigenen
Ehrgeiz opfert, der ist der Unsittlichste. Wenn einem wie Karl XII.
über seine Irrtümer die Augen geöffnet werden, und man erkennt sie
nicht und macht sie nicht gut, so ist man unsittlich.
Die Schweden sind ein Königsvolk, leider! Griechen und Römer waren
es auch, solange sie wilde Völker waren. Der Sklavensinn wünscht
zu gehorchen, weil das bequemer ist, deshalb sind die Schweden ein
sklavisches Volk. Man hat uns Lakaien genannt und mit Recht!«
Hier begann ein Gemurmel im Saal der Landsmannschaft, und das reizte
unsern Mann aus den Bergen, so daß er eine Kadenz machte und die Tonart
änderte.
»Lakaien, ja, denn für einen Schweden ist es das Ideal, Beamter zu
werden und Pension zu bekommen, an einer Ecke mit dabei zu sein und zu
herrschen, indem man gehorcht, einem Vorgesetzten gehorcht.«
Da das Gemurmel in Lärm überging, wurde der Redner noch mehr
angefeuert, und da ihm zum Bewußtsein kam, in welchem Milieu er sich
befand, verfiel er in einen scherzhaften Ernst.
»Damit ihr treue Diener und später Vertrauensmänner des Königs werdet,
hat der Staat bekanntlich die Universität errichtet. Ihr wißt ja
genau so gut wie ich, daß der Kram, der hier in den vier Fakultäten
verhökert wird, nur den einen Zweck hat, uns zu Beamten zu machen,
denn ob ich Geistlicher werde, Richter, Lehrer oder Kreisarzt,
Beamter bin ich auf jeden Fall. Darüber wäre nun nichts zu sagen,
wenn nicht die Quelle der Weisheit so schwer zugänglich wäre. Warum
die Weisheit so teuer erkauft werden muß, kann ich nicht verstehen,
wenn mir nicht jemand die Erklärung geben wollte, daß Stellungen knapp
sind. Ihr wißt ja, wie schwer es ist, eine Stelle zu bekommen; man
bewirbt sich nämlich nicht um eine Stelle beim Kammergericht, wie
man sich um eine Anstellung in einem Geschäft bewirbt, sondern man
wird berufen. Auf diesen Ruf also kommt es an, und der Ruf beruht auf
einer Gnadenwahl. Dieser eigentümliche Wahlakt zeigt sich schon beim
Examen. Manche guten Köpfe bestehen das Examen nicht, während viele
schlechte Köpfe durchkommen. Das ist die Prädestination! Und glaubt
mir, alles, was hier in Vorlesungen und Kollegs gelehrt wird, kann man
in der Buchhandlung kaufen. Bei einem gut organisierten Buchhandel
und angemessenen Examenskommissionen könnte man die Universität
schließen, auf der man seine Zeit vertut und seine Nerven durch
Trinken ruiniert. Die Universität ist eine Kombination von Kloster,
Kneipe und Bordell; die Universität ist eine Schule -- eine Schule für
Hoffart, Unterdrückung, Faulheit, Neid, Kriecherei. In dieser Zeit,
wo die Stände abgeschafft werden, müßte man auch den Gelehrtenstand
streichen. Was ist Gelehrsamkeit? Heute bist du im römischen Recht
ungelehrt, morgen aber kaufst du dir in der Buchhandlung ein kleines
Buch über römisches Recht, und übermorgen weißt du, was römisches Recht
ist. Das ist Gelehrsamkeit, auf die wir so stolz sind. Heute wissen
wir nicht, daß Karl XII. den Pfarrer Boëthius ins Irrenhaus bringen
ließ, weil er darüber gepredigt hatte, wie gefährlich es sei, einen
fünfzehnjährigen Lümmel auf dem Thron zu haben, morgen aber kaufen wir
uns eine schwedische Geschichte, und dann wissen wir es. (Seht ihr,
ich komme doch wieder zum Thema zurück!) Heute wissen wir nicht, daß
Karl XII. geistesgestört war, morgen aber machen wir vom Bücherkredit
Gebrauch, und dann wissen wir es! Meine Herren, ich bitte, ein Hoch
ausbringen zu dürfen auf einen gut organisierten Buchhandel und einen
unbeschränkten Kredit, dann brauchen wir Tage wie den heutigen nicht zu
erleben, wo man aus Unkenntnis Schwedens Zerstörer, den Brandstifter,
den Großinquisitor, den Falschmünzer Karl XII. in der Eigenschaft
feiert, die ihm am meisten fehlt: nämlich in seiner sittlichen Grüße.«
Das Resultat war das erwartete. Gustav Borg wurde an der Universität
unmöglich. Deshalb besuchte er nie Vorlesungen, sondern verschaffte
sich einen Kredit auf Bücher, wählte also seine Lehrer selbst und
meistens ausländische, denn schwedische gab es nicht. Jeder Student
wußte, daß die Professoren selbst aus dem Auslande schöpften; die
größten Lehrbücher waren ja in deutscher Sprache abgefaßt, besonders
die medizinischen, theologischen und ästhetischen.
