an die Familie abliefern muß, so soll auch der Lohn der Frau für die
Wirtschaft verbraucht werden. Begreifst du nicht, daß der Mann sonst
Sklave wird? Und gegen die Sklaverei hat selbst der altliberale Gustav
gepredigt! Hast du übrigens schon einmal eine Waschfrau gesehen, die
den Mann ihr Geld vertrinken läßt? Wenn du es gesehen hast, so wird sie
es gewollt haben, und wenn sie es will, so kann keine Gesetzgebung es
hindern. Du übersetzt zum Beispiel, statt die Wirtschaft zu besorgen,
und du vertrinkst deine Honorare, das heißt verjubelst sie mit Reisen
und Festen, während Gustav dir Dienstboten hält, die deine Arbeit tun.
Findest du das gerecht, oder findest du, daß die Stellung der Frau
unterdrückt ist? Ja, dann bist du ein Dickkopf, und ich kann keinen
Kompromiß mit dir schließen.«
Brita zitterte vor Wut, konnte aus ihrem Kopf aber diese Dummheiten
nicht herausbringen, die sie aus einer verflossenen Zeit mitschleppte,
in der die Ritterlichkeit verlangte, der Mann müsse alles dem Idol
opfern. Der Doktor, der sich von allen alten Vorurteilen befreit hatte,
sah den Augenblick gekommen, reinen Tisch zu machen und den fixen Ideen
der Schwägerin auf den Grund zu gehen.
»Und daß die Frau im allgemeinen schlechter bezahlt wird,« fuhr er
fort, »das beruht auf dem wichtigen Faktum, daß sie ihre Liebe nicht
zu bezahlen braucht, sondern in irgendeiner Weise dafür bezahlt wird.
Das Gesetz verurteilt nämlich nur den Mann zur Alimentenzahlung, nie
die Frau, die doch die größte Freude an der Mutterschaft hat und deren
Besitzrecht am Kinde indisputabel ist! -- Ja, und dann willst du die
Prostitution abschaffen! Weißt du, was du unter Prostitution verstehst?
Meinst du die ärztliche Aufsicht, so bist du unbarmherzig, wenn du sie
abschaffen willst! Meinst du aber die Tatsache, daß ein Haufen Weiber
aus dem Geschlechtsleben ein Gewerbe macht, so kann das Gesetz diese
Tatsache nicht abschaffen, denn in das Geheimste und Intimste kann das
Gesetz nicht eingreifen! Aber ihr wollt nie auf die Frage antworten,
sondern kriecht wie Ratten aus einem Loch ins andere. Die Polizei
versucht durch Kontrolle die Prostitution einzuschränken und von der
Ausübung des Gewerbes abzuschrecken, arbeitet also in eurem Sinne; aber
ihr arbeitet ja den Verhütungsmaßregeln entgegen. Was wollt ihr? Das
wißt ihr nicht. Deshalb ist alles Unsinn, was ihr faselt! -- Ist sonst
noch etwas übrig? Stimmrecht? Ja, erst für den Mann, dann wollen wir
später weiter sehen, wenn ihr erst Gerechtigkeit und Vernunft gelernt
habt.«
»Und du verlangst, daß ich mit dir zusammen arbeite?«
»Ja, in allen Punkten, in denen wir einig sind, und in all deinen
Bestrebungen, die Achtung verdienen und die ich, wie du weißt, an dir
schätze! Aber ich erbitte nicht deinen Beistand in einer guten Sache,
um dir dafür in einer ungerechten beizustehen. Wenn du, in deinem
Hause Herrscherin, die Sklavin spielen willst, so sehe ich in dir eine
Betrügerin, der ich ins Gesicht spucken werde. Das weißt du im voraus,
Brita!«
Frau Brita war von Natur zu gutmütig, um wegen einer solchen
Kleinigkeit böse zu werden, und ihr Glaube an ihre gemeinsame große
Sache so stark, daß sie sich genügen ließ und das Gespräch mit ihrer
gewöhnlichen Schlußerwiderung abbrach:
»Ja, siehst du, in dieser Frage werden wir uns nie verstehen.«
Aber der Doktor war mit bloßen Repliken nicht zufrieden, sondern wollte
Bescheid haben; deshalb antwortete er:
»Doch, meine Liebe, ich verstehe dich, aber du verstehst nicht, was ich
sage, und das ist dein Fehler.«
Das Gespräch würde wieder von vorn begonnen haben, wenn nicht der
Pfarrer von Storö, Frau Britas Bruder, den Rauchsalon betreten hätte;
ein schwarzer Koloß von beängstigendem Äußern, von einem alten,
heruntergekommenen Hunde begleitet.
