Die Alpen in Sicht. -- Eine Schlappe der Expedition. -- Im
deutschen Urwald. -- Das Leben in der Pfahlbauhütte. -- Kurt und
Waltraut. -- Die Memoiren des Urahnen.
Nach zweimonatlichem Marsche sahen die Expeditionstruppen in der Ferne
die blauschimmernde Kette der Alpen auftauchen, die sie mit Jubel
begrüßten; schien es doch Jedem von ihnen, als sei nunmehr der größte
Theil ihrer schwierigen Aufgabe gelöst. Jenseits dieser Berge begann ja
die Zone eines südlicheren Himmels, schimmerte das blaue herrliche
Mittelmeer, und weiter hinaus grüßte die Heimath, das schöne, sonnige
Afrika. Ehe man den Fuß der Berge erreichte, waren indessen noch
Hindernisse zu überwinden, welche von Tag zu Tag an Zahl und Größe
zunahmen. Mächtige pfadlose Urwälder dehnten sich meilenweit vor der
Truppe aus, die waldfreien Strecken aber bestanden aus unübersehbaren
Sümpfen, in denen man nur einzeln, Mann für Mann, vorzudringen
vermochte. Dazu kamen fast täglich die Angriffe kriegerischer
Eingeborener, denen gegenüber man fortgesetzt auf der Hut sein mußte. Es
waren kräftige, hochgewachsene Menschen, die sich ihrer primitiven
Waffen mit großer Geschicklichkeit und einem an Wildheit grenzenden
Ungestüm bedienten, auch jedem Versuche, friedliche Beziehungen
anzuknüpfen, entschieden abhold waren.
Am 26. Juli gegen Abend wurde die Colonne, als sie auf schmalem,
sumpfigem Pfade einen Hohlweg passirte, von allen Seiten mit Heftigkeit
angegriffen. Ein Hagel von Pfeilen, Wurfspießen und Steinen ergoß sich
von den mit undurchdringlichem Urwald bedeckten Höhen auf die
Expeditionstruppen, die sich in einer verzweifelten Lage befanden. Jeder
Zusammenhalt löste sich auf; der einzelne Mann wehrte sich seiner Haut,
so gut und so lange er konnte, aber dieser Widerstand gegen einen fast
unsichtbaren Feind war von Anfang an ein hoffnungsloser. Als die Nacht
hereinbrach, war es einem Theil der Expedition gelungen, sich mit
Zurücklassung des Gepäcks aus dem unseligen Hohlwege zu retten; an
zweihundert Mann aber fehlten und von ihnen fanden sich erst im Laufe
des nächsten Tages etwa dreißig Versprengte, meistentheils verwundet,
bei der Truppe wieder ein. Kurt war bald nach Beginn des Gefechtes, von
einem Keulenschlag getroffen, bewußtlos zusammengesunken, und als er,
mit dumpfem Schmerz in allen Gliedern und verzehrendem Durste, wieder zu
sich kam, war es finstere Nacht. Er wollte rufen, aber zugleich fiel ihm
ein, daß vielleicht Feinde in der Nähe sein könnten und so schwieg er
und kroch vorsichtig dem Waldrande zu, um hinter den lang herabhängenden
Tannenästen Schutz zu suchen. Mit der Morgendämmerung setzte er seinen
Weg im Schatten des Waldes fort, so lange es ihm seine sinkenden Kräfte
erlaubten. Durch das dichteste Unterholz, über vermoderte Baumstämme,
durch Sumpf und Gestrüpp, immer angstvoll spähend nach dem Feind, der
unvermuthet jeden Augenblick auftauchen konnte, so hastete er vorwärts,
ohne recht zu wissen, wohin. Stunde auf Stunde verrann; die Sonne mußte
schon hoch am Himmel stehen, aber in die Nacht des Urwaldes spielte nur
hie und da schüchtern einer ihrer Strahlen an den wettergrauen Stämmen
herab. Mit dem letzten Reste seiner Kräfte erreichte Kurt endlich gegen
Mittag eine Quelle, die unter einem Felsblock munter hervorrieselte und
gänzlich erschöpft warf er sich neben ihr in's Moos. Sein
Provianttäschchen war ihm glücklicherweise nicht abhanden gekommen, ein
Stückchen der stärkenden Conserven, welche es enthielt, genügte vollauf,
seine Kräfte neu zu beleben.
Nach längerer Rast erhob sich der Flüchtling wieder. Die Hoffnung, seine
Kameraden einzuholen, mußte er vorläufig aufgeben und auf's Geradewohl
wanderte er weiter, einem ungewissen Schicksal entgegen.