Nach dreijährigen freien Studien sah Gustav Borg seinen jüngeren Bruder
Henrik die Akademie beziehen. Zwei Brüder aus dem gleichen Hause, aber
so verschiedene hatte man selten gesehen. Der ältere blond mit blondem
Vollbart, germanischer Typ, der vom Vater herrührte; der Jüngere,
schwarz und mit sechzehn Jahren ein ausgewachsener Mann, ein weißer
Afrikaner, leitete seine Abstammung unverkennbar von Seite der Mutter
her, deren Vater irgend eine Beziehung zu den Tropen gehabt hatte, nach
dem, was die Tradition berichtete.
Diese Brüder hatten nie am gleichen Strang gezogen. Der Jüngere war von
dem Älteren unterdrückt worden; die wenigen Jahre, die sie trennten,
konnten im Empfinden des Älteren nie ausgelöscht werden. Er hatte sich
von Kindheit an daran gewöhnt, auf den Kleinen herabzublicken, alles zu
verachten, was er sagte, ihn als Dummkopf zu behandeln und ähnliches;
wie es gewöhnlich in Familien der Fall ist. Jetzt auf der Universität
zeigte sich der Unterschied noch krasser. Gustav war Schwede und
Bergbewohner, einer von den Urschweden, die auf das Vaterländische
hielten, freilich mit Vorbehalten, während Henrik, der Exotische, nicht
schwedisch zu fühlen vermochte, und dafür konnte er nichts.
Bei einer Diskussion über die Erinnerungen der Vorväter konnte
beispielsweise Henrik seinem Bruder die folgende Antwort geben:
»Ich finde es für mich ebenso falsch, eure Ahnen zu annektieren,
wie unser Adel falsch war. Mein schwarzer Urgroßvater tanzte am
Äquator um ein Zimtfeuer, und er hätte unmöglich Karl XII. feiern
können, ebensowenig wie ein Schone mit Leib und Seele an einem Gustav
Adolf-Fest teilnehmen kann, weil Schonen zur Zeit des Dreißigjährigen
Krieges dänisch war.«
Die Antwort des Bruders blieb nicht aus, und sie war die stehende:
Lützen.
»Warum feiern wir unsere Niederlage und unsere Schande?« wendete
dann Henrik ein. »Euer König (er sagte nie unser) fiel bei Lützen,
und die Katholiken feierten den Sieg; das Spiel ist doch gewonnen,
wenn der König matt ist, Wallenstein aber war nicht geschlagen. Nach
Lützen erneuerten die Schweden das Bündnis mit dem Kardinal Richelieu
und riefen französische Truppen nach Deutschland. Deshalb wurde der
schwedische Name von den Deutschen nach Lützen verflucht. Wenn man sich
vorstellt: eine französische Invasion zu veranlassen; den Erbfeind,
den Gallier, in das Land zu ziehen, das doch unser Freund sein sollte!
Deshalb empört es mich, eure Vergötterung des rohen Vagabunden Banér zu
sehen, der Sachsen verheerte und Böhmen brandschatzte, hauptsächlich
aber wegen seiner Rückzüge berühmt ist.«
Da flammte Gustav auf. Karl XII. hatte er heruntergerissen; aber an
Gustav Adolf und Johan Banér durfte man nicht rühren.