»Da kommt Petter mit seiner Sprengmaschine,« sagte der Doktor; und wie
um den Vergleich zu illustrieren, hob Phylax das Hinterbein.
Frau Brita, die glaubte sich als Tierfreundin zeigen zu müssen, stand
immer auf Phylax' Seite und war sofort zur Verteidigung bereit.
»Du liebst deine Anverwandten nicht, Henrik,« sagte sie.
»Ach pfui, ich bin nicht mit Hunden verwandt, und ich hasse alles
Tierische, bei mir wie bei andern. Jetzt müßte Petter ein Scheuertuch
holen und das Deck abwischen, wenn es Gesetz und Recht gäbe ...«
»Du bist so streng gegen ein unschuldiges Tier,« wendete der Pfarrer
ein ...
»Nein, aber gegen dich bin ich streng, da du Tiere in menschliche
Gesellschaft einführst; du wagst selbst nicht zu bellen und zu beißen,
aber dein unnützes Tier läßt du das tun; du wagst das Hinterbein nicht
hochzuheben, aber dein unschuldiges Tier darf es. Du bist ein Aas, das
ist alles.«
»Nun, nun, nun,« mahnte der Pfarrer; »wir sollen barmherzig sein.«
»Ja, wir sollen barmherzig sein gegen unsere Mitmenschen, sollen nicht
den Kindern das Brot nehmen und es den Hunden vorwerfen; du gibst einem
Armen keine zwei Pfennige; deinen Tagelöhnern gibst du abgerahmte
Milch, aber deinem vermoderten, stinkenden Vieh gibst du die Sahne,
und wer das Tier, das unnütze Tier, über den Menschen stellt, der ist
selber ein verfaultes Tier.«
»Hast du Gustav gesehen?« unterbrach ihn Frau Brita jetzt.
»Er liegt unten im Achtersalon und schläft,« antwortete der Pfarrer.
Das war für die beiden Verschworenen eine überraschende Neuigkeit,
und sie versanken beide in ein grübelndes Schweigen, das der Pfarrer
benutzte, um durchs Fenster zu sehen, wie weit sie gekommen waren.
Sie waren in der Kanalmündung, wo sich immer die Frage erhob, ob auch
genügend Wasser da sei, daß das Schiff schwimmen konnte.
* * * * *
Man war erst eine halbe Stunde von der Hauptstadt entfernt, und schon
begann die Wildnis.
Feldstein und Zwergkiefern, Moore und Binnenseen wechselten mit
winzigen Ackerstücken, auf denen die kleine Landwirtschaft nur des
Aussehens halber betrieben zu werden schien. Die adligen Landwirte
lebten von Zinsen oder Berufen und hatten die Landbesitzungen in
der Hauptsache der Jagd und Fischerei wegen, oder um auf dem Lande
zu wohnen. Der einzige wirkliche Landwirt war der Pfarrer, der
zweihundert Morgen offenen Boden, Viehstall und Meierei besaß, Pferde
und Schlachtvieh aufzog, Schweine züchtete und nach neuen rationellen
Methoden Eier herstellte; er hatte auch eine Wassermühle, war Aktionär
der Dampfschiffsgesellschaft und baute Sommervillen zum Vermieten.
Er war der reichste Mann auf Storö; die Seelsorge ließ er von einem
Diakonus und einem Vikar erledigen, aber die Verwaltung und die
Amtsarbeiten behielt er in der Hand, denn er liebte zu herrschen und
einzugreifen.
Seinen Freunden und Verwandten gegenüber war er ein Lamm, wirkte
wie ein gutmütiges Rindvieh, seinen Feinden gegenüber aber wie ein
brüllender Löwe; und die Gemeinde betrachtete er als Feinde, besonders
die Armen.