Die Sonne war bereits im Sinken, als er sich am Ufer eines bis in
unabsehbare Ferne sich ausdehnenden Seespiegels sah. Von menschlichen
Behausungen war weit und breit keine Spur zu entdecken; was hätten sie
wohl auch anders bergen können als Feinde? Der Flüchtling wandte sich
dem Ufer entlang und suchte sich, nicht ohne Mühe, seinen Weg zwischen
Schilf und Urwald. Plötzlich drangen seltsame liebliche Klänge an sein
Ohr. Vom See herüber, aus dessen Fluth mannshohes Schilf hervorwucherte,
tönte der Gesang einer hellen Frauenstimme, als sei eine Nixe
emporgestiegen aus der Tiefe. Ein uraltes, längst verschollenes
Volkslied war es, was diese Stimme sang, und leise verhallten die Klänge
über dem See. Einige Augenblicke blieb Alles still, dann kam es wie
leise Ruderschläge durch das wehende Schilf heran und mitten aus dem
grünen Dickicht lugte mit einem Male ein wunderliebliches
Mädchenantlitz, umflossen von lichtblondem Haar, das lang und aufgelöst
über die Schultern herabfiel. Wie einen Geist starrte Kurt die holde
Erscheinung an, die ihm so wundersam bekannt und doch wieder so fremd
vorkam, und bittend hob er die Hände; wenn ihm Hülfe werden sollte in
seiner verzweifelten Lage, so kam sie von diesem Wesen, das der Himmel
selbst zu seiner Rettung in die Wildniß des deutschen Urwaldes geschickt
haben mochte.
Mit fliegenden Worten sprach er von seinem Schicksal, seiner Flucht
durch die pfadlosen Wälder und als er beweglich bat, ihm Schutz und
Obdach gewähren zu wollen, da sah er es seltsam aufleuchten in den
großen dunklen Augen, die so fest und doch fragend auf ihn gerichtet
waren, er wußte, daß er verstanden und erhört worden. Mit ein paar
Ruderschlägen trieb das Mädchen ihr Fahrzeug dicht an's Ufer und winkte
ihm stumm mit den Augen einzusteigen. Einige Minuten später schwammen
sie draußen auf der Seefläche. Das Mädchen stand im Rücktheil des
Fahrzeuges und handhabte die Ruder mit Kraft und Geschicklichkeit;
unverwandt war ihr Blick auf den See hinausgerichtet, während Kurt die
Augen nicht abwenden konnte von der schlanken lieblichen Gestalt. Der
Oberkörper der Schifferin war knapp umschlossen von einem Gewand aus
feinem, fast schwarzen Pelze, welches Hals und Nacken sowie die Arme bis
über die Ellbogen hinan frei ließ. Vom Gürtel bis über die Knie herab
fiel in Falten ein kurzes Kleid aus ähnlichem Stoffe; von seinem Saume
bis zu den Knöcheln, welche niedliche Schuhe aus Rehleder umschlossen,
war das schön geformte Bein nackt. Die blonden Haare bildeten einen
seltsamen Gegensatz zu den großen dunklen Augen, die von langen, ebenso
dunklen Wimpern beschattet wurden. Weibliche Anmuth und selbstbewußte
Kraft sprachen aus jeder Bewegung des biegsamen Leibes. Ohne ein Wort zu
wechseln, waren sie so geraume Zeit dahingefahren; schon begann sich die
Dämmerung leise über den See zu legen, da hielt das Mädchen einen Moment
inne und deutete mit der Hand auf eine dunkle Masse, die aus der Fluth
emporragte:
»Meines Vaters Hütte! -- Hier bist Du sicher!« --
* * * * *
Seit mehr als Monatsfrist lebte Kurt in der Hütte des Pfahlbauers am
Ammersee und kaum merklich begann schon der Herbst seine ersten Boten in
die Wald- und Seeeinsamkeit zu senden. An jenem Sommerabend, als die
Beiden an der Hütte landeten, hatte sie der Pfahlbauer mit verwunderten
Mienen zwar, aber schweigend empfangen und dem Flüchtling die Hand zum
Willkommgruße dargereicht. Dann hatte er ihn in den Wohnraum geführt,
ihn zum Sitzen eingeladen und gutmüthig mit lächelndem Antlitz
zugesehen, wie sein Gast über den Imbiß herfiel, den das Töchterlein
eilfertig herbeigetragen hatte. Seit jener Stunde war Kurt kein
Fremdling mehr in der Hütte, und ihm, der gewohnt war, in der
glanzvollen Metropole am Victoria-Nyanza die Errungenschaften einer hoch
entwickelten Cultur zu genießen, flogen in dieser Wildniß die Tage mit