»Bist du ein Schwede?« schrie er.
»Nein, ich bin Weltbürger!« brüllte Henrik.
Gustav nahm ein Wredesches Gewehr von der Wand und Henrik zog einen
Hochland-Dragoner-Säbel blank -- und dann schämten sie sich und
schlossen Frieden bis zum nächsten Mal, das bald genug kam.
Aber es gab andere und tiefere Differenzen. Gustav arbeitete an der
Erneuerung des Alten, Henrik aber wirkte für die Zukunft.
»Das heutige Alte ist so morsch, daß man es nirgends anpacken kann.
Diese ganze Wirtschaft mit Monarchie und Zubehör ist ja nur eine
Gnadenfrist für das ~ancien régime~; es wird von selbst vermodern
und Streu bilden, in der das neue wachsen kann; es kann sich nicht
erneuern, deshalb lebt es von Korruption: Orden, Akademien, Ämter,
Beförderung. Wir, die wir die Erben der Revolution sind, haben an
anderes zu denken, und wir betrachten dies nur, wie die Ärzte die
Prostitution betrachten: als etwas, was man einstweilen nicht ändern
kann, sondern was geduldet werden muß -- eine ~Maison de tolérance,
enfin~!«
Henrik war gleichsam auf die Welt gekommen mit dieser Vorstellung, daß
die Gesellschaft neu geboren werden müsse und daß dies unmerklich unter
einer alten Staatsform geschehen könne, die schließlich, untergraben,
von selbst in Asche fallen würde.
Die Brüder rieben sich, bis sie die Akademie verließen, der ältere ohne
Examen, um Journalist zu werden, der jüngere mit dem Staatsexamen als
Arzt.
* * * * *
Gustav Borg gründete eine Zeitung in der Hauptstadt, und sein Bruder
Henrik beteiligte sich. Sie hatten ihren Vater beerbt und das Vermögen
in einer Druckerei angelegt. Henrik aber vermehrte sein Kapital durch
Sparsamkeit und Umsicht, so daß ihm schließlich der größte Teil der
Zeitung gehörte. Die Brüder zankten sich, hielten jedoch zusammen. Sie
verheirateten sich, bekamen Kinder, neue Zankäpfel. Schließlich wurde
die Spannung im Laufe der Jahre so stark, daß ein Bruch kommen mußte.
Und jetzt war er gekommen.
* * * * *
Die zoologische Weltanschauung oder die Veterinärphilosophie der
achtziger Jahre hatte die Gemüter nicht gerade verfeinert, aber das
konnte man auch nicht verlangen; und etwas Verwilderung dann und wann
ist nur Ruhe. Die Schlagworte waren: Kampf, Kampf um alles; nimm dir,
keiner ladet ein; sei frech, dann kommst du vorwärts! Die Alten, die
es anders gelernt hatten, nämlich, daß den Sanftmütigen das Erdreich
gehören solle, waren anfangs verzagt; dann amerikanisierten sie sich
ebenfalls und nahmen den Kampf auf, so daß die ganze Gesellschaft sich
als zwei befestigte Lager darstellte mit der gemeinsamen Losung: alle
Mittel sind erlaubt! Alle Hilfstruppen waren gut, und wenn die Männer
jetzt kämpften, waren sie unvorsichtig genug, ihre Frauen auch hinten
auf den Streitwagen zu setzen; zuerst hinten, dann vorn, denn mit
der Tiertheorie kam die abergläubische Furcht vor dem Weibchen, die
allen Tieren eigen ist. Was bei den Alten traditionelle Ritterlichkeit
war, Ehrfurcht vor Gattin und Mutter, ein freiwilliges Opfer eines
christlichen Gemüts, wurde hier menschliches Recht, das heißt
theoretischer Unsinn. Feige Männer krochen hinter ihre Frauen, schoben
ihre Weiber vor; sie benutzten die Frauen gegenseitig als Stichwaffen
und Dynamit; und mancher starke Mann, der selbst unüberwindlich war,
wurde gerade in seiner festen Burg, der Familie, in die Luft gesprengt.