»Es gibt keine Armen,« sagte er. »Faule gibt es! Es gibt keine Kranken,
das sind nur Heuchler, die Unterstützung genießen wollen.«
Bei der Steuereinschätzung war er wie ein Rasiermesser, wenn er geheime
Einkünfte aufstöbern konnte. Da tatsächlich das ganze Kirchspiel
in ewiger Fehde lebte, um von einander die Steuern einzutreiben,
so wurden im Gemeindeausschuß die heftigsten Kämpfe ausgefochten,
und Pastor Alroth ließ die Zugezogenen ausspionieren. Kaufte einer
eine Villa, so wurden sofort seine Einkünfte in der Stadt mit in
Rechnung gestellt, denn wenn der Käufer im Winter einige Zeit auf der
Insel wohnte, war er dort ortsansässig. Es wurde ohne Ende geklagt
und prozessiert; und beim Ting war der Pastor immer als eine Art
öffentlicher Ankläger zugegen, jederzeit bereit, in allen möglichen
Prozessen als Zeuge zu dienen. Er war kein gewöhnlicher Geistlicher
und würde viele Feinde gehabt haben, wenn er nicht eine Ader Humor
besessen hätte, die ihm erlaubte, über eigene und fremde Schwächen
zu lächeln. Er war ein weltlicher Priester, was freilich wie ein
Widerspruch klingt, da er dem geistlichen Stande angehörte; aber die
Verweltlichung der Staatskirche, durch die die Priesterschaft gleichsam
ein Stand geworden war, der von der Erde lebt, hatte die Geistlichen
zu Landwirten und Meiereibesitzern gemacht, die mehr mit der Sorge um
Ochsen und Kühe als um Menschen zu tun hatten. Er war auch ein lustiger
Pfarrer, der an Gelagen teilnahm, und als der beste Wiraspieler der
Gegend bekannt. Aber er vergaß sich nie, trank nie zuviel, mogelte
freilich am Spieltisch, war jedoch der erste, es einzugestehen, wenn
er ertappt wurde. Er fluchte nicht und legte es nicht darauf an, den
aufgeklärten Skeptiker zu spielen; scherzte gern, aber nicht mit dem,
was für ihn nicht erlaubt war; er glaubte an die Lehren und machte
in Gesellschaft keine feigen Zugeständnisse. Um die Fragen und die
Unruhe der Zeit kümmerte er sich nicht, las nie Bücher, verfolgte
jedoch in den Zeitungen die Politik des Tages, die Zollfragen und die
Steuererhöhung.
Mit seiner Schwester Brita neckte er sich im Scherz, und mit dem
Schwager, dem Redakteur, war er ziemlich gut Freund. Doktor Borg
mochte er gern, weil er ein ganzer Kerl war, und seine Grobheiten
faßte er als Witze auf. Am meisten schätzte er den Doktor wegen seiner
entschiedenen Haltung in der idiotischen Frauenfrage und verzieh ihm
deshalb seine Wut auf die Hunde. Seine Verwandten waren Villenbesitzer,
und er betrachtete sie als gute Nachbarn, setzte ihnen aber bei der
Einschätzung Daumschrauben an. Seine Nächste, das heißt seine Gattin,
mit der er in kinderloser Ehe lebte, behandelte er als Frau, als
Kameradin und als Herrscherin des Hauses in der »Innenabteilung«;
doch wehe ihr, wenn sie die Grenzen ihres Machtbereichs überschreiten
wollte, dann verteidigte er seinen Platz. Brita war freilich gekommen
und hatte sie aufzuwiegeln versucht, aber da hatte er, ohne Rücksicht
auf den Hausfrieden, sich so aufgeführt, daß sie kapitulieren mußten.
»An meiner Seite, Frau, aber nicht über mir!« war seine Formel.
Er nannte die Männer, die die Frauen über sich herrschen lassen,
Sodomiten. Und er hatte wohl eingesehen, daß es sich nicht um
Gleichstellung handelte, sondern um Tyrannei, wenn die Frauen
vorstürmten.