einer traumhaften Schnelligkeit dahin. Der alte Günther, eine hohe,
kraftvolle Gestalt, dem der schneeige Bart weit über die Brust
herabfloß, nahm ihn fast täglich mit hinaus auf die Jagd oder zum
Fischfang; in den übrigen Stunden des Tages gab es stets Arbeit in Hülle
und Fülle und die Abendstunden vergingen nur allzu schnell im traulichen
Geplauder auf der Bank vor der Hüttenthür, wo man weit hinaussehen
konnte über die goldigschimmernde Fluth bis hinüber zu der blauen
Alpenkette; die liebsten Stunden aber waren dem Flüchtling jene, welche
er mit der blonden Waltraut zusammen im Kahn verbringen durfte. Die
Hütte auf mächtigen Eichenpfählen an einer seichten Seestelle errichtet,
war auf allen Seiten von Wasser umgeben und der Nachen, auf dem Kurt
hierhergekommen, war daher das Verkehrsmittel, dessen man sich bedienen
mußte. Am Südrande des Sees, umgeben von einem festen Zaune, war ein
Stück Urwald gerodet und in Acker und Wiesfeld verwandelt. In
wohlgefügter Blockhütte standen daselbst zwei Kühe, das werthvollste
Besitzthum des Pfahlbauers und fast täglich gab es dort für Waltraut
dies oder jenes zu schaffen, wobei ihr die Hilfe Kurts nicht
unwillkommen schien. So zutraulich und herzlich aber auch Waltraut,
schier wie ein Schwesterlein, sich ihm gegenüber zeigte, so scheu und
zurückhaltend wurde ihr Benehmen, sobald er sich hinreißen ließ, einen
wärmeren Ton anzuschlagen, ihre Hand zu fassen oder gar scherzend den
Arm um ihre Hüfte zu legen. Er selbst aber, voll des redlichsten
Willens, die ihm erwiesene Gastfreundschaft heilig zu halten, zwang sich
mit Macht, die immer mehr in ihm aufsteigende Leidenschaft
niederzukämpfen.
Die letzten warmen Herbsttage mit ihrem geheimnißvollen duftigen
Schleier aus Nebel und Sonnengold waren vorübergegangen; in der Nacht
hatte sich ein grimmiger Sturmwind aufgemacht und fuhr, Regenschauer vor
sich her treibend, über die blaugraue Fluth, daß sie in langgestreckten
schweren Wogen aus der nebligen Ferne gegen die Hütte heranzog. Drinnen
aber in dem engen Bau war's gar behaglich, denn von den Resten der
untergegangenen europäischen Cultur hatte sich gerade noch genug in
diesen Räumen erhalten, um das Leben in der Unwirthlichkeit des Urwaldes
erträglich zu machen. So saßen sie an einem der Winterabende, während
draußen der See schon allmählich zu erstarren begann, gar traulich
beisammen; Kurt erzählte seinen Freunden von den Wundern Afrika's und
als er geendet, erinnerte er Vater Günther, daß ihm dieser unlängst bei
einem Jagdausfluge versprochen habe, ihn über die Ursachen der großen
Catastrophe, welche das alte deutsche Reich getroffen und seine fast
zweitausendjährige Cultur zerstört hatte, aufzuklären. Der Alte nickte
mit ernster Miene, nahm den qualmenden Kienspahn aus der Mauerfuge und
verließ schweigend das Gemach. Nach einigen Minuten kehrte er zurück und
legte ein in Leder gebundenes Buch auf den Tisch, welches jenen dumpfen
modrigen Geruch verbreitete, der alten Schriftwerken eigen ist. Voll
brennender Neugier schaute Kurt auf das Buch, das ihm Aufschluß geben
sollte über eine in Dunkel gehüllte Geschichtsepoche.
»Diese Schrift hat mein Urahne niedergeschrieben, als er vor vielen
hundert Jahren aus seiner Heimath in Thüringen an die Gestade dieses
See's flüchtete,« sprach der Alte mit einer gewissen Feierlichkeit, »es
ist eine traurige Geschichte voll Blut und Thränen, die Dir Aufschluß
geben wird, wie ein großes blühendes Reich durch den Unverstand der
Menschen in eine Wildniß verwandelt wurde. Wir haben das Buch aufbewahrt
wie ein Heiligthum und kein menschliches Auge, außer den unsrigen, hat
noch darauf geruht. Waltraut soll es uns vorlesen, denn meine Augen
taugen nicht mehr zu solchem Geschäft und Dir sind die krausen
Schriftzüge der Vorzeit nicht geläufig.« Neue Kienspähne wurden in Brand
gesetzt, Waltraut nahm das Buch und begann.