Der Feind hetzte Frau und Kinder auf, und dann war die Festung
verraten. Es war kein reinlicher Kampf, aber er kehrte die alten
Begriffe von der Ehe als einer lebenslänglichen Verpflichtung um, er
gab Umsatz und Bewegung; eine heilsame Unsicherheit, die den Einzelnen
kurz hielt, immer wach, auf seiner Hut; ständige Erneuerung in einem
unaufhaltsamen Vorwärts.
* * * * *
Doktor Henrik Borg hatte sich mit einer norwegischen Dame vom Noratyp
verheiratet; die falsche Märtyrin, die hysterische Närrin, die nie
existiert hatte, bevor sie in einem atrophischen Manneshirn erstand,
als es sich mit Frauen und Kindern auf gleichem Niveau zu fühlen
begann. Aber sie war auch aus all dem Jux zusammengesetzt, der damals
von den norwegischen Volkshochschulen in die Welt geschickt wurde;
sie glaubte zum Beispiel einer jungen Nation voll liebenswürdiger
Jugendfehler anzugehören. Darunter verstand man die norwegische Nation,
die uralt ist, älter als die schwedische, so alt, daß Schwedens
Geschichte in den norwegischen Königssagen ihren Anfang nimmt. Sie
hatte die Boheme von Kristiania durchgemacht, und das war ihre
Sache; in ihrer Torheit aber schwärmte sie zugleich für Svava, das
Handschuhweib. Jetzt wollte sie reine Jünglinge haben, und ihr erster
Vorwurf gegen den Doktor war, daß er nicht rein sei.
»Das warst du aber auch nicht,« antwortete der ungeschminkte Doktor.
Als da die Frau nur mit einer Miene antwortete, die bedeuten konnte:
Ich? das ist etwas anderes! begriff er, daß es sich hier nicht um
Gleichheit handelte, sondern um Tyrannei, und als Tyrannenhasser zog er
das Schwert.
Mit einem unlenksamen Menschen, der für Gründe, Tatsachen und Logik
unempfänglich ist, kann man nicht lange kämpfen; ein wertloses
Schlachtfeld gibt man auf, und mit einem Unbewaffneten läßt man sich
nicht ein. Aber er blieb bis auf weiteres in der Schlangengrube, um
der Kinder willen, und wartete den Augenblick ab, da er sicher sein
würde, daß die Kinder ihn nicht vermißten, wenn er ging. Es war ein
eigentümlicher Zug der Männer dieser Zeit, daß ihre Gefühle für die
Kinder stärker waren als die der Mütter, die die gesunden Instinkte
verloren zu haben schienen und das Leben außer dem Hause aufsuchten,
während die Männer noch für das häusliche Leben schwärmten.
In einem berühmten Scheidungsprozeß wurde von seiten des Mannes
gegen die Frau die ungewöhnliche Beschuldigung erhoben, er müsse
abends allein zu Hause sitzen, während die Frau mit seinen Freunden
im Wirtshaus sei. Das freche und einfältige Weib wagte einzuwenden,
der Mann lasse sie allein sitzen (im Wirtshaus), deshalb müsse er die
Folgen tragen.
Doktor Borg stand allein in seinem Kampf; und er versuchte gerade
aus der in Mode gekommenen neuen Weltanschauung seinen Freunden
zu beweisen, daß sie, wenn sie konsequent seien, gegen die
Geschlechtsverwechselung Front machen müßten. Er versuchte es mit der
durch die ganze Natur gehenden Arbeitsteilung, die zu Kraftersparnis
und Vollkommenheit führt.
»Dem Manne Kraft und Außenarbeit; der Frau Schönheit und
Innenbeschäftigung! Je größer der Unterschied des Geschlechts ist,
desto besser die Nachkommen (Differenzierungsgesetz).«
Aber es ging nicht; auch die stärksten Naturalisten konnten »im
Geschlecht keinen Unterschied sehen«. Und sie starteten eine weibliche
Größe nach der anderen; sie fanden eine Seligkeit darin, ihre
Unterlegenheit unter die Frau kundzutun.