»In der neuen Gesellschaft werdet ihr vielleicht Stimmrecht bekommen,«
sagte er, »wenn ihr alle arbeitet; aber in dieser Gesellschaft, wo ihr
Anhang seid, nicht!«
Das war Pastor Alroth auf Storö; ein Prälat aus dem Mittelalter, ein
geistlicher Beamter mit viel weltlicher Macht, ein reicher Mann, der
großen Landbesitz hatte und infolgedessen sein eigener Patron war, das
heißt sich selbst in eine Pfarre einsetzte, die ihm ein Gehalt von
30000 Kronen brachte, das zusammen mit seinen Privateinnahmen von 20000
Kronen seine Einkünfte auf 50000 Kronen jährlich abrundete.
* * * * *
Bei der Einfahrt in den Kanal zeigte es sich, daß niedriges Wasser war;
deshalb begann der Steuermann das gewöhnliche Manöver zu kommandieren.
»Passagiere nach Lee!«
Das war das erste Tempo; da aber nicht alle wußten, wo Lee lag, so
gingen einige nach Luv.
Wenn dann der schiefe Steuermann -- er war immer schief und
rotäugig wie eine Plötze -- luvwärts rief, dann verstanden auch die
Uneingeweihten den Zusammenhang, daß nämlich alle auf die gleiche Seite
hinübergehen sollten. Dadurch legte sich der Dampfer schräg, als wolle
er kentern, wand sich aber doch ein Stück weiter an den Schilfbänken
entlang, wo Angelruten sich in dem rückflutenden Wasser bogen.
»Warum baggert man den Kanal nicht aus?« fragte Frau Brita unschuldig.
»Weil,« antwortete der Doktor, »wenn man baggerte, sofort ein
raschfahrender Konkurrent eingestellt würde, und das wollen die
Aktionäre dieses Kahns nicht. Oder was meinst du, Petter?«
Der Pastor wollte weder nein noch ja sagen, sondern erwiderte: »Ich
möchte wissen, ob Gustav unten im Achtersalon Schlagseite hat! Er ist
recht schwer und der Steuermann müßte hinuntergehen und ihn umstauen.«
Jetzt trat der Doktor Phylax, der sich die Angelruten besehen wollte,
auf die Zehen, und der Hund stieß ein entsetzliches Geheul aus, in das
Brita einstimmte:
»Du bist ein Barbar!« schrie sie den Doktor an.
»Das ist eine Lüge, Kindchen,« antwortete der Doktor; »ich quäle nie
ein Tier, nicht einmal einen Regenwurm, aber eure Tiere quälen mich,
weil sie mir vor den Füßen herumlaufen und heulen.«
Der Kanal war passiert, und man hatte einen Sund vor sich.
Landungsbrücke folgte auf Landungsbrücke, und bei jeder Anlegestelle
hatte man Gelegenheit, eine Bemerkung, eine Aufklärung über die
Einwohner fallen zu lassen. Es waren gewissermaßen Zufluchtsorte,
bisweilen Verstecke für Menschen, die sich dem Weltgetümmel entzogen
hatten. Keine Geschichte war der andern gleich, und in dieser Einöde,
eine halbe Stunde von Stockholm, hatten sie sich niedergelassen,
hauptsächlich vielleicht, um die Nähe des Meeres zu spüren, das einzig
Große, das Schwedens kärgliche Natur bietet. Alltägliche Trauerspiele
waren zu Ende gespielt, und man erlebte hier draußen den letzten
Akt. Durchgebrachtes Vermögen, zerbrochene Familienschicksale,
bestrafte oder unbestrafte Fehltritte, verwundeter Ehrgeiz, Kummer
und Not, alles Elend hatte sich hier in den grünen Talmulden zwischen
den Feldsteinhügeln niedergelassen. Die Eingeweihten, die diese
Wasserstraße passierten, hatten das Gefühl, an aller Bitterkeit des
Lebens vorbeizufahren, und neben der Beklemmung wurde ein Wohlbehagen
wach, außerhalb zu stehen. Der Pastor, der am meisten wußte, sprach am
wenigsten, der Doktor aber legte sich unverdrossen ins Zeug:
»Sieh, da steht der alte Päderast auf seiner Brücke und wartet auf die
Zeitung. Du studierst doch die soziale Frage, Brita, kannst du die
Päderastie erklären, und kannst du mir sagen, warum in unsern Kreisen
so viele Männer in dieser Richtung von sich reden machen?«
»Nein, das kann ich nicht, und darüber will ich nicht sprechen,«
antwortete Frau Brita ohne Prüderie, aber auch ohne Interesse.
»Man spricht nicht über solche Dinge,« unterbrach der Pastor.
»Das ist ja gerade das Unglück,« sagte der Doktor, »daß man die
wichtigsten Fragen nicht erörtern darf. Über Mord und Brandstiftung,
Diebstahl und Wechselfälschungen darf man bei jedem Gericht laut
sprechen, und mündliches Verhör ist gesetzlich angeordnet, aber über
diese Dinge darf man nicht einmal schreiben!«
»Die menschliche Schamhaftigkeit gebietet Schweigen,« wandte der Pastor
ein.
»Dann müßte der Richter sich auch schämen, von Mord und Diebstahl zu
hören! Nein, ihr seid zimperlich oder wollt besser scheinen als ihr
seid. Ich kann euch nicht begreifen! Die Vollziehung des Aktes bleibt
straflos; wenn aber ein Dichter eine hochgestimmte Schilderung der
ersten Szene des Geburtsaktes gibt, dann wollt ihr ihn ins Gefängnis
werfen! Um der Jugend willen! Um der liederlichen Jugend willen, die
nicht ihren Namen in Bäume schneidet, wohl aber das ganze Geheimnis auf
Ecken und Wände malt. Ich verstehe euch nicht, will euch aber nicht
Heuchler nennen, denn ich weiß nicht, was das ist! Du, Petter, würdest
dich nicht auf einem Trottoir exponieren, aber dein Köter darf den
Schönheitssinn einer Kinderschar beleidigen, und du stehst dabei und
siehst zu! Pfui Teufel!«
»Jetzt ist er wieder bei den Hunden,« brach Frau Brita ab, »das ist
sein stehendes Gesprächsthema.«
»Ja, wenn ihr eure unreinen Tiere in die menschliche Gesellschaft
bringt und sie an der Konversation teilnehmen laßt, dann bekommt ihr
Bescheid.«
»Unreine Tiere? Es gibt keine so sauberen Tiere, nächst den Katzen,
sieh dir ihr Fell an ...«
»Sieh dir dein Kleid an, Brita,« schrie der Doktor, »sieh dir Phylax,
die Sprengmaschine, an!«
Phylax hatte wirklich Frau Britas Staatskleid untersucht und das
Hinterbein gehoben.
Wie von einer Wespe gestochen flog die Frau in die Höhe. Die rote Feder
auf ihrem Hut zitterte gleich einer Haferrispe im Winde, ihr Gesicht
drückte alle möglichen Gemütsbewegungen zugleich aus; Wut über die
Kränkung, Verzweiflung über den Schaden, Scham über die Demütigung,
gemischt mit einem freundlichen Lächeln, das noch im Tode die Sympathie
mit dem unschuldigen Tier ausdrücken sollte.
»Warum züchtigst du dein Tier nicht?« brüllte der Doktor, der für den
geschädigten und erniedrigten Menschen Partei zu nehmen versuchte.
»Nein, dann kommt der Tierschutzverein!« meinte der Pastor.
»Der Verein kann recht haben, wenn nämlich der Stock statt dessen über
dich käme; aber ich weiß, daß du nicht wagst, den Stock gegen Phylax zu
erheben, denn dann zeigt er die Zähne; er ist der Herr und du bist der
Hund! Du verwünschtes Vieh von einem Egoisten!«
Damit verließ er den Rauchsalon und warf die Tür hinter sich zu.
Jetzt lag der Fjord offen da, und der Doktor ging nach dem Achterdeck
hinunter, um sich abzukühlen.
Da bemerkte er den Großkaufmann Levi, der ebenfalls eine Villa auf
Storö besaß, und Britas dritten Sohn, der ein Vorwerk von Pastor Alroth
gepachtet hatte.
Der Doktor mußte erst seinem Zorn Luft machen, ehe er ein neues
Gesprächsthema aufnahm, und bei Isak fand er ein treues Herz, dem er
seinen Ärger anvertrauen konnte.