»Das ist Päderastie oder Selbstbefleckung,« pflegte der Doktor dann
aufzubrausen. »Ihr habt ja alles Selbstgefühl als Männer verloren, wenn
ihr euch unterlegen fühlt; und wenn ihr eure Inferiorität empfindet, so
seid ihr wohl auch inferior!«
Seltsam war es, aber ein Teil von den führenden Männern war pervers;
viele wurden freilich verleumdet, aber eine Anzahl war es notorisch,
ebenso wie viele bekannte Frauen verdächtig oder überführt waren.
Nun wurde der Doktor natürlich als Frauenhasser bezeichnet. Das focht
ihn nicht an, denn er wußte, daß es Lüge war. Und er konnte antworten:
»Ich bin nicht Kinderhasser, weil ich die Unterordnung des Kindes
unter die Frau erkenne, und ich bin nicht Frauenhasser, weil mir das
rudimentäre Dasein der Frau zum Bewußtsein gekommen ist. Aber ihr könnt
nicht beobachten und nicht denken. Ihr seid Afterdenker, denen die
Hemmungszentren zwischen Großhirn und Kleinhirn fehlen ...«
Doch er hatte das Pulver im eigenen Keller und sollte jetzt in die
Luft gesprengt werden; das Attentat war von seinem eigenen Bruder, dem
Redakteur, geplant. Da Doktor Borg ein gerechter Mann war, hatte er,
wie wir wissen, die Norweger in ihren gerechten Freiheitsbestrebungen
verteidigt und war infolgedessen von der Rechten als Norwegerfreund
bezeichnet worden; da er aber mit seiner Frau, die Norwegerin war,
unglücklich lebte, wurde er gegen seinen Willen von der Linken
zum Norwegerhasser gestempelt. Er haßte seine böse, dumme Frau;
sie war Norwegerin, ergo war er Norwegerhasser. Diese einfältige
Schlußfolgerung leuchtete den weichen Hirnen der Parteimänner ein, und
sie genügte, ihn in den Verdacht zu bringen, die »Fahne verlassen zu
haben«! Daß er den Weiberwahnsinn nicht mitmachte, reichte aus, ihn zum
Konservativen zu stempeln.
»Er ist im Grunde ein konservativer T...el,« war Gustavs Ultimatum.
Aber da dem Bärenpelz nichts anzuhaben war, versuchte er es mit dem
Schürzenweg.
Am Tage nach seiner Absetzung machte er nämlich seiner Schwägerin,
Frau Dagmar, einen Besuch. Mit einem schönen Namen vereinigte
diese eine angeborene Schönheit, die sie nach Kräften verbarg und
entstellte. Das herrliche Haar hatte sie abgeschnitten, um nicht daran
erinnert zu werden, daß sie Sklavin sei (der Doktor hatte dagegen
gelernt, daß langes Haar das Zeichen des freien Mannes war und daß
alle Gefangenen geschoren wurden); einen schönen Hals versteckte sie
unter Vatermördern, um zu vergessen, daß sie Weib war; ihre kleinen
Füße verbarg sie in zu großen Schmierlederschuhen, die sich in Falten
legten, so daß sich die Füße wund rieben; alles, was häßlich war, hatte
sie für ihre Toilette zusammengesucht, alles, was schlecht aussah, in
ihrem Heim gesammelt; die Bosheit grinste von jedem Möbelstück, aus den
Farben der Gardinen und den Zieraten. Man sah den Trotz gegen den Mann,
dessen Schönheitssinn bekannt war, und man verstand, daß die ganze
Dekoration der bestimmten Absicht entsprang, den guten Geschmack des
Mannes zu verletzen. Sie wolle ihre Unabhängigkeit zeigen, sagte sie,
wenn sie ihre Abhängigkeit von ihrer Bosheit an den Tag legte.
Der Schwager Gustav wurde in einem unaufgeräumten Zimmer empfangen.
Er sah sofort an zwei kleinen Gläsern mit Resten, daß Damenbesuch
dagewesen war. Da er mit der Rolle und der Situation vollkommen
vertraut war, wußte er, daß es hier keinen Sinn hatte, mit Artigkeiten
zu beginnen, am wenigsten in Bezug auf Aussehen und Kleidung, weil das
eine »Beschimpfung ihres Geschlechts« gewesen wäre.