»Nein, diese Teufel! Die Frauen haben sich mit den Tieren verbündet;
ein Tier darf mich beißen, wenn ich mich aber gegen das Tier mit einem
Tritt verteidige, so komme ich ins Gefängnis. Ist das das Ende der
Welt, oder was ist es? Und diese Tierweiber werden als die Wohltäter
der Menschheit gemalt, als Riesengenies biographiert ...«
»Ja,« sagte Isak, »das sind die Konsequenzen der zoologischen
Weltanschauung, der Veterinärpsychologie, des auf das Tier ausgedehnten
demokratischen Prinzips. Alles ist gleich, alle sind gleich ...«
»Welche Schafsköpfe haben so absurde Konsequenzen ziehen können? Wenn
der Mensch auf der Tierskala am höchsten steht, so soll er doch über
das Tier herrschen, das ist Logik. -- Aber es ist ein Symptom des
Verfalls, wenn kleine oder große Tiere die Macht bekommen; Bakterien
oder Hunde, das ist einerlei; gegen den Bazillus darf ich mich
verteidigen, aber gegen den Hund nicht? Ja, wißt ihr, es ist alles
verfault!«
Isak fand den Augenblick gekommen, abzubrechen, und warf ein:
»Anders findet auch, daß es mit der Landwirtschaft faul ist!«
»Faul will ich nicht sagen, aber verkehrt ist es mit der
Landwirtschaft, das ist sicher. Ist der Boden nicht ausgesogen, wenn
wir ihn nicht düngen können, ohne Düngemittel zu importieren? Wißt ihr,
daß Schweden in einem Jahre sechzig Millionen Kilogramm künstlichen
Dünger aus dem Auslande gekauft hat? Wißt ihr das? Und glaubt ihr, daß
sich das rentiert? -- Wir können nicht einmal unser Vieh ernähren: wißt
ihr, daß wir in einem Jahre neunzig Millionen Kilo Kleie und Ölkuchen
gekauft haben? Wir können nicht säen, ohne Saatgut aus dem Auslande
zu kaufen; sechzehn Millionen Kilo Saatgut vom Ausland in einem
Jahre. Die Frauen, die früher Hühnerzucht betrieben, tun nicht mehr
mit, sondern wir kaufen zwanzig Millionen Eier jährlich; eigentlich
siebenundzwanzig, aber sieben Millionen haben wir exportiert.«
»Nun, und das Getreide?« warf Isak sein Scheit in das angezündete
Zollfeuer.
»Reden wir nicht davon! Einhundertzweiunddreißig Millionen Kilo Weizen
im Jahre, was gebt ihr mir dafür?«
»Ich halte die Ausfuhr dagegen,« sagte Isak.
»Du kannst nicht einhundertzweiunddreißig Millionen Kilo eingeführten
Weizen mit achtzehntausend Kilo ausgeführtem wettmachen, auch wenn
du siebenundzwanzig Millionen Kilo ausgeführten Hafer hinzurechnest;
außerdem werden noch zweiundneunzig Millionen Kilo Roggen und
siebenundzwanzig Millionen Kilo Mais eingeführt. Wovon lebt Schweden?«
»Von Holz und Eisen!«
»Nein, es gibt kein Bauholz, nicht einmal einen Mastbaum mehr in
Norrland, sagen manche; andere behaupten, das sei gelogen; die
Antwort hängt von den augenblicklichen Interessen der Wahlkorporation
ab; wir exportieren nur Grubenholz und ›Planchettes‹, sagt der
Sägemühlenbesitzer, wenn er zur Linken gehört; wenn er zur Rechten
gehört, wird das in Abrede gestellt.«
»Nun, und das Eisen?«
»Wir exportieren Eisen, das ist sicher, aber wir importieren auch;
einhundertzweiundsechzig Millionen Kilo Stangeneisen werden ausgeführt,
einundzwanzig Millionen aber eingeführt; einundneunzig Millionen Kilo
Gußeisen werden ausgeführt, fünfzig Millionen aber eingeführt; und wir
haben in einem Jahre fünfundfünfzig Millionen Kilo Eisenbahnschienen
vom Ausland gekauft. Wovon lebt Schweden?«
»Vom Pump,« antwortete Doktor Borg ohne Besinnen.
Isak lachte.
»Ja, vom Pump, aber so etwas pflegt mit einem Krach zu enden, wenn
die Zinsen nicht bezahlt werden können, und bisweilen endet es mit
Gefängnis, wenn man als leichtsinniger Schuldner befunden wird. Man
stelle sich vor, wenn ganz Schweden als leichtsinniger Schuldner ins
Loch müßte.«
»Ja,« erwiderte der Doktor, »das war einmal Arvid Falks Meinung, als er
noch auf der Mauer stand und tauben Ohren prophezeite.«
»Ein sonderbarer Kerl, dieser Falk, der schließlich mit sich selbst in
Streit kam ...« warf Isak ein.
»Nein, das kann ich nicht finden,« nahm der Doktor das Wort. »Er
experimentierte mit Standpunkten, und als gewissenhafter Experimentator
nahm er Kontrollexperimente vor, stellte sich versuchsweise auf die
Seite des Gegners, las Gegenkorrektur, prüfte die Zahlen von unten, und
wenn das Gegenexperiment negativ ausfiel, kehrte er zu dem erprobten
Ausgangspunkt zurück. Das begreift ihr nicht. Falk aber war sich
klar darüber, daß er Kierkegaards Methode anwandte. Dieser erdichtete
Verfasserpersönlichkeiten und gab sich jedesmal ein neues Pseudonym.
Victor Eremita ist ein anderer als Johannes Climacus; Constantin
Constantius ist nicht Johannes de Silentio, alle zusammen aber sind
Sören Kierkegaard. Falk war ein Vivisektor, der mit seiner eigenen
Seele experimentierte, hatte immer offene Wunden, bis er sein Leben
für das Wissen, ich will nicht das mißbrauchte Wort Wahrheit anwenden,
hingab. Und sollten seine gesammelten Schriften einmal herauskommen, so
dürfte nicht ein Wort geändert werden, sondern alle Widersprüche würden
sich in dem gemeinsamen Kierkegaardschen Titel lösen: Stadien auf dem
Wege des Lebens.«
Jetzt plätscherte der Dampfer in die Kirchbucht hinein, und beim Landen
mußten die Passagiere, Freunde und Feinde, zusammentreffen.
Viertes Kapitel
Der Redakteur
Redakteur Gustav Borg war in Bergslagen aus adligem Geschlecht geboren.
Der Vater war Amtmann und hielt streng auf seinen Adel; erzog seine
Söhne in einem gewissen Hochmut, der sie vom Mittelstand isolierte,
ohne ihnen Zutritt zu den höheren Schichten zu verschaffen. Die Söhne,
Gustav und Henrik, besuchten das Gymnasium in Västeraas und hatten
Sprößlinge des Hochadels zu Mitschülern; diese aber wollten sich ihnen
nicht nähern; sie taten, als wüßten sie von dem Borgschen Adel nichts.
So wuchsen die Amtmannssöhne heran; einfach im Äußern, aber mit
Siegelringen am Zeigefinger und Kronen auf dem Rasierzeug, achteten
sie auf ihr Benehmen, hielten sich oben, wie man sagt, und waren
entschlossen, den Namen durch Kenntnisse und Beförderung zu adeln.
Als die Zeit kam, da der Adel »abgeschafft« werden sollte, wurde Gustav
Student.
Er reiste nach Upsala und wollte sich beim Kurator in die
Landsmannschaft einschreiben lassen. Damals stand ein ~nob.~
(~nobilis~) hinter allen adligen Namen im Studentenverzeichnis.
Als der Kurator nun Borg in die Matrikel einschrieb, vergaß er, ~nob.~
dahinterzusetzen.
Gustav Borg flammte auf und fragte, ob der Kurator ihm sein Erb und
Eigen, seine Traditionen und Familienehre rauben wolle.
Der Kurator blieb ruhig, fragte aber:
»Sind Sie wirklich schwedischer Edelmann?«
»Wirklich? Was heißt das? Stehe ich nicht im Adelskalender?«
Der Kurator, der selbst adelig war und die Geheimnisse der Zunft
kannte, antwortete mit einem Blinzeln:
»Ja, im Adelskalender!«
»Nun?« fragte Gustav.
»Ja, sehen Sie, der Adelskalender ist ein Buch, aber die Ahnentafeln,
sehen Sie, das ist ein zweites. Kennen Sie die Ahnentafeln nicht,
Anreps Ahnentafeln?«
»Nein, ich habe sie nie gesehen, aber es soll ein Skandalbuch sein.«